Griechischer Frühling

Gerhart Hauptmann · Kapitel 3 von 6 · Teil 1/3

PDF-Seiten

Griechischer Frühling

sich

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Ein frischer Nordwest hat eingesetzt, jetzt, am Nachmittag. Zwei alte Albanesen, dazu ein Knabe, schreiten langsam über die Lespianata. Einer der

würdigen Weißbärte trägt über zwei Mänteln den dritten, dessen Kapuze er über

den Kopf gezogen hat. Der unterste Mantel ist von hellerem Tuch, der zweite

blau, der dritte über und über bedeckt mit langen, weißlichen Wollzotteln,

ähnlich dem Ziegenhaar. Der Sauhirt Eumäus fällt mir ein und die Erzählung des

Bettlers Odysseus von seiner List, durch die er nicht nur von Thoas, dem Sohne

Andrämons, den Mantel erhielt, sondern auch von Eumäus.

Es scheint, daß die Zahl der Mäntel den Wohlstand ihrer Träger andeutet.

Denn auch der zweite dieser imponierenden Berghirten hat drei Mäntel

übergeworfen. Dabei tragen sie weiße Wollgamaschen und graulederne

Schnabelschuh’. Jeder von ihnen überdies einen ungeschälten, langen Stab. Der

Knabe trägt ein rotes Fez. Die Schnäbel seiner roten Schuhe sind länger, als die

der Alten und jeder mit einer großen, schwarzen Quaste geziert.

Die Hafenstraßen zeigen das übliche Volksgetriebe. Die Läden öffnen sich auf

schmale, hochgelegene Lauben, aus denen man in das Menschengewimmel der

engen Gäßchen hinuntersieht. Ein Mann trägt Fische mit silbernen Schuppen auf

dem flachen Handteller eilend an mir vorbei. Junge Schafe und Ziegen hängen,

ausgeweidet und blutend, vor den Läden der Fleischer. Über der Tür einer

Weinstube voll riesiger Fässer sind im Halbkreis Flaschen mit verschieden

gefärbtem Inhalt an Schnüren ausgehängt. Man hat schlechte Treppen,

übelriechende Winkel zu vermeiden, vertierten Bettlern aus dem Wege zu gehn.

Einer dieser Bettler nähert sich mir. Er überbietet jeden sonstigen,

europäischen Eindruck dieser Art. Seine Augen glühen über einem sackartigen

Lumpen hervor, mit dem er Mund, Nase und Brust vermummt hat. Er hustet in

diese Umhüllung hinein. Er bleibt auf der Straße stehen und hustet, krächzt,

pfeift mit Absicht, um aufzufallen, sein fürchterliches Husten minutenlang. Es

ist schwer, sich etwas so Abstoßendes vorzustellen, als dieses verlauste,

unflätige, barfüßige und halbnackte Gespenst.

 

Ich verbringe die Stunde um Sonnenuntergang in dem schönen, verwilderten Garten, der dem König von Griechenland gehört. Es ist eine wunderbare

Wildnis von alten Zypressen-, Oliven- und Eukalyptusbäumen, ungerechnet alle

die blühenden Sträucher, in deren Schatten man sich bewegt. Vielleicht wäre es

schade, wenn dieser Garten oft vom König besucht würde, denn bei größerer

Pflege müßte er vieles verlieren von dem Reiz des Verwunschenen, der ihm jetzt

eigen ist. Die Riesenbäume schwanken gewaltig im Winde und rauschen dazu:

ein weiches, aufgestörtes Rauschen, in das sich der eherne Ton des Meeres einmischt.

 

Wie ich heute morgen das Fenster öffne, ist die Sonne am wolkenlosen Himmel längst aufgegangen. Ich bemerke, daß alles in einem fast weißen

Lichte unter mir liegt: die Straßen und Dächer der Stadt, der Himmel, die

Landschaft mit ihren Wiesen, Olivenwäldern und fernen Bergen. Als ich aus

dem Hotel trete, muß ich die Augen fast schließen, und lange, während ich durch

den nördlichen Stadtteil Korfus hinauswandere, suche ich meinen Weg

blinzelnd.

Die Vorstadt zeigt das übliche Bild. Auf kleinen Eselchen sitzen Reiter, so

groß, daß man meint, sie könnten ihr Reittier mühelos in die Tasche stecken.

Ruppige Pferdchen, braunschwarz oder schwarz, mit Schweifen, die bis zur Erde

reichen, tragen allerlei tote Lasten und lebende Menschen dazu. Vor ihren

zumeist einstöckigen Häusern hocken viele Bewohner und sonnen sich. Eine

junge Mutter säugt, auf ihrer Türschwelle sitzend, ihr jüngstes Kind und laust es

zugleich, in aller Behaglichkeit und Naivetät. Die weißen Mauerflächen werfen

das Licht zurück und erzeugen Augenschmerzen.

Ich komme nun in die Region der Weiden und Ölgärten. Auf einer ebenen

Straße, die stellenweise vom Meere bespült, dann wieder durch sumpfige

Strecken oder Weideland vom Rande der großen, inneren Bucht getrennt ist. Ich

ruhe ein wenig, auf einem Stück Ufermauer am Ausgang der Stadt. Die Sonne

brennt heiß. Von den angrenzenden Hügeln steigt ein albanesischer Hirte mit

seinen Schafen zur Straße herunter: trotz der Wärme trägt er seine drei Mäntel,

oben den fließartigen, über die Schultern gehängt. Ein sehr starkes und

hochbeiniges Mutterschwein kommt aus der Stadt und schreitet hinter seinen

Ferkeln an mir vorüber. Es folgt ein Eber, der kleiner ist.

Es ist natürlich, wenn ich auch hier wieder an Eumäus denke, den göttlichen

Hirten, eine Gestalt, die mir übrigens schon seit längerer Zeit besonders lebendig

ist. Eigentümlicherweise umgibt das Tier, dessen Pflege und Zucht ihm

besonders oblag, noch heute bei uns auf dem Lande eine Art alter Opferpoesie.

Es ist das einzige Tier, das von kleinen Leuten noch heute, nicht ohne große

festliche Aufregung, im Hause geschlachtet wird. Das Barbarische liegt nicht in

der naiven Freude an Trunk und Schmaus; denn die homerischen Griechen,

gleich den alten Germanen, neigten zur Völlerei. Metzgen, essen, trinken,

gesundes Ausarbeiten der Glieder im Spiel, im Kampfspiel zumeist, das alles im

Einverständnis mit den Himmlischen, ja in ihrer Gegenwart, war für griechische

wie für germanische Männer der Inbegriff jeder Festlichkeit.

Es liegt in dem Eumäus-Idyll eine tiefe Naivetät, die entzückend anheimelt. Kaum ist irgendwo im Homer eine gleiche menschliche Wärme zu spüren wie

hier. Es wäre vielleicht von dieser Empfindung aus nicht unmöglich, dem

ewigen Gegenstande ein neues, lebendiges Dasein für uns zu gewinnen.

Es ist nicht durchaus angenehm, außer zum Zweck der Beobachtung, durch

diese weiße, stauberfüllte Vorstadt zurück den Weg zu nehmen. Unglaublich,

wieviele Murillosche Kopfreinigungen man hier öffentlich zu sehen bekommt!

Es ist glühend heiß. Scharen von Gänsen fliegen vor mir auf und vermehren den

Staub, ihn, die weite Straße hinabfliegend, zu Wolken über sich jagend.

Hochrädrige Karren kommen mir entgegen. Hunde laufen über den Weg:

Bulldoggen, Wolfshunde, Pintscher, Fixköter aller Art! Gelbe, graue und

schwarze Katzen liegen umher, laufen, fauchen, retten sich vor Hunden auf

Fensterbrüstungen. Eselchen schleppen Ladungen frischgeflochtener Körbe, die

den Entgegenkommenden das Ausweichen fast unmöglich machen. Eine

breitgebaute, griechische Bäuerin drückt, im bildlichen Sinne, wie sie pompös

einherschreitet, ihre Umgebung an die Wand. Bettler, mit zwei alten

Getreidesäcken bekleidet, den einen unter den Achseln um den Leib

geschlungen, den andern über die Schultern gehängt wie ein Umschlagetuch,

sprechen die Inhaber ärmlicher Läden um Gaben an. Ein junger Priesterzögling

von sehr gepflegtem Äußeren, mit schwarzem Barett und schwarzer Sutane, ein

Jüngling, der schön wie ein Mädchen ist, von einem gemeinen Manne, dem

Vater oder Bruder begleitet, geht mir entgegen. Der Arm des Begleiters ist um

die Schultern des Priesters gelegt, dessen tiefschwarz glänzendes Haar im

Nacken zu einem Knoten geflochten ist. Weiber und Männer blicken ihm nach.

 

Heute entdecke ich eigentlich erst den Garten des Königs und seine Wunder. Ich nehme mir vor, von morgen ab mehrere Stunden täglich hier

zuzubringen. Seit längerer Zeit zum ersten Male genieße ich hier jene köstlichen

Augenblicke, die auf Jahre hinaus der Seele Glanz verleihen, und um

derentwillen man eigentlich lebt. Es dringt mir mit voller Macht ins Gemüt, wo

ich bin, und daß ich das Jonische Meer an den felsigen Rändern des Gartens

brausen höre.

 

Wir haben heute den 1. April. Meine Freunde, die Maler sind, und ich, haben uns am Eingange der Königsvilla von einander getrennt, um, jeder für sich,

in dem weiten, verwilderten Gartenbereich auf Entdeckungen auszugehen. Es ist

ein Morgen von unvergleichlicher Süßigkeit. Ich schreibe, meiner Gewohnheit

nach, im Gehen, mit Bleistift diese Notizen. Mein Auge weidet. Das Paradies wird ein Land voll ungekannter, köstlicher Blumen sein. Die herrlichen

Anemonen Korfus tragen mit dazu bei, daß man Ahnungen einer andern Welt

empfindet. Man glaubt beinahe, auf einem fremden Planeten zu sein.

In dieser eingebildeten Loslösung liegt eine große Glückseligkeit.

Ich finde nach einigem Wandern die Marmorreste eines antiken Tempelchens.

Es sind nur Grundmauern; einige Säulentrommeln liegen umher. Ich lege mich

nieder auf die Steine, und eine unsägliche Wollust des Daseins kommt über

mich. Ein feines, glückliches Staunen erfüllt mich ganz, zunächst fast noch

ungläubig, vor diesem nun Ereignis gewordenen Traum.

Weniger um etwas zu schaffen, als vielmehr um mich ganz einzuschließen in

die Homerische Welt, beginne ich ein Gedicht zu schreiben, ein dramatisches,

das Telemach, den Sohn des Odysseus, zum Helden hat. Umgeben von Blumen,

umtönt von lautem Bienengesumm, fügt sich mir Vers zu Vers, und es ist mir

allmählich so, als habe sich um mich her nur mein eigener Traum zu Wahrheit

verdichtet.

Die Lage des Tempelchens am Rande der Böschung, hoch überm Meer, ist

entzückend; alte, ernste Oliven umgeben in einiger Ferne die Vertiefung, in die

es gestellt ist. Welchem Gotte, welchem Heros, welchem Meergreise, welcher

Göttin oder Nymphe war das Tempelchen etwa geweiht, das in das grüne

Stirnband der Uferhöhe eingeflochten, dem nahenden Schiffer entgegenwinkte?

diese kleine, schweigende Wohnung der Seligen, die, Weihe verbreitend, noch

heute das Rauschen der Ölbäume, das schwelgerische Summen der Bienen, das

Duftgewölke der Wiesen als ewige Opfergaben entgegennimmt. Die kleinen,

blinkenden Wellen des Meeres ziehen, vom leisen Ost bewegt, wie in

himmlischer Prozession heran, und es ist mir, als wäre ich nie etwas anderes, als

ein Diener der unsterblichen Griechengötter gewesen.

Ich weiß nicht, wie ich auf die Vermutung komme, daß unterhalb des

Tempelchens eine Grotte und eine Quelle sein müsse. Ich steige verfallene

Stufen tief hinab und finde beides. Quellen und Grotten münden auf grüne von

Marguerits übersäte Terrassen, in ihrer versteckten Lage von süßestem Reiz. Ich

bin hier, um die Götter zu verehren, zu lieben und herrschen zu machen über

mich. Deshalb pflücke ich Blumen, werfe sie in das Becken der Quelle, zu den

Najaden und Nymphen flehend, den lieblichen Töchtern des Zeus.

 

Ein brauner, schwermütiger Sonnenuntergang. Wir finden uns an die Schwermut norddeutscher Ebenen irgendwie erinnert. Es ist etwas Kühles in

Licht und Landschaft, das vielleicht deutlicher vorstellbar wird, wenn man es

unitalienisch nennt. Das Landvolk, obgleich die Bäuerinnen imposant und vollbusig sind und von schöner Rasse, erscheint nach außen hin temperamentlos,

im Vergleich mit Italien, und zwar trotz des italienischen Einschlags. Es kommt

uns vor, als wäre das Leben hier nicht so kurzweilig, wie auf der italienischen

Halbinsel.

Die griechische Bäuerin hat durchaus den graden, treuherzigen Zug, der den

Männern hier abgeht, und den man als einen deutschen gern in Anspruch nimmt.

Sinnliches Feuer scheint ebenso wenig Ausdruck ihrer besonderen Art zu sein,

als bei den homerischen Frauengestalten. Überhaupt erscheinen mir die

homerischen Zustände den frühen germanischen nicht allzu fern stehend. Der

homerische Grieche ist Krieger durchaus, ein kühner Seefahrer, wie der

Normanne verwegener Pirat, von tiefer Frömmigkeit bis zur Bigotterie,

trunkliebend, zur Völlerei neigend, dem Rausche großartiger Gastereien zugetan,

wo der Gesang des Skalden nicht fehlen durfte.

 

Ich habe mich auf den Resten des antiken Tempelchens, das ich nun schon zum dritten- oder viertenmal besuche, niedergelassen. Es fällt lauer Frühlingsregen.

Ein großer, überhängender, weidenartiger Strauch umgibt mich mit dem Arom

seiner Blüten. Die Wellen wallfahrten heut mit starkem Rauschen heran. Immer

der gleiche Gottesdienst in der Natur. Wolkendünste bedecken den Himmel.

Immer erst, wenn ich auf den Grundmauern dieses kleinen Gotteshauses

gestanden habe, fühle ich mich in den Geist der Alten entrückt und glaube in

diesem Geiste alles rings umher zu empfinden. Ich will nie diese Stunden

vergessen, die in einem ungeahnten Sinne erneuernd sind. Ich steige ans Meer zu

den Najaden hinunter. Auf den Stufen bereits vernehme ich das Geschrei einer

Ziege, von der Grotte und Quelle empordringend. Ich bemerke, wie das Tier von

einem großen, rotbraunen Segel beunruhigt ist, das sich dem Lande, düster

schattend, bis auf wenige Meter nähert, um hier zu wenden. Unwillkürlich muß

ich an Seeraub denken und das fortwährende, klägliche Hilferufen des

geängstigten Tieres bringt mir, beim Anblick des großen, drohenden Segels, die

alte Angst des einsamen Küstenbewohners, vor Überfällen, nah.

 

Oft ist bei Homer von schwarzen Schiffen die Rede. Ob sie nicht etwa den Nordlandsdrachen ähnlich gewesen sind? Und ob nicht etwa die homerischen

Griechen, die ja durchaus Seefahrer und Abenteurernaturen waren, auch das

griechische Festland vom Wasser aus zuerst betreten haben?

Eigentümlich ist es, wie sich in einem Gespräch des Plutarch eine Verbindung

des hohen Nordens mit diesem Süden andeutet; wo von Völkern griechischen Stammes die Rede ist, die etwa in Kanada angesessen waren, und von einer Insel

Ogygia, wo der von Zeus entthronte Kronos gleichsam in Banden eines

Winterschlafes gefangen saß. Besonders merkwürdig ist der Zug, daß jener

entthronte Gott, Kronos oder Saturn, noch immer alles dasjenige träumte, was

der Sohn und Sieger im Süden, Zeus, im Wachen sah. Also etwa, was jener

träumte, war diesem Wirklichkeit. Und Herakles begab sich einst in den Norden

zurück, und seine Begleiter reinigten Sitte und Sprache der nördlichen Griechen,

die inzwischen verwahrlost waren.

Ich strecke mich auf das saftige Grün der Terrasse unter die zahllosen

Gänseblümchen aus, als ob ich, ein erster Grieche, soeben nach vieler Mühsal

gelandet wäre. Ein starkes Frühlingsempfinden dringt durch mich; und in diesem

Gefühle eins mit dem Sprossen, Keimen und Blühen rings um mich her,

empfinde ich jeden Naturkult, jede Art Gottesdienst, jedes irgendwie geartete

höhere Leben des Menschen durch Eros bedingt.

 

Ich beobachte eben, vor Sonnenuntergang, in einer Ausbuchtung der Kaimauer, zwei Muselmänner. Sie verrichten ihr Abendgebet. Die Gesichter „nach

Mekka“ gewendet, gegen das Meer und die epirotischen Berge, stehen sie ohne

Lippenbewegung da. Die Hände sind nicht gefaltet, nur mit den Spitzen der

Finger aneinandergelegt. Jetzt, indem sie sich auf ein Knie senken, machen sie

gleichzeitig eine tiefe Verneigung. Diese Bewegung wird wiederholt. Sie lassen

sich nun auf die Kniee nieder und berühren mit den Stirnen die Erde. Auch

diesen Ausdruck andachtsvoller Erniedrigung wiederholen sie. Aufgerichtet,

beten sie weiter. Nochmals sinken sie auf die Kniee und berühren mit ihren

Stirnen wieder und wieder den Boden. Alsdann fährt sich, noch kniend, der

ältere von den beiden Männern mit der Rechten über das Angesicht und über den

dunklen, graumelierten Bart, als wollte er einen Traum von der Seele streifen,

und nun kehren sie, erwacht, aus dem inneren Heiligtum in das laute

Straßenleben, das sie umgibt, zurück. Wer diese Kraft zur Vertiefung sieht, muß

die Macht anerkennen und verehren, die hier wirksam ist.

 

Heut werfen die Wellen ihre Schaumschleier über die Kaimauer der Strada marina. Die Möven halten sich mit Meisterschaft gegen den starken Südwind

über den bewegten Wassern des Golfes von Kastrades. Es herrscht Leben und

Aufregung. Von gestern zu heut sind die Baumwipfel grün geworden im lauen

Regen.

Die Luft ist feucht. Der Garten, in den ich eintrete, braust laut. Der Garten der Kirke, wie ich den Garten des Königs jetzt lieber nenne, braust laut und

melodisch und voll. Düfte von zahllosen Blüten dringen durch dunkle,

rauschende Laubgänge und strömen um mich mit der bewegten Luft. Es ist

herrlich! Der Webstuhl der Kirke braust wie Orgeln: Choräle, endlos und

feierlich. Und während die Göttin webt, die Zauberin, bedeckt sich die Erde mit

bunten Teppichen. Aus grünen Wipfeln brechen die Blüten: gelb, weiß und rot,

wie Blut. Das zarteste der Schönheit entsteht ringsum. Millionen kleiner Blumen

trinken den Klang und wachsen in ihm. Himmelhohe Zypressen wiegen die

schwarzen Wedel ehrwürdig. Der gewaltige Eukalyptus, an dem ich stehe,

scheint zu schaudern vor Wonne, im Ansturm des vollen, erneuten

Lebenshauchs. Das sind Boten, die kommen! Verkündigungen!

Wie ich tiefer in das verwunschene Reich eindringe, höre ich über mir in der

Luft das beinahe melodische Knarren eines großen Raben. Ich sehe ihn täglich,

nun schon das drittemal: den Lieblingsvogel Apollons. Er überquert eine kleine

Bucht des Gartens. Der Wind trägt seine Stimme davon, denn ich sehe nur noch,

wie er seinen Schnabel öffnet.

Immer noch umgibt mich das Rauschen, das allgemeine, tiefe Getöse. Es

scheint aus der Erde zu kommen. Es ist, als ob die Erde selbst tief und

gleichmäßig tönte, mitunter bis zu einem unterirdischen Donner gesteigert.

Im Schatten der Ölbäume, im langhalmigen Wiesengras, gibt es viele

gemauerte Wasserbrunnen. Über einem, der mir vor Augen liegt, sehe ich

Nymphe und Najade gesellt, denn der Gipfel eines Baumes, dessen Stamm im

Innern der Zisterne heraufdringt, überquillt ihre Öffnung mit jungem Grün. Die

Grazien umtanzen in Gestalt vieler zartester Wiesenblumen den verschwiegenen

Ort.

Die Gestalten der Kirke und der Kalypso ähneln einander. Jede von ihnen ist

eine „furchtbare Zauberin“, jede von ihnen trägt ein anmutig feines

Silbergewand, einen goldenen Gürtel und einen Schleier ums Haupt. Jede von

ihnen hat einen Webstuhl, an dem sie ein schönes Gewebe webt. Jede von ihnen

wird abwechselnd Nymphe und Göttin genannt. Sie haben beide eine weibliche

Neigung zu Odysseus, der mit jeder von ihnen das Lager teilen darf. Beide, an

bestimmte Wohnplätze gebunden, sind der mythische Ausdruck sich regender

Wachstumskräfte in der Frühlingsnatur, nicht wie die höheren Gottheiten überall,

sondern an diesem und jenem Ort. In Kirke scheint das Wesen des Mythus, und

besonders in ihrer Kraft zu verwandeln, tiefer und weiter, als in Kalypso

ausgebildet zu sein.

Das Rauschen hat in mir nachgerade einen Rausch erzeugt, der Natur und

Mythus in eins verbindet, ja ihn zum phantasiegemäßen Ausdruck von jener

macht. Auf den Steinen des antiken Tempelchens sitzend, höre ich Gesang um mich her, Laute von vielen Stimmen. Ich bin, wie durch einen leisen,

unwiderstehlichen Zwang, in meiner Seele willig gemacht, Zeus und den übrigen

Göttern Trankopfer auszugießen, ihre Nähe im Tiefsten empfindend. Es ist etwas

Rätselhaftes auch insofern um die Menschenseele, als sie zahllose Formen

anzunehmen befähigt ist. Eine große Summe halluzinatorischer Kräfte sehen wir

heut als krankhaft an, und der gesunde Mensch hat sie zum Schweigen gebracht,

wenn auch nicht ausgestoßen. Und doch hat es Zeiten gegeben, wo der Mensch

sie voll Ehrfurcht gelten und menschlich auswirken ließ.

„Und in dem hohen Palaste der schönen Zauberin dienten

Vier holdselige Mägde, die alle Geschäfte besorgten.

Diese waren Töchter der Quellen und schattigen Haine

Und der heiligen Ströme, die in das Meer sich ergießen.“

 

Die schöne Wäscherin, die ich an einem versteckten Röhrenbrunnen arbeiten

sehe, auf meinem Heimwege durch den Park — die erste schöne Griechin

überhaupt, die ich zu Gesicht bekomme! — sie scheint mir eine von Kirkes

Mägden zu sein. Und wie sie mir in die Augen blickt, befällt mich Furcht, als

läge die Kraft der Meisterin auch in ihr, Menschen in Tiere zu verwandeln, und

ich sehe mich unwillkürlich nach dem Blümchen Molly um.

 

Heut, den 5. April, hat ein großes Schiff dreihundert deutsche Männer und Frauen am Strande von Korfu abgesetzt. Ein mit solchen Männern und

Frauen beladener Wagen kutscht vor mir her. Auf der Strada marina läßt

Gevatter Wurstmacher den Landauer anhalten, steigt heraus und nimmt mit

einigen lieben Anverwandten, eilig, in ungezwungener Stellung,

photographiergerecht, auf der Kaimauer Platz. Ein schwarzbärtiger Idealist mit

langen Beinen und engem Brustkasten erhebt sich auf dem Kutschbock und

photographiert. Am Eingange meines Gartens holt die Gesellschaft mich wieder

ein, die sich durch das unumgängliche Photographieren verzögert hat. „Palais

royal?“ tönt nun die Frage an den Kutscher auf gut Französisch. —

Und wie ich den Garten der Zauberin wieder betrete, von heimlichem Lachen

geschüttelt, fällt mir eine Geschichte ein: Mitridates steckte einst in Kleinasien

einen Hain der Eumeniden in Brand, und man hörte darob ein ungeheures

Gelächter. Die beleidigten Götter forderten nach dem Spruche der Seher

Sühnopfer. Die Halswunde jenes Mädchens aber, das man hierauf geschlachtet

hatte, lachte noch auf eine furchtbare Weise fort.

 

Das eine der Fenster unseres Wohnsaales im Hotel Belle Venise gewährt den Blick in eine Sackgasse. Dort ist auch ein Abfallwinkel des Hotels. Der

elende Müllhaufen übt eine schreckliche Anziehungskraft auf Tiere und

Menschen aus. So oft ich zum Fenster hinausblicke, bemerke ich ein anderes

hungriges Individuum, Hund oder Mensch, das ihn durchstöbert. Ohne jeden

Sinn für das Ekelhafte greift ein altes Weib in den Unrat, nagt das

sitzengebliebene Fleisch aus Apfelsinenresten und schlingt Stücke der Schale

ganz hinab. Jeden Morgen erscheinen die gleichen Bettler, abwechselnd mit Hunden, von denen mitunter acht bis zehn auf einmal den Haufen durchstören.

Diese scheußliche Nahrungsquelle auszunützen, scheint der einzige Beruf vieler

unter den ärmsten Bewohnern Korfus zu sein, die in einem Grade von Armut zu

leben gezwungen sind, der, glaube ich, selbst in Italien selten ist. Von

Müllhaufen zu Müllhaufen wandern, welch ein unbegreifliches Los der

Erbärmlichkeit! Mit Hunden und Katzen um den Wegwurf streiten. Und doch

war es vielleicht mitunter das Los Homers, der, wie Pausanias schreibt, auch

dieses Schicksal gehabt hat, als blinder Bettler von Ort zu Ort zu ziehn.

 

Der Garten der Kirke liegt diesen Nachmittag in einer düstern Verzauberung. Die blaßgrünen Schleier der Olivenzweige rieseln leis. Es ist ein ganz zartes

und feines Singen. Von unten tönt laut das eherne Rauschen des Jonischen

Meeres. Ich muß an das unentschiedene Schlachtengetöse homerischer Kämpfe

denken. Der Wolkenversammler verdunkelt den Himmel, und eine bängliche

Finsternis verbreitet sich zwischen den Stämmen unter den Ölbaumwipfeln.

Vereinzelte große Regentropfen fallen auf mich. Der Efeu erscheint wie ein

polypenartig würgendes Tier, er schlägt in unzerbrechliche Bande: Mauern,

steinerne Stufen, Bäume! Es ist etwas ewig Totes, ewig Stummes, ewig

Verlassenes, ewig Verwandeltes in der Natur und in allem vegetativen Dasein

des Gartens. Die Tiere der Kirke schleichen lautlos, tückisch und unsichtbar! der

bösen, tückischen Kirke Gefangene! Sie erscheinen für ewig ins Innere dieser

Gartenmauer gebannt, wie Sträucher und Bäume an ihre Stelle. Alle diese

uralten, rätselhaft verstrickten Olivenbäume gleichen unrettbar verknoteten

Schlangen, erstarrt, mitten im Kampf, durch ein schreckliches Zauberwort.

Aber nun geht eine Angst durch den Garten: etwas wie Angst oder nahes

Glück. Wir alle, unter der drohenden Macht des beklemmenden Rätsels eines

unsagbar traurigen und verwunschenen Daseins, fühlen den nahen Donner des

Gottes voraus. Mächtig grollt es fern auf; und Zeus winkt mit der Braue ... Kirke

erwartet Zeus.

 

Ehe man Potamo auf Korfu erreicht, überschreitet man einen kleinen Fluß. Die Ortschaft ist mit grauen Häuschen und einem kleinen Glockenturm auf eine

sanft ansteigende Berglehne zwischen Ölbäume und Zypressen hingestreut.

Unter den Bewohnern des Ortes, die alle dunkel sind, fällt ein Schmied oder

Schlosser auf, der in der Tür seiner Werkstatt mit seinem Schurzfell dasteht,

blauäugig, blond und von durchaus kernigem, deutschem Schlag, seiner Haltung

und dem Ausdruck seines Gesichtes nach.

Das Tal hinter Potamo entwickelt die ganze Fülle der fruchtbaren Insel. Auf

saftigen Wiesenabhängen langhalmiger, üppiger Gräser und Blumen, stehen,

Wipfel an Wipfel, Orangenbäume, jeder mit einem Reichtum schwerer und reifer

Früchte durchwirkt. Die gleiche, lastende Fülle ist, links vom Wege, in die

Talsenkung hinein verbreitet und jenseit die Abhänge hinauf, bis unter die

allgegenwärtigen Ölbäume. Fruchtbare Fülle liegt wie ein strenger Ernst über

diesem gesegneten Tal. Es ist von Reichtum gleichsam beschwert bis zur

Traurigkeit. Es ist etwas fronmäßig Lasttragendes in diesem Überfluß, so daß

hier wiederum das Mysterium der Fruchtbarkeit, beinahe zu Gestalten

verdichtet, dem inneren Sinne sich aufdrängt. Hier scheint ein dämonischer

Reichtum wie dazu bestimmt, verschlagenen Seefahrern sich für eine angstvolle

Schwelgerei darzubieten, panischen Schrecknissen nahe.

Gestrüppen, wilden Dickichten gleich, steigen Orangengärten in die

Schluchten hinunter, die von uralten Oliven und Zypressen verfinstert sind und

locken von dort her, aus der verschwiegenen Tiefe mit ihrer süßen, schweren,

fast purpurnen Frucht. Man spürt das Gebärungswunder, das Wunder

nymphenhafter Verwandlungen: ein Wirken, das ebenso süß, als qualvoll ist.

Ich sollte hier der Orange von Korfu, als der besten der Welt begeistert

huldigen! — Man gehe hin und genieße sie.

Die Straße steigt an und bei einer Wendung tut sich, weithin gedehnt, eine

sanfte Tiefe dem Blicke auf: die Ebene zwischen Govino und Pyrgi ungefähr,

mit ihren umgrenzenden Höhenzügen. Wälder von Olivenbäumen bedecken sie,

ja Gipfel, Abhänge und Ebene überzieht ein einziger Wald. Der majestätische

Ernst des Eindrucks ist mit einem unsäglich weichen Reiz verbunden.

Eine Biegung der Straße enthüllt teilweise die blauleuchtende Bucht und die

Höhe des San Salvatore dahinter. Zum Ernst, zur Einfalt, zur Großheit, darf man

sagen, tritt nun die Süße. — Wir wandeln unter die Wälder hinein. Das Auge

wird immer wieder gefesselt von dem unvergleichlichen Linienreiz der

zerlöcherten und zerklüfteten Riesenstämme, von denen einige zerrissen und in

wilde Windungen zerborsten, doch, mit erzenem, unbeweglichem Griff in die

Erde verknotet, aufrecht geblieben sind.

Der Himmel ist grau und bewölkt. Wir entdecken in der Tiefe der

fruchttragenden Waldungen Kinder, Hirtinnen mit gelben Kopftüchern. Bis an

die Straße zu uns her sind kleine, wollige, unwahrscheinliche Jesusschäfchen

verstreut. Ich winke einer der kleinen Hirtinnen: sie kommt nicht leicht. Ihr

Dank für unsere Gabe ist ganz Treuherzigkeit.

Schemenhaft flüstern die Ölzweige. Weithin geht und weither kommt ewiges,

sanftes, fruchtbares Rauschen.

Wir unternehmen heut eine Fahrt nach Pelleka. Dort, von einem gewissen Punkte aus, überblickt man einen sehr großen Teil der Insel, die Buchten

gegen Epirus hin und zugleich das freie Jonische Meer.

Heute, am Sonntag, lehnen etwa hundert Männer über die Mauer der Straße,

wo diese eine Kehre macht und gleichsam eine Terrasse oder Rampe der

Ortschaft bildet. Unser Wagen wird sogleich von einer großen Menge erbärmlich

schmutziger Kinder umringt, die zumeist ein verkommenes Ansehen haben und

schlimm husten. Mit uns dem gesuchten Aussichtspunkt zusteigend — wir

haben den Wagen verlassen! — verfolgen uns die Kinder in hellen Haufen.

Eingeborene Männer versuchen es immer wieder, sie zu verscheuchen, stets

vergeblich. Die Kleinen lassen uns vorüber, stehen ein wenig, suchen uns aber

gleich darauf wieder auf kürzeren Wegen, rennend, springend, stürzend, einander

stoßend, zuvor zu kommen, um mit zäher Unermüdlichkeit uns wiederum

anzubetteln.

Sie sind fast durchgängig brünett. Aber es ist auch ein blondes Mädchen da,

blauäugig und von zart weißer Haut: ein großer, vollkommen deutscher Kopf,

der als solcher auf einem Leiblschen Bilde stehen könnte. Bei diesem Anblick

beschleicht mich eine gewissermaßen irrationale Traurigkeit, denn das Mädchen

ist eigentlich die vergnügteste unter ihren zahllosen dunklen Zufallsschwestern.

In Gruppen und von den Männern gesondert, stehen am Eingang und Ausgang

des kleinen Fleckens die Frauen von Pelleka. Sie machen in der stämmigen Fülle

des Körpers und der bunten Schönheit der griechischen Tracht den Eindruck der

Wohlhabenheit. Das reiche Haar, das ihre Köpfe in stolzer Frisur umgibt, ist

nicht nur ihr eigenes, sondern durch den Haarschatz von Müttern, Großmüttern

und Urgroßmüttern vermehrt, der als heilige Erbschaft betrachtet wird.

 

Heut, soeben, begann ich den letzten Tag, der noch auf Korfu enden wird. Zum Fenster hinausblickend, gewahre ich in der Nähe des Abfallhaufens eine

Versammlung von etwa zwanzig Männern: sie umstehen einen vom Regen noch

feuchten Platz, auf dem sich, wie kleine zerknüllte Lümpchen, mehrere

schmutzige Drachmenscheine befinden. Man schiebt sie mit Stiefelspitzen von

Ort zu Ort. Einer der Männer wirft vom Handrücken aus zwei kupferne Münzen

in die Luft, und je nachdem sie auf dem Kopfe der Könige liegen, oder diesen

nach oben kehren, entscheiden sie über Verlust und Gewinn. Nachdem ein Wurf

des Glücksspiels geschehen ist, nimmt einer der Spieler, ein schäbiger Kerl, als

Gewinner den ziemlich erheblichen Einsatz vom Erdboden auf und steckt ihn

ein.

Die Bevölkerung Korfus krankt an dieser Spielleidenschaft. Es werden dabei von armen Leuten Gewinne und Verluste bestritten, die in keinem Vergleich zu

ihrem geringen Besitze stehen. Man sucht dieser Spielwut entgegenzuwirken.

Aber, trotzdem man das stumpfsinnige Laster, sofern es in Kneipen oder

irgendwie öffentlich auftritt, unter Strafe stellt, ist es dennoch nicht auszurotten.

Macht doch die ganze Bevölkerung gemeinsame Sache gegen die Polizei! So

sind zum Beispiel die Droschkenkutscher auf der breiten Straße, in die unser

Sackgäßchen mündet, freiwillige Wachtposten, die den ziemlich sorglosen

Übertretern der Gesetzesbestimmungen soeben die Annäherung eines

Polizeimannes durch Winke verkündigen, worauf sich der Schwarm sofort

zerstreut.

 

Ein griechischer Dampfer liegt am Ufer. Ein italienischer kommt eben herein. Ihm folgt die „Tirol“ vom Triester Lloyd. Menschen und Möwen werden

aufgeregt.

Die Einschiffung ist nicht angenehm. Wir sind hinter einem Berg von Gepäck

ins Boot gequetscht, und jeden Augenblick drohen die hohen Wogen das

überladene Fahrzeug umzuwerfen.

Selten ist der Aufenthalt an Deck eines Schiffes im Hafen angenehm. Das

Idyll, sofern nicht das Gegenteil eines Idylls im Schicksalsrate beschlossen ist ...

das Idyll beginnt immer erst nach der Abfahrt.

Eine schlanke, hohe, jugendschöne Engländerin mit den edlen Zügen

klassischer Frauenbildnisse ist an Bord. Seltsam, ich vermag mir das homerische

Frauenideal, vermag mir eine Penelope, eine Nausikaa, nur von einer so

gearteten Rasse zu denken.

Langsam gleitet Korfu, die Stadt, und Korfu, die Insel, an uns vorüber: die

alten Befestigungen, die Esplanade, die Strada marina am Golf von Kastrades,

auf der ich so oft nach dem königlichen Garten, nach dem Garten der Kirke,

gewandert bin. Der Garten der Kirke selbst gleitet vorüber. Ich nehme mein

Fernglas und bin noch einmal an dem lieblichen, jetzt in Schatten gelegten Ort,

wo die Trümmer des kleinen antiken Tempelchens einsam zurückbleiben, und

wo ich, seltsam genug bei meinen Jahren, fast wunschlos glückliche

Augenblicke genoß. Oft sah ich von dort aus Schiffe vorübergleiten und bin nun

selbst, der vorübergleitet auf seinem Schiff. Über den dunklen Wipfelgebieten

des Gartens steht die Sonne hinter gigantischen Wolken im Niedergang und

bricht über alles zu uns und zum Himmel hervor in gewaltigen, limbusartigen

Strahlungen, und im Weitergleiten des Schiffes erfüllt mich nur noch der eine

Gedanke: du bist auf der Pilgerfahrt zur Stätte des goldelfenbeinernen Zeus.

Die ersten Stunden auf klassischem Boden, nachdem wir in Patras Morgens gelandet sind, bieten lärmende unangenehme Eindrücke. Aber, trotzdem wir

nun in einem Bahncoupé, und zwar in einem ziemlich erbärmlichen, sitzen,

saugt sich das Auge an Felder und Hügel dieser an uns vorüberflutenden

Landschaft fest, als wäre sie nicht von dieser Erde. Vielleicht lieben wir Träume

mit stärkerer Liebe, als Wirklichkeit. Aber das innere Auge, das sich selbst im

Schlafe oft genug weit öffnet, legt sich mitunter in den Wiesen, Hainen und

Hügelländern zur Ruh, die sich einem äußeren Sinne im Lichte des wachen

Tages schlicht und gesund darbieten. Und etwas, wie eines inneren Sinnes

Entlastung spüre ich nun.

Also: um mich ist Griechenland. Das, was ich bisher so nannte, war alles

andere, nur nicht Land. Die Sehnsucht der Seele geht nach Land, der Sehnsucht

des Seefahrers darin ähnlich. Immer ist es zunächst nur eingebildet, wonach man

sich sehnt, und noch so genaue Nachricht, noch so getreue Schilderung kann aus

der schwebenden Insel der Phantasie kein wirklich am Grunde des Meeres

verwurzeltes Eiland machen. Das vermag nur der Augenblick, wo man es

wirklich betritt.

Was nun so lange durchaus nur ein bloßer Traum der Seele gewesen ist, das

will eben diese Seele, vom Staunen der äußeren Sinne berührt, die, von dem

Ereignis betroffen, rastlos verzückt, fast überwältigt umherforschen ... das will

eben diese Seele nicht gleich für wahr halten. Auch deshalb nicht, weil damit in

einem anderen Sinne etwas, zum mindesten der Teil eines Traumbesitzes, in sich

versinkt. Dies gilt aber nur für Augenblicke. Es gibt in einem gesund gearteten

Geiste keine Todfeindschaft mit der Wirklichkeit: und was sie etwa in einem

solchen Geiste zerstört, das hilft sie kräftiger wiederum aufrichten.

Die Landschaft von Elis, durch die wir reisen, berührt mich heimisch. Wir

haben zur Rechten das Meer, hinter roter Erde, in unglaublicher Farbenglut. Wie

bläulicher Duft liegen Inseln darin: erst wird uns Ithaka, dann Cephalonia, später

Zakynthos deutlich. Wir werden an Hügeln vorübergetragen, niedrigen

Bergzügen, vor denen Fluren sich ausbreiten, die mit Rebenkulturen bestanden

sind. Die Berge zur Linken weichen zurück hinter eine weite Talebene, die sie

mit ihren Schneehäuptern begleiten. Einfache, grüne Weideflächen erfreuen den

Blick. Und plötzlich erscheinen Bäume, einzelstehend, knorrig, weitverzweigt,

die für das zu erklären, was sie wirklich sind, ich kaum getraue. Aber es sind und

bleiben doch Eichen, deutsche Eichen, so alt und mächtig entwickelt, wie in der

Heimat sie gesehen zu haben ich mich nicht erinnern kann.

Stundenweit dehnen sich nun diese Eichenbestände. Doch sind die jetzt noch

fast kahlen Kronen so weit voneinander entfernt, daß ihre Zweige, so breit sie umherreichen, sich nicht berühren. In den einsamen Weideländern darunter

zeigen sich hie und da Hirten mit Herden.

Es kommt mir vor, als ob ich unter den vielen, die mit uns reisen, einem

großartigen Festtumulte zustrebte. Und durchaus ungewollt drängt sich mir nach

und nach die Vision eines olympischen Tages auf: der Kopf und nackte Arm

eines jungen Griechen, ein Schrei, eine Bitte, ein Pferdegewieher, Beifallstoben,

ein Fluch des Besiegten. Ein Ringer, der sich den Schweiß abwischt. Ein Antlitz,

im Kampfe angespannt, fast gequält in übermenschlicher Anstrengung.

Donnernder Hufschlag, Rädergekreisch: alles vereinzelt, blitzartig,

fragmentarisch.

 

Wir sind in Olympia. Auf diesem verlassenen Festplatz ist kaum etwas anderes, als das sanfte

und weiche Rauschen der Aleppokiefer vernehmlich, die den niedrigen

Kronoshügel bedeckt und hie und da in den Ruinen des alten Tempelbezirks ihre

niedrigen Wipfel ausbreitet.

Dieses freundliche Tal des Alpheios ist dermaßen unscheinbar, daß man, den

ungeheuren Klang seines Ruhmes im Herzen, bei seinem Anblick in

eigentümlicher Weise ergriffen ist. Aber es ist auch von einer bestrickenden

Lieblichkeit. Es ist ein Versteck, durch einen niedrigen Höhenzug jenseits des

Flusses — und diesseits durch niedrige Berge getrennt von der Welt. Und

jemand, der sich von dieser Welt ohne Haß zu verschließen gedächte, könnte

nirgend geborgener sein.

Ein kleines, idyllisches Tal für Hirten — eine schlichte, beschränkte

Wirklichkeit! — mit einem versandeten Flußlauf, Kiefern und kärglichem

Weideland, und doch: es mag hier gewesen sein, es weigert nichts in dem Pilger,

für wahr hinzunehmen, daß hier der Kronide, der Ägiserschütterer Zeus, mit

Kronos um die Herrschaft der Welt gerungen hat. — Das ist das Wunderbare und

Seltsame.

 

Die Abhänge jenseit des Alpheios färben sich braun. Die Sonne eines warmen und reinen Frühlingstages dringt nicht mehr mit ihren Strahlen bis an die

Ruinen, zu mir. Zwei Elstern fliegen von Baum zu Baum, von Säulentrommel zu

Säulentrommel. Sie gebärden sich hier wie in einem unbestrittnen Bereich. Ein

Kuckuck ruft fortwährend aus den Wipfeln des Kronoshügels herab. — Ich

werde diesen olympischen Kuckuck vom zwölften April des Jahres

Neunzehnhundertundsieben nicht vergessen.

Die Dunkelheit und die Kühle bricht herein. Noch immer ist das Rauschen des

sanften Windes in den Wipfeln die leise und tiefe Musik der Stille. Es ist ein

ewiges, flüsterndes Aufatmen, traumhaftes Aufrauschen, gleichsam Aufwachen,

von etwas, das zugleich in einem schweren, unerwecklichen Schlaf gebunden ist.

Das Leben von einst scheint ins Innere dieses Schlafes gesunken. Wer nie diesen

Boden betreten hat, dem ist es schwer begreiflich zu machen, bis zu welchem

Grade Rauschen und Rauschen verschieden ist.

Es ist ganz dunkel geworden. Ich unterliege mehr und mehr wieder inneren

Eindrücken gespenstischer Wettspiele. Es ist mir, als fielen da und dorther

Schreie von Läufern und Ringern aus der nächtlichen Luft. Ich empfinde

Getümmel und wilde Bewegungen; und diese hastig fliehenden Dinge begleiten

mich wie irgendein Rhythmus, eine Melodie, dergleichen sich manchmal

einnistet und nicht zu tilgen ist.

Plötzlich wird, von irgendeinem Hirtenjungen gespielt, der kunstlose Klang

einer Rohrflöte laut: er begleitet mich auf dem Heimwege.

 

Der Morgen duftet nach frischen Saaten und allerlei Feldblumen. Sperlinge lärmen um unsere Herberge. Ich stehe auf dem Vorplatz des hübschen,

luftigen Hauses und überblicke von hier aus das enge, freundliche Tal, das die

olympischen Trümmer birgt. Hähne krähen in den Höfen verschiedener kleiner

Anwesen in der Nähe, von denen jedoch hier nur eines, ein Hüttchen, am Fuße

des Kronoshügels, sichtbar ist.

Man müßte ein Tälchen von ähnlichem Reiz, ähnlicher Intimität vielleicht in

Thüringen suchen. Wenn man es aber so eng, so niedlich und voller idyllischer

Anmut gefunden hätte, so würde man doch nicht, wie hier, so tiefe und göttliche

Atemzüge tun.

Mich durchdringt eine staunende Heiterkeit. Der harzige Kiefernadelduft, die

heimisch-ländliche Morgenmusik beleben mich. Wie so ganz nah und natürlich

berührt nun auf einmal das Griechentum, das durchaus nicht nur im Sinne

Homers oder gar im Sinne der Tragiker zu begreifen ist. Viel näher in diesem

Augenblick ist mir die Seele des Aristophanes, dessen „Frösche“ ich von den

Alpheiossümpfen herüber quaken höre. So laut und energisch quakt der

griechische Frosch — ich konnte das während der gestrigen Fahrt wiederholt

bemerken! — daß er literarisch durchaus nicht zu übersehen, noch weniger zu

überhören war.

Überall schlängeln sich schmale Pfade über die Hügel und zwischen den

Hügeln hindurch. Sie sind wie Bänder durch einen Flußlauf gelegt, der zum

Alpheios fließt. Kleine Karawanen, Trupps von Eseln und Mauleseln tauchen auf und verschwinden wieder. Man hört ihre Glöckchen, bevor man die Tiere sieht,

und nachdem sie den Gesichtskreis verlassen haben. Am Himmel zeigen sich

streifige Windwolken. In der braunen Niederung des Alpheios weiden

Schafherden.

Man wird an ein großartiges Idyll zu denken haben, das in diesem Tälchen

geblüht hat. Es lebte hier eine Priestergemeinschaft nahe den Göttern; aber diese,

Götter und Halbgötter, waren die eigentlichen Bewohner des Ortes. Wie wurde

doch gerade dieses anspruchslose Stückchen Natur so von ihnen begnadet, daß

es gleich einem entfernten Fixstern — einer vor tausend Jahren erloschenen

Sonne gleich — noch mit seinem vollen, ruhmstrahlenden Lichte in uns ist?

Diese bescheidenen Wiesen und Anhöhen lockten ein Gedränge von Göttern

an, dazu Scharen glanzbegieriger Menschen, die von hier einen Platz unter den

Sternen suchten. Nicht alle fanden ihn, aber es lag doch in der Macht des

olympischen Zweiges, von einem schlichten Ölbaum dieser Flur gebrochen,

Auserwählten Unsterblichkeit zu gewähren.

 

Ich ersteige den Kronoshügel. Es riecht nach Kiefernharz. Einige Vögel singen in den Zweigen schön und anhaltend. Im Schatten der Nadelwipfel gedeiht eine

zarte Ilexart. Die gewundenen Stämme der Kiefern mit tief eingerissener Borke

haben etwas Wildkräftiges. Ich pflücke eine blutrote, anemonenartige Blume,

überschreite das Band einer Wanderraupe, fünfzehn bis zwanzig Fuß lang. Die

Windungen des Alpheios erscheinen: des Gottes, der gen Orthygia hinstrebt,

jenseits des Meeres, wo Arethusa, die Nymphe, wohnt, die Geliebte.

Die Fundamente und Trümmer des Tempelbezirks liegen unter mir. Dort, wo

der goldelfenbeinerne Zeus gestanden hat, auf den Platten der Cella des

Zeustempels, spielt ein Knabe. Es ist mein Sohn. Etwas vollkommen

Ahnungsloses, mit leichten, glücklichen Füßen die Stelle umhüpfend, die das

Bildnis des Gottes trug, jenes Weltwunder der Kunst, von dem unter den Alten

die Rede ging, daß, wer es gesehen habe, ganz unglücklich niemals werden

könne.

Die Kiefern rauschen leise und traumhaft über mir. Herdenglocken, wie in den

Hochalpen oder auf den Hochflächen des Riesengebirges, klingen von überall

her. Dazu kommt das Rauschen des gelben Stroms, der in seinem breiten,

versandeten Bette ein Rinnsal bildet, und das Quaken der Frösche in den

Tümpeln stehender Wässer seiner Ufer.

Immer noch hüpft der Knabe um den Standort des Götterbildes, das,

hervorgegangen aus den Händen des Phidias, den Wolkenversammler, den Vater

der Götter und Menschen darstellte; und ich denke daran, wie, der Sage nach, der Gott mit seinem Blitz in die Cella schlug und auf diese Art dem Meister

seine Zufriedenheit ausdrückte. Was war das für ein Meister und ein Geschlecht,

das Blitzschlag für Zustimmung nahm! Und was war das für eine Kunst, die

Götter zu Kritikern hatte!

Die Hügel jenseits des Alpheios bilden eine Art Halbkreis, und ich empfinde

sie fast, unwillkürlich forschend hinüberblickend, als einen amphitheatralischen

Weiter: Teil 2 von 3