Die Weltensegler, Drei Jahre auf dem Mars
Zweites Kapitel Die Abreise der Weltensegler
Zweites Kapitel
Die Abreise der Weltensegler
Für Professor Stiller und seine Gefährten vergingen die folgenden Tage in
fieberhafter Tätigkeit mit den Vorbereitungen zur Reise. Auch auf dem
Cannstatter Wasen in der Werkstätte des Weltenseglers herrschte wieder regste
Tätigkeit. Das Luftschiff war aus der gewaltigen Halle heraus auf den großen,
freien Platz davor gebracht und hier fest verankert worden. Nun erst konnte man
die riesigen Formen des Ballons richtig erkennen. Er hatte eine länglich ovale
Gestalt, ebenso die an ihm befestigte geschlossene Gondel. Infolge dieser
Ähnlichkeit machte die Gondel den Eindruck, als befinde sich ein zweiter
kleinerer Ballon unterhalb des großen, gewissermaßen wie Mutter und Kind.
Die Länge des Luftschiffes betrug, von einer Spitze zur andern gemessen,
zweihundert Meter, die mittlere Höhe zwanzig Meter.
Das innere Gerippe des Ballons bestand aus einem Netzwerk von luftleer
gemachten, sehr dünnen, aber außerordentlich starken Metallblechröhren.
Darüber legte sich ein zweites, gleich konstruiertes Gerippe und über dieses ein
drittes. Wohl waren die drei Lagen unter sich verbunden, aber doch so, daß auch
jede einzelne für sich allein tätig sein und die Gondel tragen konnte. Es war
sozusagen ein dreifach übereinander gestülpter Ballon.
Zur Anfertigung der Metallröhren wurde die von Professor Samuel Schwab in
Tübingen neu entdeckte Metallmischung, Suevit genannt, verwendet. Diese
Mischung zeichnete sich durch außerordentliche Leichtigkeit, fabelhafte
Widerstandsfähigkeit und gewaltige Tragkraft aus und stellte alle bis jetzt in
dieser Richtung bekannten Metallpräparate in den Schatten. Suevit bestand der
Hauptsache nach aus Aluminium, dem aber in bestimmtem prozentualem
Verhältnisse Wolfram neben etwas Kupfer und Vanadium beigegeben war. Diese
Legierung ließ sich zu feinstem Blech auswalzen, ohne dabei von ihrer
Widerstandskraft auch nur das geringste einzubüßen. Aus diesem Blech nun
wurden die Röhren geformt, die zur Anfertigung der drei Ballongerippe dienten. Die Röhren waren nahtlos und wurden, nachdem sie auf das sorgfältigste luftleer
gemacht worden waren, mit dem neuen merkwürdigen Gase Argonauton gefüllt.
Zur Umhüllung der einzelnen Metallgerippe diente das von dem leider zu früh
verstorbenen Eßlinger Großindustriellen Wilhelm Weckerle erfundene Gewebe
aus Seide und Leinen, das das Staunen und die Vewunderung der gesamten
Textilbranche erregte. Die Fäden dieses Gewebes wurden auf eigens dazu
gebauten Webstühlen mittels neuer Maschinen auf geistreiche Weise so
miteinander verknüpft, daß sie nahezu unzerreißbar und von wunderbarer Glätte
wurden. Jeder einzelne der drei Ballons wurde mit dem Stoff umhüllt, dann erst
wurde dieser so lange mit Kautschuklösung getränkt, als er aufnahmefähig war.
Durch dieses Verfahren wurde der Stoff für das Gas vollständig
undurchdringlich gemacht. Nichtsdestoweniger wurde der Vorsicht wegen das
Ganze noch mit einer dünnen Kautschukmasse umgeben und auf diese endlich
die Pillerinlösung aufgetragen, eine von Professor Piller in Tübingen zu diesem
Zwecke hergestellte Eisensilikatflüssigkeit. Sie gab dem Überzuge eine einer
Panzerung ähnliche Widerstandskraft, die selbst durch Anwendung größter
äußerer Gewalt kaum überwunden werden konnte. Der Ballon stellte so das Ideal
des starren Systems des Luftschiffes dar.
In dieser peinlich genauen Art wurden auch die einzelnen Bestandteile des
Ballons behandelt. Die Berechnung war so getroffen, daß auch nach einem
etwaigen Verlust der ersten, äußersten Hülle oder, was kaum anzunehmen war,
auch der zweiten mittleren, die innerste immer noch als selbständiges Ganzes zu
funktionieren und die Gondel zu tragen vermochte.
Auf diese Weise suchte Professor Stiller allen nur möglichen Gefahren im
Weltraum erfolgreich zu trotzen. Jede Ballonhülle war mit einer besonderen
Klappe versehen, die vom Gondelinnern aus dirigiert werden konnte.
Der Ballon war, wie bereits gesagt, mit dem neu entdeckten, spezifisch
unendlich leichten Gase Argonauton gefüllt. Kaum noch wägbar (0,01), besaß
das Argonauton die unschätzbare Eigenschaft, weder durch enorme Hitze
(+1350 Grad), noch durch größte Kälte (-500 Grad) irgendwie in seinem
Aggregatzustande beeinflußt oder gar verändert zu werden. Es war zur Zeit noch
das einzige wirklich beständige oder permanente Gas, das Rätsel der
Gelehrtenwelt.
Das Gerippe der Gondel bestand aus derselben Art von Röhren und einem
Überzuge aus Weckerleschem Gewebe, das in ähnlicher Weise wie der Ballon
mit Kautschuk überzogen und mit Pillerinlösung widerstandsfähig gemacht
worden war; Außerdem trug die Gondel noch eine dicke Isolierschicht aus
Asbest. Im Innern aber war sie dicht mit Pelzwerk ausgeschlagen; galt es doch,
dem Wärmeverlust im ungeheuer kalten Ätherraume, dessen Temperatur auf 120 bis 150 Grad Celsius unter Null geschätzt wurde, nach Möglichkeit
vorzubeugen. An Sitz- wie Liegegelegenheit fehlte es in der Gondel nicht. Ihr
Inneres machte sogar einen äußerst wohnlichen und behaglichen Eindruck. An
den Längsseiten der zehn Meter langen und fünf Meter breiten Gondel befanden
sich in einer Art von Schränken die Vorräte von den verschiedenartigsten
Nahrungsmitteln.
Unterhalb der Vorratsräume liefen die Leitungen der elektrischen Apparate für
Heizung und Beleuchtung des Gondelinnern und diejenigen für die Erneuerung
der Luft. Die Fortschritte der technischen Wissenschaften hatten es möglich
gemacht, ganz gewaltige Mengen elektrischer Kraft auf einem verhältnismäßig
kleinen Raume festzulegen. Auf diese Weise nur war es dem Weltensegler
möglich, ohne nennenswerte Mehrbelastung diejenigen Energiemengen an
elektrischer Kraft mit sich zu führen, die in ihrer umgesetzten Form als Licht
und Wärme nicht nur die Existenz der Gondelbewohner ermöglichen, sondern
auch zur Vorwärtsbewegung und Lenkung des Luftschiffes selbst dienen sollten.
Für letztere Zwecke waren am Ballonkörper selbst seitwärts, rechts und links,
Luftschrauben angebracht, die durch die elektrische Kraft von der Gondel aus in
Tätigkeit gesetzt werden konnten. Zur ebenfalls elektrisch betriebenen Steuerung
dienten mit dem imprägnierten Weckerleschen Stoffe bespannte, wagrecht wie
senkrecht einstellbare große, mit Suevitröhren eingefaßte Flächen. Dadurch war
eine Steuerung nach zwei Richtungen hin möglich, horizontal sowohl wie auch
vertikal.
Die in metallene Behälter eingeschlossene feste, kristallinische Luft, im
Augenblicke ihres Kontaktes mit äußerer, gasförmiger Luft sofort sich
verflüssigend und fein zerstäubend, nahm, trotz großer Vorratsmenge, ebenfalls
nicht allzuviel Raum und Gewicht in Anspruch.
So waren die wichtigsten, elementarsten Bedingungen erfüllt, die das
großartige Unternehmen zu einem erfolgreichen Ergebnis führen konnten. Seit
sich der Weltensegler im Freien befand, allen Augen sichtbar, strömte eine
Menge neugieriger Besucher herbei, um ihn zu bewundern, die Erbauer mit
Fragen zu bestürmen und sie um allerlei Auskunft zu bitten. Die Herren Blieder
und Schnabel befanden sich nun endlich in dem ihnen am meisten zusagenden
Elemente. Sie schwammen förmlich in Stolz, Wonne und erhöhtem Selbstgefühl,
waren sie doch in diesem Augenblick die wichtigsten und dank ihrer Intelligenz
als Erbauer auch die angesehensten Persönlichkeiten nicht allein Groß-
Stuttgarts, sondern sogar der gesamten Welt. Ihre Namen waren in aller Munde.
Was konnten sie mehr verlangen? Selten wird einem Irdischen das große Los
zuteil, allgemein mit Hochachtung genannt zu werden. Unter den staunenden
Besuchern des Cannstatter Wasens waren Vertreter aller möglichen Völker erschienen, Gelehrte und Ungelehrte, Hochkultivierte und Halbwilde, Männer,
Frauen und Kinder, war es ja doch seit Monaten schon durch Zeitungen und
Spezialberichte überall, diesseits und jenseits der Ozeane, bekannt geworden,
daß das große, unerhört verwegene Wagnis einer Reise nach dem fernen Mars
anfangs Dezember vom Herzen des Schwabenlandes aus zur Ausführung
kommen sollte. Die Namen Blieder und Schnabel waren daher in den fernsten
Winkel des Erdballes getragen worden als die kühnen Schöpfer des Luftschiffes,
das als erstes die unendlichen Räume des Weltenäthers durchschnitt.
Mit der Zunahme der Besucher stieg die allgemeine Erregung, als der Tag des
Aufstieges des Weltenseglers langsam näher rückte. Nach Hunderttausenden
wurden die Fremden geschätzt, die nach Groß-Stuttgart geströmt waren, um das
in seiner Art einzige Schauspiel zu sehen, ein Schauspiel, von dem noch in den
fernsten Zeiten als von einer wunderbaren Begebenheit gesprochen werden
mußte. Nur persönlich dabei zu sein, den Augenblick des Aufstieges in seiner
ganzen Wucht der Eigenart auf sich einwirken zu lassen, von diesem einzigen
Wunsche waren alle Besucher beseelt. Sie zahlten gewaltige Preise für ihre
Unterkunft. Wer mit dem Geld nicht verschwenderisch um sich werfen konnte,
fand weit und breit in und um Stuttgart herum keine Unterkunft. Nicht nur waren
die Gasthäuser bis unter das Dach hinauf besetzt, nein, auch die Häuser von
Privaten waren gefüllt. Noch niemals hatte Stuttgart mit seiner Umgebung einen
so ungeheuren Fremdenstrom erlebt, wie in diesen Tagen.
Auf dem Wasen selbst war das Leben und Treiben der Menschenmenge
nachgerade lebensgefährlich geworden. Man stieß und drängte sich förmlich.
Überall war ein fürchterliches Pressen und Schieben, dazwischen ein Lachen
und Schimpfen und Wettern in allen Sprachen der Völker. Jeder und jede wollte
so nahe als möglich an den Weltensegler gelangen, an dieses Wunder der
Technik, dieses stolze Erzeugnis wissenschaftlicher Berechnung. Alle wollten
das Werk möglichst genau sehen und betrachten, womöglich auch befühlen und
einen Blick in die merkwürdig eingerichtete Gondel werfen; sollte diese doch für
viele Wochen der Aufenthaltsort der berühmten sieben Gelehrten sein, die ohne
Rücksicht auf ihr Leben die einem Märchen gleiche Reise nach einer andern
Welt unternahmen, einer Welt, die in schwindelerregend weiter Ferne von der
Erde sich befand.
Die Meinungen über das Gelingen oder Mißlingen der Expedition waren beim
Publikum noch immer geteilt. Darüber aber waren sich alle einig, daß das
Unternehmen an Kühnheit und Großartigkeit alles in den Schatten stellte, was
die Welt bisher gesehen, und daß die Männer der Expedition an Mut und
Entschlossenheit nicht ihresgleichen fanden.
So war der 7. Dezember herangekommen, der ewig denkwürdige Tag, an dem nachmittags punkt vier Uhr der Aufstieg des Weltenseglers stattfinden sollte.
Kurz nach Tagesanbruch war Professor Stiller auf der Baustelle erschienen. Die
Herren Blieder und Schnabel befanden sich bereits auf dem Platze und
erwarteten den Professor. Ebenso waren sämtliche am Weltensegler beschäftigte
Arbeiter angetreten. Der Ballon wie die Gondel wurden einer scharfen,
eingehenden Besichtigung unterworfen. Die von Professor Stiller gerügten
Ausstände waren beseitigt. Einige kleinere Anstände, die der Professor da und
dort noch entdeckte, verbesserten die Arbeiter sehr rasch. Nachdem auch das
Kleinste geordnet war, stieg Professor Stiller in die Gondel. Ihm folgten die
Herren Blieder und Schnabel sowie einige der ersten Arbeiter.
Die Taue, mit denen das Riesenluftschiff am Boden befestigt war, wurden
vorsichtig gelöst. Langsam, in stolzer Sicherheit erhob sich der Weltensegler gen
Himmel. Unterdessen hatte sich trotz der frühen Morgenstunde eine Menge von
Neugierigen auf dem Wasen eingefunden, die mit Staunen und lauter
Bewunderung den Bewegungen des Luftschiffes folgten. Hoch oben in der Luft,
kaum noch erkennbar, bald rückwärts, bald vorwärts flog der Weltensegler,
willig der Steuerung gehorchend wie das flinkste Schiff im Wasser. In raschem
Fluge und weitem Bogen zog das Luftschiff über Stuttgart hin, kehrte wieder
über den Ort des Aufstieges zurück und ließ sich langsam und majestätisch
genau auf dem Punkt nieder, von dem es ausgegangen war.
Ein tausendstimmiges Bravo der Zuschauer, wie ein Donner klingend,
belohnte die gelungene Probefahrt. Nun konnte es tatsächlich keinem Zweifel
mehr unterliegen, daß ein so wunderbar schnell fliegendes und leicht lenkbares
Luftschiff wie der Weltensegler den höchsten aeronautischen Anforderungen
genügen, daß die Reise wirklich zu einem befriedigenden Ziele, zu einem
günstigen Ergebnis führen mußte.
Mit Befriedigung verließ Professor Stiller die Gondel. Die Sache war besser
ausgefallen, als er vor wenigen Tagen selbst noch geglaubt hatte. Sein so lange
genährter und auch berechtigter Unmut gegen die Herren Blieder und Schnabel
wich freundlicheren Gefühlen, als er sich von ihnen verabschiedete. Gern
übersah er deshalb auch, daß die Erbauer des Weltenseglers eigentlich nur die
Handlanger bei der Ausführung des Erzeugnisses seiner eigenen Geistesarbeit
gewesen waren, und gönnte ihnen den leicht und billig verdienten Ruhm.
Neidlos überließ er seine alten Schulgenossen dem herbeiströmenden Publikum,
das diese mit Glückwünschen zu dem genialen Bau und der gelungenen
Probefahrt des Weltenseglers überschüttete.
Es ging auf ein halb vier Uhr nachmittags. Ein Meer von Menschen wogte auf
dem Wasen. Von Minute zu Minute stieg die Erwartung, denn bald sollten die
kühnen Weltensegler, die sieben berühmten Gelehrten, Deutschlands und Schwabens Stolz und Zier, auf dem Wasen eintreffen, um in dem Luftschiff mit
dem so treffenden Namen die ungeheuerliche Reise anzutreten. Punkt ein halb
vier Uhr begannen die Glocken aller Türme von Groß-Stuttgart zu läuten. Es war
ein harmonisches, feierliches Konzert, würdig des bevorstehenden ernsten und
zugleich so großartigen Augenblicks. Aus dem Tale des Nesenbachs heraus wie
aus dem des Neckars verkündete der laute, eherne Mund der Glocken das
Hohelied von Mut, von Kühnheit und dem Menschengeist, der sich über den
einengenden Erdenkreis hinaus erhob und sich einen Verkehr mit jenen fernen,
geheimnisvollen Welten anzubahnen anschickte, der seit Beginn der
menschlichen Kultur bis zur heutigen Stunde das hoffnungslose Sehnen und
Wünschen der Edelsten und Besten gewesen war. Jetzt endlich, nach
Jahrtausenden, sollte dieses Sehnen Erfüllung finden, der Verwirklichung
entgegengehen. Kein Wunder, daß die gesamte Welt mit atemloser Spannung
nach der Hauptstadt des Schwabenlandes blickte, wo eine solche Großtat
vollbracht werden sollte.
Nach allen Richtungen der Windrose flogen von dem Cannstatter Wasen die
Telegramme der Berichterstatter. Ein großes Depeschenbureau war für diesen
Zweck in unmittelbarer Nähe des Weltenseglers errichtet worden. Auf dem
Wasen selbst war die Erregung der Massen nachgerade aufs höchste gestiegen.
Die feierlichen Akkorde der Glocken hatten bei der Menschenmenge ein
erhebendes, sonntägliches Gefühl erweckt, und als fünf Minuten vor vier Uhr die
Glocken plötzlich mit einem Schlage verstummten, da herrschte auf dem weiten
Platze die ernste, erwartungsvolle Stille der Kirche.
Die Sonne stand schon tief im Westen. Ihre rotgoldenen Strahlen spielten wie
Abschied nehmend an dem Weltensegler und ließen das gewaltige, kaum sich
bewegende Luftschiff wie mit einem Heiligenschein umgeben erscheinen. Da
ertönten von der Neckarbrücke her Hurrarufe. Sie pflanzten sich fort und wurden
zu einem betäubenden Willkommen. Aus Hunderttausenden von Kehlen stieg
brausender Begrüßungsruf, als die Menge der sieben Gelehrten ansichtig wurde,
deren Namen von Mund zu Mund gingen, und deren Bildnisse in ungezählten
Exemplaren gekauft worden waren. Die Herren vertraten folgende Fächer:
Prof. Dr. Siegfried Stiller, Astronomie, Physik und Chemie,
Prof. Dr. Paracelsus Piller, Medizin und allgemeine Naturwissenschaft,
Prof. Dr. David Dubelmeier, Jurisprudenz,
Prof. Dr. Bombastus Brummhuber, Philosophie,
Prof. Dr. Hieronymus Hämmerle, Philologie,
Prof. Dr. Theobald Thudium, Nationalökonomie,
Prof. Dr. Friedolin Frommherz, Ethik und Theologie.
In einem Autoelektrik sitzend, fuhren die Herren langsam durch die sich vor
ihnen öffnende Menschenmauer der Baustelle des Weltenseglers zu. Ernst und
voll Würde grüßten die kühnen Reisenden die ihnen zujubelnde Menge. Am
Weltensegler angelangt, verließen sie den Wagen, und Professor Stiller bestieg
die in aller Eile und in letzter Stunde noch aufgerichtete Rednertribüne, um von
da aus einige Worte des Abschiedes an die nächste Umgebung zu richten.
„Verehrte Damen und Herren, werte Freunde und Kollegen von nah und fern
dieses kleinen Erdenballes! Die Geschichte unseres Planes ist Ihnen ja allen
bekannt. Heute ist er verwirklicht insofern, als es uns gelungen ist, ein Luftschiff
zu konstruieren, das nicht nur die Atmosphäre unserer Erde mit Leichtigkeit
durchschneiden, sondern auch — und dies ist der springende Punkt — den
Ätherraum selbständig durchfliegen soll. Alle hier in Frage kommenden,
ungeheuer verwickelten wissenschaftlichen Bedingungen, die vorher erfüllt
werden mußten, um unsere Reise nach dem Mars zu ermöglichen, will ich nicht
weiter erwähnen. Dies würde mich auch viel zu weit führen. Aber für meine
heilige Pflicht halte ich es, in dieser Stunde des Abschiedes laut und offen zu
erklären, daß möglicherweise unsere Reise von manchen Faktoren ungünstig
beeinflußt, durch diese „Unbekannten“, die wir hier auf unserm Planeten nicht in
den Kreis unserer Berechnung zu ziehen vermochten, vielleicht auch zum
Scheitern gebracht werden kann. Diese Erkenntnis schützt uns vor
Selbstüberhebung, sie zeigt uns aber auch klar die Gefahren unserer Expedition.
Nicht Leichtfertigkeit, sondern die vorwärts treibende Wissenschaft, der Durst
nach Aufklärung ist es, der uns unser eigenes Leben nicht achten, sondern in den
Dienst der allgemeinen Forschung stellen läßt.
Ob und wann wir uns je in diesem Leben wiedersehen werden, kann heute
niemand von uns sagen. Kommen wir in einer Reihe von Jahren nicht mehr
zurück, so weihen Sie unserm Andenken eine stille Träne. (Allgemeine
Rührung.) Wir sind eben dann die Opfer unseres Berufes geworden. Aber
ebensogut ist es möglich, daß wir Ihnen einmal später von den Wundern einer
andern Welt berichten können. Leben Sie daher alle, alle wohl, und nehmen Sie
zum Abschiede meinen und meiner Kollegen herzlichen Dank für Ihr Erscheinen
hier, für Ihre Anteilnahme an unserm Unternehmen.“
Beifallsstürme brachen los, als Professor Stiller seine Rede beendigt hatte und
nun gemessenen Schrittes von der Tribüne herabstieg. Wieder trat eine lautlose
Stille ein, als die Gelehrten einer nach dem andern in die Gondel stiegen.
Professor Stiller war der letzte, der die Strickleiter zur Gondel hinaufkletterte. Er
winkte noch mit der Hand, dann schloß sich die kleine Tür. Das Klingeln einer
elektrischen Glocke war das Signal zum Lösen der Taue. Der Weltensegler hob
sich. Ruhig, gerade stieg er hinauf in den mehr und mehr heraufziehenden
Winterabend. Kleiner und kleiner wurde der mächtige Ballon, größer und größer
die Entfernung zwischen ihm und der Erde, dann verschwand er vor den Augen
der Zurückgebliebenen, die sich schweigend unter dem machtvollen Eindruck
des Geschehenen nach und nach zerstreuten.
Am Abend dieses bedeutungsvollen Tages gab der hohe Rat der Stadt
Stuttgart zu Ehren der Herren Blieder und Schnabel, der Erbauer des
Weltenseglers, in dem glänzend erleuchteten, prachtvoll geschmückten
Cannstatter Kursaal ein prunkvolles Festmahl. In mancherlei Reden wurden die
Herren als die im Augenblick berühmtesten Männer und hervorragendsten
Leuchten ihrer Vaterstadt gefeiert. Tränen der Freude liefen den beiden Herren
über die gut genährten Wangen, als sie so offen ihr Loblied aus dem Munde der
hochwürdigen Stadtväter singen hörten. Allerdings behaupteten böse Zungen
später, Blieder und Schnabel hätten nur deshalb geweint und nicht mit Worten zu
danken vermocht, weil sie schon zu viel des guten Weines getrunken und den
Zungenschlag bekommen hätten. Aber böse Zungen sind ja immer dabei, wenn
es gilt, die Verdienste anderer zu schmälern.
Beim Festmahle erreichte die allgemeine Rührung ihren Höhepunkt, als den
Herren Blieder und Schnabel auf ihre etwas großen Köpfe je ein mächtiger
Lorbeerkranz gepreßt wurde. Am Schlusse des Mahles verkündete der Herr
Oberbürgermeister der Haupt- und Residenzstadt, daß Herr Architekt Adolf
Blieder und Herr Professor Julius Schnabel auf Grund ihrer Leistungen bei dem
kühnen Bau des Weltenseglers aus dem Stande der gewöhnlichen Bürger der
Stadt herausgehoben und in die kleine Gemeinde der Ehrenbürger versetzt seien.
Die Überreichung der Ehrendiplome unter den rauschenden Klängen des
Stuttgarter Stadtmarsches schloß die erhebende Feier erst um die
mitternächtliche Stunde.