Frauen
Särö
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um
die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen
eines Eingehens heute.
Ich ziehe mich langsam zurück.
Fahre in der Frühe nach Barsebäck.
Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe Stunde
vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei
Jöns Holgerson.
Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht,
warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen ist.
Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der Tiefe und
ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.
Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und
ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt.
Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.
Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen
an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache
Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.
In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen
der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den Grund.
Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln der
Ereignisse.
In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei
wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem
Feld nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen
bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.
Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und
winden die Garne auf.
Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen
schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein Horn
tutet dreimal leis herüber.
Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit
Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen
abziehenden Wagen.
Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit
meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die
Zahlen 3 — 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.
Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht
trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war
umsonst.
Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht mehr.
Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise
kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie,
Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen, auch
ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen uns finden,
es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.
Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach
Karelen via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit
mehr, seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale
dieses Landes gedrillt wird.
Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem
Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen
Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber mit
einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.
Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man
mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in
Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.
Das ist der Schluß.
Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles
schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.
Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund
herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die Schären.
Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig, ein
guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.
Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her,
wir singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth,
Kallskol, Punsch.
Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, „fahren Sie wohl“, sage ich und
drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse zu singen,
er stößt mir in die Rippen.
Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den Atem
und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.
Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle
nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht
stürmisch, ich liebe es nur.
Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle
Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine
zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf
Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert,
gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit
Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.
Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie die
Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich
lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das Wasser an,
das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien ist ein fabelhaftes
Geglänz.
Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal
Abend. Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit
ihnen.
Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich
noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die
Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal rufen,
so allein ist es.
Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno
Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen
und Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine
Hand ist weniger braun wie die meine.
Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu
blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es ist der
Kuckucksruf.
Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich
später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein Signal,
wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten
wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke Sperlinge aus dem
unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste herunter und schnattert
bösartig, sie liebt mich nicht.
Ich fahre langsam wieder hinaus.
Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt vom
Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten einen
Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu strafen; aber sie
straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es erzählt.
Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat,
wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im
Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor
Wut.
Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: „Sakramentskade fan“. Sofort
sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund
vor Schreck.
Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen
Blumenstock herüber: „Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .“
Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den
Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich,
wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde
an.
Wir wechseln kein Wort.
Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich
Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie
gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem
Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und
Sternkraut und das Riedgras.
Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich
neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich
erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.
Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.
An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt,
ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis,
ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem
Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte,
warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den
Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.
Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.
Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so
genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein
Leben mir zu eigen, ich erlebe sein Leben:
Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt
von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und
Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie
Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig,
allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber
ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.
Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen
entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der
anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im
Mund und schreit: „Hast du ein Streichholz, John?“
Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er
ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen,
ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.
Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer,
fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der
Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.
Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh,
und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die
Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele
meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis
und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer
und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick
stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: „Y tu compagnero?“
Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an:
„Verrückt.“ Ich gehe weiter.
Ich liebe es so — — —
Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt,
keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm
alles sagen von ihm.
Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.
Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.
Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und
den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit
Eidechsen und Grillen.
Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich
stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung
und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke
des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen
einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich
sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das
Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.
Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen,
ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist
kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam,
ich gehöre dazu.
Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern
umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was
kümmert es mich.
Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich
schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die
giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.
Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.
Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der
Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie
kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau
so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.
Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt
in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in
den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe
gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.
Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich
muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.
Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau
und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach
Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er
ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.
Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln,
eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit
Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten
Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief
im Gesang.
Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. „Es lebe Mannerheim, es lebe . . .
der General Mannerheim,“ rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den
Namen nicht.
Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen.
Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser
Adelkranz’ Netz.
Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir
die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und
kommen in einen schönen Takt.
Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen
sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby,
Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und
skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.
Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.
Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs
nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich
suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren
haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir
hereinkamen.
Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die
Hintertreppe des Schlosses.
Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr
viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder
Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht
sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand,
das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.
Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans
Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen
Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.
Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen,
erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.
„God dag,“ rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole
ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen:
„Välkommen.“ Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in
meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin,
aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam,
grüße ihn nochmals.
Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im
Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf
die Schultern, „Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,“ sage ich ihm.
Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt
auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein
Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin
über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch
im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am
Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war
nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe
und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.
Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau,
daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr
rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:
„God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie
ehrfurchtsvoll.“
„Välkommen i Borgeby.“
Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: „Auf solchem
Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag
des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde
erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten
Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,“ wir können nicht
mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig
geworden.
Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der
Ecke.
Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste
Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf
Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst,
Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in
Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout,
gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate,
kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu
Tisch.
Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein
Tautropfen zart, ich grüße sie.
Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier
Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen
herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher,
warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.
Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen,
nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe
Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.
„Sie müssen,“ sage ich, „Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns
im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack
zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein
unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau
schenkte es mir in Bohuslän.“
Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft
mit Cederström.
„Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst
das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.“
Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer
längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem
Cederströmschen Silber.
Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir
sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.
Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und
Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.
Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an
Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den
Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond,
kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke
nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich
überschlage es rasch, warum daran denken.
Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe
Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.
Chopin schwingt ab.
Eine Pause, ein Diener läuft.
Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu.
Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem
Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem
Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond,
anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu
Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.
Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.
Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den
Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht
mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn
nicht zu kränken.
Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die
Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.
Wieder Konzert.
Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen
Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend
nimmt ihre Tönung.
Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische
Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man
zeige ihnen später das Schloß.
Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen
die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.
Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.
Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?
Fest in Borgeby.
Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem
Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender
Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit
klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den
Apfelgarten, wo manches noch blüht.
Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein
Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: „Du kalter
Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.“
Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys
jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige
haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich
beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.
Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. „Zeigt den Wandervögeln das
Schloß“, ruft Cederström von der Mauer. „Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für
alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.“
Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von
ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die
Höhe.
Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.
Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir
wie Reinigung, „Skål“ rufe ich, „Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die
ozeanische Luft“.
Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.
Nun fällt der Tanz.
Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten
Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens
mitten durch die Ebene der Nacht.
Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am
Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis
zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht
eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem
Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle,
wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung
heruntergebracht.
Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie
gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.
Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen
Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit
zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen,
die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.
Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns
sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie
es hört:
„Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe
ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine
siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon
viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.“
Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig
macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken,
vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige
alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er
sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich
bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.
Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:
„Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen,
leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht,
das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln.
Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem
Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem
Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir
vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.“
Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun
unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in
einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.
Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den
Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat
um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am
Mittag um einen Tisch.
Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist
meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer,
man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.
Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist
nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.
Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes,
festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im
Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.
Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen
wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der
Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie
eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.
Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: „Baron, Sie fallen von der
Stange“, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich
hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.
Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.
Polonäse.
Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den
Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar
auf.
Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt
vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was
gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.
In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft
und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend
danach die flaumenweiche Morgenluft.
Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die
Schleifen: Der Diener Cederströms.
Er meldet die Equipage.
Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch
einmal die Equipage.
Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren
dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es
mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den
Wagen, die Koffer kommen langsam heran.
Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne
Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch
Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine
Luft.
Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks
ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit
Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:
„Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby“, sage ich. „Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.“
Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:
„Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und
Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches
Leben, Baron.“
Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um
uns getaut.
Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.
Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.
Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind
noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.
Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den
Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.
Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr,
ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten,
der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen
mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.
Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger
surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir
sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen
anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so
rasch nicht enden.
Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen
immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.
Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist
unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis
zur Takelung.
In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und
der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es
ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und
beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen
und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in
die Schloßen.
Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück,
er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig
schlafen oder speien, er kann tun, was er will.
Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die
Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich
sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle
hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich
heraufschmeißt.
Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe
oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.
Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu,
ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so
glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck
hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.
Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen
Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er
sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.
In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen
vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen
wieder öffne, schreit jemand:
„Die Grenze.“
Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag
taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.
Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hände
irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.
Da macht sich der Mund auf, weit.
Ich schreie.
Ich sehe in dem Schrei.
Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt näher, die Grenze
lockt und schlingt. Ich suche Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann
nichts mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström, ich habe
umsonst gelebt.
Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer, meine Lippe hängt
herunter, ich starre auf das Meer.
Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es tötet
mich, ich reiße die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o
wie ich verblute.
Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern das Blühen gegen
den Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: „Mur“.
Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren Geruch, ich
empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich weiß ihren Vornamen nicht,
immer noch nicht.
Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr über den Körper.
Ich laufe weg, ich suche Cederström. Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar
nicht, wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer allein,
niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das Meer nicht,
was soll ich das Meer beschauen?
Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die Golf spielen, es gibt
keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen weißgekleidete
Männer, das Blau der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.
„Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind wie alle, schöne Frau,“
sage ich lächelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit
einem großen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mächtig und
wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem allem,
die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.
Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.
Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.
Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz
unten am Heck Cederström. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe
von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström, laß mir den deinen, laß
mir die Rückkehr.
Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum dies so plötzlich, es
geht um mein Leben.
Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland, du bekommst einen
anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurück nach
Schweden, hör mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.
Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba,
welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich
alles, es ist zu spät. Ich hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es
in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström, ich bin heute ehrlich
wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber
dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.
Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen Tag vor dem
marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir
gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.
O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederström, die
tödlichen Grüße beim Abschied in Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.
Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewußt . . . . . .
Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström nicht mehr, vielleicht
hat er nie am Geländer gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es
schiebt sich zuviel ineinander.
Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne
brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.
Ich ringe die Hände.
Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich bin am Zerspringen, im
Hals ist eine Starre, hätte ich nur wenigstens Atem.
Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu weinen beginne, ohne daß
ich es will.
Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich
schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar nicht
darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.
Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.
Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es beängstigt mich nicht
mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen,
aber ich weiß es, ich fühle es, es ist da.
Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb,
zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein
Himmel, aber ich bin kaput.
Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun eins
seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).
Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß griff, immer war mir,
ich möchte lieber rücklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken wandern
sehen mit ihren schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe das
immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im Traum, im Schlaf.
Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im
Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich das
kostet?
Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich
habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.
Wie bitter ist mir unter den Menschen.
Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern
zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich setze
das Bein, daß die Hose gut gekantet darum schwingt.
Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur ein
wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.
Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen, ich habe mich nicht
verändert, ich fahre mit Aufträgen zum Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich
keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig, nur
meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das konnte ich nicht
wissen, ich konnte es nicht ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.
Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorüber, wie
leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemüht, ich liebte
Gefahren, war anständig, auch ohne mich innerlich darum zu mühen.
Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering stürzt das meiste von
früher.
Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdüstert, der alles
wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht über mich.
Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da
werde ich noch einmal schwach.
Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst
langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor allen
Passagieren:
„Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.“
Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe sein Auge, er ist
betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lächle wieder. So soll es sein.
Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mißfall
war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der
Orangenschale ausgeglitscht.
Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es mir
an?
Ich zahle alles damit ab.
Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute. Ich büße die Vögel, die
mir eine Lust sind zu hören. Ich büße meine graden Glieder. Und daß, wenn
Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll
war. Ich büße alle Tage mit Frauen und meine schönen Jugendjahre. Auch daß
ich gläubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer
kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.
Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne, die
ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles büßen kann.
O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich bin es nicht gewohnt,
ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt
an den Ufern. Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.
Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf die
Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:
„Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen,
verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren
diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel im Mittag
drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner Gedanke in solcher Aufmachung
gedacht, lache nicht, Cederström: die Pomade ihres Haares.
Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen Gedanken von heut ab:
wie habe ich diese Frau geliebt und wußte es nicht.“
Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederström nicht
halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt:
„Pomade“; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.
Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt sich den Kopf auf, ich
kann es nicht ändern, ich schaue immer nach dem Meer.
Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.
Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfuß mit
Seilen und Tauen. Die Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben
Gegendampf und drehen uns.
Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den österreichischen
Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cäppi. Ich höre die Fahne über mir
knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich, das
Schiff knirscht und stöhnt.
Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich sehe
Cederström fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne
vorbei.
Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schließe den gelben
Koffer auf, reiße die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron
Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es nicht. Ich
schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.
Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reiße die Nähte auf,
ich hebe mich breit in der Höhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer
in die Luft.
Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein.
Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.
Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.