Griechischer Frühling

Gerhart Hauptmann · Kapitel 2 von 6

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Griechischer Frühling

Unnamed

dunkles Silber. Der Wind weht empfindlich kalt.

 

Homer in der Odyssee läßt den Charakter des Erderschütterers Poseidon durchaus nicht liebenswürdig erscheinen. Er ist es auch nicht. Er ist

unzuverlässig; er hat unberechenbare Tücken. Ich empfinde die Seekrankheit, an

der viele Damen und einige Herren leiden, als einen hämischen Racheakt. Der

Gott übt Rache. In einer Zeit, wo er, verglichen mit ehemals, sich in seiner

Macht auf eine ungeahnte Weise beschränkt und zur Duldung verurteilt sieht,

rächt er sich auf die niederträchtigste Art. Ich stelle mir vor, er schickt einen

aalartig-langen Wurm aus der Tiefe herauf, mit dem Kopf zuerst durch den

Mund in den Magen des Seefahrers; aber so, daß der Kopf in den Magen

gelangt, dort eingeschlossen, der Schwanz mittlerweile ruhig im Wasser hängen

bleibt. Der Seefahrer fühlt diesen Wurm, den niemand sieht. Obgleich er ihn

aber nicht sieht, so weiß er doch, daß er grün und schleimig ist, und endlos lang

in die See hinunterhängt, und mit dem Kopfe im Magen festsitzt. Die schwierige

Aufgabe bleibt nun die: den Wurm, der sich nicht verschlucken und auch nicht

ausspucken läßt, aus dem Innern herauszubekommen.

Seltsam ist, daß Homer diesen göttlichen Kniff Poseidons unbeschrieben läßt,

zumal er doch sonst im Gräßlichen keine Grenzen kennt und — von den vielerlei

Todesarten, die er zur Darstellung bringt, abgesehen — einen verwandten

Zustand, der dem Zyklopen Polyphem zustößt, so schildert:

 

„... dem Rachen entstürzten mit Weine

Stücke von Menschenfleisch, die der schnarchende Trunkenbold ausbrach.“

 

Eine Gesellschaft von Tümmlern zeigt sich hie und da augenblicksschnell überm

Wasser in der Nähe des Dampfers. Der Tümmler, vom Seemann als

Schweinfisch bezeichnet, ist ein Delphin, der im Mittelmeer wohl fast bei jeder

Tagesfahrt gesichtet wird. Er ist ein ausgezeichneter Schwimmer und sehr

gefräßig.

 

Wir verlieren die italienische Küste wieder mehr und mehr aus den Augen. Der Nachmittag schreitet fort durch monotone Stunden, wie sie bei keiner

Seereise ganz fehlen. Regenböen gehen zuweilen über Deck. Ich finde einen

bequemen Sitzplatz, einigermaßen geschützt vor dem Winde. Ich schließe die

Augen. Ich versinke gleichsam in die Geräusche des Meeres. Das Rauschen

umgibt mich. Das große, das machtvolle Rauschen, überall her eindringend, unwiderstehlich, erfüllt meine Seele, scheint meine Seele selbst zu sein.

Ich gedenke früherer Seefahrten; darunter sind solche, die ich mit

beklommener Seele habe machen müssen. Viele Einzelheiten stehen vor meinem

innern Gesicht. Ich vergleiche damit meinen heutigen Zustand. Damals warf der

große Ozean unser stattliches Schiff dreizehn Tage lang. Die Seeleute machten

ernste Gesichter. Was ich selber für ein Gesicht gemacht habe, weiß ich nicht;

denn was mich betrifft: ich erlebte damals stürmische Wochen auf zwei Meeren,

und ich wußte genau, daß, wenn wir mit unserem bremensischen Dampfer auch

wirklich den Hafen erreichen sollten, dies für mein eigenes, gebrechliches

Fahrzeug durchaus nicht der Hafen sei.

Ich erwäge plötzlich mit einem gelinden Entsetzen, daß ich mich nun doch

noch auf einer Reise nach jenem Lande befinde, in das es mich schon mit

achtzehn Jahren hyperion-sehnsüchtig zog. Zu jener Zeit erzwang ich mir einen

Aufbruch dahin, aber die Wunder der italienischen Halbinsel verhinderten mich,

mein Ziel zu erreichen. Nun habe ich, das Versäumte nachzuholen: in 26 Jahren

zuweilen gehofft, zuweilen nicht mehr gehofft, zuweilen gewünscht, zuweilen

auch nicht mehr gewünscht; einmal die Reise geplant, begonnen und liegen

gelassen. Und ich gestehe mir ein, daß ich eigentlich niemals an die Möglichkeit

ernstlich geglaubt habe, das Land der Griechen mit Augen zu sehen. Noch jetzt,

indem ich diese Notizen mache, bin ich mißtrauisch!

Ich kenne übrigens keine Fahrt, die etwas gleich Unwahrscheinliches an sich

hätte. Ist doch Griechenland eine Provinz jedes europäischen Geistes geworden;

und zwar ist es noch immer die Hauptprovinz. Mit Dampfschiffen oder auf

Eisenbahnen hinreisen zu wollen, erscheint fast so unsinnig, als etwa in den

Himmel eigener Phantasie mit einer wirklichen Leiter steigen zu wollen.

 

Es ist sechs Uhr und die Sonne eben im Untergehen. Der Schiffsarzt erzählt mancherlei und kommt auf die Sage vom grünen Strahl. Der grüne Strahl, den

gesehen zu haben Schiffsleute mitunter behaupten, erscheint in dem Augenblick,

ehe die Abendsonne ganz unter die Wasserlinie tritt. Ich weiß nicht, welche Fülle

rätselhaften Naturempfindens diese schöne Vorstellung in mir auslöst. Die Alten,

erklärt uns ein kleiner Herr, müßten den grünen Strahl gekannt haben; der Name

des ägyptischen Sonnengottes bedeute ursprünglich: grün. Ich weiß nicht, ob es

sich so verhält, aber ich fühle in mir eine Sehnsucht, den grünen Strahl zu

erblicken. Ich könnte mir einen reinen Toren vorstellen, dessen Leben darin

bestünde, über Länder und Meere nach ihm zu suchen, um endlich am Glanz

dieses fremden, herrlichen Lichtes unterzugehen. Befinden wir uns vielleicht auf

einer ähnlichen Pilgerfahrt? Sind wir nicht etwa Menschen, die das Bereich ihrer Sinne erschöpft haben, nach andersartigen Reizen für Sinne und Übersinne

dürsten?

Jedenfalls ist der kleine Herr, durch den wir über den grünen Strahl belehrt

wurden, ein seltsamer Pilgersmann. Das putzige Männchen reist in

Schlafschuhen. Sein ganzes Betragen und Wesen erregt zugleich Befremden und

Sympathie. Wohl über die fünfzig hinaus an Jahren, mit bärtigem Kopf,

rundlicher Leibesfülle und kurzen Beinchen, bewegt er sich in seinen

Schlafschuhen mit einer bewunderungswürdigen, stillvergnügten Gelenkigkeit.

Ich habe ihn auf der Regenplane, von der die verschlossene Öffnung des

Schiffsraums überzogen ist, in wahrhaft akrobatischen Stellungen bequem seine

Reisebeobachtungen anstellen sehen. Zum Beispiel: er saß wie ein Türke da;

indessen die Gleichgültigkeit, mit der er die unwahrscheinlichste Lage seiner

Beinchen behandelte, hätte Theodor Amadeus Hoffmann stutzig gemacht.

Übrigens trug er Wadenstrümpfe und Kniehosen, Lodenmantel und einen

kleinen, verwegenen Tirolerhut. Mitunter machte er mitten am Tage

astronomische Studien, wobei er, das Zeißglas gegen den Himmel gerichtet, die

Kniee in unbeschreiblicher Weise voneinander entfernt, die Fußsohlen glatt

aneinander gelegt, auf dem Rücken lag.

 

Wir gleiten nun schon geraume Weile unter den Sternen des Nachthimmels. Ein Schlag der Glocke, die vorn auf dem Schiff angebracht ist, bedeutet

Feuer rechts. Der Leuchtturm von Brindisi ist gesichtet. Nach und nach treten

drei Blinkfeuer von der Küste her abwechselnd in Wirkung. Drei neue

Glockenzeichen des vorn wachthaltenden Matrosen ertönen. Sie bedeuten: Schiff

in Fahrtrichtung uns entgegen. Ich habe mich so aufgestellt, daß ich die Spitze

des großen Vordermasts über mir feierlich schwanken und zwischen den Sternen

unaufhaltsam fortrücken sehe. Erst gegen zehn Uhr erreichen wir die enge

Hafeneinfahrt von Brindisi, durch die wir, an einem Gespensterkastell vorüber,

im vollen Mondlicht langsam gleiten.

Die Bewohner der Stadt scheinen schlafen gegangen zu sein. Die

Hafenstraßen sind menschenleer. Treppen und Gäßchen zwischen Häusern,

hügelan führend, sind ebenfalls ausgestorben. Kein Laut, nicht einmal

Hundegebell, ertönt. Wir erkennen im Mondlicht und im Scheine einiger

wenigen Laternen Säulenreste antiker Bauwerke. Brindisi war der südliche

Endpunkt der via Appia.

Unglaublich groß wirkt das Schiff in dem kleinen, teichartigen Hafen. Aber,

so groß es ist, macht es mit vieler Vorsicht am Kai fest, und erst als es fast ganz

ruhig liegt, ist es bemerkt worden. Jetzt werden auf einmal die Straßen belebt. Und schon sind wir nach wenigen Augenblicken vom italienischen Lärm

umgeben. Die Polizei erscheint an Bord. Wagen mit Passagieren rasseln von den

Hotels heran. Drei Mandoline zupfende, alte Kerle haben sich auf Deck

verpflanzt, die den Gesang einer sehr phlegmatischen Mignon begleiten.

 

Die Nacht liegt hinter mir. Es ist sechs Uhr früh und der 28. März. Wir sind dicht unter Land, und die Sonne tritt eben hinter den ziemlich stark

beschneiten Spitzen über die höchste Erhebung des Randgebirges von Epirus

voll hervor. Wenig Stratusgewölk liegt über der blauen Silhouette der Küste.

Übrigens hat der Himmel Scirocco-Charakter. Streifen und verwaschene

Wolkenballen unterbrechen das Himmelsblau. Das Licht der Sonne scheint blaß

und kraftlos. Die Luft weht erkältend, ich spüre Müdigkeit.

Ich betrete den Speisesaal der „Salzburg“. An drei Tischen ist das Frühstück

vorbereitet. Dazwischen, auf der Erde, liegen Passagiere. Einige erheben sich,

noch im Hemd, von ihren Matratzen und beginnen die Kleider anzulegen. Ein

großes Glasgefäß mit den verschmierten Resten einer schwarzbraunen

Fruchtmarmelade steht in unappetitlicher Nähe. Der Löffel steckt seit Beginn der

Reise darin.

Es ist hier alles schon Asien, bedeutet mich ein Mitreisender. Ich kann nicht

sagen, daß ich besonders von diesen Übelständen berührt werde, weiß ich doch,

daß Korfu, die erste Etappe der Reise, nun bald erreicht ist. Außerdem flüchtet

man, nachdem man in Eile etwas Kaffee und Brot genossen hat, wieder an Deck

hinaus. Die Berge der Küste, nicht höher als die, von denen etwa Lugano

umgeben ist, sind noch mit einigem Schnee bestreut und ähneln ihnen,

braunrötlich und kahl, durchaus. Durch diese Gebirge erscheint das Hinterland

wie durch einen gigantischen Wall vor dem Meere geschützt.

Man hat jetzt nicht mehr das Gefühl, im offenen Meere zu sein, sondern wir

bewegen uns in einer sich mehr und mehr verengenden Wasserstraße. Überall

tauchen Küsten und Inseln auf, und nun zur Rechten bereits die Höhen von

Korfu. Noch immer schweben mit Gelächter oder Geläut begleitende Möven

über uns.

Je länger und näher wir an dem nördlichen Rande von Korfu hingleiten, um so

fieberhafter wird das allgemeine Leben an Deck. In schöner Linie langsam

ansteigend, gipfelt das Eiland in zwei Spitzen, sanft darnach wieder ins Meer

verlaufend. Wieder bemächtigt sich unser jenes Entzücken, das uns eine Küsten-

Landschaft bereitet, die man vom Meere aus sieht. Diesmal ist es in mir fast zu

einem inneren Jubel gesteigert, im Anblick des schönen Berges, den wir

allmählich nach Süden umfahren, und der seine von der Morgensonne beschienenen Abhänge immer deutlicher und verlockender ausbreitet. Ich sage

mir, dieses köstliche, fremde Land wird nun auf Wochen hinaus — und Wochen

bedeuten auf Reisen viel! — für mich eine Heimat sein.

Was mir bevorsteht, ist eine Art Besitzergreifen. Es ist keine unreale,

materielle Eroberung, sondern mehr. Ich bin wieder jung. Ich bin berauscht von

schönen Erwartungen, denn ich habe von dieser Insel, solange ich ihren Namen

kannte, Träume geträumt.

 

Es ist zehn Uhr. Wir befinden uns nun in einer wahrhaft phäakischen Bucht. Drepane, Sichel, hieß die Insel im ältesten Altertum, und wir sind in dem

Raume der inneren Krümmung. Aber das Jonische Meer ist hier einem weiten,

paradiesischen Landsee ähnlich, weil auch der offene Teil der Sichel durch die

epirotischen Berge hinter uns scheinbar geschlossen ist.

 

Ich vermag vor Kopfneuralgien kaum aus den Augen zu sehen. Ich bin insofern ein wenig enttäuscht, als unser Hotel rings von den Häusern der Stadt umgeben

ist und es nicht leicht erscheint, zu jenen einsamen Wegen durchzudringen, die

mich vom Schiff aus anlockten und die für meine besondere Lebensweise so

notwendig sind. Ein kurzer Gang durch einige Straßen von Korfu, der Stadt,

zwingt mich, die Bemerkung zu machen, daß hier viele Bettler und Hunde sind.

Eine bettelnde Korfiotin, ein robustes Weib in griechischer Tracht, das Kind auf

dem Arm, geht mich um eine Gabe an, und ich vermag den feurigen Blicken

ihrer beiden flehenden Augen mein hartes Herz nicht erfolgreich

entgegenzusetzen.

Ich sehe die ersten griechischen Priester, die im Schmuck ihrer schwarzen

Bärte, Talare und hohen, röhrenförmigen Kopfbedeckungen Magiern ähneln, auf

Plätzen und Gassen herumstreichen. Die nicht sehr zahlreichen Fremden gehen

mit eingezogenen Köpfen umher, es ist ziemlich kalt. Im oberen Stock eines

Hauses wird Schule gehalten. Die Kinder, im Innern des Zimmers, singen. Die

Lehrer gucken lachend und lebhaft schwatzend zum Fenster heraus. Die

Stimmen der Singenden haben mehr einen kühlen, deutschen Charakter und

nicht den feurigen, italienischen, an den man im Süden gewöhnt ist. Zuweilen

singt einer der Lehrer zum offenen Fenster heraus lustig mit.

Die Stadt Korfu ist in ihrem schöneren Teil durch einen sehr breiten,

vergrasten Platz von der Bucht getrennt. Es ist außerordentlich angenehm, hier

zu lustwandeln. Ein Capodistria-Denkmal und ein marmornes Rundtempelchen

verlieren sich fast auf der weiten Grasfläche. Nach dem Meer hin läuft sie in eine Felszunge aus, die alte Befestigungen aus den Zeiten der Venezianer trägt.

Ich begegne kaum einem Menschen. Die Morgensonne liegt auf dem grünen

Plan, ein Schäfchen grast nicht weit von mir. Ein Truthahn dreht sich und kollert

in der Nähe der langen Hausreihe, deren zahllose Fenster geöffnet sind und den

Gesang von — ich weiß nicht wie vielen! — Harzer Rollern in die erquickende

Luft schicken.

Wir unternehmen am Nachmittag eine Fahrt über Land; es ist in der Luft eine

außerordentlich starke Helligkeit. Figi d’India-Kakteen säumen mauerartig die

Straße. Wir sehen violette Anemonen unten am Wegrand, Blumen von neuem

und wunderbarem Reiz. Warum will man den Blumen durchaus Eigenschaften

von Tieren oder von Menschen andichten und sie nicht lieber zu Göttern

machen? Diese kleinen göttlichen Wesen, deren köstlicher Liebreiz uns immer

wieder Ausrufe des Entzückens entlockt, zeigen sich in um so größeren Mengen,

je mehr wir uns von der Küste entfernen, ins Innere des Eilands hinein.

Der Blick weitet sich bald über Wiesen mit saftig grünen, aber noch kurzen

Gräsern, die fleckweise wie beschneit von Margueriten sind. In diesen fast

nordischen Rasenflächen stehen Zypressen vereinzelt da und eine südliche

Bucht, der Lago di Caliciopolo lacht dahinter auf. In der Straße, die eben diese

Bucht mit dem Meere verbindet, erhebt sich ein kleiner, von Mauern und

Zypressen gekrönter Fels. Die Mauern bilden ein Mönchskloster. Ponticonisi

oder Mausinsel heißt das Ganze, wovon man behauptet, es sei das

Phäakenschiff, das, nachdem es Odysseus nach seiner Heimat geleitet hatte, bei

seiner Rückkehr, fast schon im Hafen, von Poseidon zu Stein verwandelt worden

ist.

Wiesen und umgeworfene Äcker begleiten uns noch. Vollbusige, griechische

Frauen, in bunter Landestracht, arbeiten in den Feldern. Kleine, zottelige,

unglaublich ruppige Gäule grasen an den Rainen und zwischen Olivenbäumen,

an steinigen Abhängen. Auf winzige Eselchen sind große Lasten gelegt, und der

Treiber sitzt auf der Last oder hinter der Last noch dazu.

Wir nähern uns mehr und mehr einem Berggebiet. Die Ölwälder geben der

Landschaft einen ernsten Charakter. Die tausendfach durchlöcherten Stämme der

alten Bäume sind wie aus glanzlosem Silber geflochten. Im Schutze der Kronen

wuchert Gestrüpp und ein wildwachsender Himmel fremdartiger Blüten auf.

 

Das Achilleion der Kaiserin Elisabeth ist auf einer Höhe errichtet, in einer Eiland und Meer beherrschenden Lage. Der obere Teil des Gartens ist ein

wenig beengt und kleinlich, besonders angesichts dieser Natur, die sich um ihn

her in die Tiefen ausbreitet. Und jener Teil, der zum Meere hinuntersteigt, ist zu steil. Von erhabener Art ist die Achillesverehrung der edlen Frau, obgleich dieser

Zug, durch Künstler der Gegenwart, würdigen Ausdruck hier nicht gefunden hat.

Das Denkmal Heines, eine halbe Stunde entfernt, unten am Meere, können wir,

weil es bereits zu dunkeln beginnt, nicht mehr besuchen.

Die unvergleichlich Edele unter den Frauengestalten jüngster Vergangenheit,

die, nach ihresgleichen in unserem Zeitalter vergeblich suchend, einsam

geblieben ist, vermochte natürlicherweise den kunstmäßigen Ausdruck ihrer

Persönlichkeit nicht selbst zu finden. Und leider schufen Handlangernaturen

auch hier nur wieder im ganzen und großen den Ausdruck desselben, dem sie

entfliehen wollte. Und nur der Platz, die Welt, der erhabene Glanz und Ernst, in

den sie entfloh, legt von diesem Wesen noch gültiges Zeugnis ab.

 

Wir schreiben den 30. März. Helle, warme Sonne, blendendes Licht überall. Der Morgen ist heiter, erfrischend die Luft. Die Stadt ist erfüllt vom

Geschrei der Ausrufer. Viele Menschen liegen jetzt, gegen 9 Uhr früh, am Rande

eines kleinen, öffentlichen Platzes umher und sonnen sich. Eine ganze Familie

ist zu beobachten, die sich an eine Gartenmauer gelagert hat, in einem sehr

notwendigen Wärmebedürfnis wahrscheinlich, da die Nächte kalt und die Keller,

in denen die Armen hier wohnen, nicht heizbar sind. Sie genießen die Strahlen

der Sonne mit Wohlbehagen, wie Ofenglut. Dabei zeigt sich die Mutter insofern

ganz ungeniert durch die Öffentlichkeit, als sie, gleich einer Äffin, in den

verfilzten Haaren ihres Jüngsten herumfingert, sehr resolut, obgleich der kleine

Gelauste schrecklich weint.

Am Kai der Kaiserin Elisabeth steigert sich der Glanz des Lichtes noch, im

Angesichte der schönen Bucht. Das Kai ist eine englische Anlage und die

Nachmittagspromenade der korfiotischen Welt. Es wird begleitet von schönen

Baumreihen, die, wo sie nicht aus immergrünen Arten gebildet sind, erstes,

zartes Grün überzieht. Junge Männer haben Teppiche aus den Häusern

geschleppt und auf dem Grase zwischen den Stämmen ausgebreitet. Ein

scheußliches, altes, erotomanisches Weib macht unanständige Sprünge in den

heiteren Morgen hinein. Sie schreit und schimpft: die Männer lachen, verspotten

sie gutmütig. Sie kratzt sich mit obscöner Gebärde, bevor sie davongeht und hebt

ihre Lumpen gegen die Spottlustigen.

Ich habe jetzt nicht mehr die tiefblaue, köstlich blinkende Bucht zur Linken,

mit den weißen Zelten der albanesischen Berge dahinter, sondern ein großes

Gartengebiet, und wandere weiter, meist unter Ölbäumen, bis Ponticonisi dicht

unter mir liegt. Von hier gegenüber mündet ein kleines Flüßchen ins Meer und

man will dort die Stelle annehmen, wo Odysseus zuerst ans Ufer gelangte und Nausikaa ihm begegnet ist.

Goethes Entwurf zur Nausikaa begleitet mich.

 

„Was rufen mich für Stimmen aus dem Schlaf?

Wie ein Geschrei, ein laut Gespräch der Frauen

Erklang mir durch die Dämmrung des Erwachens.

Hier seh ich niemand! Scherzen durchs Gebüsch

Die Nymphen? oder ahmt der frische Wind,

Durchs hohe Rohr des Flusses sich bewegend,

Zu meiner Qual die Menschenstimmen nach?

Wo bin ich hingekommen? welchem Lande

Trug mich der Zorn des Wellengottes zu?“

 

Ich meine, wenn dieses anziehende Fragment die starke Liebe wieder erweckt,

oder eine ähnlich starke, wie im Herzen seines Dichters war, so kann dies kein

Grund zum Vorwurf sein. Auch dann nicht, wenn diese Liebe das Fehlende, das

Ungeborene, zu erkennen vermeint, oder gar zu ergänzen unternimmt. Dieser

gelassene Ton, der so warm, stark, richtig und deutsch ist, wird meist durchaus

mißverstanden. Man nimmt ihn für kühl und vergißt auch in der Sprache der

Iphigenie die „by very much more handsome than fine“ ist, die alles

durchdringende Herzlichkeit.

Der Rückweg nach der Stadt führt zwischen wahre Dickichte von Orangen,

Granaten und Himbeeren. Eukalyptusbäume mit großgefleckten Stämmen von

wunderbarer Schönheit begegnen. Hie und da wandeln Kühe im hohen Gras

unter niedrig gehaltenen Orangenpflanzungen. Steinerne Häuschen, Höhlen der

Armut, bergen sich inmitten der dichten Gärten. Kinder betteln mit Fröhlichkeit,

starrend von Schmutz.

Immer weiter zwischen verwilderten Hecken, mit Blüten bedeckten, schreiten

wir. Ich bemerke, außer vielen Brombeeren, dickstämmigen, alten Weißdorn.

Marguerits, wie Schnee über Wegrändern und Wiesen, bilden weiße, liebliche

Teppiche des Elends. Erbärmliche Höfe sind von Aloepflanzen eingehegt, über

deren Stacheln unglaubliche Lumpen zum Trocknen gebreitet sind, und in der

Nähe solcher Wohnstätten riecht es nach Müll. Ich sehe nur Männer bei der

Feldarbeit. Die Weiber faulenzen, liegen im Dreck und sonnen sich.

Ein griechischer Hirt kommt mir entgegen, ein alter, bärtiger Mann. Die ganze

Erscheinung ist wohlgepflegt. Er trägt kretensische Tracht, ein rockartiges,

blaues Beinkleid, zwischen den Beinen gerafft, Schnabelschuh’, die Waden

gebunden, ein blaues Jäckchen mit Glanzknöpfen, dazu einen strohenen Hut.

Fünf Ziegen, nicht mehr, trotten vor ihm hin. Er klappert mit vielen kleinen

Blechkannen, die, an einem Riemen hängend, er mit sich führt.