Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band

Walther von Reineck an den Grafen Bilizki in Warschau.

 

Von Deiner schönen Cousine, die ich damals leider nur einmal sah, habe ich

bisher noch nichts in Erfahrung bringen mögen. Und sehr begreiflich, da ich erst

in Franken, oder gar in der Nähe des Rheins, wie ich es ja weiß, Kundige finde,

die mir von ihren Schicksalen und ihrer seltsamen Flucht etwas mittheilen

können. Sollte ich das schöne Bild selbst irgendwo wiedersehn? Wenn ich nur

wenigstens ihn finde, der sie zu dieser Uebereilung verleitet hat, welche sie Dir

entriß, um an ihm die Rache zu nehmen, die ich Dir versprach, so wenig Du sie

auch gefordert hast. Ich weiß es, daß ich zu hitzig bin; indessen Du bist

beschäftigt, im Dienst des Staates, gehörst Deiner kranken Mutter, und ich bin

müßig und frei genug, um diesen Sommer mich umzutreiben, zu sehn oder zu

gaffen, zu lernen oder zu vergessen, und mir dabei einzubilden, ich thue Dir und

der Menschheit einen großen Dienst, indem ich einen andern Müßiggänger

aufsuche, um ihn zur Rechenschaft zu ziehn.

Bis jetzt hat das Wetter mich sehr begünstigt. Und eine interessante

Bekanntschaft habe ich auch schon gemacht. Ich war queer durch das traurige

Land gereiset, zwischen den Städten Frankfurt an der Oder und Crossen

hindurch, weil ich in Balkow, einem Dorfe, meine Freundschaft mit der Familie

Tauenzien erneuen wollte, die Du auch kennst, weil die vortreffliche Frau aus

Warschau gebürtig ist. Hier herum ist eine seltsame Landesart und fast wilde

Einsamkeit, beinah so wie in Polen. So kommt man denn durch abgelegene

Wege, immer durch Wald bis an die Oder, wo den Reisenden, an sumpfiger

Stelle, die Kretschem genannt, eine Fähre übersetzt. Hier fand ich zu meinem

Erstaunen einen eleganten Wagen und einen jungen höflichen Mann, welcher

ebenfalls die Fähre erwartete, welche auf wiederholtes Rufen auch schon

herübersteuerte. Der junge Mann hatte jenen dunkeln, tiefsinnigen Blick, den ich

an Männern wie an Frauen liebe, und so kam ich seiner Freundlichkeit mit

Wohlwollen entgegen, und wir behandelten uns nach einigen Minuten, als wenn

wir alte Bekannte wären. Er sagte mir, diese sumpfige Stelle wäre im Frühling

und Herbst ziemlich gefährlich, weil die Fähre nicht ganz nahe kommen könne

und der Wagen alsdann tief im Wasser fahre. Ich lernte daraus, daß er hier herum

bekannt seyn müsse. Und so erfuhr ich es denn auch, als wir auf der Fähre neben

einander standen: er ist lange in Ziebingen und Madlitz gewesen, zweien Gütern, die der Finkenstein’schen Familie gehören. Von dieser Familie, den Töchtern

wie den Eltern, spricht er wie ein Begeisterter. Der Vater, der Präsident Graf

Finkenstein, ist der Sohn des berühmten Staatsministers und der Präsident selbst

ist in der Geschichte, durch jenen vielbesprochenen Arnold’schen Proceß, nicht

unbekannt, in welchem er sich als einen wackern und höchst rechtlichen wie

unerschrockenen Mann zeigte. „Wer in dieser Familie, rief mein neuer

Bekannter aus, eine Weile gelebt hat, der kann sich rühmen, die echte Humanität

und Urbanität, das Leben in seiner schönsten Erscheinung kennen gelernt zu

haben. Die Mutter, eine würdige Matrone, ist die Freundlichkeit selbst, in ihrer

Nähe muß jedem wohl werden, der ein echter Mensch ist. Begeisternd, aber

freilich weniger sicher ist die Gesellschaft der drei schönen und edeln Töchter.

Die zweite ernst, die dritte muthwillig und froh und die älteste graziös und

lieblich, erscheinen sie, im Gesange vereinigt, wie das Chor der Himmlischen.

Vorzüglich die Stimme dieser älteren Schwester ist der reinste, vollste und auch

höchste Sopran, den ich jemals vernommen habe. Wäre sie nicht als Gräfin

geboren, so würde sie den Namen auch der berühmtesten Sängerinnen

verdunkeln. Hört man diese Henriette die großen leidenschaftlichen Arien unsers

musikalischen Sophokles, des einzigen Gluck, vortragen, so hat man das

Höchste erlebt und genossen. Oft verherrlicht noch ein großer Musikkenner, der

Minister Voß, die Gesellschaft, und durch seine Vermittlung und aus der

Sammlung dieses vortrefflichen Mannes haben die Töchter große Sachen von

Jomelli, ältere von Durante, Leo, Lotti und Allegri, einige höchst seltene vom

alten Palestrina und dessen Zeitgenossen erhalten, und diese erhabenen

Kirchengesänge werden in dieser Familie so vorgetragen, wie man es vielleicht

kaum in Rom so rein und großartig vernimmt. Der Vater, nachdem er seine

Geschäfte und juristische Laufbahn aufgegeben hat, bewirthschaftet seine Güter

und hat mit malerischem Sinn für Natur in Madlitz einen der schönsten Gärten

angelegt und ausgeführt, der uns einfach und ohne Prätension die Herrlichkeit

der Bäume und Pflanzen zeigt und an hundert anmuthigen Plätzen zum

poetischen Sinnen und phantasiereichen Träumen einladet. Dieser Mann studirt

und übersetzt den Theokrit und Virgil’s Eklogen, so wie einige Gedichte

Pindar’s. Er kennt, was noch so vielen Poesiefreunden eine geheimnißvolle

Gegend ist, viele alt-deutsche Gesänge und weiß das erhabene Epos der

Nibelungen fast auswendig. So oft ich in diesem Kreise war, bin ich besser und

unterrichteter aus ihm geschieden.“

Aus dieser begeisternden Rede schloß ich, daß mein neuer Bekannter der

Liebe sehr zugeneigt, in diesem selben Augenblick wohl schon ein Verliebter

sei, daß er wohl auch Anlage zum Dichter besitze. Er heißt Ferdinand von

Erlenbach und reiset mit noch weniger Absicht als ich in die weite Welt hinein. Wir werden wenigstens bis Dresden beisammenbleiben, er sendet auch von hier,

von Guben, seinen Wagen zurück, und wir haben in diesem Städtchen eine

Chaise bis Dresden gemiethet.

Nach vielfachen Gesprächen, in welchen sich der enthusiastische Charakter

meines neuen Freundes noch mehr entwickelte, kamen wir, nachdem unsre

Kutscher sich ohne Noth im Fichtenwalde verirrt hatten, gegen Abend in dem

Städtchen Guben an, welches für die hiesige Landesart eine ganz leidliche Lage

hat. Er, der Aufgeregte, ist bei dem schönen Wetter noch nach dem

Vogelschießen, auf der Wiese draußen, zu dieser Bürgerlustbarkeit

hinausgegangen. Ich habe keinen Sinn für dergleichen poetische Prosa. Das

Knallen der Büchsen, diese Gespräche beim Bier, der Pfahlwitz dieser Schützen,

Alles dies kann weder meine Neugierde noch mein Behagen erregen. Er reizt

sich aber auf, um dergleichen aus Willkür interessant zu finden; will wohl auch

die Menschen studiren. Auch denkt er einen Jugendfreund aufzusuchen, den er

seit vielen Jahren nicht gesehn, der sich hier angekauft und verheirathet hat. Ich

zog vor zu essen, zu trinken und Dir diesen flüchtigen Brief zu schreiben.

Gedenke Deines treuen Walthers.

 

Guben, den 15. Junius 1803.

 

———

 

Ferdinand war in der That bis zum Abend beim Scheibenschießen. Er liebte

dergleichen Volksfeste fast übermäßig und seine Phantasie, wenn er gleich nicht

mehr in der ersten Jugend war, überzog die Gegenwart, die Andern dürr und

finster erschien, mit einem glänzenden Firniß. Trotz seinem Nachforschen wollte

es ihm aber nicht gelingen, seinen Schulfreund Wachtel anzutreffen. Die

Schützen bedeuteten ihm auch, daß dieser nicht zu ihrer Gilde gehöre. In der

Vorstadt, wo das ziemlich große Haus seines Freundes gelegen war, traf er ihn

ebenfalls nicht. Er spazierte also halb verdrossen in der Gegend umher und

vernahm aus der Ferne die Schüsse, die nach der Scheibe zielten, dann begab er

sich wieder in das zerstreuende Geräusch, hörte hier und dort den Gesprächen zu

und wünschte so wie die Andern über ungesalzene Geschichten oder

Familienspäße lachen zu können. So ward es Abend und finster und er war

immer noch zu verdrossen, um nach dem Gasthofe in der Stadt zurückzugehen,

und sein Lager aufzusuchen.

Schon entfernten sich nach und nach die Schützen mit ihren Frauen und

Kindern, ein anmuthig erfrischender Wind strich beruhigend über das Gefilde

und die Sterne traten heller und bestimmter aus der dunkelblauen Wölbung; Ferdinand, der gern in der Nacht umherwandelte, war fast entschlossen, im

Freien zu bleiben. Da hörte er im nahen Gebüsch wie ein Klagen, Seufzen und

Schelten durch die Stille des Abends, und als er näher trat, bot sich ihm eine

Scene wie von Teniers und Ostade dar, die zu seinen süßen Träumen gar nicht

passen wollte. Ein trunkener Mann lag auf dem grünen Rasen und eine Frau, die

bald ermahnte, bald wehklagte, bestrebte sich, ihn, indem sie ihn am Arme hielt,

emporzurichten. Sie freute sich, als ein anderer Mann ihr nahte, weil sie in ihrer

Angst dessen Hülfe sogleich in Anspruch nahm, um den Besinnungslosen nach

Hause schaffen zu können. Indem Ferdinand den Betäubten aufzurichten suchte,

erzählte die Frau, wie der Gatte auf einem Kindtaufschmause beim Amtmann

des nahen Dorfes immerdar gelacht und getrunken, so christlich sie ihn auch

ermahnt habe; mehr vom Gelächter noch als Wein berauscht, sei er auf dem

Rückwege zur Stadt, indem auf dieser Stelle erst seine Krankheit sich

vollständig gezeigt habe, hier schlafend und wie todt niedergesunken. Lachend

und weinend stemmte sich die Frau, durch Ferdinand’s kraftvolle Unterstützung

sichrer gemacht, bis Beide durch richtig angewendete Hebelkraft den Ehemann

aufrecht gestellt hatten. Beschämt und gerührt fühlte sich Ferdinand, der schon

seit einiger Zeit im Lallenden und Ohnmächtigen seinen humoristischen Freund

Wachtel wieder erkannt hatte. Er war nur darüber froh, daß jener Walther, der

neue Bekannte, bei dieser Nichterkennungsscene nicht zugegen war, da er ihm

von diesem Herrlichen so viel Gutes und Schönes erzählt hatte, das ihm selber

jetzt als Unwahrheit erschien. Die beiden Hülfreichen führten nicht ohne Mühe

und Anstrengung den Unbeholfenen in sein Haus, und Ferdinand entfernte sich

in der höchsten Verstimmung. Er durchstreifte wieder die Landschaft und

erfreute sich der lieblichen Sommernacht, die warm und doch erfrischend,

labend und milde nach dem heißen Tage auf den Feldern und Wäldern webte.

Die Lichter des Städtchens erloschen nach und nach, und seinen Lebenslauf

übersinnend, kam der Träumende nach einer Stunde zurück, um seinen Gasthof

aufzusuchen. Er mußte vor dem Hause des trunkenen Freundes vorüber, und als

er in die Nähe desselben kam, vernahm er deutlich Wachtel’s Stimme. Er war

unten in einer großen Stube zur ebenen Erde und alle Fenster standen, der

Sommerwärme wegen, offen. Ferdinand kam leise näher und unterschied in der

Dämmerung seinen Freund, der ruhig neben seiner Frau saß und so in seiner

gemessenen Rede fortfuhr: — denn alle Weisheit ist nur Stückwerk, und alle

Tugend nichts als Flickwerk. Ich betheure Dir, ich war nicht betrunken, wie Du

Dir einzubilden scheinst, sondern nur etwas anders, als gewöhnlich, gestimmt;

auch war ich nicht abwesend oder gar besinnungslos, wie Du behaupten

möchtest, sondern mein Geist schwärmte nur in andern Regionen und war eben

mit der Lösung der tiefsinnigsten Probleme beschäftigt. So geht es mir ja oft, daß auf meinem Zimmer sich beim Buch oder im Nachdenken mein Geist in

hohen Genüssen ergeht, und ich Dich ebenfalls alsdann nicht oder meinen

Gevatter Wendling bemerke. Was nun die Behauptung betrifft, Du selbst habest

mich nebst einem ganz fremden Manne, unwissend meiner selbst, hieher in mein

Häuslein geschleppt, — so ist das nichts weiter, als was mir und Dir alle Tage

geschieht, wenn wir im Wagen sitzen, über dieses und jenes anmuthig genug

discurriren und weder wissen noch bedenken mögen, ob weiße oder schwarze

Pferde uns von der Stelle bewegen. Contrair zeigt es nur von einem geringen

Sinne, sich um diese Nebendinge allzuängstlich zu kümmern; und wie würdest

Du selbst mich verachten, wenn ich in einer schönen Landschaft, an welcher sich

Dein Auge ergötzte, Dich immer wieder auf die Schimmel und den rothnasigen

Fuhrmann aufmerksam machen wollte. Also, nicht einseitig abgeurtheilt, liebe

Gattin. Wären wir nicht so schnell stillgestanden, was Du selbst verlangtest, um

zu verschnaufen, wie Du Dich ausdrücktest, so wäre ich dort am Abhang nicht in

die Knie und alsbald mit dem ganzen Leichnam hinab gesunken oder geschurrt;

denn Beine und Schenkel und alle jene Muskeln, welche zum Wandeln in

Bewegung gesetzt werden müssen, thaten ihre Schuldigkeit ganz leidlich, Wille

und Vollstreckung immerdar im Takt, Eins zwei, Eins zwei; — nun aber die

plötzliche Hemmung — das war den Sehnen, Muskeln, Gebeinen, und wie sie

Namen haben mögen, ganz unerwartet wie ein Blitzschlag; — die Geister, die

schon Reißaus genommen hatten und in Indien und Calekut schwärmten,

vergaßen von ihrer interessanten Pilgerschaft zurückzukommen, der Wille

lauerte vergeblich auf Befehl, und die Sehnen und Muskeln, die schon lange des

langweiligen Takttretens müde waren, fielen ohne von Willen und Geistbefehl

und jenem hartherzigen Bewußtsein tyrannisirt zu werden, zusammen und

blieben liegen. Sieh, Schatz, dies ist die pragmatische Geschichte jenes von Dir

mißverstandenen Vorfalls.

Ganz gut, sagte die Frau, aber ich weiß, was ich weiß, Du kannst mir meine

Sinne nicht abdisputiren. Vor acht Tagen sagtest Du wieder, wenn ich Dich

unterwegs nur eine einzige Minute hätte ausruhen lassen, so wärst Du hier in der

Stube nicht so hingeschlagen, daß es Dir zwei Tage im Kopfe brummte.

Richtig, mein Kind, erwiederte der Gatte, mein Genius brummte und knurrte

damals lange aus Verdruß, daß man auf seine Weisung nicht gemerkt hatte. Denn

ich war mit Bewußtsein dazumal überfüllt, es waren zu viele Lebensgeister

gegenwärtig und ein Ueberschwang von Gedanken, philosophischen Begriffen

und tiefsinniger Nüchternheit quälte mich; so war denn nicht Ein Wille bloß

meinem Gehn und den Beinen zu Gebot, sondern wohl zehn Willenskräfte

hantirten in mir und zankten gleichsam mit den Lebensgeistern und der obersten

Hauptseele oder dem wahren Ich. Du sahst auch, wie die Beine zu schnell liefen, wie ich mit den Händen haspelte und gestikulirte, die in Wandelsbegeisterung

auch Beine zu seyn strebten. Hätte ich nun etwas im Freien geruht, so konnte die

Hauptseele so ein Dutzend Lebensgeister nach allen Richtungen fortsenden,

mein zu starkes Bewußtsein wurde vernünftig und gemäßigt, und ich fiel

nachher aus pur übertriebener Nüchternheit nicht hier auf den Fußboden hin. —

Aber noch schlimmer, daß Du mich bei der fremden Dame, die seit gestern bei

uns logirt und morgen, oder vielmehr heut, oder vielmehrest übermorgen, das

heißt, da jetzt Mitternacht vorüber ist, eigentlich morgen früh abreisen will, in so

schlechten Ruf gebracht hast, als wenn ich ein Trunkenbold wäre. Sieh, mein

Engel, das fremde gutherzige Frauenzimmer reiset nun in alle Welt und hängt

mir in den allerentferntesten Ländern einen Schandfleck an, und macht mir so in

Gegenden einen bösen Namen, wo ich noch nicht einmal einen guten oder

gleichgültigen Ruf errungen habe; es ist sogar möglich, ich werde da schon im

voraus lächerlich, wo man mich noch gar nicht kennt; denn Verleumdung findet

weit leichter als Verehrung eine Herberge und Wohnung in der Brust der

mannichfach redenden Menschen.

Er ist also auch in der Ehe unverbesserlich geblieben, dachte der erzürnte

Ferdinand und ging in die Stadt. Es war ihm in seiner Verstimmung unmöglich,

sich jetzt seinem ehemaligen Freunde zu erkennen zu geben.

In einem nicht gar bequemen Fuhrwerke verließen die Reisenden Guben und

zogen langsam durch die Steppen und Fichtenwälder jener Gegend der

wendischen Lausitz. Sie übernachteten in Wermsdorf und waren erfreut, bei

Königsbrück eine grünere und freundlichere Natur zu finden. Ein schöner, voller

und dichter Tannenhain, mit vielen alten Bäumen, von schönen Buchen und

Birken erhellt, empfing sie nachher, und gegen Abend sahen sie von einer

Waldhöhe herab in seiner ganzen Schönheit am anmuthig gewundenen Strom

das liebliche Dresden vor sich liegen.

Ich war schon oft in dieser Stadt, sagte Ferdinand, und doch bleibt mir der

Anblick dieser Gegend immer neu. Die Hügel, die sanften Thäler umher, der

schöne Strom, das Grün und die Waldpartien, Alles ist zierlich und ergötzlich zu

nennen. Erhaben, ernst, feierlich ist diese Natur nicht und wir hören hier keine

jener Stimmen, die das Ohr unsers Geistes wohl in Gebirgen vernimmt. Darum

hat diese Gegend so recht eigentlich etwas Wohnliches, Behagliches, daß Jedem

hier wohl wird, der eines Umganges mit der Natur fähig ist.

Sollten das nicht alle Menschen seyn? fragte Walther.

Ich zweifle sehr, erwiederte jener: suchen so viele nicht und vermissen in

freundlichen Ebenen den Reiz der Gebirge? Entbehren nicht viele schmerzlich in

schöner Abgelegenheit den Wirrwarr der großen Städte?

Das gehört auch, erwiederte Walther, zu den Erfreulichkeiten Sachsens und dieser Residenz, daß man sich frei fühlt, nicht von Mauth und deren Dienern

grob und stürmisch angefahren und genirt wird; daß keine Habgier die

Bestechung wie einen Tribut erwartet. Das bildet einen starken Abstich gegen

das große benachbarte Land, in welchem in dieser Hinsicht so vieles zu

verbessern ist.

Schon in der Nähe des freundlichen Thorschreibers fielen diese Reden vor

und die Reisenden stiegen müde vor dem Gasthause, der goldene Engel, ab, in

welchem sie Erquickung und gute Bewirthung fanden.