Ludwig Tieck's Schriften: Dreiundzwanzigster Band
Walther von Reineck an den Grafen Bilizki.
Dresden, den 19. Juni 1803.
Man sagt mir hier, die Familie Ensen sei in Karlsbad, und dahin werde ich also
vorerst mit meinem Schwärmer meinen Zug richten, weil ich hoffen kann, von
diesen Leuten, welche alle Verhältnisse so genau kannten, von der schönen
Maschinka, oder ihrem Entführer etwas zu erfahren. Ferdinand, wie ich ihn der
Abkürzung wegen nennen will, führte mich sogleich zu einem wackern
Schwaben, einem Maler Hartmann hin, so wie zu einem sehr poetischen
eigenthümlichen Landschaftmaler, Friedrich, aus Schwedisch-Pommern
gebürtig. Diese wahrhaft wunderbare Natur hat mich heftig ergriffen, wenn mir
gleich Vieles in seinem Wesen dunkel geblieben ist. Jene religiöse Stimmung
und Aufreizung, die seit kurzem unsre deutsche Welt wieder auf eigenthümliche
Weise zu beleben scheint, eine feierliche Wehmuth sucht er feinsinnig in
landschaftlichen Vorwürfen auszudrücken und anzudeuten. Dieses Bestreben
findet viele Freunde und Bewunderer, und, was noch mehr zu begreifen ist, viele
Gegner. Historie, und noch mehr viele Kirchenbilder haben sich wie oft ganz in
Symbolik oder Allegorie aufgelöset, und die Landschaft scheint mehr dazu
gemacht, ein sinnendes Träumen, ein Wohlbehagen, oder Freude an der
nachgeahmten Wirklichkeit, an die sich von selbst ein anmuthiges Sehnen und
Phantasiren knüpft, hervorzurufen. Friedrich strebt dagegen mehr, ein
bestimmtes Gefühl, eine wirkliche Anschauung, und in dieser festgestellte
Gedanken und Begriffe zu erzeugen, die mit jener Wehmuth und Feierlichkeit
aufgehn und eins werden. So versucht er also in Licht und Schatten belebte und
erstorbene Natur, Schnee und Wasser, und eben so in der Staffage Allegorie und
Symbolik einzuführen, ja gewissermaßen die Landschaft, die uns immer als ein
so unbestimmter Vorwurf, als Traum und Willkür erschien, über Geschichte und
Legende durch die bestimmte Deutlichkeit der Begriffe und der Absichtlichkeit
in der Phantasie zu erheben. Dies Streben ist neu, und es ist zu verwundern, wie
viel er mehr wie einmal mit wenigen Mitteln erreicht hat. So meldet sich bei uns
in Poesie und Kunst, wie in der Philosophie und Geschichte, ein neues
Frühlingsleben. Ganz ähnlich, und vielleicht noch tiefsinniger, strebte ein
Freund, der erst seit kurzem von hier in sein Vaterland, Pommern (auch das
schwedische), zurückgekehrt ist, die phantastisch spielende Arabeske zu einem
philosophischen, religiösen Kunstausdruck zu erziehn. Dieser lebenskräftige Runge hat in seinen Tageszeiten, die bald in Kupferstichen erscheinen werden,
etwas so Originelles und Neues hervorgebracht, daß es leichter ist, über diese
vier merkwürdigen Blätter ein Buch zu schreiben, als über sie in Kürze etwas
Genügendes zu sagen. Es war eine Freude, diesen gesunden Menschen diese
Zeichnungen selbst erklären zu hören, und zu vernehmen, was er Alles dabei
gedacht. Ich suchte ihn im vorigen Jahr, als ich mich auch hier befand, darauf
aufmerksam zu machen, daß er, besonders in den Randzeichnungen, die die
Hauptgestalten umgeben, mehr wie einmal aus dem Symbol und der Allegorie in
die zu willkürliche Bezeichnung, in die Hieroglyphe gefallen sei. Der bittre Saft,
der aus der Aloe trieft, die Rittersporn, die im Deutschen durch Zufall so heißen,
können nicht im Bilde an sich Leiden, Reue oder Tapferkeit und Muth andeuten.
So ist in diesen Bildern manches, was Runge wohl nur allein versteht, und es ist
zu fürchten, daß bei seiner verbindenden reichen Phantasie er noch tiefer in das
Gebiet der Willkür geräth und er die Erscheinung selbst als solche zu sehr
vernachlässigen möchte. In derselben Gefahr befindet sich auch wohl Friedrich.
Ist es nicht sonderbar, daß gerade die Zeit, die mehr Phantasie entwickelt, als die
vorigen Menschenalter, zugleich im Phantastischen und Wunder mehr
Bedeutung, Vernunft und äußere und innere Beziehung finden will, als früher die
Menschen von jenen Productionen der Künste verlangten, die doch
gewissermaßen ganz aus der Verständigkeit hervorgegangen waren? Man sieht
aber wieder, wie Ein Geist immerdar sich im Zeitalter in vielen Gegenden und
Gemüthern meldet. Die Novalis auch nicht kennen oder verstehn, sind doch mit
ihm verwandt. War es denn auch so zur Zeit des Dante? So weit ich jene Jahre
kenne, entdecke ich dort diese Verwandtschaft nicht. Dieser große Prophet hat in
seinem Geheimniß dieses Streben, Sache und Deutung, Wirklichkeit und
Allegorie immerdar in Eins zu wandeln, auf das mächtigste aufgefaßt. Ihn
verstehn und fühlen setzt voraus und fordert eine große poetische Schöpferkraft;
mit dem gewöhnlichen Auffassen ist hier nichts gewonnen. Soll man sich aber
selbst so loben? Im Briefe vielleicht. Und doch gemahnt es mich, als sei dies
kein Lob. Nur Geweihte sollen Dante’s Gedicht lesen. Es ist ja keine Bürger-
und Menschenpflicht.
Sonderbar, daß viele Menschen, die mit Recht sich etwas darauf einbilden,
daß sie Runge’s und Friedrich’s Bemühungen nicht abweisen, weil ihr
Poesiesinn den Schöpfungen entgegenkommt, doch die tiefsinnige und ebenso
liebliche Symbolik und Allegorie in Correggio’s einzigen Werken nicht fühlen
und anerkennen. Wer nichts als den Maler in ihm sieht, der mit Lichteffekten
spielt, mag nicht gescholten werden, wenn er mehr als einen Niederländer höher
stellt. Runge selbst war immer von diesem großen Dichter auf das tiefste
ergriffen, und es ließ sich mit diesem hochbegabten deutschen Jünglinge über diese Gegenstände sehr anmuthig sprechen und schwärmen. Freilich merke ich
wohl, daß ich, gegen meinen Begleiter Ferdinand gehalten, mich noch sehr
prosaisch ausnehme.
Wir standen vor Rafael’s sogenannter Sixtinischen Madonna. Es ist schwer,
von einem so ewigen, ganz vollendeten Werke etwas Bedeutendes zu sagen, und
um so schwerer, je öfter und weitläuftiger schon begeisterte Bewunderer oder
forschende Kenner sich darüber haben vernehmen lassen.
Kein Werk, darin kommen alle überein, ist von Rafael so leicht, mit so
weniger Farbe, so weniger Ausführung gemalt. Es hat darüber, weil es wohl
rasch gefördert ist, fast den Charakter eines Freskobildes; in Hinsicht der
Einfachheit, Erhabenheit, steht es vielleicht, wenn man einmal unterordnen will,
allen Arbeiten dieses größten Malers voran. Es kommt mir vor, als wenn diese
sublime Erscheinung jene Ausführlichkeit so vieler anderer Meisterwerke nicht
zuließe. Denn wie eine Erscheinung wirkt dieses Kunstwerk. Es ist sehr zu
tadeln, daß man es so nachlässig eingerahmt hat; denn oben ist vielleicht eine
Handbreit oder mehr umwickelt, wodurch die grünen Vorhänge und der obere
lichte Raum verkürzt sind. Denkt man sich dieses jetzt Mangelnde hinzu, so
schwebt die Gestalt der Maria, sowie des Sixtus und der Barbara noch deutlicher,
noch mehr und lebendiger herab. Die Vision der drei Heiligen steigt in die
Kirche selbst hernieder, sie erscheint über dem Altar, und Maria bewegt sich im
Niederschweben mit dem ernsten Kinde in den Armen zugleich vor. Diese
doppelte Bewegung erklärt den Flug des Schleiers, sowie das Zurückstreben des
blauen Gewandes; der verklärte Papst, im brünstigen Gebet, ist gleich in dieser
knieenden Anbetung und Stellung gewesen. Die heilige Barbara stand der
Mutter Gottes nahe, doch geblendet von der Majestät und fast erschreckt von
den tiefsinnigen Augen des Kindes ist sie so eben in die Knie gesunken und
wendet das Antlitz. Diese Verbindung der früheren und späteren Bewegung
liebte Rafael, fast alle seine Bilder zeigen sie, und keiner hat ihn in dieser Kunst,
auf diese Weise wahres Leben, Seele in die Stellungen und Gruppen zu bringen,
jemals erreicht. Die Engel, als Herolde, sind schon früher angelangt, und stützen
sich unten ruhend auf dem Altar selbst. Getrost, kindlich unbefangen erwarten
sie die Heiligen, und der Tiefsinn der Kindheit contrastirt mit dem Angesicht
Christi und dem strengen Ernst seiner Augen gar schön. Mir unbegreiflich, wie
manche seyn wollende Kenner dieser Barbara etwas Weltliches oder gar
Coquettes haben andichten wollen. Andre meinen, das Bild sei noch edler, wenn
die Figur der Maria ohne alle Begleitung erschiene. Für wie Viele, und die doch
gern mitsprechen, ist das Vollendete doch immerdar ein fest versiegeltes Buch,
und eben darum, weil es vollendet ist. Die Mehrzahl der Menschen kann sich nur
am Einzelnen entzücken. Ihr Streben, sowie sich ihnen in Kunst oder Poesie etwas Mächtiges und Schönes anbietet, ist, sogleich das Werk zu vereinzeln, um
sich dieses und jenes, entweder mit Kälte oder Hitze anzueignen. Die Kalten
sind die sogenannten Kenner, die oft mit solcher Wegwerfung diese oder jene
Zufälligkeit oder eine Nebensache bewundern, daß man, ihren Reden nach, auf
den Argwohn kommen müßte, es sei besser, wenn gar keine Kunst oder Poesie
die Welt verwirre. Die Hitzigen versetzen sich zuweilen bis zu Thränen in eine
ängstliche Leidenschaftlichkeit, um ja nur recht bestimmt etwas zu isoliren,
irgend ein Schönes, das freilich sich wohl auch im Kunstwerke findet. Nur
verdient dieses Einzelne erst das Lob, und kann nur verständig seyn, wenn es aus
dem Innern des Werkes und seiner Totalität verstanden wird. Aber von dieser
innern, nothwendigen Vollendung, wodurch erst ein Kunstwerk diesen Namen
verdient, von dieser Ueberzeugung wollen die Eifernden wie die Besonnenen in
der Regel nichts wissen; diesen Glauben erklären sie geradezu für Aberglauben.
Sie können ein Werk nur bewundern, wenn sie es für eine Annäherung, aber
freilich mangelhafte, zu jenem unsichtbaren, unfühlbaren und unbezeichneten
Ideal halten, welches ihnen im chaotischen Nebel vorschwebt.
Es ist merkwürdig, wie sich so oft die Extreme berühren. Diese Rafael’sche
Maria hätte vielleicht niemals copirt werden sollen und kein anderes Bild ist von
Stümpern und geschickten Zeichnern so oft wiederholt worden. Den besten aber
fehlt das geistige Auge, die wahre Gestalt der Maria wieder zu finden. Vielleicht
wäre dem schaffenden Meister selbst keine Copie ganz gelungen. Am
schlimmsten sind einige Oelbilder, bloß die ganze Figur der Maria, ausgefallen.
Ich kenne welche, die aus dieser erhabenen Gestalt etwas Freches und Gemeines
gemacht haben.
Unser Entzücken vor dem Gemälde wurde auf eine sonderbare Art gestört und
unterbrochen. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem scharfen Gesicht und
einer etwas rothen Nase, kam mit stolperndem Gang und einem schreienden Ton
auf uns zu, und schloß meinen verzückten Ferdinand, ob sich dieser gleich etwas
sträubte, fast zu heftig in seine Arme. Er nannte sich Wachtel, kam von Guben
herüber und hatte unsre Namen im Thorzettel gelesen. „Ihr steht hier“, rief er
unmittelbar nach der Begrüßung, „vor dem allercuriosesten Tableau, das der
Mensch nur ersinnen kann. Es ist ohne Inhalt und stellt eigentlich gar nichts dar.
Man kann sich aus den Abendwolken bessere Geschichten zusammensetzen. Wo
kommen diese Creaturen her? Wo wollen sie hin? Warum blieben sie nicht, wo
sie waren? Das kommt mir vor wie manche Menschen, die immer eine wichtige
Miene machen und hinter diesem nachdenklichen Gesichte doch gar nichts
denken. Der Zuschauer muß sich nun zwingen, noch weniger zu denken, und das
nennt er dann eine erhabene Stimmung. Wie man beim Feuer, wenn es mächtig
um sich greift, oft klug thut, zwei oder drei Häuser einzureißen, damit nicht hundert zu Grunde gehn, so sollte ein durchgreifender Menschenfreund, wie der
Kalif Omar, einmal so ein tausend gepriesene Meisterwerke in den Ofen stecken,
damit eine Kluft, ein leerer Raum entstünde, und diese Krankheit von unnützer
Bewundrung, die immer weiter um sich greift, in sich erstickte, daß die armen
Menschen einmal wieder frische Luft holten und zur Besinnung kämen. Was
seht ihr z. B. auch dort an dem Tizianschen Christus mit der Münze? Ich habe
einen Schacherjuden gekannt, der ganz wie dieser angebliche Heiland aussah.
Diese Maler sind lustige, boshafte Kerle gewesen, und es ist zu verwundern, daß
ihnen die Geistlichkeit nicht mehr auf die Finger klopfte. Die Satire, wie der
Jude hier die Münze und den Versucher ansieht, wie die langen Finger so gern
mit dem Geldstück eins werden möchten, ist doch allzusehr in die Augen
fallend.“
Ferdinand, der mir vor einigen Tagen soviel Wunder und Schönes von diesem
Jugendfreunde erzählt hatte, hätte aus der Haut fahren mögen und durfte doch
den täppischen Gesellen nicht verleugnen. Er war aber dunkelroth vor Scham,
denn noch kurz zuvor hatte er mir und den Umstehenden bewiesen, wie in
diesem Bilde, „Christus mit der Münze,“ sich Tizian, der nur selten erhaben sei,
selber übertroffen habe. So sehr er sich wehrte, mußte er sich doch von seinem
Freunde zu den Teniers und einigen andern niederländischen Bauernscenen
schleppen lassen, wo dieser Wachtel sich unter lautem Lachen ganz glücklich
und behaglich fühlte. —
———
Nachdem Walther diesen Brief abgesendet hatte, kehrte er zu seinem Freunde
Ferdinand zurück, den er im heftigen Wortwechsel mit Wachtel antraf. Was giebt
es, fragte er, worüber man so laut streiten könnte? Wachtel nahm sogleich das
Wort und erzählte mit großer Lebhaftigkeit: die Sache, werthgeschätzter
Unbekannter, betrifft, kürzlich zu sagen, das Herz und die Liebe. Ich bin des
Undankbaren ältester Freund, und er will es mir verwehren, hier mit ihm zu seyn
und ihn nach Teplitz und Karlsbad zu begleiten. Ist das nicht reelle
Undankbarkeit? Ich komme her, sehe ihn nach Jahren wieder, und will mein
verdumpftes Herz in lichtender, frischer Liebe auslüften und durch heilsame
Erschütterungen von Motten und allem unnützen Gespinste reinigen, und er will
es mir verwehren, ihn zu begleiten, weil ich ihn, wie er vorgiebt, in seiner
verstimmten Erhebung nur störe. Auch hat er, wie immer, allerhand von
Geheimnissen, die ich ihm allzuroh und derb betasten, oder vielleicht gar
erdrücken möchte, denn er liebt es, sich selbst zu verhätscheln, und doch hat der
arme Schelm seine ganze Schwärmerei nur einzig und allein von mir gelernt, was er freilich jetzt, nach so manchen Jahren, nicht mehr Wort haben will.
Ferdinand mußte lachen und sagte: nun, so begleite mich denn, Freund
Wunderlich, wenn jener Herr, mit welchem ich mich schon für einige Zeit
versprochen habe, nichts gegen die Vermehrung der Gesellschaft hat. Walther
schien über die neue Bekanntschaft erfreut, die ihm manche Aufheiterung
versprach, und man nahm sogleich die Abrede, vorerst nach Teplitz zu reisen,
um zu erfahren, wie man sich untereinander vertrüge.
An einem trüben Tage reisete die Gesellschaft von Dresden ab, ziemlich spät,
so sehr auch Ferdinand getrieben hatte, damit man noch zeitig in Teplitz
anlangen könne. Der bequeme Walther aber, der es nicht in der Art hatte, Zeit
und Stunde sehr zu beachten, hatte die Stunde versäumt. Die schöne Gegend bei
Pirna, die anmuthige bei Gießhübel, die Waldpartien, die wechselnden
Aussichten ergötzten alle. Auf der Grenze wurden die Reisenden, die nicht viel
Gepäck mit sich führten, nur wenig aufgehalten. Der Weg bis zum Nollendorfer
Berg hinauf war ermüdend und langweilig, denn schon in Peterswalde hatte sich
ein dichter Nebel herabgesenkt, der jede Aussicht verdeckte. Oben auf dem
höchsten Punkte des Berges von Nollendorf steht eine kleine Kirche. Hier
stiegen die Reisenden aus, um, wo möglich, etwas von der Schönheit der Natur
zu genießen.
Der Wagen fuhr indessen das Thal hinunter, als die Naturbeobachter noch
oben im dichten Nebel standen und kaum die nächsten Sträucher am Wege
unterscheiden konnten. Wachtel sagte: Eigentlich, meine Freunde, ist dies, was
wir hier nicht sehn, und indem wir nichts sehn, der erhabenste Anblick der
Natur. Dies ist ein Bild vom alten uranfänglichen Chaos, welches der
wundersame Großvater aller Formen und Gestaltungen war. Wir übereilen uns,
wenn wir uns das Nichts als nichts denken wollen: was sich weder denken noch
vorstellen läßt. Nein, so wie wir es hier vor uns sehen, ist das Nichts beschaffen.
Alles, so weit man sieht und denkt, ein unreifer Brei, eine angehende Milch, ein
blöder Lehrling für ein Sein. Wie Silhouetten-Gespenster dort die Bäume und
Sträucher, eben nur zu errathen, Finsterniß in diesem bleichen Dunkel, dort
ebenso die Wand der Kirche. Alles nur Räthsel: steht da, wie Aberglauben im
Meere der Unvernunft. Wenden wir nun einmal dieses eingebräute Gleichniß vor
uns auf unsre eignen Köpfe an, so — —
Hier versagte dem Schwatzenden das Wort im Munde, denn einem Wunder
gleich riß sich eine große breite Spalte in dem dichtgewundenen Nebel, und
grünes Land, sonnenbeglänzter Wald lag unten, gegenüber funkelnde Berge im
wachsenden Lichte. Kaum entdeckt, brachen links und rechts neue Klüfte im
weißen Nebelmeer auf, und wie selige Inseln zeigten sich von allen Seiten
Gebirg und Flur im spielenden Glanz des fluthenden Sonnenscheines, indessen noch dazwischen wie Wände oder Säulen die ineinandergeflochtenen Wolken
alle Aussicht deckten. Nun entstand ein Kampf zwischen Licht und Dunkel:
Alles wallte und zog hin und wieder. Die Wolken löseten sich in Streifen, die
leichter und wolliger zerflossen und sich endlich in den Glanz verloren und
untertauchten. So wurden von unsichtbarer Hand allgemach die Vorhänge
weggehoben und das ganze Gebirge mit seinen schönen Formen lag weit
ausgebreitet in allen Abstufungen des vollen und gemilderten Lichtes vor den
Augen der entzückten Beschauer.
Diese Landschaft, rief endlich Ferdinand aus, muß eine der schönsten in
Deutschland seyn.
Wie oft ich auch die Reise machte, sagte Walther, so habe ich doch niemals
dieses überraschende Entzücken genossen, welches mich heut ergriffen hat. Wie
herrlich wäre es, wenn der Elbstrom durch dieses Thal flösse, denn nur Wasser
fehlt dieser lieblichen Natur.
Sprechen wir nur nicht so, rief Wachtel aus, wie ich dergleichen schon so oft
habe hören müssen. Ihr waret ja eben noch entzückt, Freunde, und schon fangt
ihr an, Mangel zu empfinden, zu kritteln und zu kritisiren. Wie schön der
Anblick eines gewundenen Stromes auch sei, wenn er wie ein belebender Geist
hin durch die Landschaft glänzt, so paßt er doch nicht in jede Naturscene hinein.
Hier, wo Alles lieblich, so einklingend ist, würde er mich nur stören: er höbe das
Gefühl dieser behaglichen Einsamkeit gewissermaßen auf. Rhein, Neckar, Mosel
und der schöne Theil der Elbe beherrschen die Gegend, durch welche sie
strömen, prägen ihr den Flußcharakter auf; hier aber führen die schönen Gebirge
unmittelbar selbst das Wort. Stören kann oft eine kahle, unbedeutend schroffe
Wand, wenn sie zwischen den schönen Linien der Gebirge sich eindrängt, ein
nackter Hügel, dem man die Waldung geraubt hat, eine wüste Sandfläche, die
sich todtenbleich und krank zwischen lustiges, lebensvolles Grün der Fluren
wirft, aber hier, Freunde, ist Alles so ganz und voll, daß euch nichts mangeln
sollte.
Sie stiegen jetzt beim schönsten Wetter den Berg hinab. Ein Fußpfad führte sie
durch den Wald, aus welchem sie bald hier, bald dort wieder den freien Ausblick
zu den Gebirgen hatten. Die Frühlingsvögel sangen nicht mehr, aber durch die
feierliche Einsamkeit schrillten und zirpten die kleinen Vögelchen ihre einfachen
kindischen Melodien.
Sie trafen im Thale ihren Wagen wieder, aber die Abendsonne beschien die
Kapelle oberhalb Culm und den Weingarten, auf welchem sie schimmerte, so
einladend, daß die Uebrigen Walther’s Vorschlage gerne folgten, noch zum
Hügel hinaufzuklimmen, um den Untergang der Sonne von dort zu genießen.
Die Freude an der Natur erzeugt oft, indem man in der Aufregung keine Ermüdung fühlt, eine Art von Rausch, welcher dann Mattigkeit und
Ernüchterung herbeiführt, wenn man, wie beim Wein, die Sättigung zu lange
hinausschiebt. So erging es den Reisenden. Die Sonne war untergesunken, sie
stiegen in der Dämmerung hinab und hatten noch bis zum Nachtquartier einen
ziemlich weiten Weg vor sich. Der Fuhrmann schmollte über die unnütze
Verzögerung, um so mehr, da die Finsterniß, schnell wachsend, hereinbrach.
Jetzt fühlten die Abentheurer obenein, daß sie, aus Freude an der Reise und weil
sie spät von Dresden ausgefahren, das Mittagmahl versäumt hatten, und mit der
zunehmenden Ermüdung und Dunkelheit wuchs in ihnen Hunger und
verdrüßliche Stimmung. Es wurde völlig finster, so daß man die nächsten
Gegenstände, selbst den Weg nicht mehr unterscheiden konnte, und der
Fuhrmann, der der Gegend unkundig war, erklärte auf das Bestimmteste, daß er
in dieser pechrabenschwarzen Nacht unmöglich schneller fahren könne, wenn er
nicht sich und seine verehrten Herren der wahrscheinlichsten Lebensgefahr
aussetzen wolle.
Mühselig, verdrossen, langsam ging die Reise fort. Immer noch erschien
Teplitz nicht, und Mitternacht war schon längst vorüber. Endlich ersahen die
Verstimmten eine dunkle Masse, in welcher nur wenige Lichtpunkte flimmerten,
vor sich. Der Kutscher fuhr seitwärts, wie es schien, um das Thor zu finden.
Keine Antwort auf wiederholtes Rufen und Klopfen. Endlich hörte man von
innen, daß dies die Wohnung des Küsters und der Eingang zum Kirchhof sei.
Der Kutscher tastete herum und fand ein großes Gatterthor. Noch weniger ward
hier auf das laute Klopfen und Schreien Rücksicht genommen. Es war vom
Felde her der Eingang zum sogenannten Fürstenhause. Mühselig fand man sich
in der trüben Finsterniß zum Thore und zur Töpferschenke hin. Hier schlief aber
längst Alles. Ein Kellner und eine Küchenmagd erschienen endlich, nur halb
erwacht. Der Wagen ward untergeschoben, die Zimmer schloß man auf. Die
Aufwartenden verwunderten sich übermäßig, daß die Ankommenden noch zu
speisen begehrten. Butter, Schinken und ein kaltes Huhn wurden, nach vielem
Widerspruch, nebst einer Flasche Wein noch herbeigeschafft. Die Betten waren
in Ordnung. Aus Mitleid ließ man die Aufwärter wieder schlafen gehen. Doch
Walther bildete sich ein, er fröre und habe sich erkältet. Ein großes Kamin war
im Zimmer, und Wachtel, der allenthalben die Augen hatte, entdeckte auf dem
Gange einige Scheite Holz. Man versuchte ein Feuer zu machen, das anfangs
hell brannte, bald aber das Zimmer mit Rauch anfüllte. Es ward entdeckt, daß
das Kamin oben zugemauert, also nicht zu gebrauchen war. Die Uebermüden
hatten viele Noth, bis sie den Rauch wieder durch die Fenster hinausgetrieben
hatten. So, ungesättigt, matt, verdrossen und überreizt begaben sie sich auf ihr
Lager, indem Wachtel noch behauptete, es sei nichts so mit Pein versalzen, als die Vergnügungen des Lebens.
———
— Viel lieber durch Leiden
Möcht’ ich mich schlagen,
Als so viel Freuden
Des Lebens ertragen. —
So sang am Morgen Wachtel mit lauter Stimme und erweckte die beiden
schlafenden Freunde. Als Alle munter und angekleidet waren, erschien das
Frühstück und mit ihm die Wirthin, die es entschuldigte, daß die Reisenden in
der Nacht eine so schlechte Aufnahme gefunden hätten. In der Entschuldigung
wegen des Rauches war ein gelinder Vorwurf eingehüllt, daß man sich ohne
Anfrage zu willkührlich des Feuers bemächtigt habe. Bei der neuen Einrichtung,
schloß die Frau, sollten diese Zimmer nur für den Sommer benutzt werden, und
ich will diesen ungeschickten Kamin auch noch fortschaffen lassen, damit er
nicht öfter Irrungen veranlaßt.
Der Spaziergang nach Dorna ergötzte die Freunde, sie wandelten dann nach
der Liebemay, einem anmuthigen Walde. Allenthalben erfreute der Anblick der
Gebirge.
Am folgenden Tage sollte ihr Kutscher sie nach Dux bringen, sie geriethen
aber, da er des Weges unkundig war, nach Kloster Ossek. Auf dem Rückwege
besahen sie Dux und die Andenken an den berühmten und berüchtigten
Wallenstein, der seit einigen Jahren durch des edlen Schillers Gedicht für die
deutsche Nation ein neues Interesse bekommen hatte.
Die Bergstadt Graupen und ihre alte Kirche, die Ruine oben und die schöne
Gegend nahmen den folgenden Tag in Anspruch. In der Kirche traf Walther zwei
Damen aus Berlin, Mutter und Tochter, und sie beschlossen, die Spaziergänge in
Gemeinschaft zu besuchen. Wir werden noch den jungen Herrn von Bärwalde
hier sehen, den wir gestern in Bilin fanden, sagte die Mutter, einen jungen Mann,
den wir im vorigen Winter kennen lernten. Ein bescheidenes, stilles Wesen,
setzte die Tochter die Beschreibung fort, ich habe in meiner Vaterstadt, in Berlin,
mit ihm getanzt: er war fast zu ernst und verschlossen und tanzte auch mit einer
gewissen feierlichen Miene. Alles dies wurde still und fast ängstlich während
des Gottesdienstes in der Kirche verhandelt, und so leise sie sprachen, sahen die
andächtigen Böhmen doch mehr wie einmal drohend nach den Ketzern sich um.
Plötzlich sprangen zwei junge, wohlgekleidete Leute durch die Thür der Kirche,
stellten sich laut sprechend in die Mitte, den Rücken gegen den Altar und Priester gekehrt, und kritisirten die Gruppen der hölzernen Figuren, die
gegenüber auf dem Chore einen Theil der Leidensgeschichte, kräftig und wild
ausgearbeitet, darstellten, so wie man unten an der Seite durch gelbgefärbtes
Glas in das Fegefeuer und die Qual der Sünder hineinsah; Alles auch ganze
Figuren. Waren diese Gegenstände auch nicht der Kunst, vielleicht selbst der
Kirche nicht ganz geziemend, so war das überlaute Gespräch und Lachen der
Jünglinge ungezogen und so anstößig, daß die Damen, von den drei Reisenden
begleitet, in großer Angst aus der Kirche flüchteten.
Um des Himmels Willen! rief das junge Mädchen, indem sie die Höhe
hinanstiegen, kennen Sie, liebe Mutter, den sanften, trocknen, zu bescheidenen
Tänzer in diesem übermüthigen, affektirten Don Juan wieder?
Ist Ihnen denn, werthes Fräulein, sagte Walther, dieser Ton der sogenannten
feinern Welt noch unbekannt geblieben? Diese neumodischen ungezogenen
Herren, die in Gesellschaften, im Schauspiel und in der Kirche sich lärmend und
schreiend betragen, sind beim Tanze so steif und ehrbar, daß sie um Alles nicht
lachen oder lächeln und ihre Tänzerin kaum noch mit einem finstern, halb
abgekehrten Blicke ansehen. Auf dem Balle darf sich keine Spur von
Fröhlichkeit zeigen, sie tanzen, als wenn sie zur Frohn arbeiteten, oder wie die
Baugefangenen mit Schellen und Klötzen an den Beinen.
Die Frauen hatten solche Furcht vor jenen beiden Jünglingen, daß sie in der
Gesellschaft der Reisenden über Maria-Schein schnell nach Teplitz
zurückkehrten. Nach dem Mittagsessen traf man sich auf dem Schloßberge
wieder, von wo man am schönsten das ganze Thal von Teplitz übersieht, und
Abends begab man sich in das kleine Theater.
Ein ächt deutsches Stück wurde gegeben: „Der seltne Prozeß.“ Ein verarmter,
rechtlicher, frommer und bibelfester Weber weiß seiner Noth kein Ende, um so
weniger, da seine Frau ihn seit Kurzem mit Zwillingen beschenkt hat. Der Segen
des Himmels, den beide dankbar anerkennen, drückt sie aber so zu Boden, daß
nach langem Kampfe und vielem Schmerz sie sich entschließen, das eine Kind
in der Nacht einem reichen Manne heimlich zu übergeben. Dieser aber hat in
derselben Nacht schon ein Wickelkind erhalten, er läßt Acht geben, und als der
Arme jetzt mit schwerem Herzen seinen Sohn dem Zufall und der
Menschenliebe übergeben will, wird er ergriffen, gescholten und ihm, der nicht
zu Worte kommt, das dritte Kind mit Gewalt in die Arme gelegt. Mit diesem
Segen und Jammer befrachtet, muß er nach Hause gehen, und die Klagelieder
der Frau kann sich Jeder denken. Indessen ist schon die unerwartete Hülfe nah.
Eine Summe Geldes bringt der neue Ankömmling mit und ein Schreiben, daß für
die Ernährung des Kindes reichlich soll gezahlt werden. Nun wird große Freude
aus der Trauer. Aber der Reiche erfährt diese Entwickelung, er will das Kind sammt dem Gelde und der Verköstigung zurück haben, und so wird der seltne
Prozeß vor Gericht geführt. Ein edler Advokat, der die Sache des armen Webers
führt, weist sich endlich als der Vater des Findlings aus, und Alle werden am
Schluß zufriedengestellt. Ein komischer Richter erheitert die Verhandlung.
Es waren noch nicht viele Brunnengäste in Teplitz und darum, besonders bei
dem schönen Wetter, das Theater sehr menschenleer. Eine hohe, edle Gestalt gab
sich die Mühe, den Schauspielern und dem schlechten Stücke oft zu klatschen
und sie durch lauten Beifall zu ermuntern. Walther erkannte, als sie nach dem
Stücke noch den Garten besuchten, in ihm den berühmten witzigen Prinzen de
Ligne, der hier meist den Sommer zubrachte. Als Walther ihm seine Begleiter
vorgestellt hatte, erklärte der geistreiche Prinz, daß es ihm nicht darum zu thun
sei, die gespielte Armseligkeit für etwas Gutes auszugeben, sondern es komme
ihm nur darauf an, die armen Schauspieler etwas zu ermuthigen.
Ist es nicht, fügte Walther hinzu, um diese ernsthaften Deutschen etwas
Sonderbares! Wenn der heutige Schwank theatralisch gelten sollte, so müßte er
eben als Schwank, als Posse vorgetragen werden. In diesem Sinne sah ich die
Geschichte vor einigen Jahren in Rom spielen. Ein eigensinniger Misogyn jagt
seinen Bedienten, Truffaldin, aus dem Dienst, weil er gehört hat, er sei
verheirathet. In komischer Verzweiflung kommt der Spaßmacher nach Hause
und findet die Zwillinge. Possierlicher Jammer der Aeltern, was anzufangen sei.
Der Entschluß wird gefaßt, das Kind dem Findelhaus zu übergeben. Aber
welches? Beide Kinder machen auf gleiche Liebe Anspruch. Man streitet, zankt,
weint und lacht: der Zufall soll es entscheiden, und die Kinder werden wie Loose
übereinandergerollt und Truffaldin greift blindlings hinein. Beim Findelhaus
wird ihm aber der dritte Säugling nach einigen Schlägen, die er mitnehmen muß,
aufgezwungen, und in dieser burlesken Art entwickelt sich, ohne Prozeß, so viel
ich mich erinnern kann, das tolle Lustspiel. Die Italiener, die gerne lachen, hatten
große Freude an dieser lustigen Parodie der Väterlichkeit und des menschlichen
Elends, viele gesetzte Deutsche aber, die sich alle zu den guten und besten
Köpfen rechneten, meistens Vornehme, die sich sonst nicht von der Moral
geniren ließen, fanden den Spaß äußerst unsittlich und folgerten aus dem Lachen
des unbefangenen Volks, das durch halbe Cultur noch nicht verdreht war, die
tiefe Versunkenheit der Italiener, weil sie beim mindesten edeln Gefühl
dergleichen Abscheulichkeit nicht würden dulden können.
Das Albern-Sentimentale, fuhr Wachtel im Gespräch fort, diese Krankheit, die
dem wahren Gefühle ganz entgegengesetzt ist, hat von je bei den Deutschen
gütige Aufnahme gefunden. Doch sind die Franzosen in vielen ihrer Dramen und
Romane auch nicht frei von dieser nervösen Hautkrankheit. Den schlimmsten
Ausschlag hat wohl unser Kotzebue gehabt und gegeben. Hiob rieb sich in seinem Elend mit Scherben: wir gehn in die Komödie, um uns zu erleichtern.
„Der kratze sich, den es juckt,“ sagt Hamlet: das thun wir denn redlich.
Der Fürst lachte und nach einigen Wechselreden trennte man sich, weil es
schon spät geworden war. Von Karlsbad schrieb Walther folgenden Brief an
seinen Freund nach Warschau.
Karlsbad, den 28. Junius 1803.
Die Familie Essen habe ich aufgesucht, so wie ich nur hieher kam. Aber ich
weiß nichts Bestimmteres, da diese Leute, die etwas träge scheinen, selber keine
nähern Nachrichten haben. Nur so viel scheint aus Allem hervorzugehen, daß
der Entführer oder Verführer sich unter verschiedenen Namen herumgetrieben
hat, und daß es deswegen um so schwieriger ist, ihm auf die Spur zu kommen.
Nach Franken deuten die etwanigen unbestimmten Anzeigen. Ich muß es also
fast dem Zufalle überlassen, ob ich ihn oder sie auf meiner seltsamen Pilgerfahrt
antreffen werde. Man wird selber saumselig, wenn man sieht, wie wenig die
Menschen sich ereifern, die die Sache doch auch, der Verwandtschaft wegen,
interessirt.
Mein wunderbarer Reisegefährte Ferdinand wird mir um so lieber, je öfter ich
mit ihm zanke, je weniger ich in eine von seinen seltsamen Meinungen eingehen
kann. So wie man von Sachsen aus die böhmische Grenze betritt, ist Natur und
Menschenstamm anders. Am auffallendsten aber ist das katholische Wesen, die
Heiligenbilder und Crucifixe auf Wegen und Stegen, in Dörfern und Städten,
abseits auf dem Felde, wo man nur hinsieht, begegnen dem Auge diese
hölzernen und aus Stein gemeißelten Figuren, die meisten, wie sich von selbst
versteht, widerwärtig, schroff, und die Gemälde und angestrichenen
Passionsfiguren blutig und unannehmlich. Engel, die in Kelchen das Blut des
Heilandes auffangen, das Antlitz des Erlösers beregnet von rothen Tropfen,
Maria meist mit nußgroßen Thränen, und Alles, wie in der Kirche zu Graupen,
darauf hingearbeitet, um Schauder und Grauen zu erregen.
Als ich nun einmal darüber klagte, wie so Vieles in unserm Vaterlande,
welches öffentlich aufgestellt wird, mehr dazu dient, die Barbarei zu befördern
und das Auge zu verderben, anstatt den Sinn für Schönheit zu nähren und zu
erhöhen, gerieth er in einen erhabenen Zorn und rief nach manchen
Aeußerungen: Wüßten wir doch nur erst, was Schönheit ist und was wir so
nennen sollen! Ist sie denn nicht so oft nur eine Verlarvung des Lebens und der
Wahrheit? Auch die alten Griechen, uns Musterbilder im Schönfühlen, hegten
vor jenen Klötzen und Unformen, die ihnen aus uralter, fast vorgeschichtlicher
Zeit überkommen waren, eine heilige Ehrfurcht und Scheu, und die Frommen fühlten vor diesen Fratzenbildern in Ahndung und Erinnerung mehr, als vor
jenen neuen, schöngeschnitzten Götterbildern. Die Süßlichkeit mancher neuen
Maler oder Bildner, wenn sie den Heiland als einen Siegwart, oder
empfindsamen verliebten Landprediger, oder im Akt des Brodbrechens als einen
idealisirten Bäckergesellen darstellen, ist mir das Verhaßteste in allen
Verirrungen unserer gefühlvollen Zeit. Das Leiden des Gottmenschen, die
Geheimnisse unserer Religion, die Wehmuth, der Schreck unseres Innern, die
uns von dieser dunkeln, zu nahen Erde in die himmlischen Regionen des
Glaubens und Anschauens hinaufrücken sollen, können und dürfen anderer
Natur seyn, als jene Bewegungen, die uns das Schöne erregt. Wo der Landmann
seine Aecker überschaut, der wilde Jäger aus seinem Forst tritt, der fremde
Wandersmann in den Bezirk kommt, sehen sie die Hinweisung auf Erlösung,
Erbarmen, Mitleid und das Wunder des Ueberirdischen. Wird durch Fleiß und
Thätigkeit, durch Tugend und Kraftanstrengung nicht immerdar etwas Geistig-
Göttliches von der Qual und vom Tode erlöst? Geschieht nicht auch dieses in
Arbeit und Mühe durch Schmerz und Aufopferung? Der Bettler empfängt in
jedem Brodschnitt nicht nur die Milde des Gebers, sondern auch dessen Kampf
und Schweiß. So weit diese Bilder hier in den frommen Gauen stehen, werfen
sie ihre leuchtenden Strahlen segnend über die Aehren und die Früchte, über den
jungen Wald, Bäche und Wege dahin, und Alles, so weit das Auge reicht, ist wie
gesegnet und über den Tod und Fluch des Irdischen erhaben.
Wir fuhren über Dux, Brixen und Saatz, wo wir Mittag machten. Der Abend
und der schönste Sonnenuntergang traf uns auf der Höhe vor Engelhaus. Ich
erinnere mich kaum, in meinem Leben etwas so Wundervolles in der Natur
gesehen zu haben. Ferdinand, bei dem alle Gefühle leicht in Rührung übergehen,
hatte Thränen in den Augen. Sie standen seinem hübschen blühenden Gesichte
sehr gut, was mit daher rührt, weil der liebe Mensch von aller Affectation völlig
frei ist. Was er nun sprach, war wirklich wie in Entzückung, und als wenn er
eben einer Vision theilhaftig wäre.
Kann man nicht diese Glut, diesen Purpurbrand und alle diese Röthen in ihren
Abstufungen bis zum lichten Rosenschmelz, als Blut des Heilandes, vom Haupte
strömend, aus der Seite, den Füßen und Händen fließend, anschauen? Sein
Haupt, die Sonne, sinkt tiefer und tiefer hinab, der Nacht und dem Tode
entgegen; nun ist die göttliche Scheibe verschwunden, und die Röthe gleitet ihr
dunkler und farbloser nach. Er ist scheinbar todt, der göttliche Tag, und sein
Alles erleuchtendes Licht erloschen. Ueber uns thürmen sich Wolken und
kreisen umher, vom letzten Licht getroffen und schwach gefärbt. Sie bäumen
sich auf und ergreifen flockend, anwachsend, sich lösend, diese und jene Gestalt.
Es sind die alten Fabelgötter, die ein Traum- und Scheinleben erringen. Da sitzt der alte Jupiter, ungeheuer und in sich schwankend, auf seinem bebenden
Dunstthrone, Bacchus erhebt trotzig und jubelnd den Pokal, und so wie er
trinken will, zerfließt und schwindet der große Arm und die Figur des Trunkenen
wandelt sich unvermerkt in den springenden Pardel, der jetzt den leeren Wagen
zieht. Von dort schreitet der Juno erhabene große Gestalt durch das dunkle Blau,
sie sucht ihren Gemahl und schrickt zusammen, weil dort schon ein goldner
Stern durch den Aether blinkt. Haupt und Locken lösen sich, die gewölbte Brust
schmilzt wie Silber im Ofen, die zerbrochenen Formen leuchten noch einmal auf
und tauchen dort in den finstern Streif, in welchen sich alle rollenden Bildnisse
versenken. Der Traum ist ausgeträumt und die dunkle Nacht tritt herauf. Ein
Sternbild nach dem andern bricht aus dem finstern Dome glänzend hervor; oben
die unvergänglichen festen Lichter, unten auf Erden Dunkelheit, Nacht, Tod;
kein Fels, kein Wald mehr zu unterscheiden, Alles unkenntlich in eine schwarze
Masse zerronnen, die ohne Anfang, die ohne Ende ist. Beides ein Bild der
stummen Ewigkeit. So steht die Nacht fest, unerschütterlich, wie es scheint.
Abend- und Morgenroth sind Wahn; die erhabne Unendlichkeit der Gestirne, die
unzählbaren Lichter und Welten in unermeßlichen Fernen wandeln dem
rückgekehrten Blick die Erde in nichtig Spielwerk und den Glauben an Gnade
und Erlösung in Fieberphantasie. Der Zweifel und das Dahingeben in das
Unbegrenzte, Schrankenlose, giebt sich für Wahrheit und Religion. Da erzittert
die ewige Nacht in sich selbst, die finstern Wälder schütteln sich im
Morgenhauch, die ergrauende Dämmerung wächst wie weissagend am Horizont
empor. Plötzlich tritt die liebliche Morgenröthe hervor, mit ihren Wundern über
die Berge klimmend; Farbe, Licht, Wonne, Gestalt vertreiben siegreich den
Unglauben der formlosen Nacht, und der Glaube tritt wieder in die jauchzende
Natur. Sie trägt, die trostreiche, freundliche Mutter, den glänzenden,
auferstandenen Sohn als leuchtendes Kind in ihren Armen, und Wälder und
Gebirge sind im blauen und grünen Schimmer der letzte Saum des fließenden
Gewandes, wie sie aufgerichtet steht, hoch in die Himmel ragend. Und die
Ströme jauchzen und schluchzen in Freude, und die Blumen lachen und duften,
und die Felsen erklingen, und die Waldung rauscht Lobgesang.
Wir konnten seine begeisterten Augen nicht mehr sehen, denn es war ganz
finstere Nacht geworden. Wundersam leuchteten von unten die zerstreuten
Lichter aus Karlsbad, und nach vielem Rütteln und Stoßen unseres Wagens,
indem einmal der große hölzerne Hemmschuh brach, der hier dem Rade
untergelegt wird, gelangten wir spät und nicht ohne Gefahr in dem Städtchen an.
Am andern Morgen — wen traf ich? Unsern theuern Carl von Hardenberg,
den jüngern Bruder unsers vielgeliebten nur kürzlich und leider für die ganze
Welt zu früh gestorbenen Novalis. Er ist mit seiner jungen, angenehmen Frau hier, um die Bäder zu gebrauchen. Er sieht wohl aus und ist stärker geworden.
An männlicher Schönheit ist er mit Novalis nicht zu vergleichen. Der
schwärmende Ferdinand hat sogleich sein ganzes Herz erobert und mich, den
ältern Freund, in den Hintergrund gestellt. Aber sehr begreiflich, weil sie sich in
Stimmung und Ansicht begegnen. Carl Hardenberg hat uns seine Schrift: „Die
Pilgerschaft nach Eleusis,“ vorgelesen, die mein Freund sehr billigte, wenn er
gleich nicht Alles loben mochte. Dieser jüngere Bruder nennt sich in seinen
schriftstellerischen Arbeiten Rostorf, nach einem Gute in Sachsen, nach
welchem die eine Linie Hardenberg diesen unterscheidenden Namen führt. —
Eben so ist Novalis ein Gut, nach welchem die ältere Linie sich unterscheidet,
und welchen Namen unser Freund annahm, bloß deshalb, um sich nicht
Hardenberg zu unterschreiben. Wie viel Unnützes haben schlechte Köpfe, die
sich immerdar dem Bessern widersetzen, über diesen Namen Novalis gefabelt
und gewitzelt.
Solltest Du nun nach Allem, was ich erzählt habe, nicht glauben, mein
Reisegefährte Ferdinand sei katholisch geboren und erzogen? Allein nichts
weniger, er ist Protestant und aus einem protestantischen Lande. Der
wunderliche Wachtel, der sich die Miene giebt, ihn ganz genau zu kennen, ihn
aber doch vielleicht nicht immer begreift, behauptet mit seiner gewöhnlichen
Kälte und Sicherheit: wenn Ferdinand in einem katholischen Lande erzogen
wäre, oder wenn es nur schon Ton und Mode wäre, wie es vielleicht dahin käme,
sich katholisch zu dünken, so würde unser Schwärmer eben so extravagant ein
Protestant seyn. Ich lasse das dahingestellt seyn. Denn wer mag dergleichen
behaupten oder widerlegen?
Wir sind mit Hardenberg und seiner liebenswürdigen Frau nach dem
sogenannten Heilingsfelsen gefahren. Eine von jenen Sagen, mit denen die
Phantasie nicht viel anzufangen weiß, knüpft sich an diese Gegend. Die Spitzen
der Felsen sind grotesk und gleichen in der Ferne gewissermaßen menschlichen
Gestalten. Nun fabelt man, es sei eine Hochzeit, die plötzlich, mit allem Gefolge,
in früher Vorzeit sei versteinert worden. — Mich dünkt, der Vielschreiber Spieß
hat einen Geisterroman daraus gemacht. Diese gelesenen, beliebten Autoren
lösen in Deutschland einander nach gewissen Zeiträumen ab, und selten, daß der
neue Liebling besser als der abgesetzte Vorfahr ist. Dieselben Leser aber, die den
neuen Demagogen bewundern, können alsdann nicht fassen, wie der frühere
ihnen nur irgend etwas habe seyn können.
Man erlebt immer noch unerwartete, möchte man doch sagen wunderbare
Dinge. In einer geistreichen, vornehmen Gesellschaft, in welche wir ebenfalls
eintraten, als wir oben vom Hirschsprung zurückgekehrt waren, erhob sich
zwischen zwei Baronen, schon bejahrten Leuten, ein unerwarteter und lebhafter Streit. Der ältere meinte und behauptete, das Thal von Karlsbad übertreffe nicht
nur das Teplitzer bei weitem, sondern sei auch außerdem eine der schönsten
Gegenden in Deutschland. Ich habe wohl erlebt, daß man Bücher, Autoren,
Musiker und Schauspieler protegirt, und daß der Protektor seine Meinung, wenn
er ein Vornehmer ist, so zur Ehrensache macht, daß ihm keiner, höchstens etwa
ein Gleichgestellter, doch immer nur milde, widerspricht. Daß man aber in
demselben Sinne auch die Natur protegiren könne, war mir eine ganz neue
Erscheinung. Der Baron B. focht nun aber mit allen Waffen gegen Herrn A. für
sein geliebtes Teplitz, und behauptete, dieses sei ohne Bedenken durch seine
Heiterkeit, schöne Fernen, milde Luft und Bergfiguren dem elenden, bedrängten
und drückenden Karlsbad vorzuziehen, wo die nahen Berge wie die Mauern
eines Gefängnisses jedes Gemüth, das noch irgend Sinn für Natur habe,
beängstigten. Als die beiden Gegner immer empfindlicher wurden und sich mit
jeder Gegenrede schärferer Ausdrücke bedienten, wollte unser Wachtel den
Streit durch gutgemeinte Uebertreibung schlichten oder lächerlich machen,
indem er rief: „Meine Herren! Karlsbad, so wie Teplitz in Ehren! Aber, abgesehn
von aller partiellen Vorliebe, wo immer eine gewisse Einseitigkeit sich meldet,
auf die ein universeller Naturfreund, der ich zu seyn glaube, keine Rücksicht zu
nehmen hat, so glaube und behaupte ich gegen sie Beide: daß der Hirschsprung
dort oben schöner sei, wie irgend etwas in dieser Gegend oder bei Teplitz, ja in
ganz Deutschland wenigstens, um nicht Europa zu sagen. Aber zugegeben
selbst, Karlsbad sei ausbündig schön, wie schön dann der Hirschsprung, der hier
unbedingt und ohne Frage das Schönste ist. Von tausend und aber tausend
Malern ist nur Ein Rafael, der das Höchste und Vollkommenste erreicht hat;
unter seinen vielen Bildern muß Eins das vorzüglichste seyn; auf diesem
vorzüglichsten Tableau wird ohne Zweifel Eine Figur die beste seyn und — um
ganz vollständig das Argument zu endigen — auf und an dieser Figur wird die
Nase, der rechte Arm oder das linke Bein, oder wohl ein verkürzter Finger das
allerkunstreichste darstellen — und, Vortrefflichste, diesen Finger, oder die
Nase, oder was es nun sei, weise man mir nach, und ich bin in meiner
Ueberzeugung glücklich, und fühle mich im Mittelpunkt der Kunst und scheere
mich um den ganzen Rafael nichts mehr, die übrigen Sudler, Stümper oder
vollendete große Meister gar nicht zu erwähnen. Und so ist mir mein
Hirschsprung mein Delphi, mein Nabel der Erde.
Dieser Scherz aber, statt die Stimmung der Kriegführenden zu mildern,
erbitterte sie nur noch mehr, und er endigte, wie ich gleich fürchtete, mit einer
Ausforderung. Zum Glück ist die Sache gut abgelaufen, die Kugeln sind ganz
nahe dem Ziele vorbei gegangen, ohne zu verletzen, und der Teplitzer Fanatiker
ist nach seinem Lieblingsorte unmittelbar nach dem Kampfe abgereist, indem er in das Fremdenbuch seine Verachtung der hiesigen Gegend mit starken
Ausdrücken eingezeichnet hat. —
Kann ein Gebildeter, so hat Baron A. diese Schmähung im Gastbuche zu
widerlegen gesucht, so unbillig seyn, die Natur entgelten zu lassen, was bloß
seine eigne Verstimmung, oder sein Mangel an Sinn verschuldet hat? Die
Engherzigkeit kann kein Urtheil fällen, am wenigsten über ein Geheimniß, und
ein solches ist und bleibt die Schönheit der Natur. Der Krittler wird immer mit
ihr über den Fuß gespannt seyn.
O wie wahr! sagte Wachtel zum Schreibenden, denn nun verstehe ich erst,
warum ich diesen meinen lieben Hirschsprung allen Dingen in der Welt
vorziehe. Meine Vorliebe ist eigentlich das Herz und der Kern der Ihrigen, Herr
Baron, wie dieser Felsen nur ein Theil des Ganzen; darum kann meine Liebe
aber auch um so inniger seyn, weil sie sich durch nichts zerstreuen läßt. —
Doch genug von diesen Thorheiten; der gute Wachtel, so habe ich entdeckt,
liebt den Wein noch mehr, wie irgend eine Schönheit in Kunst oder Natur. Er
absentirt sich oft und huldigt im Geheim seiner Leidenschaft. Besonders ist es
die sogenannte Mennische Essenz, ein vortrefflicher rother und süßer
Ungarwein, der sein Herz ganz gewonnen hat. Ferdinand sieht ihn nachher oft
mit seinen großen braunen Augen an, und kann aus den Faseleien und wilden
Reden nicht klug werden, die Wachtel dann ohne Kritik und Aengstlichkeit von
sich giebt. In diesem halben oder ganzen Rausch scheint sich dieser wunderliche
Mensch am meisten zu gefallen. —
Nächstens mehr, und hoffentlich eine bestimmte Nachweisung.
———
Die drei Reisenden, welche man jetzt schon die drei Freunde nennen konnte,
nahmen von dem trefflichen Hardenberg Abschied und reiseten den folgenden
Tag bis nach Eger. Hier fällt der große stämmige Menschenschlag auf, sowie die
dürre, kalte und unfreundliche Gegend. Man besuchte, aus Verehrung gegen den
großen Dichter noch am Abend das Haus, in welchem Wallenstein war ermordet
worden. Am folgenden Tage fuhr man über Thiersheim nach Wunsiedel und
Sichersreuth, dem Bade, welches Alexanderbrunnen genannt wird. Hier ruhten
die Freunde bei stechender Mittagshitze aus und erfreuten sich an der
sonderbaren Gegend und Aussicht. Die Natur zeigt sich hier wild, man möchte
den Ausdruck einen trotzigen nennen; dazwischen erfreuen Wald und grüne
Wiesenstellen, und wunderbar zeigt sich die nahe Luxburg und der Burgstein. In
diesem wundersamen Geklipp und durcheinander und übereinander geworfenen
und kühn geschleuderten Felsenmassen erhebt sich das Gemüth in der Einsamkeit der unabsehbaren Tannenwälder zu den kühnsten Träumen. Ein
poetisches Grauen weht in diesen Klüften und auf den steilen Höhen.
Diese Seltsamkeiten des Fichtelgebirges, die Nähe von Wunsiedel, die
barocke Gestalt der Natur, die doch nicht ohne Lieblichkeit ist, führte das
Angedenken der Freunde von selbst auf ihren geliebten Jean Paul Richter. Man
sprach viel über diese echt deutsche Natur und über seine wundersamen Werke,
deren Ruhm sich mit jedem Jahre mehr in Deutschland verbreitet hatte. Mehr
noch traten und glänzender die Gestalten der hohen Reisenden hervor, die
kürzlich hier gewandelt hatten. Der Name des Königs von Preußen und seiner
schönen Gemahlin war in Aller Munde. Alt und Jung rühmten die Milde und
Herablassung, die Holdseligkeit der edeln Frau, und wo man nur einen
merkwürdigen Fleck des Gebirges betrat, waren Spuren, Namen, Denksprüche
der Einwohner, um den Regierern die Verehrung und Liebe der gerührten Herzen
zu wiederholen. Wie hatte sich seit zehn Jahren die Stimmung hier und
allenthalben im Baireuthschen geändert. Denn damals ging das Volk nur ungern
zur preußischen Herrschaft über. Jetzt fand man sich beglückt und Alle sahn mit
Vertrauen und fester Liebe zu ihren Herrschern hin; und die Reise des Königs
und der Königin hierher hatte die Gemüther aller Einwohner noch mehr erhoben.
Als man sich am andern Morgen auf dem Wege nach Baireuth befand, sagte
Ferdinand: sonderbar ist es, Freunde, daß man immer, wenn man die Stätte selbst
betritt, wo eine merkwürdige Geschichte vorgefallen ist, wo ein großer Mann
wandelte, sich in der Regel abgekühlt und ernüchtert fühlt. Es ist, als wenn die
Phantasie ohne Nachhülfe der Wirklichkeit die Sachen viel besser und passender
verarbeitet. So hat mir in Eger das Haus des Bürgermeisters, in welchem der
Feldherr ermordet wurde, nur einen trüben Eindruck gemacht. Schiller’s tönende
Reden und ergreifenden Scenen wollen sich nicht recht in diese Localität fügen;
man wird durch diese Umgebung herabgestimmt und das tragische Gefühl sinkt
dort zur peinlichen Empfindung eines widerwärtigen Meuchelmordes herab.
Ja freilich, antwortete Wachtel, ist es fast immer so und kann auch nicht
anders seyn. Die meisten Menschen prickeln und kneifen dann an ihrem
lamentirenden Herzen, um sich hinaufzuschrauben. Ein Anderes ist es freilich, in
dem schönen Sanssouci zu wandeln und an Friedrich den zweiten zu denken; die
Wiesen zu betreten, die sich am Avon bei Stratford hinziehn und sich dort
Shakspeare als Knabe und Mann vorzustellen. Hier läßt uns die Natur frei
dichten. Kirchen, wie der Strasburger Münster, Schlösser wie das zu Warwick,
erheben, indem sie große Kunstwerke sind, das Gemüth auch, wenn es sich dort
Geschichte und Sage vergegenwärtigt; aber so ordinaire Fleckchen, Häuser,
dunkle Zimmer, Kirchhöfe, stimmen herab. Unser lieber wunderlicher Jean Paul
hat mir oft erklärt, er schildere die Gegenden am liebsten, die er niemals gesehn, würde auch den Anblick derselben vermeiden, weil ihn die Wirklichkeit nur
stören möchte.
Ferdinand hatte eine große Vorliebe für Berneck und die Uebrigen erstiegen
mit ihm die Ruine. Hinter Berneck tritt man in die Ebene und hatte nur zuweilen
den Rückblick auf das Fichtelgebirge. Als man in Baireuth zu Mittag gegessen
hatte, begab man sich nach dem Garten, der Eremitage. Hier war Ferdinand sehr
unzufrieden, weil man Vieles geändert hatte, um in dieser sonderbaren
Composition, die aber nicht ohne poetischen Sinn entstanden war, einige
sogenannte englische Partien hineinzubringen, die den gut geführten
französischen Anlagen ganz unharmonisch widersprachen. Es war aber noch so
viel des Schönen übrig geblieben, daß die Freunde in dem warmen
Sommerwetter sich sehr behaglich in diesen grünen Laubengewölben ergingen.
Bald wandelte man, bald setzte man sich nieder, und da der Garten von
Menschen nicht besucht war, so konnten sie ungestört von den Werken ihres
Freundes, Jean Paul, sich unterhalten. So sehr sie ihn bewunderten und lobten, so
kamen doch Alle darin überein, daß man der Kunst und Poesie Unrecht thue,
wenn man seine wundersamen Bücher Romane nennen wolle. Ein Roman sei
ohne besonnene Kunstanlage unmöglich, und die Plane Richter’s seien so
willkürlich, unzusammenhängend und von Laune und Eigensinn gesponnen, daß
gerade die scheinbare Einheit, der precaire Zusammenhang um so mehr verletze,
um so mehr er oft mit falscher Künstlichkeit berechnet sei. So, fuhr Walther fort,
haben wir wohl nur einen wahren Roman in deutscher Sprache, unsern Wilhelm
Meister, den man nie genug studiren kann.
Wachtel sagte: dieser Wilhelm verdient gewiß alle Achtung, wenn man ihn
nur nicht gegen den einzigen Don Quixote messen will. Dieses große Kunstwerk
steht nun jetzt seit zwei Jahrhunderten als ein unerreichtes und als ein Musterbild
da. Nicht als Muster insofern, daß andre Romane diesem ähnlich seyn sollten,
sondern als Vorbild, wie jeder in seiner Welt, die er darstellt, in seinem Zweck,
den er verfolgt, so durchaus ein Ganzes und Befriedigendes seyn könne und
müsse.
Man hat an diesem herrlichen Buche, fiel Walther ein, ohne Noth so viel
getadelt, was der weise Autor doch gerade mit vielem Bedacht seiner
sinnreichen Geschichte eingewebt hat. Zum Beispiel kommen nicht die meisten
Kritiker darin überein, die musterhafte Novelle des Neugierigen sei überflüssig
und störend? Unser lieber Manchaner selbst, so treu, edel und herzhaft er ist,
nimmt sich etwas vor, das, obgleich es schön und herrlich ist, es auszuführen er
keine Mittel besitzt. Dieses Kämpfen für Recht und Unschuld, dieses Ritterthum
und Kriegführen, wie er es sich vormalt, war aber auch zweitens niemals so in
der Welt und konnte niemals so da seyn. Auch ein Herkules oder ein Amadis, mit allen Kräften und Tugenden ausgestattet, müßte einer solchen wahnsinnigen
Aufgabe des Lebens erliegen. Nur hie und da, in verschiedenen Zeiten und
Ländern, that sich etwas, mehr oder minder, von dieser poetischen Ritterwelt in
der wirklichen Geschichte hervor. Die Phantasie des ebenso braven als
poetischen Manchaners ist durch jene Bücher verschoben, die schon längst der
Poesie ebenso sehr wie der Wahrheit abgesagt hatten. Das, was noch in ihnen
poetisch war, oder jenes Phantastische, was das Unmögliche erstrebte, sowie die
schönen Sitten der Ritterzeit, alles Dies durfte der ehrsame Herr Quixada wohl
in einem feinen Sinne bewahren, ja sich zu jener adligen Tugend seines
eingebildeten Ritters hinan erziehn; — wenn er nicht darauf ausgegangen wäre,
diese Fabelwelt in der wirklichen aufzusuchen und in diesem von Sonne und
Mond zugleich beschienenen Gemälde den Mittelpunkt und die Hauptfigur
selbst zu formiren. Er war aber im Recht, wenn er, manchen seiner Zeitgenossen
entgegen, die Lichtseite und die Poesie jener entschwundenen Zeit und Sitte
würdigte, wenn er sich selbst als Dichterfreund an dem ganz Thörichten und
Phantastischen seiner Bücher ergötzte. Nun aber zog er aus, alles Das, was ihm
begeisternd vorschwebte, selbst zu erleben; jenes unsichtbare Wunder, welches
ihn reizte, wollte er mit seinen körperlichen Händen erfassen und als einen
Besitz sich aneignen.
Sehr richtig, erwiederte Ferdinand, und deshalb ist die getadelte Novelle des
Neugierigen nur ein tiefsinniges Gegenbild, welches von einer andern Seite die
Thorheit des Manchaners erläutert. Auch Anselm will das Unsichtbare, welches
wir nur im edlen Glauben besitzen, sichtbar, körperlich in der Hand haben; das
Richtige, Irdische soll ein Himmlisches vertreten und ihm die Gewähr der Treue
und Liebe seyn. So zerstört er durch Aberweisheit, durch impertinente
curiosidad, was wir nicht übersetzen können, die Keuschheit und den Adel
seines Weibes, die ohne diese Anfechtung wohl nie jene List und schreckliche
Kunstfertigkeit, die widerwärtigen Feinde der reinen Unschuld, in sich
entwickelt hätte. Zweifel also auf der einen Seite, und ein thörichtes Bestreben,
das Unsichtbare sichtbar zu machen, zerstören so einen geistigen Schatz, jene
Treue, die der Zweifler eben so mit Recht Aberwitz schilt, wie der edle Glaube
sie für felsenfest ansieht und durch eigene Kraft ihr die Unerschütterlichkeit
mittheilt.
Wir sind hierüber einverstanden, antwortete Walther, geht es Ihnen aber,
theurer Ferdinand, nicht vielleicht eben so? Ihre aufgeregte Phantasie würdigt
die schöne und bildreiche Seite des katholischen Cultus, Sie sind in unsern
späten Tagen von jener Rührung durchdrungen, die einst kräftige Jahrhunderte
begeisterten. Seit kurzem ist ein religiöser Sinn bei jungen Gemüthern in
Deutschland wiedererwacht, Novalis und dessen Freunde sprechen, reimen und
dichten, um das verkannte Heilige in seine Rechte wieder einzusetzen; aber diese
Anerkennung, diese süße Poesie des stillen Gemüthes in der Wirklichkeit suchen
oder erschaffen wollen, scheint mir ganz derselbe Mißverstand zu seyn, den wir
eben charakterisirt haben.
Sehr wahr, warf sich Wachtel eifernd dazwischen, — wie schön ist es, wie uns
Herder einmal auf den tiefen und rührenden Sinn mancher Heiligenlegenden
hingewiesen hat; nachher hat der romanhafte Kosegarten einige mit mehr oder
minder Glück vorgetragen. Im vorigen Jahre sah ich den Verfasser der Genovefa
und des Oktavian wieder und er erzählte mir von einem Buch und zeigte mir
einige Blätter davon, welches denselben Gegenstand behandeln sollte. Die
Einleitung und Form war nicht unglücklich. In einem schönen Gebirgslande
verirrt sich ein edler Jüngling, der ganz in der zweifelnden Aufgeklärtheit seiner
Zeit erzogen, aber dabei schwärmerisch verliebt ist, in der Einsamkeit des
Waldgebirges. Unvermuthet trifft er auf einen einsiedelnden Greis, der den
Ermüdeten in seine Zelle aufnimmt und ihn erquickt. Des Alten Freundlichkeit
gewinnt das Herz des jungen Mannes und sie werden ganz vertraut mit einander.
Ueber den Beruf der Einsiedler, über die Wunder der Kirche, über die Legende
und Alles, was sich in diesem Kreise bewegt, verwundert sich der Jüngling und
kann es nicht unterlassen, auf seine Weise zu spotten und mit Witz des Zweiflers zu verhöhnen. „Wie? ruft der Greis dann aus, Du bist in Liebe entzündet, Du
schwärmst für Deine Sophie und kannst doch kein Wunder fassen? Ist die
Blume, das Band, welches Dein Mädchen berührt, die Locke, die sie Dir
geschenkt hat, nicht Reliquie, empfindest, siehst Du an ihnen nicht Licht und
Weihe, die kein andrer Gegenstand Dir bietet? Wo Du mit ihr wandelst, ist
heiliger Boden, wenn sie Dir die Hand oder die Lippen zur Berührung reicht,
bist Du verzückt, — und doch verkennst Du in der Geschichte der Vorzeit den
Ausdruck dieser Liebe, in den seltsamen Entwicklungen begeisterter Gemüther,
bloß weil sie diese Sehnsucht und Herzenstrunkenheit nicht auf ein Weib
hingelenkt haben?“ — Der Jüngling wird nachdenkend und besucht den Alten
nun, so oft er die Stunde erübrigen kann. In diesen Zeiträumen erzählt ihm der
Greis jene wundersamen Legenden von Einsiedlern, Jungfrauen, Männern und
Kirchenältesten, die ihr ganzes Gemüth der Beschauung des Himmlischen, der
Entfaltung jener geheimnißvollen Liebe widmeten. Diese Kämpfe des Zweifels,
diese Erscheinungen aus fremder Welt, diese uns unbegreiflichen Aufopferungen
werden nach und nach vorgeführt, wo sich aus dem Erzählten selbst die
Erklärung und das Verständniß ergiebt. Nach einigen Monaten kommt der junge
Liebende wieder zum Greise und dankt ihm, wie einem Vater, der ihm den Geist
geweckt und ihm ein neues Leben erschaffen habe; er sei darum auch
entschlossen, in den Schooß der alten Kirche zurückzukehren. „Nein, ruft der
Greis bei dieser Erklärung, verwechsele nicht diese unsichtbare Liebe, mein
Sohn, mit den Zufällen der Wirklichkeit. Du würdest, anstatt des Göttlichen, nur
die Schwachheit unserer Priester kennen lernen. Wozu, daß Du Deine innern
Entzückungen, die im Geheimniß Deiner Brust Wahrheit und Bedeutung haben,
in die kalte Wirklichkeit verpflanzen willst, an welcher sie erstarren und
verwelken müssen?“ So rieth ihm derselbe Greis ab, der ihn erst in die Liebe und
Bedeutung jener Visionen eingeweiht hatte. — Und ich wende das Resultat jenes
noch nicht erschienenen Buches wieder auf Dich an, mein Ferdinand. Das erste
Wahrnehmen, der Blick der Begeisterung, die Aufregung der Liebe findet immer
und trinkt den reinen Brunnquell des Lebens; — aber nun will der Mensch im
Schauen das Wahre noch wahrer machen, der Eigensinn der Consequenz
bemächtigt sich des Gefühls und spinnt aus dem Wahren eine Fabel heraus, die
dann oft mit den Wahngeburten der Irrenhäusler in ziemlich naher Verbindung
steht.
Somit wäre also, rief Ferdinand aus, der Indifferentismus, der nur Alles
gesehn und erfahren hat, nichts aber seinem Gemüthe sich einbürgern läßt, die
höchste Weisheit und Menschenwürde! Es kann aber die Zeit kommen, in
welcher edle Geister sich wieder öffentlich zu dieser Kirche, dem alten, echten
Christenthum bekennen.
Möglich, sagte Walther, wüßte man nur bestimmt und klar, welches das älteste
Christenthum sei. Jeder deutet sich die Sache in seiner Weise aus. Auch möglich,
daß die jetzt vergessenen Pietisten durch diese religiöse Anregung und
Begeisterung wieder erwachen; vielleicht giebt es in einigen Jahren deutsche
Puritaner und Methodisten. Die geistige feine Linie, auf welcher hier das Wahre
und Schöne schwebt, kann so leicht hüben und drüben überschritten werden; —
und bemächtigt sich erst die Menge, die Leidenschaft, die Turba dieser Vision —
welche Religions-Manieristen mögen da noch zum Vorschein kommen, wenn
nicht sogar Verfinsterung und Verfolgung, Inquisition und Haß von katholischen
Priestern und vermeintlich orthodoxen Protestanten wieder gepredigt wird. —
Das scheint aber wohl, daß Verliebte in ihrer erhöhten Stimmung mehr der
katholischen, als einer andern Kirche zugeneigt seien, und daß Sie, lieber
Ferdinand, ein Verliebter sind, habe ich Ihnen angefühlt, seit wir uns dort hinten
auf der Oder zuerst kennen lernten.
Ferdinand ward blutroth, und verleugnete schwach und stotternd die Anklage.
Er ist eigentlich kein Jüngling mehr, sagte Wachtel, aber seit ich ihn kenne, ist er
immerdar verliebt gewesen. Doch so tief, wie er jetzt seyn mag, ist es ihm wohl
noch niemals ins Herz gegangen, denn er ist bedenklich und viel tiefsinniger und
launenhafter als in ältern Zeiten.
In einer schönen Mondnacht fuhren die Freunde von Baireuth ab und kamen
früh, schon vor Sonnenaufgang, in Streitberg an. Sie bestiegen die Berge und
besuchten die merkwürdigen Höhlen. Ferdinand, der, wie die Uebrigen, die
Gegend schon kannte, war wie trunken von der schönen Natur. Ueber
Ebermannstadt näherte man sich dann der Ebene; hinter diesem Orte sind die
Wege so schlecht, daß man einen Vorspann von Ochsen herbeiholen mußte, um
aus der versumpften Stelle den nicht schweren Wagen fortbringen zu können.
Hinter Bayersdorf streckt sich die sandige Ebene aus und man sieht ein
großes, wüstes Schloß, welches in neuem Styl errichtet, aber nicht ausgebaut ist
und als wunderliche Ruine dasteht.
Sehr begierig bin ich, so erzählte Ferdinand, hier einen ehemaligen Bekannten
wieder aufzusuchen. Ich war ihm vor geraumer Zeit begegnet, und so kam er vor
einigen Jahren wieder zu mir; er ist gelehrt und ein Enthusiast für die
Dichtkunst; er läßt aber nur einzig und allein die Griechen aus der großen Zeit
für Dichter gelten, und unter diesen stellt er wieder seinen Liebling Sophokles
allen voran. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, daß er diesen auswendig
weiß. Er kennt alle Commentatoren seines Freundes genau, er ist unermüdet, ihn
zu studiren und die schwierigen Stellen zu erklären, so daß wir von diesem Eifer
gewiß schöne Früchte erwarten dürfen. Dieser wackre Termheim, denn so heißt
er, hat aber gar keinen Sinn für die Schönheiten der Neueren; oder vielmehr, er behauptet, sie, von seinem Standpunkte aus, zu verstehn und von dort ihre
Nüchternheit und Verwerflichkeit einzusehn. Er belächelt mitleidig Diejenigen,
welche den Shakspeare bewundern; er behauptet, die Barbarei dieses
Naturkindes sei höchstens für den Psychologen interessant, der von seiner Stelle
diese Waldnatur allenthalben zurecht weisen könne. Die Leidenschaften fast
pathologisch richtig zu schildern, sei noch lange nicht hinreichend, um sich der
Schönheit auch nur von fern zu nähern. Die Großheit der Alten habe recht
geflissentlich alles das verschmäht, worauf die Neuern ihren Stolz gründen
wollten. Unsern Göthe nennt er nur eine Ausgeburt neuester Kränklichkeit, der,
zu schwach, das Große und Starke zu erfassen, und zu vornehm, um die
eigentliche Gestalt des Lebens zu verstehn, in einer unsichern, schwankenden
Mitte nur der Verzärtelung fröhne. Das klare Aetherlicht, der Hinüberblick über
die Natur und Welt, jene gesunde Freiheit des Menschen, der Alles sieht und
fühlt und sich nur dem Besten befreundet, sei nur in Homer, Pindar, Aeschylus
und Sophokles zu finden, in Herodot, Thucydides, Plato und Aristoteles; mit
Euripides und Xenophon melde sich schon das Krank- und Schlaffwerden der
edeln Lebenskräfte. Unter den Neueren kann fast einzig und allein unser
Winkelmann bei ihm Anerkennung finden.
Wenn dieser gelehrte Mann, sagte Wachtel, kein Pedant ist, so ist er ein Narr,
der auch mehr vor das Forum der Pathologie, als der Kritik gehört.
Sein wir nicht so unbillig, erwiederte Walther, es kann wohl seyn, daß ein
innigstes Durchdringen, ein tiefsinniges Anerkennen der echten Schönheit den
Blick für die nah verwandte, wie vielmehr für die entfernte, abstumpft.
Das leugne ich eben, sagte Wachtel, die neue Zeit muß uns die alte, und
umgekehrt die alte die neue erklären. Es sind zwei Hälften, die sich, um ein
echtes Erkenntniß zu gewinnen, nicht trennen lassen. Solche absprechende,
hochmüthige Einseitigkeit kann nur so sicher und stolz in sich selber ruhn, wenn
ein völliger Mangel an Kunstsinn jeden Zweifel, wie jede tiefsinnigere
Untersuchung unmöglich macht.
Spät nur kamen sie in Erlangen an. Dieser fränkische Kreis, sagte Wachtel im
Gasthofe, bildet eigentlich das ganze Deutschland recht hübsch im Kleinen ab.
Hier sind wir nun wieder in der sandigen Mark Brandenburg; Tyrol im Kleinen
ist nicht fern, der Rhein und die Donau werden von dem artigen Mainstrom recht
hübsch gespielt, und Schwaben und Baiern liegen in den fruchtbaren und
heiteren Landesarten dieses anmuthigen Kreises, in welchem die Physiognomie
der Natur immer so schnell wechselt. Ich habe immer den Instinkt oder die
Einsicht unsers alten Maximilian bewundern müssen. Wie er sich zur
Martinswand hinauf verirrt hatte, stand er ziemlich hoch, vielleicht ist ihm in der
Todesangst die Eingebung gekommen, sein deutsches Reich so richtig in zehn Kreise einzutheilen, wo in jedem Natur und Menschenstamm sich so bestimmt
von benachbarten absondern; oder die dortige Vogelperspektive gab ihm den
richtigen Ein- und Ueberblick.
Am folgenden Morgen machte ein jeder der Reisenden seine Besuche.
Walther erhielt einen Brief, indem er allein war, und sowie er ihn öffnete, rief er:
ha! in Bamberg also! Endlich doch eine bestimmte Hinweisung. Ferdinand hatte
seinen älteren Freund, den Professor Mehmel, besucht, wo er die Bekanntschaft
des reformirten Pfarrers Le Pique machte, zu dessen warmer Herzlichkeit er sich
sogleich hingezogen fühlte.
Nachmittags gingen die Freunde zu dem griechischen Gelehrten Termheim. Er
freute sich sehr, Ferdinand wiederzusehen, indem er sich, ganz erhitzt, aus einem
Schwall von Büchern und Papieren erhob. Jetzt werden wir einig seyn, rief er
dem Freunde zu, wie sehr hatten Sie Recht, Verehrtester, mich wegen meiner
einseitigen Bestrebungen zu tadeln. Jetzt begreife ich erst Ihre Natur,
Freundlichster der Menschen, denn gewiß müssen wir uns unter dem Nächsten
umsehn, um uns mit dem Fernen zu verständigen.
Erlauben Sie, unbekannter Herr, fiel Wachtel ein, ich will gewiß keine
Blasphemie sagen, aber Sie verstehn mich wohl, wenn ich den Spruch hierauf
anwende: wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben,
den er nicht sieht? — Die Neueren, von Dante an, Ariost, dann Shakspeare und
besonders unser Göthe, alle Diese sind unsre Brüder und Gespielen, mit uns
aufgewachsen, und wenn ich von Denen nichts begreife, die doch in demselben
Elemente mit mir hantiren, — wie soll ich jene fassen, die mir durch
Jahrtausende entrückt sind?
Sehr wahr, rief der Begeisterte aus, und so freuen Sie sich denn mit mir, Sie
fremder oder längstgekannter Freund, daß unser Werth mir endlich aufgegangen
ist; ich habe ihn, den Deutschen, nun endlich ausgefunden, der die Griechen
überwiegt und übersieht.
So haben Sie, rief Ferdinand, Göthe’s schöne Natur endlich verstanden? Wenn
Sie auch sein Lob übertreiben (und kann man wohl einen so großen Mann
überschätzen?), so freue ich mich doch, daß wir jetzt, nach Jahren, endlich
derselben Ueberzeugung geworden sind.
Göthe! rief der Gelehrte mit einem sonderbaren Ausdruck des Unwillens aus,
— dieser verstimmte, kranke Geist! Nein, so sehr werde ich mich nie vergessen,
diesen über meine angebeteten Griechen zu erheben.
Nun, fragte Ferdinand sehr gespannt, wer ist es denn also von unsern
Deutschen, der Ihnen das Verständniß eröffnet hat?
Und Sie zweifeln noch? rief jener; kann man so verblendet seyn? Sehen Sie
denn nicht hier die vielen Bände seiner unvergleichlichen Werke? Wer als der einzige, unvergleichliche Kotzebue kann mit den Heroen der Welt um die Krone
ringen? Unablässig, tief in die Nächte hinein, studire ich jetzt die begeisternden
Productionen dieses Genius. Seine Schalkheit, sein Witz, seine Darstellung der
Leidenschaften, seine Charakterzeichnung der Menschen aus allen Ständen und
Ländern, die Malerei seiner naiven Mädchen, das tiefe Gefühl der Liebe, die
Scenen der Armuth und des Erbarmens, diese lächerlichen Personagen, die doch
nicht übertrieben sind, die Mutter-, die Kindesliebe, die Kenntniß der Vorzeit,
Alles, Alles, was man nur als rühmlich erwähnen kann, vereinigt dieser Geist in
seinen Werken und überflügelt durch seine Vielseitigkeit Sophokles und alle
Griechen.
Gewiß! rief Wachtel, der sich zuerst von seinem Erstaunen erholt hatte, diese
Griecherei ist nur eine Kriecherei und Kotzebue kann künftig als Fluch oder
Betheuerung dienen, wie man wohl mißbräuchlich Kotzsapperment! oder
Kotzelement statt Gottes Element auf ungezogene Weise sagt.
Mehr als verwundert über diese neue Lehre gingen die Reisenden in ihren
Gasthof zurück.
———
In Erlangen war am Johannistage ein Student beim Baden ertrunken. Die besten
Schwimmer hatten ihn nicht retten, die künstlichen Mittel den Jüngling nicht ins
Leben zurückrufen können. Man war einem alten, angesehenen Manne böse,
welcher Alles für unnütz erklärt hatte, weil jeder Fluß an diesem bedenklichen
Tage sein Opfer fordere. Die jüngern Leute vorzüglich schalten mit Heftigkeit
auf solchen Aberglauben, der in manchen Gegenden den gemeinen Mann wohl
selbst hindere, rettend beizuspringen. Wachtel bemerkte, daß es in Deutschland
noch immer Provinzen und Städte gebe, wo der Bürgersmann des festen
Glaubens sei, daß am Johannistage einer aus dem Orden der Freimaurer vom
Teufel geholt werde. Als man bei Le Pique, dem verständigen Pfarrer
versammelt war, wo sich der scharfsinnige Naturforscher Serbeck, sowie der
Professor Mehmel eingefunden hatten, hielt, nachdem viel über die Fortschritte
in jener Kunst gesprochen war, durch welche Scheintodte wieder zum Leben
gefördert werden können, Wachtel folgende Rede:
Verehrte Gesellschaft und präsumtive Zuhörer!
Ich will gewiß nicht zurückbleiben, die Größe unserer Zeit anzuerkennen,
blicken wir aber rückwärts, um nicht zu einseitig zu werden, so gebe ich mich
für den Geschichtschreiber, oder Bemerker, oder Würdiger einer nicht ganz neuen, aber noch eben nicht besprochenen Kunst — der Kunst nehmlich, die
Scheinlebendigen zu tödten.
Es sei mir erlaubt, von unsern Vorfahren anzuheben. Ehe die Welt, nehmlich
unsere Erde und ihre atmosphärischen Pertinenzien zur Schöpfung, wie der
Rahm, zusammengeronnen war, gab es, dem Sein gegenüber, ein Nichtsein. Von
diesem Nichtdaseienden wurde lange Zeit keine Notiz genommen, denn es
machte sich nicht merkbar. Leiber und Geister trieben ihr Wesen hand- und
fußgerecht, und man lebte so recht frisch auf Gottes Güte und in den alten Kaiser
hinein, als wenn diese Zeitlichkeit schon die reelle künftige Ewigkeit wäre.
Neben kräftiger Tugend und vielfachen Thaten nahmen sich Uebermuth und
Laster denn freilich auch Vieles heraus, und wie rüstige Kupferschmiede
hämmerten Gute und Böse mit leidenschaftlichem Treiben auf das Leben los,
daß Propheten und fromme Menschen oft dachten und weissagten, die ganze
Schöpfung müsse zusammenbrechen. Jahre kamen, Jahre gingen. Schwermuth,
Empfindsamkeit, Sentimentalität, Ohnmacht und Unkraft zu Tugend oder Laster
gingen im Schwange: — es war nehmlich die Zeit gekommen, wo sich das uralte
Nichts allgemach in das Dasein eingeschustert und eingeschlichen hatte. Ich
konnte aus der Welt und meinen sonst löblichen Nebenmenschen nicht klug
werden, bis mir denn ein Seherblick einmal in einem merkwürdigen Traume
aufging. Im Orbis Pictus hatte ich in meiner Kindheit mir wohl die Umrisse in
feinen Punkten eingeprägt, welche in jenem Buche die Formen der Seelen
ausdrücken sollten. Wie ich also im Traume meinen Guide, einen weisen Geist,
nach dem Zustande der Dinge fragte, that mir dieser mein inneres Auge auf, und
— o Jupiter! o Gemini! wie sah ich Alles anders! Viele Menschen waren robust,
voll, kurz angebunden, von sich und ihrer Meinung überzeugt. Andere thätig im
Gewerk und Landbau, — aber Unzählige liefen, von allen Ständen und Altern,
so als fein gepunktete Schaaren herum, nichts wissend, wollend, denkend, aber
sich vieler Dinge anmaßend. Wundre dich nicht, sagte mein Engel oder was
mein Führer seyn mochte, über diese Entdeckung, welche du jetzt machst. Es ist
nicht ohne, daß die Welt allgemach wieder ihrem Untergange entgegenwandelt.
Die Nichtigkeit hat sich in alle Räder und Schwungtriebe der großen Maschine
eingeschlichen. Der Mensch war als der Mittelpunkt mit seiner Kraft hingestellt,
um den Körper der Welt, damit er niemals ein Leichnam werde, frisch zu
erhalten. Jetzt werden es, ich weiß nicht wie viele Jahre seyn, daß die
Menschheit auch mit Nullitäten angefüllt ist. Alles das Punktirte, was du
wahrnimmst, sind Leiber ohne alle Seelen. Diese Körper stellen sich nur
lebendig an und führen ein Scheinleben.
Abscheulich! rief ich aus: ich sehe fast mehr Tättowirte, als wirkliche
Menschen. Kann die Vorsehung denn dergleichen zugeben oder gestatten?
Die Vorsehung, erwiederte mein geistlicher Präceptor, bedient sich in allen
Dingen mittelbarer Mittel, und greift niemals persönlich in ihr geschaffenes,
vielseitiges Getriebe. So hat sie denn, damit diese Scheinlebendigen nicht am
Ende alles wirkliche Leben verdrängen und allein von der Erde Besitz nehmen,
Gesetzgeber, Fürsten und echte Volkslehrer inspirirt, die sich, so viel es möglich
ist, diesem Unwesen widersetzen und das Reich der Nichtigkeit auf verschiedene
Weise zu zerstören suchen.
Recht! Recht! sprach ich eifernd: o groß ist Allah! würde der Muselmann hier
ausrufen. — Da war eine sehr weise Cantoneinrichtung, wo die Punktirten,
Nichtigen, die Eindringlinge so von Lieutenants, Fähndrichen und
Unteroffizieren tribulirt, gehänselt, geplagt und ganz simpel geprügelt wurden,
daß wirklich viele von diesen Scheinlebenden die Geduld verloren und sich
wieder aus dem Staube machten. Ob ein Knopf so oder so saß, die Binde um den
Hals um das Sechzigtheil eines Zolles zu niedrig oder zu hoch war, war ein
Capitalverbrechen. Was man nur an dem Volke zwicken und kneifen konnte,
geschah redlich, und ich mußte nur mit innigem Bedauern sehen, daß auch
wirkliche lebendige Menschen von der übrigens weisen Anstalt molestirt
wurden. Liefen die Kerle etwa davon und wurden wiedererhascht, so war ihnen
eigentlich das Leben abgesprochen; die Gnade erhielten, wurden so mit Ruthen
gestrichen, daß sie auch oft die Verstellung aufgaben, die Maske fallen ließen
und wirklich starben. O wie trefflich fand ich die Schulen und Universitäten
versorgt! Eine so fürchterliche Langeweile wurde mit Kunst da vertrieben, daß
eine eiserne Geduld dazu gehörte, um sich nicht in diesen sogenannten
Wissenschaften sterben zu lassen. Half Alles nichts, so wurden die Scheinseelen
nachher noch examinirt, und von neuem ins Examen genommen, und wieder
geprüft, daß Viele wirklich sich während dieses Examinirens davon machten.
War aber Alles umsonst, so hatte man eine wundersame Art von Bündel
erfunden, die man Akten nannte und die sich unsterblich immer vermehrten und
vermehrten, diese wurden den Gequälten ins Haus geschickt, um wieder neue
Akten daraus zu machen, so daß sehr viele zu sterben sich entschlossen. Nun gab
es außerdem noch Trinkstuben, wo man mit Verstand schlechten Wein und noch
schlechteres Bier fabricirte, um das elende Volk zu vergiften. Von dem
Branntwein, der noch schneller wirkte, brauche ich gar nicht einmal zu sprechen.
Hübsch war es auch, daß das Spazierengehen und die Freude an der Natur war
erfunden worden, um das unnütze Volk aus dem Wege zu räumen: denn schon in
den Schulen wurde es den Kindern beigebracht, daß sie sich ja regelmäßig
erkälten müßten, weil es so möglich war, daß sie doch irgend einmal am
Naturgenuß erstarben. Oft blitzte es in den punktirten Nichtseienden: es kam wie
ein Bewußtsein über sie, daß sie leere Särge wären, es schien, als wollten sie sich zu Tausenden ermannen, um wie die Fliegen hinzufallen, damit das nüchterne
Spiel nur aus sei. Es wäre auch wohl geschehen, und die Staatstabellen würden
über die ungeheure plötzliche Sterblichkeit gewinselt haben, — aber da gab es
eine höllische Erfindung, die ihnen trotz Prügel, Akten, Examen, Naturgenuß,
Bier und Branntwein dennoch dies lumpige nicht lebendige Leben wieder
annehmlich machte — sie rauchten nehmlich Tabak, um sich von dem
entsetzlichen Gedanken, der sie befallen hatte, daß es ein wirkliches Leben gebe,
wieder zu erholen und zu zerstreuen. — Ich sah nun ein, daß diese
Tödtungsanstalten in jeder Hinsicht als Wohlthat für die wirklich Lebenden zu
betrachten seien, und daß viele Menschenfeinde und der Verfasser „des
menschlichen Elendes“ wohl anders würden geschrieben haben, wenn ihnen, wie
mir, das Auge wäre eröffnet worden. Freilich möchte sich bei Untersuchung
finden, daß die meisten dieser Autoren auch nur Scheinmenschen sind. —
Die Gesellschaft begab sich am andern Tage nach Nürnberg, um die
Merkwürdigkeiten dieser guten alten Stadt in Augenschein zu nehmen und den
lebenden Panzer und Dürers Grab auf dem Johanniskirchhof zu besuchen. Die
schönen Kirchen und das Rathhaus wurden mit Aufmerksamkeit betrachtet, und
im rothen Rosse, dem besten Gasthofe, erzählte Walther, wie vor zehn Jahren in
diesem Hause sich etwas Seltenes zugetragen habe. Freysing, ein Student von
Kopf, aber leichten Sitten, hatte in Erlangen weit mehr verbraucht, als ihm sein
wohlhabender Vater bewilligt hatte. Eine große Schuldenlast drückte ihn, der
letzte Wechsel, der ihm, um abzugehen, gesendet wurde, reichte bei weitem
nicht aus. Er bezahlte daher nur die ärmsten seiner Gläubiger und verjubelte mit
seinen Trinkbrüdern auf Spazierritten und in frohen Gelagen die ganze Summe.
Am letzten Tage besaß er nur noch sechs Louisd’or, die kaum hinreichten, um
auf dem gewöhnlichen Postwagen und mit Entbehrungen aller Art in seine
Heimath zu gelangen. Ob mein Alter, rief er im Uebermuthe aus, jetzt mehr oder
weniger schilt, kommt auf eins hinaus, denn mit dieser Lumperei reise ich auf
keinen Fall zurück. Er ging nach Nürnberg und wagte die wenigen Goldstücke
im Pharo. Das launische Glück war ihm so wunderbar günstig, daß er in einer
Nacht so viel gewann, daß er allen seinen Gläubigern bis auf den letzten Heller
zahlen konnte, welches mit Wucherzins eine sehr ansehnliche Summe
ausmachte, und noch tausend und mehr Thaler von seinem Gewinne übrig
behielt.
Beim Kunsthändler Frauenholz sahen die Freunde ein wundersames Bild von
einem unbekannten Meister. Es ist die Mutter mit dem Kinde, ein gewöhnlicher
Gegenstand, aber hier mit einer Innigkeit behandelt, die die Beschauenden
entzückte. Sie küßt das Kind, und der Ausdruck in Mund und Augen ist so
herzlich und ergreifend, daß man, obgleich die Gestalten nicht eigentlich durchaus schön sind, nichts Süßeres und Lieblicheres finden kann. Das Antlitz
der Mutter ist so zart und fein gemalt, daß es wie aus aufknospenden Rosen
gebildet ist. Die Nebensachen, Blumen und Verzierungen sind mit einem
liebevollen Fleiß behandelt. Der Besitzer schrieb es unverständig dem Lucas von
Leyden zu. Der Preis von zweitausend Gulden, den er forderte, war für einen
Reichen nur eine mäßige Summe, um mit dieser Wunderblume sein Gemach
auszuschmücken.
Als sie nach Erlangen zurückgekommen waren, reiseten sie am folgenden
Morgen nach Pommersfelden. Man war verdrüßlich über den schlechten Weg,
und Wachtel suchte sie mit Scherzen zu erheitern. Unter anderm sagte er, als sie
von der Gemäldegallerie in Pommersfelden sprachen: Es ist sehr verdrüßlich,
daß sich die Kunstgeschichte immerdar erweitert. Unzufrieden mit dem Besitz,
entdeckt man neue Zeiten, Manieren, Unterschiede und Künstlernamen, von
denen unsre guten Vorfahren nichts wußten. Wer sonst ein steifes Bild sah,
nannte es zu seiner und Aller Befriedigung einen Albrecht Dürer, wie sie es in
Italien noch machen. Konnte man bei einer etwas abweichenden Manier den
Namen Lucas von Leyden einsetzen, so galt man schon für einen Gelehrten.
Dergleichen Abkürzungen und Anhäufungen vieler auf Einen Namen ist
immerdar in Geschichte wie Mythologie sehr ersprießlich gewesen; man kann
mit Einem Herkules, Sesostris und Pharao zufrieden seyn, diese behalten sich,
und man muß es der Abbreviatur der Vorzeit danken, daß sie uns das Studium
bequemer eingerichtet hat. Die Aufstöberer von Unterschieden und neuen
Personen sind als Aufrührer zu betrachten, die die legitimen, wohlerworbenen
Rechte jener Gesammtmenschen umstoßen wollen. So war vor zehn Jahren eine
vortreffliche ältliche Castellanin in Pommersfelden, welche den Fremden die
Zimmer des Schlosses und die Gemälde zeigte und erklärte. Es giebt einen
berühmten Correggio, von welchem jede Gallerie wenigstens ein Stück besitzen
will, drei Caracci, Ludwig, Augustin und Hannibal, zwei Caravaggio, den
frühern und spätern, dazu glaube ich noch einen Cagnacci, zwei Carpaccio
ungerechnet, diese Herren sämmtlich, nebst allen, die nur irgend mit ihrem
Namen sich dem acci näherten, hatte die unvergleichliche Frau mit weiser
Umsicht in den einzigen berühmten Maler Karbatsch zusammengearbeitet. Auf
diesen großen Meister wälzte sie zugleich alle jene Bilder, auf deren Urheber sie
sich nicht besinnen konnte.
In der Gallerie befindet sich ein schönes Bild, welches dort Rafael genannt
wird: eine Mutter mit dem Kinde. Es hat einen wundersamen Ausdruck und den
Anschein wie aus der ältern lombardischen Schule. In dem großartigen Styl ist
zugleich wie etwas moderne Sentimentalität. Das Bild hat an einigen Stellen
gelitten und es scheint fast, als ob es durch die hinzugefügte Urne irgend eine persönliche Beziehung habe.
Mit großer Freude sahen die Reisenden das alte Bamberg wieder. Von
Würzburg schrieb Walther an seinen Freund nach Warschau:
Würzburg, den 10. Julius 1803.
Ich verzweifle jetzt fast, eine Spur zu finden, da meine Hinweisung auf Bamberg
nur eine trügende war. Ein Doctor Marx, der aus dem Polnischen hieher gezogen
ist und seit wenigen Monaten hier lebt, sollte mir Nachrichten geben, wo sie,
Maschinka, sich verborgen habe, oder wo derjenige hier in der Gegend sei, dem
sie zu folgen sich hat bereden lassen. Wir lernten einen Narren in Erlangen
kennen, der den Kotzebue höher als alle Autoren stellt, und meine neuen
Freunde spannen über diese Erscheinung, die mir nicht so wichtig schien,
vielfältige Betrachtungen aus. Wachtel behauptete, in jedem Menschen stecke
irgendwo etwas, das, gepflegt oder durch Leidenschaft aus seinem Winkel zu
sehr hervorgezogen, zur bestimmten Narrheit werden könne. Auch erscheine
wohl ein jeder Mensch andern aberwitzig und verrückt, wenn diese ihn mit der
Ueberzeugung, er sei unklug, anhörten und betrachteten. Ich bekämpfte diese
Meinung. Nachdem wir den alten Dom in Bamberg besehen hatten, über
welchen Ferdinand in übertriebene, thränenweiche Entzückung gerieth, machten
wir dem berühmten Doctor Marcus einen Besuch. Er zeigte uns die
unvergleichlichen Krankenanstalten und erzählte uns von der Art der
Behandlung, so wie von manchen sehr merkwürdigen Leidenden. Ich konnte
nicht begreifen, warum er mich so besonders ins Auge faßte. Als wir in der
Abtheilung waren, in welcher die Geistesverwirrten verpflegt wurden, waren,
indem ich mich umsah, meine Gefährten verschwunden. Es kam mir vor, als
hätte früher Wachtel mich noch einigemal mit einem seltsamen Blick von der
Seite betrachtet. Verstimmt wie ich war, gefielen mir des Doctors Mienen, den
ich jetzt beobachtete, ebenfalls nicht. Mit einemmale überraschte es mich, daß
dieser Mann jener Doctor sei, der mir Nachricht von der Entflohenen geben
könne. Ich erkundigte mich mit leidenschaftlicher Heftigkeit, erzählte, fragte,
beschrieb und wurde immer ungeduldiger, je weniger er auf meine Reden
eingehen oder mich verstehen wollte. Als ich Abschied nahm, sagte der Mann
mit der größten Freundlichkeit: Sie bleiben fürs Erste bei uns, und es wird Ihnen
schon bei uns gefallen. Ich habe schon seit acht Tagen die Nachricht empfangen,
daß Sie eintreffen würden, und so wie Sie nur mein Haus betraten, erkannte ich
sogleich in den ersten Reden Ihr Uebel. Ihr Zustand ist noch nicht der
schlimmste; nur müssen Sie fürs Erste jene Geschichte, die Sie mir da erzählt
haben, sich ganz aus dem Sinne schlagen, und ich werde schon für Unterhaltung und Zerstreuung sorgen. Es ergab sich nun, daß er mich für einen
Geisteszerrütteten hielt, welchen er erwartete, und ebenfalls, daß er nicht jener
Marx sei, mit welchem ich ihn in leidenschaftlicher Uebereilung verwechselt
hatte. Indessen mußte ich bis in die späte Nacht dort bleiben, weil er sich von
meinem richtig eingefügten Verstande durchaus nicht überzeugen konnte.
Endlich waren meine Reisegefährten in unserm Gasthofe wieder angelangt, sie
kamen und brachten meine Brieftasche und meinen Paß mit, nach dessen
Besichtigung und ihrem Zeugniß wurde ich dann als ein Kluger entlassen,
nachdem der ironische Medicus mir noch viele Entschuldigungen machte, und
ebenfalls behauptete, daß man jeden Menschen, auch seinen besten Reden nach,
für einen Irren halten würde, wenn man das Vorurtheil einmal gegen ihn gefaßt
habe. Am folgenden Morgen suchte ich den einfältigen Doctor Marx auf, der
von gar nichts wußte und von mir zuerst die Begebenheit erfuhr.
Wir besuchten Bambergs schöne Umgebungen und begaben uns vorgestern
nach dem Schlosse Glich, einer merkwürdigen, gut erhaltenen Ruine. Noch viele
Zimmer sind im Stande und zeigen uns die Wohnung der Vorfahren deutlich.
Eine herrliche Aussicht ist von oben auf Bamberg hinab. Ein alter Förster wohnt
oben, der nicht zugegen war, und seine Tochter, ein wunderschönes Mädchen,
der die einfache bürgerliche Kleidung sehr gut stand, führte uns herum. Unser
Ferdinand, der schon seit einigen Tagen noch schwärmerischer ist, als sonst, war
über Alles entzückt. Er schwatzte so viel und war dann wieder so verlegen, daß
ich glauben mußte, er habe sich urplötzlich in das Mädchen verliebt. Als wir
Alles betrachtet und unsern Dank zugleich mit einem Geschenke ausgesprochen
hatten, und sie sich entfernt hatte, rannte der Schwärmer noch einmal zurück und
dem Mädchen nach, unter dem Vorwande, daß er seine Brieftasche in einem der
Säle habe liegen lassen. Wir wandelten indessen draußen umher und mußten
ziemlich lange auf ihn warten. Sehr erhitzt und verlegen, wie es schien, kam er
endlich zu uns zurück. Er ward aber zornig, wie ich ihn noch nie gesehen habe,
als sich Wachtel einige unfeine Scherze und Anspielungen erlauben wollte. Oben
liegt auf einem steilen Felsen eine Kapelle, sie war offen, von hier zeigt sich
Alles umher reizend und lieblich. Ein uralter Greis schlich mit langsamen
Schritten an seinem Stabe aus der Kapelle die Stufen der Treppe hinab: ein
rührender Anblick. Ferdinand ging in die Kapelle, und als er sich nicht mehr von
uns beobachtet glaubte, nahm er vom Weihbrunnen und bekreuzte sich mit
andächtiger Miene, dann kniete er vor dem Altare nieder. So sind die Menschen.
Er trat wieder zu uns, und Keiner mochte von Dem sprechen, was wir gesehen
hatten, weder im Scherz noch Ernst.
Schon in Bamberg hatte er im Dom vor einem wunderlichen alten Marienbilde
mit der tiefsten Rührung gestanden. Die Madonna ist hier in einem Charakter dargestellt, der völlig von dem gewöhnlichen und hergebrachten abweicht. Das
Bild ist auf Goldgrund, goldne Strahlen umgeben es wie Flammen von allen
Seiten. Es ist eine Copie nach einem alten florentinischen, welches schon seit
lange mit Tüchern verhängt und dem Anblick unzugänglich gemacht ist, weil es
dort in Italien auf die gläubigen Beschauer die ungeheuersten Wirkungen soll
ausgeübt haben. Ferdinand scheint mir gar nicht ungeneigt, alle dergleichen
Wunder zu glauben und für wahr zu nehmen. Wohin verirrt sich der Mensch,
wenn Leidenschaft und Phantasie seine einzigen Führer sind!
Wir aßen wieder in Bamberg, gingen dann Nachmittags nach dem reizend
gelegenen Buch und fuhren in lieblicher Abendkühle auf dem Wasser nach der
Stadt zurück.
In der Stadt hat Ferdinand allerhand alte katholische Sagen und Legenden
zusammengekauft. In Glich war er entzückt, dem dortigen Küster ein
bambergisches Gesangbuch, wonach er in der Stadt vergebens gesucht hatte,
abschwatzen und abkaufen zu können. Dieses hält er für einen großen Schatz
und er las uns sogleich viele der Gedichte vor, die allerdings einen lieblichen
frommen Sinn athmen, wenn man sich einmal diesen träumerischen Gefühlen,
diesem Anklang wiederkehrender Wunder, diesem vertraulichen, kosenden und
zärtlich glühenden Verhältniß zu Gott, dem Heiland und dessen Mutter hingeben
kann. Dann erscheinen die Heiligen, die Schutzgeister, Christus, wie oft, in
Kindergestalt, so auch die Abgestorbenheit so vieler Mönche und Einsiedler.
Auch mit der Natur tritt ein geheimnißvolles Liebesverhältniß ein, wie es in den
zart duftenden Liedern des Spee uns so innig rührt, die der Schwärmer hier auch
aufgetrieben und uns Abends aus dem Büchelchen mit großer Bewegung
vorgelesen hat. Und dann muß ich wieder an die Begebenheit mit der
Försterstochter denken. Vielleicht ist es die Pflicht des Freundes, einmal
ernsthaft mit ihm darüber zu sprechen.
Seine Stimmung ist übrigens im schreiendsten Contrast mit dem, was die neue
bairische Regierung hier thut und wie manche ihrer Beamten sich hier betragen.
Du weißt, daß die Stifter Bamberg und Würzburg, diese alten geistlichen
Fürstenthümer, unlängst dem Churfürsten von Baiern zugesprochen worden sind.
Eiligst hat man, um mit Rom und dessen Hierarchie ganz und auf immer zu
brechen, alle Klöster aufgehoben, die Mönche zum Theil vertrieben, theils auf
sehr schmale Pension gesetzt. Alles hat den Charakter angenommen, daß der
gemeine Mann es wie eine Sache nimmt, die den ehemaligen
Christenverfolgungen ähnlich sieht. Es ist unklug und unschicklich, wie im
Dom, während am Nebenaltar eine stille Messe gefeiert wurde, die silbernen
Kirchengefäße und sauber gearbeiteten Crucifixe in Kisten mit dem größten
Geräusch und Lärmen gepackt und geworfen wurden. Die Käufer der Sachen waren zugegen und man zerbrach einige Kreuze mit großem Geräusch, die sich
dem Kasten nicht fügen wollten. Den frommen abgesetzten Fürstbischof, so
erzählt man, hat man in den Gemächern der Residenz gestört und gequält, indem
man von allen Seiten Bauanstalten traf, einriß und verbesserte, ohne von ihm die
mindeste Notiz zu nehmen. Viele Geistliche wandeln im stillen Grimm umher,
den Küster im Dom sah ich in verbissener Wuth bei jenem Getöse Thränen
vergießen. Viele gemeine Leute (das Volk ist hier religiös, selbst bigott) werden
irre an sich und ihren Vorgesetzten.
Alles, was so unziemlich geschieht, ist denn wohl ein Rückschlag von vielen,
welche jetzt regieren, da sie lange die Geißel und Verfolgung der Priester und
Pfaffen erdulden mußten. Die Hauptumwälzung, die sich hier zugetragen hat, ist
von der Zeit selbst herbeigeführt worden, sie ist vielleicht zu entschuldigen,
kann seyn, daß sie nothwendig war; aber mit Anstand und Schonung konnte
alles Unvermeidliche und Festbeschlossene geschehen, die politische
Begebenheit brauchte nicht den Charakter einer verhöhnenden Rache
anzunehmen.
Ueber diese Gegenstände ist Ferdinand empört und ergrimmt, und er zügelt
seine Worte nicht, wenn er mit den Freunden dieser Neuerung spricht. Er
behauptet, daß wir es Alle noch erleben würden, wie man neue Klöster stiftet,
und er verachtet das spottende Lächeln seiner Gegner.
Vieles Schöne ist in dieser Reform schon zu Grunde gegangen, noch mehr
wird verschwinden, aber meine trüben Blicke werden nicht bloß durch Das, was
wir jetzt sehen, was dicht vor uns liegt, so tief bekümmert; — was soll aus allem
Besitzstand werden, da dies so schnell ohne Widerspruch hat eintreten können?
Wo ist eine Sicherheit für irgend eine Regierung? Welche Folgerungen wird die
Zeit, ein fremder Sieger, die Politik aus diesen Vorgängen ziehn?
Wie hat sich seit zehn Jahren die Welt verändert! und es scheint, als würden
alle Verwandlungen immer rascher und rascher auf einander folgen.
Du siehst, ich fange an, Deine Cousine, die Strafe des Liebhabers, Deine und
meine Angelegenheit über dergleichen Gedanken und Befürchtungen zu
vergessen.