Flöten und Dolche
II Das Wunder
II
Das Wunder
Da erkannte er Gemma Cantoggi.
„Sie hier? Aber ein Wort, Contessa, hätte genügt,“ stammelte er. „Ich wäre zu
Ihnen geeilt.“
„Nun bin ich schon da,“ erwiderte sie.
„Aber Sie kompromittieren sich!“
„Nein nein. Wir haben ja ein Landhaus ganz nahe. Man glaubt, daß ich dort
übernachte. Ich verlasse manchmal nachts unser Stadthaus, ich habe solche
Launen. Meine Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist eingeweiht.“
Er sah sie zweifelnd an. Das war die Cantoggi, die den Lanti heiraten sollte,
einen Viveur auf dem Abmarsch; eine der sehr schönen Frauen, die eine Zeitlang
von allen Männern begehrt, von allen Frauen gehaßt werden; um die ein Knabe
Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der Mode tänzeln, und
wenn sie vorüber sind, Unzähligen Glück versprochen, ein paar Geliebten ihr
Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis einiger Alten den Rest eines
berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie selbst? Was erlebten
sie? Er wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des Mannes und den Applaus der
Menge.
Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat
holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten
nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt:
„Aber was führt Sie her?“
„Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto,“ wiederholte sie, und ihre Stimme
zitterte leicht.
„Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie
nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich hätte mich
Ihnen zu Füßen gelegt.“
„Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu dürfen, hätten wir
uns heiraten müssen.“
„Ah!“
Er empfand eine böse Genugtuung.
„Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum Manne wollen!“
Und sie, ohne zu verstehen:
„Sie hätten sich mir versprochen, Mario, ohne zu wissen wer ich bin. Sie
hätten versichert, mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn ich das
merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß jemand darum
weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von der schönen Cantoggi
geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie? Das können Sie nicht.“
Er murmelte:
„Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?“
„Nein, ich glaub’ es nicht. Verzeih! Ich bin eifersüchtig im voraus. Ich
möchte dich einschließen hier!“
Sie trat lebhaft auf ihn zu, in sein Zimmer hinein.
„Und ich könnte nicht ertragen, daß wir uns vor Fremden sehen, uns mit
Zurückhaltung sprechen müßten. Ich möchte vor dir immer — du, ich liebe
dich!“
Sie öffnete, über eine letzte Schüchternheit hinwegspringend, rasch die
Arme:
„Ich möchte vor dir immer nackt sein!“
Ihn überkam eine Wallung; er griff nach ihr.
„Wenn ich glauben könnte, daß du wirklich da in meinen Armen liegst!“
Den Mund auf ihrem Haar, stöhnte er. Die seltene Frau, die mit unbedachter
Leidenschaft ihn reich machen wollte: da war sie, da war das Wunder. Eines der
jungen Mädchen, klaräugig hervorlugend aus ihrer Welt, in die kein Weg führte:
da war es, da war das Wunder.
„Wenn ich es glauben könnte!“
„Du fühlst mich ja,“ sagte sie bebend. „Und daß ich dich liebe, das mußt du
doch fühlen.“ „Ich fühle,“ sagte er, mitleidig mehr mit sich als mit ihr.
„Und du willst mich lieben?“
„Ich will. Ob ich will!“ rief er schmerzlich. Sie fragte, das Gesicht versteckt
an seinem Halse.
„Hast du mich schon einmal schön gefunden? hättest du mich haben wollen?“
„Immer dich!“
Und er wußte, daß er lüge und dennoch aufrichtig sei. Er hatte alle begehrt,
würde immer alle begehren. Aber hielt er nicht alle in dieser? Vielleicht,
vielleicht.
„Auch ich,“ sagte sie und sah groß auf.
„Immer dich!“
„Dann wußtest du, daß du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge
trafest, und wessen Auge?“
„Nein.“
„Nicht? Hast du mich nicht viele Male im Parkett bemerkt?“
„Nein. Ich wußte bis eben nicht, wie du aussahst. Als du eintratest, zögerte
ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein.“
Er war sprachlos.
„Wir haben so lange in San Gimignano gewohnt,“ erklärte sie. „Erst seit Papa
tot ist und mein Bruder in Florenz in Garnison steht, wohne ich hier.“
„Also kommst du, weil ich berühmt bin.“
„Berühmt? Ich weiß nicht. Vielleicht hat man in meiner Gegenwart einiges
dummes Zeug über dich geredet; ich wußte aber nicht, daß du gemeint seiest. Ich
hatte deine Bücher gelesen, aber ohne nach deinem Namen zu sehen.“
Mario Malvolto dachte: „Das ist der Ruhm.“
„Es waren Menschen darin, die ich verstand. Ich sagte mir: so hätte ich
gehandelt, so würde ich fühlen, wenn —“
„Wenn —“
„Wenn ich diesen Mann fände. Bei meinem Verlobten, das wußte ich, konnte
ich davon nichts erleben.“
„Ja, Sie sind verlobt.“
„Ich war es. Ich habe, bevor ich zu dir kam, ihm abgeschrieben.“
„Ich fasse das alles nicht.“
„Es ist so einfach. Heute abend, in deinem Stück, sah ich dieselben Menschen
leben und sterben, die ich aus deinen Büchern kannte. Sie waren heftiger als die
Leute, mit denen ich diniere und Korso fahre. Sie lächelten nicht so viel, und ich
konnte ihnen glauben — weil sie ja starben!“
„Weil sie starben.“
„Zu Hause sah ich nach dem Namen des Verfassers auf den Romanen. Es war
deiner, da fuhr ich her.“
„Da fuhrst du her!“
Er war entzückt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Daß
man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie wollte von
ihm mehr. Er hatte plötzlich Angst zu unterdrücken.
„Glaubst du denn, daß ich bin wie meine Geschöpfe? Ich habe sie vielleicht
geschaffen, weil ich nicht so bin.“
„Aber du hast sie geschaffen. Du mußt sie doch im Herzen getragen haben
. . . Das ist so einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klar geworden. Wenn die
Menschen, die wir lieben könnten, in unserer Welt nicht leben — wenn sie
nirgends leben — suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie erträumt hat!
Warum tun die Frauen das nicht? Es wäre zu dumm gewesen, nicht zu dir zu
kommen.“
„Ich bin nicht so stark . . .“
Es war ihm, als ringe er mit dieser Siebzehnjährigen, als gelte es seine Selbsterhaltung.
„Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held gegen mich. Er hat mehr künstliche
Kraft als wirkliche, ich weiß es, mehr Fechteranspannung und
Douchenlebendigkeit, als Muskeln und Nerven. Aber wenigstens das Äußere
deutet auf einen unternehmenden Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles
zu erwarten.“
„Ich weiß so ziemlich, was ich zu erwarten hätte,“ versetzte sie und schüttelte
die Schultern. Sie ließ sich an seinem Tisch nieder, in seinem Arbeitssessel. Sie
spielte mit Schreibgerät, warf ein Heft mit Notizen zu Boden und stützte den
Kopf in die Hand.
„Als er mich in San Gimignano besuchte, als ich mit ihm im Garten auf dem
bröckligen Aussichtsturm stand, hoch im Epheu und unter uns das blaue Land —
weißt du, wie er mir vorkam? So fremd wie ein Engländer, der das
photographiert. Was ich alles dort gefühlt hatte, was man in sechzehn Jahren
alles fühlen kann am Grunde dieser Nester von Epheu und auf diesen
durchlöcherten, warmen Mauern, bei den Eidechsen — meinst du, er hätte davon
was geahnt? Ich hätte mich geschämt, ihm ein Wort zu verraten . . . Dir —“
„Mir?“ fragte Mario Malvolto und griff mit schlechtem Gewissen nach dem
Geschenk, das sie hinhielt.
„Dir sag’ ich’s!“
Und sie sprang auf.
„Vielmehr, du weißt es schon. Auch du hast so gefühlt, ich hab’s ja von dir
selbst erfahren!“
Er sträubte sich.
„Wir treiben ein verdächtiges Gewerbe, wir Dichter. Wir führen euch Freuden
zu, darum sind es aber noch nicht unsere . . .“
„Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist kokett.“
Und da er eine Bewegung machte:
„Oder glaubst du mir nicht?“
Sie streckten gleichzeitig nach einander die Arme aus.
„Dir nicht glauben!“
Das war unmöglich. Ihr Atem, ihr Blick, die Linien ihres Körpers selbst
verkündeten Wahrheit. Die Linien dieses zarten Körpers, dieser Seele aus
Fleisch, überfluteten ihn, singend vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen, er
wünschte heftig, sie möchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit all dem
Künstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts mehr
fühlen als sie! Welch ein Ziel — und welche Ohnmacht, es zu erreichen!
„Höre,“ bat er, heiser vor Qual, „du täuschst dich über mich, Gemma. Ich bin
nicht so ehrlich wie du. Ich kann es nicht sein.“
„Würdest du das sagen, wenn du es nicht wärest?“
„Ich bemühe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du darfst mich
nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er mag kalt sein — er hat
immer noch mehr gutes Gefühl als ich. Er ist dir immer noch verwandter. Du
hast immer noch mehr von ihm zu hoffen.“
„Ich weiß, was ich zu hoffen hätte.“
„Er mag in deine Kinderträume nicht zurückblicken können. Sei froh, daß
er’s nicht kann. Er wird dich um so gutgläubiger lieben, wie du jetzt bist, wenn
er nicht das Talent hat, in dich hineinzulügen, was nicht mehr ist oder nie war.“
Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich auf die Ottomane, verschränkte
ihre Arme über dem Kopfpolster und stützte ihre Brust dagegen.
„Nicht nur daher weiß ich über ihn Bescheid,“ sagte sie langsam und sah
erweiterten Blicks in das Mondlicht. „Ich weiß es auch von seiner Geliebten.“
„Von der Traffetti?“ fragte er rasch.
„Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das? Sie ist eine große Sängerin und
eine schöne Frau. Ich habe gedacht, sie hat keinen Grund, mir nicht die Wahrheit
zu sagen. Und sie ist die einzige, die sie mir sagen kann . . . Nun, er ist schwach,
er — vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?“
Er prallte zurück. „Hält sie denn mich für einen Stier?!“ Sie deutete seine
Bewegung.
„Ich bin ja kein Kind, ich kann urteilen. Er gebraucht künstliche Reizungen
und Hilfsmittel, verlangt von seinen Maitressen Dienstleistungen, die — die mir
die Traffetti erst erklären mußte.“
„Ah! Ah! Sie hat dir’s erklärt?“
Er dachte: „Ein junges Mädchen, das zu einer Dirne geht, um sich über die
Leistungsfähigkeit ihres Verlobten zu unterrichten! Nein, das hätte ich nicht
erfunden, das erfindet keiner!“
Sie sah ihn groß an.
„Und die — die brauchst du nicht.“
Er gab zu, erstaunt:
„Nein.“
Sie belebte sich.
„Siehst du, du hast mir eben niedrige Begierden zugetraut, ich weiß es,
leugne nicht. Du kennst mich ja noch nicht . . . Das Schlimme ist nicht, daß er
kein starker Mann ist. Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt ihn, sie hat
geweint, als sie es mir gestand!“
„Aber er hat sich neulich für sie geschlagen,“ sagte Malvolto, ehe er’s
bedacht hatte.
„Ich möchte nicht, daß sich einer so für mich schlüge. Er hat die ganze Zeit kalt und ruhig seinen Platz behauptet, seinen wütenden Gegner in Distanz
gehalten — das Auge immer an der Degenspitze des andern — bis er ihn
schließlich treffen konnte . . . Wer eine beleidigte Geliebte rächt, ficht anders! Er
liebt nicht, sage ich dir.“
„Also nicht,“ dachte Malvolto und gab es auf, diesen Bräutigam zu retten. Er
sah zu, wie das junge Mädchen an ihrem Corsage nestelte. Ein paar
Schmuckstücke rollten auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein
wenig blaugeädertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer
Wanderung nach Hause gefunden hat, müde und glücklich.
„Ich werde nie seine Seele zu fühlen bekommen. Deine hab’ ich oft gefühlt.
Ich bring’ dir meine.“
Sie stand auf.
„Und meinen Körper.“
Er stürmte hin zu ihr, stürzte auf die Knie, warf Küsse auf ihr Kleid und ihre
Hände. Er war auf einmal voll durchwärmt von dem Gefühl dieser Seele, die seit
Monaten, an seine denkend, sich aus einem Gefängnis, aus den Schlingen der
Fremden frei machte; die tastete, nachtwandelte, und durch mondbeschienene
Wälder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fand zu ihm! Da war sie, da
trat sie aus dem weißen Zimmer in einem Mondstrahl. Da stand sie, für ihn
erschaffen, unerklärlich ohne ihn. Da lag sie auf seiner Brust, ihn zu erlösen, ihn
in das Heiligtum des Lebens zu retten, ihm langen Atem einzublasen, ihn alles
vergessende Empfindungen und starke Gebärden zu lehren!
„Ich liebe dich, Gemma!“
Sie lächelte nur, die Hände auf seinem Haar.
„Aber ich glaube ja!“ rief er sich zu. „Das Wunder ist für mich geschehen,
ich bin stark genug, es zu glauben, mich von ihm erlösen zu lassen!“
Er sprang auf, legte den Arm um sie . . . Auf einmal überrann es ihn kalt.
„Jetzt glaubst du, Komödiant. Und morgen früh wird deine Sorge sein, was wohl
mit dieser Minute der Gläubigkeit künstlerisch anzufangen ist.“
„Aber ich liebe sie,“ versicherte er seinem Widersacher. „Und sie mich. Bin
ich denn kein Mensch?“
„Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrücke diesmal deinen Effekt,
dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem Kinde. Bedenke —“
„O ich weiß, ich habe ja Angst. Dies ist kein Abenteuer, das man hinnimmt,
aus dem man entkommt, sobald man es müde ist. Es ist kein Haus mit zwei
Eingängen. Es ist ein Felsental, über dessen einzige Pforte Wasser stürzen, wenn
man drinnen ist!“
Er löste widerstrebend die Hände von dem jungen Mädchen. Sein Blick, von
Schmerz verwirrt und über die Wände gejagt, traf plötzlich ins Auge von Pippo Spano. Jetzt lächelte Pippo Spano. Sein fürchterliches Lächeln, das niemals
nachzuweisen gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:
„Ist das die Stärke, zu der ich, dein Gewissen, dich zwingen sollte? Ein Weib
kommt, es betet dich an. Dein Blut reißt dich zu ihr. Und den Bedenken von
Kranken zuliebe schickst du das heiße Leben fort? Tu’s — aber versuche nie
wieder, dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein, wo man
liebt, raubt, und, wenn es sein muß, dafür stirbt!“
Mario Malvolto riß Gemma vom Boden. Alles Blut im Gesicht, gleich einem
Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit weißer Umarmung den Hals zuschnürt,
trug er sie in sein Schlafzimmer.