Griechischer Frühling

Gerhart Hauptmann · Kapitel 1 von 6

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Griechischer Frühling

Wagenlenker aus Delphi

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The Project Gutenberg EBook of Griechischer Frühling, by Gerhart Hauptmann

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Title: Griechischer Frühling

Author: Gerhart Hauptmann

Release Date: September 18, 2018 [EBook #57928]

Language: German

 

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Wagenlenker aus Delphi

(Nach einem Gipsabguss des Bronce-Originals)

GERHART HAUPTMANN

GRIECHISCHER

 

FRÜHLING

 

1908

S. FISCHER / VERLAG / BERLIN

HARRY GRAFEN KESSLER GEWIDMET

Ich befinde mich auf einem Lloyddampfer im Hafen von Triest. Zur Not haben wir in Kabinen zweiter Klasse noch Platz gefunden. Es ist ziemlich ungemütlich. Allmählich läßt jedoch das Laufen, Schreien und Rennen der

Gepäckträger nach und das Arbeiten der Krane. Man beginnt, sich zu Hause zu

fühlen, fängt an sich einzurichten, seine Behaglichkeit zu suchen.

Eine Spießbürgerfamilie hat auf den üblichen Klappstühlen Platz genommen.

Mehrmals ertönt aus ihrer Mitte das Wort „Phäakenland“. Erfüllt von einer

großen Erwartung, wie ich bin, erzeugt mir Klang und Ausdruck des Wortes in

diesem Kreise eine starke Ernüchterung. Wir schreiben den 26. März. Das

Wetter ist gut: warme Luft, leichtes Gewölk am Himmel.

Ich nahm heute morgen im Hotel hinter einer sehr großen Fensterscheibe mein

Frühstück ein, als, mit einem grünen Zweiglein im Schnabel, draußen eine Taube

aus dem Mastenwalde des Hafens heran und nach oben, von links nach rechts,

vorbeiflog. Dieses guten Vorzeichens mich erinnernd, fühle ich Zuversicht.

Wir entfernen uns nach einem seltsamen Manöver der „Salzburg“ von Triest.

Die Gegenden sind ausgebrannt. Alle Färbungen der Asche treten hervor. Der

Karst erscheint wie mit leichtem Schnee bedeckt. Viele gelbe und orangefarbene

Segel ziehen über das Meeresblau. Die Maler sind entzückt und beschließen, zu

längerem Aufenthalt gelegentlich zurückzukehren.

 

Es ist jetzt fünf Uhr. Seit etwa zwei Stunden sind wir unterwegs. Beinweiß zieht die nahe Strandlinie an uns vorüber. Wir haben zur linken das flache

dalmatinische Land, ausgetrocknet, weit gedehnt, in braunrötlichen Färbungen.

Beinweiß, wie von ausgebleichten Knochen errichtet, zeigen sich hie und da

Städte und Ortschaften, zuweilen bedecken sie sanftgewölbte, braungrüne Hügel

oder liegen auf dem braungrünen Teppich der Ebene. Mit scharfem Auge

erkennt man fern weiße Spitzen des Velebitgebirges.

Allmählich werden diese Bergspitzen höher und der ganze Bergzug tritt

deutlich hervor. Er ist schneebedeckt. Den Blick hinter mich wendend, bemerke

ich: die Sonne steht noch kaum über dem Wasserspiegel, ist im Untergang. Der

Mitreisenden bemächtigt sich jene Erregung, in die sie immer geraten, wenn die

Stunde herannaht, wo sie die Natur zu bewundern verpflichtet sind. Bemühen

wir uns, wahrhaftig zu sein! Der großartige, kosmische Vorgang hat wohl die

Seelen der Menschen von je mit Schauern erfüllt, lange bevor das malerische Naturgenießen zur Mode geworden ist, und ich nehme an, daß selbst der

naturfremde Durchschnittsmensch unserer Zeit, und besonders auf See, noch

immer im Anblick des Sonnenunterganges auf ehrliche Weise wortlos ergriffen

ist. Freilich hat sein Gefühl an ursprünglicher, abergläubischer Kraft bis auf

schwächliche Reste eingebüßt.

 

Nach durchaus ruhiger Nacht setzt heut gegen fünf Uhr Vormittag Wind aus nordöstlicher Richtung ein. Ich merke, noch in der Kabine, bereits das leichte

Stampfen und Rollen des Schiffes. Als erster von allen Passagieren bin ich an

Deck. Ein grauer Dunst überzieht den Morgenhimmel. Das Meer ist nicht mehr

lautlos: es rauscht. Schon überschlagen sich einzelne Wogen und bilden Kämme

von weißem Gischt. Im Südosten beobachte ich eine düstere Wolkenbank und

Wetterleuchten.

Die „Salzburg“ ist ein kleines, nicht gerade sehr komfortables Schiff. Die

Matrosen sind eben dabei, das Deck zu reinigen. Sie spritzen aus einer

„Schlauchspritze“ Wassermassen darüber hin, so daß ich fortwährend flüchten

muß und auch so jeden Augenblick in Gefahr bleibe, durchnäßt zu werden. Es ist

kein Tee zu bekommen, trotzdem ich, wärmebedürftig wie ich bin, mehrmals

darum ersuche. Die Einrichtungen hier halten einen Vergleich mit dem

norddeutschen Lloyd nicht aus.

„O, Tee, in eine Minute fertig“, wiederholt der Steward eben wieder, nachdem

etwa anderthalb Stunden Wartens vorüber sind.

 

Jetzt 7½ Uhr; volle Sonne und Seegang. Unter anderen Wohltaten einer Seereise ist auch die anzumerken, daß man während der Fahrt die ruhige und

gesicherte Schönheit der großen Weltinseln wiederum tiefer würdigen lernt. Das

Streben des Seefahrers geht auf Land. Statt vieler auseinanderliegender Ziele

bemächtigt sich seine Sehnsucht nur dieses einen, wie wenige notwendig. Daher

noch im Reiche des Idealen glückselige Inseln auftauchen und als letzte

glückselige Ziele genannt werden.

Allerlei Vorgänge der Odyssee, die ich wieder gelesen habe, beschäftigen

meine Phantasie. Der schlaue Lügner, der selbst Pallas Athene belügt, gibt

manches zu denken. Welche Partien des Werkes sind, außer den

eingestandenermaßen erlogenen, wohl noch als erfunden zu betrachten, vom

Genius des erfindungsreichen Odysseus? Etwa die ganze Kette von Abenteuern,

deren unsterbliche Schönheit unzerstörbar besteht? Es kommen zweifellos

Stellen vor, die unerlaubt aufschneiden; so diejenige, wo die Charybdis das Wrack des Odysseus einsaugt, während er sich in das Gezweige eines

Feigenbaumes gerettet hat, und wo das selbe Wrack von ihm durch einen Sprung

wieder erreicht wird, als es die See an die Oberfläche zurückgibt.

Die Windstärke hat zugenommen. Hie und da kommt ein Sprühregen über

Deck. Regenbogenfarbene Schleier lösen sich von den Wellenkämmen. Rechts

in der Ferne haben wir italienisches Festland. Ein kleines, scheinbar flaches

Inselchen gibt Gelegenheit, das Spiel der Brandung zu beobachten. Zuweilen ist

es, als sähen wir den Dampf einer pfeilschnell längs der Klippen hinlaufenden

Lokomotive. Weiße Raketen schießen überall auf, mitunter in so gewaltigem

Wurf, daß sie, weißen Türmen vergleichbar, einen Augenblick lang stillstehen,

bevor sie zusammenstürzen.

Ich lasse mir sagen, daß es sich hier nicht, wie Augenschein glauben macht,

um eine Insel, sondern um eine Gruppe handelt: die Tremiti. Der freundliche

Schiffsarzt Moser führt mich ins Kartenhaus und weist mir den Punkt auf der

Schiffskarte. Auf den Tremiti halten die Italiener gewisse Gefangene, die im

Inselbezirk bedingte Freiheit genießen.

Ein Dampfer geht zwischen uns und der Küste gleichen Kurs.

Allmählich sind wir dem Lande näher gekommen, bei schwächerem Wind und

stärkerer Dünung. Das Wasser, wie immer in der Nähe von Küsten, zeigt

hellgrüne Färbungen. Es gibt schwerlich eine reizvollere Art Landschaft zu

genießen, als von der See aus, vom Verdeck eines Schiffes. Die Küsten, so

gesehen, versprechen, was sie nie halten können. Die Seele des Schauenden ist

so gestimmt, daß sie die Ländereien der Uferstrecken fast alle in einer

phantastischen Steigerung, paradiesisch sieht.

Vieste, Stadt und malerisches Kastell, tauchen auf und werden dem Auge

deutlich. Die Stadt zieht sich herunter um eine Bucht. Den Hintergrund bilden

Höhenzüge, die ins Meer enden: zum Teil bewaldet, zum Teil mit Feldern

bedeckt. Durch das Fernglas des Kapitäns erkenne ich vereinzelt gestellte

Bäume, die ich für Oliven halte. Eine starke, alte Befestigungsmauer ist vom

Kastell aus um die Bucht heruntergeführt. Es ist eigentümlich, wie märchenhaft

der Anblick des Ganzen anmutet. Man erinnert sich etwa alter Miniaturen in

Bilderhandschriften: Histoire des batailles de Judée, Teseïde oder an Ähnliches,

man denkt an Schiffe von phantastischer Form im Hafen der Stadt, an Mauren,

Ritter und Kreuzfahrer in ihren Gassen.

Jene, nicht allzuferne, uns Heutigen doch schon völlig fremde Zeit, wo der

Orient in die abendländische Welt, wie eine bunte Welle, hineinschlug, jene

unwiederbringliche Epoche, vielfältig ausschweifender, abenteuerlicher

Phantastik — so ist man versucht zu denken — müsse in einer dem

Gegenwartsblick so gespenstischen Stadt noch voll in Blüte stehen. Wetterwolken sammeln sich über dem hochgelegenen Kastell. Die See wogt wie