Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Albert Daiber · Kapitel 7 von 12

PDF-Seiten

Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Fünftes Kapitel Lumata und Angola

Fünftes Kapitel

 

Lumata und Angola

 

Die folgenden Wochen verflossen für die Gäste des Patriarchen in

angenehmem Verkehr mit diesem selbst und den Bewohnern der Marskolonie.

Die Fremden waren aufs eifrigste bestrebt, sich mit ihren neuen Freunden

sprachlich zu verständigen. Sie schrieben zunächst alle Bezeichnungen für die

verschiedensten Dinge nieder, wie sie eben ihr Ohr vernahm. Hierauf brachten

sie die Dinge mit ihrer Tätigkeit und ihren Eigenschaften in Verbindung und

erhielten so auf diese einfache Weise nach und nach den Schlüssel zur Sprache

selbst. Ging auch die Verständigung anfänglich sehr langsam und mühsam von

statten, so gewährte ihnen doch das allmähliche Begreifen der klangvollen

Sprache viel Freude und lohnte ihnen dadurch die große Mühe wieder, die sie für

ihr Studium aufwenden mußten.

Alles geht in der Welt der Menschen nur schrittweise vorwärts; nirgends

marschiert der wahre Fortschritt mit Siebenmeilenstiefeln. Die Wahrheit dieses

Satzes erfuhren die sieben gelehrten Schwaben nicht nur an sich selbst bei ihren

Studien, sondern konnten sie auch bei den Marsbewohnern beobachten. Waren

sie auch erst kurze Zeit da und in ihren Bewegungen auf einen verhältnismäßig

kleinen Raum beschränkt gewesen, so konnten sie sich doch unschwer davon

überzeugen, daß die Bewohner des Mars eine ganz bedeutende Höhe in der

Kultur erreicht hatten, die nur das Ergebnis einer jahrtausendelangen geistigen

Entwicklung sein konnte.

In dem Maße, wie die Herren im Verstehen ihrer Umgebung vorwärts

schritten, wuchs auch ihre Bewunderung und Wertschätzung dieser in jeder

Beziehung so hochstehenden Menschen. Immer mehr drängte sich ihnen die

Überzeugung auf, daß die Masse der Marsbewohner, wenigstens die, deren

Gäste sie waren, in idealster Weise als Menschen das erfüllte, was auf der Erde

nur die Besten und Edelsten, also immer nur vereinzelte Individuen, leisteten.

Was sie selbst vom Schönen, Wahren und Guten unten auf der Erde geträumt hatten, hier oben fanden sie alles in die Wirklichkeit umgesetzt; denn überall und

in allem offenbarte sich ihnen die wunderbarste Harmonie, alles atmete

Schönheit, Güte und Wahrhaftigkeit, und das ganze Leben trug den Stempel

vornehmer, ruhiger Tätigkeit. Zweifellos mußte eine weise Regierung dieses

große Staatswesen leiten, obwohl die Herren von Behörden, wie sie sich unten in

der Heimat breit machten, hier oben nicht das geringste wahrnahmen.

Ob dieses Lebensbild voll Licht und Schönheit wohl auch seine Schatten,

seine dunkle Seite hatte? Diese Frage wurde von den Herren am Abend bei der

gemeinsamen Unterhaltung im großen Bibliotheksaale ihres Heims wiederholt

aufgeworfen. Ihre endgültige Beantwortung mußte aber immer wieder

verschoben werden, denn die Meinungen liefen schließlich stets darauf hinaus,

daß man erst die Sprache vollständig beherrschen müsse, bevor man sich ein

abschließendes Urteil bilden könne. Hier oben auf dem Mars lag eben alles

anders als auf der Erde.

Die sieben Schwaben fühlten sich in ihrem neuen Wohnorte außerordentlich

wohl, so wohl, daß sie an die Möglichkeit einer Rückkehr gar nicht mehr zu

denken schienen. Wenigstens äußerte sich keiner der Herren mehr darüber. Von

den Marsiten, wie sie die Marsbewohner nannten, wurden sie wie liebe, alte

Freunde, ganz wie ihresgleichen behandelt, und die Gastfreundschaft wurde

ihnen gegenüber in so zartfühlender Weise geübt, daß sie die Empfindung von

etwas Drückendem gar nicht aufkommen ließ, im Gegenteil zu frohem Genusse

förmlich einlud.

Auch der Weltensegler hatte unterdessen zweckmäßige Unterkunft gefunden.

Eine geräumige, mit Glas bedeckte, aus Eisen luftig konstruierte Halle war in

aller Stille auf der Wiese errichtet worden, auf der das Luftschiff niedergegangen

war. In dieser Halle war das Fahrzeug untergebracht worden. Die verschiedenen

großen und kleinen Schäden am Ballon wie an der Gondel hatten die Marsiten in

so meisterhafter Weise ausgebessert, daß Herr Stiller zuerst sprachlos vor

Erstaunen darüber war. Die Leute hier oben kamen ihm in ihrer Geschicklichkeit

und Erfahrung in den schwierigsten Dingen der Aeronautik wie Zauberer vor.

Wenn schon die Techniker auf dem Mars so viel Wissen und Können

offenbarten, wie es die schwierigen Reparaturen des Weltenseglers erforderten,

um wieviel verblüffender mußten die Ergebnisse der forschenden Wissenschaft

sein! Wie viel konnten sie selbst hier noch lernen! Diese Aussicht enthielt so viel

Verführerisches, daß Stiller kaum die Zeit erwarten konnte, die ihm und seinen

Gefährten den näheren Verkehr mit den Männern der Wissenschaft, mit ihren

Marskollegen, bringen sollte.

Die Frage, wie sie die ihnen erwiesene Gastfreundschaft ausgleichen könnten,

beschäftigte Schwabens Söhne oft; denn das war den Herren klar, daß sie sie auf die Dauer nicht ohne Gegenleistung genießen durften. Sie beschlossen daher,

sich später in irgendeiner Weise, jeder nach seinem Berufe, den Marsiten

nützlich zu machen, ihre dankbare Anerkennung in einer passenden Form zum

Ausdruck zu bringen. Das einstweilen noch unklare Wie würde sich

möglicherweise eines Tages von selbst ergeben.

Die Zeit verging. Sie brachte ihnen mancherlei weitere Erfahrungen und

Einblicke in die eigenartig neue Welt, die sie umgab. Zunächst konnten sie

feststellen, daß ihr Wohnort auf der nördlichen Halbkugel des Mars lag, und

zwar auf dem fünfzehnten Breitengrade. Da der eigentliche Tropengürtel des

Mars gegenüber dem der Erde nur die Hälfte beträgt, so lag der fünfzehnte Grad

nördlicher Breite hier bereits in der subtropischen Zone. Die gemäßigte Zone des

Mars reichte nördlich wie südlich nur bis zum fünfunddreißigsten Breitengrade.

Über diesen Grad hinaus begann die kühle Region. Während diese nur spärlich

und nur von einer bestimmten Klasse von Marsbewohnern bevölkert war, wie

den Gelehrten mitgeteilt wurde, lebte die Hauptmasse der Marsiten innerhalb der

fünfunddreißig Breitengrade nördlich und südlich vom Äquator. Es war also ein

verhältnismäßig kleiner Raum des Planeten, der bewohnt und wirklich kultiviert

wurde, er genügte aber vollständig, um der auf nur zweihundertundfünfzig

Millionen geschätzten Bewohnerzahl des Mars eine gute Existenz zu gewähren.

Daß diese Existenz an die Riesenkanäle gebunden sein müsse, hatten die von

Professor Stiller und andern Forschern schon früher angestellten

Marsbeobachtungen vermuten lassen. Diese Vermutungen wurden jetzt zur

Gewißheit, als Professor Stiller in der Lage war, die elementarsten

Lebensbedingungen des Mars persönlich zu erforschen.

Die Atmosphäre des Mars war der der Erde ähnlich. Da es aber auf dem Mars

nur kleinere Ozeane und Binnenmeere gab, so enthielt der Luftkreis, der diesen

Planeten umschloß, im allgemeinen weniger Wasserdampf oder Feuchtigkeit als

die Erdatmosphäre. Eine wunderbar klare, durchsichtige Luft, die die fernsten

Gegenstände nähergerückt erscheinen ließ, ein tief dunkelblauer Himmel waren

die natürlichen Folgen dieser Tatsache, gleichzeitig aber auch ein gewisser

Mangel an starkem Regen. Wohl taute es in den herrlich kühlen Nächten so

reichlich, daß dadurch die Pflanzenwelt in schönster Frische erhalten wurde,

aber dieser Niederschlag allein genügte nicht den Ansprüchen der Pflanzen an

Wasser. So waren die Marsbewohner im Kampfe um ihre Existenz gezwungen,

diesen natürlichen Mangel durch die Kunst auszugleichen. Auf diese Weise

entstanden die Kanäle, die sich bis zu den polaren Zonen hinzogen und von

diesen das im Sommer abschmelzende Wasser der dort abgelagerten gewaltigen

Eismassen nach allen Richtungen hin leiteten.

Schon die ganze großartige Ausführung dieser uralten, Tausende von Kilometer langen Wasserstraßen, die da und dort in Riesenseen, künstlichen

Zentralsammelbecken, zusammenflossen, die Art und Weise ihrer sorgfältigen

Instandhaltung zeigte allein schon den hohen Grad von Intelligenz und den

Gemeinsinn der Marsbewohner.

Die Regelung des Wasserstands war genau dem Bedarf und der Jahreszeit

angepaßt. Dank dieser Einrichtung und der Unmasse kleiner Wasseradern, die

sich überallhin abzweigten, herrschte nie Wassermangel auf dem Mars. Die

Folge davon war jener üppige, prachtvolle Pflanzenwuchs, den die Schwaben

immer und immer wieder bewundern mußten. Dazu kam das völlige Fehlen

wilder Tiere, giftiger Reptile und gefährlicher Insekten. Es war ein Eldorado, in

das die Erdensöhne geraten waren, und auf das die Worte Homers trefflich

paßten:

„Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfließt:

Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen, Sondern der Ozean sendet empor zur Erquickung der Menschen

Immer den luftigen Hauch des frisch hinwehenden Zephyrs.“

Und diese zahlreichen Wasserstraßen waren zugleich auch die besten und

einfachsten Verbindungswege der Marsbewohner untereinander. Kein Wunder

daher, daß sich auf den Kanälen ein lebhafter Schiffsverkehr abwickelte. Aber

die auf den klaren Fluten der tiefen Wasserläufe dahinziehenden Schiffe

verdarben die köstliche Luft nicht durch qualmende Schornsteine. Sämtliche

Fahrzeuge, mochten sie nun für Personen- oder Lastenbeförderung bestimmt

sein, wurden durch Elektrizität in Bewegung gesetzt und vermittelten den

Verkehr in ruhiger und rascher Weise.

Auf diesen ebenso zweckmäßig wie bequem und gefällig eingerichteten

Fahrzeugen hatten die sieben Schwaben schon so manche weite Reise

ausgeführt. Sie hatten dabei aber das übrige Land und seine Bewohner nur

flüchtig kennengelernt, weil diese Fahrten eben hauptsächlich zur allgemeinen

Orientierung unternommen worden waren. Was sie aber sahen, das verstärkte

nur ihre ersten guten Eindrücke und befestigte ihre Überzeugung, sich in einem

großangelegten Staatswesen von tadelloser Verwaltung zu befinden. Nicht nur

waren die Marsbewohner trotz der Verschiedenheit der Zonen überall

gleichartig, d. h. sie sprachen dieselbe Sprache und schienen auch unter

ähnlichen sozialen Lebensbedingungen zu stehen wie ihre Brüder in Lumata, —

so hieß die Kolonie, in der die Herren aus dem Schwabenlande angesiedelt

waren, — sondern an all den vielen verschiedenen Orten, die die Fremden

besuchten, fiel diesen auch eine gewisse Gleichmäßigkeit des Besitzes auf, und

sie empfanden das völlige Fehlen wirklicher Dürftigkeit oder Armut sehr

angenehm.

Die geologische Beschaffenheit des Mars glich der der Erde. Den

kristallinischen Massengesteinen standen die Sedimentformationen gegenüber,

die in ähnlicher Weise übereinander gelagert waren wie auf der Erde. Die

geologische Entwicklungsgeschichte des Mars schien also mit der Erde

übereinzustimmen, nur hatte der Mars seine Entwicklungsphasen offenbar

schneller und früher durchgemacht als diese. Dafür sprach auch das Fehlen von

aktiven Vulkanen. Dagegen war der Mars reich an heißen Quellen aller Art; an

Fumarolen (d. h. Bodenöffnungen auf vulkanischem Gesteine, aus denen

Wasserdämpfe ausströmen, die oft mit chemischen Verbindungen beladen sind)

und an Mofetten (Kohlensäure ausströmenden Gasquellen) war auch kein

Mangel.

Große Städte, wie sie in den sogenannten Kulturstaaten der Erde zu finden

sind, gab es auf dem Mars nicht. Es bestanden lediglich kleinere oder größere

Gruppierungen von Häusern, die aber überall frei für sich im Grünen lagen. Nur

an einem großen See, zwei Tagereisen von Lumata nach Süden zu, hatten die

Schwaben den einzigen Anklang an eine Stadt gefunden. Dort war eine größere

Kolonie mit zahlreichen architektonisch hervorragenden Bauten, die sich an

regelmäßig angelegten Straßenzügen erhoben. Eine Stadt von Palästen, wirkte

sie namentlich durch die vornehme Ruhe, die in ihr herrschte, durch ihre

peinliche Sauberkeit und den Glanz und die Pracht ihrer öffentlichen Gärten.

Die Erdensöhne konnten mit ihren noch mangelhaften Sprachkenntnissen nur

so viel herausbekommen, daß dieser Ort, Angola mit Namen, der Zentralsitz der

Stämme der Weisen, der Heitern und der Ernsten sei. Was waren aber das für

Stämme? Nach Hause zurückgekehrt, befragten sie hierüber Eran, den

Patriarchen. Dieser lächelte eigentümlich bei der Frage und erwiderte den

neugierigen Herren, daß er sie später selbst einmal nach Angola führen werde,

um sie mit seinen Brüdern dort bekannt zu machen, die übrigens von ihrer

Anwesenheit in Lumata sowie von ihrer Herkunft und ihrer Reise nach dem

Mars längst unterrichtet seien.

Anfangs waren die Tübinger Herren von ihren Ausflügen, dem

Niederschreiben ihrer täglichen Beobachtungen und gewonnenen neuen

Eindrücke und dem Erlernen der Sprache vollständig in Anspruch genommen.

Aber nach und nach begann in ihnen doch eine gewisse Sehnsucht nach dem

alten, trauten, ihnen zur zweiten Gewohnheit gewordenen Berufe zu erwachen,

den sie mit so großem Erfolge in ihrer Heimat ausgeübt hatten. An ernste, rege

Tätigkeit gewöhnt, kam ihnen das angenehme und ideal schöne Leben auf dem

Mars mehr und mehr wie eine Art Schlaraffentum vor. Die Mühseligkeiten der

Herreise verblaßten immer mehr in der Erinnerung, je länger sie sich auf dem

Mars befanden.

Schon war ein ganzes Jahr vergangen, seit sie vom Cannstatter Wasen aus ihre

Marsfahrt angetreten hatten. Aber während unten auf der heimatlichen Erde der

Winter mit Schnee und Kälte vor der Türe stand, herrschte hier oben in Lumata

ein ewiger Frühling, obgleich die Marsiten die Jahreszeit, in der sie sich gerade

befanden, ebenfalls als die vorgerücktere bezeichneten.

War es nur Zufall, daß die sieben Schwaben auch auf dem Mars in den

wichtigsten Einteilungen der Siebenzahl begegneten? Herr Stiller konnte sich

diese auffallende Tatsache nicht erklären und begnügte sich damit, sie

festgestellt zu haben.

Auf dem Mars wurde das Jahr in sieben Abschnitte geteilt, die die Tätigkeit

wie auch die Ruhe der Natur zum Ausdruck brachten. Nach Erdenmaß gerechnet

umfaßte ein solcher Zeitabschnitt die ungefähre Zahl von zweiundfünfzig Tagen.

Die einzelnen Perioden hießen:

1. Die Zeit des Erwachens.

2. Die Zeit der Saaten.

3. Die Zeit des Knospens und der Blüten.

4. Die Zeit der Früchte.

5. Die Zeit der Garben.

6. Die Zeit der Ernten oder Freuden.

7. Die Zeit der Ruhe.

Nach und nach hatten die Erdensöhne so bedeutende Fortschritte in der

Marssprache gemacht, daß sie nun auch gründliche Einblicke in die staatliche

Organisation des Marsvolkes tun konnten. Vor ihren Augen enthüllte sich immer

mehr ein großangelegtes, riesiges demokratisches Gemeinwesen, das nicht auf

die Gewalt gestützt war, sondern ausschließlich durch den freien Willen des

Volkes und durch das Band gemeinschaftlicher Interessen zusammengehalten

wurde. Jedes einzelne Individuum ordnete sich hier dem Gemeinwohl unter und

leistete ihm nach seinen Fähigkeiten Dienste. So stellte sich das Staatswesen als

eine zwar große, aber doch wieder engverbundene Familie voll schönster

Eintracht dar. An der Spitze des gesamten Staatswesens stand der Stamm der

Weisen oder der Hüter des Gesetzes.

Die Bevölkerung des Mars schied sich in folgende sieben Stämme:

1. Stamm der Weisen oder der Hüter des Gesetzes.

2. Stamm der Heitern (Bildende Künste: Maler, Bildhauer, Komponisten).

3. Stamm der Ernsten (Gelehrte aller Richtungen).

4. Stamm der Frohmütigen (Darstellende Künste: Musiker, Schauspieler).

5. Stamm der Sorgenden (Acker- und Gartenbauer und Dienende).

6. Stamm der Flinken (Handel- und Verkehrtreibende).

7. Stamm der Findigen (Industrielle).

Die sechs letzten Stämme standen einander im Ansehen völlig gleich. Der

erste Stamm rekrutierte sich aus den erfahrensten, ältesten, vor allem aber den

geachtetsten und durch ihre Lebensführung hervorragenden Individuen

männlichen wie weiblichen Geschlechts der übrigen sechs Stämme.

Der größte Stamm, der an Zahl seiner Angehörigen alle andern Stämme

zusammen weit übertraf, war der der Sorgenden.

Die Zulassung zu den einzelnen Stämmen, den der Weisen allein

ausgenommen, wurde lediglich durch die Neigung und den Nachweis der

Fähigkeit entschieden. Ein Übertritt von dem einen Stamm in den andern konnte

auf Grund einer Prüfung jederzeit an einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden.

Fest gebunden war niemand, und gerade dieser völlige Mangel an Zwang schien

hier oben eine der Hauptursachen für die Entwicklung der verschiedenen

Berufsarten zu sein.

Ein natürlicher, vernünftiger Ehrgeiz, das Bestmögliche zu leisten, beherrschte

die Marsbewohner und hielt nicht nur das Streben des Einzelnen wach, sondern

regelte es auch in gesunder Weise.

Da auf dem Mars kein Geld in Umlauf war, so gab es auch nicht das

widerliche, Geist wie Körper gleichmäßig aufreibende Hasten und Jagen nach

dessen Besitz wie unten auf der Erde. Geldsorgen waren auf dem Mars

unbekannt. Die verschiedenartigsten Leistungen des einzelnen wurden durch

Anweisungen auf seine sämtlichen Lebensbedürfnisse aufgewogen. Zu diesen

Bedürfnissen wurde aber auch eine gewisse Summe von Lebensfreude

gerechnet, wie sie die bildenden und darstellenden Künste und dergl. zu bieten

vermögen.

Der höchste Ruhm und die größte Ehre bestand in der allgemeinen

Anerkennung und Wertschätzung. Diese konnte sich aber jeder durch treue

Erfüllung seiner Pflichten und Obliegenheiten erringen. Für die Leistungen, die

über die allgemeine Pflichtarbeit hinausgingen, also da, wo das wirkliche

Verdienst um das große Ganze beginnt, erhielten die Marsiten durch den Stamm

der Weisen Auszeichnungen in Form öffentlicher Belobungen, die den Inhaber

in vorgeschrittenerem Lebensalter zum Eintritt in diesen allgemein hoch

verehrten Stamm berechtigten.

Das gesamte Leben auf dem Mars war in seiner so eigenartigen Form nur

dadurch möglich, daß es unter dem ausschließlichen Zeichen des

Zusammenhalts stand. Der allgemeine Grundsatz, daß das einzelne Individuum

alles tun muß, was das Gesamtwohl fördert, alles zu unterlassen hat, was dem

Nebenmenschen Schaden und Schmerzen bereitet, war hier oben schon seit

undenklicher Zeit in die Praxis umgesetzt. Dabei wurde die Eigenliebe, ein

gesunder, berechtigter Egoismus, nicht vernichtet. Der natürliche Selbsterhaltungstrieb des einzelnen wurde durch die einfache Erkenntnis

machtvoll gefördert, daß vom Wohl und Wehe des Nächsten auch das eigene

Wohl und Wehe abhänge, daß das Blühen und Gedeihen der andern das eigene

Blühen und Gedeihen mit einschließe, und daß ihr Elend gleichbedeutend mit

dem eigenen sei.

Diese klare, natürliche Moral, die zu reiner Nächstenliebe (Altruismus) führt,

und die jeden geistig normalen Menschen instinktiv das Gute tun und das

Schlechte meiden läßt, bestand in vollster Anwendung auf dem Mars. Die Quelle

aller Übel auf der Erde, die rohe Selbstsucht, die die Unsumme von

Gesetzesparagraphen nötig machte, bestand beim Marsvolke nicht.

Nächstenliebe, Wahrheit, ein gewisser Frohmut schlossen den niederen

Egoismus völlig aus.

Ein Bund von Brüdern und Schwestern schien das Volk hier oben zu sein,

wissend, wahr, frei und gut, das Ideal reinen Menschentums verwirklichend. Wie

klein kamen sich die Söhne der Erde vor, als sie nach und nach die Pfeiler

kennenlernten, auf denen das Staatswesen sowie das öffentliche und private

Leben der Marsiten so fest ruhte! Und diese festen Pfeiler waren

hervorgegangen, herausgebaut aus einer großartig organisierten, allgemeinen

und freien Schulung der Marsjugend. Die ideale Schule der Zukunft, von der

Professor Hämmerle in Tübingen so viel schon geträumt, — hier auf dem Mars

begegnete er ihr als einer alten, bewährten Einrichtung.

Der leitende Grundsatz der Marsschulen war, die Jugend geistig und

körperlich gleich gut zu bilden; denn je gebildeter und körperlich kräftiger

zugleich ein Individuum ist, desto fähiger ist es, seine Lebensaufgaben und seine

Pflichten als Mitglied des Staates zu erfüllen. Der Unterricht beschränkte sich

daher nicht nur auf die einfacheren, elementaren Kenntnisse, sondern er

erstreckte sich auch auf die Geschichte und die Kenntnis der Einrichtungen des

Staatswesens, auf die Einführung in die Gesetze der Natur und auf die

Bekanntschaft mit den poetischen und prosaischen Meisterwerken der

Marsliteratur. Hand in Hand damit ging der Unterricht in der allgemeinen

Körperpflege und in der Gesundheitslehre, der den Altersstufen der Jugend

entsprechend angepaßt war.

Gymnastische Spiele aller Art füllten die Nachmittage aus, an denen der

Unterricht wegfiel. Am Ende einer bestimmten Schulzeit wurden Wettprüfungen

vorgenommen. Wer aus ihnen als Sieger hervorging, rückte zu den höheren

Unterrichtsklassen vor. Auf diese einfache Weise war eine klare Scheidung

zwischen den wirklich talentierten und den weniger begabten Schülern

durchgeführt. Den ersteren stand dann der Weg zu den Kunstschulen oder zu den

verschiedenartigen höheren wissenschaftlichen Lehranstalten offen. Die höhere Bildung war Gemeingut des ganzen Volkes, und keine anmaßende

Mittelmäßigkeit konnte sich auf dem Mars breitmachen.

„Wir Erdgeborene sind die reinen Stümper gegen diese Prachtkerle hier oben.

Was für ein Leben hier im Verhältnis zu dem da unten auf der Erde! Hier hellster

Sonnenschein, dort trüber Nebel. Wie unendlich weit zurück steht die so

gepriesene Kultur unserer führenden Nationen gegen die des Marsvolkes!“

äußerte sich eines Tages Brummhuber, als die Herren gerade beim Mahle saßen.

„Ich vermutete schon unten auf unserm Planeten, daß wir hier oben Wesen

von hoher Vollkommenheit antreffen würden, ich gestehe aber, daß meine

Erwartungen in jeder Richtung weit übertroffen worden sind,“ antwortete Stiller.

„Freilich, bieten können wir den Menschen hier nichts, aber auch rein gar

nichts. Und das drückt mich persönlich schwer,“ warf Thudium ein.

„Was sollten wir ihnen auch bieten? Vielleicht von unserm Pessimismus, von

der widerlichen Selbstsucht, von der unser Leben vergiftenden Unwahrheit?

Alles Kennzeichen unserer Zivilisation!“ rief in ehrlicher Entrüstung Professor

Piller.

„Sie haben recht, Piller, leider nur zu recht,“ bestätigte Professor Stiller. „Mars

bietet entschieden heute schon das, was den Geschlechtern auf der Erde

vielleicht erst im Laufe der kommenden Jahrhunderte zuteil werden wird.“

„Ob es wohl je dazu kommen wird?“ seufzte Frommherz.

„Daran ist nicht zu zweifeln,“ entgegnete Hämmerle. „Mars hat ohne Zweifel

einst dieselben oder wenigstens ähnliche Stufen in seiner zivilisatorischen

Entwicklung durchgemacht wie die Völker der Erde. Seine Kultur ist nur

bedeutend älter.“

„Jawohl, um Tausende und Abertausende von Jahren. Die Frage ist nur die, ob

wir überhaupt die Fähigkeit haben, bei der Entartung unserer Rassen — ich

betone das Wort Entartung nochmals ganz besonders! — die Höhe der

Marskultur zu erklimmen. Ich möchte es bezweifeln!“ schrie Piller und suchte

seine zornige Erregung durch einen Schluck Wein zu besänftigen.

„Piller, Sie sind ja selbst Pessimist und ungerecht wie immer,“ tadelte

Dubelmeier.

„Ich Pessimist? Und ungerecht? Was verstehen Sie denn darunter?“

„Darüber lasse ich mich mit Ihnen in keine Aussprache ein!“

„Oho! Also beleidigen wollen Sie mich, wie es scheint?“

„Fällt mir gar nicht ein; dazu sind Sie mir viel zu lieb und wert, Sie alter

Alkoholikus! Aber ungerecht und pessimistisch ist es meines Erachtens, wenn

Sie so schroff unsern Völkern auf der Erde die Fähigkeit einer gesunden

Weiterentwicklung absprechen.“

„Ich möchte Freund Dubelmeier beistimmen,“ warf hier Stiller ein. „Piller, nehmen Sie doch uns zum Beispiel als Modelle an!“

„Schöne Modelle, fürwahr!“ brummte Piller, sichtlich besänftigt durch den

genommenen Schluck Wein.

„Freilich, Modelle von Erdensöhnen, wie ich ohne allzu große

Selbstüberhebung sagen darf; vertreten wir doch bis zu einem gewissen Grade

die Zukunft. Was wir heute auf dem Gebiete der allgemeinen Bildung und der

Entwicklung des moralischen Gefühles vertreten, wird später mehr und mehr das

Gemeingut der Massen der Kulturvölker auf unserer Erde.“

„Wer’s glauben mag!“

„Es ist nicht allein mein Glaube, nein, es ist, auch meine felsenfeste

Überzeugung, gestützt auf die Entwicklungsgeschichte der Menschheit.“

„Stiller, ich will Ihnen nicht widersprechen, denn ich möchte mich nicht noch

mehr ärgern, sondern im Gegenteil froh darüber sein, daß ich hier oben in dem

reizenden Lumata sitzen darf.“

„Ein vernünftiger Ausspruch, der aller Ehren wert ist. Und nun Friede, meine

lieben Freunde!“ rief Frommherz.

„Einverstanden!“ fügte Brummhuber bei.

Einige Tage waren seit dieser Unterhaltung verflossen. Da erschien Eran, der

Patriarch aus dem Stamme der Alten, wieder einmal im Heim seiner Gäste und

lud die Herren ein, mit ihm für kurze Zeit nach Angola zu reisen. Freudig

stimmten die Herren bei. Diesmal wurden in Angola Schwabens würdige Söhne

von dem Stamme der Weisen förmlich empfangen. Vollzählig hatten sie sich hier

versammelt, um nebenbei auch noch über eine Reihe wichtiger innerer Fragen zu

entscheiden. Gleichzeitig tagte auch noch der Stamm der Ernsten, um in einer

Versammlung, wie sie von Zeit zu Zeit stattfand, Gedanken und Beobachtungen

wissenschaftlicher Art untereinander auszutauschen.

Die Aufnahme der Erdensöhne in Angola ließ an Herzlichkeit nichts zu

wünschen übrig. Ihre so wunderbare und schnelle Fahrt von der Erde her durch

den ungeheuren Weltraum nach dem „Lichtentsprossenen“, wie die Marsiten

ihren schönen Planeten nannten, war begreiflicherweise zuerst der Gegenstand

der allgemeinen Unterhaltung und des lebhaftesten Interesses.

Bei der ersten Sitzung des Stammes der Ernsten, die in einem großartig

ausgestatteten Saale eines Marmorpalastes stattfand, erklärte Professor Stiller die

verschiedenen Umstände, die ihn zur Konstruktion des Weltenseglers und zu der

kühnen, mit so großem Erfolge gekrönten Fahrt bestimmt hätten. Er erzählte

ihnen ferner von seiner engeren und weiteren Heimat, von den Völkern Europas

und von der Erde überhaupt. Letztere war den Ernsten wohl bekannt. Die

Begriffe, die sie sich von ihr dank ihren außerordentlich scharfen Instrumenten

und ihrer Vorstellungskraft zu machen verstanden, kamen der Wirklichkeit verblüffend nahe. So wußten die Marsgelehrten, daß das dritte Kind des Lichtes

(als Kinder des Lichtes bezeichneten die Marsiten alle Planeten), die Erde,

Eismassen an ihren Polen führe, die einen ansehnlichen Bruchteil des

Meerwassers in feste Bande geschlagen haben, und daß die Oberfläche der Erde

von über siebzig Prozent Meerwasser bedeckt sei. Auch daß die Erdatmosphäre

reich an Wasserdampf sein müsse, schlossen sie aus dem Verhältnis des

Festlandes zu den Meeren. Die Dichtigkeit der Erde war ihnen genau bekannt,

ebenso ihr Polar- und Äquatorialdurchmesser, ferner die Geschwindigkeit ihrer

Bewegung um sich selbst wie um das „ewige Licht“, die Sonne, und dergleichen

mehr.

Ja, auch von den einzelnen Erdteilen hatten sie richtige Vorstellungen, und

diese gingen sogar so weit, daß sie eine Reihe einzelner größerer Länder oder

Gebiete zu unterscheiden vermochten. Um so weniger schwer war es daher den

gelehrten Fremden, die Marsiten gewissermaßen, auf der Erde

spazierenzuführen, von der sie bereits so achtungswerte Kenntnisse besaßen.

Und so entwarfen sie ihnen ein genaues Bild ihres Vaterlandes und berichteten

von dem Ort am Neckar, von dem sie nach dem Mars abgefahren waren.

Allen diesen Schilderungen brachten die Weisen sowie die Ernsten das

lebhafteste Interesse entgegen. Dieses Interesse steigerte sich noch, als sie

vernahmen, daß die sieben Schwaben ebenfalls zu einer Art Stamm der Ernsten

unten auf der Erde gehörten. Die Herren wurden daher eingeladen, vor der

versammelten Elite der Marsiten ihre Berufsarten näher zu beleuchten, das heißt

die Zustände zu schildern, unter denen sie auf der Erde und bei ihrem Volke

ausgeübt würden. Gleichzeitig wurde der allgemeine Wunsch ausgedrückt, die

Fremden möchten ein genaues Bild von dem Leben und Treiben der Bewohner

der Erde entwerfen, das dann zu einem Vergleiche mit den bestehenden

Verhältnissen auf dem Mars herangezogen werden sollte.

Es wurde ausgemacht, daß jeder der Professoren an einem bestimmten Tage

abwechselnd zwei Vorträge halten solle, den einen fachlich und den andern über

das allgemein interessierende Thema der Erdbewohner und deren kulturelle

Zustände. Die Professoren entledigten sich ihrer Aufgabe in meisterhafter Weise.

Sie erzählten von dem derzeitigen Stande der verschiedenen wissenschaftlichen

Disziplinen in den Kulturländern der Erde, besonders in Deutschland,

beleuchteten ehrlich und rückhaltlos offen die politischen und sozialen

Gegensätze unter den wenigen um die führende Rolle im Leben der übrigen

Völker kämpfenden Nationen. Sie schilderten all die Mittel der List, der Gewalt

und Verschlagenheit, die dabei angewendet würden, und erklärten den Marsiten,

was unten auf der Erde unter der Bezeichnung „Diplomatie“ alles verstanden

werde.

Sie verschwiegen auch die trüben Erscheinungen nicht, die der mehr und mehr

sich zuspitzende Kampf um das Dasein, der Wettstreit bei der Beschaffung der

notwendigsten Lebensbedürfnisse für die große Mehrzahl der Menschen, sowohl

der einfachen als auch der gebildeten Erdbewohner, mit sich bringe.

Unumwunden räumten sie ein, daß dem Fortschrittsdrange der Kulturvölker

leider überall auf der Erde alle möglichen Hindernisse in den Weg gelegt würden

durch allerlei einengende Einrichtungen und kleinliche Bestimmungen, daß die

Massen der sogenannten gebildeten Völker trotz gewaltiger Fortschritte in der

Technik und in den Naturwissenschaften immer noch weit entfernt von dem

Ideale einer reinen Weltanschauung seien.

Letztere werde nur von einem verhältnismäßig kleinen Bruchteile der wirklich

Hochgebildeten vertreten, und auch diese kleine Schar der Auserlesenen sei mit

geringen Ausnahmen von der schwersten und schlimmsten Krankheit der Zeit

angesteckt: der Feigheit. Man wage unten auf der Erde bei den Kulturnationen

— von den weniger zivilisierten Völkern ganz zu schweigen — nicht, offen und

klar das zu sagen, was man denke, aus Furcht, bei mächtigeren Personen

anzustoßen und dadurch seine Existenz zu gefährden. Die Empfindungen

würden daher auch selten mit den Handlungen in Einklang gebracht.

Infolgedessen herrsche überall ein mehr oder weniger großer Mangel an Mut

und Ehrlichkeit der Überzeugung, und die aus der Heuchelei geborene Lüge

hindere den Sieg der Wahrheit und lasse immer noch sehr viele auf die Dauer

doch als völlig unhaltbar erkannte Einrichtungen, ungesunde, unvernünftige, der

reinen Weltanschauung und dem Volkswohle geradezu feindlich

gegenüberstehende Zustände weiter bestehen.

Mit freudigem Staunen hätten sie auf dem Mars Verhältnisse angetroffen, die

dem Ideal des Lebens und des reinen Menschentums, das sie sich gebildet, und

dessen Verwirklichung von den Besten der Nationen unten auf der Erde so heiß

angestrebt werde, in der schönsten Weise entsprächen.

In dieser Art äußerte sich mehr oder weniger jeder der Herren. Frommherz

fügte diesen Berichten noch einige Bemerkungen über die religiösen

Anschauungen und die kirchlichen Einrichtungen Deutschlands hinzu.

Voll Aufmerksamkeit hatten die Weisen und die Ernsten diese

Auseinandersetzungen der Erdensöhne angehört. Die wissenschaftlichen

Darlegungen der Fremden brachten den Marsiten nichts Neues, die sozialen und

übrigen Bilder, die ihnen von ihren Gästen so lebhaft vor Augen geführt worden

waren, hatten ihr Interesse am meisten erregt. Mit keinem Laute waren die

langen Vorträge unterbrochen worden.

Als Stiller den Schluß der Vorträge verkündet hatte, zogen sich die Weisen

und die Ernsten zu einer gemeinsamen Beratung zurück, von der die sieben Schwaben ausgeschlossen waren. Das Ergebnis dieser Beratung aber sollte ihnen

später bekannt gegeben werden.

„Was die nur vorhaben?“ fragte besorgt Frommherz.

„Nun, ich denke, sie werden scharfe Kritik an unsern Schilderungen üben,

wozu sie ja auch vollkommen berechtigt sind,“ antwortete Stiller.

„Und uns dann den Laufpaß geben, passen Sie auf,“ fügte Brummhuber bei.

„Dies zu tun, sind unsere Wirte viel zu anständig,“ entgegnete Piller, „obwohl

ich nicht bestreiten will, daß die Marsiten zu einer Einladung, unsere Abreise

endlich einmal in den Kreis unserer Überlegung zu ziehen, ein gewisses Recht

hätten.“

„Warten wir ab, was kommt!“ entschied Dubelmeier.

„Bleibt uns auch nichts anderes übrig,“ seufzte Frommherz, der seiner

religiös-kirchlichen Darstellungen wegen ein etwas bedrücktes Gewissen hatte.

Aber es war doch eine gewisse Unruhe, die die Erdensöhne beherrschte, als

sie miteinander durch die paradiesisch schönen Parkanlagen von Angola

spazierten, während die Beratung der Marsiten stattfand.

Am nächsten Tage, dem zehnten ihres Aufenthaltes in Angola, wurden die

Schwaben wiederum in feierlicher Weise in den großen Sitzungssaal geführt, in

dem sie ihre Vorträge gehalten hatten. Der Älteste unter den Alten, eine Hüne

von Gestalt, Anan mit Namen, erhob sich und begrüßte zunächst wieder in

herzlichen Worten die Eingeführten.

„Meine lieben Freunde!“ sprach er weiter zu ihnen. „Wir alle haben gestern

mit lebhaftester Teilnahme eure Schilderungen vernommen, die ihr von den

allgemeinen und besonderen Verhältnissen eures Weltkörpers entworfen habt.

Diese Schilderungen haben in uns merkwürdige Gefühle und Empfindungen

ausgelöst, so daß wir uns über sie zuerst in aller Ruhe klar werden wollten, bevor

wir euch mit unserem schuldigen Danke zugleich auch eine Antwort auf das

Gehörte geben. Dies war der Grund, warum wir uns zu einer Beratung unter uns

zurückgezogen haben. Vor allem danken wir euch für die anerkennenswerte

Offenheit, mit der ihr uns das Leben eurer Kulturvölker geschildert habt. Uns

muteten eure Berichte im ersten Augenblicke wie Märchen an. Wir würden sie

auch als solche auffassen, wären wir nicht von dem Ernste eurer

Lebensauffassung, von eurer Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit vollkommen

überzeugt. Nicht vergeblich haben wir euer Leben in Lumata beobachtet. Das

Ergebnis dieser Beobachtung war unsere Einladung hieher, das Zeichen unserer

Achtung und unseres Vertrauens. Und nun wende ich mich zu euren

Auseinandersetzungen. Umsonst haben wir in der Geschichte unserer

Vergangenheit geblättert; solch barbarische, von der Unwahrheit beherrschte

Zustände im Leben der einzelnen wie der Völker, wie sie bei euch noch bestehen, haben wir in diesem Umfange glücklicherweise nie gekannt. Gewiß, es

fehlte auch uns nicht an inneren Kämpfen, an schweren Enttäuschungen aller

Art, bis wir uns endlich im Laufe der Zeit zu den Lebensverhältnissen und

Lebensauffassungen durchgerungen haben, die ihr bei uns heute bewundert.

Aber unsere Entwicklung vollzog sich weniger mühselig, weniger schmerzhaft

als die eure. Schon vor Urzeiten hatte sich bei uns in der breiten Masse des

Volkes die Erkenntnis durchgerungen, daß unsere erste Aufgabe unsere

Erhebung, nicht aber das Verharren in unserer Niedrigkeit sei, aus der wir

hervorgegangen sind. Diese unsere Erhebung und Entwicklung zur reinen

Freiheit konnte nur durch eine vernünftige, naturgemäße Aufklärung kommen,

die uns für das hehre Licht der Wahrheit empfänglich machte.

Ihr, liebe Freunde, habt während eures längeren Aufenthaltes bei uns nach und

nach die Wege kennengelernt, die wir eingeschlagen haben, um dieses hohe Ziel

zu erreichen, Wege, die wir, weil sie sich bewährt haben, auch heute noch

wandeln und fernerhin wandeln werden. Darüber will ich kein Wort mehr

verlieren. Gerne wollen wir auch zugeben, daß wir es mit unserem

Entwicklungsgange ungleich leichter gehabt haben, als ihr es in dieser

Beziehung unten auf der Erde noch habt. Hier bei uns haben wir ein ziemlich

gleichmäßiges, in Sprache, Denken und Empfinden übereinstimmendes Volk,

während dies auf eurem Planeten nicht der Fall ist. Wir konnten uns daher mit

viel weniger Schwierigkeiten und ohne den von euch geschilderten furchtbaren

Massenmord, Krieg genannt, zu der Höhe unserer Kultur erheben, die eurem

Ideale nahe kommt. Wir hatten also diese entsetzlichen Verwirrungen nicht zu

überwinden, die eurem Glücke und Fortschritte so fürchterlich hemmend

entgegentraten und noch drohend entgegenstehen.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, ein brüderlicher Gemeinsinn besteht

bei uns seit Äonen. Es bildet den fundamentalsten Bestandteil unseres

Bewußtseins und die Triebkraft unseres Handelns. Bedauerlicherweise fehlt bei

euch dieses mächtige Gefühl der Zusammengehörigkeit oder ist zum mindesten

noch nicht in dem Maße vorhanden, als zum Wohle des Ganzen so dringend

nötig wäre. Der Grund eures Tiefstandes liegt meines Erachtens nach in dem

Mangel an jener einfachen, natürlichen Moral, die unser Leben so vorteilhaft

beeinflußt.

Für uns war es schmerzlich zu hören, wie bei euch jeder Fortschritt, auch der

kleinste, durch ein Meer von Tränen, von Blut und zertrümmerten Existenzen

führt. Und doch, — ihr selbst sagtet es ja — es muß und wird einst besser bei

euch auf der Erde werden. Ihr selbst seid dafür die lebendigen Zeugen, denn ihr

stellt heute schon das vor, was die Masse bei euch nach eurem eigenen

Ausspruche in späterer Zeit sein wird. Wackere, brave Männer von der geistigen Bedeutung wie ihr müssen daher unten auf der Erde wirken, an der

Weiterentwicklung ihrer Brüder arbeiten. Wenn auch der einzelne von euch bei

dieser schwierigen Arbeit keine volle Befriedigung empfindet, — dies gilt ja von

allem Streben nach noch nicht Erreichtem! — so bedenkt, daß die Folgen der

Arbeiten an dem Werke der Vervollkommnung eurer Mitmenschen zwar nicht

euch, so doch euren Nachkommen zugute kommen werden.

Unser Rat lautet dahin: Kehrt zurück auf eure Erde!“ — „O Himmel, ahnte ich

es doch!“ klagte bei diesen Worten Anans Professor Frommherz leise vor sich

hin. — „Schweigen Sie, Jammerseele!“ herrschte ihn unsanft Piller an. —

„Kehrt zurück in euer Schwabenland, zu dem biedern Volke, aus dessen Mitte

ihr stammt, und widmet euch dort wieder dem erhabenen Werke der

Vervollkommnungsarbeit. Ferne sei es von uns, euch von hier wegdrängen zu

wollen, ihr seid und bleibt uns werte Gäste.“ — „Dem Himmel Dank!“ murmelte

hier Frommherz. — „Aber ich gestehe es aufrichtig, und ich spreche hier die

Ansicht von allen meinen Brüdern und Schwestern aus: Ihr seid die ersten und

zugleich die letzten fremden Wesen, die von einem der fernen Kinder des

Lichtes zu uns gelangen durften. Denn dies ist der Hauptpunkt, das Endergebnis

unserer Verhandlung. Im Interesse unseres Volkes lehnen wir weiteren Verkehr

ab. Nicht mit euch, — ich betone nochmals ausdrücklich, daß ihr uns werte,

liebe Gäste und Freunde seid, — nein, überhaupt; denn wir haben keine Gewähr

dafür, daß nicht auch einmal Fremde zu uns gelangen könnten, die nicht auf der

Höhe der Anschauung stehen wie ihr und deren Benehmen bei längerem

Aufenthalte wahrscheinlich dann nur zu unerquicklichen Auseinandersetzungen

und schließlich zu einer gewaltsamen Entfernung von hier führen müßte. Das

wollen wir uns aber ersparen.

Eure kühne Reise wird zwar so bald nicht wieder Nachahmer finden. Doch

kann man dies nicht wissen, und so haben wir bereits die bestimmte Weisung

gegeben, künftig und für alle Zeiten auf unserem Lichtentsprossenen kein

Luftschiff mehr landen zu lassen, woher es auch kommen möge, und wäre es

auch aus dem uns durch euch so sympathisch gewordenen Schwabenlande.

Bleibt bei uns, wenn ihr wollt, oder fliegt über kurz oder lang wieder heimwärts.

Wir stellen dies ganz in euer Belieben und sind und bleiben stets eure

aufrichtigen, treuen Freunde. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern,“ —

mit diesen Worten wandte sich Anan an die Marsiten — „ruft mit mir: Glück

und Heil den sieben Schwaben, unsern lieben ersten und einzigen Gästen!“