Flöten und Dolche
III Der Glaube
III
Der Glaube
Mario Malvolto stand allein auf seiner Terrasse und sah den Tag aufgehen.
Gemma war fort, er lauschte auf die letzten Schwingungen des Glücks, das sie in
ihm angeschlagen hatte. Gleich würde es ausgeklungen haben. Wenn sie heute
abend wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von Leidenschaft
— wie fand sie ihn? Er wußte es selbst nicht. Zwanzig Stunden konnten ihn wer
weiß wohin tragen. Er würde eine Anstrengung machen zu ihr zurück. Sie würde
vielleicht gelingen.
„Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht wiedersehen. Das ist
stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und werde sie noch oft begehren . . .
Ich will ihr schreiben. Sie wird sehr leiden. Das wird ein rascher Schmerz
gewesen sein, rasch wie das Glück war. Ist man nicht daran gestorben, so ist’s
eben vorbei. Wäre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu täuschen — das gäbe
lange, lange Ängste, zitternde Wiederbelebungen dessen, was doch sterben
muß.“
Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege, deren Lauben ihn oftmals
bückten, und schrieb in Gedanken:
„Meine angebetete Gemma!
Heute habe ich noch das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend
wiederkämest, wäre es vielleicht schon zur Lüge geworden — zu der ersten von
all den Lügen, mit denen ich unsere Liebe fristen würde. Ich will das nicht, dafür
waren wir eben noch zu stark und zu glücklich. Ich will Dir Dein wahres Gefühl
mit der Wahrheit vergelten, die ich geben kann. Höre, meine Gemma.
Du liebst mich auf immer, nicht wahr? Du bist überzeugt, Du liebest mich auf
immer. Und Du würdest ein Gefühl für nichtig halten, das seinen Tod
voraussieht. Das aber, Gemma, tut meines. O, ich werde Dich in Jahren noch so
heftig zu mir herwünschen, wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kämest Du in
zwei Stunden, vielleicht kämest Du schon zu spät. Vielleicht, Geliebte, bin ich
Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, festen Umarmungen schon untreu
geworden. Wer weiß, ob ich nicht an ein Wort gedacht habe, das diese
Umarmungen zu malen vermöchte? Die Kunst, Gemma, ist Deine Rivalin, und
Du darfst sie nicht leicht nehmen.
Manchmal, wenn du, die Arme geöffnet, in mein Zimmer treten wirst, hält sie mich an ihrer harten Brust.“
Mario Malvolto sah zu, wie eine Traube Glycinien durch seine hohle Hand
schlüpfte, und überlegte: „Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust?“ Er ließ
es vorläufig gut sein.
„Du verstehst mich nicht, ich sehe es voraus. Du meinst, eine Beschäftigung
könne man doch verlassen, wenn eine Frau eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn
heiratetest, würde sein Pferd wegschicken, sobald du wolltest. Ein Börsenmann
würde seine Kunden abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft, die selten stand
hält vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders. Nur sie, der Krieg und
die Macht sind widernatürliche Ausschweifungen, die einen Menschen ganz
wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die verderblichste, sie enthält die
beiden anderen. Sie allein höhlt ihr Opfer so aus, daß es unfähig bleibt auf
immer zu einem echten Gefühl, zu einer redlichen Hingabe. Bedenke, daß mir
die Welt nur Stoff ist, um Sätze daraus zu formen. Alles, was Du siehst und
genießt — Deine Mauern von San Gimignano, über die Deine Kinderträume
huschten wie Eidechsen: mir wäre nicht an ihrem Genuß gelegen, nur an der
Phrase, die ihn spiegelt. Jeder goldene Abend, jeder weinende Freund, alle
meine Gefühle und noch der Schmerz darüber, daß sie so verderbt sind — es ist
Stoff zu Worten. Du selbst wärest einer. Gemma, das ist unerträglich.
Ich werde nicht bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glücklich sein. Ich
werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und auf welche
unerhörte Art ich es ansehen muß, damit ein überraschendes Bild in mir entsteht
und ein merkwürdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares Fleisch — ich
gebrauche ein recht dürftiges Wort: wunderbar — wenn ich es unter meinen
Händen spüre, werde ich nach einem kunstvolleren suchen, nach einem, worin
Dein Fleisch, und nur Deines, ganz gefangen ist.
O, ich werde sehr beflissen sein bei Dir, Du wirst mich oftmals fiebern sehen
vor Gefühl, vor Drang zu Dir, in Dich hinein. Glaube nicht, das sei Liebe! Ich
habe es nötig, mich in Empfindungen hineinzuschwindeln, damit ich sie
darstellen kann. Ich muß in Menschen, in schöne, starke Menschen, wie Du einer
bist, eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit ihnen verdammt
sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen nicht kennen, denn
ich bin keiner; ich bin ein Komödiant.
Denke an alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die dir zulächeln;
denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr betrogen und
werde es wieder tun — in meiner Seele. Und doch sollte in ihr nichts geschehen
als Du! Aber noch Schlimmeres: ich werde Dich mit dir selbst betrügen, mit
einer gefälschten Gemma.
Meine Geschöpfe, die Du liebst, um derentwillen Du zu mir und in meine Arme gestürzt bist, Gemma, sie waren ja alle einmal wirkliche Menschen.
Meinen Wirkungen zuliebe habe ich sie umgelogen. So werd’ ich Dich umlügen.
Ich bin schon dabei. Dieser Brief ist schon das erste Stück Kunst, das ich aus Dir
mache.“
Mario Malvolto hatte Tränen in den Augen. Er litt aufrichtig; aber es war von
Vorteil für ihn, zu leiden. „Mein Brief wird gut,“ sagte er sich.
„Du, Gemma, ein Weib, würdest notwendig Zeiten haben, wo du launisch,
krank und traurig wärest; bei Deinem Geliebten würdest Du Hilfe suchen. Ich
würde sie Dir spenden, zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein
Leiden und mein Mitleiden, beides könnte mir zu statten kommen . . . Ja, wenn
Du stürbest — meine schöne Gemma, ich würde verzweifeln, ganz gewiß. Aber
noch bevor Du ausgeatmet hättest, wären aus meiner Verzweiflung und Deinem
Tod zwei Rollen geworden.
Hasse mich dafür nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der
erleuchteten Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten
Gefühl trennt.
Wie sehr wünschte ich, es wäre anders — und daß das Herzklopfen, das mich
beim Rauschen Deines warmen Blutes befällt, nicht ebensogut den Erregungen
gälte, die aus einem Tintenfaß steigen.
Könnte ich mich Dir auf einmal und völlig darbringen! Alles abdanken, was
ich erworben habe und durch lange Kunst geworden bin; alles vor Deinen Knien
niederlegen! Man sollte von mir nur noch hören, daß ich einer Frau zuliebe
verschwunden bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es überzogen hat, möchte
ich wie einen einzigen Lorbeerhain deinen kleinen Tritten hinbreiten!
All meine Sehnsucht drängt nach den Starken, die das könnten, nach den
Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes Leben
verschlingen und glücklich sterben. Anstatt uns nun trübe zu verlassen, hätten
wir heute früh zusammen sterben sollen, o Gemma!“
Mario Malvolto unterbrach sich.
„Und warum nicht heute abend?“ rief er in den durchglühten Schatten
zwischen zwei Rosenbüschen. „Warum nicht übermorgen, oder jeden andern
Tag, den wir glücklich waren!
Bemerke einmal, Freund, daß du da eine schlicht bürgerliche Niedertracht
begehst! Du möchtest das Mädchen, das du genossen hast, in Bälde los sein. Du
enthüllst ihr geheime Ärmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein Recht
dazu. Da du sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie wie ein
Stück Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast — tu’ deine Schuldigkeit und
bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem der Künstler von früher, die
zwei Frauen gleichzeitig vollauf befriedigten, eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf der ihres Bettes. Im Grunde hast du Angst, diese oder jene
könne deiner Gesundheit schlecht bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder ist
für dich geschehen. Es ist, dieses Wunder namens Frau, aus einer üppigeren und
jäheren Welt, der von deiner Sehnsucht entzauberten, hervor und in dein Zimmer
getreten. Du hast es begrüßt; nun glaube es! Nun glaube, daß es dich erlöst! Und
bist du zu schwach zu glauben, dann stirb doch dafür, ohne deinen Zweifelmut
zu verraten, wie ein Märtyrer, der sich ohne rechte Überzeugung, aber
schweigend ans Kreuz nageln läßt!“
Mario Malvolto entschloß sich. Er zerriß in Gedanken den im Kopf
geschriebenen Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme
verschränkt, vor das Bild des Pippo Spano. Nein, Pippo Spano lächelte nicht.
Vielleicht doch? Aber sein Lächeln war nie so unnachweisbar gewesen.
Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend, und am folgenden wieder,
und an jedem Abend.
Er bedachte, daß der Glaube sich erwerben lasse. Man mußte seine Gebärden
nachahmen, in seinen Riten leben, seine diätetischen Vorschriften befolgen; am
Ende kam er.
Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht der Liebe eine Maske
drückte, zu überwinden, sie am Rande des Bettes abzuschütteln; den eigenen
Geist herumzureißen wie ein Pferd, seine schöpferische Neugier von der ganzen
Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen Ehrgeiz, eine
vollkommene Liebe in sich zu erschaffen.
„Gelegentliche Ausschreitungen,“ sagte er sich, „sind den günstigen
Arbeitsbedingungen des Künstlers weniger gefährlich, als die langsame
Überschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von Alkohol. Ich
werde von jetzt an alle Tage Wein trinken.“
„Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und zwar bei den im Geiste
Ärmsten.“
„Das war ein Fehler,“ gestand er einige Tage darauf. „Denn was dort
gesprochen wird, läßt mir Zeit, zwischen zwei Sätzen eine Novelle zu erfinden.“
Aber aus anspruchsvolleren Häusern kehrte er ebenso unbefriedigt zurück.
„Die zwei Wochen Nichtstun haben mich abscheulich wach gemacht. Alles,
was man als Künstler in Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens
durch einen schönen Anblick, die Erbitterung durch eine Unempfindlichkeit und
die Demütigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmäßigkeit; der Hymnus
bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe Traurigkeit darüber, nicht zu
gefallen, während es doch unser Geschäft ist, zu gefallen — ich erlebe es heftig.
Alles, was die in uns Künstlern wirksamen Instinkte reizt: unsere Rachgier, mit
dem Willen die Natur zu bändigen, der Welt uns aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach Selbstverherrlichung — alles, was diese
Instinkte zu der Ausschweifung reizt, die Kunst heißt, ich merke es unverzüglich
und antworte darauf.
Bleiben wir zu Hause.“
Er versuchte ein Buch zu lesen, um dessen willen, was darin stand. Bisher
hatte er sie nur geöffnet, um etwas Eigenes aus ihnen zu machen. Bei seinem
neuen Verfahren übermannte ihn düstere Langeweile. Darauf ging er spazieren.
Er stellte als Gesetz auf, daß die dunstige Linie der Berge am Horizont keinen
Namen habe; und den silbernen Augen, die das Olivenfeld aufschlug, wenn die
Sonne darüberfuhr, entsprächen keine Worte. Meistens legte er sich inmitten
einer Landschaft unter einen Baum und schloß die Lider, wie ein Kranker, dem
der langsame Atem der Natur Mut machen soll, und den ihr Licht und ihr
Durcheinander nicht erschrecken darf. „Sie wird mich heilen. Ich bin ein
Kranker, ich bin besessen von Kunst.“
Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen, deuchte sie ihm sanft und neu. Die
gute Welt schenkte sich ihm keusch zurück, wie einem Genesenden. Nie war er
ihr so still begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben ihn die
Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von Worten zu beugen.
Jetzt endlich ließ diese Angst ihn los, täglich ein wenig mehr. Die Erde wollte
nicht mehr erobert sein; milde winkte ihm jene Ferne, als Freund drückte ihn
dieser Grashügel an seine Brust.
Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta über Settignano, auf einem braunen
Wege aus Steinen und Nadeln, und schaute in ein Tal, worauf aus raschen
Wolken Lichter schossen. Nun blitzte ein Fluß auf am Rande schwarzer Äcker.
Nun schlug an die steile Wand eines Waldes eine jähe, grüne Flamme. Nun brach
aus der Schattenmasse von Zypressen weiß lodernd ein Haus. Mario Malvolto
genoß das Glück, das alles ansehen zu dürfen, ohne es malen zu müssen.
Auf einmal ward aus dem Licht, das über entlegene Wiesen sprang, eine
Herde traf, einen Fels und einen Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine
Gestalt. Sie kam näher. Sie war weiß und leicht. Sie huschte zwischen das dürre
Geäst drunten am Fuß des Gehölzes, von dem Malvolto herniedersah. Ihm
schlug das Herz; er wußte, wer das gewesen war. Jetzt lebte in den Hainen sie,
statt der Worte, die solange darin gehaust hatten! Im Bach spielten ihre Glieder.
Blitzend trug jener Vogelflug die Sehnsucht nach ihr in eine geliebte Ferne.
„Die Erde ist voll von ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefühl, worin nicht
ihr Atem ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgepränge, nein, in Küsse.
Kein Kunstwerk erschafft sie in mir, nur Liebe. Ich liebe sie, ich liebe sie!“
Er lief nach Haus; er meinte, er müsse sie dort finden.
„Ich bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.“
Er hängte sich dennoch behutsam über die Gartenmauer, sie zu belauschen.
Und sie war da. Sie sprang weiß und leicht aus einem Gebüsch, vom fliegenden
Licht getroffen, wie er sie noch eben an fernen Feldrainen erblickt hatte. Sie
setzte einem jungen Vogel nach; er flatterte auf einen Ast hinter dem Brunnen.
Sie sprang hinauf, sie kreiste, gleitenden Schritts, ohne zu stocken und ohne ihre
Füße anzusehen, auf dem schmalen Rande des tiefen Brunnens. Ihr wehender
Ärmel machte die Zweige erzittern. Und das Licht aus den Wolken schien mit
ihr zu laufen. Sie war selbst ein fremd gefiedertes Geschöpf voll wilder
Schwungkraft, und dieser tiefe Garten lud sie ein in alle seine Verstecke. Sie
streckte schon die Hand aus nach dem kleinen Zeisig . . .
Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war erschrocken; sie hatte seinen
Ruf gehört. Sie schaute um, die Hand als Dach über den Augen. Ein
unterdrückter Jubelschrei, der Schrei eines aufschießenden Vogels, und sie
sprang vom Brunnen. Sie flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach seiner
Hand, ihre Füße suchten die Lücken zwischen den Steinen, und so gelangte sie
hinauf bis zu seinen Küssen.
Ihre Körper, auf den Bauch gelagert, schmiegten sich am Rande der breiten,
warmen Mauer im Halbrund umeinander, wie zwei Eidechsen. Ihre
Liebkosungen waren spielerisch und jäh. Gemma biß, stumm und wild, ihren
Geliebten in den Hals, und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft düster und
haltlos, in den Garten zurück. Sie begehrte dorthin, sie ließ sich hinab und zog
ihn hinein in ihr gewalttätiges Reich, zwischen Sträucher voll roter Blüten, die
alle bluteten und nickten bei dem Fall der ineinander Verschlungenen.
Mario Malvolto meinte zum ersten Male eine Frau umarmt zu haben. Zum
ersten Male war er, und mit ihm die Welt, von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz
in eine starke Frauenseele entrückt worden. Und aus diesen Sekunden eines
Lebens ohne Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung
mit Bitterkeit zurück.
Gleichviel — er hatte geliebt. Gemma hatte ihn aus einem Komödianten zum
Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren lautlos gleitenden Schritten so weit in
die Natur zurückgeleitet, daß er Ahnungen durchmachte! Er, der das Leben
immer nur als Vorwand benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust beben
macht, immer nur Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an nichts
gehangen hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefühl im
Nebenzimmer gesessen hatte, während seine Mutter starb — Gemma hatte sich
ihm aus der Ferne angesagt!
Er war sich kaum bewußt, wie er ihr dankte, mit welchen Worten er sich
glücklich pries. Er überlegte keines und behielt keines; nur den Namen, den er
plötzlich für sie wußte: Santa Venere.
Sie war gekommen, weil sie eine große Freude mitbrachte. Ihr Bruder war
dazu kommandiert worden, seine Leute ins Sommerbiwak zu führen. In drei
Tagen brach er auf, und vielleicht monatelang würden sie ganz beieinander sein.
Gemma bezog jetzt ihre nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor durch die
Nachricht, sie sei anämisch und immer auf weiten Spazierwegen. Welche neuen
Seligkeiten erschlossen sich nun! Durch viele märchenhaft reiche Tage sahen sie
auf einmal hindurch, wie durch lange, grüne Lauben mit Sonnengold
durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz marmornen Galerien ihrer künftigen
Nächte gleißten Wonnen!
Als sie gegangen war, kam er sich plötzlich leer vor, aus einem andern Leben
wieder einmal bitter und leer zurückgekehrt.
Er wanderte unbestimmt suchend durch seine Zimmer. Dort trieb sich einer
ihrer Handschuhe umher und dort zerpflückte Blumen. Ein Werk mit Bildern lag
auf zerknickten Blättern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst trug um
den Hals eine riesige Damenkravatte vom neuesten Geschmack. Malvolto setzte
sich den Hut auf, wie im Café, in irgend einem Raum, wo man zufällig eine
Stunde hingehen läßt. Er war hier nicht mehr zu Hause, er gehörte zu ihr, zu dem
fremden Geschöpf voll gesetzloser Schwungkraft, das herbeiflog, umarmte,
aufflatterte. Sie hatte sich verbündet mit Pippo Spano, um diesen kriegerischen
Zustand herzustellen zwischen seinen Wänden. Auf der erdbeerfarbenen
Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch einmal so entschlossen zum
Sprung. Mario Malvolto fühlte sich dieser fortwährenden Kampfbereitschaft
nicht gewachsen. Er sandte einen trüben Blick in das verwüstete Schlafgemach,
in das Toilettenzimmer, das von Wasser troff. Und nur der kleine weiße Salon,
wo sie ihm in jener Mondnacht zuerst erschienen war, lag unberührt. Sie betrat
ihn nie, er war ihr zu zerbrechlich und zu sanft. Tina, seine große Tragödin, hatte
darin gesessen, wenn sie manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch
kunstreiche Stimmungen mit ihm geschweift war. „Ah! die ließ mir Zeit zum
arbeiten. Was sag’ ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das wirklich so
beklagenswert?“
Er steckte seufzend den Schlüssel in die Schieblade seines Schreibtisches, die
sein begonnenes Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo
Gemmas kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte.
„Mein Gott, wie lange ist es denn her, daß ich geschrieben habe! Ich weiß
nicht mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brächte ich mehr
fertig, ich habe alles Talent verloren!“
Er nahm den Kopf zwischen die Hände.
„Wenn wir fertig sind, das Mädel und ich — wir müssen doch einmal fertig
werden! — wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd’ ich dann brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe.
Ob die ahnt, daß sie mich jetzt schon einen halben Roman kostet? Sie ist
teuer; aber man glaubt gar nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten; was sie
alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist bekannt; nur daß man
Augenblicke hat, wo man’s neu entdeckt.
Ach was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich doch aus der Geschichte.
Ich hatte es vielleicht nötig, einmal wieder etwas Starkes zu erleben; man hat
sonst nur noch Kunst, die sich selbst befruchtet. Was mir das Mädel genützt hat,
werde ich später erfahren. Später . . .“
Und er bewegte, alle Gedanken wegschiebend, die Hand.
„Ich bin ja zu müde. Was ist im Grunde der Glaube, den sie mir beibringt; der
Glaube an sie, das Wunder? Müdigkeit, nichts weiter. Sie nimmt mich zu sehr in
Anspruch, als daß ich noch arbeiten könnte.
Das weiß sie nicht. Ich bin sicher, daß sie das nicht weiß. Sie ist sehr keusch.
Bei ihren starken roten Lippen, deren Küsse saugen; bei ihrem Gang, der einen
beschleicht; ihren Gebärden, die umstricken, ihren Augen, die sie vor
Leidenschaft manchmal verschließt — bei alledem ist sie sehr keusch. Ihre
Augen sind voll der süßen tierischen Reinheit der begehrlichen Frau. Da ihre
Seele immerfort nach mir verlangt, wie sollte es nicht auch ihr Körper. Sie ist
noch aus einem Stück. Sie weiß von keiner Seligkeit ohne Kitzel. Sie meint, um
die Seele zu entzücken, müsse man den Leib berauschen. Hat sie nicht recht?“
Er warf das Manuskript in die Schieblade, vergaß zum erstenmal den
Schlüssel abzuziehen, betrat die Terrasse, atmete tief. Er verlangte schon wieder
nach ihr.
Tags darauf kam statt ihrer ein Brief. Sie sei beim Umzug, und auch ihr
Bruder gebe ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!
Mario Malvolto saß die drei Tage unbeschäftigt, immer zum Aufspringen
bereit, in seinem Zimmer. Vielleicht wollte sie ihn überraschen? Jeden
Augenblick konnten hinten im Garten die Zweige krachen, die sie zurückbiegen
mußte, wenn sie durch das heimliche Pförtchen schlüpfte.
Aber sie kam erst zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. „Wie das
Warten dich aufgeregt haben muß! . . . Und mich!“ sagte sie ehrlich, und fiel ihm
zitternd um den Hals.
In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall gehabt.
„Sag einmal, arbeitest du eigentlich?“
Er wich aus.
„Nein, das möcht’ ich wissen. Wenn ich kam, hast du immer bloß gewartet.
Oft warst du über Land gelaufen. Du siehst vorzüglich aus, besser als anfangs.
Aber ich habe dich noch niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst doch nicht, ich will dich davon abhalten?“
Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am Schreibtisch. „Sie fürchtet, ich
verstecke mich vor ihr, wenn ich dichte; ich enthalte ein zweites Leben ihr vor.
Wenn sie wüßte, wie sehr sie irrt!“
Sie hatte den Schlüssel in der Schieblade bemerkt, sie stürzte sich darauf, riß
das Manuskript heraus.
„Da haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas Schönes!“
Es war das erstemal, daß er sie einen Gegenstand mit Achtung berühren sah.
Sie legte die Blätter wohlgeordnet auf den Tisch.
„Da, setze dich hin!“
„Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du, ich hab’ mich drei lange Tage
nach dir gesehnt!“
„Ich mag dich nicht — wenn du nicht schreibst.“
Er gehorchte. Er blätterte, unklaren Kopfes, in dem Fertigen, besann sich
mühsam auf den nächsten Satz, den er schon gewußt hatte. Er schrieb ihn hin,
dann war’s aus. Wie er aufsah, stand Gemma ganz nackt da, und die Arme halb
erhoben.
„Nun schreibe,“ sagte sie leise, mit Ehrfurcht.
Er saß aufrecht und blaß und biß sich die Lippen. Sie tänzelte; er fühlte sie
wie eine große, sehr weiße Blüte, bewegt von heißem Luftzug, um sich
herschwanken.
„Ich will, daß du von mir Genie bekommst,“ flüsterte sie.
Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles Blut im Kopf. O ja, Genie! Es
schossen plötzlich die Ahnungen unerhörter Schöpfungen in ihm auf, ein wahrer
Urwald des Geistes, glühend von Kelchen, strotzend von Saft, heulend von
Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich hilflos, er bändigte kein Gefühl,
schnitt kein Bild heraus, entdeckte kein Wort. „Das alles wird später kommen.
Später . . .“
Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle der besonnten Terrasse. Sie hatte
rosige Umrisse, und ihre Formen verschleierte eine durchgoldete Dämmerung.
Sie war eine kostbare Muschel; ihr Haar, das sich auflöste, schlug um sie her wie
Algen.
Sie war eine zierliche Nymphe, die kaum erkennbar, so rasch ging es, nur wie
ein Lichtstreif die erdbeerfarbene Wand hinhuschte, einen Augenblick scheu und
wild über seine Schulter lugte, und von der gleich darauf nichts übrig war, als ein
leiser Duft, wie der Rest eines Fabeltraums.
Und plötzlich erhob sich drüben auf dem Rande seines breiten Tisches, das
Haar hoch aufgebunden über dem abgewandten Profil, mit keusch gebogenem
Nacken, eine Hand an der Brust, die andere vor den geschlossenen Schenkeln — die Venus.
„Wenn du nicht schreibst —“ sagte sie schließlich.
Er warf Hals über Kopf hin, was ihm durch den Kopf ging. Sie kam neugierig
herbei, setzte sich auf die Armlehne seines Sessels und schaute zu. Er sah die
Muskeln ihrer feinen Beine spielen und schrieb immer weiter. Was kam darauf
an! Ihn schüttelte eine halsbrecherische Genugtuung. Er fühlte sich auf
schlimmen Gipfeln, über alles hinaus, was ihm einst hoch gedeucht hatte. Die
Kunst? Die steile Einsamkeit der Kunst? Sie, zu deren Ernährung man das Leben
aussog und arm machte, um derentwillen man den Menschen abdankte und
Komödiant ward? Ah! jetzt spielte er Komödie. Aber seine Arbeit, die Arbeit am
Schreibtisch, die Kunst selbst war Komödie geworden, und er spielte sie der
Liebe vor!
Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn zurück, ganz als holte sie ein
Kind heim, das sich lange genug umhergetrieben hatte. Das alles war nur der
Kampf zwischen der Frau und dem Buch gewesen. „Ihr ist er nicht bewußt
geworden . . . Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt hat!“
Sie senkte sich langsam über ihn, zu genußsüchtigen, runden und tiefroten
Küssen. Er war auf einmal in ihr Fleisch eingehüllt wie in eine Duftwolke. Es
war durchtränkt mit Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Und mit
geschlossenen Augen meinte er, die großen, blauen Lilien schlügen für immer
über ihm zusammen.
Zum Essen mußte sie nach Haus. Sie ging ins Toilettezimmer. Und sofort
fühlte er sich tief im Unglück, weil er sie eine Stunde lang entbehren sollte.
„Ich bin unersättlich,“ sagte er sich mit Jubel. „Es scheint, ich werde ihr
niemals unterliegen. Im Gegenteil, sie bekommt mir, ich bin stärker als je. Ich
habe Appetit, ich reite ohne Anstrengung, fechte mit Leichtigkeit. Ich denke an
nichts — ich bin glücklich.
Darin besteht das Glück: Körper zu werden. Was mich überfeinert und
entmenscht hat, war die Phantasie. Ich habe nicht nur die Frau mit dem Körper
geliebt, sondern auch noch mit der Seele die Träume, die ich aus ihr machte. Es
war jedesmal doppelte Arbeit, und mußte mich aufreiben. Jetzt werde ich
gesund. Gemma ist kein Traum, ich selbst bin mir keiner mehr. Ich bin ein
Körper im Gleichgewicht, und froh, einer zu sein . . . Ich liebe sie ohne
Hintergedanken, ohne Sehnsucht, mit einfacher Leidenschaft und so, wie sie
geliebt sein wollte, als sie eines Nachts in meine Arme lief! Ich erdichte nichts
mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen einer schönen Körperlichkeit.
Ich sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als wäre sie gar nicht
hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut ist voll von ihrem Körper, von
ihren blütenfarbenen Armen um meinen Hals, von ihren langen, zart gewölbten Schenkeln, die sich mir öffnen, von ihren getanzten Liebkosungen. Ihre
Gebärden — ich bin ganz behangen damit! Ich, mein Haus, mein Garten, dieser
Hügel: überall hat sie, mag sie auch fern sein, ihre Gebärden hinterlassen, die
wie abgerissene Blütenzweige sind, die ich sehe, greife, und deren Duft ich
einatme!“
Sie kehrte zurück, im Anzug. Sie nahmen so heißen Abschied, daß sie am
Ende wieder halb entkleidet ihm in den Armen lag.
„Ich gehe nicht mehr,“ sagte sie und stampfte auf. „Wir essen zusammen.“
Er führte sie auf die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf deren
Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden Bäumen
schritt, und über einem heftig blauen Meer Galathea helle Glieder wiegte. Sanft
schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken bis unter die Bogen der Halle.
Malvolto nahm vor der Tür dem Diener die Schüsseln ab und trug sie hinein.
„Du bist zu ängstlich,“ sagte Gemma.
„Nein, ich bin eifersüchtig,“ gestand er. „Nicht einmal der arme Alte soll
einen Streifen Fleisch schimmern sehen zwischen den Spitzen auf deiner Brust.
Alles ist mein!“
Sie riß, ohne zu antworten, und die Zähne auf der Lippe, herunter, was sie
noch am Leibe trug. Er stürzte sich mit dem Mund auf ihre Kniee.
„Habe ich dir nicht vorher gesagt,“ murmelte sie mit einem versunkenen
Lächeln, „ich wolle vor dir immer nackt sein?“
Er richtete sich auf.
„Es könnte sein, daß uns Pan zusieht, draußen vom Acker her. Sonst
niemand.“
„Wir wollen’s hoffen,“ sagte sie leichthin und lächelnd.
„Der Bauer arbeitet nicht mehr in dieser heißen Stunde, und sein Feld ist
abgeschlossen. In unserm Garten ist kein Fleck, den man von irgend einem
Nachbarhaus sehen könnte. Ich habe mich überzeugt, ich habe dazu ringsumher
Besuche gemacht . . . Was mich beunruhigt, sind deine Leute. Wie erklärst du
deine langen Abwesenheiten?“
„Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner Gesellschafterin. Soll sie doch einen
Ort erfinden, wo ich wohl sein könnte. Wozu habe ich eine Anstandsdame.“
Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht wußte und Listen
verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Südsturm. Ihm stockte der Atem.
Sie aß die Gerichte hastig, und nachdem sie sie stark gewürzt hatte. Und sie
saß dabei ihm auf dem Schoß. „Das Hauptgericht bleibe ich!“ meinte er.
Er sagte nachher, leicht ermattet:
„Ich werde, um nicht zu verhungern, heimliche Mahlzeiten einlegen
müssen.“
Sie lachte, ohne zu verstehen.
Wie sie in der Frühe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten
feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster, zerbrochen zwischen den
hohen, blaugrünen Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin,
um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte
Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fußwand des
Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am
Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün an Wänden, Estrich und
Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten Renaissance
von Siena, dazwischen der weite Raum halb öde lag, flimmerten unsicher und
rätselhaft die vergoldeten Schnitzereien.
Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bilde kreiste rote Sonne.
„Was ist das?“
Und Gemma streckte die Arme durch die lichtdurchsickerte Dämmerung, wie
ein Meergeschöpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt.
„Das hab’ ich noch nie bemerkt.“
„Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint
einem nur in dieser Morgenstunde.“
„Ich sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit er
Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen, kleine Drachen,
Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen, große Frauen, die Haare voll
reifer, dunkler Früchte, oder die Locken zu Zangen gebogen — Frauen mit
langen, schmalen Brüsten wie Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden Spiele aus
Fleisch, nein, aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer Gewänder,
drehen Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein . . . Ich möchte so
träumen,“ sagte Gemma. „Und dort, in der Tiefe des Säulenkreises steht ein
Lager, da träumt Einer!“
„Das bin ich, Gemma. Weil ich der Einzige bin, der die Köstlichkeiten des
Bildes gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel auf die
Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz! . . . In wievielen
Morgenstunden,“ sagte Malvolto, im Bette aufgestützt, vor sich hin, „in
wievielen, ehemals, habe ich alle meine Träume erscheinen lassen, und alle fand
ich in diesem Bilde angekündigt — und gerichtet.“
Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die Arme ihres Geliebten.
„Scheußlich — nein, das ist scheußlich! Eine Maske — eine Maske mit einer
großen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus Haut: Haut
von einem Gesicht!“
Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie:
„Was soll das heißen?“
„Ich hab’ es immer für eine Erklärung der Kunst gehalten,“ erwiderte er.
„Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Körpers prahlt, und
auf unmögliche Weise sich färbt vom Lauf eines Blutes, das längst gestockt hat
— mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das Leben die
Nüstern bläht und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach dem Leben
selbst. Es war nicht da — für mich nicht . . . Aber jetzt halt’ ich es!“
Sie kehrten aus tiefer Umarmung zurück. Gemma trat noch einmal vor das
Bild.
„Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske
daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir abzeichnen.
Gleich! Komm, hol’ dir Papier!“
Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stöberten umher in den Schiebladen
und stießen schließlich auf das Manuskript.
„Es scheint, es ist nichts anderes da,“ meinte Gemma zögernd.
Er drückte ihr ein Blatt vors Gesicht, so fest, daß ihre Nase es durchbrach.
„Was tust du?!“
„Du weißt nicht, was das ist? Das ist die Haut — die Haut, unter der
scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!“
Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzündete ein wächsernes
Zündstäbchen und ließ die Flamme die geschriebenen Zeilen hinan klettern. Als
sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum
Kamin.
Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie war blaß geworden. Sie
ahnte, ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.
„Was tust du?“ fragte sie nochmals. „Du willst doch nicht dein Werk
verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben — später.“
„Später? Wann?“
Sie wußte es nicht.
„Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es kein Später. Wir lieben uns, und
dann kommt der Tod.“
Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem
sprach er:
„Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort auf dem Bilde sind alle in die
langen nächtlichen Säulengänge verschwunden, die sie früher ausspieen. Statt
aller Träume hab’ ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der Preis aller
meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen —“
„Ja!“
Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch dachte:
„— wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und jähere Welt, wo
Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergänge
ausgekostet werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf
einmal stirbt.“
„Auf einmal stirbt,“ wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte nichts
gehört als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen sie
losließen.
„Ja, so kommt es, ich fühle es,“ sagte sie.
Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und
legte es auf die Feuerstätte. Sie brachte noch eines herbei und noch eines; das
Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in den
engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände den Scheiterhaufen ordneten aus Gedanken, Sehnsüchten, schmerzlichem Ringen
nach Größe — sie trug ein zweideutiges Lächeln, süß und grausam.
Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschränkt. Er sagte sich, voll
selbstmörderischen Frohlockens:
„Ich glaube.“