Frauen
Särö
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
mich um: „Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen, die
holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich wenig
ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.“ Ihr kristallenes blaues Auge umfährt mich
ohne Ironie, sieht über mich weg.
Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau
Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und ihre
Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.
Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist
aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe
macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und
weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast werde ich
mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich hinein.
Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und
schwingen sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten
Seitenbucht liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir
sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die
Teetasse fiel zu Boden.
Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen ihrer
drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau von den in
der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des Granitbergs immer eine
Reiterin durch die Luft hinschreiten.
Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit
Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle
ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf der
Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor
entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und
Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.
Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die süße
Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken und
Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den
ich hasse.
Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie den
Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen
bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.
Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.
Almqvist.
Ich gebe ihm die Hand.
Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und
Absichten und Zielen bewußt und klar.
Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.
Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in
den Dampfer.
Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert.
Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der
vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit
Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.
Ich lache: „Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man in
zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.“
Da werde ich verhaftet.
In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit
meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe
wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem
Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte von
mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um
den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.
Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist.
Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie
eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem
Kapitänsverdeck aufgetragen.
Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten Ursteine
vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit singenden
trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt in
gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den von
Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die Eidern stehen
mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg
zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler mit
viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.
Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.
Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage
studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden,
die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht mit vielerlei
Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum Fenster hinaus:
„Halo . . . så ni säger,“ schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte
Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf, geht zum
westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein, einmal in einem Rudel
Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm
zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt, kleine Gärten
durchquert.
Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts, bringt
Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.
Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame
Formen annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die
Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte, verzogen
wie Rosagummi.
Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die
Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei
erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.
Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der
Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl
aufschrein. Ich glaube es bestimmt.
Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist
besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei den
Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze zu
überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer in
den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.
Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der
Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden ewig
exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies
Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster
Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und
Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.
„Es ist Zeit, es ist Zeit,“ sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom Hausdach
richtete, „mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen
und die Heiligenscheine steigen zu lassen.“ Er lachte höhnisch, wir hatten am
Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern. Wir kannten jeden
einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer Gesandtschaft und
amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.
Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In
Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach
seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem
Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den
ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer
Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die
Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit
zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere staatenlos, der
andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister,
daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms, nach
Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten, Telefonen.
Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter vor
der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug, alle
Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben
vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine Mondänen da.
Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im
Sand, von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen,
mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.
Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie
zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der
Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante
Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren,
im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.
Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:
Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen:
Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein
Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit:
„Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.“ Beider Augen messen sich:
wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die
Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen
Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein,
lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben
sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die
Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu
Diensten fängt.
Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.
Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine
Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen.
Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind
bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen
haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die
Karten fluschen.
Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von
Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe
brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern,
ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des
Eßdrucks gehn als Tip.
Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn
die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch.
Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine
Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf
zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert,
das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als
Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen,
Salvarsanschmuggel.
Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig
nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten,
innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker,
Minenexplodeure.
Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück.
Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die
Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris,
Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter,
Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. — — —
Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer
weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir
trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und
Notizen. „Siebentausend Moslemin,“ knirscht Ek ironisch. „Viva el Peru“ rufen
wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: „Happy day, ha—a—
a—ppy day — —. When Jesus washed my sins away.“
Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester Stimmung,
unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe
gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der Fjords
wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern gewölbte Schatten liegen
vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel
vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.
Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist
aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab, die
Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue
Seligkeit der Luft:
„Ha,“ sagt Almqvist, „was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel . . .
Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen,
was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in das Chaos. Ha
. . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren Bettwärmern, ihren
Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht verflucht durchs Ganze.
Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!
Aus für uns.
Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in verlogenen
Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . . i, Nachdenken Ek.
Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend vor
Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände, Salbenhaut, die in Kissen
feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt
. . . betrügt Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein,
auch die Gazellen werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für
andere Jagd. Ob die Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für
diesmal die Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in
den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.
Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den
Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn
genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts ist das
aber vorderhand für uns.
Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden
entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen
nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen
Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur im
Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird
dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem
schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen verwesten
Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde hat . . . hat ein
elefantisches Toben angenommen.
„Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei
der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.“
Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer wieder
auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht fassen. Er
bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den
Augen.
Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich
ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben und
solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor seines
Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann vergesse ich
es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll
Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht tauschen, ich höre
nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit den Herzschlag des Meeres
herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.
Alles erfüllt es, alles beglückt.
Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht
nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu
viel. Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am
Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.
Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen
Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu erreichen,
ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott,
warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?
Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.
Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im
Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in die
Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen Sternen
durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die Möven rennen
tief nach dem Wasser zu.
Almqvist legt den Finger an den Mund.
Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen,
entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.
Ich liege auf dem Hausdach.
Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann
schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken
einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an.
Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.
Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die
Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.
Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung
entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen,
die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet.
Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten
auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner,
unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn
mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er
benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein,
versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen,
verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.
Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke
kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt „ja
schaugts“, schon heben sich die Beine, manche springen auf.
Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit,
es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er
unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine
Hüfte:
„Frauen“, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: „Sie
haben wenig Frauen, meine Herren“, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen
Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes
Gesicht immer erblicke. „Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die
kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes
Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.“
„Dinieren Sie“, ruft mit steifem Blick der Engländer.
„Frauen“, sagt Almqvist. „Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse
bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter
Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom
Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann
können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei
jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist
es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf
Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die
Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit
unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche
Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen,
folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe
der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen,
göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen
Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese
Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von
ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute
viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null.
Französinnen. Ich diniere als Hors d’oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist
ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein
gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das
Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel
Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial
verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein
Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für
seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist’s Demut, ist’s Glückliche
Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter
Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte
und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin
leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen,
aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein
wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders
überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber
nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.“
Er hat den Blick fest in dem des Engländers.
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit steifem Blick.
„Ich diniere voll Vergnügen“, sagt Almqvist. „Ich ziehe es vor,
Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern,
feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone
hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie
kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und
Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint.
Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie
komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren,
sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse,
ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das
Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der
Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es
braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem
Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen,
die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen,
wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen
widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf „Werben“,
„Sicherringenlassen“, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht
und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu
sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren
an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne
Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht
als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst.
Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine
Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu
Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des
Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch
manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie
erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam
anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd,
sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach
der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die
Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch,
meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja
männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu
imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die
verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden
nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf
von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie
instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und
Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich
um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und
Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert,
Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht
totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo.
Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der
Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig,
Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs
Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren
schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und
dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von
Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man
ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut
und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu
sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut
verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht
so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das
ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind
von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten
Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den
Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie
Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat,
sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune
Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut
stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich
nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee
und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika,
Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen,
ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös,
man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch
reinlicher erhält das Gemüt.“
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum
Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog
das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!
„Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar
geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale
Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem Stahl.
Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit ihnen erreicht, daß
man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist
Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das
Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen Sentimentalität und
zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst
beginnen sollte. Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen
Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner, französischen Rotis und Rheinwind. Die
anderen verstehen die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und
Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich zugleich nach
Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort, Chablis. Sie haben nicht
Reizsinn, das macht, daß die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne
Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die
Rede mehr ist, geht bei der Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese
Atmosphäre auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein
verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt
aus der Morgenröte, dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst
den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt
modert dies Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh,
heiser, in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder
steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken
vor Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt’s spielerische Abarten,
Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd um
die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf
immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen,
Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem
Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt,
riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber
sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den Hals,
ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen,
Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier, weil sie
selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie selten und dazu sehr gut“.
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer.
„Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur
Tafel“, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah den
Rufer. „Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch,
wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche Europa
angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt’s
aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein
Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste, was es gibt:
Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie serviert. Internationale
Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und
Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und Künstler in
Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die herrlichste Jerichospeise nicht
fehlen. Man wird immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen,
den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind
sie einfältig, fast primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für
einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz,
dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte — — das fließt
fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig entdeckt,
man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber erfahren hat, läßt
nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben
überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto, etwas
betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren ruft sie „Säufer, du Protz“, man
steht eine halbe Stunde auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von
dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr’s, und findet keinen Zug, keine
Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ
geschichtet, chinesische und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl:
runde, ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische
Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen
Ragouts bis zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien
wird uns als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des
Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und
Silberhimmel sind in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer
wieder da zu Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich
nicht mit den Suppen, man will endlich einmal über die Hors d’oevres hinaus, zu
Forelle und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika,
portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und
Brüsseler Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie
auf Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines
Potpourri von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer
nach Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die
wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die
palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.“
„Dinieren Sie. Dinieren Sie,“ schrie der Engländer.
Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: „Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel,
ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.“
Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit
dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden
ausgewichen.
In der Dämmerung lief er drei Sätze.
Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine Segelyacht
kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie sprangen beide
hinein.
Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am
Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac . .
tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der
Verwirrung der anderen zurück.
Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine
Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die Granitfelsen
der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am Fenster,
wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz hingehen, die Düfte immer
stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen
schwer und flaumig in die dichte Stille.
Um zwei Uhr kam Krassin.
Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner
Unterredung mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen,
betäubt, in einen hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine
Segelyacht gesetzt. Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ
die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt,
unterschrieben, wie das Original.
Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las es,
ging zu Bett, schlief ein.
Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen
der Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin
zu unterhalten, „Englishman?“ frug sie mißtrauisch, die Hand in Almqvists
Genick.
„Allright.“
Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht. „By
Jove,“ sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.
„Hallo cap, hallo cap,“ murmelte der Franzose und stierte ins Wasser.
Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz
hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung,
indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land noch durch eine
Ruderwelle bespritzten.
Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der
Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in
Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.
Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen, von
der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war
verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.
Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es
wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und gejagt.
Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das
Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im Wind
lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach
London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das wichtigste
Papier, hielt es in der Hand.
Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein.
Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das Papier
ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen.
Meine Handlung!
Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich. Ich
schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des
Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen
Menschen.
Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg.
Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.
Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand
und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz,
der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen
der Spionagezentrale.
Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.
Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus
Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht
hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel
fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht um.
Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und
Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als die
helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und
ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.
Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.
Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.
Er war nicht mehr da.
Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich
habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken
steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das
königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des
Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an
seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie
bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in
dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.
Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den
Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm,
auch wenn er anders spricht. Ich sage: „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister,
ich trinke gerne auf Ihr Wohl.“ Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und
Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln.
Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach
Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.
Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas
sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der
Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach
Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein
französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.
Ich habe es dreimal.
Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am
gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der
Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.
Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur
Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über
alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in
ihr bin.
Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch
meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches
pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr
den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert,
während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus,
die sie nach meinem Handgelenk sticht. „Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima
Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich
brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich
mit dir zu Musik.“ Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das
Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.
Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun
sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind
und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz
ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht
sich, eine: Siv.
Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen
habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?
Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.
Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die
Unwahrheit: „Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen, Siv
. . . inte . . . inte . . . .“
Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten
Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem
Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der Straße
hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.
Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: „Mittags sprach Per
Geyer vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner
Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die
Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen
fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide
aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich weiß ihren
Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.“
Ich schließe die Jalousie.
Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre, irgendwie
über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die weißen,
dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles
vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.
Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine
glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die
Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre Kungsträdgården
brausen.
Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert von
noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des Södermalm?
Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt mein Körper
noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch dies verliert man
nicht.
Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich
ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe,
wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön gestaltet der
Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege mich lange vor
ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.
Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe
verkauft in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die
ich betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in
Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh
mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer von
deinem Anblick.
„Ich liebe Ebba, Siv,“ sage ich plötzlich, „ich sage es nur, wenn du schläfst.
Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du
beglückst mich.
Jene ist Pein.
Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der tiefsten
Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei denen das
Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt
mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr, Hauch der Obstbäume,
die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die unteilbare Wucht des
erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe für
dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd bleibt, du lebst dann gut . . .
Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht. Das
preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die
Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein leiser Aufschrei,
dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe sie nicht einmal
umarmt. Nicht einmal dies Geringe.
Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie
vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie
kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das Auto, das
auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt, das silberne
Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst, die atmet — — —
alles, besinnungslos dasselbe.
Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.“
Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange
schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr
gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.
Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern . . .
Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war
einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder als
Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist das eine
so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch,
kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt aus dem
hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher Herrlichkeit und aus
ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und
zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur letzten Sekunde im
Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene unergründlichen Pas
tanzend, die unvergeßlich betäuben.
Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener Studenten.
Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich
lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt, er hat
einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die kleinen überlegenen
Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee,
wir trinken ihn mit Himbeer.
Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen