Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Pietro von Abano oder Petrus Apone. Eine Zaubergeschichte. 1838.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Pietro von Abano
oder
Petrus Apone.
Eine Zaubergeschichte.
1838.
Die untergehende Sonne warf schon ihre rothen Strahlen an die Thürme, und
über die Häuser von Padua, als ein junger Fremder, der eben angekommen war,
durch ein Volksgewühl, ein Eilen, ein Rennen aufmerksam gemacht, und auf
seinem Wege von der Menge mit fortgerissen wurde. Er fragte ein junges
Mädchen, welches ihm ebenfalls schnell vorüber ging, was denn alle diese
Menschen in so ungewohnte Bewegung setze. Wißt Ihr es denn nicht? antwortete
diese, die schöne Crescentia, das junge Kind, wird jetzt beerdigt; alle wollen sie
noch einmal sehn, da sie immer für die anmuthigste Jungfrau in der ganzen Stadt
gegolten hat. Die Eltern sind trostlos. Die letzten Worte rief sie schon aus der
Entfernung zurück.
Der Fremde beugte um den finstern Palast in die große Straße hinein, und ihm
tönte schon Leichengesang, ihm wehte der Schein der blaßrothen Fackeln
entgegen. Als er näher kam, sah er, nachdem das Gedränge des Volkes ihn
vorgeschoben hatte, ein Gerüst, mit schwarzem Tuche verdeckt. Um dieses
waren Sitze, ebenfalls schwarz, erhöht, auf welchem die traurenden Eltern und
Verwandten saßen, alle im finsteren Ernst, einige Gesichter mit dem Ausdruck
der Trostlosigkeit. Jetzt bewegten sich Figuren aus der Thür des Hauses, Priester
und schwarze Gestalten trugen einen offenen Sarg, aus welchem Blumenkränze
und grüne Gewinde niederhingen. Zwischen den blühenden bunten Pflanzen lag
auf Kissen die weibliche Gestalt, blaß, im weißen Kleide, die zarten lieblichen
Hände gefaltet, die ein Crucifix hielten, die Augen geschlossen, dunkle schwarze
Ringellocken voll und schwer um das Haupt, auf welchem ein Kranz von Rosen,
Cypressen und Myrthen prangte. Man stellte den Sarg mit seiner schönen Leiche
auf das Gerüst, die Priester warfen sich zum Beten nieder, die Eltern erhuben
sich wie verzweifelnd, noch klagender ertönten die Hymnen, und alles umher,
die Fremden selbst, schluchzten und weinten. Der Reisende glaubte noch nie ein
so schönes weibliches Wesen gesehn zu haben, als diese Leiche, die so
wehmüthig an die Vergänglichkeit und den nichtigen Reiz des Lebens erinnerte.
Jetzt ertönte das feierliche Geläute der Glocken, und die Träger wollten eben
den Sarg erheben, um die Leiche in das gewölbte Grab der großen Kirche zu
tragen, als ein lauter tobender Jubelruf, schallendes Gelächter und das Geschrei
einer ausgelassenen Freude, die Eltern, Verwandten, Priester und Leidtragende
störte und erschreckte. Alles sah unwillig umher, und aus der andern Gasse
schwärmte ein froher Zug junger Leute heran, singend, jauchzend, ihrem ehrwürdigen Lehrer immer wieder von neuem ein Lebehoch zurufend. Es waren
die Studirenden der Universität, die auf einem Sessel hoch auf den Schultern
einen bejahrten Mann von dem edelsten Ansehn trugen, der wie in einem Throne
saß, mit einem Purpurmantel bedeckt, das Haupt mit dem Doktorhute
geschmückt, unter welchem weiße Silberlocken hervor quollen, so wie ein
weißer langer Bart auf das schwarzsammtne Wamms majestätisch herabfloß. Ein
begleitender Narr mit Schellen und in bunter Tracht sprang umher, und wollte
schlagend und scherzend dem Zuge durch das Volk und die Trauerleute Platz
machen, doch auf einen Wink des ehrwürdigen Alten senkten die Schüler die
Trage, er stieg herab und näherte sich gerührt und mit feierlichem Anstande den
weinenden Eltern. Vergebt, sagte er ernst und mit einer Thräne im Auge, daß
dieses wilde Geschrei so eure Leichenfeier stört, die mich innigst erschüttert und
entsetzt. Ich komme von meiner Reise endlich zurück, meine Schüler wollen
meinen Einzug durch ihre Freude verherrlichen, ich gebe ihren Bitten und
Anstalten nach, und finde nun, — wie? eure Crescentia, das Musterbild aller
Holdseligkeit und Tugend, hier vor euch im Sarge? Umher diesen düstern Prunk
und jene Trauergestalten, um sie mit Thränen und Herzensweh zu ihrer
Ruhestelle zu geleiten? — Er winkte seinen Begleitern und sprach einige Worte.
Alles war schon längst still und stumm geworden, und die meisten entfernten
sich jetzt, um die Leichenfeier nicht zu stören. Da kam die Mutter zitternd näher
und sank an der Gestalt des Alten nieder, indem sie im krampfhaften Schmerze
dessen Knie umschlang. Ach! warum seid Ihr nicht zugegen gewesen? rief sie
verzweifelnd; Eure Kunst, Euer Wissen hätte sie gerettet. O Pietro! Pietro! Ihr,
der Freund unsers Hauses! habt Ihr denn so Euren Liebling, Euren Augapfel
können untergehn lassen? Kommt! Erweckt sie noch jetzt! Flößt ihr noch jetzt
von den Wunderessenzen ein, die Ihr zu bereiten wißt, und nehmt dafür zum
Dank alles, was wir besitzen, wenn sie nur wieder da ist, unter uns wandelt und
mit uns spricht!
Laßt eure Verzweiflung nicht das Wort führen, antwortete Pietro: der Herr
hatte sie euch geliehen, er hat sie euch wieder abgefordert; der Mensch vermesse
sich nie, in den Arm seines weisen Rathschlusses zu greifen. Wer sind wir, daß
wir gegen ihn murren sollten? Will der Sohn des Staubes, der im Winde verweht,
mit seinem schwachen Athem gegen die ewigen Beschlüsse zürnen? Nein,
meine Geliebten, fühlt als Eltern und Freunde ganz euren Schmerz: er soll
unserm Herzen so einheimisch wie Lust und Freude seyn, auch er wird von dem
Vater zu uns gesendet, der jede unsrer Thränen sieht, der wohl unsre Herzen
kennt und prüft, und weiß, was der schwache Mensch ertragen kann. So traget
denn dieses große übermächtige Leid um seinetwillen, aus Liebe zu ihm, denn
nur Liebe ist es, was er euch auch auferlegen mag. Ist denn der Schmerz, das Herz in seiner Zerknirschung, die Seele, die in Wehmuth zerrinnen will, sind sie
nicht ein heiliges göttliches Opfer, welches ihr in euren brennenden Thränen der
höchsten, der ewigen Liebe als euer Köstlichstes darbringt? So rechnet es auch
jener dort, der alle eure Seufzer und Thränen zählt. Aber der böse Feind, der
immer an unsrer Seite lauert, beneidet uns die Heiligkeit dieser himmlischen
Schmerzen, er ist es, der sie euch zur Verzweiflung, zum Zorn gegen den
Schöpfer der Liebe und des Leides erhöhen will, damit ihr im Jammer nicht
jener höchsten Liebe noch inniger verbunden werdet, sondern in den Abgrund
des Hasses untergeht. Er, dieser Geist der Lüge, täuscht euch jetzt, und raunt
euch boshaft seine Fabeln zu, als wenn ihr sie auf ewig verloren hättet, die doch
nur in Geist und Seele und Liebe eins mit euch war, und euch nur als
Unsichtbare zugehörte. Er will, daß ihr es vergessen sollt, wie diese schöne
Hülle nur ihr Kleid war, dem Staube verwandt, zum Staube jetzt wiederkehrend.
Werft ihn zurück, diesen Lügengeist, daß er sich vor der ewigen allmächtigen
Wahrheit schämen muß, die ihr ihm entgegen haltet, daß sie noch euer ist, noch
neben, nah um euch, ja weit mehr, weit inniger euer, als da euch diese Schranken
des sterblichen Fleisches noch trennten, und euch in der Liebe selbst einander
entfremdeten. Alle euere Erinnerung, Hoffnung, Schmerz und Lust ist sie von
heute an; sie leuchtet euch in jedem erfreulichen Lichte, sie tröstet euch in den
Blumen des Frühlings, sie küßt euch im zarten Hauch, der eure Wangen rührt,
und jedes Entzücken, das fortan in euren Herzen aufblüht, ist ihr Herz und ihre
Liebe zu euch, und dieses Entzücken, und diese ewige, unsterbliche Liebe sind
eins mit Gott. So tragt sie denn zu ihrer Ruhestelle, und folgt ihr in stiller,
gottergebner Demuth, damit durch euch nicht ihr Geist im Aufenthalt des ewigen
Friedens gestört und geängstigt werde.
Alle schienen mehr beruhigt, der Vater reichte ihm stumm die Hand mit dem
Ausdruck der Herzlichkeit und des gefühlten Trostes. Man ordnete sich, der Zug
setzte sich in Bewegung, die Verlarvten, die Brüderschaften, die es sich zur
Pflicht machen, die Leichen zu begleiten, reihten sich in ihren weißen
Gewändern, und mit verdecktem Antlitz, von welchem nur die Augen sichtbar
waren. Stumm bewegte sich der Zug fort, sie hatten jetzt fast schon die Kirche
erreicht, als ihnen ein Reiter auf schäumendem Rosse entgegen sprengte. Was
giebt es? schrie der Jüngling. Er warf einen Blick in den Sarg, und mit einem
Ausruf der Verzweiflung wandte er das Roß, stürzte fort, und verlor in wilder
Hast den Hut, so daß ihm die langen Locken im Abendwinde nachflatterten. Er
war der Bräutigam, der zur Hochzeit kam.
Die Finsterniß umgab das Trauergefolge und die stille Feier, indem die schöne
Leiche in das Gewölbe ihrer Familie hinabgesenkt wurde.
———
Als sich alle zerstreut hatten, wendete sich der junge Fremdling, der in
staunendem Schmerze dem Zuge gefolgt war, an einen alten Priester, der allein
am Grabe betend verweilte. Er brannte zu erfahren, wer jener majestätische
Greis sei, der ihm wie mit göttlichen Kräften und überirdischer Weisheit begabt
erschien. Als der Jüngling dem Geistlichen die bescheidene Frage vortrug, stand
dieser still, und sah ihm beim Scheine eines Lichtes, das aus einem Fenster auf
sie schien, scharf ins Auge. Der Alte war eine kleine magere Gestalt, ein blasses
schmales Antlitz erhob das Feuer der Augen um so mehr, und die eingekniffenen
Lippen zitterten, als er ihm in heiserem Tone antwortete: Wie? Ihr kennt ihn
nicht? Unsern weltberühmten Petrus von Apone, oder Abano, von dem man in
Paris, London, dem deutschen Reiche und ganz Italien spricht? Kennt nicht den
größten Weltweisen und Arzt, den Astronomen und Astrologen, von dem zu
lernen und ihn zu schauen die wilde Jugend aus dem fernen Polenlande hieher
schwärmt?
Der junge Spanier, Alfons, war im entzückten Erstaunen einen Schritt zurück
getreten, denn der Ruhm dieses großen Lehrers hatte auch ihn von Barcelona
über die See getrieben. Also er war es, er war es selbst? rief er begeistert aus:
darum war auch mein Herz so tief bewegt. Mein Geist erkannte den seinigen. O
edler, frommer Mann, wie lieb’ ich Euch darum, daß Ihr ihn nicht minder
verehrt, wie alle Edlen und Guten der christlichen Welt.
Wollt wohl auch unter ihm studiren? fragte der Priester im grimmigen Ton.
Gewiß, antwortete jener, wenn er mich würdiget, sich meiner anzunehmen.
Der Alte stand still, legte seine Hand auf die Schulter des Jünglings und sagte
dann milder: Lieber junger Freund, noch ist es Zeit, hört noch meine väterliche
Warnung, bevor es zu spät ist. Täuscht Euch nicht selbst, wie es so Viele,
Unzählige schon gethan haben, seid auf Eurer Hut und wahret Eurer Seele. Seid
Ihr denn Eurer Ruhe und künftigen Seligkeit schon im voraus überdrüssig, wollt
Ihr dem Heiland seine Liebe damit vergelten, daß Ihr ihm abtrünnig werdet, ihn
leugnet, und als ein Rebell die Waffen gegen ihn schwingt?
Ich verstehe Euch nicht, alter Mann, erwiederte Alfonso: habt Ihr nicht selbst
gesehn und gehört, wie fromm, wie christlich, mit welcher eindringlichen
Majestät der Herrliche sprach, und den verirrten Schmerz der Liebe durch
himmlischen Trost wieder in seine rechte Bahn lenkte?
Was vermag, was kann der nicht alles! dieser Künstler und Zauberer! rief der
alte Priester bewegt aus.
Zauberer? fragte Alfonso. Ihr wollt also auch den Wahn des Pöbels theilen,
der die Wissenschaft hoher Geister nicht zu würdigen weiß und lieber das Abgeschmackte glauben, als die eigne Seele an der Erhabenheit des Mitbruders
stärken will?
Fahrt nur so fort, sagte der Priester erzürnt, so habt Ihr kaum nöthig, in seine
weltberühmte Schule zu treten. Es ist augenscheinlich, sein Zauber hat Euch
schon umstrickt, so wie er jedes Herz bezwingt, das nur in seiner Nähe schlägt.
Ja wohl, der Heide, hat er heut wie ein Priester gesprochen und geweissagt, und
seiner Lüge auch einmal diese Farbe angestrichen. So regiert er auch das Haus
des Podesta’s. Die arme Crescentia konnte kaum in ihren letzten Stunden den
Rückweg zur heiligen Kirche wieder finden, so war ihre Seele in den Irrlehren
befangen, die der böse Heuchler wie giftige Netze um den jungen Geist
geworfen hatte. Jetzt ist sie ihm entronnen, der Herr hat sie zu sich gerufen, und
sandte diese Krankheit, um ihre Seele mit dem Verluste des Leibes zu retten.
Die Sprechenden waren auf den großen Platz gekommen. Der Jüngling war
empört und sagte jetzt, um seinem Gefühle Luft zu machen: wozu nur,
geistlicher Herr, diesen grimmigen Neid? Seht ihr denn, erkennt ihr es denn
nicht, wie die Welt nur um so mehr von euch abfällt, um so mehr ihr mit Bann
und Fluch und Verfolgung den neuen Geist ersticken wollt? den Geist der
ewigen Wahrheit, der jetzt alle Landschaften erregt? Der nicht wieder, trotz eurer
Künste, untertauchen wird, um gläubig euren Legenden zu horchen.
Wohl, sagte der Alte im hohen Zorne; haben wir doch jetzt Averroes statt
Christus, und Aristoteles statt des Allmächtigen, und diesen Euren Pietro, diesen
Ischarioth, statt des Geistes! Nicht wahr, der Erdgeist hat ihn groß und schlank
auferbaut, und ihm ein feuriges Auge, edle Stirn, schönen Mund der
Ueberredung, und majestätische Geberden geliehen, um zu gaukeln und zu
täuschen: indeß ich, der unwürdige Diener des Herrn, hier krank, schwach und
unansehnlich wandle, und nur mein Bekenntniß, meinen Glauben habe, um
darzuthun, daß ich ein Christ sei. Ich kann nicht so in die Tiefen glänzender
Weisheit hinabsteigen, nicht den Lauf der Sterne berechnen, Glück und Unglück
vorhersagen, ich werde von den Ueberklugen geschmäht und verachtet, aber ich
trage es demüthig, ihm zu Liebe, der mir alles auferlegt hat. Doch erwartet das
Ende, und seht, ob ihn seine sieben Geister, die er im Zauberbanne hält, erretten
können, ob ihm sein Famulus, das Höllengebild, dann zur Hülfe seyn wird.
War sein Famulus zugegen? fragte Alfonso neugierig.
Habt Ihr das Gespenst nicht bemerkt, antwortete der Mönch, das sich als Narr
ausstaffirt hatte? die Mißgeburt mit dem Höcker, den verdrehten Händen und
Armen, den krummen Beinen, den schielenden Augen und der ungeheuren Nase
in dem Fratzengesicht?
Ich hielt alles dies für Maske.
Nein, dieser, erwiederte der Alte, braucht sich nicht zu verlarven. So wie er da
ist, ist er Larve und Gespenst, ein Geist der Hölle, dieser Beresynth, wie sie ihn
nennen. — Wollt Ihr die Nacht in meinem Kloster zubringen, junger Mensch, bis Ihr eine Wohnung gefunden habt?
Nein, antwortete dieser sehr entschlossen, ich mag die Gastfreundschaft dem
Manne nicht schuldig seyn, der so den Herrlichen durch Verläumdung schmäht,
dessen Name mich schon im Vaterlande entzückt hat, der mir hier als Vorbild
wandeln und leuchten soll. Schlimm genug, daß ich dergleichen von Euch habe
anhören müssen, von einem Manne, dessen Stand und Alter mir verbeut, ihn
dafür zur Rechenschaft zu ziehn. Soll der nur fromm heißen, der die
Wissenschaft verachtet, nur der ein Christ, der im wachen Schlummer die Tage
seines Lebens und die Kräfte seiner Seele hinwegträumt, so trete ich aus dieser
dumpfen Gemeinschaft. Aber dem ist nicht so, und nicht der Mensch, der Christ
oder Priester haben aus Euch gesprochen, sondern nur die Zunft. Lebt wohl,
wenn Ihr es mit diesen Gesinnungen könnt.
Sie trennten sich, beide verstimmt.
———
Der junge Florentiner, welcher in der Stadt dem Leichenzuge begegnet war,
sprengte wie rasend durch das Thor und rannte dann in ungemessener Eil durch
Feld und Wald. Als er sich im Freien sah, stieß er Verwünschungen gegen Welt
und Schicksal aus, raufte sein Haar, fluchte seinen Sternen und seiner Jugend
und eilte dann wie bewußtlos weiter. Er spornte dem Winde entgegen, der sich
nächtlicherweise aufmachte, als wenn er die Glut seiner Wangen abkühlen
wollte. Als es später ward, sank das Roß, das schon oft gestolpert war und das er
knirschend immer wieder aufriß, ermattet nieder, und er war gezwungen, seinen
Weg zu Fuß fortzusetzen. Er wußte nicht, wo er war, noch weniger, wohin er
wollte; nur sein Elend stand mit unauslöschlichen Zügen vor ihm, die
Nichtigkeit der Welt, die Unbeständigkeit alles Glücks. Verruchter Wahnsinn des
Lebens! rief er verzweifelnd durch die Nacht; so, so grausam erweckst du mich
aus meinem Schlummer? Tödtlich muß ich dich hassen um deine Gaukeleien,
deinen Aberwitz, um alle jene unsinnigen Hoffnungen, die unsre Jugend
anlachen, so freundlich auf unserm Wege mit uns gehn, und wenn sie uns in die
Wüste geführt, grinsend und höhnend davon fliegen. Leben! Was ist dieses
thörichte Gespinnst, dieser alberne Traum eines Fieberkranken? Ein matter
Schauer folgt auf den andern, ein verrücktes Gebild verjagt das andre, unsre
Wünsche springen in der kahlen Einöde umher, und erkennen sich selber nicht.
O Tod, o Ruhe, o Nichtsein, komm zu mir, laß dich umarmen, und löse dieses
stürmende Herz. Könnt’ ich nur gleich meine letzten Minuten in Krämpfen
verknirschen, daß die Morgensonne meine Stätte nicht mehr fände, daß kein
Gedanke in mir ihrem neuen Strahl entgegen grüßte. Bin ich denn nicht das elendeste Geschöpf, das athmet? Um so ärmer, wie ich nur vor wenigen Stunden
mich das glücklichste dünkte. Wehe der Jugend, wehe der Liebe, wehe dem
Gefühl des Herzens, die sich so leicht, so gröblich täuschen lassen.
Ein Regen stöberte jetzt durch die kalte Luft, und bald wurden die Tropfen
größer und dichter. Der Jüngling wußte nicht, wohin er gerathen war, der Wald
lag schon fern hinter ihm, kein Obdach war in der Nähe. Er fing an, seine
Erinnerungen wieder zu sammeln, sein Schmerz ward milder, Thränen flossen
aus seinen Augen. Er haßte das Leben schon weniger, ihm war, als wenn die
Nacht selbst ihn trösten und seinen Kummer lindern wollte. Ungewiß, ob er das
gestürzte Roß wieder aufsuchen, ob er sich in einem Graben vor dem Unwetter
bergen sollte, sah er noch einmal um sich, und entdeckte endlich, weit, weit
hinab, hinter Thal und Busch ein hüpfend Lichtlein, welches ihn wie ein
freundliches Auge durch die dicke Finsterniß zu sich winkte. Er eilte dem
ungewissen Scheine nach, der bald verschwand, bald wieder erglänzte. Alle
seine Kräfte, seine Gefühle waren wie in einem Schlummer gebunden, sein
ganzes Dasein war wie in einen Traum zergangen.
Ein Sturm machte sich auf, und schwere, tiefhangende Gewitterwolken
wälzten sich langsam herbei. Schon kam er Bäumen näher, wie es ihm dünkte,
aber die Finsterniß machte es ihm unmöglich, irgend etwas zu unterscheiden. Er
stürzte in eine Grube, als ein Blitz ihn blendete und ein lauter Donnerschlag
betäubte; wie er sich wieder aufraffte, war das Licht, welches ihn gelockt hatte,
schon nahe. Er klopfte an das kleine Fenster, welches sich hinter einigen
Bäumen zeigte, und bat um Einlaß gegen Sturm und Ungewitter. Eine laute
heisere Stimme antwortete von innen, doch vernahm der Jüngling kein Wort,
denn Sturm und Gewitter und Regen, das Rauschen der Bäume, alles tobte jetzt
so heftig durcheinander, daß jeder andre Laut erstarb.
Die Thür des kleinen Hauses ging nach dem Garten, er mußte durch diesen
eilen, dann faßte ihn eine weibliche Hand, leitete ihn durch einen finstern Gang,
und eröffnete eine kleine Stube, aus welcher ihm der Schein einer Lampe und
das Feuer auf dem Heerde entgegen schimmerte. In der Ecke saß bei der Lampe
eine häßliche Alte und spann, das junge Mädchen, das ihn hereingeführt hatte,
machte sich am Heerde zu thun, und lange konnte er vor dem ungewissen
wankenden Schein die Gestalten nicht näher prüfen, lange konnte kein Gespräch
gangbar werden, weil das Getöse des Donners alles übertäubte.
Das ist ein grausames Unwetter, sagte in einer Pause die Alte mit krächzender
Stimme. Woher seid Ihr denn, junger Mensch?
Ich komme von Padua, seit heut Abend.
Weither, rief die Alte, liegt ja sechs Stunden von hier. Wo wollt Ihr denn hin,
da hier keine Landstraße geht?
Weiß es nicht, mag es auch nicht wissen. Der Unglückliche ist nicht fähig,
einen Plan zu entwerfen, oder für die Zukunft zu sorgen. Wie wohl würde mir
seyn, wenn es für mich gar keine Zukunft gäbe.
Sprecht irre, junger Mensch, und das muß nicht seyn. — Ei! rief sie aus,
indem sie die Lampe erhob und ihn näher betrachtete, ja gar ein Florentiner! Das
Wamms und den Kragen habe ich lange nicht gesehn. Je nun, das hat mir wohl
auch was Gutes zu bedeuten. Hat mir das garstige Gewitter also einen lieben
Gast bescheert; denn wißt nur, mein junger Herr, ich bin auch aus dem
gesegneten Lande. Ja, Florenz! Ach, wer doch einmal wieder auf deinen Boden
treten und die theuren Berge und Gärten wieder sehn könnte! Und Euer Name,
lieber, junger Herr?
Antonio Cavalcanti, sagte der Jüngling, der wegen der Landsmannschaft zu
der häßlichen Alten mehr Vertrauen faßte.
O welcher Ton, rief sie wie begeistert aus: ja Cavalcanti, so einen habe ich vor
Jahren wohl auch gekannt, einen Guido.
Der war mein Vater, rief Antonio.
Und lebt nicht mehr?
Nein, sagte der junge Mann, auch meine Mutter ist mir schon seit lange
entrissen.
Weiß es, weiß es, liebes, schönes, junges Kind. Ja, ja, es werden jetzt schon
fünfzehn Jahre seyn, daß sie gestorben ist. Ach ja, sie mußte wohl dazumal in
der bösen Zeit den Geist aufgeben. Und Euer lieber, guter Vater, dem habe ich es
einzig zu verdanken, daß die Richter mich nicht einige Jahre nachher auf den
Scheiterhaufen setzten, sie hatten sich’s einmal in den Kopf genommen, ich sei
eine Hexe, und da half kein Widersprechen. Aber der Herr Guido kämpfte mich
durch, mit Vernunft und Drohung, mit Bitten und Zorn, und sie haben mich denn
bloß aus dem lieben Lande verbannt. Und nun bringt mir das Donnerwetter den
Sohn meines Wohlthäters in meine kleine, arme Hütte. Gebt mir doch auch die
Hand darauf, junges Blut.
Antonio gab sie der Alten schaudernd, die er jetzt erst näher betrachten
konnte. Sie grinste ihn freundlich an, und zeigte zwei schwarze, lange Zähne, die
einen widerwärtigen Mund noch häßlicher machten, die Augen waren klein und
scharf, die Stirn gefurcht, das Kinn lang, sie streckte zwei dürre Arme nach ihm
aus, und als er sie wider Willen umfassen mußte, fühlte er den Höcker, der die
Häßlichkeit noch abscheulicher machte. Nicht wahr? sagte sie mit erzwungenem
Lachen, ich bin nicht sonderlich hübsch, war es auch in meiner Jugend nicht. Es
ist mit der Schönheit etwas Besonderes, man kann eigentlich niemals sagen und
beschreiben, worin sie besteht, es ist immer nur eine Abwesenheit von gewissen
Dingen, die, wenn sie in ihrer Bestimmtheit da sind, das ausmachen, was die Leute die Häßlichkeit nennen. Sagt mir einmal, was findet Ihr denn nun so an
mir wohl am widerwärtigsten?
Liebe Alte, sagte der Jüngling verlegen —
Nein, rief sie, rund mit der Wahrheit heraus, ohne alle Schmeichelei! Jeder
Mensch hat doch nun einmal die oder jene Gabe, und so bilde ich mir nicht
wenig darauf ein, daß mir alles das abgeht, was sie in der Welt schön nennen.
Nun, zeigt einmal Euren Geschmack. Sprecht!
Wenn ich muß, stotterte Antonio, dem trotz seiner Trauer ein Lächeln jetzt auf
die Lippen trat, die beiden Zähne wollen mir —
Ha, ha! rief die Alte laut lachend, die beiden guten lieben alten schwarzen
Zähne wollen Euch am wenigsten gefallen. Ich glaub’ es wohl, sie stehen wie
zwei verbrannte Palisaden an einer zerstörten Vestung da in dem weiten leeren
Raum. Aber Ihr hättet mich vor zehn Jahren sehn sollen, da war das Ding noch
viel schlimmer. Dazumal hatt’ ich den ganzen Mund voll solcher entsetzlichen
Hauer, und die mich lieb hatten, wollten mir sagen, es sähe gräßlich aus. So
fielen sie denn nach und nach aus, und die beiden Stammhalter sind nur noch
übrig geblieben. Wenn sie einmal abgehn, so klappt das Maul völlig zu, die
Oberlippe wird dreimal so lang, und man kann wieder nicht wissen, was für ein
Bildniß dadurch zu Stande kommt. Die Zeit, mein lieber junger Freund, ist, wie
schon vor vielen Jahren einer gesagt hat, eine thörichte Künstlerin, sie macht ein
Bild leidlich hübsch, dann künstelt, schnitzelt, reckt und stümpert sie am
Menschen herum, zieht Nase und Kinn in die Länge, drückt die Backen ein,
pinselt die Stirn voller Falten, bis sie ein Fratzengesicht zu Stande gebracht hat;
dann schämt sie sich am Ende, schmeißt den ganzen Bettel hin und deckt ihn mit
Erde zu, damit nicht alle Welt ihre Schande sehe. So glatt bleibt Ihr auch nicht,
wie Ihr jetzt in Eurer Politur glänzt. Ah! zeigt! freilich, Ihr habt Zähnchen wie
die reinsten Perlen. Schade, daß die müssen gebraucht werden, um Brod und
Rinderbraten zu kauen. Ei, ei, — zeigt — weiter auf den Mund — die stehn aber
so sonderbar, — hm! und der Augenzahn! Nun, das ist zu bedenken.
Antonio wußte nicht, ob er schelten oder lachen sollte; doch zwang er sich
heiter zu seyn, und dem Geschwätz der Alten nachzugeben, die gleichsam
wegen früher Bekanntschaft mit der Familie eine sonderbare Gewalt an ihm
ausübte. Wie fuhr er aber entsetzt zusammen, als sie plötzlich: Crescentia!
ausrief.
Ums Himmels willen! sprach er erschüttert, kennt Ihr sie? Saht Ihr sie? wißt
Ihr von ihr?
Was ist Euch? heulte die Alte, muß ich sie doch wohl kennen, da sie meine
eigne Tochter ist. Seht nur selbst, wie die träge Dirne da eingeschlafen sitzt, das
Feuer ausgehn und die Suppe verkühlen läßt.
Sie nahm die Lampe und näherte sich dem Heerde; aber wie ward dem
Jünglinge, als er seine Geliebte heute zum zweitenmale wiedersah, fast eben so,
wie am Abend. Das blasse Haupt lag gesenkt, die Augen geschlossen, alle
Lineamente, auch die dunkeln Locken seiner Braut, eben so hatte sie die kleinen
Händchen gefaltet, zwischen welchen sie ebenfalls ein Christusbild hielt. Das
weiße Gewand half die Täuschung erhöhen, nur fehlten die Blumen, doch webte
die Dämmerung wie Kränze schweren dunkeln Laubes um ihre Locken. Sie ist
todt, seufzte Antonio, sie starr betrachtend. — Faul ist sie, die träge Dirne, sagte
die Alte, und schüttelte die schöne Schläferin wach; nichts als beten und
schlummern kann das unnütze Geschöpf.
Crescentia ermunterte sich, und ihre Verwirrung erhöhte noch ihre Anmuth.
Antonio fühlte sich dem Wahnsinne nahe, daß er diejenige wieder vor sich sah,
die er doch auf ewig verloren hatte. Alte Zauberin! rief er heftig aus, wo bin ich?
Und welche Gebilde führst Du vor die irren Sinne? Sprich, wer ist jenes
holdselige Wesen? Crescentia, bist Du wieder da? Erkennst Du mich noch als
den Deinen? Wie bist Du hieher gerathen?
Holla! mein junger Prinz, schrie die Alte, Ihr faselt ja, als wenn Ihr Euer
bischen Verstand verloren hättet. Rumort Euch das Gewitter im Kopf herum?
Hat der Blitz etwa in Euern Witz geschlagen? Es ist meine Tochter, und ist es
von je an gewesen.
Ich kenne Euch nicht, sagte die bleiche Crescentia hold erröthend. Ich bin nie
in der Stadt gewesen.
Setzt Euch, unterbrach sie die Alte, genießt, was da ist. Die Suppe wurde
aufgetragen, einige Früchte, und aus einem kleinen Wandschrank nahm die Alte
eine Flasche köstlichen florentinischen Weins. Antonio konnte nur wenig
genießen, sein Auge war auf Crescentia hingebannt, und seine verwirrte und
erschütterte Phantasie wollte ihn immer wieder von Neuem bereden, diese sei
seine gestorbene Braut. Oft glaubte er dann wieder, in einem schweren Traum
gefesselt zu liegen, oder von einem Wahnsinn befangen zu seyn, der alle
Gegenstände um ihn verwandele, daß er vielleicht in der Stadt, oder in seiner
Heimath weile, nur seine Einbildungen sehe, und keinen seiner Freunde erkenne
und vernehme, die wohl tröstend oder klagend um ihn stehn möchten.
Das Gewitter hatte ausgetobt, und die Sterne glänzten am beruhigten dunkeln
Himmel. Die Alte aß mit Begier und trank noch eifriger von dem süßen Weine.
Nun endlich, junger Antonio, fing sie nach einiger Zeit an, erzählet uns doch,
was Euch nach Padua, was Euch hieher getrieben hat.
Antonio fuhr wie erwachend auf. Ihr könnt wohl, erwiederte er, einige
Nachrichten von Eurem Gaste verlangen, da Ihr obenein meinen Vater, und
vielleicht auch meine Mutter gekannt habt.
Wohl habe ich sie gekannt, sagte die Alte schmunzelnd, kein Mensch so gut
als ich. Ja, ja, sie starb sechs Monat zuvor, ehe Euer Vater seine zweite Ehe mit
der Marchese Manfredi stiftete.
Also das wißt Ihr auch?
Ist mir doch, fuhr jene fort, als sähe ich das schmucke Püppchen noch immer
vor mir. Nun, lebt die schöne Stiefmutter denn noch? Als sie mich aus dem
Lande jagten, war sie noch in ihrer schönsten Blüthe.
Ich mag es Euch nicht wiederholen, sagte Antonio mit einem Seufzer, was ich
durch diese mir fremde Mutter litt; sie hatte meinen Vater wie bezaubert, der
lieber allen seinen alten Freunden, lieber seinem Sohne Unrecht thun, als sie
irgend beleidigen wollte. Endlich aber änderte sich dieses Verhältniß, doch brach
mein Herz fast beim Anblick dieses Hasses, wenn es früher nur über erlittene
Kränkungen geblutet hatte.
Also recht bitter böse, fragte die Alte mit widerwärtigem Lächeln, ging es in
der Haushaltung zu?
Antonio betrachtete sie mit scharfem Blicke und sagte verwirrt: Ich weiß
nicht, wie ich dazu komme, hier von meinem und dem Elend meiner Eltern zu
erzählen.
Die Alte leerte ein Glas rothen Wein, der wie Blut im Glase stand. Mit lautem
Lachen sagte sie dann: weiß ich mir doch kein herrlicheres Vergnügen, versteht,
was man so recht Wonne und Seligkeit nennen kann, als wenn so zwei
Ehehälften, die früher einmal zwei Liebesleute waren, sich wie Katze und Hund,
oder wie zwei Tigerthiere herumbeißen, schelten, einander verfluchen, und Herz
und Seele dem Satan opfern möchten, um eins das andere zu kränken, oder
seiner los zu werden. Das, junger Fant, ist die wahre Herrlichkeit des sterblichen
Lebens. Besonders aber, wenn die beiden Verbündeten vorher aus Liebe recht
geraset haben, alles, auch das Ungewöhnliche für einander gethan, wohl gar
manches begangen, was andre fromme Leutchen Verbrechen nennen, um nur zu
einander zu kommen, um nur endlich und endlich das nun so verhaßte Band zu
schlingen. Glaubt mir, das ist alsdann für den Satan und die ganze Hölle ein
hohes Fest, ein Jubeln und Cymbelnklang der Unterirdischen. Und hier nun gar,
— doch, ich schweige, ich könnte leicht zu viel sagen.
Crescentia sah den Erstaunten wehmüthig an. Verzeiht ihr, sagte sie lispelnd,
Ihr seht, sie ist trunken, die Unglückliche.
In Antonio’s Seele aber erwachte die Vorzeit und alle ihre trüben Scenen mit
frischer Kraft. Der trübe Tag kam ihm zurück, als er seine Stiefmutter auf ihrem
Sterbebette sah, als sein Vater verzweifelte und sich und die Stunde seiner
Geburt verfluchte, als er den Geist seiner ersten Gattin anrief und um Vergebung
flehte.
Habt Ihr nichts mehr zu erzählen? fragte die Alte, und weckte ihn dadurch aus
seiner staunenden Träumerei.
Was soll’s? sagte Antonio im tiefsten Schmerz, scheint Ihr doch alles zu
wissen, oder durch Weissagung erfahren zu haben. Brauche ich es Euch zu
sagen, daß ein alter Diener, Roberto, sie vergiftet hatte, von ihrem Haß verfolgt
und zur Rache angespornt? Daß dieser boshaft und verrucht meinem Vater das
Verbrechen zuwälzen wollte? Er entsprang aus dem Gefängnisse, übersteigt die
Gartenmauer und stößt in der Grotte meinem Vater den Dolch in die Brust!
Der alte Roberto? Roberto? rief die Alte, fast wie im frohen Jubel; ei, sieh
doch! was man an den Leuten nicht erlebt! Ja, ja, der Schleicher war in jüngern
Jahren so ein rechter Tuckmäuser, ein scheinheiliger Hund, ist aber nachher ein
resoluter Bursche geworden, wie ich höre. In der Grotte also? Wie sich alles so
wunderbar fügen muß. Da saß Euer Vater in frühern Jahren so oft mit der ersten
Gattin, dort hat er ihr zuerst, als ihr Bräutigam, ewige Liebe geschworen.
Dazumal trug Roberto gewiß schon jenen Dolch, wußte aber nicht, daß er ihn
erst nach zwanzig Jahren so sonderbar brauchen sollte. Dort hat auch die zweite
Gemahlin oft bei dem kühlen Brunnen geschlummert, da lag der Mann wieder
zu ihren Füßen. Nicht wahr, Antonio, Kind, das Leben ist ein recht buntes, recht
dummes, recht abgeschmacktes und recht grauliches Fabelgemisch? Kein
Mensch kann sagen: dahin will ich nicht! Die Schmerzen und Gefühle, die
Stacheln und das Rasen, die die schwarzen Gesellen in der Hölle schmieden, das
alles kommt und kommt langsam, wunderlich, näher und immer näher, mit
einemmale ist das Entsetzliche im Hause, und der Verzweifelte sitzt dann damit
im Winkel und nagt daran, so wie der Hund am Knochen. Trink, trink, mein
Söhnchen, durch diesen Saft wird alles besser, wenn seine Geister in die Seele
steigen. — Nun, und Du? Erzähle doch weiter.
Ich schwur dem Vater Rache, sagte Antonio.
So ist es recht, erwiederte die Alte; sieh, mein Kind, wann so ein Brand erst in
ein Haus geschleudert ist, so muß er niemals, niemals wieder erlöschen. Von
Geschlecht zu Geschlecht, zum Enkel und zum Vetter erbt das Gift, die Kinder
rasen schon, die Wunde blutet immer wieder, ein neuer Aderlaß muß wieder das
Unglück retten und auf die Beine bringen, das sonst vielleicht gar verscheiden
könnte. O Rache, Rache ist ein köstliches Wort.
Aber Roberto, sagte Antonio, war entflohen und nirgends zu finden.
Schade, Schade, rief die Alte aus. Nun trieb Dich Deine Rache wohl in die
Welt?
Ja wohl, ich erwuchs, ich sah Italien, forschte in allen Städten, konnte aber
keine Spur des Mörders entdecken. Der Ruf Pietro’s von Abano hielt mich
endlich in Padua fest. Ich wollte von ihm Weisheit lernen, aber als ich in das Haus des Podesta kam —
Nun? sprich heraus, Kind!
Was soll ich sagen? Ich weiß nicht, ob ich rase oder träume. Dort sah ich die
Tochter, die holde, die liebreizende Crescentia. Und ich sehe sie jetzt wieder vor
mir, ja sie ist es selbst, jener Leichenzug war ein böser, ungeziemender Scherz,
und diese Verkleidung, diese Flucht in die Wüste hieher ist wieder eine
unziemliche Verlarvung. Gieb Dich endlich, endlich zu erkennen, theure,
holdselige Crescentia. Weißt Du es ja doch, daß mein Herz nur in Deinem Busen
lebt. Wozu diese grausamen Proben? Sind Deine Eltern vielleicht dort in der
Kammer, und hören alles, was wir sprechen? Laß sie nun endlich, endlich herein
treten, es sei nun der grausamen Prüfung, die mich wahnsinnig machen kann,
genug geschehn.
Die bleiche Crescentia sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an, eine
solche Wehmuth im Angesicht, daß ihm die Thränen aus den Augen stürzten. Er
ist wahrlich schon betrunken! heulte die Alte. Sprecht, sagt, ist denn die Tochter
des Podesta todt? Gestorben wäre sie? und wann?
Heut Abend, sagte der Weinende, bin ich ihrer Leiche begegnet.
Also auch die? fuhr die Alte lustig fort, indem sie wieder einschenkte. Nun, da
wird sich ja die Familie Markone in Venedig freuen.
Warum?
Weil sie nun die einzigen Erben des reichen Mannes sind. Das haben die
Klugen immer gewünscht, es aber niemals hoffen können.
Weib! rief Antonio mit neuem Entsetzen aus, Du weißt ja Alles.
Nicht Alles, erwiederte Jene, aber Etwas. Und manches läßt sich dann auch
wohl errathen. Und freilich, etwas Hexerei ist auch im Spiele. Erschreckt nur
nicht gar zu sehr. Es war auch nicht so ganz um gar nichts, daß mich die Herren
Florentiner auf den Holzstoß setzen wollten, einige kleine unbedeutende
Ursächelchen konnten sie immer für diesen Wunsch anführen. — Schau mir ins
Gesicht, Knabe, streiche die Locken aus der Stirn: gut! Nun gieb die linke Hand:
die rechte; ei! ei! sonderbar und wunderlich! Ja, ja, Dir steht ein nahes Unglück
bevor, aber wenn Du es überlebst, wirst Du Deine Geliebte noch wiedersehn.
Jenseit! seufzte Antonio.
Jenseit? was ist Jenseit? rief die Alte im Taumel; nein, diesseit, was wir hier
auf Erden nennen. Was die Narren für Worte brauchen. Es giebt kein Jenseit,
alberner Kindskopf, wer hier nicht schon das Fett von der Brühe abschöpft, der
ist übel betrogen. Aber damit kirren sie die Gelbschnäbel, daß sie hübsch im
Geleise bleiben, wohin man sie lenken will, wer aber ihren Fabeln nicht glaubt,
der ist auch dafür frei, und kann thun, was ihn gelüstet.
Antonio sah sie zürnend an, und wollte ihr heftig erwiedern, aber die blasse Crescentia legte einen so demüthig flehenden Blick für ihre Mutter ein, daß sein
Zorn entwaffnet wurde. Die Alte gähnte und rieb sich die Augen, und es währte
nicht lange, so war sie, vom häufigen Genuß des starken Weins betäubt, fest
eingeschlafen. Das Feuer auf dem Heerde war erloschen, und die Lampe warf
nur noch matte Schimmer. Antonio fiel in ein tiefes Nachsinnen, und Crescentia
saß am Fenster auf einem niedrigen Schemel. Kann ich wo schlafen? sagte der
erschöpfte Jüngling endlich.
Oben ist noch eine Kammer, sagte Crescentia schluchzend, und er bemerkte
nun erst, daß sie die ganze Zeit über heftig geweint hatte. Sie putzte die Lampe,
daß sie heller brenne, und ging schweigend voran. Er folgte eine schmale Treppe
hinauf, und als sie oben in dem engen finstern Behältnisse waren, setzte das
Mädchen die Leuchte auf einen kleinen Tisch und war im Begriff sich zu
entfernen. Doch schon an der Thür kehrte sie noch einmal um, betrachtete den
jungen Mann wie mit einem Todtenblicke, stand bebend vor ihm, und fiel dann
laut schluchzend und in unverständlichen heftigen Klagen wie in Krämpfen zu
seinen Füßen nieder. Was ist Dir, mein holdes Kind? rief er aus, und wollte sie
aufheben; beruhige Dich: sage mir Dein Leid.
Nein, laßt mich hier liegen, rief die Klagende, ach! wenn ich doch hier zu
Euren Füßen, wenn ich doch jetzt sterben könnte! Nein, es ist zu entsetzlich!
Und daß ich nichts thun, nichts hindern kann, daß ich den Gräuel nur stumm und
ohnmächtig anschauen muß. Aber Ihr müßt es erfahren.
So sammle Dich nur, sagte tröstend Antonio, daß Du nur Deine Stimme, daß
Du nur die Worte wieder findest.
Ich sehe, sprach jene vom Weinen unterbrochen heftig fort, Eurer gestorbenen
Geliebten ähnlich, und ich bin es, die Euch an der Hand in die Mördergrube
führen muß. Meine Mutter kann leicht prophezeien, daß Euch ein nahes Unglück
bevorsteht: kennt sie doch die Gesellen, die allnächtlich hier einkehren. Dieser
Höhle ist noch Keiner lebendig entronnen. Jede Minute führt ihn näher und
näher, den greulichen Ildefons, oder den verruchten Andrea, mit ihren Knechten
und Gehülfen. Ach! und ich kann nur der Herold Eures Todes seyn, Euch keine
Hülfe, Euch keine Rettung bieten.
Antonio entsetzte sich. Bleich und zitternd faßte er nach seinem Schwert,
versuchte seinen Dolch, und sammelte Muth und Entschlossenheit wieder. So
sehr er den Tod erst gewünscht hatte, so war es ihm doch zu furchtbar, in einer
Räuberhöhle endigen zu müssen. Du aber, fing er an, Du mit diesem Angesichte,
mit dieser Gestalt, kannst es über Dich gewinnen, eine Gesellin, eine Gehülfin
der Verruchten zu seyn?
Ich kann nicht entfliehen, seufzte die Trostlose, wie gern entwiche ich diesem
Hause. Ach! und diese Nacht, morgen soll ich von hier und über das Meer geschleppt werden, die Gattin des Andrea oder Ildefons soll ich seyn. Ist es nicht
besser, jetzt zu sterben?
Komm, rief Antonio, die Thür ist offen, entflieh mit mir, die Nacht, der Wald
werden uns ihren Schutz verleihen.
Seht Euch nur um, sagte das Mädchen, seht nur, wie hier und im untern
Gemache die Fenster mit starken Eisenstäben verwahrt sind, die Thür des
Hauses ist mit einem großen Schlüssel versperrt, den die Mutter nicht von sich
giebt. Saht Ihr nicht, wie sie die Thür ins Schloß warf, als Ihr hereingetreten
wart?
So falle die Alte zuerst, rief Antonio, wir entreißen ihr den Schlüssel —
Meine Mutter sterben! schrie die blasse Mädchengestalt, und klammerte sich
mit Heftigkeit an ihn, um ihn fest zu halten.
Antonio beruhigte sie. Er schlug ihr vor, der Alten, da sie berauscht sei, und
fest schlafe, den großen Schlüssel der Thüre leise von ihrer Seite zu nehmen,
dann zu öffnen und zu entfliehen. Von diesem Plane schien Crescentia einige
Hoffnung zu fassen, sie gingen still wieder in das untere Gemach und fanden die
Alte noch fest schlafend. Crescentia machte sich zitternd an sie, suchte und fand
den Schlüssel, und es gelang ihr nach einiger Zeit, ihn vom Bande des Gürtels
abzulösen. Sie winkte dem Jüngling, behutsam näherten sie sich der Thür, mit
Vorsicht brachten sie den eisernen Schlüssel in das Schloß, mit fester Hand
wollte Antonio jetzt ohne Geräusch den Riegel zurückschieben, als er fühlte, daß
draußen eben so geräuschlos ein andrer am Schlosse arbeite. Die Thür öffnete
sich sacht und herein trat, Antlitz an Antlitz dem Antonio, ein großer wilder
Mann. Ildefonso! schrie das Mädchen auf, und der Jüngling erkannte in ihm auf
den ersten Blick den Mörder Roberto.
Was ist das? sagte dieser mit dumpfer Stimme; woher habt Ihr den Schlüssel?
Wohin?
Roberto! schrie Antonio und faßte den ungeheuren Mann wüthend an der
Kehle. Sie rangen heftig mit einander, doch gelang es der Kraft des Jünglings,
den Bösewicht auf den Boden zu werfen, dann kniete er ihm auf die Brust und
senkte seinen Dolch ihm in das Herz. Mit lautem Geschrei war indessen die Alte
erwacht, sie sprang auf, als sie den Kampf sah und riß unter Geheul und
Verwünschungen die Tochter hinweg, sie schleppte sie zur Kammer hinauf, und
verriegelte von innen die Thür. Jetzt wollte Antonio hinauf, um sich die Kammer
mit Gewalt zu öffnen, als mehrere dunkle Gestalten herein traten, und nicht
wenig erstaunten, ihren Anführer todt am Boden zu finden. Jetzt bin ich Euer
Hauptmann! rief eine breite, bärtige Figur, indem dieser das Schwert zog. Wenn
Crescentia mein ist! antwortete trotzig ein jüngerer Räuber. Beide, auf ihrem
Sinne bestehend, fielen sich mörderisch an. Die Lampe ward umgestürzt, und unter Geheul und Fluchen wälzte sich der Kampf in der Finsterniß von einer
Ecke zur andern. Seid ihr unsinnig? schrie eine andre Stimme dazwischen; ihr
laßt den Fremden entfliehn, schlagt ihn zuerst darnieder und fechtet dann eure
Händel aus! Doch jene, vor Wuth blind, vernahmen ihn nicht. Schon dämmerte
der erste graue ungewisse Strahl des frühen Morgens. Da fühlte Antonio die
Mörderfaust an seiner Brust, aber schnell und rüstig stieß er den Angreifenden
nieder. Ich bin erschlagen, rief dieser, auf den Boden fallend: Wahnsinnige,
besetzt die Thür, laßt ihn nicht entrinnen. Antonio hatte indessen diese gefunden,
er sprang durch den kleinen Garten und über den Zaun, die Räuber, welchen
unterdeß die Besinnung gekommen war, eilten ihm nach. Er war nur um wenige
Schritte voraus, und sie suchten ihm die Bahn abzugewinnen. Einer warf mit
Feldsteinen nach ihm, die aber ihres Ziels verfehlten. Unter Geschrei und
Drohworten waren sie in den Wald gekommen. Hier zeigten sich verschiedene
Richtungen, und Antonio war ungewiß, welche er wählen sollte. Da sah er
zurück und die Räuber getrennt, er stellte sich dem nächsten und verwundete ihn
im Kampf, daß jener das Schwert mußte sinken lassen. Doch zugleich vernahm
er Geschrei und sah von einem Seitenwege neue Gestalten daher eilen, die ihm
den Weg bald verrennen mußten. In dieser höchsten Noth traf er auf einer
kleinen Waldwiese sein Roß wieder an. Es schien sich von der gestrigen
Uebermüdung erholt zu haben. Er schwang sich hinauf, nachdem er schnell den
Zaum ergriffen und geordnet hatte, und mit der größten Schnelle, als wenn das
Thier seine Gefahr gefühlt hätte, trug es ihn auf einem gebahnten Pfade aus dem
Walde. Nach und nach ertönte das Geschrei seiner Verfolger immer ferner und
ferner, der Wald lichtete sich, und als er schon glauben mußte, nichts mehr
befürchten zu dürfen, sah er die Stadt im Sonnenglanze vor sich liegen.
Menschen begegneten ihm, Landleute gingen dieselbe Straße zur Stadt,
Reisende gesellten sich zu ihm, und so kam er nach Padua zurück, indem er nur
weniges auf die vielfachen Fragen und Erkundigungen antwortete, warum sein
Anzug so verwildert, warum er ohne Hut sei. Die Bürger sahen ihn mit
Verwunderung an, als er vor dem großen Hause des Podesta abstieg.
———
In der Stadt hatte sich in derselben Nacht etwas Wunderbares zugetragen, was
bis jetzt noch allen Menschen ein Geheimniß war. Kaum hatte sich die
Finsterniß dicht und dichter verbreitet, als Pietro, den man gemeiniglich nur von
seiner Geburtsstadt Apone, oder Abano nannte, im innersten Zimmer seines
Hauses alle Geräthe, alle seine künstlichen Instrumente zu einer geheimen und
seltsamen Operation in Ordnung richtete. Er selbst war in lange Gewänder gekleidet, die mit wunderlichen Hieroglyphen bezeichnet waren, in seinem Saal
hatte er die magischen Kreise beschrieben, und alles kunstreich geordnet, um
seiner Wirkung gewiß zu seyn. Er hatte den Stand der Gestirne genau erforscht,
und erwartete jetzt den günstigsten Augenblick.
Sein Gefährte, der häßliche Beresynth, war auch mit magischen Kleidern
angethan. Er holte und stellte auf den Befehl seines Gebieters alles so, wie dieser
es nöthig erachtete. Bemalte Decken waren an den Wänden verbreitet, der
Boden des Zimmers verkleidet, der große Zauberspiegel aufgerichtet, und näher
rückte und näher der Moment, den der Magier für den glücklichsten erachtete.
Hast Du die Kristalle in die Kreise gestellt? rief jetzt Pietro. Ja, antwortete der
geschäftige Gesell, dessen Fratze sich zwischen den Phiolen, Spiegeln,
menschlichen Gerippen und allen dem seltsamen Hausrath munter und
unermüdlich tummelte. Jetzt wurde das Räuchwerk gebracht, eine Flamme
entzündete sich auf dem Altar, und der Magier nahm vorsichtig, fast bebend, aus
seinem geheimsten Schranke das große Buch. Geht’s los? rief Beresynth. —
Schweig, erwiederte der Alte feierlich, und störe die heilige Handlung durch
keine frevelnden, durch keine unnützen Worte. Er las, erst leise, dann lauter und
eifriger, indem er mit gemessenen Schritten auf und nieder, dann im Kreise
wandelte. Nach einer Weile hielt er inne und befahl: schau hinaus, wie sich der
Himmel gestaltet.
Dichte Finsterniß, sagte der rückkehrende Diener, hat den Himmel umzogen,
Wolken jagen sich, ein Regen fängt an zu träufeln. — Sie sind mir günstig, rief
der Alte, es muß gelingen! Jetzt kniete er nieder, und berührte oft, die
Beschwörung murmelnd, mit der Stirn den Boden. Sein Gesicht war erhitzt,
seine Augen funkelten. Man hörte ihn die heiligen Namen nennen, die verboten
sind auszusprechen, und er sandte nach langer Zeit seinen Diener wieder hinaus,
um nach dem Firmament zu schauen. Indessen vernahm man den
heranbrausenden Sturm, Blitz und Donner jagten sich, und das Haus schien in
seinen Grundfesten zu erbeben. Hört das Wetter, rief Beresynth, eilig
zurückkehrend. Die Hölle hat sich von unten herauf gemacht, und wüthet mit
Feuer und wilden krachenden Donnerschlägen, ein Sturm braust dazwischen,
und die Erde zittert. Haltet inne mit Beschwören, daß nicht die Speichen
brechen, und die Fugen, die die Welt zusammen halten, zerspringen.
Thörichter! Blödsinniger! rief der Magier; genug der unnützen Worte! Alle
Thüren reiß auf, eröffne auch das Thor des Hauses.
Der Zwerg entfernte sich, um die Gebote seines Herrn auszurichten. Dieser
entzündete indeß die geweihten Kerzen, mit Schaudern nahte er sich der großen
Fackel, die auf dem hohen Leuchter stand, auch sie brannte endlich, dann wand
er sich auf dem Boden und beschwor lauter und lauter. Seine Augen funkelten, seine Glieder bebten alle, zuckten wie in Krämpfen, und ein kalter Schweiß der
Angst floß von seinem Haupte. Mit wilder Geberde sprang der Zwerg wie
entsetzt wieder herein und rettete sich in die Kreise. Die Welt geht unter, schrie
er bleich und mit den Zähnen klappernd, die Gewitter ziehn fort, aber alles ist in
der stillen Nacht Entsetzen und Graus, jedes Geschöpf hat sich in das innerste
Gemach und die Kissen des Bettes geflüchtet, um der Angst zu entweichen.
Der Alte erhob vom Boden ein todtenbleiches Antlitz, und verzerrt und
unkenntlich schrie er mit fremdem Laute: Schweig, Unglückseliger, und störe
das Werk nicht. Gieb Acht, und behalte Deine Sinne. Das Größte ist noch
zurück.
Mit einer Stimme, als wollte er seine Brust zersprengen, las und beschwor er
wieder, der Athem schien ihm oft zu fehlen, es war, als müsse die ungeheure
Anstrengung ihn tödten. Da hörte man plötzlich Stimmen durcheinander, wie im
Streit, dann wie Gespräch, sie flüsterten, sie tobten und lachten, Gesang ertönte,
und verworrener Klang von wundersamen Instrumenten. Alle Geräthe wurden
lebendig und schritten vor und gingen wieder zurück, und aus den Wänden in
allen Gemächern quollen Wesen aller Art, Gethier und Ungeheuer und
abentheuerliche Fratzen im buntesten Gewirre.
Herr! schrie Beresynth, das Haus wird zu enge! Wohin mit allen diesen
Geistern? Einer muß den andern fressen. O weh! o weh! Immer greulicher,
immer toller wickelt sich einer aus dem andern: ich verliere den Verstand! Und
diese Musik dazu, dies Gellen und Pfeifen, Gelächter dazwischen, und rührende
Klagegesänge. Seht, Herr! seht! die Wände, die Zimmer dehnen sich aus: alles
wird zu unermeßlichen Sälen, zu hohen Gewölben, und noch schießen die
Creaturen hervor, und vermehren sich mit dem wachsenden Raume. Könnt Ihr
nicht rathen, könnt Ihr nicht helfen?
Ganz ermattet erhob sich jetzt Pietro, er war verwandelt und wie sterbend.
Schau noch einmal hinaus, sprach er leise, wende Dein Auge nach dem Dom,
und berichte mir, was Du siehst.
Ich trete dem Gesindel hier auf den Kopf, schrie der verwirrte Beresynth, sie
winden sich spielend wie die Schlangen um mich her, und lachen höhnisch über
mich. Sind es Geister? sind es Kobolde oder leere Phantome? Ei was! wenn ihr
nicht aus dem Wege gehn wollt, so trete ich euch in die grünlichen und blauen
Schnauzen hinein! Jeder ist sich selbst der Nächste. Er polterte murrend hinaus.
Jetzt ward es still, und Pietro stand auf. Er winkte, und alle jene
Wundergestalten, die sich am Boden gekrümmt, die sich in der Luft
durcheinander gewunden hatten, verschwanden wieder. Er trocknete Schweiß
und Thränen ab und holte freier Athem. Sein Diener kam zurück und sagte:
Herr! alles ist ruhig und gut, aber lichte Gebilde zogen mir vorüber und verschwanden in den dunklen Himmel hinein: darauf, wie ich unverwandt nach
dem Dom hinschaue, ertönt ein gewaltiger Klang, wie wenn alle Saiten einer
Harfe zugleich rissen, und ein Schlag geschah, daß die Straße und alle Häuser
zitterten. So riß sich dann die große Thür der Kirche auf, Flöten erklangen süß
und lieblich, und eine sanfte lichte Klarheit ergoß sich aus dem Innern der
Kirche. Gleich darauf trat ein weibliches Gebild in den Schein, blaß, aber
glänzend, mit Blumenkronen geschmückt, sie schwebte aus dem Thor und
Lichtstrahlen bereiteten ihr eine Straße, auf welcher sie wandeln sollte. Das
Haupt gerade, die Hände gefaltet, so schwebt sie heran, auf unsre Wohnung zu.
Ist es denn diese, auf welche Ihr gewartet habt?
Nimm den goldnen Schlüssel, antwortete Pietro, und eröffne mit ihm das
innerste kostbarste Gemach meines Hauses. Die Purpurdecke ist ausgebreitet,
die Wohlgerüche duften. Dann fort und lege Dich nieder. Forsche nicht weiter
nach, was geschieht. Sei gehorsam und verschwiegen, wenn Du Dein Leben
achtest.
Kenne ich Euch doch, antwortete der Zwerg und entfernte sich mit dem
Schlüssel, indem er noch einmal wie einen schadenfrohen Blick zurück warf.
Indem kam ein liebliches Gesäusel näher, Pietro ging nach dem Vorsaal, und
herein schwebte die blasse Leichengestalt der Crescentia, in ihrem
Todtenschmucke, das Crucifix noch in den gefaltenen Händen haltend. Er stand
vor ihr, sie schlug die großen Augen auf und schauderte in lebhafter Bewegung
vor ihm zurück, so daß vom schüttelnden Haupte die Blumenkränze
niedersanken. Stumm bog er die festgeschlossenen Hände auseinander, in der
linken aber behielt sie das Kreuz fest eingeklemmt. An der rechten Hand führte
er sie durch seine Gemächer, und sie ging neben ihm, starr und ohne
Theilnahme, ohne sich umzusehn.
Das fernste Gemach empfing sie. Purpur und Gold, Seide und Sammet
schmückten es kostbar aus. Durch die schweren Vorhänge schimmerte am Tage
das Licht nur matt herein. Er deutete hin auf das Lager, und die Bewußtlose,
wunderbar Belebte senkte und neigte sich wie eine Lilienblume, die der Wind
bewegt, sie fiel auf die rothen Decken und athmete schmerzlich. Aus einem
goldnen Fläschchen goß der Alte eine kostbare Essenz in eine kleine Schale von
Kristall und legte ihr diese an den Mund. Die blassen Lippen schlürften den
wunderbaren Trank, sie schlug noch einmal das Auge auf, betrachtete ihren
vormaligen Freund, wandte sich mit dem Ausdruck des Abscheues um, und fiel
in einen tiefen Schlaf.
Sorgfältig verschloß der Alte wieder das Gemach. Alles im Hause war ruhig.
Er begab sich auf sein Zimmer, um unter seinen Büchern und Zaubergeräthen
den Aufgang der Sonne und die Geschäfte des Tages zu erwarten.
———
Als der unglückliche Jüngling Antonio geruht hatte, ritt der Podesta am
folgenden Tage mit ihm und einem großen bewaffneten Gefolge aus, um jene
Hütte, die häßliche Alte und die Räuber aufzusuchen und zu fangen. Nach der
Erzählung Antonio’s war der trostlose Vater sehr begierig geworden, jenes
Mädchen zu sehn, welches seiner verstorbenen Tochter so ähnlich seyn sollte.
Kann es seyn, sagte der Alte unterwegs, daß ein Traum, dem ich mich nur zu oft