Griechischer Frühling

Gerhart Hauptmann · Kapitel 6 von 6

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Griechischer Frühling

Tätern

Menschen unter Menschen ihr Leben lebten, nicht anhaftete. Der schlichte

Eindruck einer realen landschaftlichen Natur bei Tageslicht widerlegt jeden

Fluch und zwingt der bis zum Zerreißen überspannten Seele den Segen

natürlicher Maße auf.

Den Tragikern bleibt in dieser Beziehung Homer vollkommen gesondert

gegenübergestellt. Seine Dichtungen sind keine Totenbeschwörungen. Über

seinen Gedichten ist nirgend das Haupt der Medusa aufgehängt. Gleicht das

Gedicht des Tragikers einem Klagegesang — seines gleicht überall einem

Lobgesang, und wenn das Kunstwerk des Tragikers von dem Element der Klage,

wie von seinem Lebensblute durchdrungen ist, so ist das Gedicht Homers eine

einzige Vibration der Lobpreisung. Die dichtende Klage und heimliche Anklage

und das dichtende Lob, wer kann mir sagen, welches von beiden göttlicher ist?

Die Tragödie ist immer eine Art Höllenzwang. Die Schatten werden mit Hilfe

von Blut gelockt, gewaltsam eingefangen und brutal, als ob sie nicht Schatten

wären, durch Schauspieler ins reale Leben gestellt: da müssen sie nun nichts

anderes als ihre Verbrechen, ihre Niederlagen, ihre Schande und ihre

Bestrafungen öffentlich darstellen. Hierin verfährt man mit ihnen erbarmungslos.

Seit Beginn meiner Reise liegt mir eine wundervolle Stelle der Odyssee im

Sinn. Der Sonnengott, dem man seine geliebte Rinderherde getötet hat, klagt die

Frevler, die es getan haben, die Genossen des Odysseus, im Kreise der Götter an

und droht, er werde, sofern man ihn nicht an den Tätern räche, fortan nicht mehr

den Lebenden, sondern den Toten leuchten:

„Büßen die Frevler mir nicht vollgütige Buße des Raubes;

Steig’ ich hinab in Aïdes Reich, und leuchte den Toten!“

 

Wer wollte diese erhabenste und zugleich herrlichste Drohung in ihren

überwältigenden Aspekten nicht empfinden. Es ist nicht mehr und nicht weniger

als der ganze Inhalt eines künftigen Welt-Epos, dessen Dante geboren werden

wird. Aber wenn nicht mit der ganzen apollinischen Lichtgewalt, so doch mit

einem Strahle davon erscheinen die Gestalten Homers beglückt und sind damit

aus dem Abgrund der Toten zu neuem Leben geweckt worden und es ist nicht

einzusehen, warum der Gott nicht auch dem dramatischen Dichter einen von

seinen Strahlen leihen sollte. Ist doch das Dramatische und das Epische niemals

rein getrennt, ebensowenig wie die Tendenzen der Zeit und des Ortes. Und wer

wüßte nicht, wie das Epos Homers zugleich auch das gewaltigste Drama und

Mutter zahlloser späterer Dramen ist.

Wenn wir einen Durchbruch des apollinischen Glanzes in die Bereiche des

Hades als möglich erachteten, so möchte ich die Tragödie, cum grano salis, mit

einem Durchbruch der unterirdischen Mächte, oder mit einem Vorstoß dieser

Mächte ins Licht vergleichen. Ich meine damit die Tragödie seit Äschylos, von

dem es heißt, daß er es gewesen ist, der den Erinnyen Schlangen ins Haar

geflochten hat.

Nehmen wir an, die Tragödie habe dem gleichen Instinkt gedient, wie das

Menschenopfer. Dann trat allerdings an Stelle der blutigen Handlung der

unblutige Schein. Trotzdem in Wahrheit aber Menschenblut nicht vergossen

wurde, hatte die bange und schreckliche Wirkung an Macht gewonnen und sich

vertieft: derart, daß erst jetzt eine chthonische Wolke gewaltsam lastend und

verdüsternd in den olympischen Äther stieg, deren grauenerregende Formen mit

den homerischen Lichtgewölken olympischen Ursprungs rangen, und schließlich

den ganzen Olymp der Griechen verdüsterten.

 

Wir brechen auf, um die Trümmer von Mykene und die unterirdischen Bauten zu sehen, die man Schatzhäuser nennt. Ich bin durchaus homerisch

gestimmt, wie denn mein ganzes Wesen dem Homerischen huldigt, auch wenn

ich nicht des wundervollen Schatzes gedenken müßte, der im Museum zu Athen

geborgen liegt und der aus den Gräbern von Mykene gehoben ist. Wo ist das

Blutlicht, mit dem Äschylos und Sophokles durch die Jahrhunderte rückwärts

diese Stätte beleuchteten? Es ist von der Sonne Homers getilgt. Und ich sehe in

diesem Augenblick die Greueltaten der Klytämnestra, des Agist und des Orest

höchstens mit den Augen des Menelaos in Sparta an, als er dem jugendlichen Telemach, der gekommen ist, nach Odysseus, seinem Vater, zu forschen, davon

erzählt.

 

„Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein Anderer

Heimlich mit Meuchelmord durch die List des heillosen Weibes ...

Dennoch, wie sehr ich auch trauere, bewein’ ich alle nicht so sehr Als den einen ...“

 

womit er Odysseus — nicht einmal Agamemnon! — meint, den lange

Vermißten.

Wer, der die kerngesunde Königsidylle jenes Besuches liest, den Telemach in

Sparta abstattet, könnte dagegen des Glaubens sein, daß der erprobte Held, Mann

und Bruder sich sophokleischen Blutträumen überlassen hätte? Zumal, wenn er

sagt:

 

„Laßt uns also des Grams und unserer Tränen vergessen“

 

oder wenn Helena bei ihm ruhte, noch immer „Die Schönste unter den Weibern.“

 

Das Löwentor, der mykenaische Schutthügel und die Hügel ringsum sind von Sonne durchglüht und von Sturm umbraust. Überall füllt Duft von Thymian

und Myrrhen die Luft. Ganz Griechenland duftet jetzt von Thymian und

Majoran. In den Kalksteintrümmern der alten Stadt schreien Eulen einander zu,

wach und lebhaft, trotz hellblendender Sonne. Weiß wie Schlacke liegt

Trümmerstück an Trümmerstück.

Die Burg hat eine raubnestartige Anlage: in Hügeln versteckt und von höheren

felsigen Bergen gedeckt, übersah sie das ganze rossenährende Argos. Zur Seite

hatte sie eine wilde Kluft, die jeden Zugang verhinderte.

Es ist von eigentümlichem Reiz, sich nach den mykenaischen Gräberfunden in

dieser Umgebung ein Leben in Üppigkeit und Luxus vorzustellen: Männer und

Frauen, die sich schnürten, und besonders Frauen, deren Toiletten an Glanz und

Raffinement der Toilette einer spanischen Tänzerin, die in einem pariser Theater

tanzt, gleichgekommen sind. Aber schließlich ist es wieder Homer, der überall

den Sinn für Komfort und Luxus entwickelt und nie vergißt, Bäder, duftende

Betten, reinliches Linnen, hohe und hallende Säle, Schmuck und Schönheit der

Weiber, ja sogar den Wohlgeschmack des Getränks und der Speisen gebührend

zu würdigen.

Die unterirdischen Kuppelbauten, die Pausanias Schatzhäuser nennt, sind ihrer eigentlichen Bestimmung nach noch heute ein Rätsel. Sie waren bekannt, wie

es scheint, durch das ganze griechische Altertum und wahrscheinlich, so weit sie

frei lagen, wie noch heute, erfüllt von Bienengesumm. Das „Schatzhaus des

Atreus“, ist vollkommen freigelegt. Die weiche, sausende Chormusik der kleinen

honigmachenden Priesterinnen der Demeter, die den unterirdischen Bau erfüllt,

verbreitet mystische Feierlichkeit. Sie scheinen im Halblicht der hohen Kuppel

umherzutaumeln. Sie fliegen, an den unbestrittenen Besitz dieser Räume

gewöhnt, gegen die Köpfe der Eintretenden. Ihr sonorer Flug bewegt sich mit

Gehen und Kommen in eine niedrige Nebenkammer, die sehr wohl eine

Grabkammer sein könnte. Aber die Menge der Schatzhäuser würde durch eine

Bestimmung als unterirdische Tempelgräber, für Totenopfer und Totenkult, nicht

erklärt. Ich stelle mir aber gern inmitten dieses sogenannten Artreusschatzhauses

einen Altar vor und das Feuer darauf, das den Raum erleuchtet und lärmend

belebt und dessen Rauch durch die kleine runde Öffnung der Kuppel abzieht und

oben scheinbar aus der Erde selber hervordringt.

 

Drei Schimmel ziehen unsern Wagen im Galopp durch die Vorstädte von Tripolitza in die arkadische Landschaft hinaus. Der wolkenlose Himmel ist

über weite Ackerflächen gespannt, auf denen Reihen bunter, griechischer

Landleute arbeiten. Der Tag wird heiß. Die Luft ist erfüllt von Froschgequak.

Nun, nach einer längeren Fahrt durch kleine Ortschaften, verlassen wir die

Ebene von Thegea. Die schöne Landstraße steigt bergan, und statt der Felder

haben wir rötlich-graue Massen kahlen Gesteins zur Rechten und Linken, die

spärlich mit Thymiansträuchern bewachsen sind. Es beginnt damit ein Arkadien,

das mehr einer Wüstenei, als dem Paradiese ähnlich sieht. Nach einiger Zeit ist

in der Höhe ein Dorf zu sehen, mit einigen langen, dünn belaubten Pappeln, die

das Auge hungrig begrüßt. Nur wenig lösen sich die Häuser der Ortschaft von

ihrem steinigten Hintergrund, der mit schmalen Gartenstreifen rötlicher Erde

durchsetzt ist.

Die Spitzen des Parnon werden zur Linken sichtbar, auf denen der Schnee zu

schwinden beginnt. Ein kühler Wind setzt ein und erquickt inmitten dieser

arkadischen Wüste.

Ich hatte hier einen womöglich noch größeren Reichtum an Herden zu sehen

gehofft, als zwischen Parnaß und Helikon: aber auf weitgedehnten, endlosen

Trümmerhalden und auf der Landstraße begegnet nur selten Herde und Hirt. Die

Gegend ist arm und ausgestorben, die ehemals das waldreiche Paradies der Jäger

und Hirten gewesen ist.

Die Straße wendet sich auf einer freien Paßhöhe rechts und tritt in das Gebiet

von Lakonika. Der Taygetos liegt nun breit und mächtig mit weißen Gipfeln vor

uns da.

Aus einer ärmlichen Schenke ertönt Gesang. Und zwar ist es eine Musik, die

an das Kommersbuchtreiben deutscher Studentenkneipen erinnert. Die Stimmen

gehören Gymnasiallehrern aus Sparta an, die, noch im Osterferien-Rausch,

fröhlich dorthin zurückreisen.

Es erscheinen jetzt Äcker, Gartenflächen, Wiesen und Bäume oasenartig. Die

Erde zwischen Felsen und Bäumen ist rot, und hier und da stehen rötliche

Wasserlachen.

Der Parnon verschwindet und taucht wieder auf. Die Gegend gewinnt,

nachdem wir die Paßhöhe überschritten haben, an Großartigkeit. Einige der

vielen steinigten Hochtäler, die man übersieht, zeigen Baumwuchs inselartig in

ihrer Tiefe. Es ist mir, so lange mein Auge durch diese uferlosen, kochenden

Wüsteneien schweift, als ob ich das traurig-nackte, ausgetrocknete Griechenland

mit einem Mantel grüner Nadelwälder bedecken müßte, und meine Träumereien

führen Armeen tätiger Menschen hierher, die, vom sorglich gepflegten Saatkamp

aus, in geduldiger Arbeit Arkadien aufforsten. Mit tiefem Respekt gedenke ich

der zähen Kraft und Tüchtigkeit jener Männer und Frauen meiner engeren

Heimat, auch derer mit krummgezogenem Rücken, die den Forst ernähren, mehr

wie sie der Forst ernährt, und mit Staunen vergegenwärtige ich die

Schöpferkraft, die in der harten Faust der Arbeit liegt.

 

Wir halten Rast. Die Herberge ist an eine Krümmung der Bergstraße gestellt. Unter uns liegt ein weites Tal, das der Taygetos mit einer Kette von

Schneegipfeln mächtig beherrscht. Der Himmel glüht in einer fast weißen Glut.

Hügelige Abhänge in der Nähe, von Olivenhainen bestanden, erscheinen

ausgebrannt.

Unsere Herberge hat etwas Japanisches. Das Schilfdach über der

schwankenden Veranda, auf der wir stehen, ist durch dünne Stangen gestützt.

Unten klingeln die müden Pferde mit ihren Halsglöckchen. Die trinkfrohen

Lehrer aus Sparta haben uns eingeholt und sitzen lärmend unten im Gastzimmer.

Wir werden in ein oberes Zimmer geführt, dessen Dielen dünn wie Oblaten sind.

Durch fingerbreite Fugen zwischen den Brettern können wir zu den Lehrern

hinabblicken. Der Kurier trägt ein Frühstück auf. Indessen schwelgen die Augen

und ruhen zugleich im jungen Blättergrün eines Pappelbaums, der, vom heißen

Winde bewegt, jenseits der Straße schwankt und rauscht.

Nachdem wir gegessen haben, ruhen wir auf der Veranda aus. Bei jedem Schritt, den wir etwa tun, schaukelt die ganze Herberge. Zwei Schwalben sitzen

nahe bei mir unter dem Schilfdach auf der Geländerstange. Überall um uns ist

lebhaftes Fliegengesumm.

 

Wir haben vor etwa einer Stunde das Kahni verlassen, wo uns die Lehrer aus Sparta eingeholt hatten. Ihr Einspännerwägelchen stand, als wir abfuhren,

vor der Tür und wartete auf die indessen lustig zechenden Gäste. Sonderbar, wie

in diesem heißen, stillen und menschenleeren Lande die brave Turnerfidelitas

anmutete, die immer wieder in einem gewaltigen Rundgesang gipfelte!

Die Straße beginnt sich stärker zu senken. Wir fahren weite Schlingen und

Bogen an tiefen Abstürzen hin, die aber jetzt den Blick in eine immer reicher

ausgestaltete Tiefe ziehen. Wir nähern uns der Gegend von Sparta, dem schönen

Tal des Eurotas an.

Es ist eine wundervolle Fahrt, durch immer reicher mit Wein, Feigenbäumen

und Orangenhainen bestandene Abhänge. Ziegen klettern zur Linken über uns

und zur Rechten unter uns. Lieblich gelegene Ansiedelungen mit weißem

Gemäuer mehren sich, bis wir endlich das flache Aderngeflecht des Eurotas und

zugleich die weite Talsohle überblicken können.

Fast wie Vögel senken wir uns aus gewaltiger Höhe auf das moderne Sparta

herab, das, mit weißen Häusern, aus Olivenhainen, Orangengärten und

Laubbäumen, weiß heraufleuchtet. Es ist mir dabei, als beginne das strenge und

gleichsam erzene Wort Sparta, sich in eine entzückende, ungeahnte südliche

Vision aufzulösen. Eine augenblendende Vision von Glanz und Duft.

Ich kann nicht glauben, daß irgendein Land an landschaftlichen Reizen und in

der Harmonie solcher Reize mit dem griechischen wetteifern könnte. Es zeigt

den überraschendsten Wechsel an Formen und überall eine bestrickende

Wohnlichkeit. Man begreift sogleich, daß auch dieses Tal von Sparta eine

festgeschlossene Heimat ist, mit der die Bewohner, ähnlich wie mit einem

Zimmer, einem Hause verwachsen mußten.

Ich möchte behaupten, daß der Reichtum der griechischen Seele zum Teil eine

Folge des eigenartigen Reichtums der griechischen Muttererde ist. Wobei ich

von dem landschaftlichen Sinn der Alten den allerhöchsten Begriff habe.

Natürlich nicht einem landschaftlichen Sinn in der Weise moderner Malerei,

sondern als einer Art Empfindsamkeit, die eine Seele immer wieder zum

unbewußten Reflex der Landschaft macht.

Zweifellos war die Phantasie im Geiste des Menschen die erste und lange Zeit

alleinige Herrscherin, aber das im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten feste

Relief des Heimatsbodens blieb in einem gewissen Sinne ihr Tummelplatz. Was an bewegten Gestalten von ihr mit diesem Boden verbunden wurde, das hatte

dieser Boden auch miterzeugt.

Das unbewußte Wirken des Geistes, im Kinde so wie im Greise, ist immer

wesentlich künstlerisch, und Bildnertrieb ist eine allgemein verbreitete

Eigenschaft, auch wo er sich nie dem äußeren Auge sichtbar kundgibt. Auch der

Naivste unter den Menschen wohnt in einer Welt, an deren Entstehung er den

hauptsächlichsten Anteil hat und die zu ergründen ebenso reizvoll sein würde,

als es die Bereisung irgendeines unentdeckten Gebietes von Tibet ist. Unter

diesen Naivsten aber ist wiederum keiner, der nicht das Beste, was er geschaffen

hat, mit Hilfe des kleinen Stückchens Heimat geschaffen hätte, dahinein er

geboren ist.

 

Ich befinde mich im Garten eines kleinen Privathauses zu Sparta. Vor etwa einer Stunde sind wir hier angelangt. Ich habe mich beeilt, aus dem dürftigen

Zimmerchen, das man uns angewiesen hat, wieder ins Freie zu gelangen. Es war

eine sogenannte gute Stube, und es fehlte darin nicht einmal das Makartbukett.

Irgendwie, ich weiß zunächst nicht wodurch, bin ich in diesem Grasegarten an

längst vergangene Tage erinnert. Eindrücke meines frühen Jünglingsalters

steigen auf. Ich vergesse minutenlang, daß die verwilderte Rasenfläche unter

meinen Füßen der Boden von Sparta ist. Dann kommt es mir vor, als wandle ich

in jenem kleinen Obstgarten, der an das Gutshaus meines Onkels stieß, und

etwas vom Tanze der nackten Mädchen Spartas und erster Liebe ginge mir durch

den Kopf.

Es ist aber wirklich ein Garten in Sparta und nicht das Gehöft meiner guten

Verwandten, wo ich jetzt bin. In der nahen Gartenzisterne quakt ein

spartanischer Frosch, ich schreite an einer spartanischen Weißdornhecke hin und

spartanische Sperlinge lärmen.

Auf der Konsole des Nußbaumspiegels, dessen sich das Quartier meiner

Gastfreunde rühmen kann, fand ich unter anderen Photographien auch ein Bild,

— das Bild eines hübschen, ländlichen Mädchens! — das mir sogleich ins Auge

fiel. Sie mag wohl längst gestorben sein oder ist etwa vor dreißig Jahren jung

gewesen, um jene Zeit, als auch das Mädchen, an das ich mich jetzt erinnern

muß, siebzehnjährig durch Garten, Hof und Haus meiner schlesischen

Anverwandten schritt.

Die Bergwand des Taygetos ist zum Greifen nahe. Die Sonne versinkt soeben

hinter die hohe Kammlinie und beinahe das ganze Tal des Eurotas ist in Schatten

gelegt. Die Landschaft ringsum ist zu dieser Stunde zugleich heroisch und

anheimelnd.

Plötzlich finde ich mich mit lebhaftem Griechisch angeredet. Ein Mann hat

mich zwischen Stachelbeer- und Johannisbeersträuchern entdeckt, ist

herzugetreten und setzt voraus, daß ich Griechisch verstehe. Kurze Zeit bin ich

hilflos gegen seine neuspartanische Zudringlichkeit, dann aber wird im Giebel

unseres Häuschens — das übrigens, windschief, wie es ist, von außen betrachtet

unbewohnbar scheint — ein Fenster geöffnet, und das schöne Mädchen, die

schöne Spartanerin, noch ganz so jung, wie das Bild sie zeigte, lehnt sich heraus.

Der Mann von der Straße wird nun durch eine tiefe, sonore Frauenstimme

zurecht-, das heißt aus dem Garten gewiesen, und ich habe, mit gebundener

Zunge, Antlitz und Blick der hübschen Spartanerin über mir.

 

„Gott grüß euch schönes Jungfräulein

Wo bind ich mein Rößlein hin? —

Nimm du dein Rößlein beim Zügel, beim Zaum,

Binds an den Feigenbaum.“

 

Der irrationale Wunsch und Zwang, eine Stätte wie die des alten Sparta zu sehen, erklärt sich zwar nicht durch den Namen Lykurg, aber doch ist es vor

allem der Genius dieses Namens, der Genius, dessen Wirken eine so

unvergleichliche Folge hatte, den man in dieser Landschaft sucht. Man konnte

nicht hoffen oder erwarten wollen, hier irgendein Jugendidyll, auch nur in

Erinnerung, sich erneuern zu sehen: dennoch nimmt mich, statt jeder

historischen Träumerei, eine solche Erinnerung jetzt in Besitz.

Nicht zweimal schwimmst du durch die gleiche Welle, sagt Heraklit, und es

ist nicht dieselbe, die um mich und durch mich flutet, als jene Frühlingswoge,

durch die ich vor Jahren geschwommen bin: aber es ist doch auch wieder etwas

von ewiger Wiederkehr in ihr.

Ich sage mir, daß Lykurg wiederum nichts weiter, als ein großer Hirte, ein

großer Schäfer gewesen ist, der den Nachwuchs seines Volkes in „Herde“ teilte.

Daß seine Gedanken in der Hauptsache sehr entschlossene Züchtergedanken

gewesen sind, wie sie aus den Erfahrungen eines Hirtenlebens sich ergeben und

zwar mit Notwendigkeit. Lykurg, der trotzdem mit Delphi Verbindung hatte, war

überwiegend ein Mann der kalten Vernunft, gesteh ich mir, und wußte, wie

keiner außer ihm, das zeitliche Leben vom ewigen und ihre Zwecke rein zu

sondern. Allein durch alle diese Erwägungen vermag ich meine Seele nicht von

dem spartanischen Ebenbilde meiner ländlichen Jugendliebe abzuwenden.

Jungens, nicht anders wie Jungens sind, gucken über den Zaun, der hier

allerdings von dem krebsscherenartig, stachlig-grünen Gerank der Agave

gebildet ist. Sie sind neugierig, werfen Steine in blühende Obstbäume, suchen etwas für ihre Tatkraft, stören mich. Der gleiche Fall veranlaßte mich vor Jahren,

an einem denkwürdigen Tage, aus begreiflichen Gründen zu vergeblicher

Heftigkeit, dagegen gelang es dem deutschen Urbilde der Spartanerin, das

damals neben mir durch den Grasegarten schritt, die Knaben mit wenigen

gütigen Worten zu bewegen, von ihren Störungen abzulassen.

 

Nun ist das schöne Mädchen im Garten erschienen. Ich grüße sie und werde dann magisch in die gleiche Richtung gezogen, die sie eingeschlagen hat,

und durch dasselbe Pförtchen im Heckenzaun, durch das sie verschwunden ist.

Ich stehe auf einer kleinen begrasten Halbinsel hinter dem Garten, um die der

starke Bergbach eilig sein klares und rauschendes Wasser trägt. Es kommt,

eisfrisch, vom Taygetus. Kaum fünf Schritt von mir entfernt haben Zigeuner ihr

Zelt aufgeschlagen. Der Vater steht in guterhaltener kretensischer Tracht, mit

ruhiger Würde, pfeiferauchend, am Bachesrand. Die Mutter, von zwei Kindern

umspielt, hockt an der Erde und schnitzelt Gemüse für die Abendsuppe zurecht,

die allbereits über einem bescheidenen Feuerchen brodelt. Zwischen den

braunen, halbnackten Kindern springt ein zähnefletschendes Äffchen umher:

Dies alles, besonders das kleine Äffchen, wird mit kindlicher Freude bewundert

von meiner Dorfschönen.

Ich sehe nun, sie ist kräftig gebaut und jünger, als ich nach dem Bilde, nach

der Erscheinung am Fenster und nach den Lauten ihrer Stimme geurteilt hatte,

wahrscheinlich nicht über fünfzehn Jahre alt. Sie erinnert mich an den derben

Schlag der Deutsch-Schweizerin. Die Zigeunermutter hat, sobald sie meiner

ansichtig wurde, ihrem singenden, springenden Lausetöchterchen das Tamburin

zugeworfen, womit es sich augenblicklich klirrend vor mir im Tanze zu drehen

beginnt. In der Freude darüber trifft sich mein Blick mit dem der jungen

Spartanerin.

Inzwischen ist alles um uns her mehr und mehr in abendliche Schatten

gesunken. Die Glocke einer nahen Kirche wird angeschlagen. Gebrüll von

Rindern dringt von den dämmrigen Weideflächen am Fuß des Taygetus. Das

ganze Gebirge ist nur noch eine einzige, ungeheure, blauschwarze

Schattenwand, die, scheinbar ganz nahe, den Bach zu meinen Füßen zu speisen

scheint, dessen Wasser blauschwarz und rauschend, wie flüssiger Schatten

heranwandelt.

Grillen zirpen. Ein märchenhaftes Leuchten ist in der Luft. Kalte und warme

Strömungen machen die Blätter der Pappeln und Weiden flüstern, die, zu

ernsten, ja feierlichen Gruppen gesellt, die Ränder des breiten Baches begleiten. Es ist ein Uhr nachts, aber in der Mondeshelle draußen herrscht trotzdem dämonischer Lärm. Hühner und Hähne piepsen und krähen laut, Hunde

kläffen und heulen ununterbrochen. Mitunter klingt es wie Stimmen von

Kindern, die mit lautem Geschrei lustig und doch auch gespenstisch ihr

nächtliches Spiel treiben. In der Gartenzisterne quakt oder trillert immer der

gleiche Frosch.

Die alten Spartaner befolgten jahrhundertelang eine Züchtungsmoral. Es hat

den Anschein, als wenn die Moral des Lykurg in einem größeren Umfang noch

einmal aufleben wollte. Dann würde sein kühnes und vereinzeltes Experiment,

mit allen seinen bisherigen Folgen vielleicht nur der bescheidene Anfang einer

gewaltigen Umgestaltung des ganzen Menschengeschlechtes sein.

Wenn etwas vorüber ist, so ist es am Ende für unsere Vorstellungskraft

gleichgültig, ob es gestern geschah, oder vor mehr als zweitausend Jahren,

besonders, wenn es menschlich voll begreifliche Dinge sind. Ob also die

spartanischen Mädchen gestern nackt auf der Wiese getanzt haben, damit die

Jünglinge ihre Zuchtwahl treffen konnten, oder vor dreitausend Jahren, ist

einerlei. Ich nehme an, es sei gestern gewesen. Ich nehme an, daß man noch

gestern hier die Willenskraft, den persönlichen Mut, die Disziplin, Gewandtheit,

Körperstärke und jedwede Form der Abhärtung vor allem gepflegt und

gewürdigt hat. Und daß meinethalben die Epheben noch heute Nacht im

Heiligtum des Phöbus, draußen auf den dämmrigen Wiesen, wo ich sie nicht

sehe, wie unsre Zigeuner dem Monde, einen Hund opfern.

Ihr Gesetzgeber war Lykurg, ihr Ideal Herakles. Die Standbilder beider

Heroen standen auf beiden Brücken, die über den Wassergraben zum Spielplatz

bei den Platanen führten. Leider ging es auf eine sinnlose Weise roh, mit Treten,

Beißen und Augenausbohren, bei diesen Ephebenkämpfen zu.

 

Immer noch herrscht im Mondschein draußen derselbe dämonische Höllenlärm. Durch Ort, Stunde, Mondschein und Reiseermüdung aufgeregt, bevölkert sich

meine Phantasie mit einer Menge wechselnder Vorstellungen, gleichsam einem

altspartanischen Gespenster- und Kirchhofspuk. Bald sehe ich zappelnde

Säuglinge im Taygetus ausgesetzt, bald löffle ich selbst bei der gemeinsamen

öffentlichen Männermahlzeit die greuliche, schwarze Suppe ein, bald bin ich

gleichzeitig dort, wo ein Ephebe zu Ehren der Artemis nackt im Tempel

gegeißelt wird und sehe auf dem entfernten Stadion Odysseus mit den ersten

Freiern der jungfräulichen Penelope wettlaufen.

Zaudern ist, wie es scheint, schon damals eine Schwäche des edlen Weibes

gewesen: ich führe auch die Mißwirtschaft der Freier, im Hause des Gatten, auf sie zurück. Ikarios, der Vater Penelopes, wollte sie aus dem Elternhause in

Sparta nicht mit Odysseus ziehen lassen und folgte dem Paare, als es nun doch

nicht zurückzuhalten war, im Wagen nach. Dem Odysseus aber, der das Herz

seines Weibes noch auf der Reise schwankend sah, ist, nach einem Bericht des

Pausanias, die Geduld gerissen, und er hat kurzer Hand seinem Weibe an einer

gewissen Stelle des Weges zur Wahl gestellt: entweder nun entschlossen mit ihm

nach Ithaka, oder mit ihrem Vater und einem Abschied für immer wieder nach

Sparta heimzureisen.

 

Der Spuk der Nacht ist dem Lichte des Tages gewichen. Unten im Garten grasen Ziegen und eine Kuh. Das Zigeunermädchen sucht nach irgend etwas

die Hecken ab. Man hört drei- oder viermal die Pauke der Zigeuner anschlagen.

Es ist kein Tropfen Tau gefallen in der Nacht. Ich schreite trockenen Fußes

durchs hohe Gras.

Der Zigeuner und seine Frau hocken auf Decken vor ihrem Zelt. Er hat den

roten Schal des Kretensers bereits um die Hüften und schmaucht behaglich,

indes die zerlumpte Gattin Knöpfe an seiner geöffneten Weste, mit Zwirn und

Nadel, sorgsam festmacht. Der Bergfluß rauscht um die Lagerstatt.

 

Herr Allan I. B. Wace, Pembroke College, Cambridge, hat die Freundlichkeit, uns im kleinen Museum von Sparta mit Erklärungen an die Hand zu gehen.

Er geleitet uns durch ausgedehnte Olivenhaine, trotz brennender Sonnenglut, zur

Ausgrabungsstätte am Eurotas. Zu hunderten, ja zu tausenden werden hier in den

Fundamenten eines Athenatempels Figürchen nach Art unserer Bleisoldaten

aufgefunden. Diese Figürchen, von denen viele zutage lagen, so daß die

spartanischen Kinder mit ihnen spielten, verrieten das unterirdische Heiligtum.

 

Gegen Mittag besteigen wir Maultiere, nicht ohne Mühe, weil diese spartanischen Mulis besonders tückisch sind. Die schöne Tochter unseres

Gastfreundes, die uns noch gestern abend, mit tremolierender Stimme etwas zur

Laute sang, lehnt im Fenster der kleinen Baracke, nicht sehr weit über uns, und

beobachtet die Vorbereitungen für unsere Abreise mit kalter Bequemlichkeit.

Das hübsche, naive Kind von gestern, dessen Gegenwart mir die Erinnerung

eines zarten Jugendidylls erneuern konnte, ist nur noch eine träge,

unempfindliche Südländerin.

Ich erinnere mich — und schon ist dieses Gestern wieder Erinnerung! — Wie mir die Kleine nochmals im Garten begegnete, mir ins Gesicht sah und mich

anlachte, mit einer offenen Lustigkeit, die keine Schranke mehr übrig läßt. Nun

aber blickt sie über mich fort, als ob sie mich nie gesehen hätte, mit vollendeter

Gleichgültigkeit.

 

Wir frühstücken gegen ein Uhr mittags im Hofe eines byzantinischen Klosters — einer Halbruine unter Ruinen! — an den steilen Abhängen der

Ruinenstätte Mistra.

Der quadratische Hof ist an drei Seiten von Säulengängen umgeben. Sie

tragen eine zweite, offene Galerie. Die vierte Seite des Hofes ist nur durch eine

niedrige Mauer vom Abgrund getrennt und eröffnet einen unvergleichlichen

Blick in die Ferne und Tiefe des Eurotastales hinab.

Den kurzen Ritt von Sparta herauf haben wir unter brennender Sonne

zurückgelegt. Hier ist es kühl. Eine Zypresse, uralt, ragt jenseits der niedrigen

Mauer auf. Sie hat ihre Wurzeln hart am Rande der Tiefe eingeschlagen. Ich

suche den Lauf des Eurotas und erkenne ihn an seiner Begleitung hoher und

frischgrüner Pappeln. Ich verfolge ihn bis zu dem Ort, wo das heutige Sparta

liegt: mit seinen weißen Häusern in Olivenwäldern, unter Laubbäumen halb

versteckt.

Dieses mächtige, überaus glanzvolle südliche Tal, mit den fruchtreichen

Ebenen seiner Grundfläche, widerspricht dem strengen Begriff des

Spartanertums. Es ist vielmehr von einer großgearteten Lieblichkeit und scheint

zu sorglosem Lebensgenusse einzuladen.

Herr Adamantios Adamantiu, Ephor der Denkmäler des Mittelalters in Mistra,

stellt sich uns vor und hat die Freundlichkeit, seine Begleitung durch die Ruinen

anzutragen. Seine Mutter und er bewohnen einige kleine Räume eben des selben

ausgestorbenen Klosters, in dem wir jetzt sind.

Oben, auf einer der Galerien, hat sich ein lustiger Kreis gebildet. Es sind die

gleichen, lebenslustigen Pädagogen, denen wir bereits auf dem Wege nach

Sparta mehrmals begegnet sind. Sie befinden sich noch immer im Enthusiasmus

des Weins und singen unermüdlich griechische, italienische, ja sogar deutsche

Trinklieder.

Ich kann nicht sagen, daß dieser Studentenlärm nach deutschem Muster, mir

an dieser Stätte besonders willkommen ist, und doch muß ich lachen, als einer

der fröhlichen Zecher, ein älterer Herr, im weinselig-rauhen Sologesang

ausführlich darlegt, daß er weder Herzog, Kaiser noch Papst, sondern, lieber als

alles, Sultan sein möchte.

Der lebenslustige Sänger, spartanischer Gymnasialprofessor, spricht mich unten im Hofe an. Er macht mir die Freude, zu erklären, ich sei ihm seit lange

kein Unbekannter, was mir begreiflicherweise hier, an dem entlegenen Abhange

des Taygetus, seltsam zu hören ist.

 

Die Herren Lehrer haben Abschied genommen und sich entfernt. Herr Adamantios Adamantiu hat mittels eines altertümlichen Schlüssels ein

unscheinbares Pförtchen geöffnet und wir sind, durch einen Schritt, aus dem

hellen Säulengang in Dunkelheit und zugleich in ein liebliches Märchen versetzt.

Der blumige Dämmer des kleinen geheiligten Raumes, in den wir getreten

sind, ist erfüllt von dem Summen vieler Bienen. Es scheint, die kleinen

heidnischen Priesterinnen verwalten seit lange in dieser verlassenen Kirche

Christi allein den Gottesdienst. Allmählich treten Gold und bunte Farben der

Mosaiken mehr und mehr aus der Dunkelheit. Die kleine Kanzel, halbrund und

graziös, erscheint, mit einer bemalten Hand verziert, die eine zierliche, bunte

Taube, das Symbol des heiligen Geistes, hält.

Dieses enge, byzantinische Gotteshaus ist zugleich im zartesten Sinne

bezaubernd und ehrwürdig. Man findet sich nach dem derben Schmollistreiben

der Herren Lehrer ganz unvermutet plötzlich in ein unterirdisches Wunder der

Schehrazade versetzt, gleichsam in eine liebliche Gruft, eine blumige Kammer

des Paradieses, abgeschieden von dem rauhen Treiben irdischer Wirklichkeit.

Herr Adamantios Adamantiu, der Ephor, liebt die ihm anvertrauten Ruinen

mit Hingebung, und was mich betrifft, so empfinde ich schmerzlich in diesem

Augenblick, daß ich mich schon im nächsten von dem reinen Vergnügen dieses

Anblicks trennen muß. Reichtum und Fülle köstlichen Schmucks wird hier

vollkommener Ausdruck des Traulichsten, Ausdruck der Einfalt und einer

blumigen Religiosität. Das byzantinische Täubchen am Rande der Kanzel

verkörpert ebensowohl einen häuslichen, als den heiligen Geist.

Es scheint, daß Herr Adamantios Adamantiu keinen heißeren Wunsch im

Herzen trägt, als dauernd diese Ruinen zu hüten: und ich bin überrascht, im

Laufe der Unterhaltung wahrzunehmen, wie sehr verwandt der Geist des

lauteren Mannes mit jenem ist, der dieses Kirchlein schuf und erfüllt.

Mit leuchtenden Augen erklärt er mir, daß ich, glücklicher als der große

Goethe, diese Stätten mit leiblichen Augen sehen kann, wo Faust und Helena

sich gefunden haben.

In dieses Heiligtum gehört keine Orgel noch Bachsche Fuge hinein, sondern

durchaus nur das Summen der Bienen, die von den zahllosen Blüten der bunten

Mosaiken Nektar für ihre Waben zu ernten scheinen.

Sparta und Helena scheinen einander auszuschließen. Was sollte ein Gemeinwesen mit der Schönheit als Selbstzweck beginnen, wo man den Wert

eines Suppenkoches höher als den eines Harfenspielers einschätzte? Was hätte

Helena mit der spartanischen Strenge, Härte, Roheit, Nüchternheit und

Tugendboldigkeit etwa gemein?

Ein junger Spartaner rief, als man beim Gastmahl eine Lyra herbeibrachte:

Solche Tändeleien treiben sei nicht lakonisch. Wer möchte nun, da Helena und

die Leier Homers nicht zu trennen sind, behaupten wollen, daß Sparta Helenen

eine wirkliche Heimat sein konnte?

Herr Adamantios Adamantiu geleitet uns stundenlang auf mühsamen

Fußpfaden durch die fränkisch-byzantinisch-türkische Trümmerstadt, die erst im

Jahre 1834 durch Ibrahim Pascha zerstört worden ist. Das alte Mistra war an die

schwindelerregenden Felswände des Taygetus wie eine Ansiedlung von

Paradiesvogelnestern festgeklebt. Einzelne Kirchen werden durch wenige

Arbeiter unter Aufsicht des Herrn Ephoren sorgsam, Stein um Stein, wieder

hergestellt: Baudenkmäler von größter Zartheit und Lieblichkeit, deren

Zerstörung durch die Türken einen unendlich beklagenswerten Verlust bedeutet.

Überall von den Innenwänden der Tempel spricht uns das Zierliche, Köstliche,

Höfische an, in dem sich der Farbenreichtum des Orients mit dem zarten Kultus

der Freude des deutschen Minnesanges durchdrungen zu haben scheint. Die

Reste herrlicher Mosaiken, soweit sie der Brand und die Spieße der Türken

übriggelassen haben, scheinen, auch wenn sie heilige Gegenstände behandeln,

nur immer die Themen: Ritterdienst, Frauendienst, Gottesdienst

durcheinanderzuflechten.

Mittels eines nassen Schwammes bringt der Herr Ephor, auf einer Leiter

stehend, eigenhändig die erblindeten Mosaiken zu einem flüchtigen Leuchten im

alten Glanz.

„Ein innerer Burghof, umgeben von reichen, phantastischen Gebäuden des

Mittelalters“ ist der Schauplatz, in dem Helena sich gefangen fühlt, bevor ihr

Faust, im zweiten Teil des gleichgenannten Gedichts, in ritterlicher Hoftracht des

Mittelalters entgegentritt. Und mehr als einmal umgibt mich hier das Urbild

jener geheiligten Szenerie, darin sich die Vermählung des unruhig suchenden

deutschen Genius mit dem weiblichen Idealbild griechischer Schönheit vollzog.

 

Herr Adamantios Adamantiu, der etwa dreißig Jahre alt und von zarter Gesundheit ist, stellt uns auf einer der Galerien des Klosterhofes seiner

würdigen Mutter vor. Diese beiden lieben Menschen und Gastfreunde wollen

uns, wie es scheint, nicht mehr fortlassen. Die Mutter bietet meiner Reisegefährtin für die Nacht ihr eigenes Lager an, ihr Sohn dagegen das seine

mir.

Von seinem Zimmerchen aus überblickt man die ganze Weite und Tiefe des

Eurotastales, bis zu den weißen Gipfeln des Parnon, die hineinleuchten: das

Zimmer selber aber ist klein, und enthält nichts weiter als ein kleines Regal für

Bücher, Tisch, Stuhl und Feldbettstelle, dazu im Winkel ein ewiges Lämpchen

unter einem griechisch-katholischen Gnadenbild. Natürlich, daß in einem

verlassenen Kloster die Fenster undicht, die Wände schlecht verputzt — und daß

in den rohen Bretterdielen klaffende Fugen sind.

Ganz Sohnesliebe, ganz Vaterlandsliebe und ganz von seinem besonderen

Beruf erfüllt: der Pflege jener vaterländischen Altertümer! bringt Herr

Adamantios Adamantiu in weltentsagender Tätigkeit seine jungen Jahre zu und

beklagt es, daß manche seiner Mitbürger so leicht die mütterliche Scholle

aufgeben mögen, die ihrer Kinder so sehr bedarf.

Der hingebungsvolle Geist dieses jungen Griechen erweckt in meiner Seele

wärmste Bewunderung und ich rechne die Begegnung mit ihm zu den schönsten

Ereignissen meiner bisherigen Reise durch Griechenland. Wie er unverdrossen

und mit reinster Geduld Werkstück um Werkstück aus dem Schutt der

Verwüstung zu sammeln sucht, um in mühsamen Jahren hier und da etwas

Weniges liebevoll wieder herzustellen, von der ganzen, beinahe in einem

Augenblicke vernichteten, unersetzlichen Herrlichkeit, das legt von einem

Idealismus ohnegleichen Zeugnis ab.

 

Wir nehmen Abschied von unsern Wirten, um noch vor Einbruch der Nacht den Ritt bis Tripi zu tun: Tripi am Eingang jener mächtigen Schlucht, die

sich in die Tiefe des Taygetus fortsetzt, den wir übersteigen wollen.

Unsere Maultiere fangen wie Ziegen oder Gemsen zu klettern an: bald geht es

fast lotrecht in die Höhe, bald ebenso lotrecht wieder hinab, so daß ich mitunter

die Überzeugung habe, unsere Tiere hätten den eigensinnigen Vorsatz gefaßt, um

jeden Preis auf dem Kopfe zu stehen. Wenn man, mit den Blicken vorauseilend,

als Unerfahrener die drohenden Schwierigkeiten des Weges im Geiste zu

überwinden sucht, so glaubt man mitunter verzagen zu sollen, denn es eröffnet

sich scheinbar nur selten für ein Weiterkommen die Möglichkeit.

Aber das Maultier nimmt mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit jedes

Hindernis: über Böschungen rutschen wir an steinige Bäche hinunter und

jenseits des Wassers klettern wir wieder empor. In einem Bachbett steigen wir

lange Zeit von einem kantigen Block zum andern bergan und zwar bereits von

der Dunkelheit überrascht, bis wir das Wasser am Ausgang der Langada in dem steilen Tale von Tripi rauschen hören. Über eine Geröllhalde geht es alsdann in

gefährlicher Eile hinab, bis wir, die Lichter von Tripi vor Augen, auf einer

breiten, gesicherten Straße geborgen sind.

 

Gegen vier Uhr des Morgens wecken mich die Nachtigallen von Tripi. Ich glaube, daß alle Singvögel der ganzen Welt den Aufgang der Sonne mit

einem kurzen Konzert begrüßen. Zweifellos ist dies Gottesdienst.

Unser Haus ist in schwindelerregender Höhe über der Talwand erbaut. Wir

haben in einem Raume übernachtet, der drei Wände von Glas ohne Vorhänge

hat. Büsche reichen bis zu den Fenstern. Mächtige Wipfel alter Laubbäume sind

unter uns und bekleiden die steilen Wände der Schlucht.

Während das einsame Licht zunimmt, schlagen die Nachtigallen lauter aus

dem Abgrund herauf. Nach einiger Zeit beginnen alle Hähne des Dorfes einen

lauten Sturm, der die Nachtigallen sofort verstummen macht.

Auf einem Felsen, scheinbar unzugänglich, inmitten der Schlucht, erscheint

die Kirche von Tripi im Morgenlicht. Die Pfade von Tripi, die ganze Anlage

dieses Ortes sind ebenso malerisch wie halsbrecherisch.

 

Die Maultiere klettern schwindelerregende Pfade. Sie halten sich meistens am Rande der Abgründe. Die Langada beginnt großartig, aber kahl und baumlos.

Die Gesteinmassen des Bachbettes, auf dem Grunde der gewaltigen Schlucht,

liegen bleich, verwaschen und trocken da. Das Tal ist tot. Kein Vogellaut, kein

Wasserrauschen!

Indem wir ein wenig höher gelangen, zeigt sich geringe Vegetation. Einige

Vögel beginnen zu piepsen. Nach einiger Zeit fällt uns der Ruf eines Kuckucks

ins Ohr.

Weiter oben erschließt sich ein Tal, auf dessen Sohle lebendiges Wasser

rauscht. Wir steigen in dieses Tal, das eigentlich eine Schlucht ist, hinunter. Die

Abhänge sind von Ziegenherden belebt. Eng in die Felswände eingeschlossen,

schallen die Herdenglocken laut.

Bis hierher war es, trotz der Frühe, ziemlich heiß. Nun werden wir von

erquickenden Winden begrüßt. Erfrischt von der gleichen Strömung der Luft,

winken die grünen Wedel der Steineichen von den Felsspitzen. Plötzlich haben

wir nickende Büsche überall. Efeuranken klettern wohl hundert Meter und höher

die Steinwand hinauf.

Immer wasserreicher erscheinen die Höhen, in die wir aufdringen. Mehrmals

werden reißende Bäche überquert. Eine erste, gewaltige Kiefer grüßt vom Abhange. Anemonen, blendend rote, zeigen sich. Kleine Trupps zarter

Alpenveilchen. Aus Seitenschachten stürzen klare Wasser über den Weg und

ergießen sich in das Sammelbett des größeren Baches.

Wir halten die erste Rast, etwa 2300 Meter hoch im Taygetus, unter einem

blühenden Kirschbaum vor der Herberge, genannt zur kleinen Himmelsmutter.

Der Bergstrom rauscht. Kirschblüten fallen auf uns herunter. Wir haben herrliche

Abhänge gegenüber, die mit starken Aleppokiefern bewaldet sind.

Es ist köstlich hier, entzückend der Blick durch die tiefgesenkten

Blütenzweige in die ebenso wilde als wonnige Bergwelt hinein.

Man fühlt hier oben das unbestrittene Reich der göttlichen Jägerin Artemis,

die in Lakonien vielfach verehrt wurde. Hier ist für ein freies, seliges Jägerleben

noch heut der eigentlich arkadische Tummelplatz. Hier oben fanden auch Opfer

statt. Und zwar jene selben Sonnenopfer, die bei den alten Germanen üblich

gewesen sind und bei denen die Spartiaten, nicht anders wie unsere Vorfahren,

Pferde schlachteten.

 

Wir haben den Hochpaß überstiegen und nach einem ermüdenden Ritt, meist steil bergab, das Dörfchen Lada erreicht. Ein Bergstrom hat die steinige

Straße der Ortschaft mit seinen stürzenden Wellen überschwemmt und niemand

denkt daran, ihn in sein Bett zurückzuleiten. Mit Ausnahme eines kleinen

Bezirks um die Ansiedelungen Ladas, ist das weite Tal eine einzige Steinwüste.

Träge, fast unwillig, öffnet auf das Klopfen unseres Führers eine derbe,

blonde, noch nicht zwanzigjährige Bäuerin die Tür zur Herberge. Ein Ferkel

wühlt zwischen Tisch und Bank, in einem finsteren, kellerartigen Raum, dessen

Hintergrund ein Lager mit gewaltigen Fässern ausfüllt. In einer hölzernen

Schlachtermulde auf dem Tische schläft ein neugeborenes Kind.

 

Die Jachten der Königin von England und des Königs von Griechenland liegen im Hafen zur Abfahrt bereit. Eben hat sich die „Galata“ des Norddeutschen

Lloyd in Bewegung gesetzt, die uns nach Konstantinopel führen soll. Die Häuser

des Pyräus stehen im weißen Licht.

Athen ist das Licht, das Auge, das Herz, das Haupt, die atmende Brust, die

Blüte von Griechenland: heute des neuen, wie einst des alten! Ich empfand das

lebhaft, trotz aller großen Landschaftseindrücke meiner peloponnesischen Fahrt,

als ich nach ununterbrochener Reise von Kalamata wieder hier anlangte. Athen

ist durch seine Lage geschaffen, und Griechenland ohne Athen wäre niemals

geworden, was es war und was es uns ist. Der freie, attische Götterflug hat den freien attischen Geistesflug hervorgerufen.

Indem wir, Abschied nehmend, die Küste zur Linken, hingleiten, vorüber an

dem kleinen Hafen Munichia, vorbei an den Siedelungen von Neu-Pharleron,

steigt noch einmal das ganze attische Wunder vor uns auf.

Dieser Hymettos, dieser Pentele, dieser Lykabettos, dieser Fels der Akropolis

sind keine Zufälligkeit. Alles dieses trägt den Adel seiner Bestimmung im

Angesicht.

Wir trinken gierig den Hauch des herrlichen Götterlandes, solange er noch

herüberdringt und saugen uns mit den Blicken in seine silberne Anmut fest, bis

alles unseren Augen entschwindet.

 

Ende

Kopf des Wagenlenkers aus Delphi

(Originalaufnahme)

Druck von W. Drugulin, Leipzig.

Anmerkungen zur Transkription

 

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler

wurden stillscheigend korrigert. Weitere Änderungen, teilweise unter Verwendung anderer

Ausgaben sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

 

... wird. Er ist ausgezeichneter Schwimmer ...

... wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer ...

... Es ist schwer, etwas so Abstoßendes ...

... Es ist schwer, sich etwas so Abstoßendes ...

... Ehre — man spielte für Götter und vor ...

... Ehre darstellte — man spielte für Götter und vor ...

... sein, ähnelt sich in Form, Dichte und Kräuselung ...

... sein, ähnelt in Form, Dichte und Kräuselung ...

... den Tälern räche, fortan nicht mehr den ...

... den Tätern räche, fortan nicht mehr den ...

 

End of Project Gutenberg's Griechischer Frühling, by Gerhart Hauptmann

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