Flöten und Dolche
I Die Komödie
I
Die Komödie
„Und verratet mich nicht,“ sagte Mario Malvolto zu seinen zwei Freunden.
„Laßt sie glauben, ich käme zurück.“
„Du kommst nicht?“
„Ich muß nach Hause. Ich habe Kopfschmerzen . . . Nein, ich will euch
gestehen, ich muß allein sein.“
„Deinen Triumph überdenken. Gute Nacht, glücklicher Dichter.“
„Schlafen wirst du kaum.“
„Wer weiß. Gute Nacht.“
Die andern gingen hinein. Mario Malvolto stand noch einen Augenblick oben
an der Treppe. Hinter ihm verhallte das Bankett zu seinen Ehren. Links und
rechts neigten sich tief zwei Lakaien voll goldener Schnüre. Er hielt seine
schmächtige Gestalt ganz steif und schritt hinab, über den blassen, dicken
Teppich, zwischen den vergoldeten Geländern.
„Diese Eitelkeit muß ausgekostet werden,“ dachte er dabei. „Drinnen
arbeitete ich zu sehr an meiner Rolle. Jetzt beherrsche ich das Erlebnis.“
„Wohin fahren wir, Herr Malvolto?“ fragte der Kutscher.
„Nach Settignano.“
„Warum fragte denn der. Meinte er, ich fahre jetzt noch zu Mimi? O Mimi, du
hinundherwehendes Seidenfähnchen! Bald flattert es dem um den Hals, bald
jenem. Ich hab’ es geküßt, so oft an mir die Reihe war, habe sogar Abenteuer
hineingestickt. Ja, Mimi, kleine Kokotte mit flüchtigen Impulsen, aber ohne Spur
von Größe in deiner Sinnlichkeit, ich habe dir Leidenschaften angedichtet, habe
sie zu meiner eigenen Genugtuung, aus Eitelkeit, aus Sehnsucht, deinen ganzen
Lebenslauf entlang aufgestellt, wie Puppen, die große Gebärden schleudern. Du
warst nur ein Mädel. Adieu, Mimi.
Wir wünschen mehr, wünschen Stärkeres. So etwas wie Mimi läßt sich noch
neben einer Tragödie her lieben. Es nimmt so wenig Herz ein. Meine Tragödie
hat heute abend gesiegt. Ja, ich werde stark. Aber es heißt von den kleinen
Genugtuungen ganz frei bleiben, die schwach erhalten, und die Der verbietet, der
in meinem Zimmer über seine eiserne Schulter hinweg mich herausfordert!“
Nahm dieses enge Florenz kein Ende? Es verlangte ihn auf einmal heftig
nach der Luft von seinen Hügeln, nach der von Öllaub durchschimmerten, von Lorbeer gewürzten Luft, die ihn bitter und sanft auf den Mund küßte. Die
Gassen ließen noch immer ihr nächtliches Echo klappern. Der Schatten von
Pferd und Kutscher stieg die Mauern hinauf und hinab. Dann lichteten sich die
Vorstadthäuser. In die ersten Gärten tauchte das Mondlicht.
„Ich habe den Hügel dort hinten erobert, der mein Haus trägt. Und nicht bloß
ihn — alle diese Hügel hab’ ich erobert.“
Seine Hand formte in der Luft einen Halbkreis; sie glitt über das entfernte
Bild eines Hügels, wie über eine Frauenbrust.
„Dies ganze Land, alle seine Städte, jedes Haus, bis auf das letzte, hab’ ich
erobern müssen. Denn mir gehörte keines. Kein heimlicher Feldweg in keinem
Winkel des Landes kennt mich von meinem Anfang an. Bedenke das heute. Du
bist auf dem Meer geboren, von einer Mutter aus fremdem Volk. Deine tragische
Kunst hat um dieses Land, um jede seiner Ackerfurchen geworben, wie ein
sehnsüchtiger Pilger im Kettenhemd, der aus Inbrunst Blut vergießt.
Jetzt hab’ ich Fuß gefaßt. Jeder in Italien weiß, in welchem Dorf und auf
welchem Tisch das Blatt Papier liegt, das ich mit Zeichen bedecke. Heute Nacht
sind die Besiegten an mir vorübergezogen, ein ganzer Theatersaal, von mir
unterworfen. Was habe ich zu vermerken? Elf Hervorrufe. Die Worte der
Königin. Den Händedruck des Grafen von Turin. Dann das Bankett. Die beiden
Deputierten, das Telegramm des Ministers. Der Bürgermeister redet. Die
Kollegen helfen sich mit Ironie. Was noch? Nichts; keine Frauen beim Bankett.
Keine Frauen — was bleibt von allem also übrig.“
Aus dem Wagen gelehnt, das Kinn in der Hand, sah Mario Malvolto zu, wie
die Blütenbäume weithin in bleichem Lichte schwammen. Vor Ponte a Mensola
meinte er einen Augenblick einen zweiten Wagen zu entdecken, dem seinigen
voraus, in der Höhe. Er war gleich wieder verschwunden. Das Verdeck war
aufgestellt gewesen. Der Kutscher hatte nichts gesehen, und wer sollte die Nacht
auf der Landstraße verbringen.
„Ob sie’s eigentlich wissen, die Frauen, daß alles im Grunde nur für sie
geschieht? Manche tun, als ob sie an den Geist glaubten — an den Geist, das
hilflose Kind, das ohne unsere Sinne nicht stehen und gehen kann. Wir haben
nur unsere Sinnlichkeit; und wem gilt die, wie heißt ihr höchster Preis? O, eine
Sitzung am Schreibtisch ist verschwendetes Werben um die Frau, eine
durchdichtete Nacht ist eine fruchtlose Liebesnacht. Ob sie’s wissen? Was frag’
ich. Ihr Mißtrauen gegen das Talent lehrt mich genug, und ihre Vorliebe für den
Dummkopf, der nur ihnen gehört, und nicht dem Buch. Die Frau und das Buch,
das sind Feinde.
Ein Dichter von zwanzig Jahren, ich kann mich entsinnen, hat ihnen zu viel
zu sagen — darum schweigt er linkisch; sucht zu viel Leidenschaft — das ist den Wesen unbequem, die keinen Rausch kennen als den der Eitelkeit. Ich habe
damals von jeder einzelnen geträumt, so viele in einem Salon saßen, oder in den
Wagen beim Korso. Mit fanatischer Entschlossenheit und fürs Leben hätte ich
mich der zu Füßen geworfen, die mich erkannt hätte. Sie sind nicht so dumm.
Keine einzige fühlt sich berufen, unsere neurasthenischen Überreiztheiten zu
trösten. Sie gesellen sich niemals unsern einsamen Verfeinerungen, sondern
unfehlbar dem wohlgelungenen Typus. Den erhalten sie, das ist ihre
Bestimmung. Sie lassen es, unwissend über ihre Funktion, geschehen, daß wir
schönen Krankhaftigkeiten uns an ihnen zugrunde richten. Sie aber sind von der
Menschheit das Unverwüstliche. Und ich bete sie an, weil ich die Kraft anbete!
Mitten aus meinen Schüchternheiten heraus entführte ich mich damals
plötzlich — mich, und die kleine Prinzessin Nora. Was für eine Überraschung!
Ein Hauslehrer von unbedeutender Gestalt, dem die Damen nicht einmal ein
Paket zu tragen gaben! . . . Ich hatte sie durch eine Tat der Verzweiflung alle auf
einmal erniedrigt. Eine entführte Prinzessin Gallipoli — wer war die, vor der ich
noch die Lider zu senken brauchte. Ach, ich behielt trotzdem immer die
Neigung, zu Boden zu sehen. Jede Frechheit bei Frauen ist mir seither gelungen;
aber zu jeder habe ich mich zwingen müssen.
Man wirft mir Unzartheiten vor, etwas Schlimmeres als Frechheiten. Ein
Klubmann hat sich geweigert, sich mit mir zu schlagen, und ein Ehrenrat hat ihm
recht gegeben. Die Toren, wie könnten sie ahnen, daß meine Unzartheiten aus
meiner Furcht vor der eigenen Zartheit stammen. Ich leide an zu viel Verstehen,
zu viel Bedenken, zu viel Voraussicht des Jammers der andern. Ich habe ganz
das Zeug, als Besiegter zu enden. Welche Selbstvergewaltigung hat es mich
gekostet, die kleine Prinzessin Nora sitzen zu lassen, entehrt, deklassiert. Noch
heute, wenn ich ihr in Rom in der hohen Halbwelt begegne — ich spüre etwas
wie Angst . . .
Hab’ ich nicht oftmals Angst wegen Tina, der großen Tragödin, die an mir
leidet?“
Mario Malvolto warf sich in den Wagen zurück, er spähte erregt nach der
Höhe des fernen Berges, wo dem Mondgrau weiter Laubwellen mondgrau ein
Schloß entstieg. Ein Licht, ein kleines, bohrendes, schwälendes Licht stak,
ähnlich einem Gedanken, hinter einer Baumkrone und verwandelte sie in eine
rötliche Wolke.
„Wo in der Welt wacht sie jetzt? Wie lange schon bin ich ohne Nachricht. Es
ist schlimm diesmal, da sie sich geweigert hat, heute abend die Schöpferin
meiner Arachne zu sein. Habe ich ihr einen Schmerz zugefügt, den ich nicht von
ihr empfangen hätte? Wer ist so kundig im Leiden und im Leidenmachen als wir
beide. Wir wissen, daß wir nirgends so arbeiten, daß wir nie so große Künstler sind, wie beieinander, durcheinander. Und trotz aller Verwünschungen, aller
Erschlaffung und allen Hasses stürzen wir immer wieder aufeinander zu. Es gibt
in der Welt keine Komödie wie unsere Liebe. Hinter allen unseren
Leidenschaften, wilden Gestalten, die von unserm Leben brennen, lauert die
Kunst, ein zweifelhaft lächelnder Kulissenmensch, gierig nach Wirkungen für
eine neue Rolle.
Von Zeit zu Zeit ertappt einer den andern darauf, daß er nur Komödie spielt.
Und plötzlich bricht bei beiden der Ekel aus, und wir prallen auseinander. Aber
vier Monate später erscheinen wir wieder bei der Probe. Das ist
Berufsangelegenheit. Von Liebe hat das nichts — nichts von der Liebe, für die
man als Jüngling die arbeitsamen Nächte durchwacht, um derentwillen man den
Ruhm ersehnt. Denn ich möchte wissen, wozu der Ruhm dient, wenn er nicht
Liebe einträgt . . . Ach, er ist Phantom wie sie. Er entweicht immer weiter, je
hastiger man auf ihn zuläuft. Als ich ganz unbekannt war, hatte er Körper; ein
König, der den goldenen Kranz schwang. Seit ich ihn Fetzen um Fetzen erkauft
habe und genau weiß, wie er hergestellt wird — was kann er mich noch fühlen
lassen. Der Ruhm ist ein von mir weithin ausgestreuter, glänzender Irrtum über
meine Person. Er gilt einem, der nicht ich bin. Über mich darf die Wahrheit
keiner wissen.
Man muß sagen: Dieser Malvolto behandelt Weiber und Leben mit einer
Entschlossenheit — etwas anrüchig ist er. Er ist ein stählerner Daseinskämpfer,
das ist auch die Seele seiner Kunst. Die Größe und die Kraft der Rasse ist
auferstanden in einem Dichter. Man sieht, auch in einer schmalen Brust können
sie sich erheben. Die Renaissance ist, zum Angriff bereit, zurückgekehrt . . . Das
muß man sagen, und darf nichts ahnen von meinen schwarzen Ängsten, von der
Demütigung, die mir jede Frau, jedes große Kunstwerk, jeder gesunde Mann
zufügt; nichts davon, daß ich für eine meiner Seiten, worin das Leben rauscht
mit reichem Blut, halbe Tage seelischen Jammers und hygienischer Übungen
bezahle. Ich will nicht, daß man es ahne. Es steht wohl hinter jeder vollendeten
Schönheit der Schmerz und hat noch den Meißel in der Hand. Sollte ich nicht
stolz sein?
Ich fühle den melancholischen Stolz auf ein Werk, das nicht die Kraft schuf,
sondern nur der Wille zu ihr; auf ein Leben ohne wahre Stärke, das nur
sehnsüchtiger Drang in die Höhe reckt, wie eine Niobe ihre Arme. Ich sehne
mich am Schlusse von allen, die ich gehabt habe, noch heute nach der Frau. Ich
träume noch von ihr wie mit zwanzig Jahren — nur hoffnungsloser. Denn ich
habe sie inzwischen erprobt, und daß sie nie die Gefährtin des Komödianten ist.
Sie ist mir zu ähnlich, was hätte sie mir zu bieten, oder ich ihr. Sie will selber
Applaus. Sie will mit Leidenschaften bezahlt werden: — mir ist sie zu teuer. Ich brauche meine Gefühle, um sie den Leuten vorzuspielen. Ich muß an meiner
Seele sparen, damit andere sich mit ihr berauschen können. Je mehr ich Leben
austeile, desto ärmer muß mein eigenes werden.
Die seltenere Frau aber und die wahre — sie, die sich einfach hingibt, in
unbedachter Leidenschaft; die an nichts zweifelt, nichts verlangt, keinen Beifall,
kein Martyrium; die all ihr Leben zusammenrafft, um es ohne ein Zaudern, ohne
ein Besinnen auf Welt, Ruf, Zukunft in meines zu werfen, mich reich zu machen,
durch mich zu atmen und mit mir unterzugehen: natürlich gibt es sie für mich
nicht. Träte sie auch leibhaftig in meine Tür, das Wunder wäre unvollständig.
Denn in mir, in meinen Tagen, hätte sie nicht Raum: nicht sie selbst, die zu groß,
zu stark wäre; nur die Sehnsucht nach ihr!
Hab’ ich sie heute abend wieder begehrt, auf der Bühne, durch das Loch im
Vorhang, hinter dem mein Platz ist! Hab’ ich sie alle begehrt!“
Mario Malvolto legte den Kopf in den Nacken, stöhnte und schaute tief in
den bleichen Fluß der Sterne.
„Ich kannte fast alle. Ein paar hatte ich besessen, einige andere könnte ich
haben. Wozu. Soll ich sie zu meiner sentimentalen Erziehung und zu meinem
gesellschaftlichen Fortkommen benutzen, wie die kleine Prinzessin Nora, oder
zum Studium von zwanzig verschiedenen Rollen, wie Tina, die Tragödin? Oder
sollen sie arme leere Gliederpuppen sein wie Mimi, und ich behänge sie im
Traum mit Leidenschaften, die weder sie erleben werden noch ich? Sollen sie
zum Schluß dahinterkommen, wer ich bin, und mich beleidigt und voll
Verachtung wegschicken? . . . Man wird müde, die Sterne dort oben mit den
Augen zu pflücken, einen nach dem andern, und am Ende nichts in den Händen
zu halten . . .
So glänzten sie auf den Rängen heute abend.“
Er betrachtete einen großen, reifen Stern.
„Die Linozzo. Ägyptisch platte, lange Nase, lange Augen eng beieinander.
Die Brauen dicht unter der fettschwarzen Haarwelle. Weiter weicher Mund,
feucht, tief gefärbt, beweglich. Sie ist am begehrenswertesten, wenn sie einen
hellglitzernden Fächer an den Mundwinkel hält, oder wenn sie über die Schulter
weg, den Kopf zurückgelegt, aus den Ecken ihrer Augen lächelt . . . Solange ich
in der Loge der Königin war, hat sie immerfort hingesehen. Sie ist ehrgeizig, ich
könnte sie haben.“
Seine Augen hängten sich an andere Gestirne.
„Die Borgosinale. Ein fettes Profil mit hängendem Kinn, wildäugig aus
einem heftigen Wulst braunroter Haare hervor, über einem mächtigen
Hermelinkragen. Das war eine der ersten, die mich hinaufgehißt haben. Auf
ihrem zerstörten Gesicht treffe ich meine Erinnerungen an so viele erlogene Aufregungen. Sie aber war vielleicht ehrlich?
Eine Unmögliche: die Lancredoni. Magere Prinzessin von bräunlicher Haut.
Ein steiler Hals trägt den kleinen, starren Kopf, mit der entweichenden Linie von
Nase und Stirn. Der Spitzenärmel entfaltet sich sehr tief unter der nackten
Schulter, die abfällt, zerbrechlich, rein. Unter den kalten Blitzen ihres Diadems
gähnt die Prinzessin . . . Und heute abend, hinter meinem Vorhang, hab’ ich sie
vergewaltigt! Ich habe zu ihr hinauf triumphiert, wissend, daß ich mehr von ihr
schmecke als der, der sie jede Nacht in den Armen hielte! Was bleibt davon
übrig. Vielleicht ein paar Zeilen, die ich drucken lasse. Aber für mich, in der
Seele? . . .
Die jungen Mädchen! Da saßen sie, ganz nah, und lugten helläugig aus einer
Welt hervor, in die kein Weg führt. Die Cantoggi traf einmal mein Auge, im
Loch des Vorhangs. Ich erschrak tief über diesen Blick, den sie aussandte, ohne
zu ahnen wohin.
Welche von ihnen kommt und nimmt mich bei der Hand und führt mich
heimwärts in ihr Land, wo man stark und mit Unschuld empfindet!
Keine. Denn sie haben selbst nichts Eiligeres zu tun, als die Komödie zu
erlernen. Gemma Cantoggi, das Kind, frisch vom Lande, heiratet den Lanti,
einen Viveur auf dem Abmarsch. Sauber ist das.
Verlangt man von einer, sie solle machen, daß man sich selbst vergißt —
wahrscheinlich darf man auch von ihr nichts wissen? Im Parkett saß eine
Fremde, ein schönes, starkes Profil unter der Samtschleife des großen Hutes.
Eine wehende Kravatte hüllte sie bis an den Mund in rosige Gaze . . .“
Mario Malvolto träumte noch, als er auf den Platz von Settignano einbog.
Der niedrige, flach geschweifte Kirchengiebel war von Mond bläulich gepudert.
Eine einsame Laterne erblindete in der weiten Sternennacht, in deren Mitte auf
seinem Hügel das Städtchen schlief.
Ein Geräusch verlor sich irgendwo. Mario Malvolto sah dahinten in der
langen Gasse etwas Dunkles sich bewegen. Gewiß, es war der Wagen von
vorhin; das Verdeck war aufgestellt. Ein Mondstreif fiel plötzlich darüber; etwas
Weißes hatte sich herausgebeugt. Wo in der Umgegend war dieses Gefährt zu
Hause? Nirgends, sagte der Kutscher. Es verschwand im Schatten.
Sie verließen die Gasse und fuhren ein Stück bergab. Mario Malvolto stieg
aus, machte ein paar Schritte zwischen Hecken, elf Stufen hinan; da stand er vor
seiner Tür. Sie war offen. Sein Diener lag schlafend davor.
Mario Malvolto schritt über ihn weg, er nahm im Vestibül die Lampe vom
Tisch, ging die Treppe hinauf und betrat sein Arbeitszimmer. Auf der Bibliothek
die Frauenbüsten in ihrer schmalen alten Tracht lächelten weiß, verschlossen,
aus steilen Träumen; und auf ihren Stirnen die große Perle schien im Mondlicht an ihrer Kette zu schwanken.
Das Zimmer war so hell, daß Malvolto die Lampe löschte. Er lehnte sich in
die offene Terrassentür. Wie weiß war der Garten! All dies schwere dunkle Laub
über den ganzen Hügelrücken hin und bis unter die Mauer mit ihrem Baldachin
von Steineichen, alles blitzte in bleicher und kostbarer Verzauberung. Als ein
silberner Mantel hingen die Glycinien um die starre, tote Zypresse. Und die
Kamelien in den Tiefen versenkter Büsche bluteten nur wie Geister.
Er sah ins Zimmer zurück, und er erschrak. Einen Augenblick hatte es ihm
geschienen, der überlebensgroße Mensch dort auf der grellen Wand reiße sein
Schwert in die Höhe. Mario Malvolto sagte in Gedanken zu ihm, zu diesem
Bilde, dem einzigen, das täglich auf seine Arbeit herniedersah:
„So finden wir uns wieder. Als ich dich heute abend verließ, war ich
kampfesfroh, gespannt auf einen lauten Sieg oder eine derbe Niederlage. Es ist
Sieg gewesen. Bei Wein und Reden ist er angeschwollen. Ich gehe, seiner sicher,
davon. Ich brauche ihn nur aus der Brust zu ziehen und zu betrachten, nicht
wahr? Und unterwegs, in einer Mondnacht voll gespenstigen Besinnens, wird
eine Niederlage daraus — o, eine stille, blasse Niederlage, und eine schlimmere,
als wäre ich lärmend ausgepfiffen.
Hast auch du einmal einen Sieg, wenn er am lautesten scholl, plötzlich
umwenden und davonfahren gesehen? Krieg und Kunst, das ist dieselbe
übermenschliche Ausschweifung. Kennst du den Ekel nach der Orgie? Antworte,
Pippo Spano!
Da stehst du, aufgereckt, die eisernen Beine gespreizt, das riesige Schwert
quer darüber in Händen, die aus Bronze sind. Du hast schmale Gelenke, bist
leicht, bereit zu Sprung, Jagd, hitzigen Umarmungen und kalten Dolchstößen, zu
Wein und zu Blut. In den Lauten deines Namens selbst geschieht ein Pfeifen von
geschwungener Waffe, und dann ein breiter Schlag. Über deiner breiten Brust
wölbt sich Eisen, um deine feinen Hüften kreist ein goldener Gürtel, auf dem
fröhlichen Blau des Röckchens. Du hast einen kurzen, zweigespitzten Bart, dein
Mund steht gewalttätig heraus aus deinem magern Gesicht, und düster blonde
Locken umzotteln es. Es blickt zurückgeworfen über die Schulter, mit
aufgerissenen Augen, wach und furchtbar. Wenn man länger hinsieht, lächelt es.
Das Übermaß von grausamer Selbstsicherheit bringt dieses Lächeln hervor, das
sich nicht nachweisen läßt, das man nur ahnt, das tief verwirrt, in Grauen stürzt,
fesselt, dem man sich widersetzt, und das man schließlich verehrt!
Da du so ungeheuerlich zu triumphieren verstehst — wie entsetzlich mußt du
manchmal geschlagen sein! Ja! wie mußt du gelitten haben, du und dein Maler,
der so stark war wie du. Große Kunstwerke — dein Leben oder dein Bild —
haben so leuchtende Höhen nur, weil sie so grausige Tiefen haben. Ach, du Türkensieger, verstell’ dich nicht — ich höre dennoch deinen tollen Aufschrei,
wenn ein Schlag dich traf. Ich seh’ dich bluten, wenn ein Freund dich verriet. Ich
versuche den Rausch von Schmerz zu ahnen, den du erlebt hast, so oft eine Frau
ihre spitzen Finger in dein Herz grub!“
Mario Malvolto verschränkte die Arme. Er kam näher, die Augen auf dem
Gesicht des Condottiere. Er flüsterte:
„Siehst du, nach solchem Rausche schmachte nun ich! Ich bin zu
zerbrechlich dafür und zu nüchtern; darum erdichte ich Menschen, die anders
sind. Darum stehst du hier, als mein Gewissen, als mein Zwang zur Größe. Du
sollst mir Überdruß machen an der mäßigen Lust und dem haushälterischen
Leiden, womit wir unzulänglichen Spätgeborenen uns bescheiden. Unsere Kunst
befruchtet sich mit einem mattfarbenen Rokokoleiden, geziert und ohne Größe.
Belanglose Neurastheniker-Geschicke dehnen sich aus über ein bürgerliches
Dasein von siebzig Jahren, währenddessen man täglich für einige Kupfermünzen
Leid verzehrt und für einen Nickel Behagen. Der Künstler gräbt umständlich in
seiner verstopften Seele umher, immer nur in seiner eigenen, und fördert
Traurigkeiten zutage, die er eitel herumzeigt. Mit feindseliger Ironie blinzelt er
über alles weg, was stark ist und in ganzen Farben lebt.
So aber will ich leben! Ich will verschwenden; innerhalb meiner kurzen Jahre
soll meine Kunst mir ein zweites, mächtigeres Leben schaffen. Nichts will ich
wissen von mir, dem Schwachen; er lehrt mich immer noch genug von sich. Ich
will fremde Schönheiten erleben, fremde Schmerzen. Recht fremde. Geopferte
Frauen; Vornehme, die zu viel begehren; Meister, die einen vollen Schmerz an
einem Stück Marmor austoben. Sie schlagen die Gestalten der Hölle aus dem
Block heraus, und ihr Schmerz ist der Wirbelwind, der die Seelen durch
purpurne Finsternis treibt . . . Zu Denen will ich auswandern, in Die hinein, die
noch nicht auf die Launen ihrer Nerven lauschen; deren Schicksal noch nicht in
ihrem armen Blut gefangen sitzt. Nein, draußen in freier Welt erwartet es sie
zum Kampf, und sie dürfen hinstürmen!
In ihr Leben dringe ich ein, wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere
und jähere Welt, wo Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose
Untergänge ausgekostet werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt
und auf einmal stirbt.
Und die Frau, die du lieben könntest, Pippo Spano, die ist der Preis aller
meiner Sehnsucht. Die tritt mir als die Letzte aus der von mir entzauberten Welt
entgegen. Nicht wahr —“
Und Mario Malvolto vergaß sich, er redete lauter.
„Nicht wahr, sie tritt mir entgegen? Glaubst du es, Pippo Spano? Sie tritt —“
Er brach ab: da stand sie.
Sie stand auf der Schwelle des kleinen weißen Salons, den ein paar
Mondstrahlen plötzlich aus seinem Schatten hoben. Sie war selber weiß und
bedeckt mit Mond. Ihr bleiches, kurznasiges Gesicht mit starken Lippen
umrahmten schwere schwarze Flechten. Von ihrer kleinen, schmalen Gestalt,
von Schultern und Nacken lösten sich gestickte Silberblumen bei jedem ihrer
Atemzüge; sie lebten mit ihrem Atem. Sie hob ihren Arm zum Vorhang an der
Tür — und der Ärmel aus lauter Blumenkelchen fiel auseinander in viele blasse
Blätter. Ihr Arm stand darin als Blütenstempel, schimmernd von Mond.
Mario Malvolto war zurückgewichen. Er griff sich an die Stirn. Eine
Sinnestäuschung? Er hatte viel getrunken und noch mehr geschwärmt. Aber sein
Herz ging ruhig und stark, er fühlte sich helleren, freieren Geistes als
gewöhnlich. Wollte das da noch immer nicht verschwinden? . . . Er machte zwei
rasche Schritte darauf zu. Aber es blieb da, es sprach sogar.
Das junge Mädchen sagte leise und einfach:
„Mario Malvolto, ich liebe dich. Ich bin hergekommen, damit wir uns
lieben.“