Griechischer Frühling
Unnamed
dunkles Silber. Der Wind weht empfindlich kalt.
Homer in der Odyssee läßt den Charakter des Erderschütterers Poseidon durchaus nicht liebenswürdig erscheinen. Er ist es auch nicht. Er ist
unzuverlässig; er hat unberechenbare Tücken. Ich empfinde die Seekrankheit, an
der viele Damen und einige Herren leiden, als einen hämischen Racheakt. Der
Gott übt Rache. In einer Zeit, wo er, verglichen mit ehemals, sich in seiner
Macht auf eine ungeahnte Weise beschränkt und zur Duldung verurteilt sieht,
rächt er sich auf die niederträchtigste Art. Ich stelle mir vor, er schickt einen
aalartig-langen Wurm aus der Tiefe herauf, mit dem Kopf zuerst durch den
Mund in den Magen des Seefahrers; aber so, daß der Kopf in den Magen
gelangt, dort eingeschlossen, der Schwanz mittlerweile ruhig im Wasser hängen
bleibt. Der Seefahrer fühlt diesen Wurm, den niemand sieht. Obgleich er ihn
aber nicht sieht, so weiß er doch, daß er grün und schleimig ist, und endlos lang
in die See hinunterhängt, und mit dem Kopfe im Magen festsitzt. Die schwierige
Aufgabe bleibt nun die: den Wurm, der sich nicht verschlucken und auch nicht
ausspucken läßt, aus dem Innern herauszubekommen.
Seltsam ist, daß Homer diesen göttlichen Kniff Poseidons unbeschrieben läßt,
zumal er doch sonst im Gräßlichen keine Grenzen kennt und — von den vielerlei
Todesarten, die er zur Darstellung bringt, abgesehen — einen verwandten
Zustand, der dem Zyklopen Polyphem zustößt, so schildert:
„... dem Rachen entstürzten mit Weine
Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.“
Eine Gesellschaft von Tümmlern zeigt sich hie und da augenblicksschnell überm
Wasser in der Nähe des Dampfers. Der Tümmler, vom Seemann als
Schweinfisch bezeichnet, ist ein Delphin, der im Mittelmeer wohl fast bei jeder
Tagesfahrt gesichtet wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer und sehr
gefräßig.
Wir verlieren die italienische Küste wieder mehr und mehr aus den Augen. Der Nachmittag schreitet fort durch monotone Stunden, wie sie bei keiner
Seereise ganz fehlen. Regenböen gehen zuweilen über Deck. Ich finde einen
bequemen Sitzplatz, einigermaßen geschützt vor dem Winde. Ich schließe die
Augen. Ich versinke gleichsam in die Geräusche des Meeres. Das Rauschen
umgibt mich. Das große, das machtvolle Rauschen, überall her eindringend, unwiderstehlich, erfüllt meine Seele, scheint meine Seele selbst zu sein.
Ich gedenke früherer Seefahrten; darunter sind solche, die ich mit
beklommener Seele habe machen müssen. Viele Einzelheiten stehen vor meinem
innern Gesicht. Ich vergleiche damit meinen heutigen Zustand. Damals warf der
große Ozean unser stattliches Schiff dreizehn Tage lang. Die Seeleute machten
ernste Gesichter. Was ich selber für ein Gesicht gemacht habe, weiß ich nicht;
denn was mich betrifft: ich erlebte damals stürmische Wochen auf zwei Meeren,
und ich wußte genau, daß, wenn wir mit unserem bremensischen Dampfer auch
wirklich den Hafen erreichen sollten, dies für mein eigenes, gebrechliches
Fahrzeug durchaus nicht der Hafen sei.
Ich erwäge plötzlich mit einem gelinden Entsetzen, daß ich mich nun doch
noch auf einer Reise nach jenem Lande befinde, in das es mich schon mit
achtzehn Jahren hyperion-sehnsüchtig zog. Zu jener Zeit erzwang ich mir einen
Aufbruch dahin, aber die Wunder der italienischen Halbinsel verhinderten mich,
mein Ziel zu erreichen. Nun habe ich, das Versäumte nachzuholen: in 26 Jahren
zuweilen gehofft, zuweilen nicht mehr gehofft, zuweilen gewünscht, zuweilen
auch nicht mehr gewünscht; einmal die Reise geplant, begonnen und liegen
gelassen. Und ich gestehe mir ein, daß ich eigentlich niemals an die Möglichkeit
ernstlich geglaubt habe, das Land der Griechen mit Augen zu sehen. Noch jetzt,
indem ich diese Notizen mache, bin ich mißtrauisch!
Ich kenne übrigens keine Fahrt, die etwas gleich Unwahrscheinliches an sich
hätte. Ist doch Griechenland eine Provinz jedes europäischen Geistes geworden;
und zwar ist es noch immer die Hauptprovinz. Mit Dampfschiffen oder auf
Eisenbahnen hinreisen zu wollen, erscheint fast so unsinnig, als etwa in den
Himmel eigener Phantasie mit einer wirklichen Leiter steigen zu wollen.
Es ist sechs Uhr und die Sonne eben im Untergehen. Der Schiffsarzt erzählt mancherlei und kommt auf die Sage vom grünen Strahl. Der grüne Strahl, den
gesehen zu haben Schiffsleute mitunter behaupten, erscheint in dem Augenblick,
ehe die Abendsonne ganz unter die Wasserlinie tritt. Ich weiß nicht, welche Fülle
rätselhaften Naturempfindens diese schöne Vorstellung in mir auslöst. Die Alten,
erklärt uns ein kleiner Herr, müßten den grünen Strahl gekannt haben; der Name
des ägyptischen Sonnengottes bedeute ursprünglich: grün. Ich weiß nicht, ob es
sich so verhält, aber ich fühle in mir eine Sehnsucht, den grünen Strahl zu
erblicken. Ich könnte mir einen reinen Toren vorstellen, dessen Leben darin
bestünde, über Länder und Meere nach ihm zu suchen, um endlich am Glanz
dieses fremden, herrlichen Lichtes unterzugehen. Befinden wir uns vielleicht auf
einer ähnlichen Pilgerfahrt? Sind wir nicht etwa Menschen, die das Bereich ihrer Sinne erschöpft haben, nach andersartigen Reizen für Sinne und Übersinne
dürsten?
Jedenfalls ist der kleine Herr, durch den wir über den grünen Strahl belehrt
wurden, ein seltsamer Pilgersmann. Das putzige Männchen reist in
Schlafschuhen. Sein ganzes Betragen und Wesen erregt zugleich Befremden und
Sympathie. Wohl über die fünfzig hinaus an Jahren, mit bärtigem Kopf,
rundlicher Leibesfülle und kurzen Beinchen, bewegt er sich in seinen
Schlafschuhen mit einer bewunderungswürdigen, stillvergnügten Gelenkigkeit.
Ich habe ihn auf der Regenplane, von der die verschlossene Öffnung des
Schiffsraums überzogen ist, in wahrhaft akrobatischen Stellungen bequem seine
Reisebeobachtungen anstellen sehen. Zum Beispiel: er saß wie ein Türke da;
indessen die Gleichgültigkeit, mit der er die unwahrscheinlichste Lage seiner
Beinchen behandelte, hätte Theodor Amadeus Hoffmann stutzig gemacht.
Übrigens trug er Wadenstrümpfe und Kniehosen, Lodenmantel und einen
kleinen, verwegenen Tirolerhut. Mitunter machte er mitten am Tage
astronomische Studien, wobei er, das Zeißglas gegen den Himmel gerichtet, die
Kniee in unbeschreiblicher Weise voneinander entfernt, die Fußsohlen glatt
aneinander gelegt, auf dem Rücken lag.
Wir gleiten nun schon geraume Weile unter den Sternen des Nachthimmels. Ein Schlag der Glocke, die vorn auf dem Schiff angebracht ist, bedeutet
Feuer rechts. Der Leuchtturm von Brindisi ist gesichtet. Nach und nach treten
drei Blinkfeuer von der Küste her abwechselnd in Wirkung. Drei neue
Glockenzeichen des vorn wachthaltenden Matrosen ertönen. Sie bedeuten: Schiff
in Fahrtrichtung uns entgegen. Ich habe mich so aufgestellt, daß ich die Spitze
des großen Vordermasts über mir feierlich schwanken und zwischen den Sternen
unaufhaltsam fortrücken sehe. Erst gegen zehn Uhr erreichen wir die enge
Hafeneinfahrt von Brindisi, durch die wir, an einem Gespensterkastell vorüber,
im vollen Mondlicht langsam gleiten.
Die Bewohner der Stadt scheinen schlafen gegangen zu sein. Die
Hafenstraßen sind menschenleer. Treppen und Gäßchen zwischen Häusern,
hügelan führend, sind ebenfalls ausgestorben. Kein Laut, nicht einmal
Hundegebell, ertönt. Wir erkennen im Mondlicht und im Scheine einiger
wenigen Laternen Säulenreste antiker Bauwerke. Brindisi war der südliche
Endpunkt der via Appia.
Unglaublich groß wirkt das Schiff in dem kleinen, teichartigen Hafen. Aber,
so groß es ist, macht es mit vieler Vorsicht am Kai fest, und erst als es fast ganz
ruhig liegt, ist es bemerkt worden. Jetzt werden auf einmal die Straßen belebt. Und schon sind wir nach wenigen Augenblicken vom italienischen Lärm
umgeben. Die Polizei erscheint an Bord. Wagen mit Passagieren rasseln von den
Hotels heran. Drei Mandoline zupfende, alte Kerle haben sich auf Deck
verpflanzt, die den Gesang einer sehr phlegmatischen Mignon begleiten.
Die Nacht liegt hinter mir. Es ist sechs Uhr früh und der 28. März. Wir sind dicht unter Land, und die Sonne tritt eben hinter den ziemlich stark
beschneiten Spitzen über die höchste Erhebung des Randgebirges von Epirus
voll hervor. Wenig Stratusgewölk liegt über der blauen Silhouette der Küste.
Übrigens hat der Himmel Scirocco-Charakter. Streifen und verwaschene
Wolkenballen unterbrechen das Himmelsblau. Das Licht der Sonne scheint blaß
und kraftlos. Die Luft weht erkältend, ich spüre Müdigkeit.
Ich betrete den Speisesaal der „Salzburg“. An drei Tischen ist das Frühstück
vorbereitet. Dazwischen, auf der Erde, liegen Passagiere. Einige erheben sich,
noch im Hemd, von ihren Matratzen und beginnen die Kleider anzulegen. Ein
großes Glasgefäß mit den verschmierten Resten einer schwarzbraunen
Fruchtmarmelade steht in unappetitlicher Nähe. Der Löffel steckt seit Beginn der
Reise darin.
Es ist hier alles schon Asien, bedeutet mich ein Mitreisender. Ich kann nicht
sagen, daß ich besonders von diesen Übelständen berührt werde, weiß ich doch,
daß Korfu, die erste Etappe der Reise, nun bald erreicht ist. Außerdem flüchtet
man, nachdem man in Eile etwas Kaffee und Brot genossen hat, wieder an Deck
hinaus. Die Berge der Küste, nicht höher als die, von denen etwa Lugano
umgeben ist, sind noch mit einigem Schnee bestreut und ähneln ihnen,
braunrötlich und kahl, durchaus. Durch diese Gebirge erscheint das Hinterland
wie durch einen gigantischen Wall vor dem Meere geschützt.
Man hat jetzt nicht mehr das Gefühl, im offenen Meere zu sein, sondern wir
bewegen uns in einer sich mehr und mehr verengenden Wasserstraße. Überall
tauchen Küsten und Inseln auf, und nun zur Rechten bereits die Höhen von
Korfu. Noch immer schweben mit Gelächter oder Geläut begleitende Möven
über uns.
Je länger und näher wir an dem nördlichen Rande von Korfu hingleiten, um so
fieberhafter wird das allgemeine Leben an Deck. In schöner Linie langsam
ansteigend, gipfelt das Eiland in zwei Spitzen, sanft darnach wieder ins Meer
verlaufend. Wieder bemächtigt sich unser jenes Entzücken, das uns eine Küsten-
Landschaft bereitet, die man vom Meere aus sieht. Diesmal ist es in mir fast zu
einem inneren Jubel gesteigert, im Anblick des schönen Berges, den wir
allmählich nach Süden umfahren, und der seine von der Morgensonne beschienenen Abhänge immer deutlicher und verlockender ausbreitet. Ich sage
mir, dieses köstliche, fremde Land wird nun auf Wochen hinaus — und Wochen
bedeuten auf Reisen viel! — für mich eine Heimat sein.
Was mir bevorsteht, ist eine Art Besitzergreifen. Es ist keine unreale,
materielle Eroberung, sondern mehr. Ich bin wieder jung. Ich bin berauscht von
schönen Erwartungen, denn ich habe von dieser Insel, solange ich ihren Namen
kannte, Träume geträumt.
Es ist zehn Uhr. Wir befinden uns nun in einer wahrhaft phäakischen Bucht. Drepane, Sichel, hieß die Insel im ältesten Altertum, und wir sind in dem
Raume der inneren Krümmung. Aber das Jonische Meer ist hier einem weiten,
paradiesischen Landsee ähnlich, weil auch der offene Teil der Sichel durch die
epirotischen Berge hinter uns scheinbar geschlossen ist.
Ich vermag vor Kopfneuralgien kaum aus den Augen zu sehen. Ich bin insofern ein wenig enttäuscht, als unser Hotel rings von den Häusern der Stadt umgeben
ist und es nicht leicht erscheint, zu jenen einsamen Wegen durchzudringen, die
mich vom Schiff aus anlockten und die für meine besondere Lebensweise so
notwendig sind. Ein kurzer Gang durch einige Straßen von Korfu, der Stadt,
zwingt mich, die Bemerkung zu machen, daß hier viele Bettler und Hunde sind.
Eine bettelnde Korfiotin, ein robustes Weib in griechischer Tracht, das Kind auf
dem Arm, geht mich um eine Gabe an, und ich vermag den feurigen Blicken
ihrer beiden flehenden Augen mein hartes Herz nicht erfolgreich
entgegenzusetzen.
Ich sehe die ersten griechischen Priester, die im Schmuck ihrer schwarzen
Bärte, Talare und hohen, röhrenförmigen Kopfbedeckungen Magiern ähneln, auf
Plätzen und Gassen herumstreichen. Die nicht sehr zahlreichen Fremden gehen
mit eingezogenen Köpfen umher, es ist ziemlich kalt. Im oberen Stock eines
Hauses wird Schule gehalten. Die Kinder, im Innern des Zimmers, singen. Die
Lehrer gucken lachend und lebhaft schwatzend zum Fenster heraus. Die
Stimmen der Singenden haben mehr einen kühlen, deutschen Charakter und
nicht den feurigen, italienischen, an den man im Süden gewöhnt ist. Zuweilen
singt einer der Lehrer zum offenen Fenster heraus lustig mit.
Die Stadt Korfu ist in ihrem schöneren Teil durch einen sehr breiten,
vergrasten Platz von der Bucht getrennt. Es ist außerordentlich angenehm, hier
zu lustwandeln. Ein Capodistria-Denkmal und ein marmornes Rundtempelchen
verlieren sich fast auf der weiten Grasfläche. Nach dem Meer hin läuft sie in eine Felszunge aus, die alte Befestigungen aus den Zeiten der Venezianer trägt.
Ich begegne kaum einem Menschen. Die Morgensonne liegt auf dem grünen
Plan, ein Schäfchen grast nicht weit von mir. Ein Truthahn dreht sich und kollert
in der Nähe der langen Hausreihe, deren zahllose Fenster geöffnet sind und den
Gesang von — ich weiß nicht wie vielen! — Harzer Rollern in die erquickende
Luft schicken.
Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt über Land; es ist in der Luft eine
außerordentlich starke Helligkeit. Figi d’India-Kakteen säumen mauerartig die
Straße. Wir sehen violette Anemonen unten am Wegrand, Blumen von neuem
und wunderbarem Reiz. Warum will man den Blumen durchaus Eigenschaften
von Tieren oder von Menschen andichten und sie nicht lieber zu Göttern
machen? Diese kleinen göttlichen Wesen, deren köstlicher Liebreiz uns immer
wieder Ausrufe des Entzückens entlockt, zeigen sich in um so größeren Mengen,
je mehr wir uns von der Küste entfernen, ins Innere des Eilands hinein.
Der Blick weitet sich bald über Wiesen mit saftig grünen, aber noch kurzen
Gräsern, die fleckweise wie beschneit von Margueriten sind. In diesen fast
nordischen Rasenflächen stehen Zypressen vereinzelt da und eine südliche
Bucht, der Lago di Caliciopolo lacht dahinter auf. In der Straße, die eben diese
Bucht mit dem Meere verbindet, erhebt sich ein kleiner, von Mauern und
Zypressen gekrönter Fels. Die Mauern bilden ein Mönchskloster. Ponticonisi
oder Mausinsel heißt das Ganze, wovon man behauptet, es sei das
Phäakenschiff, das, nachdem es Odysseus nach seiner Heimat geleitet hatte, bei
seiner Rückkehr, fast schon im Hafen, von Poseidon zu Stein verwandelt worden
ist.
Wiesen und umgeworfene Äcker begleiten uns noch. Vollbusige, griechische
Frauen, in bunter Landestracht, arbeiten in den Feldern. Kleine, zottelige,
unglaublich ruppige Gäule grasen an den Rainen und zwischen Olivenbäumen,
an steinigen Abhängen. Auf winzige Eselchen sind große Lasten gelegt, und der
Treiber sitzt auf der Last oder hinter der Last noch dazu.
Wir nähern uns mehr und mehr einem Berggebiet. Die Ölwälder geben der
Landschaft einen ernsten Charakter. Die tausendfach durchlöcherten Stämme der
alten Bäume sind wie aus glanzlosem Silber geflochten. Im Schutze der Kronen
wuchert Gestrüpp und ein wildwachsender Himmel fremdartiger Blüten auf.
Das Achilleion der Kaiserin Elisabeth ist auf einer Höhe errichtet, in einer Eiland und Meer beherrschenden Lage. Der obere Teil des Gartens ist ein
wenig beengt und kleinlich, besonders angesichts dieser Natur, die sich um ihn
her in die Tiefen ausbreitet. Und jener Teil, der zum Meere hinuntersteigt, ist zu steil. Von erhabener Art ist die Achillesverehrung der edlen Frau, obgleich dieser
Zug, durch Künstler der Gegenwart, würdigen Ausdruck hier nicht gefunden hat.
Das Denkmal Heines, eine halbe Stunde entfernt, unten am Meere, können wir,
weil es bereits zu dunkeln beginnt, nicht mehr besuchen.
Die unvergleichlich Edele unter den Frauengestalten jüngster Vergangenheit,
die, nach ihresgleichen in unserem Zeitalter vergeblich suchend, einsam
geblieben ist, vermochte natürlicherweise den kunstmäßigen Ausdruck ihrer
Persönlichkeit nicht selbst zu finden. Und leider schufen Handlangernaturen
auch hier nur wieder im ganzen und großen den Ausdruck desselben, dem sie
entfliehen wollte. Und nur der Platz, die Welt, der erhabene Glanz und Ernst, in
den sie entfloh, legt von diesem Wesen noch gültiges Zeugnis ab.
Wir schreiben den 30. März. Helle, warme Sonne, blendendes Licht überall. Der Morgen ist heiter, erfrischend die Luft. Die Stadt ist erfüllt vom
Geschrei der Ausrufer. Viele Menschen liegen jetzt, gegen 9 Uhr früh, am Rande
eines kleinen, öffentlichen Platzes umher und sonnen sich. Eine ganze Familie
ist zu beobachten, die sich an eine Gartenmauer gelagert hat, in einem sehr
notwendigen Wärmebedürfnis wahrscheinlich, da die Nächte kalt und die Keller,
in denen die Armen hier wohnen, nicht heizbar sind. Sie genießen die Strahlen
der Sonne mit Wohlbehagen, wie Ofenglut. Dabei zeigt sich die Mutter insofern
ganz ungeniert durch die Öffentlichkeit, als sie, gleich einer Äffin, in den
verfilzten Haaren ihres Jüngsten herumfingert, sehr resolut, obgleich der kleine
Gelauste schrecklich weint.
Am Kai der Kaiserin Elisabeth steigert sich der Glanz des Lichtes noch, im
Angesichte der schönen Bucht. Das Kai ist eine englische Anlage und die
Nachmittagspromenade der korfiotischen Welt. Es wird begleitet von schönen
Baumreihen, die, wo sie nicht aus immergrünen Arten gebildet sind, erstes,
zartes Grün überzieht. Junge Männer haben Teppiche aus den Häusern
geschleppt und auf dem Grase zwischen den Stämmen ausgebreitet. Ein
scheußliches, altes, erotomanisches Weib macht unanständige Sprünge in den
heiteren Morgen hinein. Sie schreit und schimpft: die Männer lachen, verspotten
sie gutmütig. Sie kratzt sich mit obscöner Gebärde, bevor sie davongeht und hebt
ihre Lumpen gegen die Spottlustigen.
Ich habe jetzt nicht mehr die tiefblaue, köstlich blinkende Bucht zur Linken,
mit den weißen Zelten der albanesischen Berge dahinter, sondern ein großes
Gartengebiet, und wandere weiter, meist unter Ölbäumen, bis Ponticonisi dicht
unter mir liegt. Von hier gegenüber mündet ein kleines Flüßchen ins Meer und
man will dort die Stelle annehmen, wo Odysseus zuerst ans Ufer gelangte und Nausikaa ihm begegnet ist.
Goethes Entwurf zur Nausikaa begleitet mich.
„Was rufen mich für Stimmen aus dem Schlaf?
Wie ein Geschrei, ein laut Gespräch der Frauen
Erklang mir durch die Dämmrung des Erwachens.
Hier seh ich niemand! Scherzen durchs Gebüsch
Die Nymphen? oder ahmt der frische Wind,
Durchs hohe Rohr des Flusses sich bewegend,
Zu meiner Qual die Menschenstimmen nach?
Wo bin ich hingekommen? welchem Lande
Trug mich der Zorn des Wellengottes zu?“
Ich meine, wenn dieses anziehende Fragment die starke Liebe wieder erweckt,
oder eine ähnlich starke, wie im Herzen seines Dichters war, so kann dies kein
Grund zum Vorwurf sein. Auch dann nicht, wenn diese Liebe das Fehlende, das
Ungeborene, zu erkennen vermeint, oder gar zu ergänzen unternimmt. Dieser
gelassene Ton, der so warm, stark, richtig und deutsch ist, wird meist durchaus
mißverstanden. Man nimmt ihn für kühl und vergißt auch in der Sprache der
Iphigenie die „by very much more handsome than fine“ ist, die alles
durchdringende Herzlichkeit.
Der Rückweg nach der Stadt führt zwischen wahre Dickichte von Orangen,
Granaten und Himbeeren. Eukalyptusbäume mit großgefleckten Stämmen von
wunderbarer Schönheit begegnen. Hie und da wandeln Kühe im hohen Gras
unter niedrig gehaltenen Orangenpflanzungen. Steinerne Häuschen, Höhlen der
Armut, bergen sich inmitten der dichten Gärten. Kinder betteln mit Fröhlichkeit,
starrend von Schmutz.
Immer weiter zwischen verwilderten Hecken, mit Blüten bedeckten, schreiten
wir. Ich bemerke, außer vielen Brombeeren, dickstämmigen, alten Weißdorn.
Marguerits, wie Schnee über Wegrändern und Wiesen, bilden weiße, liebliche
Teppiche des Elends. Erbärmliche Höfe sind von Aloepflanzen eingehegt, über
deren Stacheln unglaubliche Lumpen zum Trocknen gebreitet sind, und in der
Nähe solcher Wohnstätten riecht es nach Müll. Ich sehe nur Männer bei der
Feldarbeit. Die Weiber faulenzen, liegen im Dreck und sonnen sich.
Ein griechischer Hirt kommt mir entgegen, ein alter, bärtiger Mann. Die ganze
Erscheinung ist wohlgepflegt. Er trägt kretensische Tracht, ein rockartiges,
blaues Beinkleid, zwischen den Beinen gerafft, Schnabelschuh’, die Waden
gebunden, ein blaues Jäckchen mit Glanzknöpfen, dazu einen strohenen Hut.
Fünf Ziegen, nicht mehr, trotten vor ihm hin. Er klappert mit vielen kleinen
Blechkannen, die, an einem Riemen hängend, er mit sich führt.