Griechischer Frühling
in
Wir reisen nun schon seit einiger Zeit durch die Ebene hin. Neben flacheren Felsgebieten und einem verzweigten Flußbett, das mit Gebüschen
bewachsen ist, breiten sich Flächen grüner Saat, über denen klangreich die
Lerche zittert.
Es ist faszinierend, zu sehen, wie der Parnaß nun wiederum diese Ebene
überragt. Auf breitester Basis ruhend, baut sich der göttliche Berg aus eitel
Glanz in majestätischer Schönheit auf. Hier wird es deutlich, wie die
bezwingende Gegenwart solcher Höhen göttlichen Ruhm vor den Menschen, die
sie umwohnen, durchsetzen und behaupten muß. Ich empfinde nicht anders, als
stammte der trillernde Rausch des Lerchengeschmetters, das leuchtende Grün
der Saaten, der zitternde Glanz der Luft von diesem geheiligten Berge ab und
nähre sich nur von seinem Glanze.
Oftmals wende ich mich auf meinem Maultier nach der verlassenen
Felsenwelt der Hirten und Herden zurück, während sich über mir Parnaß und
Helikon mit dem Glanz ihrer silbernen Helme über die weite Ebene grüßen.
Flössen doch alle Quellen dieser heiligsten Berge wieder reichlich voll und
frisch in die abgestorbenen Gebiete der europäischen Seele hinein! Möchte das
starre Leuchten dieser olympischen Vision wiederum in sie hineinwachsen und
den übelriechenden Dunst verzehren, mit dem sie, wie ein schlecht gelüftetes
Zimmer, beladen ist.
Nun sitze ich, von der glühenden Sonne nicht ganz geschützt, unterm Vordach
einer Weinschenke. Parnassische Hirten und Hirtenhunde umgeben mich, unter
den wettergebräunten Männern sind blonde Köpfe, deren antiker Schnitt
unverkennbar ist. Der kühne Blick verrät dionysisches Feuer im Blut. Der
Bartwuchs, ohne gepflegt zu sein, ähnelt in Form, Dichte und Kräuselung
durchaus gewissen antiken Plastiken, die Helden oder Halbgötter darstellen.
Ich teile die Reste meiner Mahlzeit mit einem weißen, gewaltigen
Schäferhund. Und nachdem wir einen Blick auf den schmerzvoll grinsenden
Löwen von Cheronea geworfen, ist der parnassische Hirtentraum zu Ende
geträumt. Doch nein, an der kleinen Haltestelle der Eisenbahn, die wir erreicht
haben, und die von einem Sumpfe voll quakender Frösche umgeben ist, finden
wir ein gefesseltes schwarzes Lamm. Es hat, mit dem Rücken nach unten, am
Sattel eines Maultieres hängend, eine Reise von zehn Stunden, durch die
Hochtäler des Parnaß, von Delphi her, im Sonnenbrande zurückgelegt. Es trägt
den Ausdruck hoffnungsloser Fügung im Angesicht. Sein Eigentümer ist jener
Kaufmann, den wir überholten, und dessen Maultier ein Knabe trieb. Er wird um
sein Osterlamm beneidet und Bahnbeamte treten hinzu, fühlen es ab nach Preis
und Gewicht und Fettgehalt. Schließlich legt man das arme, unsäglich leidende, schwarze parnassische Lamm, mit zusammengebundenen Füßen dicht an die
Geleise, damit es leicht zu verladen ist. Ich sehe noch, wie es an seinen Fesseln
reißt und verzweifelt emporzuspringen versucht, als die Maschine herandonnert
und gewaltig an ihm vorüberdröhnt.
Wir haben Athen verlassen, um über Korinth, Mykene, Argos und andere klassische Plätze schließlich nach Sparta zu gelangen. Am Nachmittag ist
Korinth erreicht, nach längerer Bahnfahrt, die uns nun schon bekannte Bilder
wiederum vor die Augen geführt hat, darunter flüchtige und doch warme
Eindrücke von Eleusis, Megara, dem schönen Isthmus und der Eginetischen
Bucht.
Ein Wagen führt uns unweit vom Rande des Golfes, dem Fuße von
Akrokorinth entgegen, einer drohenden Felsmasse, die von den Resten roher
Befestigungen verunziert ist.
Über den Golf herüber weht eine frische, fast nordische Luft, aus der Gegend
des Helikon, dessen leuchtender Gipfel schemenhaft sichtbar bleibt. Der Wagen
rollt auf schlechten Feldwegen zwischen grünen Saaten dahin.
Der korinthische Knabe hatte für Körper und Geist einen weiten, unsäglich
mannigfaltigen Tummelplatz. Den furchtbarsten Burgfelsen über sich, schwamm
er im Lärm und Getriebe einer Hafenstadt, die im weiten Kreise von grünen oder
nackten Hügeln umgeben war. Überall erlangte sein Blick die geheiligten Höhen
der Götter- und Hirtenwelt, die wiederum bis in das Herz der Stadt hineinreichte.
Für Wanderungen oder Fahrten taten sich Peloponnes und Isthmus auf und auf
diesem herrlichen Erdenfleck genoß er die gleichsam geborgene Schönheit eines
südlichen Alpensees und auch die grenzenlose Wonne des freieren Meeres.
Wir besteigen Pferde, und diese erkletterten nun mühsam den Felsen von Akrokorinth, der mehr und mehr, je weiter wir an ihm hinaufkriechen, wie
eine verdammte Stätte erscheint: ein düsteres Tor durch einen Ring von
Befestigungsmauern, führt in ein ödes Felsenbereich.
Wir sind — die Pferde haben wir vor dem ersten Tore zurückgelassen! —
einer zweiten Ringmauer gegenübergestellt, die abermals ein Tor durchbricht.
Eilig klimmen wir weiter aufwärts: eine weißliche Sonne hat sich schon nahe bis
an den Horizont herabgesenkt. Kalter Bergwind fegt durch ein zweites
ungeheures Trümmerbereich, und wir finden uns vor dem engsten jener
Mauerringe, die den Gipfel des Festungsberges einschließen. Diesen Gipfel
erkletterten wir nun durch ein drittes Tor. Es ist eine Wüstenei, ein Steinchaos. Fremd und schon halb und halb in Schatten gesunken, liegt die gewaltige
Bergwelt des Peloponnes unter uns. Wir eilen, aus dieser entsetzlichen
Zwingburg durch die Trümmerhöfe wieder hinabzukommen. Wirkliches Grauen,
wirkliche Angst tritt uns an.
Nach den geheiligten Hügeln und Bergen, deren Bereich ich in den letzten
Wochen betrat oder wenigstens mit dem Blick erreichte, ist dies der erste, der
unter einem unabwendbaren Fluch verödet scheint.
Seltsam wie das bange Gefühl, was der nahende Abend einflößt mit dem kleinen Kreis sonderbar banger Phantasiegestalten in Einstimmung ist, die für
mich, seitdem ich ein bewußteres Leben führe, mit dem Namen Korinth
verbunden sind. Schon vor etwa achtundzwanzig Jahren, während einer kurzen
akademischen Studienzeit, drängten sich mir die rätselvollen Gestalten des
Periander, seiner Gattin Melissa und des Lykophron, seines Sohnes, auf. Ich darf
wohl sagen, daß die Tragödie dieser drei Menschen in ihrer unsäglich bittersüßen
Schwermut all die Jahre meine Seele beschäftigt hat.
Periander! Melissa! Lykophron!
Periander, auf dem Burgfelsen hausend, Tyrann von Korinth, allmählich
ähnlich wie Saul, ähnlich wie der spartanische König Pausanias, in einen
finsteren Wahnsinn versinkend. Leidend an jenem unausbleiblichen Schicksal
großer Herrschernaturen, die nach erreichtem Ziel von jenen Dämonen verfolgt
werden, die ihnen dahin lockend voranschritten. Er hatte die Einwohnerschaft
Korinths von den furchtbaren Felsen herunter terrorisiert und dezimiert. Er hatte
Lyside, die Tochter des Tyrannen Prokles, geheiratet, der zu Epidaurus saß. Die
Gattin, zärtlich von ihm Melissa genannt, ward später von ihm aus unbekannten
Gründen heimlich ermordet: zum wenigsten wurde ihr Tod Periandern zur Last
gelegt. Prokles, Lysidens Vater, ließ eines Tages vor den beiden inzwischen
herangewachsenen Enkeln, Kypselos und Lykophron, den Söhnen Melissens und
Perianders, Worte fallen, die besonders dem Lykophron eine Ahnung von dem
Verbrechen des Vaters aufgehen ließen, und diese Ahnung bewirkte nach und
nach zwischen Sohn und Vater den tiefsten Zerfall.
Der große Britte hat die Tragödie eines Sohnes geschrieben, dessen Mutter am
Morde ihres Gatten, seines Vaters, beteiligt war. Er hat die psychologischen
Möglichkeiten, die in dem Vorwurf liegen, nicht bis zu jeder Tiefe erschöpft.
Wie denn ein solcher Gegenstand seinem Wesen nach überhaupt unerschöpflich
ist, derart zwar, daß er sich selber in immer neuen Formen, aus immer neuen
Tiefen manifestieren kann. Vielleicht ist das Problem Periander Lykophron noch
rätselvoller und furchtbarer, als es das Rätsel Hamlets und seiner Mutter ist. Dabei hat dieser göttliche Jüngling Lykophron mit dem Dänenprinzen
Ähnlichkeit ... man könnte ihn als den korinthischen, ja den griechischen Hamlet
bezeichnen.
Gleichwohl war in seiner Natur ein Zug von finstrer Entschlossenheit.
Während Periander in der wesentlichen Vereinsamung der Herrschbegier —
denn der Herrschende will allein herrschen und wenn er auch andere Herrscher
dulden muß, so erreicht er doch die Trennung von allen, das Alleinsein, immer
gewiß. Er gräbt sich meistens jeden gemütischen Zufluß der Seele ab, wodurch
sie denn, wie ein Baum bei Dürre, qualvoll langsam zugrunde geht.
Also während Periander, sagte ich, vereinsamt, als Herrscher von Korinth, in
seinem Palast auf dem öden Burgfelsen, mit den Dämonen und mit dem Schatten
Melissens rang, hatte sich Lykophron nicht nur von ihm abgekehrt, sondern von
Grund aus alles und jedes, außer das Leben! was er ihm zu verdanken hatte —
alles und jedes, was ihm durch Geburt an Glanz und Prunk mit dem Vater
gemeinsam war, dermaßen gründlich von sich getan, daß er, obdachlos und
verwahrlost, in den Hallen und Gassen des reichen Korinth umherlungernd, von
irgendeinem anderen Bettler nicht mehr zu unterscheiden war.
Hier noch wurde er aber von dem allmächtigen Vater mit rücksichtsloser
Strenge verfolgt, dann wieder mit leidenschaftlicher Vaterliebe; doch weder
Härte noch Zärtlichkeit vermochten den qualvollen Trotz der vergifteten Liebe
abzuschwächen.
Die Tat des Periander wurde mit dem Schicksale dieses Lykophron zum
Doppelmord: zum Morde der Gattin und des Sohnes. Und hierin liegt die
Eigenart der Tragik, die in der Brust Perianders wütete, daß er einen geliebten
und bewunderten Sohn, das köstlichste Gut seines späteren Lebens, plötzlich und
unerwartet durch den Fluch seiner häßlichen Tat vernichtet fand. Damit war ihm
vielleicht der einzige Zustrom seines Gemütes abgeschnitten und das Herz des
alternden Mannes ward von dem Grauen der großen Leere, der großen Öde
umschränkt.
Ich bin überzeugt, daß tiefe Zwiste unter nahen Verwandten unter die
grauenvollsten Phänomene der menschlichen Psyche zu rechnen sind. In solchen
Kämpfen kann es geschehen, daß glühende Zuneigung und glühender Haß
parallel laufen — daß Liebe und Haß in jedem der Kämpfenden gleichzeitig und
von gleicher Stärke sind: das bedingt die ausgesuchten Qualen und die
Endlosigkeit solcher Gegensätze. Liebe verewigt sie, Haß allein würde sie
schnell zum Austrag bringen. Was könnte im übrigen furchtbarer sein, als es die
Fremdheit derer, die sich kennen, ist?
Periander sendete Boten an das Totenorakel am Acheron, um irgendeine
Frage, die ihn quälte, durch den Schatten Melissens beantwortet zu sehen. Melissa dagegen beklagte sich, statt Antwort zu geben und erklärte, sie friere,
denn man habe bei der Bestattung ihre Kleider nicht mit verbrannt.
Als die Boten heimkehrten, hierher nach Korinth, konnte Periander nicht
daran zweifeln, daß wirklich der Schatten Melissens zu ihnen geredet hatte, denn
sie brachten in rätselhaften Worten die Andeutung eines Geheimnisses, dessen
einziger Hüter Periander zu sein glaubte.
Durch dieses Geheimnis wurde ein perverses Verbrechen des Gatten verdeckt,
der seine Gattin nicht allein getötet, sondern noch im Leichnam mißbraucht
hatte: eine finstere Tat, die das schreckliche Wesen des Tyrannen gleichsam mit
einem höllischen Strahle der Liebe verklärt.
Er ließ nun in einem Anfall schwerer Gewissensangst die Weiber Korinths,
wie zum Fest in den Tempel der Hera berufen. Dort rissen seine Landsknechte
ihnen gewaltsam Zierat und Festkleider ab und diese wurden zu Ehren
Melissens, und um ihren Schatten zu versöhnen, in später Totenfeier verbrannt.
Periander, Melissa, Lykophron. Es hat immer wieder, während beinahe dreier
Jahrzehnte, Tage gegeben, wo ich diese Namen lebendig in mir, ja oft auf der
Zunge trug. Sie waren es auch, die, Sehnsucht erweckend, vor mir her
schwebten, als ich das erstemal den Anker gehoben hatte, um hierher zu ziehen.
Auch während der kleinen Schiffsreise jüngst, durch den Golf von Korinth, hat
mein Mund zuweilen diese drei Namen lautlos geformt, nicht minder oft auf der
Fahrt nach Akrokorinth. Und hier, im fröstelnden Schauder heftiger Windstöße,
auf dem gespenstischen Gipfel des Burgfelsens, habe ich im kraftlosen Licht
einer bleichen Sonne, die unterging, die fröstelnden Schatten Perianders,
Melissens und Lykophrons dicht um mich gespürt.
Unten, im Dämmer der Rückfahrt, während die Feldgeister über der in Gerstenhalmen wogenden Gräberstätte des alten Korinth sich zu regen
beginnen, zuckt im Rädergeroll der nächtlichen Fahrt ein und das andere Bild
der lärmenden alten Stadt vor der Seele auf. Mitunter ist alles plötzlich von einer
so tosenden Gegenwart, daß ich Geschwätz und Geschrei des Marktes um mich
zu hören glaubte, und alles dieses mit dem Anblick weiter abgelegener Felder
verquickt, die sich rings um den übermächtig hineingelagerten, finsteren
Gewalttäterfelsen wie Leichentücher weit umherbreiten.
Und ohne daß dieser tote Dämmer, dieses ewig teilnahmlose Gegenwartsbild
verändert wird, sehe ich die Lohe der Totenfeier Melissens nächtlich
hervorbrechen und fühle das Fieber, das die leidenschaftliche Kraft des großen
Periander auf die Bewohner der geknechteten Stadt überträgt. Der Heratempel
ist vom Geschrei der Weiber erfüllt, denen die Bravi die Kleider vom Leibe reißen, die Gassen vom Geschrei jener anderen, die nackt und beraubt
entkommen sind. Nicht weit vom Tempel, den Blick in den rötlichen Schein der
Feuersbrunst mit einem starren Lächeln gerichtet, steht Lykophron: durch
Schmerz und die Wollust der Selbstkasteiung fast irrsinnig, das Antlitz durch
Hunger und innere Wut verzerrt, aber in diesem Augenblick nicht nur vom
Wiederscheine des Feuers, sondern von einem bösen Triumphe verklärt. Rings
lärmen und brüllen die Leute um ihn: es ist durch Verordnung Perianders aufs
strengste verboten, ihn anzureden.
Als aber am folgenden Tage Periander selbst dies zu tun unternimmt, erhält er
von seinem Sohne nur diese Antwort: man wird dich in Strafe nehmen, weil du
mit Lykophron gesprochen hast.
Gegen zwölf Uhr mittags, nachdem wir am Morgen Korinth verlassen haben, befinde ich mich in einer Herberge, von der aus man die argivische Ebene
übersieht. Sie ist begrenzt von gewaltigen peloponnesischen Bergzügen und
augenblicklich durchbraust von einem heißen Wind, der in der blendenden Helle
des Mittags die Saatfelder wogen macht.
Der Raum, in dem die Kuriere das Frühstück auftragen, hat den gestampften
Boden einer Lehmtenne. Er ist zugleich Kaufladen und Weinausschank. Es
riecht nach Kattun. Blaue Kattune sind in den Wandregalen aufgestapelt. Dank
den Kurieren, die in Athen eine Korporation bilden, herrscht in den Herbergen,
die sie bevorzugen, eine gewisse Sauberkeit.
Ich bin vor die Tür des kleinen Wirtshauses getreten. Die von den Bergen
Arkadiens eingeschlossene Ebene ist noch immer durchbraust von Sturm und
steht noch immer in weißer Glut. In weißlich blendendem Dunst liegt der
Himmel über uns. Die Burg von Argos, Larissa, ist in der Talferne sichtbar, der
Boden des Tals ist in weite Gewände abgegrenzt, die teils von wogender Gerste
bedeckt, teils unbestellt und die trockene rote Scholle zeigend, daliegen.
Diese Landschaft erscheint auf den ersten Blick ein wenig kahl, ein wenig
nüchtern in ihrer Weiträumigkeit. Ich bin nicht geneigt, sie als Heimat jener
blutigen Schatten anzusprechen, die unter den Namen Agamemnon,
Klytämnestra, Tyest und Orestes ruhelos durch die Jahrtausende wandern. Ihre
Heimat war im Haupte des Äschylos und des Sophokles.
Die Gestalten der großen Tragödiendichter der Alten sind von einem Element
des Grauens getragen und in ihm zu körperlosen Schatten aufgelöst. Es ist in
ihnen etwas von den Qualen abgeschiedener Seelen enthalten, die durch die
unwiderstehliche Macht einer Totenbeschwörung, zu einer verhaßten Existenz
im Lichte gezwungen sind. Auf diese Weise wecken sie die Empfindung in uns, als stünden sie unter einem Fluch, der ihnen aber, so lange sie noch als