Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars
Viertes Kapitel Auf dem Mars
Viertes Kapitel
Auf dem Mars
Vom Mars aus — denn er war es wirklich — hatte man das Luftschiff schon
längst bemerkt. Als es sich nun dem Boden näherte, strömte eine Anzahl von
Menschen, die hier herum wohnten, dem Orte zu, an dem das Luftschiff
niederging. Der Weltensegler hielt auf eine große, grüne Wiese zu, auf der
Gruppen edelster Viehrassen weideten. Professor Stiller warf das Kabel mit dem
Anker in weitem Bogen von der Gondel ab und deutete durch Zeichen und
Gebärden den untenstehenden Menschen an, was sie ungefähr tun sollten, um
das Luftschiff festzumachen. Die Marsleute begriffen auch sofort, was der
fremde Mann in seiner stummen Sprache von ihnen begehrte. Ohne jede Hast,
aber doch rasch und auffallend gewandt, war dem Wunsche des Professors
entsprochen worden. Nun lag das Fahrzeug fest und sicher vor Anker.
Die Strickleiter wurde aus der Gondel herabgelassen und an den hiezu
bestimmten Metallklammern befestigt. Die sieben Männer aus dem fernen
Schwabenlande stiegen nacheinander an ihr herab, um als die ersten
Erdgeborenen den Boden des Mars zu betreten. Eine weiche, balsamische, von
Wohlgerüchen erfüllte Luft umfing die kühnen Reisenden, als sie aus ihrer
Gondel herabgeklettert waren. Ein Gefühl der Wonne, des Geborgenseins,
unsäglicher Befriedigung zog in die Brust der armen, halbtoten Männer, als sie
nach so vielen Wochen zum erstenmal wieder festen Boden unter ihren Füßen
spürten. Ja, sie mußten sich selbst erst überzeugen, daß es wirkliche Erde sei, auf
der sie standen. Mit den Händen griffen sie nach dem Boden, um sich von seiner
erdigen Beschaffenheit zu überzeugen. Nein, es war kein Traum, es war
Wirklichkeit: sie standen auf richtigem Boden. Tausend-, abertausendmal Dank
dem Himmel, der sie ihr Ziel erreichen ließ! Tränen des Glückes, der reinsten
Freude liefen den hartgeprüften Männern über die bärtigen Wangen, die seit
langer Zeit nicht mehr gepflegt worden waren.
„Donnerwetter, wie sehen wir aus!“ rief voll Entsetzen Professor Piller, als er seine Genossen genauer im Lichte der Sonne betrachtete.
Dann aber brachen die Herren in lautes Lachen über die Komik ihres eigenen
Äußern aus. Professor Stiller begann nun, die ihn und seine Genossen
umgebenden Menschen zu mustern. In der Tat, das waren Menschen von Fleisch
und Blut, die hier herumstanden und mit freundlichem Lächeln die Erdensöhne
betrachteten.
„Sauberer, großer und schöner als wir sind sie entschieden. Oder sollten wir
am Ende gar zu den Göttern des Olymps und nicht nach dem Mars gekommen
sein?“ bemerkte Professor Hämmerle, nachdem er seine Brillengläser geputzt
und die Brille auf die Nase gesetzt hatte.
„Warum das?“ fragte Professor Dubelmeier.
„Eine Gesellschaft von Göttern scheinen mir diese Wesen hier zu sein. Sehen
Sie nur einmal diese geradezu klassisch schönen Gesichter, diese prachtvollen
Körperformen und die sie nur schwach verhüllenden antiken Gewänder!“
„Der Vergleich hat entschieden viel für sich,“ antwortete Professor Stiller,
„aber nach dem Olymp hätten wir viel näher gehabt als nach dem Mars; diese
eine Tatsache schon mag Sie aus Ihrem Wahn reißen, lieber Hämmerle.“
Dabei zog er seinen Chronometer. Er wies auf die achte Stunde.
„Es ist noch früh am Morgen. Wir wollen sehen, was uns dieser erste Tag auf
dem Mars an merkwürdigen Erlebnissen bringen wird. Versuchen wir einmal
eine sprachliche Verständigung mit unsern neuen Freunden; denn daß sie das
sind, zeigt mir ihre freundliche und wohlwollende Haltung.“ Mit diesen Worten
trat Professor Stiller zu den vordersten Marsmenschen vor, die ihn in vornehmer
Ruhe, ohne die geringste Furcht und ohne irgendein Zeichen des Erstaunens an
sich herankommen ließen.
„Wir sind doch auf dem Mars, nicht wahr?“ Diese etwas banale Frage richtete
er in deutscher Sprache an die Leute. Aber diese schüttelten den Kopf und
erwiderten in wohllautender Sprache etwas, das Stiller wiederum nicht verstand,
das aber klang, als ob sie bedauerten, den Fremden nicht begriffen zu haben.
„Die können nicht deutsch, natürlich. Das hätten Sie sich doch von vornherein
selbst sagen müssen, Stiller,“ warf Professor Hämmerle tadelnd ein.
„Nun, so examinieren Sie einmal, Hämmerle! Vielleicht gelingt es Ihnen mit
Ihren vielseitigen Sprachkenntnissen festzustellen, in welchem Idiom mit den
Leuten hier eine Verständigung möglich ist.“
Mit kraftvoller Stimme hub Hämmerle auf Altgriechisch an: „Freunde, wir
grüßen euch in herzlichster Art, wir, die von der fernen Erde hergeflogen sind,
um euch zu besuchen.“ Keine Antwort, nur ein eigentümliches Lächeln als
Zeichen des Nichtverstehens. Jetzt deklamierte Hämmerle seine
Begrüßungsformel in lateinischer Sprache. Wiederum dieselbe Stille und dasselbe Lächeln als Antwort.
„Vielleicht gelangen wir mit einer unserer modernen Sprachen eher zum Ziele,
da klassische Bildung diesen Wesen völlig abzugehen scheint,“ sprach
Hämmerle, ärgerlich geworden über die Ergebnislosigkeit seiner ersten
Versuche. Aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch,
schließlich sogar Arabisch und Hebräisch führten zu keinem Ziele.
„Das fängt gut an!“ murrte Professor Brummhuber.
„Wir müssen allem Anscheine nach die Marssprache erlernen,“ bemerkte
Thudium.
„Wahr gesprochen!“ bestätigte Frommherz.
„Aber siehe da, was kommt denn da für ein altes Haus?“ rief Dubelmeier.
Ein älterer Mann von achtunggebietender Gestalt, mit weißem Haar und Bart,
ohne jegliche Kopfbedeckung, durchbrach die Reihe seiner Gefährten und schritt
stolz auf die sieben Schwaben zu. Gekleidet war der Alte wie seine übrigen
Genossen. Ein blusenartiges, schneeweißes Hemd aus feinster Wolle mit
purpurfarbenem Besatze hüllte den hohen, edlen Körper ein. Um die Hüften war
es durch ein breites Band von purpurner Farbe gehalten. An den nackten Füßen
trug er Sandalen aus feinem, gelbem Leder. Voll Ehrfurcht machten ihm seine
Gefährten Platz, und die Herren aus dem Schwabenlande erkannten daraus
sofort, daß ihnen in dem Alten ein Mann von hoher sozialer Stellung
entgegentrat.
Sie entblößten nun als Zeichen der Hochachtung das Haupt und erwarteten
voll Spannung die weitere Entwicklung der Szene. Der Alte ließ zuerst seine
Blicke über den Weltensegler gleiten, dann richteten sich seine klaren,
dunkelblauen Augen, aus denen ebensoviel Geist als Herzensgüte sprach, auf die
sieben Fremden, die er in einer harmonischen Sprache anredete, wobei er hin
und wieder auf das mächtige Luftschiff deutete und schließlich ihnen durch eine
freundliche Gebärde zu verstehen gab, ihm zu folgen.
Die Herren zogen nun mit dem Alten als Führer an der Spitze von dannen.
Ihnen schlossen sich in ruhiger, würdevoller Haltung die Marsbewohner an, die
beim Niedergange des Weltenseglers so bereitwillig hilfreiche Hand geleistet
hatten. Den Professoren schien es, als ob ein Märchen aus Tausend und einer
Nacht lebendig geworden wäre. Sie konnten sich nicht satt sehen an all dem
Schönen und Eigenartigen, das ihnen hier auf Schritt und Tritt begegnete. Von
der Wiese kamen sie auf einen mit feinem, weißem Sande bestreuten, mit
prächtigen, früchtebehangenen Bäumen eingefaßten schattigen Pfad. Dieser
führte auf eine große Anzahl von Gebäuden zu, die voneinander getrennt und
von prächtigen Gärten umgeben waren. Ihrer stattlichen Größe nach zu urteilen,
schienen es öffentliche Bauten zu sein, die sich da in ihrem reinlichen Weiß aus dem Grün ihrer Umgebung abhoben.
Überall wuchsen hochstämmige Palmen, dazwischen prächtige, hellgrüne
Bananen und Farnbäume, vermischt mit einer Blumenpracht, wie sie die
Tübinger Professoren in dieser üppigen Entfaltung noch nie zuvor gesehen
hatten. Rosen-, lilien-, myrten- und lorbeerartige Gewächse, Orchideen und eine
Menge anderer Blumen wetteiferten miteinander an Glanz und Schönheit der
Farben und an Wohlgeruch. Schmetterlinge in allen Größen und Farben wiegten
sich in der warmen, herrlich zu atmenden Luft, und buntschillernde Vögel ließen
von den Bäumen herab ihr schmetterndes Morgenlied ertönen.
„Ein Paradies, in das wir gelangt sind,“ sprach Professor Stiller leise zu dem
neben ihm schreitenden Professor Piller. „Ich muß meinen Gefühlen Luft
machen, meiner Bewunderung Worte verleihen. Sagen Sie, Piller, ist es Ihnen
nicht auch so wunderbar, so feierlich zumute wie mir, haben Sie nicht auch ein
Gefühl ungefähr so, wie es unser unsterblicher Uhland in seinem Sonntagsliede
zu so ergreifendem Ausdruck gebracht hat?“
„Na, na!“ entgegnete Piller trocken. „Auch mir gefällt ja dieser Einzug auf
dem Mars gar nicht übel. Im übrigen aber haben wir heute zufällig Sonntag.
Wußten Sie das nicht, Stiller?“
„Nein! Mir entfiel die Zeitrechnung in den letzten Wochen vollständig. Woher
aber wissen Sie das?“
„Nun, als Sie heute früh in tiefer Ohnmacht lagen, da habe ich mit der Uhr in
der Hand Ihre Herztätigkeit kontrolliert. Meine Uhr zeigt aber zufällig außer den
üblichen Stunden, Minuten und Sekunden auch noch Monate und Tage. Wir
haben heute Sonntag, den 7. März.“
„Sonntag, den 7. März! Die heilige Siebenzahl in allem. Möge sie uns auch
weiter schirmend und schützend umgeben!“ rief Professor Stiller.
„Vor allem wünsche ich mir ein gutes Essen nebst solidem Trunk; das frischt
die Lebensgeister besser auf und schützt sie gründlicher vor Verbrauch als Ihre
Siebenzahl. Wir haben in unserer Gondel zuletzt ein heilloses Leben an
Entsagung geführt; es ist höchste Zeit, wieder in einen guten Hausstand und an
einen richtigen Herd zu gelangen.“
„O Sie ewig Prosaischer!“ erwiderte lächelnd Professor Stiller. „Hungern und
dürsten werden Sie hier oben nicht. Da sehen Sie einmal nach den Früchten da
drüben!“
Professor Piller folgte mit den Blicken der angegebenen Richtung.
„Donnerwetter!“ entfuhr es seinen Lippen. „Sollen diese kolossalen Beeren, die
da herunterhängen, am Ende gar zu einer Weintraube gehören?“
„Nichts anderes! Das, was Sie sehen, ist eine Weintraube, wie sie in dieser
Größe eben nur dem subtropischen Klima eigen ist.“
„Dann leb’ wohl, Zuckerle, Trank meiner Heimat!“ rief Herr Piller so laut, daß
ihn die andern Kollegen hörten. „Leb’ wohl, Zuckerle, denn den Tropfen, den
man hier aus diesen Ungeheuern von Beeren preßt, der muß ja einem wie
flüssiges Feuer durch die Adern rinnen, Halbtote, wie wir sind, wieder zu
freudigstem Lebensgenuß erwecken. Auf diesen Trunk freue ich mich.“
„Nektar und Ambrosia scheinen wir hier zu finden,“ flötete Frommherz.
„Wollen gerne auf dieses griechische Götterzeug verzichten, wenn es nur
sonst hier was menschlich Anständiges für unsern Magen gibt,“ antwortete
Piller.
Unter solchen Gesprächen gelangten die Herren mit ihrer Begleitung zu den
ersten Häusern. Zu ihrem Erstaunen mußten sie sich überzeugen, daß die
Gebäude, die sie aus der Ferne für öffentliche Bauten gehalten hatten, nichts
anderes waren als großartige Einfamilienhäuser oder Villen. Aus weißen,
sorgfältig behauenen Steinen ausgeführt, hatten sie vorn hohe, säulengetragene
Hallen, die einen überaus einladenden Eindruck machten und von der Vorliebe
der Bewohner für frische Luft und für freie und uneingeengte Räume Zeugnis
ablegten. Für das warme Klima waren solche offene Hallen das einzig Richtige
und Zweckmäßige. Breite Marmorstufen führten zu ihnen empor und dienten
blühenden Kindern, die nur mit einem hellfarbenen, leichten, durch einen Gürtel
um die Lenden festgehaltenen Hemde bekleidet waren, als Spielplatz.
Marmorfiguren hoben sich stimmungsvoll zwischen den Bogen der Hallen ab.
Alles atmete ruhige Schönheit und Freude und verfehlte nicht seine tiefe
Wirkung auf die Reisenden.
Der Alte geleitete seine Gäste zu einem zweistockigen, palastartigen Gebäude,
das rings von üppigstem Pflanzenwuchs umgeben war und in seiner Pracht
einem Fürstensitz glich. Es war aber das Haus des Alten selbst, das dieser den
Fremdlingen zur ausschließlichen Benützung anwies. Auf breiten Marmorstufen
gelangten die Professoren in einen von Säulen getragenen, offenen, großen Hof,
in dessen Mitte ein mächtiger Springbrunnen sein Wasser rauschen ließ. Rings
um den Hallenhof lagen saalartige Zimmer, deren Türen auf den Hof
hinausführten. Rechts an der Halle befand sich die Haupttreppe. Sie bestand aus
zwanzig breiten Stufen, jede aus einem Stein von vier Meter Länge. Sie führte
zu einem Absatze mit einem großen Fenster. Von diesem Absatze führten
weitere zwanzig Stufen in die obere, geschlossene Galerie, die durch große
Fenster erhellt wurde und mit einer prächtigen Kassettendecke geschmückt war.
Von der Galerie aus gelangte man in eine Reihe von Prunkgemächern, an die
sich die Schlafzimmer und Baderäume anschlossen. Der ganze Bau war voll
Licht und Bequemlichkeit.
Auf ein Händeklatschen des Alten eilten einige jüngere Männer herbei, die wahrscheinlich die dienenden Geister dieses Palastes waren. Der Alte sprach mit
den jungen Männern lange und eindringlich und bedeutete endlich seinen Gästen
durch Zeichen und Gebärden, sich hier häuslich niederzulassen. Darauf verließ
er sie nach einer freundlichen Verbeugung. Auch die Diener verschwanden,
erschienen aber bald wieder und brachten duftende, reine Kleider und Sandalen,
ähnlich denen, die sie trugen. In stummer, aber zuvorkommender Art wiesen sie
den Fremden den Weg zum Bade.
„Ich bin wirklich neugierig, was da noch alles kommen wird!“ sprach Piller
lachend zu Professor Stiller. „Würde ich nicht wachen, wäre ich nicht nüchtern
wie ein Pudel und bei klarstem Verstande, ich würde glauben, daß alles, was ich
hier bis jetzt erlebt und, gesehen habe, nichts anderes als ein tolles Spiel meiner
Einbildungskraft ist.“
„Warten wir ab, Piller! Schlecht aufgehoben sind wir für den Anfang nicht, im
Gegenteil. Ich höre bereits in unserer Nähe Tische rücken. Wahrscheinlich wird
für unser Mahl gedeckt. Baden wir zuerst, reinigen wir uns vom letzten
Erdenstaube und den Schlacken der Reise, und beginnen wir dann unser neues,
so viel Interessantes versprechendes Leben auf dem Mars!“
„Mit Speise und Trank,“ ergänzte Piller den Freund. „Jawohl, Stiller, wenn Sie
Idealist es auch nicht gern hören, ewig wahr bleibt es doch: Speise und Trank
bedarf der Sterbliche zuerst und vor allem, will er etwas leisten und fest auf
seinen Füßen stehen. Hoffentlich munden uns Kost und Trank auf dem Mars.
Also bis nachher!“ Mit diesen Worten verschwand Piller in seinem Badezimmer.
Stiller sowie die übrigen Herren folgten diesem Beispiele und plätscherten
wenige Augenblicke später in dem angenehm erwärmten Wasser ihrer
geräumigen marmornen Badewanne.
Wunderbar gestärkt durch das Bad und eingehüllt in ihre frischen, bequemen
Kleider, fanden sich die Gelehrten eine halbe Stunde später in dem hohen,
luftigen Speisesaale des Hauses zusammen. Die Decke dieses Saales trug
farbenprächtige Gemälde in Medaillenform, die Fenster wiesen edle
Glasgemälde auf, und der Boden bestand aus Platten von verschiedenfarbigem
Marmor. In der Mitte des Saales stand der Tisch, gedeckt mit blankem
Silbergerät. Auch Teller und Pokale waren aus demselben kunstvoll
verarbeiteten Edelmetalle hergestellt. Auf Fruchtschalen aus feinstem
Kristallglas lagen die herrlichsten Früchte, und aus geschliffenen Karaffen
funkelte verlockend eine klare, goldgelbe Flüssigkeit. Schwere Armstühle aus
schwarzem, eigenartigem Holze mit vergoldeten Lehnen standen um den Tisch.
„Das nenne ich fürstliche Pracht,“ rief entzückt Frommherz, nachdem er im
Saale und auf dem Tische Umschau gehalten hatte. „Hier, Freunde, wollen wir
uns niederlassen, hier ist es gut sein! Der Erde fern und doch dem Paradiese nahe.“
„Nun, Sie scheinen mir ganz in Verzückung geraten zu sein,“ meinte lächelnd
Hämmerle.
„Lassen Sie unsern Frommherz phantasieren! Ich meinerseits bin auf das
Essen gespannt,“ sprach, sich am Tische niederlassend, der nüchterne Piller.
„Sechzig Millionen Kilometer von unserer Erde entfernt, wird man wohl hier
oben einen andern Speisezettel haben als bei uns unten am Strande des
Neckars.“
„Stiller, Sie setzen sich als Präses oben hin,“ entschied Brummhuber, als
Professor Stiller in gewohnter bescheidener Weise sich zwischen den andern
Kollegen niederlassen wollte.
„Natürlich!“ pflichtete Professor Piller bei. „Ehre, wem Ehre gebührt! Unser
Freund Stiller hat seine Sache bis jetzt ganz ordentlich gemacht, er stehe deshalb
auch ferner unserer Korona vor!“ Mit diesen Worten goß er sich von dem Inhalt
der vor ihm stehenden Karaffe etwas in seinen Pokal ein und hielt ihn prüfend an
die Nase.
„Hm . . . hm! Der Trank riecht wirklich nicht übel . . . hat feines Bouquet.“
Vorsichtig nahm er einen Schluck.
„Es ist Wein, tatsächlich Wein und zwar so eine Art Trockenwein, beinahe wie
Sherry, nur noch bedeutend feiner und milder,“ entschied Piller, nachdem er
getrunken. „Von schlechten Eltern stammt er nicht, aber mein Zuckerle ist
entschieden süffiger als dieser Marstropfen. Immerhin, er kann bleiben, wie er
ist; lieber solchen Wein als gar keinen!“
„Seien Sie froh, Piller, Sie Alkoholiker, daß Sie überhaupt etwas zu trinken
haben! Wir sind doch wahrlich nicht des Weines wegen nach dem fernen Mars
gekommen!“ warf Professor Dubelmeier ein. „Ihr ewiger Durst und Ihre
unstillbare Sehnsucht nach dem Zuckerle hätten Sie eigentlich da unten auf der
Erde festhalten sollen.“
„Schweigen Sie, Sie fanatischer Anhänger des Göppinger Wassers!“ rief Piller
voll Grimm. „Was verstehen Sie denn von . . .“
Aber Professor Stiller ließ den Zornigen nicht ausreden. Er erhob sich. „Meine
lieben Freunde! Ich bitte um Ruhe und Frieden und wünsche Ihnen allerseits
einen recht gesegneten Appetit zu dem bevorstehenden Mahle. Weihen wir
unserer glücklichen Ankunft auf dem Mars den ersten Schluck! Der zweite soll
dem Gedenken an unsere engere und weitere Heimat, dem lieben
Schwabenlande und Deutschland, gelten. Bitte, füllen Sie ihre Pokale und tun
Sie mir Bescheid!“
„So, das laß ich mir gefallen,“ brummte Piller; „Stiller ist wirklich ein
vernünftiger Knabe.“
„Und nun, meine Freunde, setzen wir uns zum Mahle!“ Nach dem Beispiele
des Alten von vorhin klatschte Herr Stiller in die Hände, und herein traten sieben
Diener, für jeden Herrn einer. Sie trugen Platten in den Händen, auf denen
wohlriechende Fische lagen. Herrn Pillers Zorn verrauchte schnell angesichts der
warmen, so einladenden Speise. Er und die übrigen Herren langten tüchtig zu.
Alle waren darüber des Lobes voll, daß die Fischspeise ausgezeichnet
geschmeckt habe.
Auf den Fisch folgten einige eigenartige, aber äußerst schmackhaft zubereitete
Mehlspeisen, dann Gemüse, Obst und Backwerk.
Als das Frühstück beendet war, füllte Piller seinen Pokal mit dem
goldschillernden Wein, rückte seinen Stuhl etwas vom Tische zurück und stand
auf.
„Silentium, meine Herren!“ Die laute, anregende Unterhaltung der Herren
verstummte und machte einer aufmerksamen Stille Platz. „Meine lieben Freunde
und Genossen! Ich erfülle nur einen Akt der Pflicht,“ hub Piller an, wurde aber
plötzlich von seiner Rede abgelenkt, als sich von außen her zuerst unendlich
zarte, wundervolle Töne hören ließen, die nach und nach in mächtige Akkorde
übergingen. Es war Musik, ein Spiel, so feierlich und schön, daß die Herren
unter dessen Banne ruhig, fast unbeweglich an ihren Plätzen verharrten, um
durch kein auch noch so leises Geräusch die ergreifenden Töne zu stören, die mit
ihren Klängen aus der Gegenwart emporzuheben schienen zu jenen blauen,
seligen Gefilden der unbegrenzten Freude. Leise, einem Flüstern gleich,
erstarben nach und nach die Akkorde.
„So empfängt uns der Mars!“ rief in heller Begeisterung Professor Stiller, als
die Musik geendet hatte. „Kann es einen schöneren und zugleich erhebenderen
Willkommen für uns hier oben geben als dieses göttergleiche Saitenspiel?“
„Nein, gewiß nicht!“ erwiderten die Gefährten einstimmig und voll
Begeisterung. Dann eilten sie an die Fenster des Saales, um nach den
Veranstaltern des hohen Genusses Umschau zu halten. Ein Dutzend
Harfenspieler waren es, die sich da langsam und würdevoll mit ihren
Instrumenten von der Terrasse des Hauses entfernten.
„Piller, das war entschieden ein schönerer und edlerer Ohrenschmaus, als es
die Rede gewesen wäre, die Sie im Begriffe waren, uns zum besten zu geben,“
foppte Dubelmeier den Freund.
„Was wissen Sie denn, was ich zu sagen hatte! Die Rede bekommen Sie
übrigens über kurz oder lang doch einmal zu hören. Aber danken Sie es der eben
gehörten Musik, die mein Gemüt so friedlich gestimmt hat, daß ich auf Ihre
Herausforderungen nicht so antworte, wie Sie es verdienen, Sie — Sie
unverbesserlicher Wasserphilister.“
Die Herren lachten über den Disput der beiden Gefährten, die sich im Grunde
ihres Herzens trotz allen Reibereien sehr zugetan waren.
Von mehreren ehrwürdigen Männern begleitet, erschien der Greis wieder im
Rahmen der großen Türe des Saales. Ein Lächeln huschte über das ernste,
ausdrucksvolle Gesicht des alten Mannes, als er die sieben Fremden wieder
erblickte, die da, ähnlich gekleidet wie er, achtungsvoll vor ihm standen. Der
Greis neigte leicht den Kopf zum Zeichen des Grußes und lud die Herren durch
eine Handbewegung ein, ihm zu folgen. Es ging den Weg zurück, den sie diesen
Morgen gekommen waren.
„Am Ende werden wir gleich wieder dahin abgeschoben, wo wir
hergekommen sind,“ bemerkte besorgt Professor Frommherz.
„Darüber brauchen Sie sich nicht zu ängstigen,“ erwiderte Professor Stiller.
„In diesem Falle wären wir nicht so liebenswürdig aufgenommen worden.“
Die Gesellschaft war nun auf der Wiese angelangt, auf der sich der
Weltensegler kaum merkbar am Ankerkabel bewegte. Der Alte gab den Herren
zu verstehen, daß sie ihr Eigentum aus der Gondel herausnehmen sollten. Zu
diesem Zwecke und der besseren Verständigung wegen stieg der Greis mit seiner
Begleitung die Strickleiter zur Gondel hinauf und brachte aus ihr verschiedene
Dinge herab, die den Erdmenschen gehörten. Nun begriffen diese den Greis.
„Sehen Sie, daß ich recht hatte?“ Mit diesen Worten wandte sich Stiller an
seinen Kollegen Frommherz. „Man kommt doch nicht von der Erde zu so
freundlichen, gastfreien Menschen, wie es die Marsbewohner zu sein scheinen,
um gleich wieder kehrtmachen zu müssen. Übrigens könnten wir in unserer
jetzigen Verfassung an eine sofortige Rückkehr überhaupt nicht denken.“
„Vor dieser bewahre uns für immer der Himmel in Gnaden!“ antwortete
Frommherz, emsig damit beschäftigt, seine Habseligkeiten zusammenzupacken.
Bald nachher war das bescheidene Gepäck der Marsreisenden unten auf dem
Boden. Mit Aufmerksamkeit betrachtete der Greis die verschiedenen
Instrumente, die da zum Vorschein kamen. Ganz besonderes Interesse erregte bei
ihm das Fernrohr. Stiller suchte ihm dessen Gebrauch klarzumachen. Aber der
Greis schüttelte zu diesen stummen Auseinandersetzungen nur den Kopf und
wies endlich mit der Rechten nach einem fernen Bau, dessen kuppelförmiges
Dach der Professor jetzt zum erstenmal erblickte.
„Beim Zeus, die haben ja hier oben auch eine Sternwarte und zwar in nächster
Nähe!“ rief Stiller erfreut. „Freunde, da müssen wir noch heute abend hingehen,
um von dort aus unsere Mutter Erde in weiter Ferne als leuchtenden Stern erster
Größe betrachten und bewundern zu können.“
Stiller machte dem Greise diesen Wunsch sofort begreiflich. Er deutete zuerst
nach dem Himmel, dann auf sein Fernrohr und schließlich auf die Kuppel des
Gebäudes. Endlich entnahm er seinem Gepäck eine große Himmelskarte, die er
entfaltete. Mit dem Zeigefinger der Rechten wies er auf die Planeten hin, deren
Bahnen um die Sonne auf einem besonderen Abschnitt der Karte verzeichnet
waren. Nun verstand ihn der Greis sofort und nickte bejahend mit dem Kopfe.
Jetzt suchte ihm auch der Professor begreiflich zu machen, woher er und seine
Gefährten gekommen seien. Er zeigte auf die eingezeichnete Erde, dann auf die
sie umschließende Bahn des Mars, auf diesen selbst, endlich auf das Luftschiff.
Ein lauter Ton des Erstaunens kam über die Lippen des Greises. Er hatte
Professor Stiller vollkommen verstanden und reichte ihm zum erstenmal mit
Worten, die wie ein herzliches Willkommen klangen, die Hand, die dieser warm,
drückte.
Der Greis übersetzte seinen Begleitern, was der Fremde ihm da in seiner
stummen Zeichensprache erklärt hatte, und auf den offenen, ehrlichen
Gesichtern trat ein gewisser Ausdruck der Achtung vor den kühnen Fremden, die
so weit hergekommen waren, hervor. Die Weltensegler wurden wieder in ihr
Heim zurückgeführt, in dem sie sich mit den aus ihrer Heimat mitgebrachten
Sachen häuslich einzurichten begannen. Darüber war es spät am Mittag
geworden. Keine lästige Neugier hatte die Herren bei ihrer Einrichtung gestört.
Mit unendlichem Behagen streckten sie sich nach Beendigung dieser Arbeit auf
die weichen Ruhebetten in ihren Zimmern, um in dem so lange entbehrten
Genusse eines ausgezeichneten Lagers kurze Zeit zu schwelgen.
Inzwischen war die Tischzeit herangekommen. Das Mittagsmahl verlief
ähnlich wie das Frühstück, nur war es reichlicher. Voll Befriedigung über die
ihnen gebotenen Tafelfreuden wollten sich die Herren gerade erheben, als sie
eine neue Überraschung an ihre Plätze bannte. Draußen, vom Hallenhofe des
Hauses her, erschallte a capella der Gesang menschlicher Stimmen. Es war ein
Lied voll Innigkeit und Tiefe. Die tongewordene Barmherzigkeit selbst schien es
zu sein, die da an die Herzen der Gelehrten so mächtig pochte, daß sie ihre große
Ergriffenheit nur schlecht zu bemeistern vermochten. Als das Lied verklungen
war, wischten sich einige der Herren verstohlen die Tränen aus den Augen.
„Darauf muß ich noch einen Schluck nehmen,“ erklärte Piller, seinen Pokal
füllend. „Seelische Erregungen rufen bei mir das Bedürfnis nach materieller
Stärkung hervor. Dubelmeier, schneiden Sie kein so sonderbares Gesicht; tun Sie
mir lieber Bescheid!“
„Bewahre mich der Himmel davor, diesen hehren Augenblick durch Alkohol
zu entweihen!“
„Ganz wie Sie wollen, lieber Dubelmeier!“ erwiderte Piller gegen seine
sonstige Gewohnheit milde.
Die Gelehrten verließen das Haus, um den schönen Abend zu einem
Spaziergang zu benützen und die Gegend etwas näher kennenzulernen, die
voraussichtlich längere Zeit ihren Wohnort bilden würde. Auf diesem
Spaziergange wurde es ihnen mehr und mehr klar, daß ihr Luftschiff in der Nähe
einer viel größeren Niederlassung gelandet war, als sie anfänglich geglaubt
hatten. Es mußte eine Art von Stadt sein; denn trotz des garten- oder parkartigen
Charakters des Ganzen bewiesen die vielen Häuser, die stets allein für sich
standen, daß hier eine verhältnismäßig dichte Bevölkerung vorhanden sein
müsse.
In dieser Auffassung wurden die Herren auch durch die zahlreichen Menschen
unterstützt, die sie noch mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt antrafen.
Niemand war hier untätig. Die Hast aber schien ein unbekannter Begriff zu sein, denn bei aller Arbeit trat ein gewisses Maß vornehmer Ruhe hervor. Wie
wohltuend stach diese gegen das lärmende Treiben der Menschen auf der Erde
ab! Überall, wohin auch die Gelehrten ihre Blicke richteten, erschien ein
gleichmäßig verteilter Wohlstand; selbst die relative Armut mußte hier
unbekannt sein. Nicht nur in den Häusern, deren offene Hallen dem neugierigen
Auge ungehinderten Einblick gestatteten, nein, auch um die Wohnungen herum,
auf allen Wegen und Stegen herrschte eine geradezu peinliche Sauberkeit.
Ihr Spaziergang führte die Herren auch an den breiten Strom, den sie heute in
der Frühe des Tages vom Luftschiff aus gesehen hatten. Es mußte einer der
berühmten Marskanäle sein; denn soweit sie sehen konnten, war der Strom
kunstvoll eingedämmt, schnurgerade seine Ufer. Eine kühn geschwungene
steinerne Brücke, auf vielen Pfeilern ruhend, ein architektonisches Meisterwerk,
führte hinüber an das andere Ufer. Auf dem Mars schien alles unter dem Zeichen
gemessener Ruhe zu stehen: auch die klaren, hellgrünen Gewässer des
mächtigen Kanales flossen still und ruhig dahin und trugen auf ihrem Rücken
eine Menge geschmackvoll gebauter Schiffe.
An der Brücke lag ein Schiff, aus dem einige Männer Platten verschieden
gefärbten Marmors, Blöcke von Granit und Syenit ans Ufer schafften und zwar
mit einer Leichtigkeit, die auf die sieben Schwaben geradezu verblüffend wirkte.
Sollten diese Marsbewohner über ungewöhnliche Körperkräfte verfügen, eine
Art Athleten sein?
„Welch großartig entwickelten Brustkorb diese Leute haben! Sehen Sie einmal
genauer hin!“ Mit diesen Worten zeigte Piller auf die Arbeiter. „Es ist mir heute
früh schon aufgefallen, wie herrlich gebaut und wie breitschultrig diese
Menschen hier sind. Auch die Kinder zeichnen sich in dieser Beziehung
gegenüber den unsern auf der Erde vorteilhaft aus. Die reinste Züchtung einer
lungenstarken Rasse, die der Schwindsucht kaum zugänglich sein dürfte,“ fuhr
Piller fort.
Unterdessen war Brummhuber zu den arbeitenden Marsiten getreten und
versuchte, eine der Steinplatten zu heben.
„Mir kommt dieser Marmor merkwürdig leicht vor. Sollte es vielleicht eine
andere Art von Stein sein als bei uns?“ rief er fragend seinen Gefährten zu.
Diese kamen, neugierig geworden, näher und untersuchten die Steine.
„Nein, es ist tadellos schöner Marmor. Betrachten Sie nur das feine Korn und
die zartgefärbten Adern, die ihn durchziehen!“ entgegnete Piller nach
eingehender Prüfung.
„Und dieser prächtige rote Stein hier ist bester Syenit, oder ich müßte
geradezu kein mineralogisches Unterscheidungsvermögen mehr besitzen,“ warf
Herr Hämmerle ein, der an dem Steine herumgeklopft hatte.
„Versuchen wir einmal, die Steine zu heben!“ entschied Piller.
„Richtig, die scheinen hier oben ein geringeres spezifisches Gewicht zu haben
als unten bei uns. Nun begreife ich, warum diese Leute die Lasten so leicht zu
heben vermögen. Woher das wohl kommen mag? Wissen Sie vielleicht die
Ursache, Stiller?“
„Der Grund dieser Erscheinung liegt meines Erachtens in der Dichtigkeit des
Mars, die nur o,7 von der der Erde beträgt,“ antwortete Herr Stiller.
„Nun geht mir auch ein Licht auf, warum mir heute bei unserm Mahle die
Pokale, unsere Silbergeräte überhaupt, so eigentümlich leicht vorkamen,“ fügte
Thudium bei. „Ich hatte aber keine Zeit, über diese auffallende Erscheinung
nachzudenken, denn die Musik nahm mich zu sehr gefangen.“
„So ging es auch mir,“ bestätigte Stiller.
„Und wie steht es mit der Dichtigkeit der Marsatmosphäre?“ forschte
Frommherz. „In dieser Beziehung finde ich keinen Unterschied gegenüber
unserer Heimatluft im Sommer. Im Gegenteil, ich atme leichter, freudiger hier
oben als unten.“
„Der Luftkreis, der diesen Planeten umgibt, ist von bedeutend geringerer
Höhe als der unserer Erde. Denken Sie sich bei uns auf einen Berg von mäßiger
Höhe gestellt, so wird die etwas dünnere Luft dort ungefähr der hier entsprechen.
Unsere Erdbarometer sind leider nicht für den Mars so verwendbar, daß wir zu
ganz sichern Vergleichen und Schlüssen kommen könnten,“ entgegnete Stiller.
„Sei dem wie ihm wolle! Aus Ihren Worten kann ich mir auch ganz
ungezwungen die wunderbare Entwicklung des Brustkorbes unserer
Marsfreunde erklären: Anpassung der Lungen an die äußeren
Lebensbedingungen. So werden sich auch in derselben einfachen Weise andere
Eigentümlichkeiten der Marsleute erklären lassen, die uns noch da und dort
entgegentreten werden,“ erwiderte Piller, sich in Marsch setzend, während die
übrigen Herren seinem Beispiele folgten.
„Übrigens, meine Freunde, haben Sie noch nicht die auffallend schönen
Augen unserer Marsmenschen bewundert?“ fragte Piller im Weiterschreiten.
„Ihre Größe und ihr schöner Glanz stechen allerdings stark gegen Größe und
Glanz der unsern ab. Ein merkwürdiges Leuchten geht aus diesen Spiegeln der
Seele bei unsern Marsleuten hervor.“
„Ganz richtig beobachtet, Stiller! Das satte Blau der Iris habe ich in dieser
vollendeten Schönheit früher noch niemals gesehen. Es ist die Idealfarbe des
edeln Auges. Und dieses lockige, reiche Haar! Wahre Zeus- und Junogestalten!
Frommherz hatte heute recht mit seinem Vergleiche.“
„Nicht wahr?“ rief dieser erfreut über Pillers laute Anerkennung. „Körperlich
wie geistig gleich hochstehende Menschen scheinen mir die Marsbewohner zu sein.“
„Für diese Gegend wenigstens scheint Ihr Urteil zu stimmen nach dem, was
wir heute erfahren haben,“ erwiderte Stiller.
Da die Sonne untergegangen war, so beschlossen die Herren aus dem
Schwabenlande, für heute den Spaziergang zu beenden und in ihr Heim
zurückzukehren. Dort wollten sie den Besuch des würdigen Greises erwarten,
um von ihm auf die Sternwarte geführt zu werden. Sie befanden sich noch
unterwegs, als die Nacht ihre dunklen Schwingen über die Landschaft
auszubreiten begann. Im Osten wurde es hell und heller. Der Mond tauchte auf
und warf sein klares Licht auf die stille, friedvolle Gegend.
„Das ist der große Marsmond, Deimos genannt, der uns da leuchtet,“ erklärte
Professor Stiller seinen Gefährten. „Wenige Augenblicke nur, und Sie werden
den zweiten Trabanten des Mars sehen, mit dem wir, wenn auch
glücklicherweise höchst oberflächlich, letzte Nacht in peinliche Berührung
gekommen sind.“
Richtig, da kam auch der kleine Phobos über den Horizont gestiegen.
„Welch prachtvolles Schauspiel!“ rief voll Entzücken Stiller. „Wahrlich, die
Marsbewohner brauchen keine künstliche Beleuchtung ihrer Nächte! Sie haben
nicht nur jede Nacht vollen Mondschein, sondern sie besitzen auch gleich zwei
Himmelsleuchten.“
„Ein merkwürdiger Weltkörper, dieser Mars, fürwahr!“ entgegnete Piller,
einen Augenblick stehen bleibend und die beiden Monde betrachtend, deren fast
taghelles Licht eigenartige, reizvolle Schattenbilder hervorbrachte.
„Ein lebendig gewordenes Märchen. Das wäre wieder ein neuer Anlaß für Sie
zu trinken, Piller,“ spottete Dubelmeier.
„Warum denn nicht, alter Freund, warum denn nicht? Es scheint mir aber nach
dem, was wir heute schon erlebt haben, auf dem Mars so viel
Bewunderungswürdiges zu geben, daß die Anlässe zum Trinken sich denn doch
zu bedenklich mehren dürften. Mein Wahlspruch aber ist gleich dem des alten
griechischen Weisen: Nichts zuviel!“
Dubelmeier lachte laut auf.
„Lachen Sie nicht so töricht, altes Wasserhuhn, und folgen Sie selbst lieber
diesem Beispiele in Ihrer übertriebenen Wassertrinkerei! Das rate ich Ihnen
schon vom Standpunkte der modernen Heilkunde aus.“
„Die Monde kommen mir hier oben bedeutend größer vor als z. B. unten
unser Trabant,“ bemerkte Frommherz, die eingetretene Stille unterbrechend.
„Nur Täuschung, mein Lieber!“ erklärte Stiller. „Die Monde des Mars sind
beträchtlich kleiner als der Mond unserer Erde, sie sind aber bedeutend näher am
Hauptplaneten, als dies bei unserm Monde der Fall ist. Phobos hier ist vom Mars nur etwas über 9000 Kilometer, der große Deimos nicht mehr als etwa 23500
Kilometer entfernt. Daher kommt es, daß diese Trabanten des Mars so
übermäßig groß erscheinen.“
Unter diesen Gesprächen gelangten die Herren vor ihr stattliches Heim. Dort
erwartete sie bereits ihr aufmerksamer Gastgeber, der ihnen heute schon so viel
Gutes erwiesen hatte. Im Mondschein erschien den Herren die hohe Gestalt des
Alten womöglich noch feierlicher als im Lichte des Tages, das lange, wallende
weiße Haar noch silberner, glänzender.
„Sieht er nicht aus wie ein Patriarch aus der alten jüdischen Zeit, in der
Sittenreinheit und Einfachheit des Volkes herrlichste Tugenden waren?“ fragte
Professor Stiller leise seinen Kollegen Frommherz.
„Wahrhaftig, Sie haben recht!“ entgegnete dieser. „Nennen wir unsern Alten,
dessen Namen uns noch unbekannt ist, einfach Patriarch. Diese Bezeichnung
paßt prächtig auf ihn, hat er uns doch heute unter seinen väterlich milden Schutz
genommen.“
Nach einer kurzen, stummen Begrüßung geleitete der Alte die Erdensöhne
nach dem mit einem Kuppelbau versehenen Hause. Der Weg dahin führte durch
eine Art von Wald voll großer wohlgepflegter Bäume, auf deren dunkelgrünen,
glänzenden Blättern die zitternden Strahlen der Monde ihr neckisches Spiel
trieben. Millionen von Leuchtkäfern schwirrten in der weichen Nachtluft unter
den Bäumen, und das bläulich schillernde Licht der lautlos dahinhuschenden
Tiere machte den Eindruck kleiner, in rascher Bewegung begriffener Sternchen.
Muntere Bächlein, über die zierliche Brücken führten, kreuzten oft den Weg.
Der eigenartig schöne Weg hatte ungefähr eine Stunde Zeit in Anspruch
genommen. Das in Form eines Rundbaus angelegte Gebäude trug in seinem
Erdgeschoß eine Reihe von Büsten auf roten Marmorsockeln. Sie schienen die
Männer darzustellen, die hier am Observatorium gewirkt hatten. Breite Stufen
führten in den eigentlichen Beobachtungsraum hinauf, in dem einige Männer
bereits an ihrer stillen Arbeit saßen. Der Patriarch mußte mit ihnen bereits
Rücksprache genommen haben, denn sie erhoben sich sofort beim Eintritt der
Fremden und luden diese durch freundliche Handbewegung ein, ihre Plätze
einzunehmen.
Stiller war von der gediegenen Pracht und Großartigkeit der gesamten
Einrichtung überrascht. Wie gering erschien ihm dagegen seine Sternwarte da
unten auf Stuttgarts Bopserhöhe! Er trat auf eines der Riesenteleskope zu, prüfte
es kurz und gestand sich, daß dessen Linsen an Schärfe nichts zu wünschen
übrig ließen, ja sogar alles übertrafen, was er in dieser Beziehung überhaupt bis
jetzt kennengelernt hatte. Welch eine Summe von Intelligenz mußte auf dem
Mars vorhanden sein, die so feine, auf genauester wissenschaftlicher Berechnung beruhende optische Arbeit auszuführen ermöglichte!
Der Professor betrachtete aufmerksam den Himmel. Da und dort flammten
Sternbilder und einzelne Sterne auf, die ihm bekannt waren. Ein auffallend
großer, rotleuchtender Stern stand tief im Westen und erregte die vollste
Aufmerksamkeit des Gelehrten. Es konnte nur ein Planet sein, der da funkelnd
im unermeßlichen Weltraum hing, und möglicherweise war es der auffallenden
Nähe wegen gar die Erde. Das Riesenfernrohr wurde daraufhin sorgfältig
eingestellt. Die Vermutung Professor Stillers war richtig. Dank den
unübertrefflich scharfen Linsen und der Reinheit der Marsatmosphäre erkannte
er deutlich die Mutter Erde. Gut konnte er auf ihr die verschiedenen Meere und
Kontinente unterscheiden. Vom Nordpol abwärts ließen sich sogar die Umrisse
der einzelnen Länder gegen das Eismeer sowie gegen den Atlantischen Ozean
hin feststellen, und das da, — ja, jetzt hatte er es — was sich jetzt zeigte, im
Fernrohr scharf abzeichnete, mußte die Heimat, mußte dem ganzen Aussehen
nach Deutschland sein.
Voll freudiger Aufregung teilte Stiller seinen Gefährten die gemachte
Beobachtung mit und lud sie ein, einen Blick auf das ferne teure Vaterland
hinunterzuwerfen. Einer nach dem andern folgte dieser Aufforderung.
„Unglaublich, aber wahr! Diese Fernsicht ist wirklich einzig in ihrer Art! Zum
ersten Male sehen wir aus weiter, weiter Ferne die Erde und die Heimat,“ rief
Hämmerle begeistert.
„Die Großartigkeit dieses Bildes wirkt geradezu feierlich,“ äußerte Thudium.
„So ist es auch,“ bestätigte Piller.
Die Astronomen vom Mars und der Patriarch, warfen nun ebenfalls
nacheinander einen Blick durch das Teleskop. Sie wußten ja schon, woher die
sonderbaren Fremden heute früh gekommen waren, und konnten aus ihrer
Aufregung bei der Beobachtung eines bestimmten Teiles des fernen Gestirnes
leicht schließen, daß dieser Teil, der sich augenblicklich im Gesichtsfelde des
Fernrohres befand, die engere Heimat ihrer Gäste sein müsse.
„Es ist jammerschade, daß wir uns mit den Kollegen hier nicht unterhalten
können! Welch interessanter, gewinnbringender Meinungsaustausch käme dabei
heraus!“ sprach Stiller zu seinen Gefährten, als sie nach stummem Abschiede
das Observatorium verließen.
„Wir müssen in erster Linie so rasch wie möglich die Sprache der
Marsbewohner erlernen. Ihre Kenntnis ist die unumgängliche Voraussetzung für
unsere Forscherzwecke,“ antwortete Hämmerle.
„Wahr gesprochen, Meister der Sprachforschung!“ erwiderte Piller, und auch
die andern Herren nickten zustimmend mit dem Kopfe.
Die beiden Trabanten des Mars standen nun als volle Monde am Himmel, als die Herren heimwärts schritten. Gewaltigen, übereinandergestellten
Leuchtkugeln gleich, hingen sie oben am Himmel und warfen ihr
silberglänzendes Licht über die stille Landschaft. Während Phobos, der innere,
kleinere Mond, sich in rascher Bewegung von West nach Ost befand, zog der
große, äußere Deimos, weniger hastend als sein Gefährte, auf stiller Bahn den
umgekehrten Weg. Es war ein Anblick, so wunderbar und einzig in seiner Art,
daß die Erdensöhne in lautes Entzücken über diese bezaubernde Mondnacht
ausbrachen. Langsam schlenderten sie nach Hause und genossen in vollen Zügen
die Wunder einer Marsnacht.