Flöten und Dolche

Heinrich Mann · Kapitel 6 von 7

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Flöten und Dolche

Drei-Minuten-Roman

Als ich einundzwanzig war, ließ ich mir mein Erbteil auszahlen, ging damit nach

Paris und brachte es ohne besondere Mühe in ganz kurzer Zeit an die Frau. Mein

leitender Gedanke bei dieser Handlungsweise war: ich wollte das Leben aus der

Perspektive eines eigenen Wagens, einer Opernloge, eines ungeheuer teuren

Bettes gesehen haben. Hiervon versprach ich mir literarische Vorteile. Bald

stellte sich aber ein Irrtum heraus. Es nutzte mir nämlich nichts, daß ich alles

besaß: ich fuhr fort, es mir zu wünschen. Ich führte das sinnenstarke Dasein wie

in einem Traum, worin man weiß, man träume, und nach Wirklichkeit

schmachtet. Ich schritt an der Seite einer chiken, ringsum begehrten, mir

gnädigen Dame nur wie neben den zerfließenden Schleiern meiner Sehnsucht

. . .

Wenige Tausende lagen noch in meiner Brieftasche, da öffnete ich sie

unvorsichtigerweise eines Nachts auf einem öffentlichen Ball unter den Augen

eines jungen Mädchens. Sie lud mich ein und ich folgte ihr weitab in ein

kelleriges Haus mit schlüpfrigen Treppen und mit Wänden, von denen es troff.

Ich hatte soeben meinen Rock über einen Stuhl gehängt, da klappte der

Bettvorleger, auf dem ich stand, mitsamt einem Stück Diele nach unten, und ich

rutschte in einen Schacht hinein. Er war ziemlich weit. Ein Vorsprung

ermöglichte es mir, drei oder vier Fuß unterhalb des soeben verlassenen

Zimmers einen Aufenthalt zu nehmen und der Freude einer weiblichen und einer

männlichen Stimme über meine Hinterlassenschaft beizuwohnen . . . Auch das

war eine Perspektive. Es war nicht jene oberweltliche, der zuliebe ich nach Paris

gekommen war. Es war eine aus traumfremder, aus traumschlimmer Tiefe. Aber

ihr eignete etwas Stillendes.

Damals blieb mir kaum noch Drang, wieder ans Licht zu steigen. Übrigens

ging die Klappe in die Höhe. Ich schloß die Augen und ließ mich weiter

hinuntergleiten. Wider Erwarten brach ich nicht den Hals, sondern entkam durch

einen Kanal. Entkam bis nach Florenz — wo ich mir wünschte, den gepuderten

Pierrot zu lieben, der in einer Pantomime des Teatro Pagliano jeden Abend vor

einem Haubenstock in die Knie sank, weil er zu schüchtern war, es vor seiner

Angebeteten zu tun; der sie bekam, betrog, arm machte; der spielte, stahl, und

dem seine kindlich hingetändelten Verbrechen immer schmelzendere Kreise um

seine unschuldigen Sünderaugen zogen. Zuletzt starb er, am Schluß eines etwas

frostigen Apriltages, in all seiner rosigen Verderbtheit, zu den leichten Tränen

einer schlanken, biegsamen Musik . . . Ich wünschte mir, ihn zu lieben. Nur war

er, wenn er die Bühne verließ, eine bedeutende Courtisane und kostete allein den

Conte Soundso im Monat tausend Lire, was in Florenz sehr, sehr viel Geld ist.

Ich ging also zu ihrem Coiffeur und gab ihm meinen letzten Kassenschein dafür,

daß er mich anlernte und mit Schminken und Puder zu ihr in die Garderobe schickte. Meine Dienste befriedigten sie nicht immer; und die erste Berührung

ihrer schönen, vollen und spitzen Hand erfuhr ich in meinem Gesicht. Eines

Abends, als ich ihr eine neue Perrücke aufprobieren sollte, wagte ich mich mit

allem heraus und ward von ihr entlassen. Ich wünschte mir weiter, sie zu lieben

. . .

Unsere Beziehungen entwickelten sich jäh. Der Conte Soundso, von dem sie

tausend Lire bekam, zog sich plötzlich und unter Protest von ihr zurück. Er hatte

bereits den größten Teil seiner Familie unglücklich gemacht: durch ihre Schuld,

wie er vorgab. Auch andere erklärten sich für geschädigt in ihrem Besten, dank

ihr. Nun ward sie selbst von allen entlassen, wie sie mich entlassen hatte; auch

von ihrem Direktor. Bald mußte sie, gepfändet, dem Hospital entlaufen,

verachtet und umhergejagt, sich begnügen mit dem, was auf der Straße zu finden

ist. Und so oft sich noch einer von diesen durch sie ins Verderben ziehen ließ,

erlitt sie selbst dabei die unsinnigsten Schmerzen . . . Dies war der Zeitpunkt, wo

sie mir erlaubte, ihr ein Lager aufzuschlagen in meiner Dachkammer am Ende

der engen und volkreichen Via dell’ Agnolo. Da lag sie nun in den Mondnächten,

den Kopf an der dunkeln Wand, nur die Hände immer unterwegs zu geisterhaft

grellen Schlichen und Windungen, wie kranke, launische Blumen, die nach

Insekten schnappen. Ich saß am Tisch bei einer Talgkerze und schrieb. Es war

eine hallende, glitzernde, stahlblaue Stille in der Weite; und der junge Pierrot

war mondgepudert und sterbensmüd aus seinen Sündenfahrten hergetaumelt,

grad’ in mein Zimmer. Wie ich mir wünschte, ihn zu lieben! . . . Sie schlug den

Blick auf, schmelzend von sanftem Erstaunen über das Schicksal. Sie ließ sich

widerwillig pflegen von mir, suchte dabei immer mit den Augen in mir. Sie

verachtete mich, weil ich noch bei ihr aushielt. Sie begehrte mich, weil sie mich

nicht begriff. Sie hatte manchmal Grauen, manchmal stürmisches Verlangen,

manchmal Haß. Sie quälte mich, ganz glücklich, noch ein wenig böse sein zu

dürfen, noch einen Schatten von Rache zu haben für das, was mit ihr geschah.

Dann weinte sie an meiner Schulter. Und wieder suchten ihre Augen in mir:

warum ich sie noch liebe. Eine Antwort bekam sie nicht. Hatte ich sie doch

niemals geliebt; ich wünschte es mir nur . . .

In einer dieser Nächte starb sie. Ich stieg darauf zur Straße hinab; und die

leere Via dell’ Agnolo entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen

entlang weinte ich in der Finsternis Tränen, auf die ich namenlos stolz war, und

deren Versiegen ich nicht erleben wollte . . . Sie dauerten nicht viel weniger als

eine Stunde: die Stunde, die in meiner Erinnerung das beste, wahrste, schönste

Stück meines Lebens umfaßt . . . Aber ich ward schon matt; — und inmitten der

Scham und des Zornes über mein Versagen fand ich ganz bequem dazu Muße,

um mein Leben zu bangen, weil vor meinem Hause zwei verdächtige Gesellen standen. Ich ging auf sie los, aus Furcht davor, ihnen den Rücken zuzukehren.

Der eine hatte eine zerquetschte Nase, Kalmückenaugen, einen viereckigen

Oberkörper, kurze, krumme Beine. Der andere, in einem dünnen Jäckchen und

mit etwas Schwarzem um den Hals, war schlank, dunkel, außerordentlich schön.

Er setzte sich in Bewegung, kam mit der Hand in der inneren Brusttasche und

den andern neben sich, mir entgegen. Er hatte den Gang der Toten! . . . Ich tat

gebannt und doch mit fliegenden Sinnen noch zwei Schritte. Aus seinem

blassen, dicklippigen Gesicht — ihrem Gesicht — sah ich schon die Wimpern

schwarz herausstechen. Das Heft des Messers erschien in seiner Faust am Rande

des Jäckchens. Mein Tod stand beschlossen auf seinem Gesicht. Auf dem der

Toten. Sie hatten nur eines, denn er war ihr Bruder. Er war mit einem Kumpanen

in die Stadt gekommen, um sie von mir zu befreien; weil er der Meinung war,

daß sie im Getändel mit mir ihr Geschäft versäume und darum den Eltern und

ihm kein Geld mehr schicke.

Auf einmal — fast berührte ich mich schon mit ihrem Bruder — wichen die

zwei mir im Bogen aus, gaben den Weg frei, verleugneten mich und

verschwanden. Ich konnte, halb ohnmächtig, nicht mehr beurteilen, was vorging.

Dann erst hörte ich den Trab eines Dritten, der aus dem Dunkel hervor,

dazwischengetreten war. Es war ein schmächtiger Mensch mit einem Röckchen

über dem Arm, und hatte es sehr eilig, weiterzukommen. Aus Dankbarkeit, aus

Kopflosigkeit, aus Gemeinschaftsgefühl machte ich zwei lange Sätze hinter ihm

her. Er rückte geängstet die linke Schulter, fing an zu laufen. Er lief davon vor

mir; er hielt mich für etwas anderes als ich war. Auch ihr Bruder hatte mich

verwechselt. Und ich habe das Gefühl, als sei der Verkehr von Menschen immer

so ein ratloses und grausames Durcheinander von Irrtümern, wie diese

nächtliche Szene an der Ecke der Via dell’ Agnolo . . .

In Mailand, meiner Heimatstadt, ließ ich mir etwas Geld geben für das, was

ich geschrieben hatte in den fragwürdigen Nächten gegenüber einer Kranken, die

ich nicht liebte. Eine hochstehende, begabte Dame warf sich aus diesem Anlaß

auf mich. Sie sagte, sie suche, seit sie lebe; ihre Existenz sei tragisch; und den,

der dies geschrieben habe, müsse sie lieben. Ich fand im stillen, das gehe nicht

mich an, und war höflich. Ich schulde ihr Dank, behauptete sie; denn niemand

auf der Welt werde mich je verstehen wie sie. Das gab ich nicht zu, sträubte

mich und erkannte meine Schuld nicht an. Ihre Existenz sei tragisch, wiederholte

sie, und ein Sturz vom Felsen von Leukos werde sie enden. Ich war entrüstet,

geschmeichelt und befremdet. Wie kam ich zu solchen Dingen? Ich wollte nichts

von ihnen wissen. Niemandem erteilte ich das Recht, meine Einsamkeit zu

brechen. Die chiken, ringsum begehrten, mir gnädigen Damen meiner Jugend

waren nur mit zerfließenden Schleiern an mir hingestreift. Pierrot war mondgepudert gestorben, wie ein Reflex. Und ein Körper wollte nun hinein zu

mir? Wollte mich heilen? Mir Wirklichkeit verleihen? Mir mein Leiden

fortlieben? Aber alles Interesse an mir selbst hing ab für mich von diesem

Leiden! Jedes kranke Gesicht ist vornehmer als jedes gesunde. Ich war nicht

geneigt, zu sinken. Ich versuchte ihr nahe zu bringen, daß sie sich widerspreche,

wenn sie mich für meine Bücher lieben wolle: denn dies hebe meine Bücher auf.

Es kam ihr nicht nahe; sie wollte ja glücklich sein, also glücklich machen. Was

waren ihr Bücher. Ich fand sie schließlich nur noch dumm und mißhandelte sie

dafür, entschlossen, aber mit dem Vorbehalt, mich dieses Stückes Seele zu

schämen, wenn einst Zeit dazu wäre, und Kunst zu machen aus der Scham . . .

Als ihre Krisis überstanden war und sie anfing, sich loszulösen, holte ich sie

zurück und nötigte sie, meine Freundin zu sein. Es befriedigte mich, sie als einen

Beweis meiner ungebrochenen Einsamkeit vor Augen zu haben . . .

Diese Einsamkeit gleicht einer jähen Windstille vor der Ausfahrt. Eben

klettern noch eine Menge Matrosen rastlos umher an Masten und Schiffswänden,

heben Anker, binden Segel los, spannen sie aus. Im nächsten Augenblick fallen

die Segel schlaff zusammen, das Schiff rührt sich nicht, die Leute rutschen

herab, stehen und sehen sich an . . . Auf diesen Seiten haben sich wohl

ungewöhnliche Sachen ereignet? Meine Lebensstimmung aber ist kahl, als sei

nie etwas eingetroffen. Sind hier etwa die Mitglieder eines hervorragenden

Variétés, dem Publikum zu heftigerer Unterhaltung, sämtlich wahnsinnig

geworden? Ich meinesteils sitze, scheint mir, die ganze Zeit vor einem Grau-in-

Grau-Stück, wo lebenslänglich auf langweilige Art gestorben wird. Was ist

Wirklichkeit.

Wirklich waren vielleicht die Tränen, die ich einst die leere Via dell’ Agnolo

entlang und die kleinen rinnsteinartigen Nebengassen entlang geweint habe, in

einer Nacht, fast eine Stunde. Die Stunde war wirklich. Von einem Leben fast

eine Stunde. Oder wenigstens die erste halbe Stunde war wirklich. Vielleicht . . .

Aber es ist nicht ganz sicher.