Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Albert Daiber · Kapitel 4 von 12

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Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars

Zweites Kapitel Die Abreise der Weltensegler

Zweites Kapitel

 

Die Abreise der Weltensegler

 

Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in

fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem

Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder regste

Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf den großen,

freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun erst konnte man

die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte eine länglich ovale

Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene Gondel. Infolge dieser

Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als befinde sich ein zweiter

kleinerer Ballon unterhalb des großen, gewissermaßen wie Mutter und Kind.

Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,

zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.

Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer

gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren.

Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über dieses ein

drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber doch so, daß auch

jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel tragen konnte. Es war

sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter Ballon.

Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in

Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese

Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte

Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt in

dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit bestand der

Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem prozentualem

Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium beigegeben war. Diese

Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne dabei von ihrer

Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus diesem Blech nun

wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf das sorgfältigste luftleer

gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen Gase Argonauton gefüllt.

Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh

verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe

aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten

Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu

gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so

miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer Glätte

wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, dann erst

wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er aufnahmefähig war.

Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas vollständig

undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht wegen das

Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese endlich

die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in Tübingen zu diesem

Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem Überzuge eine einer

Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch Anwendung größter

äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon stellte so das Ideal

des starren Systems des Luftschiffes dar.

In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des

Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem

etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war,

auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges Ganzes zu

funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.

Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im

Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen

Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.

Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch

unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß

das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze

(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem

Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit noch

das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der

Gelehrtenwelt.

Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem

Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon

mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht

worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus

Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es doch,

dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit

vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. Ihr

Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. An

den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel befanden

sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den verschiedenartigsten

Nahrungsmitteln.

Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate für

Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die Erneuerung

der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten es möglich

gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem verhältnismäßig

kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem Weltensegler

möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen Energiemengen an

elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer umgesetzten Form als Licht

und Wärme nicht nur die Existenz der Gondelbewohner ermöglichen, sondern

auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung des Luftschiffes selbst dienen sollten.

Für letztere Zwecke waren am Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links,

Luftschrauben angebracht, die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in

Tätigkeit gesetzt werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung

dienten mit dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie

senkrecht einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war

eine Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch

vertikal.

Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im

Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich

verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, ebenfalls

nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.

So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das

großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit

sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine

Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit

Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren Blieder

und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten zusagenden

Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem Selbstgefühl,

waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank ihrer Intelligenz

als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht allein Groß-

Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren in aller Munde.

Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen das große Los

zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter den staunenden

Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und Halbwilde, Männer,

Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon durch Zeitungen und

Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der Ozeane, bekannt geworden,

daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer Reise nach dem fernen Mars

anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes aus zur Ausführung

kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren daher in den fernsten

Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen Schöpfer des Luftschiffes,

das als erstes die unendlichen Räume des Weltenäthers durchschnitt.

Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des

Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden

wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um das

in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch in den

fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen werden

mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges in seiner

ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von diesem einzigen

Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige Preise für ihre

Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich werfen konnte,

fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine Unterkunft. Nicht nur waren

die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf besetzt, nein, auch die Häuser von

Privaten waren gefüllt. Noch niemals hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen

so ungeheuren Fremdenstrom erlebt, wie in diesen Tagen.

Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge

nachgerade lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich.

Überall war ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen

und Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte

so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der

Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle wollten

das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch befühlen und

einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; sollte diese doch für

viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben Gelehrten sein, die ohne

Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche Reise nach einer andern

Welt unternahmen, einer Welt, die in schwindelerregend weiter Ferne von der

Erde sich befand.

Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim

Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das

Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, was

die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und

Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.

So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden sollte.

Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle erschienen. Die

Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem Platze und

erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler beschäftigte

Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer scharfen,

eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller gerügten

Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der Professor da und

dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch. Nachdem auch das

Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die Gondel. Ihm folgten die

Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten Arbeiter.

Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden

vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der Weltensegler gen

Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen Morgenstunde eine Menge von

Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit Staunen und lauter

Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten. Hoch oben in der Luft,

kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts flog der Weltensegler,

willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste Schiff im Wasser. In raschem

Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über Stuttgart hin, kehrte wieder

über den Ort des Aufstieges zurück und ließ sich langsam und majestätisch

genau auf dem Punkt nieder, von dem es ausgegangen war.

Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend,

belohnte die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel

mehr unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares

Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen

genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem

günstigen Ergebnis führen mußte.

Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser

ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so lange

genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und Schnabel

wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen verabschiedete. Gern

übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des Weltenseglers eigentlich nur die

Handlanger bei der Ausführung des Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit

gewesen waren, und gönnte ihnen den leicht und billig verdienten Ruhm.

Neidlos überließ er seine alten Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum,

das diese mit Glückwünschen zu dem genialen Bau und der gelungenen

Probefahrt des Weltenseglers überschüttete.

Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf

dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die

kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff mit

dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein halb

vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu läuten. Es war

ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des bevorstehenden ernsten und

zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem Tale des Nesenbachs heraus wie

aus dem des Neckars verkündete der laute, eherne Mund der Glocken das

Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem Menschengeist, der sich über den

einengenden Erdenkreis hinaus erhob und sich einen Verkehr mit jenen fernen,

geheimnisvollen Welten anzubahnen anschickte, der seit Beginn der

menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde das hoffnungslose Sehnen und

Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. Jetzt endlich, nach

Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, der Verwirklichung

entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit atemloser Spannung

nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine solche Großtat

vollbracht werden sollte.

Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die

Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen

Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem

Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen.

Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein

erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr die

Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem weiten

Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.

Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten wie

Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum sich

bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen. Da

ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und wurden

zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen stieg

brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten ansichtig wurde,

deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse in ungezählten

Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten folgende Fächer:

Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,

Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,

Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,

Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,

Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,

Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,

Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.

In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor

ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und

voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am

Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller bestieg

die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete Rednertribüne, um von

da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste Umgebung zu richten.

„Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern

dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja allen

bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist, ein Luftschiff

zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde mit Leichtigkeit

durchschneiden, sondern auch — und dies ist der springende Punkt — den

Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier in Frage kommenden,

ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, die vorher erfüllt

werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu ermöglichen, will ich nicht

weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu weit führen. Aber für meine

heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde des Abschiedes laut und offen zu

erklären, daß möglicherweise unsere Reise von manchen Faktoren ungünstig

beeinflußt, durch diese „Unbekannten“, die wir hier auf unserm Planeten nicht in

den Kreis unserer Berechnung zu ziehen vermochten, vielleicht auch zum

Scheitern gebracht werden kann. Diese Erkenntnis schützt uns vor

Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch klar die Gefahren unserer Expedition.

Nicht Leichtfertigkeit, sondern die vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst

nach Aufklärung ist es, der uns unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den

Dienst der allgemeinen Forschung stellen läßt.

Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute

niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr

zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine

Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber

ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer

andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen Sie

zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr Erscheinen

hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.“

Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte und

nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine lautlose

Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel stiegen.

Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel hinaufkletterte. Er

winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine Tür. Das Klingeln einer

elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der Taue. Der Weltensegler hob

sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr und mehr heraufziehenden

Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der mächtige Ballon, größer und größer

die Entfernung zwischen ihm und der Erde, dann verschwand er vor den Augen

der Zurückgebliebenen, die sich schweigend unter dem machtvollen Eindruck

des Geschehenen nach und nach zerstreuten.

Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt

Stuttgart zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des

Weltenseglers, in dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten

Cannstatter Kursaal ein prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die

Herren als die im Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten

Leuchten ihrer Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren

über die gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der

hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen

später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit Worten zu

danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines getrunken und den

Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja immer dabei, wenn

es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.

Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den

Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger

Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr

Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf

Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei dem

kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der

Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt seien.

Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des

Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die

mitternächtliche Stunde.