Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Albert Daiber · Kapitel 5 von 12

PDF-Seiten

Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Drittes Kapitel Zwischen Himmel und Erde

Drittes Kapitel

 

 

Zwischen Himmel und Erde

 

Keine nennenswerte Luftströmung störte den fast senkrechten Aufstieg des

Weltenseglers. Noch befand sich das Luftschiff im Bereich der Erdatmosphäre.

Allerdings machte sich die erreichte Höhe durch den verminderten Luftdruck

und das Sinken der Temperatur auch im Innern der Gondel fühlbar. Professor

Stiller, als Leiter des Ganzen, schlug daher vor, zunächst einen bescheidenen

Abendimbiß einzunehmen, wohl den letzten in der Nähe der Mutter Erde, von

der die Expedition nach dem Stand des Barometers schon siebentausend Meter

entfernt war. Der Vorschlag fand allseitige Billigung. Die Herren ließen sich die

ausgezeichneten Stuttgarter Fleisch- und Backwaren vortrefflich schmecken, und

dem an den sonnigen Halden des Neckartales bei Cannstatt gewachsenen

Zuckerle, so hieß der mitgenommene gute Rotwein, wurde wacker

zugesprochen, soweit eben die Herren Gelehrten keine Abstinenzler waren.

Nach dem Mahle wurde die Aufmerksamkeit wieder den Instrumenten

zugewandt. Diese zeigten an, daß die Grenze der Erdatmosphäre erreicht sei,

mithin der Eintritt in den unermeßlichen Ätherraum bevorstehe. Die mit Xylol

gefüllten Thermometer zeigten außerhalb der Gondel bereits 42 Grad unter Null

an, und die Barometer registrierten eine Höhe von 19950 Meter. In der Gondel

wurden die elektrischen Glühkörper in Tätigkeit gesetzt, nachdem schon vorher

der Zerstäubungsapparat für die feste Luft in Funktion getreten war. Eine

erträgliche Temperatur und eine angenehme, gut atembare Luft herrschte in der

Gondel. Der Dienst in dem Raum wurde in der Weise geordnet, daß jeder der

Gelehrten während vierundzwanzig Stunden abwechselnd drei Stunden

zweiundvierzig Minuten die Instrumente zu überwachen hatte. Auf diese Art war

für den einzelnen der Dienst nicht anstrengend. Nur Professor Stiller hatte sich

vorbehalten, im Falle der Notwendigkeit die Dienstleistung für gewisse Zeit

allein zu übernehmen.

Ruhig und gut ging die erste Nacht in der Gondel hoch oben im Ätherraume vorüber. Unterdessen war der Ballon äußerst schnell gestiegen. Morgens um 7

Uhr, am 8. Dezember, war die Höhe von 90723 Meter erreicht. Die

Thermometer an den Glimmerfenstern der Gondel zeigten die fürchterliche Kälte

von 120 Grad. Tiefe Dunkelheit umgab den Weltensegler. Kein einziger

Sonnenstrahl fiel in diese pechschwarze Nacht des Tages. Rascher und rascher

stieg das Luftschiff, seinen Kurs genau der Steuerung gemäß nach Osten haltend.

Gegen Mittag wurde durch den Geschwindigkeitsmesser die gewaltige

Entfernung von 220000 Meter von der Erde angezeigt. Sollte das Steigen in

diesem schnellen, progressiv sich steigernden Tempo fortgehen, so mußte der

Weltensegler im Laufe weniger Tage in die Nähe des Mondes gelangen, der bis

dahin, um 90 Grad nach Osten vorgerückt, gerade sein erstes Viertel bilden

würde.

Mit der Annäherung an den Mond erhielt der Weltensegler dann wieder das

Licht der Sonne, konnten die Gondelbewohner sich wieder an den leuchtenden

Strahlen der Urquelle aller Kraft erfreuen. Obgleich noch keine vierundzwanzig

Stunden unterwegs, empfanden die Herren die Dunkelheit des sie umgebenden

Weltraumes wie eine allzulange Nacht. Sie begannen sich darüber zu äußern.

„Wir sind eben Kinder des Lichtes, der Sonne und empfinden sofort deren

Mangel,“ sprach Professor Dubelmeier.

„Das ist wohl wahr,“ bestätigte Friedolin Frommherz, „alles Licht, auch das

unserer Seelen, kommt von oben.“

„Umgesetztes Sonnenlicht, mein Lieber,“ ergänzte Professor Hämmerle.

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, das letzte aller Rätsel, die wirkliche Ursache

alles Seins bleibt uns Sterblichen eben doch für immer verborgen, und wer weiß,

ob dies nicht sehr gut ist,“ entgegnete Frommherz.

„Darüber wollen wir uns hier in unserer Gondel nicht streiten, sondern uns

über die Aussicht freuen, in kürzester Zeit aus dem Dunkel des Ätherraumes

heraus wieder in das volle Licht der Sonne eintauchen zu dürfen, allerdings um

sehr rasch wieder in die Finsternis zurückzukehren, wohl dann für längere Zeit,“

warf Professor Stiller ein.

Doch plötzlich wurde der Unterhaltung ein unerwartetes Ende bereitet. Der

Weltensegler begann zu zittern und schien einen Augenblick still zu stehen. Das

Zittern des mächtigen Ballons übertrug sich auf die Gondel.

„Was ist los, um des Himmels willen, was hat sich ereignet?“ Diese Fragen

kamen über die Lippen von mehreren der erregten Gelehrten.

„Zunächst nur Ruhe, keine Aufregung, die ja doch zu nichts führen würde,

liebe Freunde!“ besänftigte Professor Stiller seine erschrockenen Gefährten. „Es

scheint, daß wir in den breiten elektrischen Anziehungsstrom des Mondes

gelangt sind, auf den der Weltensegler mit seiner eigenen elektrischen Strömung sofort reagiert hat, daher sein plötzliches Erzittern,“ fuhr Herr Stiller fort. „Nun

seht, er beruhigt sich und treibt wieder und zwar bedeutend schneller vorwärts,

ein Beweis für die Richtigkeit meiner Vermutungen.“ Mit diesen Worten trat

Stiller von seinem Beobachtungsposten zurück, um ihn aber bald nachher wieder

einzunehmen.

Von der Geschwindigkeit der rasenden Vorwärtsbewegung spürten die

Insassen der Gondel nichts oder nur sehr wenig. Mit größter Aufmerksamkeit

beobachtete Professor Stiller wieder den Geschwindigkeitsmesser. Nach einer

Stunde konstatierte der Gelehrte kopfschüttelnd eine zurückgelegte Strecke von

4500 Kilometern.

„Warum schütteln Sie den Kopf, Stiller?“ fragte Professor Piller den Kollegen.

„Es geht langsamer vorwärts, als ich mir vorstellte und nach meinen

Berechnungen erwartet hatte.“

„Nanu, ich denke, 4500 Kilometer in einer Stunde fliegend zurückzulegen,

macht uns so leicht niemand nach. Eine solche Geschwindigkeit übersteigt alles,

selbst die kühnste Rechnung,“ warf Brummhuber ein.

„Sie übersehen dabei die ungeheuren Entfernungen, die wir zurückzulegen

haben, um unser Ziel zu erreichen,“ entgegnete Professor Stiller. „Doch ich

hoffe, daß es in diesem Tempo nicht weitergehen wird; wir kämen sonst,“ fügte

er etwas gezwungen lächelnd hinzu, „mit allzu großer Verspätung auf dem Mars

an.“

„Ein paar Tage mehr oder weniger spielen bei unserer Reise keine Rolle,“

antwortete Thudium.

Doch Herr Stiller gab keine Antwort mehr. Ernste Gedanken zogen in sein

Gehirn und begannen ihn zu quälen. Diese Gedanken wollte er einstweilen für

sich behalten. Wozu die Ruhe, das Vertrauen der Gefährten schon jetzt

erschüttern? Die Zeit brachte von selbst Rat und vielleicht auch — Hilfe.

So verstrichen der zweite und der dritte Tag der Reise.

Am Ende des letzteren betrug die zurückgelegte Entfernung 324000

Kilometer. Die Geschwindigkeit des Weltenseglers hatte also doch etwas

zugenommen, dank der von ihm aus seinen Apparaten nach außen hin

abgegebenen elektrischen Kraft, die von Professor Stiller im Vereine mit Piller

und Hämmerle einer sorgfältigen Messung unterlag. So vergingen die Stunden.

Keiner der Herren vermochte zu schlafen, denn aller Wahrscheinlichkeit nach

mußte der Weltensegler noch diese Nacht in die unmittelbare Nähe des Mondes

gelangen.

Eine plötzliche, von außen her in die Gondel dringende Helle ließ sofort

Professor Stiller den elektrischen Strom schließen. Das Luftschiff begann

langsamer zu fahren und stoppte endlich. Die Herren stürzten nach den Fenstern der Gondel, um den ganz unbegreiflichen Stillstand zu ergründen. Staunende

Bewunderung über das, was sich ihren Augen bot, wirkte im ersten Augenblick

so lähmend auf die Insassen der Gondel, daß sie minutenlang wie gebannt in

stummem Entzücken dastanden. Dann aber brach sich eine laute Begeisterung

Bahn.

„Großartig! Einzig schön! Allein die Reise wert! Ein Bild ohnegleichen! Der

Mond, der Mond!“ so kam es über die Lippen der Beschauer. Unmittelbar unter

ihnen zeigten sich, hell beschienen von der Sonne, gewaltige, oft zerrissene, wild

zerklüftete, trotzig emporstrebende Berge, die Schatten von wunderbarer,

ungekannter Schärfe warfen. Zwischen ihnen gähnten Tausende von Metern tiefe

Abgründe, und eine Unmasse ausgebrannter Krater schob sich zwischen die

Abgründe und die Felsenmauern. Ziemlich ebene Landschaften waren wiederum

von wallartigen Ringen ehemaliger gewaltiger Vulkane umkränzt. Dieses so

umschlossene Land lag bedeutend höher als das außerhalb der Wälle sichtbare,

aus dem sich wiederum da und dort kegelförmige Berge, die Reste einstiger

Vulkane, scharf abhoben. Die merkwürdige Beleuchtung mit ihren einzig

schönen Schattenbildern, überhaupt der ganze Eindruck war so eigenartig, in

dieser Form so völlig verschieden von dem, was die Herren von der Erde her

kannten, daß sie einen Vergleich damit gar nicht zu ziehen vermochten.

Wohin sie auch ihre Blicke richteten, nirgends, aber auch nirgends konnten sie

Spuren von Pflanzenwuchs oder Wasser entdecken. Kein See, kein Strom, kein

wogender Ozean, kein grünender Rasen, Strauch oder Baum, nichts, rein nichts

zeigte sich. Das stumme, ergreifende Bild des starren Todes, das sich hier den

Reisenden offenbarte, verfehlte auf diese seine Wirkung nicht. Die erste laute

Begeisterung war rasch einer großen Stille gewichen, dem tiefen Ernste, den der

Tod bei jedem denkenden und empfindenden Menschen hervorbringt. Nur kurze

Zeit hatte man sich der Betrachtung desjenigen Teiles des Mondes hingeben

können, der von der Gondel aus sichtbar war. Der Weltensegler fing an langsam

zu fallen.

„Auf dem Monde können wir uns weder braten lassen, noch wollen wir auf

ihm erfrieren,“ rief Professor Stiller. „Wir müssen also schleunigst aus seiner

wegen der Anziehung für uns gefährlichen Nähe weg und wieder hinaus in den

Weltäther.“

Rasch wurde die elektrische Kraft wieder in Tätigkeit gebracht; die Flügel der

Schraube drehten sich, und der Weltensegler entfernte sich schneller und immer

schneller vom toten Kinde der noch lebendigen Mutter Erde.

Die Berechnungen von Professor Stiller gingen dahin, daß nach Kreuzung der

Mondbahn und glücklicher Überwindung der Anziehungskraft des Mondes der

Weltensegler bald selbst in die eigentliche Anziehungssphäre des Mars gelangen müsse, als desjenigen großen Gestirns, das sich augenblicklich der Erde noch am

meisten genähert hatte. Diese Erdnähe mußte begreiflicherweise die natürliche,

auf elektromagnetischen Strömungen beruhende Gravitation zwischen Mars und

Erde ganz bedeutend beeinflussen. Daraus folgte, daß, wenn ein den Gesetzen

der Anziehungskraft unterworfener Körper, wie ihn beispielsweise der

Weltensegler darstellte, in den Bereich dieser Anziehung gelangte, er in dem

Maße vom Mars angezogen wurde, als er ihm näher stand als der Erde.

Von der Erde war nun der Weltensegler jetzt genau — nach Passage der

Mondbahn — 386492 Kilometer entfernt. Es konnte daher keinem Zweifel

unterliegen, daß der Weltensegler bereits unter der Anziehungskraft des Mars

stand, die Stillersche Rechnung somit stimmte, denn das Luftschiff flog mit

gleichmäßiger Geschwindigkeit und in derselben steten östlichen Richtung

weiter. Die anfänglich gefürchtete Einwirkung der Anziehungskraft der Sonne

konnte nun endgültig ausgeschaltet werden. Der Weltensegler befand sich auf

dem richtigen und unmittelbaren Wege zu seinem Ziele.

Schon längst war es wieder dunkle Nacht außerhalb der Gondel, und die

furchtbare Kälte des Weltraumes umgab den Ballon. Trotz des hermetischen

Abschlusses und der dicken Pelzlager der Gondel vermochten sich die

Reisenden gegen die Kälte nur durch elektrische Beleuchtung und Heizung zu

schützen.

Ein Tag verging so nach dem andern. Aus der ersten Woche wurde die zweite,

aus der zweiten die dritte, aus der dritten die vierte, und noch immer wollte der

Flug des Weltenseglers kein Ende nehmen.

Eines Tages — es war in der vierten Woche der Reise — begann die Stille des

Gondelinnern ein eigenartiges Geräusch zu unterbrechen.

„Was ist denn los?“ fragten die Gelehrten erstaunt Professor Stiller.

„Ich kann es mir nicht erklären,“ entgegnete dieser. „Weder unsere Uhren

noch der Geschwindigkeitsmesser können die Ursache dieses auffallenden

Rasselns sein. Und doch muß diese hier innen zu suchen sein, da der Weltäther

bekanntlich keine Schallwellen vermittelt.“

Während Herr Stiller so sprach, forschte er nach der Ursache des sich mehr

und mehr verstärkenden Lärmes.

„Ich kann wirklich nichts finden. Alle unsere Apparate für Luft und

elektrische Kraft sind in Ordnung und funktionieren ruhig und tadellos. Aber

halt, da fällt mir ein, es ist ja die Luft in unserer Gondel selbst, die den Schall

überträgt, dessen Ursache draußen im Weltenraume liegen muß.“

„Dann ist es vielleicht irgendein Weltkörper, in dessen Nähe wir gelangt sind,“

warf Professor Hämmerle besorgt ein.

In der Gondel surrte und schwirrte es nachgerade wie in einem Uhrmacherladen. Es schien, als ob Hunderte von Weckern losgegangen wären.

„Das ist ja ein Höllenlärm, bei dem einem Hören und Sehen vergeht!“ brüllte

Professor Thudium wütend. Aber in dem allgemeinen, betäubenden Rasseln

erstarb seine Stimme.

Da erschreckte eine plötzliche Helligkeit, loderndem Feuer gleich, die sieben

Insassen der Gondel. Eine Verständigung war des Lärmes wegen unmöglich

geworden. Vor dem blitzenden Lichte, das durch die Fenster drang, schlossen die

Reisenden unwillkürlich die schmerzenden Augen. Jeder Versuch, sie zu öffnen,

erhöhte das fürchterliche Schmerzgefühl. In diesem kritischen Augenblick

erinnerte sich Professor Dubelmeier glücklicherweise seiner Gletscherbrille, die

er als leidenschaftlicher Bergsteiger in den Universitätsferien stets bei sich trug,

und die er wohlverpackt in einem Futterale mitgenommen und in irgendeine

Tasche seines Rockes gesteckt haben mußte. Vorsichtig tastete er den Rock von

außen ab. Richtig, da fühlte er einen länglichen Gegenstand in der oberen

rechten Seitentasche. Es war die Brille, dem Himmel sei Dank! Endlich hatte er

sie auf die Nase gebracht. Geschützt durch die dunklen Gläser, vermochte er nun

seine Augen zu öffnen. Zunächst ließ er seine Blicke in der Gondel

herumwandern. Stumm, mit geschlossenen Augen lagen seine Gefährten da. Der

Ausdruck ihrer Gesichter trug den Stempel in ihr unabwendbares Schicksal

ergebener Männer.

Mit zitternden Knien und klopfendem Herzen schlich sich Professor

Dubelmeier zu dem ihm zunächst liegenden Glimmerfenster. Er wollte den

Versuch machen, die Schutzvorrichtung an ihm herabzulassen, an die in dem

wahnsinnigen Lärm merkwürdigerweise keiner der Herren bis jetzt gedacht

hatte. Behutsam spähte er dabei hinaus in den unermeßlichen Weltraum. Aber

welch überwältigendes Schauspiel bot sich ihm hier! Vor Aufregung hierüber

vergaß er die Schutzvorrichtung. Sein Sinnen und Denken war von dem

Naturschauspiele da draußen völlig gefangengenommen.

Aus Millionen von Leuchtkugeln, die ähnlich der Milchstraße am nächtlichen

Himmel einen breiten Strahlengürtel bildeten, funkelte und blitzte es in

märchenhafter Pracht herüber aus der Ferne. Was mochte das wohl sein? Da

mußte sofort Kollege Stiller gefragt werden, denn möglicherweise konnte durch

ihn noch eine dem Weltensegler drohende Gefahr abgewendet werden. Professor

Dubelmeier ließ zunächst die Schutzvorrichtung an den Fenstern herab, trat dann

auf Stiller zu, stülpte ihm die Schutzbrille auf die Nase und rüttelte ihn aus

seiner Betäubung wach. Erstaunt über sein so plötzlich wiedergekehrtes

Sehvermögen erhob sich Professor Stiller mit der Brille seines Freundes und

folgte dessen stummer Gebärde. Er zog die Schutzvorrichtung des Fensters weg

und blickte hinaus. Gebannt von dem sich ihm bietenden Schauspiel blieb auch er einige Minuten am Fenster stehen, versunken in den Zauber des Anblicks.

Nun war ihm die Ursache des tollen Rasselns, der Erscheinung überhaupt, klar.

Der Weltensegler war auf seiner Bahn nach dem Mars in die Nähe eines durch

den Weltäther dahinsausenden Kometen gekommen, der eben diese Bahn

kreuzte. Eine unmittelbare Gefahr für den Weltensegler war bei der immerhin

noch großen Entfernung und der ungeheuren Geschwindigkeit der

Kometenbewegung nicht vorhanden, wenigstens nicht für die nächsten Stunden.

Beruhigt, aber doch halb berauscht von der einzigartigen Erscheinung, verließ

Herr Stiller das Fenster.

Wie es Professor Dubelmeier mit ihm gemacht, so machte es Stiller mit

seinem Kollegen Piller, dieser wiederum mit Hämmerle und so weiter, so daß

jeder der Reisenden sich das großartige Schauspiel ohne Gefahr für sein

Sehvermögen betrachten konnte. Zu einer Aussprache aber kam es erst nach

einigen Stunden, als das Geräusch des vorbeiziehenden Kometen nach und nach

abzunehmen begann.

Dann erklärte Professor Stiller seinen Gefährten die Ursache der Erscheinung

und pries laut Dubelmeiers Schutzbrille.

„An so vieles dachte ich bei der Auswahl der mitzunehmenden Sachen, und

ich glaubte auch, wirklich nichts vergessen zu haben. Ich gestehe aber, daß ich

auf den praktischen, so naheliegenden Gedanken einer Schutzbrille nicht

gekommen bin. Da sieht man wieder die eigene Unzulänglichkeit, den Mangel

an Verlaß auf sich selbst. Freund Dubelmeiers Sorgfalt hat uns einen großen

Dienst geleistet.“

„Na, nun aber sagen Sie, Mann, wie kamen denn gerade Sie auf den Einfall,

eine Gletscherbrille in das Luftschiff mitzunehmen?“ fragte Professor Piller

neugierig.

Dubelmeier wurde verlegen und wollte zuerst nicht recht mit der Sprache

heraus. Auf allseitiges Fragen und Drängen hin gestand er endlich, daß er sich

nicht hätte mit dem Gedanken befreunden können, jahrelang seinen geliebten

Bergtouren zu entsagen. Da habe er, in der stillen Hoffnung, solche auch auf

dem Mars ausführen zu können, wenigstens seine Gletscherbrille eingesteckt.

„Und wo steckt denn Ihr Eispickel und die sonstige Ausrüstung? Davon sehe

ich nichts,“ forschte Professor Brummhuber.

„Mit Ausnahme meiner genagelten Schuhe habe ich alles andere seufzend in

Tübingen gelassen,“ antwortete Herr Dubelmeier.

„Ein weises Verfahren, fürwahr, denn für die Mitnahme derartigen Gepäckes

wäre das Innere unserer Gondel doch etwas ungeeignet,“ lachte Professor Stiller.

„Aber Ihre Brille in Ehren, die hat uns gute Dienste geleistet.“

Der Durchgang des Kometen durch die Anziehungssphäre des Mars hatte aber auf die Vorwärtsbewegung des Weltenseglers selbst ungünstig eingewirkt. Bei

genauer Kontrolle des Geschwindigkeitsmessers bemerkte Professor Stiller mit

Schrecken, daß sich der Ballon in den soeben verflossenen ernsten Stunden nur

mit dem zehnten Teil der bisherigen Schnelligkeit nach dem Mars zu bewegt

habe. Erst nach und nach schien der Weltensegler wieder in die frühere

Geschwindigkeit übergehen zu wollen. Das aber bedeutete eine unliebsame

Verlängerung der an sich schon so mühseligen Reise, die unter Umständen noch

recht unangenehme Nachwirkungen haben konnte.

An die Stelle der früheren Lebhaftigkeit der Unterhaltung, des körperlichen

und geistigen Wohlbefindens war nach und nach eine gewisse Mattigkeit, eine

mehr oder weniger große Abspannung getreten, die die Kometenerscheinung nur

vorübergehend zu unterbrechen vermocht hatte. Bei diesem und jenem der

Herren erschien bereits als drohendes Gespenst die beginnende Langeweile, der

Anfang zur Lethargie. Die Reise in dem verhältnismäßig doch engen,

eingeschlossenen Raume fing an, zu lange zu dauern. Dazu kam auch noch der

Mangel körperlicher Bewegung und der gewohnten geistigen Beschäftigung.

Alle allgemein wie im besonderen interessierenden wissenschaftlichen

Fragen, die Einzelheiten des bisherigen Verlaufes der Reise waren schon so

vielseitig und so oft besprochen worden, daß sie längst ihren Reiz verloren

hatten. Still, stumm, fast apathisch saßen oder lagen jetzt, in ihre Pelzmäntel

gewickelt, die meisten Herren, die bis vor kurzem noch so heiter und lebensfroh

gewesen waren, in der Gondel herum. Nur nicht zum zweitenmal eine so

entsetzlich lange Fahrt mehr machen, die nicht einmal einen guten, warmen

Imbiß oder freie Bewegung der nahezu steif gewordenen Gliedmaßen gestattete!

Und war man denn so sicher, das Ziel zu erreichen? Wenn nicht, was dann? Ja,

was dann? Das waren die Gedanken und die bangen Fragen, die die Herren

bewegten, die sie in ihrem Gehirn, das zu schmerzen anfing, herumwälzten.

Diese verdammte Marsreise! Wie verlockend, geradezu verführerisch, ja

berauschend, die gesunden, klaren Sinne umnebelnd, war sie ihnen zuerst

erschienen! Wie sehr hatte man diese lange Kerkerhaft in dem engen, schmalen

Raume, die lange Entbehrung des natürlichen Lichtes der Sonne in ihrer

Wirkung unterschätzt! Professor Piller schimpfte wohl in der ersten Zeit der

Reise über eintretende Blutarmut, Störungen im Stoffwechsel trotz

ausgezeichneter Eßlust und dergleichen, jetzt aber lag auch er halb stumpfsinnig

in einer Ecke der Gondel, verwünschte im stillen sich, seine Genossen, den

Weltensegler, das ganze Universum, besonders aber den Verführer Mars. So

empfanden und dachten auch mehr oder weniger die übrigen Herren. Und

erinnerten sie sich daran, wie bequem und angenehm sie einst in Tübingens

Mauern gelebt, wie sie jeden Abend nach getaner Arbeit an ihrem Stammtisch in anregender Gesellschaft und bei kühlem, frischem Trunke gesessen, so erfüllte

sie aufrichtiges Bedauern, diese verrückte Reise überhaupt unternommen zu

haben.

„Hol’ der Teufel den Mars!“ kam es einmal laut über die Lippen von Professor

Piller. Es war genau das, was er soeben gedacht hatte.

„Das wollen wir nicht wünschen,“ erwiderte in etwas herbem Tone Herr

Stiller. „Daß die Expedition mit allerlei Gefahren und auch materiellen

Entbehrungen verschiedenster Art zu rechnen haben würde, war von vornherein

für jeden von uns klar. Wir können uns also hinterher nicht beschweren. Solche

Beschwerden sind unser nicht würdig. Schweig und dulde! heißt es für uns.“

„Wahr gesprochen!“ bestätigte Bombastus Brummhuber. „Aber schließlich

muß auch das Schweigen und Dulden ein Ende nehmen.“

„So warten Sie doch erst ab, was kommt!“ rief Professor Stiller zornig.

„Aber Sie sagten doch, daß die Reise nicht länger als einige Wochen dauern

werde,“ warf Frommherz ein, „und nun ist diese Zeit herum und . . .“

„Sie sollten am allerwenigsten die Geduld verlieren, Frommherz,“ unterbrach

Stiller den Gefährten. „Im übrigen habe ich niemals eine genaue Angabe darüber

gemacht, wie lange die Reise dauern werde, aus dem ganz einfachen Grunde,

weil ich dies auch nicht gekonnt hätte. Ich sprach von mehreren Wochen im

allergünstigsten Falle. Lassen Sie sich nicht entmutigen dadurch, daß die Reise

sich länger hinauszieht, als mir selbst lieb ist. Im Gegenteil, fassen Sie Mut! Wir

haben ihn dringend nötig.“

„Was heißt das? Drücken Sie sich klarer aus, Stiller!“ tönte es von

verschiedenen Seiten.

„Nun, ich denke, daß es deutlich genug war, was ich mit meinen Worten sagen

wollte: wir haben erst einen Bruchteil der Reise hinter uns. Vor uns liegt noch

eine riesige Strecke, die an unsern Mut und an unsere Widerstandskraft alle

Anforderungen stellt.“

„Wie groß ist die Entfernung noch?“

„Noch etwa dreißig Millionen Kilometer!“

„Dreißig Millionen Kilometer? Kaum die Hälfte! Einfach entsetzlich!“ stöhnte

Professor Dubelmeier.

„Wie soll das enden!“ seufzte Frommherz.

„Hoffen wir, gut, sonst würden Sie, lieber Frommherz, eben schneller gen

Himmel fahren, als Sie vielleicht wollen,“ spottete Professor Stiller, über den

nachgerade eine Art von Galgenhumor kam.

Doch diese Stimmung hielt bei Professor Stiller nicht lange an. Sie wurde nur

allzu rasch durch die Sorge um das Wohl und Wehe der Expedition

zurückgedrängt. Er war der eigentliche Urheber, der Vater dieses kühnen Unternehmens. Mithin trug auch er allein die volle Verantwortung für das Leben

seiner Gefährten, die sich im Vertrauen auf seine Angaben ohne Zögern zur

Mitreise entschlossen hatten. Professor Stiller war bei aller nervösen Hast, bei

aller Neigung, überall nur das Beste zu sehen und die kühnsten, schwierigsten

Probleme mit einer gewissen Leichtigkeit zu behandeln, und trotz seines leicht

erregbaren Charakters ein viel zu biederer und ehrlicher Mann, um sein eigenes

Tun und Lassen nicht immer wieder einer strengen Selbstkritik zu unterziehen.

Mehr als einmal schon hatte er es im stillen verwünscht, diese Reise nicht

allein oder wenigstens nur in Begleitung eines erprobten Dieners unternommen

und nicht von vornherein auf die Teilnahme seiner Kollegen verzichtet zu haben.

Noch hatte er bis zur Stunde von den Gefährten keine umittelbaren Vorwürfe zu

hören bekommen. Die kurze Unterhaltung von vorhin aber, die körperliche und

geistige Verfassung seiner Genossen bewiesen ihm nur allzu deutlich, daß das

bisherige gute und friedliche Zusammenleben in der Gondel die erste schwere

Erschütterung erfahren hatte. Gleich in den ersten Tagen der Reise hatten ihn

schon gewisse Zweifel und trübe Gedanken gequält, die er zuerst noch leicht

abzuschütteln vermochte, die aber immer wieder und stärker auftauchten und

sich nun nicht mehr so rasch bannen ließen wie im Anfange.

Was Professor Stiller am meisten beschäftigte, das war der verhältnismäßig

langsame Flug des Weltenseglers. Er hatte ganz bestimmt darauf gerechnet, daß

das Luftschiff, kaum in den Anziehungskreis des fernen Weltkörpers gelangt,

diesem selbst mit blitzartiger Geschwindigkeit zufliegen werde, und nun mußte

er sich eingestehen, daß er sich hierin ganz gehörig getäuscht habe. Zu diesem

großen Irrtum gesellten sich zwei weitere: die Vorräte an fester Luft und an

elektrischen Energiemengen waren auf eine kürzere Reise, das heißt auf einen

rascheren Flug, berechnet gewesen und mußten bereits in wenigen Wochen zu

Ende gehen.

Am das Maß der Sorgen voll zu machen, nahmen auch die Nahrungsmittel

überaus schnell ab. Es war zwar ein großer Vorrat an Speisen und Getränken für

eine Reisedauer von drei Monaten mitgenommen worden, aber Herr Stiller hatte

nicht mit dem gesunden Appetit seiner Gefährten gerechnet. Anfangs hatte er

sich über ihre Eßlust gefreut, in dem sichern Bewußtsein, der Weltensegler

werde in weniger als der Hälfte der Zeit, für die die Lebensmittel bestimmt

waren, sein Ziel erreichen, jetzt aber, als er sich in dieser Erwartung getäuscht

sah, kam zu den andern schweren Kümmernissen auch noch die Sorge um die

Ernährung.

Wohl oder übel mußte schon jetzt, von heute ab eine Kürzung der täglichen

Nahrungsrationen eintreten, wollte man mit den Vorräten noch längere Zeit

auskommen. Ganz besonders waren es die Getränke, die stark abgenommen hatten, und der Vorrat an dem so beliebten Göppinger Wasser wies geradezu

erschreckende Lücken auf.

So entstand aus dem ersten großen Irrtum eine ganze Reihe unangenehmster,

in ihren Wirkungen gar nicht übersehbarer Folgen. Das Gemüt Herrn Stillers

verdüsterte sich in dem Maße, als er sich dies alles klar zu machen suchte.

Zunächst trat an ihn die Frage heran, wie er es am besten anfangen sollte, seinen

Kollegen die Zweckmäßigkeit einer Beschränkung ihrer täglichen Speisen und

Getränke vor Augen zu führen. Diese Aufgabe richtig zu lösen, ohne die

Gefährten zu verletzen und ihre an sich schon gereizte Stimmung noch

schlimmer zu gestalten, erschien Professor Stiller kaum lösbar.

„Wenn doch ein Wunder geschehen und die Geschwindigkeit der

Vorwärtsbewegung des Weltenseglers sich verdoppeln möchte, dann wäre ich

mit einem Schlage alle diese heillosen Schwierigkeiten los!“ dachte Professor

Stiller. Aber kein Wunder geschah. Der Weltensegler bewegte sich gleichmäßig

wie bisher weiter, trotz eifrigster Beobachtung des Geschwindigkeitsmessers

durch den Professor.

„Ersticken, erfrieren, verhungern, bevor wir den Mars erreichen — wahrhaftig

wir haben die Auswahl unter den schlimmsten aller Todesarten! Was nützt es

schließlich, meinen Gefährten durch Verringerung ihrer Nahrung das bißchen

Freude zu verderben, das ihnen der Genuß von Speise und Trank noch bereitet,

wenn uns der Tod sowieso in sicherer Aussicht steht? Am besten ist, ich lasse die

Sache beim alten. Punktum!“ Zu diesem Entschluß kämpfte sich nach langem,

trübem Sinnen der Professor endlich durch.

Die Woche ging zu Ende. Mit ihr waren die Marsreisenden in das neue Jahr

eingetreten. Keiner von ihnen hatte sich um den Jahreswechsel gekümmert, der

früher von ihnen unten auf der Erde in lauter Fröhlichkeit begangen worden war.

Eine dumpfe Gleichgültigkeit hatte sich der Gesellschaft bemächtigt und

benahm ihr auch mehr und mehr die frühere Lust am Essen.

„Gelange ich glücklich aus dieser Gondel heraus auf den Mars und finde dort

auch nur einigermaßen annehmbare Lebensbedingungen vor, so haben mich

Schwabenland und Erde für immer gesehen. Keine Gewalt des Himmels soll

mich dann je wieder zu einer solchen Reise verleiten,“ äußerte sich eines Tages

Professor Friedolin Frommherz, und ihm stimmten mehrere der Herren

kopfnickend bei.

Professor Stiller entgegnete nichts auf diese Äußerung, die so offen die

Empfindung seiner Gefährten wiedergab. Angesichts der außerordentlich

kritischen, täglich sich mehr verschärfenden Lage des Weltenseglers erschienen

ihm alle diesbezüglichen Meinungsäußerungen seiner Kollegen als höchst

überflüssig. Er hüllte sich daher in düsteres Schweigen und begann über die möglichen Mittel und Wege einer Beschleunigung der Reise nachzusinnen.

„Wer sich selbst aufgibt, ist überhaupt von vornherein schon verloren. Wo sich

nur immer ein Schimmer von Hoffnung zeigt, und wäre er noch so klein und

schwach, da sieht der mutige Mensch noch die Möglichkeit eines Ausweges und

einer Rettung, während der Mutlose der Verzweiflung anheimfällt. War ich denn

schwach und feige, oder bin ich es wirklich?“ fragte Professor Stiller sich.

„Wovor fürchte ich mich eigentlich? Vor dem Tode, vor dem Verlust meines

Lebens, das im Dienste der Forschung, der Allgemeinheit allerdings wertvoll

war, von mir persönlich aber niemals hoch eingeschätzt wurde?“

Der großartige Gedanke dieser Reise, der sinnreiche Bau des Weltenseglers,

der sich bis zur Stunde so ausgezeichnet bewährt hatte, das alles war doch

schließlich sein ureigenstes Werk, dem er in jeder Beziehung so viele Opfer

gebracht hatte. Schon vor Ausführung der Reise hatte er ja mit der Möglichkeit

eines Scheiterns der Expedition gerechnet. Trotzdem war er voll Mut und

Hoffnung auf Überwindung aller Gefahren von der Heimat abgefahren. Und

nun, wo die Sache anfing kritisch zu werden, da sollte ihm wie einem

Schwächlinge der Mut sinken? Wie stand er eigentlich vor sich selbst da? Eine

Röte der Scham stieg bei diesem Gedankengange in sein Gesicht. Weg mit

allem, was nach Schwäche, nach Feigheit aussah! War es ihm wirklich vom

Schicksal bestimmt, schon jetzt sterben zu müssen, in der Blüte und Vollkraft der

Jahre, nun dann in Gottes Namen! Aber dann war auch die Art des Unterganges

seiner würdig: sie war ebenso groß wie eigenartig. Sein und seiner Gefährten

Namen würden, wenn sie selbst schon längst im Weltraume verschollen waren,

für immer achtungsvoll unten auf der Erde genannt werden. Mit goldenen

Lettern waren sie in den Annalen der Weltgeschichte und der Wissenschaft als

kühne, wenn auch unglückliche Weltensegler eingetragen. Der Gedanke daran

war auch ein Trost und zwar ein großer, stolzer und zugleich erhebender. Da

gelobte sich Professor Stiller von neuem, mit Entschlossenheit und offenen

Auges der Zukunft entgegenzugehen, mochte sie bringen, was sie wollte. Eine

wunderbare Ruhe kam allmählich über ihn. Sie ließ ihn wieder klarer denken

und überlegen. Zunächst begann er, den noch vorhandenen Vorrat an elektrischer

Kraft auf das sorgfältigste festzustellen. Tagelang rechnete er hin und her. Die

Entfernung des Weltenseglers vom Mars betrug noch rund achtzehn Millionen

Kilometer. Die Wirkung der Anziehungskraft des Planeten auf den Weltensegler

konnte von diesem aus gesteigert werden, wenn man sich entschloß, einen Teil

der gebannten, festgelegten elektrischen Kraft zu opfern, hinaus in den

Weltraum, dem Mars entgegen zu senden. Allerdings war dieser Versuch, wie

Professor Stiller sich selbst gestand, sehr gewagt: es verringerte den für die

Beleuchtung und Erwärmung des Gondelinnern so notwendigen Energievorrat außerordentlich rasch. Aber es konnte kein Schwanken mehr für ihn geben,

nachdem er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hatte, daß die Opferung eines

großen Teiles der elektrischen Energiemengen noch die einzige Möglichkeit der

Rettung des Lebens und des Gelingens der Expedition in sich schließe. Es war

ein Va-banque-Spiel, aber es mußte unter diesen Verhältnissen gespielt werden.

Es blieb keine andere Wahl.

Professor Stiller machte sich sofort an die Arbeit. Anfangs schauten die

Herren der neu erwachten, energischen Tätigkeit ihres Genossen stumm, nahezu

gleichgültig zu. Nach und nach aber erwachte in ihnen doch wieder die Neugier

und damit das eingeschlafene Interesse an der Wissenschaft.

„Stiller, was machen Sie da?“ fragte man den Professor aus den verschiedenen

Ecken der Gondel heraus, in denen die Herren herumlagen.

„Ich arbeite an unserer Rettung,“ entgegnete kurz der Gefragte.

„Fürwahr, ein löbliches Werk!“ bemerkte Frommherz mit schwacher Stimme.

„Erklären Sie uns Ihr Unternehmen!“ bat Professor Dubelmeier.

„Lassen Sie mich nur ruhig gewähren, werteste Freunde! Meine

Auseinandersetzungen müßte ich mit so vielen Zahlen belegen, daß Ihnen der

Kopf brummen würde, und der bedarf bei uns allen jetzt ganz besonderer

Schonung.“

„Stiller hat recht!“ entschied Professor Piller. „Reichen Sie mir lieber aus dem

Schrank, an dem Sie sitzen, eine Flasche unseres heimischen Weines. Ich will

wieder Lethe trinken, Lethe!“

„Piller, Sie trinken entschieden zuviel,“ mahnte Dubelmeier, entsprach aber

doch der Bitte des Freundes, indem er ihm eine Flasche mit dem hellroten

„Zuckerle“ hinüberreichte „Der Alkohol ist ein Feind des Gehirns, das sollten

Sie doch als Medizinmann am besten wissen.“

„Meinetwegen!“ gähnte Professor Piller. Dann verriet ein lauter, gurgelnder

Ton aus der Ecke den kräftigen Zug des Trinkenden. „So, das hat geschmeckt. Es

geht eben doch nichts über einen guten Tropfen,“ brummte Piller. „Und nun,

Dubelmeier, rate ich Ihnen dringend, mit dieser Art von Gehirnfeind ebenfalls

nähere Bekanntschaft zu machen. Göppinger Wasser allein tut’s freilich nicht,

uns und unsern Denkkasten auf dieser vermaledeiten Reise mobil zu erhalten.“

Nach diesen Worten schloß Professor Piller wieder die Augen und schlief ruhig

ein. Auch die andern Herren sanken rasch wieder in den alten lethargischen

Zustand zurück.

Unterdessen hatte Professor Stiller die Wirkung seines Versuchs beobachtet.

Der Schnelligkeitsmesser notierte tatsächlich eine nennenswerte Vermehrung der

Geschwindigkeit gegenüber der bisherigen. Bereits wiegte sich der Professor in

der Hoffnung auf das Gelingen des Experimentes, — da trat ein neues Ereignis ein.

„Was, Teufel, ist denn wieder los?“ fragte Piller, plötzlich aus seiner Lethargie

auffahrend, als sich ein seltsames, donnerähnliches Rauschen in der Gondel

hören ließ.

„Das klingt ja wie das Brausen eines Bergstromes, der ungezählte Trümmer

mit sich führt!“ warf der bergkundige Dubelmeier ein.

Kaum war das Wort gesprochen, als ein schwerer Gegenstand die Gondel traf.

Erregt sprang Professor Stiller auf.

„Schnell, Freunde, helft die Fenster schützen! Trügt mich nicht alles, so ist ein

kosmischer Regen im Anzuge.“

Die Herren stürzten nach den vier Fenstern der Gondel und ließen blitzschnell

die Schutzvorrichtung herunterklappen. Ein von der Seite kommender, kurzer,

prasselnder Regen ging über den Weltensegler, mehr noch über die Gondel

nieder. Schon glaubte Herr Stiller jede Gefahr abgewendet, als wiederum ein

neuer, aber gewaltigerer Schlag, als es der erste war, die Gondel traf. Ihm folgte

ein Klirren und ein lauter Schmerzensschrei. Der Ort, an dem sich der

Geschwindigkeitsmesser in der Gondel befand, war durch einen kleinen

Meteoriten getroffen worden. Durch die furchtbare Erschütterung war das

Instrument verletzt und seine innere Glaseinfassung zersplittert worden. Einer

der Splitter hatte Professor Frommherz getroffen, der nun stöhnend und

blutüberströmt auf dem Boden der Gondel lag.

Durch den Schlag war die Gondel so heftig auf die Seite geworfen worden,

daß eine heillose Verwirrung im Innern entstand. Erst nach einiger Zeit hörte die

schaukelnde Bewegung der Gondel auf und machte wieder der alten, ruhigen

Lage Platz. Weitere Schläge erfolgten nicht mehr, und Professor Stiller konnte

annehmen, daß der Weltensegler auch aus dieser Gefahr unerwartet glücklich

hervorgegangen sei.

Erst jetzt konnte Piller den Verwundeten untersuchen. Er stellte fest, daß die

Verletzung zum Glück nicht so schlimm war, wie sie den Anschein hatte.

„Sie jammern im umgekehrten Verhältnis zu Ihrer Wunde, Frommherz,“

spottete Piller, nachdem er die Wunde untersucht hatte.

„O Himmel, das fehlte gerade noch!“ stöhnte der Verwundete, als Piller die

Nadel durch die Wundränder stieß. „Haben Sie Unmensch denn gar kein Gefühl

für mein Leiden?“

„Bah,“ entgegnete Herr Piller trocken, „Unmensch hin, Unmensch her!

Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß Sie noch mit einem solchen Schmisse

weggekommen sind! Er wird sich auf Ihrer Stirn recht kühn ausnehmen, dieser

länglich rote Streifen.“

„Was wird man dann von mir denken?“

„Was man will! So, nun schneiden Sie kein solches Jammergesicht mehr. Die

Wunde ist genäht, der Verband befestigt. Watte, mit Göppinger Wasser getränkt,

entfernt aus Ihrem Antlitze die Blutspuren. Dann sehen Sie reinlicher aus als wir.

Nach einigen Tagen entferne ich die Fäden, und die Sache hat ein Ende.“

„Ach, wäre es nur erst vorüber!“

„Wenn Sie damit die Reise meinen, so bin ich ganz Ihrer Ansicht. Einmal aber

muß diese vermaledeite Fahrt ihr Ende nehmen, so oder so,“ brummte der

Medizinmann unmutig in den Bart.

Das Schlimme war, daß der Geschwindigkeitsmesser unbrauchbar,

funktionsunfähig gemacht worden war. An eine Reparatur des Werkes während

der Fahrt war gar nicht zu denken. Dieses peinliche Ereignis zog einen bösen

Strich durch alle Berechnungen Professor Stillers und raubte ihm jede

Möglichkeit der Kontrolle. Nun war alles dem blinden Zufall ausgeliefert. An

die Stelle genauer Berechnung trat jetzt ausschließlich die Vermutung. Diese

aber öffnete wieder allen trüben Gedanken Tür und Tor.

Weiter rollte die Zeit und weiter der Ballon auf seinem Wege. Die

Lebensmittel waren schon derart zusammengeschmolzen, daß trotz der geringen

Eßlust der Gondelbewohner in kürzester Zeit Nahrungsmangel eintreten mußte.

Auch der Vorrat an elektrischer Energie nahm in schreckenerregender Weise ab.

Wollte also Professor Stiller sich und seinen Gefährten nur noch für wenige Tage

Licht und Wärme erhalten, so mußte sofort mit der Abgabe der elektrischen

Kraft in den Ätherraum hinaus aufgehört werden. Schweren Herzens stellte

daher der Gelehrte die Verbindung nach außen hin ab.

Was werden die nächsten Tage bringen? In ihrem dunklen Schoße lag das

Schicksal, das Glück oder der Untergang der Expedition. Das elektrische Licht

in der Gondel fing an schwächer zu werden; eine empfindliche Kälte, die sich

trotz der Pelzkleidung der Männer nicht länger mehr bannen ließ, machte sich

mehr und mehr geltend. Ein dumpfer, gleichgültiger Zustand hatte sich aller

Gondelinsassen bemächtigt, der nach und nach in eine Art von Bewußtlosigkeit

überzugehen begann. Langsam schien das Ende für die Dulder heranzukommen.

Lange, bange Stunden verstrichen so; kein Laut ließ sich mehr in der Gondel

vernehmen. Da auf einmal ein gewaltiger Stoß. Ballon und Gondel flogen zur

Seite und schienen sich zu überschlagen. Die armen Männer in der Gondel

flogen übereinander, schlugen gegenseitig aufeinander auf und begannen aus

ihrem todesartigen Schlummer aufzuwachen.

Furchtbar erschrocken über die heftige Erschütterung, gelang es den Herren

nach langen Anstrengungen sich endlich aufzurichten. Als sie schließlich

mühsam die Augen zu öffnen vermochten, da fiel durch die zertrümmerten

Fenster der Gondel helles, strahlendes Sonnenlicht herein. Es bedurfte einiger Zeit, bis die schmerzenden Augen der Reisenden sich an das so lange entbehrte

Licht der Sonne wieder gewöhnt hatten. Dann aber war plötzlich alle Lethargie

von ihnen gewichen.

Professor Stiller war der erste auf den Füßen. Unbekümmert um eine

mögliche Gefahr, streckte er mutig den Kopf zu einem Fenster hinaus, um die

Ursache des Zusammenstoßes des Weltenseglers mit einem andern, fremden

Körper zu erforschen; denn daß ein solcher stattgefunden haben mußte, war dem

Gelehrten sofort klar.

„Hurra! Hurra!“ rief er, aufgeregt vom Fenster zurücktretend, seinen

Gefährten zu. „Hurra! Wir sind gerettet! Wir haben den kleinen Marsmond

Phobus, glücklicherweise nur sehr leicht, gestreift. Die äußerste Hülle unseres

Ballons ist allerdings gerissen und auch sonst ist, wie ich sehe, vielerlei Schaden

entstanden, aber das ist gleichgültig! Seht hier hinab, da unten, da unten liegt der

Mars! Gerettet, ge . . . .“ Professor Stiller fiel zurück. Eine tiefe Ohnmacht

umfing ihn.

Professor Pillers energischen Anstrengungen gelang es endlich, den

Bewußtlosen dem Leben zurückzugeben.

„Wo sind wir?“ fragte Professor Stiller mit schwacher, kaum vernehmbarer

Stimme.

„Das wissen wir selbst nicht recht. Jedenfalls noch immer in der Luft und

noch nicht auf festem Boden,“ antwortete Professor Piller.

„So müssen wir die Ventile öffnen und den Weltensegler langsam und

vorsichtig zum Fallen bringen,“ entschied Stiller.

„Aber fühlen Sie sich auch wieder so kräftig, die Leitung des Ganzen

übernehmen zu können?“

„Es muß einfach sein!“ Mit diesen Worten erhob sich Professor Stiller, um

sich zunächst durch einen Blick aus dem Fenster über die örtliche Lage des

Ballons zu orientieren.

Richtig, da unten, nur wenige Kilometer vom Weltensegler entfernt, hob sich

scharf und deutlich eine breite, mächtige Wasserstraße ab, eine dunkelgrüne,

subtropische Vegetation umrahmte den Flußlauf. Dazwischen eingestreut zeigten

sich, vom warmen Sonnenschein übergossen, wohlbebaute Felder und Gärten.

Eigenartige, von weitem blendend weiß erscheinende Bauten bewiesen die Nähe

belebter Wesen. Die laute Begeisterung, die die kühnen Weltfahrer einst bei der

Passage des Erdmondes erfaßt hatte, machte hier einer stummen Bewunderung

Platz, als sie dankerfüllten Herzens gegen das Geschick, das sie im letzten

Augenblicke noch vor dem Äußersten bewahrt hatte, von ihrer Gondel auf die

märchenhaft schöne Landschaft hinabschauten, der sie nun in raschem Fluge

näherkamen.