Griechischer Frühling
darstellte
Der Eindruck der natürlichen Szenerie, die es umgibt, ist drohend und
großartig. Ich empfinde eine Art beengender Bangigkeit in dieser
übergewaltigen Nähe der Natur, dieser geharnischten, roten Felsbastionen, die
den furchtbarsten Ernst blutiger Schauspiele von den Menschen zu fordern
scheinen.
In das Innere dieser Felsmassen scheint übrigens ein dämonisches Leben
hineingebannt. Sie wiederholen, in die tiefe Stille über den rötlichen Sitzreihen,
die Stimmen unsichtbarer Kinder weit unten im Tal, sie lassen gespenstige
Herdenglocken, wie in einem hallenden Saale, durch sich hin läuten und geben
die klangvolle Stimme des fernen Hirten aus der Nähe und geläutert zurück. Aus
ihrem Inneren dringt Hundegebell, und ein fernes und schwaches Dröhnen, aus
dem Tale von Krisa her, erregt in ihr einen klangvoll breiten, feierlich
musikalischen Widerhall.
Das ununterbrochene, mitten im heißen Lichte des Mittags gleichsam
nächtliche Rauschen der kastalischen Wasser dringt aus der Schlucht der
Phädriaden herauf.
Die Götter waren grausame Zuschauer. Unter den Schauspielen, die man zu
ihrer Ehre darstellte — man spielte für Götter und vor Göttern, und die
griechischen Zuschauer auf den Sitzreihen trieben, mit schaudernder Seele
gegenwärtig, Gottesdienst! — unter den Schauspielen, sage ich, waren die, die
von Blute trieften, den Göttern vor allen anderen heilig und angenehm. Wenn zu
Beginn der großen Opferhandlung, die das Schauspiel der Griechen ist, das
schwarze Blut des Bocks in die Opfergefäße schoß, so wurde dadurch das
spätere höhere, wenn auch nur scheinbare Menschenopfer nur vorbereitet: das
Menschenopfer, das die blutige Wurzel der Tragödie ist.
Blutdunst stieg von der Bühne, von der Orchestra in den brausenden Krater
der schaudernden Menge und über sie in die olympischen Reihen blutlüsterner
Götterschemen hinauf.
Anders wie im Theater von Athen, tiefer und grausamer und mit größerer
Macht, offenbart sich hier, in der felsigten Pytho, unter der Glut des
Tagesgestirns, das Tragische, und zwar als die schaudernde Anerkennung
unabirrbarer Blutbeschlüsse der Schicksalsmächte: keine wahre Tragödie ohne
den Mord, der zugleich wieder jene Schuld des Lebens ist, ohne die sich das
Leben nicht fortsetzt, ja, der zugleich immer Schuld und Sühne ist.
Gleich einem zweiten Corethas brechen mir überall in dem großen
parnassischen Seelengebiet — und so auch in der Tiefe des roten Steinkraters,
darin ich mich eben befinde! — neue chthonische Quellen auf. Es sind jene
Urbrunnen, deren Zuflüsse unerschöpflich sind und die noch heute die Seelen
der Menschen mit Leben speisen: derjenige aber unter ihnen, der dem inneren Auge der Seele und gleicherweise dem leiblichen Auge vor allen anderen
sichtbar und mystisch ist, bleibt immer der springende Brunnen des Bluts.
Ich fühle sehr wohl, welche Gefahren auf den Pilger in solchen parnassischen
Brunnengebieten lauern, und vergesse nicht, daß die Dünste aller chthonischen
Quellen von einem furchtbaren Wahnsinn schwanger sind. Oft treten sie über
dünnen Schichten mürben Grundes ans Tageslicht, unter denen glühende
Abgründe lauern. Der Tanz der Musen auf den parnassischen Gipfeln geschah,
da sie Göttinnen waren, mit leichten, die Erde nicht belastenden Füßen: das
ihnen Verbürgte nimmt uns die Schwere des Körpers, die Schwere des
Menschenschicksals nicht.
Auch aus der Tiefe des Blutbrunnens unter mir stieg dumpfer, betäubender
Wahnsinn auf. Indem man die grausame Forderung des sonst wohltätigen Gottes
im Bocksopfer sinnbildlich darstellte, und im darauffolgenden, höheren Sinnbild
gotterfüllter dramatischer Kunst, gaben die Felsen den furchtbaren Schrei des
Menschenopfers unter der Hand des Rächers, den dumpfen Fall der rächenden
Axt, die Chorklänge der Angst, der Drohung, der schrecklichen Bangigkeit, der
wilden Verzweiflung und des jubelnden Bluttriumphes zurück.
Es kann nicht geleugnet werden, Tragödie heißt: Feindschaft, Verfolgung, Haß
und Liebe als Lebenswut! Tragödie heißt: Angst, Not, Gefahr, Pein, Qual,
Marter, heißt Tücke, Verbrechen, Niedertracht, heißt Mord, Blutgier,
Blutschande, Schlächterei — wobei die Blutschande nur gewaltsam in das
Bereich des Grausens gesteigert ist. Eine wahre Tragödie sehen hieß, beinahe zu
Stein erstarrt, das Angesicht der Medusa erblicken, es hieß das Entsetzen
vorwegnehmen, wie es das Leben heimlich immer, selbst für den Günstling des
Glücks, in Bereitschaft hat. Der Schrecken herrschte in diesem offenen
Theaterraum, und wenn ich bedenke, wie Musik das Wesen einfacher Worte,
irgend eines Liedes, erregend erschließt, so fühle ich bei dem Gedanken an die
begleitenden Tänze und Klänge der Chöre zu dieser Mordhandlung eisige
Schauder im Gebein. Ich stelle mir vor, daß aus dem vieltausendköpfigen
Griechengewimmel dieses Halbtrichters zuweilen ein einziger, furchtbarer
Hilfeschrei der Furcht, der Angst, des Entsetzens, gräßlich betäubend zum
Himmel der Götter aufsteigen mußte, damit der grausamste Druck, die
grausamste Spannung sich nicht in unrettbaren Wahnsinn überschlug.
Man muß es sich eingestehen, das ganze Bereich eines Tempelbezirks, und so auch diese delphische Böschung, ist blutgetränkt. An vielen Altären vollzog
sich vor dem versammelten Volk die heilige Schlächterei. Die Priester waren
vollkommene Schlächter, und das Röcheln sterbender Opfertiere war ihnen die gewöhnlichste und ganz vertraute Musik. Die Jammertöne der Schlachtopfer
machten die Luft erzittern und weckten das Echo zwischen den Tempeln und um
die Statuen her: sie drangen bis ins Innere der Schatzhäuser und in die
Gespräche der Philosophen hinein.
Der Qualm der Altäre, auf denen die Ziege, das Schaf mit der Wolle verbrannt
wurde, wirbelte quellend an den roten Felsen hinauf, und ich stelle mir vor, daß
dieser Qualm, sich zerteilend, das Tal überdeckte und so die Sonne verfinsterte.
Der Opferpriester, mit Blut besudelt, der einem Zyklopen gleich das
geschlachtete Tier zerstückte und ihm das Herz aus dem Leibe riß, war dem Volk
ein gewöhnlicher Anblick. Er umgoß den ganzen Altar mit Blut. Diese ganze
Schlachthausromantik in solchen heiligen Bezirken ist schrecklich und
widerlich, und doch ist es immer vor allem der süßliche Dampf des Bluts, der die
Fliegen, die Götter des Himmels, die Menge der Menschen, ja sogar die Schatten
des Hades anzieht.
In alledem verrät sich mir wiederum der Hirtenursprung der Götter, ihrer
Priester und ihres Gottesdienstes, denn das Blutmysterium mußte sich den
Jägerhirten zuerst aufschließen und dem Hirten mehr als dem Jäger in ihm, wenn
er, friedlich, friedlich von ihm gehütete, zahme Tiere abschlachtete, zuerst das
Grausen und hernach den festlichen Schmaus genoß.
Wir sind den steilen Abhang des delphischen Tempelbezirks bis an den obersten Rand emporgeklommen. Ich bin erstaunt, hier, wo aus dem
scheinbar Unzugänglichen die rote unzugängliche Felswand sich erhebt, auf eine
schöne, eingeschlossene Fläche zu stoßen, hier oben, gleichsam in der Gegend
der Adlernester, zwischen Felsenklippen, auf ein Stadion.
Es ist still. Es ist vollkommen still und einsam hier. Das schöne Oblong der
Rennbahn, eingeschlossen von den roten Steinen der Sitzreihen, ist mit zarten
Gräsern bedeckt. Inmitten dieser verlassenen Wiese hat sich eine Regenlache
gebildet, darin man die roten Umfassungsmauern des Felsendomes, mit vielen
gelben Blumenbüscheln widergespiegelt sieht.
Ist nicht das Stadion dann am schönsten, wenn der Lärm der Ringer und
Renner, wenn die Menge der Zuschauer es verlassen hat? Ich glaube, daß der
göttliche Priester Apolls, Plutarch, oft, wie ich jetzt, im leeren Stadion der
einzige Zuschauer war und den Gesichten und Stimmen der Stille lauschte.
Es sind Gesichte von Jugend und Glanz, Gesichte der Kraft, Kühnheit und
Ehrbegier, es sind Stimmen gottbegeisterter Sänger, die unter sich wetteifernd
den Sieger oder den Gott preisen. Es ist der herrlichste Teil der griechischen
Phantasmagorie, die hier für den nicht erloschen ist, der gekommen ist, Gesichte
zu sehen und Stimmen zu hören.
Die schrecklichen Dünste des Blutbrunnens drangen nicht bis in dieses
Bereich, ebensowenig das Todesröcheln der Menschen- und Tieropfer. Hier
herrschte das Lachen, hier herrschte die freie, von Erdenschwere befreite,
kraftvolle Heiterkeit.
Nur im Stadion, und ganz besonders in dem zu Delphi, das über allen Tempeln
und allen Altären des Götterbezirks erhaben ist, atmet man jene leichte, reine
und himmlische Luft, die unseren Heroen die Brust mit Begeisterung füllte. Der
Schrei und Ruf, der von hier aus über die Welt erscholl, war weder der Ruf des
Hirten, der seine Herde lockt, noch war es der wilde Jagdruf des Jägers: es war
weder ein Racheschrei noch ein Todesschrei, sondern es war der wild
glückselige Schrei und Begeisterungsruf des Lebens.
Mit diesem göttlichen Siegesruf der lebendigen Menschenbrust begrüßte der
Grieche den Griechen über die Fjorde und Fjelle seines herrlichen Berglands hinweg, dieses Jauchzen erscholl von Spielplatz zu Spielplatz: von Delphi
hinüber nach Korinth, von Korinth nach Argos, von Argos bis Sparta, von Sparta
hinüber nach Olympia, von dort gen Athen und umgekehrt.
Ich glaube, nur vom Stadion aus erschließt sich die Griechenseele in alledem,
was ihr edelster Ruhm und Reichtum ist; von hier aus gesehen, entwickelt sie
ihre reinsten Tugenden. Was wäre die Welt des Griechen ohne friedlichen
Wettkampf und Stadion? Was ohne olympischen Ölzweig und Siegerbinde? eben
das gleiche erdgebundene Chaos brütender, ringender und quellender Mächte,
wie es auch andere Völker darstellen.
Es wird mir nicht leicht, diesen schwebenden und versteckten Spielplatz
zwischen parnassischen Klippen zu verlassen, der so wundervoll einsam und wie
für Meditationen geschaffen ist. Hier findet sich der sinnende Geist gleichsam in
einen nährenden Glanz versenkt, und der Reichtum dessen, was in ihn strömt,
kann in seiner Überfülle kaum bewahrt und behalten sein.
Man müßte vom Spiel reden. Man müßte das eigene Denken der Kinder- und
Jünglingsjahre heraufrufen und jener Wegeswendung sich erinnern, wo man in
eine mißmutige und freudlose Welt einzubiegen gezwungen war, die das Spiel,
die höchste Gabe der Götter, verpönt. Man könnte hervorheben, daß bei uns
mehr Kinder gemordet werden, als jemals in irgendeinem Bethlehem von
irgendeinem Herodes gemordet worden sind: denn man läßt nie das Kind bei uns
groß werden, man tötet das Kind im Kinde schon, geschweige, daß man es im
Jüngling und Manne leben ließe.
Nackt wurde der Sieger, der Athlet oder Läufer dargestellt, und ehe Praxiteles,
ehe Skopas seine Statuen bildete, entstanden ihre Urbilder hier im Stadion. Hier
ist für die Schönheit und den Adel der griechischen Seele, für Schönheit und
Adel des Körpers der Muttergrund. Hier wurde das schon Geschaffene
umgeschaffen, das Umgeschaffene zum ewigen Beispiel und auch als Ansporn
für höhere Artung in Erz oder Marmor dargestellt. Hier hatte die Bildung ihre
Bildstätte, wenn anders Bildung das Werk eines Bildners ist.
Wer je sein Ohr an die Wände jener Werkstatt gelegt hat, deren Meister den
Namen Goethe trug, der wird erkennen, daß nicht nur Wagner, der Famulus, den
Menschen mit Göttersinn und Menschenhand zu bilden und hervorzurufen
versuchte: alles Sinnen, Grübeln, Wirken, Dichten und Trachten des Meisters
war eben demselben Endzweck rastlos untertan. Und wer nicht in jedweder
Bildung seines Geistes und seiner Hände das glühende Ringen nach Inkarnation
des neuen und höheren Menschen spürt, der hat den Magier nicht verstanden.
Es ist bekannt, wie gewissen griechischen Weisen, und so dem Lykurg!
Bildung ein Bilden im lebendigen Fleische, nicht animalisch unbewußt, sondern
bewußt „mit Göttersinn und Menschenhand“ bedeutete. Was wäre ein Arzt, der seine Kranken bekleidet sieht, und was ein Erzieher, dem jener Leib samt dem
Geiste, dem er höhere Bildung zu geben beabsichtigt, nicht nackt vor der Seele
stünde? Aus dem Grunde der Stadien sproßten, nackt, die athletischen Stämme
einer göttlichen Saat des Geistes hervor. Und hier, auf dem Boden des
delphischen Stadions, gebrauche ich nun zum ersten Male in diesen
Aufzeichnungen das Wort Kultur: nämlich als eine fleischliche Bildung zu
kraftvoll gefestigter, heiterer, heldenhaft freier Menschlichkeit.
Zwei Vögel, unsern Zeisigen ähnlich, stürzen sich plötzlich aus irgend einem Schlupfloch der Felsen quirlend herab und löschen den Durst aus dem
Spiegel der Lache vor mir im Stadion. Ihr piepsendes Spiel weckt Widerhall, und
das winzige Leben, der sorglose, dünne Lärm der kleinen Geschöpfe, die
niemand stört, offenbaren erst gleichsam das Schicksal dieser Stätte in seiner
ganzen Verwunschenheit.
Während ich auf die grüne Erde hinstarre und der Füße jener zahllosen Läufer
und Kämpfer gedenke, aller jener göttergleichen, jugendlich kraftvoll schönen
Hellenen, die sie erdröhnen machten, vernehme ich wiederum aus den Felsen
den gewaltigen Widerhall von Geräuschen, die mir verborgen sind. Aus irgend
einem Grunde erhebe ich mich, rufe laut und erhalte ein sechsfaches mächtiges
Echo: sechsfach schallt der Name des delphischen Gottes, des Python-Besiegers,
aus dem Inneren der Berge zurück.
Ich bin allein. Die dämonische Antwort der alten parnassischen Wände hat
bewirkt, daß mich die Kraft der Vergangenheit mit ihren triumphierenden
Gegenwarts-Schauern durchdringt und erfaßt und daß ich etwas wie ein Bad von
Glanz und Feuer empfinde. Beinahe zitternd horche ich in die neu
hereingesunkene, fast noch tiefere Stille hier oben hinein.
Der Morgen ist frisch. Wir schrieben den ersten Mai ins Fremdenbuch. Vor der Türe des Gasthauses warten schäbige Esel und Maultiere, die uns nach
Hossios Lucas bringen sollen. Ins Freie tretend, beginne ich mit letzten Blicken
Abschied zu nehmen. Ich begrüße die Kiona, den weißen Gipfel des Korax-
Gebirges, dort, wo die Dorfstraße, wie es scheint, in den Luftraum verläuft. Ich
begrüße drei kleine Mädchen, die, trödelnd, ebenso viele Schäfchen vor sich her
treiben, begrüße sie mit einer ihnen unverständlichen Herzlichkeit. Eines der
hübschen Kinder küßt mir zum Dank für ein kleines, unerbetenes Geschenk die
Hand.
Wir lassen die Mäuler voranklingeln. Wieder schreiten wir an den Felsen vorüber, mit den Höhlungen leerer Gräber darin, und wieder erschließt sich dem
Auge die steinigte Böschung des delphischen Tempelbezirks. Wer alles dieses
tiefer begreifen wollte, müßte mehr als ein flüchtiger Wanderer sein. Immerhin
sind mir auch hier die Steine nicht stumm gewesen.
Wir haben den Grund von Delphi, der Stadt, die unterhalb unseres Weges lag,
über allerlei Mauern und Treppchen kletternd, durchstreift, und während wir
jetzt unsere Reise fortsetzen, zieht uns das Leuchten der Tempeltrümmer,
zwischen tausendjährigen Ölbäumen, zieht uns der weiße Marmor umgestürzter
Säulen an. An den kastalischen Wassern nehmen wir wiederum einen kleinen
Aufenthalt. Ich habe mich auf einen großen Felsblock niedergelassen, in der
wundervoll hallenden und rauschenden Kluft, den Felsenbassins jenes alten
Brunnen- und Baderaums gegenüber, wo die delphischen Pilger von einst sich
reinigten.
Ein Tempelchen, mit Nischen der Nymphen, war grottenartig in die Felswand
gestellt.
Heut sind die Bachläufe arg verunreinigt, die Wasserbecken mit Schlamm
gefüllt. Oben durch die feuchte und kalte Klamm fliegen lange Turmschwalben
und jagen einander mit raubvogelartigem, zwitscherndem Pfiff.
Wir wiegen uns nun bereits eine gute Weile auf unseren Maultieren. Der Weinstock, das Gewächs des Dionysos, begleitet uns in wohlgepflegten,
wohlgeordneten Feldern die parnassischen Höhen hinan. Immer wieder
begegnen uns wollige Herden mit ihren Hirten. Ich bemerke plötzlich den mir
von gestern bekannten stattlichen Weißbart auf dem Bauche im Grase liegend
am Straßenrand und empfinde mit ihm, was sein leise ironisches, überlegen
lachendes Antlitz zum Ausdruck bringt. Hinter dem Patriarchen steigen seine
Herden zwischen Rainen, Steinen und saftigen Gräsern umher und füllen die
Luft mit der Glockenmusik seines reichen Besitzes. Die Sonne strahlt, der Tag
wird heiß.
Schon im Altertum wurden solche Wege wie diese auf Mäulern zurückgelegt.
So wird auch das Um und An einer Bergreise, an Rufen, Geräuschen und
Empfindungen, nicht anders gewesen sein, als es heute ist. Maultiere haben die
Eigentümlichkeit, am liebsten nicht in der Mitte des Weges, sondern immer
womöglich an steilen Rändern zu schreiten: was dem ungewohnten Reiter
zuweilen natürlich Schwindel erregt. Allmählich gewinne ich im Vertrauen auf
das sich mehr und mehr entfaltende Klettertalent meines Reittieres eine gewisse,
schwindelfreie Sorglosigkeit. Immer wilder und einsamer wird die Berggegend,
bis hinter Arachova die Einöde, das heißt die parnassische Höhenzone beginnt. Von der gesamten südlichen Flora ist nichts übrig geblieben. Der letzte
Weinstock, der letzte Feigenbaum, die letzte Olive liegt hinter uns. Nun aber tut
sich ein weiter und grüner Gebirgssattel vor uns auf, von jener gesunden, alpinen
Schönheit, die ebenso heimatlich, als über alles erquickend ist.
Der weite Paß, mit flach geschweifter, beinahe ebener Grundfläche, ist
Weideland: das heißt, ein saftiger Wiesenplan, auf dem der Huf des schreitenden
Maultiers lautlos wird und der Pfad sich verliert. Das helle, ruhige Grün dieser
schönen Alm ist eine tiefe Wohltat für Auge und Herz, und der starke, düster-
trotzige Föhrenstand, der die steile Flanke einer nahen Bergwand hinaufklettert,
fordert heraus, ihm nachzutun. Ich weiß nicht, was in dieser Landschaft so
fremdartig sein sollte, daß man es nicht in den deutschen Alpengebirgen, um
diese oder jene Sennhütte her, ebenso antreffen könnte, und doch würde der
gesunde Jodler des einsamen Sennen hier einen Zauber vernichten, der
unaussprechlich ist.
Das hurtige Glöckchen des Maultieres klingelt am Rand einer teichartig weit
verbreiteten Wasserlache dahin, die, in den hellen Smaragd der Bergwiese
eingefügt, den blauen Abgrund des griechischen Himmels, die ernste Wand der
wetterharten Apolloföhren, und das hastende, kleine Vögelchen in einem
ruhigen Spiegel wiedergibt.
Über die Art, wie für den, der sich einmal in das Innere des Mythos hineinbegeben hat, jeder neue sinnliche Eindruck wiederum ganz unlöslich
mit diesem Mythos verbunden wird und ihn zu einer fast überzeugenden
Wahrheit und Gegenwart steigert, möchte manches zu sagen sein. Es beträfe
nicht nur den Prozeß eines gläubigen Wiedererweckens, sondern jenen, durch
den die menschliche Schöpfung der Welt überhaupt entstanden ist, es beträfe das
Wesen jener zeugenden Kraft, die im dichtenden Genius eines Volkes lebendig
ist und darin sich die Seele des Volkes verklärt.
Plötzlich taucht in der panisch beinahe beängstigenden, nordischen Vision von
Bergeinsamkeit die wilde Gestalt eines bärtigen Hirten auf, der uns in schneller
Gangart, fünf schwarze Böcke vor sich hertreibend, von jenseit, über die grüne
Matte entgegenkommt. Die schönen Tiere, die von gleicher Größe und, wie
gesagt, schwarz wie Teufel sind, machen den überraschendsten Eindruck. Noch
niemals sah ich ein so unwahrscheinliches Fünfgespann. Wer wollte da, wenn
eine auserlesene Koppel solcher Böcke, wie zum Opfer geführt, ihm
entgegenkommt, und zwar über einen parnassischen Weidegrund, die Nähe des
Gottes ableugnen, der einst durch Zeus in die Gestalt eines Bockes verwandelt
ward, um ihn vor Heres Rache zu schützen, und dem diese Höhen geheiligt sind.
Wie diese Tiere einhertrotten, unwillig, durch den rauhen Treiber mehr gestört
als in Angst versetzt, mit dem böse funkelnden Blick beobachtend, jeder mit
seinem zottligen Bart, jeder unter der Last und gewundenen Krönung eines
gewaltigen Hörnerpaares, scheinen sie selber inkarnierte Dämonen zu sein, und
in wessen Seele nur etwas von dem alten Urväter-Hirten-Drama noch rumort,
der fühlt in diesem klassischen Tier einen wahrhaft dämonischen Ausdruck
zeugender Kräfte, dem es leider auch seinen Blocksberg-Verruf in der verderbten
Weltanschauung der christlichen Zeit zu verdanken hat.
Wir besteigen nach kurzer Rast unsere Maultiere, die wiederum mager, schäbig und scheinbar kraftlos, wie zu Anfang der Reise dastehen. Das
unscheinbare Äußere dieser Tiere täuscht uns nicht mehr über den Grad ihrer
Zähigkeit.
Zur Linken haben wir nun eine rötlich graue, senkrechte Wand parnassischer
Felsmassen, deren Rand einen Gießbach aus großer Höhe herabschüttet. Es ist
ein lautloser Wasserfall, der, ehe er noch den Talgrund erreicht, in Schleiern
verweht.
Die Maultiere müssen neben dem Lauf eines ausgetrockneten Felsenflußbettes
abwärts klettern und erweisen, mehr und mehr erstaunlich für uns, ihre
wundervolle Geschicklichkeit. Man würde vielleicht von diesen Felstälern sagen
können, daß sie Einöden sind, wenn ihre zitternde, leuchtende und balsamische
Luft nicht überall von den wasserartig glucksenden Lauten zahlloser
Herdengeläute erfüllt wäre.
Der Paris-artige Knabe, der vorhin, während wir Rast hielten, mit
zwitschernden Lauten unsere Aufmerksamkeit beanspruchte, war ein Hirt. Hoch
auf der Spitze eines vereinzelten Felskegels, der an der Kreuzungsstelle einiger
Hochtäler sich erhebt, steht, gegen den Himmel scharf abgegrenzt, wiederum ein
romantisch drapierter Ziegenhirt, mit dem landesüblichen Hirtenstabe. Sofern
uns ein Mensch begegnet, ist es ein Hirt, sofern unser Auge in der felsigten
Wildnis Menschengestalt zu unterscheiden vermag, unterscheidet es auch
ringsum sogleich ein Gewimmel von Schafen oder Thymian rupfenden Ziegen.
In einem Engpaß, durch den wir müssen, hat sich ein Strom von dicker,
wandelnder Wolle gestaut, der sich, wohl oder übel, vor den Hufen des langsam
schreitenden Maultiers teilen muß. Der Reiter streift mit den Sohlen über die
braunen Vliese hin, nachdem die Leitböcke ihre gewaltigen, tiefgetönten
Glocken antiker Form, feurig glotzend, ungnädig prustend, vorüber getragen
haben.
Diese steinigten Hochtäler, zwischen Parnaß und Helikon, erklingen — nicht von Kirchengeläut! — aber sie sind beständig und überall durchzittert vom
Klange der Herdenglocken. Sie sind von einer Musik erfüllt, die das überall
glucksende, rinnende, plätschernde Element einer echten parnassischen Quelle
ist. Ob nicht vielleicht die Glocke unter dem Halse des weidenden Tieres, die
Mutter der Glocke im Turme der Kirche ist, die ja, ins Geistige übertragen, den
Parallelismus zum Hirtenleben nirgend verleugnen will? Dann wäre es von
besonderem Reiz, den appollinischen Klang zu empfinden, den alten
parnassischen Weideklang, der in dem Gedröhne städtischer Sonntagsglocken
enthalten sein müßte.
Im Klangelement dieser parnassischen Quelle, dieses Jungbrunnens, bade ich.
Es beschleicht mich eine Bezauberung. Ich fühle Appollon unter den Hirten und
zwar in schlichter Menschengestalt, als Schäferknecht, wie wir sagen würden,
so, wie er die Herden des Laomedon und Admetos hütete. Ich sehe ihn, wie er in
dieser Gestalt jede gewöhnliche Arbeit des Hirten verrichten muß, dabei
gelegentlich Mäuse vertilgt und den Eidechsen nachstellt. Ich sehe ihn weiter,
wie er, ähnlich mir, in der lieblich monotonen Musik dieser Täler gleichsam
aufgelöst und versunken ist und wie es ihm endlich, besser als mir, gelingt, die
Chariten auf seine Hand zu nehmen. Chariten, musische Instrumente tragend,
auf der Hand, war er zu Delphi dargestellt.
Vorsichtig schreitet mein Reittier über eine große Schildkröte, die von den
Treibern nicht beachtet wird; ich lasse sie aufheben und die lachenden
Aggogiaten reichen mir das, zwischen gewaltigen Schildpattschalen, lebhaft
protestierende Tier. Ich sehe an den Mienen der Leute, daß die Schildkröte unter
ihnen sich der Popularität eines allbeliebten Komikers zu erfreuen hat, eines
lustigen Rats, über den man lacht, sobald er erscheint und bevor er den Mund
öffnet. In das Vergnügen der Leute mischt sich dabei eine leise Verlegenheit, wie
sie den ernsten Landmann unverkennbar überschleicht, der auf den Holzbänken
einer Jahrmarktsbude sein Entzücken über die albernen Späße des Hanswurst
nicht zu verbergen vermag. Auch fühlt man heraus, wie das schöne Tier nicht
minder geringschätzt, ja verachtet ist, als beliebt: eine Verachtung, eine
Geringschätzung, die in seinem friedlichen Wesen und seiner Hilflosigkeit
gegenüber den Menschen, trotz seines doppelten Panzers, ihren Ursprung hat.
„Als er sie sah, da lacht er alsbald und sagte die Worte:
Du glückbringendes Zeichen, ich schmähe dich nicht, sei willkommen. Freudegeberin heil! Gesellin des Tanzes und Schmauses.“
„Als er sie sah, da lacht er alsbald!“ nämlich Hermes, der Gott, vor Zeiten. Ganz
so ergreift unsere kleine Reisegesellschaft beim Anblick des klassischen Tieres
unwiderstehliche Heiterkeit.
Wir ziehen weiter, nachdem wir das alte homerische Lachen, das Lachen des Gottes, zu Ende gelacht haben. Aber wir töten nicht, wie Hermes, das Tier,
sondern nehmen es lebend unter unseren Gepäckstücken mit. Ich denke darüber
nach, wie wohl die Leier ausgesehen und wie wohl geklungen hat, die Hermes
aus dem Panzer der Schildkröte und aus Schafsdärmen bildete und die in den
Händen Apolls ihren Himmel und Erde durchhallenden Ruhm gewann.
Aber wir sind nun in sengenden Gluten des Mittagslichts zu einem wirklichen,
reichlich Wasser spendenden parnassischen Brunnen gelangt, aus dem die Tiere
und Treiber gierig trinken. Dicke Strahlen köstlichen Wassers stürzen aus ihrer
gemauerten Fassung hervor und rauschend und brausend in das steinerne Becken
hinein. Es ist wie ein Reichtum, der sich hier ausschüttet, der nirgends so, als in
einem heißen und wasserarmen Lande empfunden wird.
Wir ruhen aus in dem wohligen Lärm und dem kühlen Gestäube des
lebenspendenden Elementes.
Das Kloster Hossios Lukas bietet uns Quartier für die Nacht. Vom behäbigen Prior empfangen, geleitet von dienstfertigen Mönchen, treten wir, durch ein
kleines Vorgärtchen, ohne Treppen zu steigen, ins Haus. Gleich linker Hand ist
ein Zimmer, das uns überwiesen wird. Auf den gebrechlichen Holzaltan des
Zimmerchens tretend, blicken wir in den tiefen Klosterhof und zugleich über die
Dächer der Mönchskasernen in das vollkommen einsame, wilde Hochtal hinaus.
Eng und nur wenig Hofraum lassend, sind die Klostergebäude in, wie es
scheint, geschlossenem Kreis um eine alte byzantinische Kirche gestellt, die sie
zugleich beschützen und liebevoll einschließen. Das Hauptportal der Kirche liegt
schräg in der Tiefe unter uns. Wir können mit den nahen Wipfeln alter Zypressen
Zwiesprache halten, die seit Jahrhunderten Wächter vor diesem Eingang sind.
Der Prior wünscht uns die Kirche zu zeigen, die innen ein trauriges Bild der
Verarmung ist. Reste von Mosaiken machen wenig Eindruck auf mich, desto
mehr ein Geldschrank, der, an sich befremdlich in diesem geweihten Raum,
zugleich ein wunderlicher Kontrast zu seinem kahlen, ausgepoverten Zustand ist.
Dem Prior geht ein jugendlich schöner Mönch mit weiblicher Haartracht an
die Hand. Er öffnet Truhen und Krypten mit rostigen Schlüsseln. Das Auge des
jungen Mönches verfolgt uns unablässig mit bohrendem Blick. Als wir jetzt
wiederum auf dem Balkon unseres Zimmers sind, taucht er auf einem nahen
Altane neugierig auf.
Während über den Dächern und in der Wildnis draußen noch Helle des
sinkenden Tages verbreitet ist, liegt der Hof unter uns bereits in nächtlicher
Dämmerung. Ich horche minutenlang in die wundervolle Stille hinunter, die durch das Geplätscher eines lebendigen Brunnens nur noch tiefer und friedlicher
wird. Mit einem Male ist es, als sei die Seele dieser alten winkligen Gottesburg
aus tausendjährigem Schlummer erwacht. Arme werden hereingelassen und es
wird von den Brüdern unterm Klosterportale ziemlich geräuschvoll Brot verteilt.
Nach einigem Rufen, Treppengehen und Türenschließen tritt wieder die alte
verwunschene Stille ein, mit den einsamen Lauten des Röhrenbrunnens. Dann
klappert die dicke Bernsteinkette des freundlichen Priors unten im Hof. Man hört
genau, wie er sein Spielwerk gewohnheitsgemäß bearbeitet, das heißt die
Bernsteinkugeln ununterbrochen durch die Finger gleiten läßt und gegeneinander
schiebt.
Ich gehe zur Ruhe, im Ohre feierlich summenden Meßgesang, der schwach
aus dem Innern der Kirche dringt.
Der Aufbruch von Hossios Lukas geschieht unter vielen freundlichen Worten und Blicken der Mönche, die um uns versammelt sind. Ich komme eben von
einer schönen Terrasse des Klosters zurück, die, inmitten der steinigten Ödenei,
von alten, vollbelaubten Platanen beschattet ist. Terrassen für den Gemüsebau
setzten sich in die Tiefe fort und hie und da sind dem Felsenschutt des
verlassenen Tales Wiesen und Ackerstreifen abgerungen. Ich sah die kleinen
„Mädchen für alles“ der älteren Brüder und Patres mit Besen und Wassereimern
in lebhafter Tätigkeit, die Patres selber, wie sie rotkarrierte Betten auf ihren
morschen Balkonen ausbreiteten. Die kleinen „Mädchen für alles“ sind junge
Lehrlinge, deren schönes, langes Haar, wie das von Mädchen, im Nacken zu
einem Knoten aufgenommen ist. Es ist ein wolkenlos heiterer Morgen mit einer
frühlingshaften Wonne der Luft, die göttlich ist und die in jedem Auge
wiederleuchtet. Noch klingt mir der Gruß des Bruders Küper, sein frisches
Καλιμερα im Ohr, womit er mich grüßte, als ich unten am Brunnen vorüberging,
wo er trällernd ein Weinfaß reinigte. Es war ein Gruß, der ebenfalls von dem
frischen Glück dieses Morgens widerklang.
Kaum hat unsere kleinere Karawane sich nur ein wenig, zwischen Gebüschen von Steineichen hintrottend, aus dem Bereich des Klosteridylls entfernt und
schon umgibt uns wieder das alte ewige Hirtenidyll. Ich unterscheide mit einem
Blick vier einzelne Schafherden, deren Geläute herüberdringt, und plötzlich
erscheinen, Wölfen gleich, gewaltige Schäferhunde über uns an der
Wegböschung. Man scheucht sie mit großen Steinen zurück.
Wir biegen nach einem längeren Ritt in ein abwärts führendes, enges Tal, das, wie es scheint, recht eigentlich das Dionysische ist. Wir müssen zunächst
durch eine gedrängte Herde schwarzer Ziegen förmlich hindurchschwimmen,
unter denen sich prächtige Böcke auszeichnen, jenen ähnlich, die ich auf der
Höhe des Passes sah. Und wie ich die Blicke über die steinigten Talwände
forschend ausschicke, sehe ich sie mit schwarzen Ziegen, wie mit überall
hängenden, kletternden, kleinen schwarzen Dämonen bedeckt.
Der Eingang des schwärzlich wimmelnden Tales wird von dem vollen Glanz
des Parnasses beherrscht, der aber endlich dem Auge entschwindet, je weiter wir
in das Tal hinabdringen: das Tal der Dämonen, das Tal des Dionysos und des
Pan, das immer mehr und mehr von gleichmäßig schwarzen Ziegen wimmelt.
Wohl eine Viertelstunde lang und länger ziehen wir mitten durch die Herden
dahin, die zu beiden Seiten unseres gestrüppreichen Pfades schnauben,
Steineichenblätter abrupfen und hie und da leise meckern dazu. Überall raschelt,
reißt, stampft und prustet es zwischen den Felsen, in den Gebüschen: da und dort
wird ein Glöckchen geschlenkert. Mitunter kommen wir in ein ganzes
Glockenkonzert hinein, dessen Lärm das gesprochene Wort verschlingt.
Ich habe, auf meinem Maultier hängend, Augenblicke, wo mir dies alles nicht
mehr wirklich ist. Ein alter Knecht und Geschichtenerzähler fällt mir ein, der mir
in ländlichen Winterabenden ähnliche Bilder als Visionen geschildert hat. Er war
ein Trinker, und als solcher ja auch verknüpft mit Dionysos. In seinen Delirien
sah er die Welt, je nachdem, von schwarzen Ziegen oder Katzen erfüllt, wobei er
von alpdruckartiger Angst gepeinigt wurde.
Der Schritt des Maultiers, die Glocke des Maultiers, allüberall das Eindringen
dieser fremden Welt, dazu die ungewöhnliche Lichtfülle, die Existenz in freier
Luft, Ermüdung des Körpers durch ungewöhnliche Reisestrapazen, jagen auch
mir einen Anflug von Angst ins Blut. Ich habe vielleicht eine Vision und es ist
mir manchmal, als müsse ich diese zahllosen schwarzen Ziegen vor meinen
Augen wegwischen, denen mein Blick nicht entgehen kann.
Ein weites Quertal nimmt uns auf und wie ein Spuk liegt nun die Vision der
schwarzglänzenden Ziegen hinter mir. Wir überholen einen reisenden Kaufmann,
dessen Maultier von einem kleinen Jungen getrieben wird. So schön und
vollständig, wie nie zuvor, steht der Parnaß, von dem wir bereits Abschied
genommen hatten, vor uns aufgerichtet: ein breiter silberner Wall mit weißen
Gipfeln. Ich gewinne den Eindruck, der appollinisch strahlende Glanz strömt in
das Tal, das der Berg beherrscht.