Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Walther an seinen Freund.
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Würzburg, den 11. Julius 1803.
Ich schreibe Dir sogleich noch einmal nach meinem kaum abgegangenen Briefe,
denn das ist das Mittel, mich zu zerstreuen und zugleich zu sammeln. Ich kann
mit meiner Umgebung nicht Das sprechen, was mich am meisten interessirt, und
so unterhalte ich mich mit Dir.
Hier in der Stadt ist unser Ferdinand in seinem Element. Es ist wahr, ich habe
noch niemals eine so feierliche Messe erlebt, als die war, die gestern im Dom
uns Alle bewegte; an neun Altären war zugleich Gottesdienst, eine Prozession
der Domherren, die in schöner malerischer Tracht waren, ergötzte das Auge.
Die Stadt wimmelt von Fremden, Alles drängt sich, denn es ist zugleich der
größte Jahrmarkt. Das Schloß in der Stadt ist prächtig und wohl eins der größten
in Europa. Ein wunderliches, knitterndes Echo ist unten vor der Treppe, an dem
wir uns Alle wie die Kinder erlustigten. Heut Nachmittag trieben wir uns wieder
im Jahrmarktsgedränge um, welches vorzüglich in einer fremden Stadt etwas
Bezauberndes hat. Vor dem Thore ging ein uralter Capuziner von sehr
ehrwürdiger Gestalt, dem kleine Mädchen im Vorübergehen mit Ehrerbietung die
Hand küßten. Diese seltene Ruine einer ehemaligen Zeit verfolgte unser
Ferdinand lange mit seinen sehnsüchtigen Blicken, und es schien der Wunsch in
seinen gerührten Augen zu liegen, daß er gern an die Stelle der unmündigen
Mädchen getreten wäre.
In einer frohen Jahrmarktstimmung traten wir in eine hohe hölzerne Bude, in
welcher eine Art von Caroussel mit einer russischen Schaukel vereinigt war.
Indem die schwebenden Sitze auf und nieder gingen, stach ein Jeder der
Sitzenden mit einer Lanze nach einem Ringe. Der Besitzer und Erfinder dieser
schwebenden Kunstanstalt erklärte uns mit vieler Genügsamkeit die Herrlichkeit
seiner neuen Erfindung. Steigen Sie ein, rief er, und wenn Sie gleich nur Dreie
sind, so werden Sie doch das Kunstwerk genießen können, denn darauf bilde ich
mir am meisten ein, daß ich es so eingerichtet habe, daß der angefüllte schwere
Sitz niemals den leichten, ihm gegenüberstehenden durch seine Last niederzieht,
wie dies an den ordinairen einfältigen russischen Schaukeln der Fall ist, wo die
unwissenden Menschen sich alsdann mit eingelegten Steinen zu helfen suchen,
wenn ein Sitz ledig bleibt. Wie die Kinder ließen wir uns bereden
hineinzusteigen. Die Maschine ging sehr hoch und ein Nervenschwacher hätte wohl Schwindel empfinden können. So stiegen wir auf und ab und stachen mit
mehr oder minder Glück die Ringe ab.
Plötzlich entsteht draußen ein lautes Geschrei. Die Thür der Bude wird
aufgerissen, und ein wunderschöner Lockenkopf, das Antlitz eines himmlischen
Mädchens blickt wie ein Blitz auf einen Augenblick in die Narrenbude. Sie
schreit auf, so wie sie uns da schweben sieht, und Maschinka kreischt einer; ob
Ferdinand, ob Wachtel, ob der Herr des Kunststückes, das konnte ich nicht
unterscheiden, der Maschinendreher war es nicht, denn dieser orgelte noch einen
Augenblick an seinen Kunsträdern. Das Mädchen ist verschwunden und
Ferdinand, der unten schwebt, springt aus seinem Käfig, der Eigenthümer des
Kunstwerkes ihm schreiend nach, dies erschreckt den subalternen Drehkünstler,
er rennt auch hinaus, und Wachtel kann eben noch vom Einfluß der Bewegung
so viel genießen, daß er im Herabschweben seinen Sitz verläßt, ebenfalls
hinausläuft und die Thür der Bude hinter sich zuschlägt.
Aber ich — ich nun oben, auf dem höchsten Punkte, in meiner
Schwebekutsche sitzend, hatte nun Zeit und Gelegenheit, das Schicksal und die
zu künstliche Einrichtung der verfluchten Maschine zu verwünschen! O wie sehr
hätte ich sie gelobt und verehrt, wenn ich durch eigne Schwere jetzt
herabgesunken wäre, um auch das Freie zu suchen und jenem Mädchen
nachzulaufen. Ich sah mich in meiner obern Sternregion um, ob ich nicht
aussteigen und die vierzig oder funfzig Fuß hinunterklettern könne. Aber es war
ganz unmöglich. Durch die eine Ritze konnte ich etwas von Stadt und Feld
erblicken, aber in der entgegengesetzten Richtung, in welcher sich jene
Erscheinung gezeigt hatte.
Endlich, es mochte wenigstens eine halbe Stunde verflossen seyn, zeigte sich
der Besitzer des Kunstwerkes wieder; er schien mich vergessen zu haben und
war sehr erfreut, mich dort oben noch, wie den Sokrates in seinem Studienkorbe,
wiederzufinden. Er schrob und orgelte mich durch seinen Kunstorganismus
herab und ging auf meine Fragen über die Erscheinung jenes Mädchens gar nicht
ein. Er hatte sie nicht gesehn und war in der Meinung, es sei ein großer
Volksaufruhr, hinausgelaufen.
Wichtiger war ihm die Verhandlung um die Bezahlung. In der Einsamkeit, und
da er meine Eil sah, machte er eine ungeheure Rechnung. Ich begriff sie zwar
nicht, wollte mich aber zur Zahlung bequemen. Da wir die gemeinsame Casse an
diesem Tage unsern Wachtel führen ließen, fehlte es mir an baarem Gelde. Ich
mußte meine goldne Uhr zum Pfande lassen, die ich erst am späten Abend
wieder einlöste.
So wie die kleinen Schulknaben hatte ich ein Abentheuer bestanden und
wollte bei meinen Reisegefährten Rath und Trost suchen. Ferdinand behauptete, das Schaukeln habe ihm Schwindel erregt und so sei er entsprungen, um
zugleich den Volksauflauf zu sehn. Dieser sei schnell geendigt gewesen und er
habe die Uebelkeit seitdem im Bett verschlafen. Wachtel meinte, ein großes
Spektakel sei hinter einem Kapuziner heraufgekommen; dieses Schauspiel habe
er genießen wollen. — Ich erfuhr nichts und so stehn unsre Angelegenheiten.
———
Walther hatte jetzt seine Pläne aufgegeben und überließ sich nun ganz dem
Zufalle, ob er durch diesen auf die Spur seines Feindes oder jenes schönen
Mädchens gerathen würde. Ferdinand und Wachtel waren ihm in der kurzen Zeit
ihrer Bekanntschaft schon unentbehrlich geworden, und so lud sie die schöne
Jahreszeit, die Muße, die Lust umherzuschwärmen, ein, noch einige schöne
Gegenden Deutschlands zu besuchen. Ferdinand war seit einiger Zeit viel
sinnender und finsterer geworden; Walther hatte bemerkt, daß er Briefe erhielt,
die er sorgfältig verbarg und die ihn verstimmten. Zuweilen fiel es Walther ein,
er könne mit Ferdinand über seine Trauer sprechen, er dürfe es wohl mit
Empfindlichkeit rügen, daß er daraus, was ihn so betrübe, dem Freunde ein
Geheimniß mache; doch bedachte er dann, daß er selbst ja eben so gegen
Ferdinand verfahre und von der Absicht seines Ritterzuges gegen diesen nichts
verlauten lasse.
Die Freunde nahmen von Würzburg aus den Weg nach dem Spessart und
erfreuten sich dieses Waldgebirges und der herrlichen Aussichten, die sich ihnen
links und rechts in die Unermeßlichkeit der frischen Wälder darboten. In
Aschaffenburg hielten sie sich nicht auf, sondern begaben sich nach Darmstadt,
um über die schöne und altberühmte Bergstraße nach Heidelberg zu gehn. Die
Nacht, welche sie überraschte, verweilten sie in Heppenheim, und Walther und
Ferdinand stiegen zur Ruine, der Starkenburg, hinauf, und erfreuten sich in der
anbrechenden Dämmerung der Aussicht auf den Rhein, an welchem sie Worms,
Speyer und das ferne Manheim sahen. Die Aussicht in den Odenwald auf der
andern Seite war noch schöner, die wundervolle Einsamkeit, die schönen
Formen der Berge, welche alle dicht mit Wäldern bewachsen sind, erhoben das
Gemüth der Freunde zu edeln Gefühlen.
Wachtel, der den steilen Aufgang zur Ruine fürchtete, war im Gasthofe
zurückgeblieben, und schrieb indessen seiner Frau nach Guben folgenden Brief:
Heppenheim, den 13. Julius 1803.
Liebes Weib, ich muß Dir doch auch einmal schreiben, damit Du nicht auf die Meinung geräthst, ich sei gar verloren gegangen oder, wie der Ausrufer in
Teplitz sich ausdrückt, in den Verlust gerathen, was im Grunde besser ist, als
jener hochdeutsche Ausdruck.
Du kennst aber schon meine Art und Weise, daß ich gern praktisch, deutlich,
einfach schreibe und mich nicht mit Gefühl und Schwärmerei befasse. Des
Handelns, Schaffens ist so viel in der Welt, daß ein rechtlicher Mann zum
Schwärmen, zur Mystik oder dem übertrieben feinen Denken keine Zeit behält.
Wie nüchtern und gefaßt ich aus Guben mit dem frühesten ausreisete, wird Dir
wohl noch erinnerlich seyn. Meinen Ferdinand traf ich nebst einem gewissen
Walther, einem halb polnischen Menschen, im unmittelbaren Himmelreich einer
Rafaelischen Entzückung. Ich war eben nicht zum Umgang mit Engeln
aufgelegt, denn ich hatte noch den Reisestaub an den Füßen. Wenn man
überhaupt gewohnt ist, in der großen Welt zu leben, wie wir in Guben es sind, so
wird einem jegliche Kleinstädterei verhaßt. Ich versichere Dich, die ganze
Bergstadt hier, von der soviel gesprochen wird, ist im Wesentlichen in Nichts
von unserm gewöhnlichen Spaziergang bei Guben verschieden, außer daß hier
die ziemlich hohen Berge sind, wo wir dort den hölzernen Zaun haben und auf
der andern Seite die Fichtenschonung. Was ist denn nun die Dresdner Brücke so
Großes? Ich habe immer an unsre hölzerne denken müssen. Diese ist nicht so
lang, aber man sieht doch auch rechts und links recht hübsche Kiefern in der
Ferne, und Brombeerngesträuch und etwas Sand. So ein Badaud oder Plat pied
aus irgend einer großen Stadt spricht immer, wenn er unser Guben nicht gesehn
hat, vom Pariser Louvre, oder dem Straßburger Münster, wohl gar von der
London-Brücke oder dem Wasserfall von Niagara. Sollen sich da deutsche
Herzen nicht empören? Als wenn unsre romantische Tümpel, die Haideflecke
bei Lübben und Luckau, unsre Sandpartien nach der Oder zu, der hübsche
Sumpf eine Viertelmeile von uns, so gar nichts wären!
So kamen wir denn also auf den Nollendorfer Berg. Es war so dicker Nebel,
daß ich mich gleich von meinen Kameraden verlor und in eine Wolke, wie in
einen großen Wollsack gerieth. Ich trat mit meinen Reisestiefeln auf die Flocken
und ging hübsch darauf spazieren; und es geht sich schnell, sodaß, ich weiß nicht
wie weit, ich schon in die böhmischen Dörfer hineingerieth, ohne allen Weg und
ohne Straße. Herrliche Anstalt, gleich diesen dicken Nebel, wie die Wolke der
Bundeslade, zwischen Sachsen und Böhmen oder zwischen Deutschland und
Oestreich zu stellen. Tausend, wie marschirte ich nun fort! Statistisch-
ökonomisch-politisch-historische Bemerkung für meine hydraulisch-
aphoristische künftige Reisebeschreibung der spanischen Schlösser und
böhmischen Dörfer: — Ich fand nehmlich, daß Angestellte (Beamte, die oft
durchfallend sind, aber selbst niemals umfallen) auf eine auffallende Weise die besten und kräftigsten Stücke des Nebels auf Flaschen zogen, wie es wohl auch
bei den Gesundbrunnen geschieht. Schäumt die unnütze Kraft ab, so wird ein
hübsches Getränk und magenstärkender Saft aus dem leichten Dinge, welches
dann Professoren und Schüler, Geistliche und Denker, feinfühlende Autoren, die
gern scherzando schreiben, und billige Staatsmänner wie altherkömmliche
Gesetzkünstler und Fabrikanten gern genießen und sich einander mittheilen.
Trifft es nicht richtig ein, daß Nebel rückwärts gelesen Leben heißt, und Leben
Nebel? Eins ist die Quadratwurzel vom andern. Darauf sollten unsre Denker
mehr lossteuern. Siehe, mein Kind: — wenn ich zu Einem sage, der noch nicht
reif ist und es gern werden möchte: Lese! so sieht das wie ein guter, verständiger
Rath aus. Hat er aber tiefern Sinn und buchstabirt rückwärts, so merkt er im
stillen Gemüthe wohl, daß ich ihn nur einen Esel gescholten habe. O es ist ein
unergründlicher Tiefsinn in diesen Betrachtungen. Nicht wahr, es giebt
Mülleresel, wilde Esel, Esel zu Spazierritten u. s. w. — aber der völlig
unvertilgbare, von vorn wie hinten sich immer gleich bleibende ist der von mir
entdeckte Lese-Esel. Auch wenn ich imperativisch oder imperatorisch sage:
Esel, lese! bleibt er sich gleich, doch gefällt obige Thierart in der Bezeichnung
besser, denn es stempelt sich darin jenes ewig unermüdliche Geschöpf, jene
unverwüstbare Creatur, die wir hinter Ladentischen, auf Caffeehäusern, unter
den lieben Zeitungen und allerliebsten Journalen, Tagesblättern, Broschüren,
Libellen (nicht den Insekten), Romanen und dergleichen sitzen sehn und
schlingen — mit einem Wort, den in unserm Jahrhundert ausgebildeten Leseesel.
Die vergleichende Anatomie sollte sich nur seiner bemächtigen und Gall seinen
Schädel untersuchen. Wie in Afrika oder Indien jene wandernden Ameisenheere
oft unsäglichen Schaden anrichten und Verderben verbreiten, so fürchte ich für
Europa und noch mehr für unser Deutschland die traurigsten Verheerungen von
der Vermehrung und dem Ueberhandnehmen dieses Lese-Esels. Wie er denn nun
von vorn oder hinten immerdar ein Leseesel bleibt, so sprach ich neulich schon
mit einem denkenden Medicus über den Fall, ob das Thier nicht wirklich die
Qualität noch erhalten könne und würde, auch von hinten, mit dem Sitztheile,
sowie vorne mit seinen Augen zu lesen. Der Philosoph approbirte sehr meine
Hypothese und meinte, das Monstrose sei immerdar nicht den gewöhnlichen
Naturgesetzen unterworfen. Und wirklich, wie ich wieder die sogenannte
Ressource besuchte, wo ich die beste Sorte und die qualificirtesten dieser
Leseesel zu finden gewohnt war, bemerkte ich zu meinem Erstaunen, daß
diejenigen, die in der Entwicklung am meisten vorgeschritten waren, unruhig auf
ihren gepolsterten Bänken beim aufmerksamen Lesen hin und wieder ruschten,
sich bald stärker auf das Polster drückten, bald lüfteten, bald sich rechts, bald
links hin bewegten, als wenn sie ein besseres Licht erstrebten. Ich sah aber deutlich, daß ihnen oben nichts fehlte, ihr Fundament aber einen Mangel
verspürte. Der Vorsteher dieser Ressourcen-Anstalt oder dieses Casino-Wesens
ist ein denkender Mann; ich nahm ihn beiseit in ein Nebenzimmer, von wo man
durch Glasthüren Alles im Saal beobachten kann, und machte ihn auf jenes
bedenkliche Hin- und Herrutschen aufmerksam. „Wollen Sie denn nicht, suchte
ich ihn zu persuadiren, vielleicht morgen den Versuch machen und einige gute
lesbare Journale, oder einige scharfe Schriften gegen die Regierung über jene
Polster spannen lassen, um zu sehn, ob meine Vermuthung sich bestätigt?“ „Wie,
Herr, fuhr mich der Mann an, indem er mich mit seinen großen Augen
betrachtete: was fabeln Sie mir da von einer neuentdeckten Thierart? Es sind
lauter würdige Herren und ausgezeichnete Männer, die das Beste des Landes und
der Welt im Auge behalten. Sie rutschen heute übermäßig, das ist wahr, das kann
aber auch vom Denken oder vom bewegten Gemüthe herrühren. Auf keinen Fall
aber dürfte ich es gestatten, wenn Sie auch wirklich Recht hätten, daß alle diese
Mitglieder in Naturalibus da säßen, um zwei Zeitungen zu gleicher Zeit lesen zu
können.“ „O Sie kurzsichtiger Mann! rief ich aus; brauchen Sie denn nicht selbst
Brillengläser? Sieht man nicht durch einen Flor und Sieb? Und so würden sich
die Beingewande gestalten; Fabrikherren würden mit scharfem Blick die Zeuge
entdecken und verfertigen, durch welche sich am besten lesen ließe; neuer Flor
des Gewerbes, frische Aufmunterung zur Arbeit und Speculation.“
So stand die Sache vor meiner Abreise, ehe ich in das Nebelleben oder den
Leben-Nebel gerieth. Wie ich zu meinen Reisengefährten wieder zurück kam,
weiß ich selbst nicht, wie aber in der Nacht der Camin so gar gewaltig rauchte,
war ich wieder bei ihnen und bei mir. Aus dem soliden Nebel gerieth ich aber in
eine noch wolligere und flockenreichere Väterlichkeit und Mutterempfindung
mit Zwillingen und Drillingen u. s. w. Was aber merkwürdiger ist, als solche
Lappalien, ist, daß man unter feierlichem Schießen Carlsbad noch höher als
Teplitz gestellt hat, es noch drüber hinauf gesetzt; so kommt die Meeresfläche
immer tiefer, und da das Meer außerdem schon abnimmt, so wird es kein
Wunder seyn, wenn wir ganz auf das Trockne gerathen. Bei den Heiling-Felsen
sind Braut und Bräutigam, Priester und Brautjungfern in Stein verwandelt, ich
habe sie selber stehn sehn. Daß die Leute nach der Hochzeit recht ledern und
hölzern werden, erleben wir alle Tage, es ist kein großes Wunder, daß diese
damals, in einem noch unaufgeklärten Jahrhundert, das Prävenire gespielt haben,
um in jenem beliebten Stein der Hölzernheit zu entgehen.
Aber in den herrlichen Gegenden habe ich etwas sehr Wichtiges, und wovon
ich noch keine Erfahrung hatte, kennen gelernt. Immer habe ich es geglaubt und
Dir gepredigt, daß Adam und Eva vor ihrem Falle nicht so körperliche grobe
Speisen genossen, wie wir jetzt mit den thierischen Zähnen sie zerbeißen und zermalmen, sondern daß sie die geistigen Essenzen, die unsichtbare Kraft der
schönsten Gewächse und der himmlischen Kräfte einsogen. Wie einem
denkenden Forscher nun wohl wird, wenn sich ihm eine solche mystische
Ueberzeugung durch unumstößlichen Beweis vergegenwärtigt, ist mit Worten
nicht auszusprechen. Sie nennen’s in ihrer sterblichen Unbeholfenheit einen
rothen Ungarwein, und mit anmaßendem Kunstausdruck die Mennische Essenz.
Wer aber die wahre Sprache kennt und den Urtext versteht, sieht durch den grob
ersonnenen philologischen Kniff, und erkennt aus der echten Etymologie, daß
Adam es damals auf seinem höhern kritischen Standpunkt die Menschen-Essenz
nannte; und das ist sie denn auch, und mein Forschen und Ergründen dieser
Materie gereut mich so wenig, daß binnen kurzem mehrere Flaschen von diesem
Liquor, dieser Essenz, bei Dir in Guben eintreffen werden, die ich wohl
aufzubewahren Dich bitte. Wie sehr es Sünde war, vom Baum der Erkenntniß zu
naschen, darin, wie in allen meinen religiösen Ueberzeugungen, hat mich diese
Wunder-Essenz von neuem gekräftigt. Denn wie man sie nur ein Weilchen
genossen hat, und sie wieder schmeckt, und von neuem versucht, führt sie uns
bald in jenes selige Land, wo alle Kenntniß aufhört und verschwindet, wo das
trockne, kümmerliche Bewußtsein immer mehr verdämmert und verdunstet, um,
wenigstens auf einige Zeit, den sündhaften Zustand der Erkenntniß des Guten
und Bösen abzuschütteln. Nein, dieser Gegensatz hört dann auf, und man lebt
einzig und allein im Guten, in dieser Menschen-Essenz. O wie neidisch meine
Freunde waren, daß ich diese Entdeckung gemacht hatte, die unsrer ganzen
Weltgeschichte eine andre Richtung geben kann. Uebrigens liegen im
Hochheimer und Johannisberger auch ganz respektable Richtungen verborgen,
und eben jetzt steht eine Flasche vom letzteren neben mir, aus welcher ich Deine
Gesundheit trinke.
Unser Weg muß sonderbarer Weise vor Prag vorbeigegangen seyn, denn die
Straße führt nicht durch, und doch soll Prag die Hauptstadt von ganz Böhmen
seyn. Wir sind wenigstens durch Franken gekommen. Endlich aber ist doch
unser Kotzebue anerkannt, und es hat sich erwiesen, daß er alle Alten und Neuen
übertrifft; man sollte ihn aber zum Patentdichter machen, daß kein andrer, so
lange er lebte, Theaterstücke schreiben dürfte.
In Würzburg in der würzhaften Landschaft haben wir im Wirthshause mit
vieler Anmuth gewohnt, denn in Bamberg hatten sie einen ambulanten
Gottesdienst und cassirten mit vielem Spektakel die silbernen Sachen von Werth
ein, weshalb es uns dort nicht gefiel, so alt auch der Dom seyn mag. Wir haben
auch auf der Stelle gestanden, wo Otto von Wittelsbach den Kaiser Philipp
ermordet hat. Die Ruine gehört einem berühmten jüdischen Arzt, welcher mit
aller Gewalt unsern Freund Walther trepaniren wollte. Er ist aber bis dato noch nicht rasend, und erhielt eine Ehrenerklärung. Nur kaufen will dieser neugierige
Mann vielerlei, und er kann es, weil er reich genug zu seyn scheint. Bei der
Treppe im fürstlichen Schloß zu Würzburg ist ein kurioses vielfaches Echo, das
hat er richtig erstanden, um es bei sich zu Hause, in seinem Garten anzubringen.
Man war dabei, es sehr vorsichtig einzupacken. Das Auspacken an Ort und
Stelle aber muß mit noch größerer Circumspection geschehen. Denn die Sache
ist fast, nur im Großen, wie mit einer Champagnerflasche. Das Ding darf nicht in
alle Lüfte verflattern, wo es keinem Menschen zum Gewinn ist. Im Garten muß
es an der rechten Wand sehr künstlich eingefugt und eingeleimt werden, damit es
richtig antwortet und nicht auf Schwarz Weiß, auf Ja ein Nein spricht. Herr
Walther will sich dann einen tüchtigen Mann vom Amt kommen lassen, der mit
Echos umzugehen weiß, und selbst nur ein Widerhall seines gnädigen Herrn ist,
der soll ihm das Ding pfropfen oder inokuliren, damit es noch öfter und lauter
jede Anrede nachspricht. Ein in Ruhestand versetzter Geheimer Rath braucht
sein Echo nicht mehr in der Sitzung abzugeben, und dieser, hofft Walther, wird
ihm dieses für ein Billiges ablassen. Denn das ist auch zu observiren, daß das
Echo, wenn es nun wieder gelüftet wird, nicht dem Freunde Walther oder einem
andern würdigen Manne in den Hals fährt. Davon hat man schon merkwürdige
und traurige Beispiele. Der Minister in — (ja da um die Ecke, rechts oder links
von uns, Du brauchst es eben nicht so genau zu wissen) war der beste Kopf im
Lande, nur widersprach er dem regierenden Herrn immerdar. Plötzlich (und die
gewöhnlichen Menschen meinen, es sei durch eine Gehaltsverdopplung bewirkt,
was aber die Erscheinung weder psychologisch noch physiologisch erklären
würde) spricht er wörtlich und buchstäblich Alles so, wie sein Landesvater. Zur
Erheiterung war dieser große Kopf in ein Bad gereiset, in dessen Nähe sich ein
ganz vorzügliches Echo aufhielt. Der Minister spielt mit dem Dinge, wie mit
einem jungen Kätzchen, frägt, läßt antworten, schreit und singt, um das Wesen
recht von allen Seiten kennen zu lernen; darüber wird er müde, er gähnt, ohne
die Hand vor den Mund zu halten, und die boshafte Creatur benutzt den Moment
und springt ihm in den Hals hinein. Nun kann er es nicht loswerden, so sehr er
Medicin braucht. Im Bade ist das Echo seitdem fort. Die Dummen behaupten,
weil die Bergleute eine vorlaufende Felsenwand weggesprengt haben. Nein, auf
eben beschriebene Art sind sehr viele dieser Echoisten entstanden, die der
gemeine Mann zu oft mit den Egoisten verwechselt, die freilich auch manchmal
nahe an einander grenzen, wie die Buchstaben g und h.
Unser Walther hat neulich etwas gethan, wovon alle Philosophen und Denker
immerdar ausgesagt haben, es sei unmöglich. Er schwang sich nehmlich auf dem
Rade der Fortuna um, und es gelang ihm, oben auf dem Gipfel wenigstens eine
halbe Stunde lang ungestört zu verharren. Er hätte also den Nagel oben einschlagen können, wenn er nicht selbst vernagelt gewesen wäre, denn er
fluchte und wetterte, um nur wieder hinabzugelangen. Ein wunderliches
Frauenzimmer, vielleicht die Fortuna selbst, sah ihn dort oben thronen und
lachte, wie es mir schien. Ich konnte sie aber nicht erhaschen. Man schrie ihr
Maschinka nach. Hieß nicht die geheimnißvolle Unbekannte so, die bei uns
logirte? Mir schien auch, aber ungewisser Schein nur, als sähe sie jener
Flüchtigen ähnlich. Aber mein Studium und der Genuß der himmlischen
Essenzen macht, daß ich mich solcher irdischen Dinge nur sehr dunkel erinnere
und keine Rechenschaft davon geben kann. Wenn sie es war, ist sie mir und den
Uebrigen wieder entlaufen, ob wir gleich alle hinter ihr drein waren. Walther, der
Herabgestiegene, auch. Fortuna aber oder Maschinka war verschwunden.
———
Die Beiden kamen spät von der Starkenburg zurück, und indem sie in das
Zimmer traten, hörten sie, wie Wachtel sich selber den letzten Theil und
Beschluß seines Briefes vorlas. Walther fuhr auf ihn zu und fragte: was war das
für eine Dame, die jener in Würzburg ähnlich war? Auch Ferdinand setzte ihm
leidenschaftlich mit Reden zu; doch Wachtel, der jetzt seine Flasche
Johannisberger völlig geleert hatte, sagte: Meine Herren und Freunde, ich habe
da einen häuslichen vertraulichen Brief an meine Gattin geschrieben, welcher
nichts, als Familienverhältnisse und Versicherungen meiner Liebe enthält, diesen
kann ich Euch also unmöglich mittheilen; die letzte Anspielung, die Ihr zufällig
vernommen habt, ist nichts weiter als die Beziehung auf eine Sache, die ich
selber nicht verstehe und das Wenige, was ich davon wußte, seitdem völlig
vergessen habe. Ich war, als jenes Frauenzimmer schnell in unser Zimmer dort in
Guben trat, eben in Gedanken und Studien versenkt; kurzum, sie hatte einen
Brief an meine Frau, den ich damals nicht lesen konnte oder wollte, und ein alter
Mann begleitete sie, von dem es unentwickelt vor mir liegt, ob er ein Herr oder
ein Bedienter war. Kurz, mit einem Wort, sie bewohnte ein Zimmer, als ich
schon schlief. Sie kam mir hübsch vor, und nachher, als ich sie wiedersah,
konnte ich mich nicht bestimmt erinnern, ob es noch dieselbe oder eine andre
war. Diese zweite war aber noch schöner. Vielleicht hatte sie aber die Frische des
Morgens so gefärbt. Nun fragte ich wieder nach ihr, und sie war schon abgereist,
und da es mich nichts anging, schlug ich es mir aus dem Sinn, und so vergaß ich
es, und so reiste ich nach Dresden ab, und so sind wir nun hieher gerathen, und
das Briefschreiben hat mich angegriffen, und der Johannisberger hat mich
gestärkt, und das ist Alles, was ich von der Sache weiß.
Daß mich die Sache interessirt, sagte Walther, darüber könnte ich meine Gründe angeben; aber warum Sie, Ferdinand, so neugierig sind, begreife ich
nicht.
Ich weiß selbst nicht, antwortete dieser, weshalb ich mich darnach erkundige;
man macht seinen Freunden in der Regel Alles nach, weil sie nach einiger Zeit
ein gemeinsames Interesse verknüpft. Und, gestehe ich es nur, in jener Nacht, als
wir in Guben waren, hörte ich durch die offenstehenden Fenster der untern
Zimmer meinen Freund Wachtel schon mit seiner Frau von dieser Dame reden,
ich war schon damals neugierig, aber mein Freund Wachtel war in einem so
bedenklichen Zustande, daß ich mich ihm nicht zu erkennen geben mochte; auch
rückte schon der erste Morgen herauf und unsre Abreise drängte.
Sieh! sieh! sagte Wachtel gähnend, meine confuse Frau hat mir damals eine
noch confusere Geschichte vorgetragen, von einem sehr hübschen Menschen,
den sie hundertmal einen Engel nannte. Sie schien zu meinen, ohne des Engels
Beihülfe, der sich so edel betragen, hätte ich die ganze Nacht draußen im Grase
liegen müssen. Sie machte ein Mährchen draus, wie das von der Martinswand
ist. Und nun entwickelt es sich also, daß Du dieser Engel warst. So
verschwinden bei nur mäßiger Forschung alle Wunder aus der Geschichte.
Nach einer kurzen Ruhe fuhren die Freunde am schönen Morgen weiter, aber
nur langsam, um die Gegend zu genießen. Sie kamen schon früh in Heidelberg
an.
Der Pfarrer Le Pique hatte dem jungen Ferdinand einige Briefe an Freunde
mitgegeben, und so lernte dieser einen rüstigen, geistreichen Mann, Keyser,
welcher Lehrer an der Schule war, kennen. Sie besuchten gemeinschaftlich den
biedern Daub, sowie den herrlichen Creuzer, und in der schönen Umgebung,
unter wissenschaftlichen und heitern Mittheilungen verflossen ihnen die Stunden
und Tage im lieblichsten Wohlbehagen. Auch den trefflichen Pfarrer Abegg
lernten sie in Lohmen kennen, und die muntern Freunde, die Alle noch
jugendlich kräftig waren, durchstreiften das Gebirge und die blühenden
Kastanienwälder, die vielen Bergen hier einen ganz südlichen Charakter geben,
und erkletterten alle irgend zugänglichen Theile des großen Heidelberger
Schlosses.
Mit Keyser ging Ferdinand in einer Nacht nach Zweibrücken hinüber, und
Walther verwunderte sich, daß der Freund ihm aus dieser Wanderschaft ein
Geheimniß gemacht hatte.
Walther, der noch wenig mit Gelehrten und mehr mit dem Adel gelebt hatte,
war höchlich erfreut, in dem Professor Daub die schöne Biederkeit echter
deutscher Natur, und in Creuzer diese Gewandtheit des Geistes, sowie diese edle
Urbanität kennen zu lernen; Abegg’s Milde wirkte wohlthätig und fein auf den
witzigen Streit, der sich manchmal zur Heftigkeit erhob und den besonders der lebhafte Keyser gern veranlaßte. Wenn wahre Gelehrte, die zugleich als echte
und edle Menschen den Ton des Umganges haben, in freundlicher Hingebung
scherzend und ernst durch alle Gänge des Wissens und Forschens wandeln, so
findet sich in dieser Umgebung eine Unterhaltung, die der Menschenkenner und
Weltmann vergebens in den andern Zirkeln der Gesellschaft suchen wird.
Ein schöner Friede schien alle Gelehrte in Heidelberg zu vereinigen und
Ferdinand erzählte viel von einer schönen Zeit, in welcher er vor wenigen Jahren
in Jena in dem Kreise lebte, den Wilhelm und Friedrich Schlegel, Novalis und
Schelling bildeten. Er schilderte diese Wochen als das reichste und üppigste
Geistesbankett, das er jemals schwelgend genossen habe.
Nach einigen Tagen schrieb Ferdinand an eine Freundin, Charlotte von
Birken, nach Berlin.
Heilbronn, den 18. Julius 1803.
Meine theilnehmende Freundin, ich benutze die Nacht, indem meine
Reisegefährten schlafen, um endlich mein Versprechen zu erfüllen und Ihnen
einige Nachrichten von mir mitzutheilen.
Die Spannung, in welcher mich diese unfreiwillige Reise erhält, muß oft der
Entzückung und der Begeisterung weichen, in welche mich die abwechselnden
großen und lieblichen Naturscenen versetzen, an welchen unser schönes
Deutschland so reich ist und die unsre Landsleute immer noch nicht gehörig zu
würdigen wissen.
Von meinen Aussichten, Plänen, meinem künftigen Glück weiß ich Ihnen
noch nichts zu sagen. Alles zieht sich in die Länge, Alles wird fast ungewisser,
als es war. Ein junger Mann in Heidelberg, Keyser, der mein ganzes Herz
gewonnen hat, führte mich nach Zweibrücken zu seiner reizenden und
liebenswürdigen Braut, und hier fand ich denn endlich einen Brief vom Onkel,
der etwas Bestimmteres aussagte, und der, sonderbar genug, mich
wahrscheinlich bald wieder in Ihre Nähe führen wird, da ich bis jetzt glauben
mußte, Basel sei die Richtung, die ich nur nehmen könne, und die Schweiz sei
mein künftiger Aufenthalt. Indessen ist schon viel gewonnen, daß der
einflußreiche angesehene Mann sich zum Vermittler anbietet. Ich mag Ihnen von
manchen Dingen, die mir zugestoßen sind, nichts Näheres mittheilen, weil ich
Alles einem mündlichen Gespräche vorbehalte, man auch nicht wissen kann, wie
ein Brief verunglückt, oder, bei der größten Vorsicht, in die unrechten Hände
geräth.
Von dem schönen Heidelberg aus haben wir eine kleine Fußreise gemacht, um
Neckar-Steinach und die drei Ruinen zu sehen, die dort dicht neben einander liegen. Das eine wüste Schloß war der Aufenthalt des berüchtigten
Lindenschmidt. Ein runder, steiler Hügel, der Dielsberg, macht dort einen
sonderbaren Anblick; hier verließ uns Keyser, der uns begleitet hatte, um nach
Heidelberg zurückzukehren. Wir hatten jetzt einen schönen Weg nach
Hirschhorn, welches am Neckar liegt. Ein altes Schloß und Kloster sind hier, die
uns durch ihre Alterthümlichkeit große Freude machten. Wir nahmen ein Schiff,
und fuhren, von einem Pferde gezogen, den Neckar stromaufwärts. Die Gegend
ist reizend, viele alte Schlösser, die noch ganz in ihrem ehemaligen Zustande
sind, werden bewohnt. In Eberbach war viel Getümmel und ein Aufzug der
Bürger. Nach einigen Stunden jenseits dieses Städtchens verließen wir das Schiff
wieder, um zu Fuß zu wandern. Minneberg und zwei Hügel dort bilden eine
reizende Gegend. Bei Neckar-Els öffnet sich das Thal. Vor der Stadt nahm uns
ein schlechtes Wirthshaus auf und Walther miethete aus Eigensinn ein
sonderbares Fuhrwerk, um sich nur mit keinem Hauderer, der vielleicht auch
nicht vorzüglich gewesen wäre, einzulassen. In den meisten Menschen, selbst
vernünftigen, offenbart sich zuweilen eine falsche Poesie, die sie im Leben selbst
suchen oder unmittelbar in dieses hineintragen wollen. Bei den ganz dummen
Wirthsleuten hatte er auf Erkundigung erfahren, sie hätten einen leichten
Einspänner, der auf zwei Rädern laufe. Vielleicht fielen ihm die italienischen
Sedien oder ein flüchtiges Cabriolet ein; genug, er miethet das Ding, um so mit
uns am folgenden Mittag in Heilbronn anzukommen. Ich entsetzte mich nicht
wenig, als am Morgen das elende Gespann vorfuhr. Was war es? Ein viereckter,
grob geflochtener Korb, der auf zwei hohen Rädern unmittelbar auf der Axe lag.
Man hatte Säcke und Stroh hineingelegt. Ich schlug vor, lieber zu Fuß zu
wandern, aber der boshafte Wachtel hatte seine Freude an diesem Skandal, und
Walther wollte sich kein Dementi geben. Wir klemmten uns, so gut es gehn
wollte, in den verwünschten Korb hinein, und ein blödsinniger Knecht
unternahm es, uns mit einem steifen Gaul so in Heilbronn im Triumph
aufzuführen. Zwei Stunden von dort liegt der Hornberg, welchen Götz von
Berlichingen von Conrad Schott kaufte und wo er den größten Theil seines
Lebens hauste. Der steile Berg ist auf zwei Seiten mit Wein bebaut, von oben hat
man die Aussicht über das offene Neckarthal und über die gegenüber liegenden
niedrigern Felsen. Auf der Hinterseite des Berges ist ein enges Thal und ein
herrlicher Wald, der sich bis dicht an die Burg erstreckt. Alles ist oben, auf dem
Wege zur eigentlichen Festung, mit wüstem, verwachsnem Gestrüpp bedeckt.
Aus den Zimmern und Sälen des Schlosses genießt man einer vortrefflichen
Aussicht. Vor kurzem hätte das ganze Haus noch mit wenigen Kosten zum
Bewohnen erhalten werden können, jetzt ist es verfallen und wird nach einigen
Jahren wohl ganz zerstört seyn.
Wir fuhren dann durch ein Städtchen Gudelsheim, das den deutschen Herrn
gehört, und ließen uns nach Wimpfen übersetzen. Vor Heilbronn verließen wir
doch, trotz unsrer Aufklärung, unsern Karrn und zogen zu Fuß in die Stadt ein.
Alles wurde hier zur Huldigung des neuen Herrn eingerichtet, der Altar in der
protestantischen Kirche war abgetragen, recht gut scheinende Gemälde waren,
ihm zu Ehren, neu übermalt und verdorben. Kirche und Thurm gehören zu den
merkwürdigen Gebäuden. Der berühmte wasserreiche Brunnen der Stadt hat
durch eine neue schlechte Balustrade, um die man die alte Einfassung, die besser
war, wegreißen mußte, viel an seinem Wasser verloren. Am Rathhause wurde
eben ein schönes steinernes Geländer weggebrochen, um Latten besser
anbringen zu können, an welchen die Lampen zur Illumination befestigt werden.
Wir besuchten die Orte, die uns von früher Jugend auf durch den Berlichingen
und Göthe’s Werk so merkwürdig sind. Auch den gewundenen Thurm kletterten
wir hinauf und standen oben, neben dem Ritter, wie mich dünkt, dem heiligen
Kilian.
Hätten wir es unterlassen können, nach Weinsberg hinauszufahren? Durch
Bürger’s Romanze ist dieser Ort und die That der Weinsberger Frauen im Munde
alles deutschen Volkes. So manches die Kritik gegen Bürger’s Balladen und
Romanzen mit Recht ausstellen kann, so vorsätzlich er so oft den alten einfachen
Ton, jenes Geheimniß, im Wenigen und im Verschweigen viel zu sagen, worin
Göthe der größte Meister ist, vermied und nicht finden konnte, so bin ich doch
überzeugt, Bürger’s Balladen werden bei uns länger, als die von Schiller leben,
der (in wenigen ausgenommen) noch mehr jene stille Einfachheit verletzt hat.
Um Heilbronn ist eine schöne grüne Natur und wir waren alle mit unserm
Tagewerk zufrieden. Wie schön ist es, in einem Lande zu leben, wo Städte,
Bildwerke, Felsen und Berge auf alte Geschichte, auf große Kaiser und
merkwürdige Begebenheiten hinweisen. Wie herrlich ist in dieser Hinsicht
Deutschland ausgestattet! Mir kommt es fürchterlich vor, in Amerika leben zu
müssen. Und die verschiedenen Epochen der Kaiserherrschaft, des Aufblühens
der Familien, des stets wechselnden Verhältnisses, der großen wie kleinen
Fehden und die mannigfaltigen Gestaltungen und Umwandlungen des
Ritterthums, von der höchsten Bildung und der schwärmenden, poetisch-
fanatischen Verehrung der Frauen bis zum niedrigen, rohen Räuberhandwerk
hinab, alles Dies, glaube ich, hat sich nirgends so wundersam, vielseitig, grell
abstechend gewiesen, als in unserm Deutschland. Unsere unwissenden Autoren,
die diese Gegenstände behandeln, haben sich aber eine gewisse rohe Manier
gebildet, die immer in Zank, Großsprecherei und leeren Worten wiedertönt, ohne
uns auch nur im mindesten ein Bild und anschauliches Gemälde jener Zeiten zu
geben. Andre sehen nur Greuel, Verwilderung und Mord in jenen Tagen der
merkwürdigsten Entwicklung, und bedenken nicht, daß, wenn die Welt so
beschaffen gewesen wäre, wie sie sie verlästern, in kurzem weder Gute noch
Böse, Freie und Knechte würden übrig geblieben seyn.
Wie aber Gefühle absterben, wie der Sinn für das Schönste sich verlieren
kann, muß ich täglich mehr erfahren. Rührt uns schon in Stadt und Feld die
Hinweisung auf Geschichte und belebt und weiht den todten Stein und den Wald,
wie viel mehr jenes Mahnen an die Wunder und die Süßigkeit unserer Religion.
Und diese forttönende Poesie, dieses Erklingen der feierlichen Harfensaiten,
diesen still lebenden und stumm beredten Gottesdienst in der Einsamkeit der
Natur, im Gewühl des Marktes, in Felsgrotten und Wäldern, im Verherrlichen
der Brücken und Ströme finde ich nur noch in den katholischen Provinzen. An
Zoll und Polizei, an Argwohn und Paß, an Aufsicht und Visitation werden wir im
Protestantischen genug erinnert, an die Bedeutung des Christenthums fast
niemals. Ja, jene Wundersagen, jene Bildwerke, Hymnen, Klöster, Mönche,
heilige Jungfrauen, Vorbitten und Schutzheilige sind Gegenstände des Spottes
und Hasses. Und die besten Menschen können sich oft von diesem Aberglauben
gegen den Aberglauben, von dieser Gespensterfurcht, daß der Glaube an
Gespenster wieder kommen könnte, nicht frei erhalten. So konnte es mein neu
erworbener Freund, Keyser, nicht begreifen, wenn ich behauptete, die
Reformation sei zwar eine nothwendige gewesen, sie habe der Welt und
namentlich Deutschland unendliches Heil gebracht; aber viel Schönes, Großes
und Heiliges sei mit Zerstörung des Schlechten zugleich vernichtet worden, und
dies sei es, was der eifrige Protestant nie anerkennen wolle und was die Katholiken selbst nicht zu würdigen wissen. Auch ein schlechtes Bild an der
Landstraße rührt mich, weil es auf jene Geheimnisse hindeutet, die wir nie
vergessen sollen, wenn wir sie gleich auf dem gewöhnlichen Wege niemals
begreifen können. Die Fratzen in manchen Kirchen stören mich so wenig wie die
oft ungelenken Priester; denn auch im unansehnlichen Dornbusch blüht der
Frühling heraus und bewegt mich, als ein Zeichen der allgemeinen Auferstehung
des Lebendigen.
Dies Gefühl des Mitleidens in der höchsten Liebe, daß wir durch
Selbstaufopferung das Opfer der Liebe vergüten möchten, diese schönsten
Gefühle sind es gerade, die die meisten Menschen von sich abweisen oder die
Härteren als unrecht verdammen. So heben sie sich für den Sonntag, für Orgel
und Predigt die feierlichen Empfindungen auf, oder sie schließen einen
verständigen Contrakt mit dem unbegreiflichen Wesen, welches sie Gott nennen,
um gegenseitige Pflichten und Verbindlichkeiten klar im Auge zu behalten. Der
Vers eines Liedes aber, Abends unter einem Crucifix still und andächtig
gesungen, der Blick des betenden Greises auf einsamem Waldplatz zum
leidenden Heiland hinauf, der Kuß, den das Kind auf seinen Rosenkranz drückt,
die Thräne der Mutter, welche auch den Sohn verlor, vor der Mater dolorosa,
sagen mehr, als alle jene kalte Weisheit verkündigen und lehren kann.
Sie kennen ja aber, theure Freundin, meine Gesinnungen über diese
Gegenstände und stimmen mir bei. Ich hoffe Sie bald zu sehn; im Herbst gewiß.
———
Walther war aus andrer Ursache nachdenklich von Weinsberg zurückgekommen.
Er hatte an der Wand der Kapelle, auf welcher die Geschichte der treuen
Weinsberger Weiber gemalt ist, mit Bleifeder frisch angeschrieben deutlich die
Worte gelesen: „Romeo, in der Höhle zu Liebenstein findest Du den 24. Juli M
— Julia.“ — Seine Gefährten hatten die Schrift nicht bemerkt, ihm aber flüsterte
sein Genius zu, diese Hinweisung rühre von jener vielgesuchten Maschinka her,
die den Mann, welchen er verfolgte, in Liebenstein erwarte. Sein Entschluß war
daher gefaßt, nach Liebenstein zu gehn und gewiß am 24. Julius in dieser Höhle
zu seyn, in welcher er diesen Romeo zu entdecken hoffte. Er konnte sich selber
keine Rechenschaft davon geben, warum er sich die wenigen Worte so erklärte,
warum er der Meinung war, sie müßten von jener entflohenen Maschinka
herrühren, deren Handschrift er niemals gesehn hatte. Aber dieser blinde Trieb,
dieser Instinkt schien ihm gerade ein Beweis dafür, daß er auf der richtigen Spur
seyn müsse.
Am folgenden Morgen trug er, ohne seine Gründe anzugeben, darauf an, daß man noch einiges Merkwürdige in der Nähe betrachten, dann aber nach
Liebenstein reisen möge. Mein theurer Freund, sagte Ferdinand, mit einiger
Heftigkeit: wie kommen Sie auf diesen Entschluß? Warum nach Liebenstein?
Ich hoffte, wir würden von hier aus uns mehr südlich und nach dem
Schwarzwald, vielleicht sogar nach der Schweiz wenden, um einen Theil des
Herbstes in den schönen Alpengegenden und an den erfrischenden Seen
zuzubringen. Und nun schon, noch so zeitig im Jahre, uns wieder nach Norden
wenden? das sieht schon wie Rückkehr aus, die ich in diesem wahrhaft schönen
Sommer, der uns vielleicht noch lange begünstigt, weit hinausschieben möchte.
Schon umkehren? rief Wachtel aus: wie? Ich habe auf den Rhein und die
schönen Weinplätze Bacharach, Rüdesheim, Nierenstein gehofft — und nun
wieder in das kalte Bierland hineinreisen? Ei, welch ein böser Geist hat Ihnen,
verehrter Freund, den bösen Gedanken zugeraunt?
Sie wissen, fuhr Ferdinand fort, mir ist nur in den Gegenden, wenn ich in der
Fremde bin, recht wohl, wo ich die alten Münster, den katholischen Cultus, die
Bilder und Feierlichkeiten, so wie Alles, was damit zusammenhängt, sehe und
mein Gemüth erhebe. Haben wir doch oft genug darüber gestritten. Es ist fast,
als wenn ich eine Geliebte verlassen, indem ich diesen schönen Provinzen
wieder den Rücken wenden soll.
Geliebte! sehr wahr! rief Wachtel, fast schluchzend. Ich kenne das schon, um
wie viel theurer und schlechter der Wein in den Gegenden dort oben ist. Nun
habe ich mein Herz hier so weit hinweg spazieren geführt und es so recht
gemüthlich im Sonnenschein der Andacht ausgelabt und eingesommert. Ich kann
schwören, mit jeder Meile, die mich von meiner Frau um eine mehr entfernt,
fühle ich meine Liebe zu der vortrefflichen Person inniger und brünstiger.
Welchen schönen Liebesträumen hing ich nun nach, daß noch wenigstens
hundert Meilen sich zwischen uns legen sollten, um mich so recht und voll in die
erste Jugendliebe hinein reisen und rasen zu lassen. Das hätte vielleicht eine so
ausbündige Verliebtheit zu Stande gebracht, wie nur jemals zwischen Abälard
und Heloisa stattgefunden hat, — und nun soll ich plötzlich ernüchtert werden,
denn das weiß ich im voraus, mit jeder Meile, die ich jetzt schon, um so vieles
zu früh, der Theuern näher komme, wird mein Herz kälter, und Sie haben es zu
verantworten, Baron, wenn ich als ein rechter Gimpel, als kalter Frosch, als
miserabler Philister meiner Alten ganz herzlos und krüppelmatt an den Hals
falle.
Walther sagte lachend: liebe Freunde, es kann nicht meine Absicht seyn, Sie
irgend in Ihrer Reiselust hemmen oder auf falsche Wege verlocken zu wollen.
Unsre Trennung, wenn sie jetzt so viel früher eintritt, wird mich schmerzen; aber
wir finden uns wohl später wieder. Was mich jetzt nach Liebenstein zieht, ist ein kleines Geschäft. Sie wissen, wir Alle hatten bei unsrer Abreise von Dresden
keinen festen Plan, wir wollten uns leichtsinnig dem Zufall und unsrer Laune
ganz überlassen. Vergessen haben Sie aber ganz, daß wir beim Abschiede in
Karlsbad unserm Freunde Carl Hardenberg fest versprachen, ihn in Liebenstein
wiederzusehn. Diese Zeit ist jetzt, und versäumen wir sie, so treffen wir ihn dort
nicht mehr an und er hat uns vergeblich erwartet.
Es ist wahr, sagte Ferdinand, wie aus tiefem Nachsinnen erwachend; dieses
Versprechen, welches fast ein feierliches war, ist mir seitdem ganz
entschwunden. Und so begleite ich Sie denn, lieber Walther, theils um meiner
Pflicht gegen jenen Freund zu genügen, andrerseits aber, um länger in Ihrer
Gesellschaft zu seyn und mit Ihnen die Schönheiten unsrer Reise zu genießen.
Sei’s drauf gewagt, rief Wachtel, sollte ich auch mit ganz eiskaltem und
erfrornem Herzen zu meiner vielgeliebten Gattin zurückkommen. Ich weiß nicht,
ob es Heilige giebt, denen sich ein kalt werdender Liebhaber und Gatte
empfehlen kann, oder ob Protektoren der zärtlichen Ehe angestellt sind, die die
Flammen so anfachen, wie der heilige Kilian sie auslöscht; wenn Du mir,
Ferdinand, keinen zu nennen weißt, so ist das eine große Lücke in Deinem
vielgepriesenen, bilderreichen und wundervollen katholischen Cultus. Der
Abälard, der dazu passen könnte, war außerdem schon ein Ketzer; und seine
Heloisa gilt auch für eine fromme Sünderin; und so hat die Kirche die beste
Gelegenheit versäumt, durch zeitgemäßes Canonisiren diesem Bedürfniß
abzuhelfen.
———
Die Freunde reiseten nach diesem Entschlusse queer durch das Kocherthal und
besuchten Neustadt an der Linde. Von einer außerordentlich großen Linde hat
dieses Städtchen seinen Beinamen. Nach dieser anmuthigen Gegend kamen sie
durch den Harthäuser Wald. Das Thal der Jaxt ist zerrissen, die Weinberge
schroff, kahl und weiß, und das Land ist hier weniger fruchtbar, als das Thal der
Kocher. Eine sehr große und schöngebaute Brücke führt über den Jaxtfluß, der
jetzt so klein war, daß er fast gar kein Wasser enthielt.
Aus Verehrung für Göthe betraten sie das alte Haus, die Burg Jaxthausen, in
einer feierlichen Stimmung. Der berühmte Gottfried, oder Götz, hat hier nur in
seiner Kindheit und frühen Jugend gelebt. Ein älterer Bruder, Philipp, erbte
diesen Stammsitz der Familie, und lebte, wie es scheint, ruhig und glücklich auf
diesem seinem Schlosse.
Alles ist hier alterthümlich, fest und mannhaft, wenn auch nicht großartig. Das
Archiv ist in einem großen, runden Thurm. Die Wandschränke, viele Sessel und Stühle schienen noch aus der Ritterzeit. Die Wendeltreppe ist vortrefflich gebaut.
Fest kann, ungeachtet der Gräben, das Haus doch nicht gewesen seyn; es liegt
niedrig, auf ebenem Boden und hat das Ansehn eines reichen Adelhofes.
Ein neues, anmuthiges Schloß von mäßigem Umfang, welches eine Familie
Gemmingen bewohnt, liegt nahe bei Jaxthausen, und nicht weit davon, an der
Jaxt die Ruine der alten Burg Berlichingen, die alle Leute in der Gegend dort
Berlinchen nennen.
Eine Meile von Jaxthausen findet man in anmuthiger Waldgegend das Kloster
Schönthal. Hier ist das Erbbegräbniß der Berlichingen; Götz ist als der letzte hier
begraben worden, weil nachher die Familie protestantisch war. Die Kirche ist
schön, und Ferdinand hörte die Erzählung mit Ingrimm, daß man nicht nur alle
goldne und silberne Gefäße, sondern selbst zwei heilige Leiber bei der
Aufhebung des Klosters den Juden verkauft habe.
Ein Mönch verzeichnete die Bücher der Bibliothek, weil diese abgeliefert
werden sollte. Der Mann schien unwissend und sich mit den alten Drucken oder
Handschriften, bei denen er die Titel nicht finden konnte, sehr zu quälen.
Ferdinand machte sich an ihn und half ihm bei einigen. Im Verlauf des
Gespräches jammerte der Mönch über die Aufhebung des Klosters. Ferdinand
stimmte mit ein und sprach von den Vortheilen und Reizen der Einsamkeit, und
wie schön die Einrichtung gewesen, daß vielen Geistern, die den Beruf gefühlt,
Freistätten seien gestiftet worden, in welchen sie sich ganz und völlig von der
Welt unabhängig, den Betrachtungen der höchsten Gegenstände hätte widmen
können. Seit lange aber, fuhr er fort, ist die Einsamkeit verrufen, Alle, so hört
man immerdar, sollen und müssen in die vielfachen Wirbel und in die
Verwirrung der Welt hineingetrieben werden; praktisch, so ruft man schon dem
Kinde zu, mußt Du werden, um die Geschäfte, die Aufgaben des Lebens
verwalten und lösen zu können. Die Namen eines Stubengelehrten, einsamen
Denkers, stillen Forschers sind wie die Benennungen Einsiedler, Klostermönch,
abergläubischer Priester, zu Schimpfnamen geworden. Und dennoch — wenn
man diese Weltmenschen kennt und beobachtet, die in den Rädern der großen
Weltmaschine hanthiren und immerdar mit dem Gewühle der verwirrten Masse
umtreiben — wie ist ihr Gemüth abgestumpft und keiner großen Eindrücke und
Entschließungen fähig. Ungewohnt, einen wahren, echten Gedanken zu fassen,
eine belebende Idee zu ergreifen und sie dann anwendbar zu machen, ist ihr
ganzes praktisches Treiben nur wie das des Maulthieres in der Drehmühle, thätig
ohne Geschäft, im Mechanismus als Maschine arbeitend. Lehrt uns denn nicht
die Geschichte, daß so oft jene stillen Menschen, die sich der Einsamkeit
ergaben, in Zeiten der Noth hervortraten, um Das zu ordnen und zu
beschwichtigen, was allen Weltregierenden und in der Welt Erzogenen zu mächtig geworden war? Einige der edelsten Päpste nicht nur waren in der Stille
des Klosters gebildet und herrschten im großen Sinne, als sie berufen wurden,
auch außer so manchen Bischöfen und Aebten waren es oft einfache Mönche,
die in Zeiten der Drangsal auftraten, um mit dem Seherblick, den gerade die
Einsamkeit geschärft hatte, Kräfte zu entdecken, die die verderblichste
Verwirrung in lichte Ordnung umwandelten.
Darum, sagte der Mönch, der von Zeit zu Zeit von seinem Cataloge aufsah, ist
es Unrecht, wie man jetzt mit uns umgeht. Nicht anders, als wenn wir
Mordbrenner und Landesverräther wären. Und grausam ist es obenein. Denn
unser eins hat nun von Jugend auf nichts anders gelernt, wir können uns auf
keine andre Weise ernähren, und doch stößt man uns in die Welt ohne alle
Versorgung, denn die armselige Pension, die man uns auswirft, kann kaum
gerechnet werden.
Ferdinand wendete sich mit dem Ausdruck der tiefsten Verachtung von dem
Manne ab. Als sie draußen waren, fragte ihn Wachtel: was ist Dir nur, daß Du
plötzlich so sehr verstimmt bist? — Wenn mir, rief Ferdinand aus, der ich ein
Laie, ein Protestant bin, das Herz brechen möchte, weil ich in einem Zeitalter
geboren bin, in welchem eine ganze Welt von Herrlichkeit, Poesie und Kunst in
ein großes Grab höhnend geschüttet wird, eine Welt, in welcher so Großes
erwuchs und geschaffen wurde, die für Bildung, Gelehrsamkeit und echte
Freiheit so viel that, die durch so viele geistliche Helden und Märtyrer
verherrlicht ist, — und ich sehe einen Mönch, der diesem zerstörten Tempel
angehört, um nichts als sein tägliches Brot seufzen, den nur die Küche dauert,
die zugleich mit dem Wunderdom zerfällt, so möchte ich verzweifeln. Er fühlt
sich nicht gekränkt und im tiefsten und heiligsten Ehrgefühl seines hohen
Standes verletzt, nein, er wäre zufrieden, wenn er nur in irgend einem Pallast
seiner Verfolger wieder Küchenjunge werden könnte. Giebt es freilich viele
dieser Art, haben manche Regierende wohl selber so gedacht, so ist diese große
Kirchenanstalt in sich selbst, auch ohne äußern Anstoß und ohne die weltliche
Habsucht, zusammengebrochen.
Sei nicht unbillig, rief Wachtel aus, wie soll ein gewöhnlicher Mönch, von
frühster Jugend zum unbedingten Gehorsam gewöhnt, dessen größte Tugend es
seyn mußte, den eignen Willen zu brechen, Deinen Enthusiasmus theilen oder
verstehn? der bei Dir auch nur um so feuriger ist, weil Du, in einer ganz anders
gestalteten Fremde erzogen, als Fremdling in diese zerstörte Welt hineinschaust.
Du bist noch ziemlich jung, wohlhabend, hast niemals Mangel empfunden,