Nachbarn, Erzählungen

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 6 · Teil 2/3

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Nachbarn, Erzählungen

In der alten Sonne

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

hatte, wachte am folgenden Morgen zuerst auf. Eine halbe Stunde blieb er liegen

und starrte die weiße Stubendecke an. Dann stieg er, der sonst schwerfällig und

steif von Gliedern erschien, leicht und leise wie ein Morgenlüftchen aus seinem

Bette, lief barfuß und unhörbar zu Hürlins Lagerstatt hinüber und machte sich an

dessen über den Stuhl gebreiteten Kleidern zu schaffen. Er durchsuchte sie mit

Vorsicht, fand aber nichts darin als das Bleistiftstümpchen in der Westentasche,

das er herausnahm und für sich behielt. Ein Loch im linken Strumpf seines

Schlafkameraden vergrößerte er mit Hilfe beider Daumen um ein beträchtliches.

Sodann kehrte er sachte in sein warmes Bett zurück und regte sich erst wieder,

als Hürlin schon erwacht und aufgestanden war und ihm ein paar Wassertropfen

ins Gesicht spritzte, da sprang er hurtig auf, kroch in die Hosen und sagte guten

Morgen. Mit dem Ankleiden hatte er es gar nicht eilig, und als der Fabrikant ihn

antrieb, vorwärts zu machen, rief er behaglich: „Ja, geh nur einstweilen hinüber,

ich komm schon auch bald.“ Der andere ging und Heller atmete erleichtert auf.

Er griff behende zum Waschbecken und leerte das klare Wasser zum Fenster in

den Hof hinaus, denn vor dem Waschen hatte er ein tiefes Grauen. Als er sich

dieser ihm widerstrebenden Handlung entzogen hatte, war er im Umsehen mit

dem Ankleiden fertig und hatte es eilig zum Kaffee zu kommen.

Bettmachen, Zimmeraufräumen und Stiefelputzen ward besorgt, natürlich

ohne Hast und mit reichlichen Plauderpausen. Dem Fabrikanten schien das alles

zu zweien doch viel freundlicher und bequemer zu gehen als früher allein, und er

fing an, dem Kameraden die freundschaftlichsten Gefühle entgegenzubringen

und sich auf ein ersprießliches und fröhliches Zusammenleben zu freuen. Sogar

die unentrinnbar bevorstehende Arbeit flößte ihm heute etwas weniger

Schrecken ein als sonst, und er ging, wenn auch zögernd, mit fast heiterer Miene

auf die Mahnung des Hausvaters mit dem Seiler ins Höflein hinunter.

Trotz heftiger Entrüstungsausbrüche des Strickers und trotz seines zähen

Kampfes mit der Unlust des Pfleglings war in den vergangenen paar Wochen an

dem Holzvorrat kaum eine wahrnehmbare Veränderung vor sich gegangen. Die

Beuge schien noch so groß und so hoch wie je, als hätte sie die gesegnete

Haltbarkeit jenes Ölkrugs und Kades der Witwe, und das in einer Ecke liegende

Häuflein zersägter Rollen, kaum zwei Dutzend, erinnerte etwa an die in einer

Laune begonnene und in einer neuen Laune liegengelassene spielerische Arbeit

eines Kindes.

Nun sollten also die beiden Grauköpfe zu zweien daran arbeiten; es galt, sich

ineinander zu finden und einander in die Hände zu schaffen, denn es war nur ein

einziger Sägbock und auch nur eine Säge vorhanden. Nach einigen

vorbereitenden Gebärden, Seufzern und Redensarten überwanden die Leutlein

denn auch ihr inneres Sträuben und schickten sich an, das Geschäft in die Hand

zu nehmen. Und nun zeigte sich leider, daß Karl Hürlins frohe Hoffnungen eitel

Träume gewesen waren, denn sogleich trat in der Arbeitsweise der zwei Tröpfe

ein tiefer Wesensunterschied zutage.

Jeder von ihnen hatte seine besondere Art, tätig zu sein. In beider Seelen

mahnte nämlich, neben der eingebornen übermächtigen Trägheit, ein Rest von

Gewissen schüchtern zum Fleißigsein; wenigstens wollten beide zwar nicht

wirklich arbeiten, aber doch vor sich selber den Anschein gewinnen, als seien sie

etwas nütze. Dies erstrebten sie nun auf durchaus verschiedene Weise und es trat

hier in diesen abgenützten, verwischten und scheinbar vom Schicksal zu Brüdern

gemachten Männern ein unerwarteter Zwiespalt der Anlagen und Neigungen

hervor.

Hürlin hatte die Methode, zwar so gut wie nichts zu leisten, aber doch

fortwährend sehr beschäftigt zu sein oder zu scheinen. Ein einfacher Handgriff

wurde bei ihm zu einem höchst verwickelten Manöver, indem mit jeder noch so

kleinen Bewegung ein sparsam zähes Ritardando verschwistert war; überdies

erfand und übte er zwischen zwei einfachen Bewegungen, beispielsweise

zwischen dem Ergreifen und dem Ansetzen der Säge, beständig ganze Reihen

von wertlosen und mühelosen Zwischentätigkeiten und war immer vollauf beschäftigt, sich durch solche unnütze Plempereien die eigentliche Arbeit

möglichst noch ein wenig vom Leibe zu halten. Darin glich er einem

Verurteilten, der dies und das und immer noch etwas ausheckt, was noch

geschehen und stattfinden und getan und besorgt werden muß, ehe es ans

Erleiden des Unvermeidlichen geht. Und so gelang es ihm wirklich, die

vorgeschriebenen Stunden mit einer ununterbrochenen Geschäftigkeit

auszufüllen und es zu einem Schimmer von ehrlichem Schweiß zu bringen, ohne

sich doch anzugreifen und eine nennenswerte Arbeit zu tun.

In diesem eigentümlichen, jedoch praktischen System hatte er gehofft von

Heller verstanden und unterstützt zu werden, und fand sich nun völlig enttäuscht.

Der Seiler nämlich befolgte, seinem inneren Wesen entsprechend, eine

entgegengesetzte Methode. Er steigerte sich durch krampfhaften Entschluß in

einen schäumenden Furor hinein, stürzte sich mit Todesverachtung in die Arbeit

und wütete, daß der Schweiß rann und die Späne flogen. Aber das hielt nur

Minuten an, dann war er erschöpft, hatte sein Gewissen befriedigt und rastete

tatenlos zusammengesunken, bis nach geraumer Zeit der Raptus wieder kam und

wieder wütete und verrauchte. Die Resultate dieser Arbeitsart übertrafen die des

Fabrikanten nicht erheblich.

Unter solchen Umständen mußte von den beiden jeder dem andern zum

schweren Hindernis und Ärgernis werden. Die gewaltsame und hastige,

ruckweise einsetzende Art des Heller war dem Fabrikanten im Innersten

zuwider, während dessen stetig träges Schäffeln wieder jenem ein Greuel war.

Wenn der Seiler einen seiner wütenden Anfälle von Fleiß bekam, zog sich der

erschreckte Hürlin einige Schritte weit zurück und schaute verächtlich zu,

indessen jener keuchend und schwitzend sich abmühte und doch noch einen Rest

von Atem übrig behielt, um Hürlin seine Faulenzerei vorzuwerfen.

„Guck nur,“ schrie er ihn an, „guck nur, faules Luder, Tagdieb du! Gelt, das

gefällt dir, wenn sich andere Leut für dich abschinden? Natürlich, der Herr ist ja

Fabrikant! Ich glaub, du wärst imstand und tätest vier Wochen am gleichen

Scheit herumsägen.“

Weder die Ehrenrührigkeit noch die Wahrheit dieser Vorwürfe regte Hürlin

stark auf, dennoch blieb er dem Seiler nichts schuldig. Sobald Heller ermattet

beiseite hockte, gab er ihm sein Schimpfen heim. Er nannte ihn Dickkopf,

Ladstock, Hauderer, Seilersdackel, Turmspitzenvergolder, Kartoffelkönig,

Allerweltsdreckler, Schoote, Schlangenfanger, Mohrenhäuptling, alte

Schnapsbouteille, und erbot sich mit herausfordernden Gesten ihm so lang auf

seinen Wasserkopf zu hauen, bis er die Welt für ein Erdäpfelgemüs und die

zwölf Apostel für eine Räuberbande ansähe. Zur Ausführung solcher Drohungen

kam es natürlich nie, sie waren rein oratorische Leistungen und wurden auch vom Gegner als nichts anderes betrachtet. Ein paar Mal verklagten sie einander

beim Hausvater, aber Sauberle war gescheit genug, sich das gründlich zu

verbitten.

„Kerle,“ sagte er ärgerlich, „ihr seid doch bigost keine Schulbuben mehr. Auf

so Stänkereien laß ich mich nicht ein; fertig, basta!“

Trotzdem kamen beide wieder, jeder für sich, um einander zu verklagen. Da

bekam beim Mittagessen der Fabrikant kein Fleisch und als er trotzig

aufbegehrte, meinte der Stricker: „Reget Euch nicht so auf, Hürlin, Strafe muß

sein. Der Heller hat mir erzählt, was Ihr heut wieder für Reden verführt habt.“

Der Seiler triumphierte über diesen unerwarteten Erfolg nicht wenig. Aber

abends ging es umgekehrt, Heller bekam keine Suppe und die zwei Schlaumeier

merkten, daß sie überlistet waren. Von da an hatte die Angeberei ein Ende.

Untereinander aber ließen sie sich keine Ruhe. Nur selten einmal, wenn sie

nebeneinander am Rain droben kauerten und den Vorübergehenden ihre faltigen

Hälse nachstreckten, spann sich vielleicht für eine Stunde eine flüchtige

Seelengemeinschaft zwischen ihnen an, indem sie miteinander über den Lauf der

Welt, über den Stricker, über die Armenpflege und über den dünnen Kaffee im

Spittel räsonierten oder ihre kleinen idealen Güter austauschten, welche bei dem

Seiler in einer bündigen Psychologie der Weiber, bei Hürlin hingegen aus

Wandererinnerungen und phantastischen Plänen zu Finanzspekulationen großen

Stils bestanden.

„Siehst du, wenn halt einer heiratet —“ fing es bei Heller allemal an. Und

Hürlin, wenn an ihm die Reihe war, begann stets: „Tausend Mark wenn mir einer

lehnte —“ oder: „Wie ich dazumal in Solingen drunten war.“ Drei Monate hatte

er vor Jahren einmal dort gearbeitet, aber es war erstaunlich, was ihm alles

gerade in Solingen passiert und zu Gesicht gekommen war.

Wenn sie sich müdgesprochen hatten, nagten sie schweigend an ihren

meistens kalten Pfeifen, legten die Arme auf die spitzen Kniee, spuckten in

ungleichen Zwischenräumen auf die Straße und stierten an den krummen alten

Apfelbaumstämmen vorüber in die Stadt hinunter, deren Auswürflinge sie waren

und der sie in ihrer Torheit schuld an ihrem Unglück gaben. Da wurden sie

wehmütig, seufzten, machten mutlose Handbewegungen und fühlten, daß sie alt

und erloschen seien. Dieses dauerte stets solange, bis die Wehmut wieder in

Bosheit umschlug, wozu meistens eine halbe Stunde hinreichte. Dann war es

gewöhnlich Lukas Heller, der den Reigen eröffnete, zuerst mit irgendeiner

Neckerei.

„Sieh einmal da drunten!“ rief er und deutete talwärts.

„Was denn?“ brummte der andere.

„Mußt auch noch fragen! Ich weiß was ich sehe.“

„Also was, zum Deihenker?“

„Ich sehe die sogenannte Walzenfabrik von weiland Hürlin und

Schwindelmeier, jetzt Dallas und Kompagnie. Reiche Leute das, reiche Leute!“

„Kannst mich im Adler treffen!“ murrte Hürlin.

„So? Danke schön.“

„Willst mich falsch machen?“

„Tut gar nicht not, bist’s schon.“

„Dreckiger Seilersknorze, du!“

„Zuchthäusler!“

„Schnapslump!“

„Selber einer! Du hast’s grad nötig, daß du ordentliche Leute schimpfst.“

„Ich schlag dir sieben Zähne ein.“

„Und ich hau dich lahm, du Bankröttler, du naseweiser!“

Damit war das Gefecht eröffnet. Nach Erschöpfung der ortsüblichen

Schimpfnamen und Schandwörter erging sich die Phantasie der beiden

Hanswürste in üppigen Neubildungen von verwegenem Klange, bis auch dies

Kapital aufgebraucht war und die zwei Kampfhähne erschöpft und erbittert

hintereinander her ins Haus zurückzottelten.

Jeder hatte keinen anderen Wunsch, als den Kameraden möglichst

unterzukriegen und sich ihm überlegen zu fühlen, aber wenn Hürlin der

Gescheitere war, so war Heller der Schlauere, und da der Stricker keine Partei

nahm, wollte keinem ein rechter Trumpf gelingen. Die geachtetere und

angenehmere Stellung im Spittel einzunehmen, war beider sehnliches Verlangen;

sie verwandten darauf so viel Energie, Mißtrauen, Nachdenken und geheime

Zähigkeit, daß mit der Hälfte davon ein jeder, wenn er sie seinerzeit nicht

gespart hätte, sein Schifflein hätte flott erhalten können, anstatt ein

Sonnenbruder zu werden.

 

Unterdessen war die große Holzladung im Hof langsam kleiner geworden. Den

Rest hatte man für später liegen lassen und einstweilen andere Geschäfte

vorgenommen. Heller arbeitete tagweise in des Stadtschultheißen Garten, und

Hürlin war unter hausväterlicher Aufsicht mit friedlichen Tätigkeiten wie

Salatputzen, Linsenlesen, Bohnenschnitzeln und dergleichen beschäftigt, wobei

er sich nicht zu übernehmen brauchte und doch etwas nütze sein konnte. Darüber

schien die Feindschaft der Spittelbrüder langsam heilen zu wollen, denn da sie

nimmer den ganzen Tag beisammen waren, hatte jeder in den Mußestunden

genug zu klagen und zu berichten. Auch bildete jeder sich ein, man habe ihm gerade diese Arbeit seiner besonderen Vorzüge wegen zugeteilt und ihm damit

über den andern einen Vorrang zugestanden. So zog sich der Sommer hin, bis

schon das Laub braun anzulaufen begann und die Abende, an denen man bis

neun Uhr ohne Licht sein konnte, ein Ende nahmen.

Da begegnete es dem Fabrikanten, als er eines Nachmittags allein im Torgang

saß und sich schläfrig die Welt betrachtete, daß ein fremder junger Mensch den

Berg herunterkam, vor der Sonne stehen blieb und ihn fragte, wo es denn zum

Rathaus gehe. Hürlin war aus Langeweile höflich, lief zwei Gassen weit mit,

stand dem Fremden Rede und bekam für seine Mühe zwei Zigarren geschenkt.

Er bat den nächsten Fuhrmann um Feuer, steckte eine an und kehrte an seinen

Schattenplatz bei der Haustüre zurück, wo er mit überschwenglichen

Lustgefühlen sich dem lang entbehrten Genusse der guten Zigarre hingab, deren

letzten Rest er schließlich noch im Pfeiflein aufrauchte, bis nur noch Asche und

ein paar braune Tropfen übrig waren. Am Abend, da der Seiler vom

Schulzengarten kam und wie gewöhnlich viel davon zu erzählen wußte, was für

feinen Birnenmost und Weißbrot und Rettiche er zum Vesper gekriegt und wie

nobel man ihn behandelt hatte, da berichtete Hürlin auch sein Abenteuer mit

ausführlicher Beredsamkeit, zu Hellers großem Neide.

„Und wo hast denn jetzt die Zigarren?“ fragte dieser alsbald mit Interesse.

„Geraucht hab’ ich sie,“ lachte Hürlin protzig.

„Alle beide?“

„Jawohl, alter Schwed, alle beide.“

„Auf einmal?“

„Nein, du Narr, sondern auf zweimal, eine hinter der anderen.“

„Ist’s wahr?“

„Was soll’s nicht wahr sein?“

„So,“ meinte der Seiler, der es nicht glaubte, listig; „dann will ich dir was

sagen. Dann bist du nämlich ein Rindvieh und das kein kleines.“

„So? Warum denn?“

„Hättest eine aufgehebt, dann hättest morgen auch was gehabt. Was hast jetzt

davon?“

Das hielt der Fabrikant nicht aus. Grinsend zog er die noch übrige Zigarre aus

der Brusttasche und hielt sie dem neidischen Seiler vors Auge, um ihn vollends

recht zu ärgern.

„Siehst was? Ja gelt, so gottverlassen dumm bin ich auch nicht, wie du

meinst.“

„So so. Also da ist noch eine. Zeig einmal!“

„Halt da, wenn ich nur müßte!“

„Ach was, bloß ansehen! Ich versteh’ mich darauf, ob’s eine feine ist. Du kriegst sie gleich wieder.“

Da gab ihm Hürlin die Zigarre hin, er drehte sie in den Fingern herum, hielt

sie an die Nase, roch ein wenig daran und sagte, indem er sie ungern zurückgab,

mitleidig: „Da, nimm sie nur wieder. Das ist vom allergeringsten Kraut, von der

Sorte bekommt man zwei für den Kreuzer.“

Es entspann sich nun ein Streiten um die Güte und den Preis der Zigarre, das

bis zum Bettgehen dauerte. Beim Auskleiden legte Hürlin den Schatz auf sein

Kopfkissen und bewachte ihn ängstlich. Heller höhnte: „Ja, nimm sie nur mit ins

Bett! Vielleicht kriegt sie Junge.“ Der Fabrikant gab keine Antwort, und als jener

im Bett lag, legte er die Zigarre behutsam auf den Fenstersimsen und stieg dann

gleichfalls zu Nest. Wohlig streckte er sich aus und durchkostete vor dem

Einschlafen noch einmal in der Erinnerung den Genuß vom Nachmittag, wo er

den feinen Rauch so stolz und prahlend in die Sonne geblasen hatte und wo mit

dem guten Dufte ein Rest seiner früheren Herrlichkeit und Großmannsgefühle in

ihm aufgewacht war. So hatte er früher zwischen Bureau und Fabriksaal am

feinen Stengel gesogen und sorglose, herrschaftliche, großkaufmännische

Wolken hinausgeblasen! Und dann schlief er ein und während der Traum ihm

das Bild jener versunkenen Glanzzeit vollends in aller Glorie zurückbeschwor,

streckte er schlafend seine gerötete und aus dem Richtmaß geratene Nase mit der

ganzen vornehm stolzen Weltverachtung seiner besten Zeiten in die Lüfte.

Allein mitten in der Nacht wachte er ganz wider alle Gewohnheit plötzlich

auf, und da sah er im halben Licht den Seilersmann zu Häupten seines Bettes

stehen und die magere Hand nach der auf dem Simsen liegenden Zigarre

ausstrecken.

Mit einem Wutschrei warf er sich aus dem Bette und versperrte dem

Missetäter den Rückweg. Eine Weile wurde kein Wort gesprochen, sondern die

beiden Feinde standen einander regungslos und faselnackend gegenüber,

musterten sich mit durchbohrenden Zornblicken und wußten selber nicht, war es

Angst oder Übermaß der Überraschung, daß sie einander nicht schon an den

Haaren hatten.

„Leg die Zigarre weg!“ rief endlich Hürlin keuchend.

Der Seiler rührte sich nicht.

„Weg legst sie!“ schrie der andere noch einmal, und als Heller wieder nicht

folgte, holte er aus und hätte ihm ohne Zweifel eine saftige Ohrfeige gegeben,

wenn der Seiler sich nicht beizeiten gebückt hätte. Dabei entfiel demselben aber

die Zigarre, Hürlin wollte eiligst nach ihr langen, da trat Heller mit der Ferse

drauf, daß sie mit leisem Knistern in Stücke ging. Jetzt bekam er vom

Fabrikanten einen Puff in die Rippen, und es begann eine gelinde Balgerei. Es

war zum ersten Mal, daß die beiden handgemein wurden, aber die Feigheit wog den Zorn so ziemlich auf, und es kam nichts Erkleckliches dabei heraus. Bald

trat der eine einen Schritt vor und bald der andere, so schoben die nackten Alten

ohne viel Geräusch in der Stube herum, als übten sie einen antiken Tanz, und

jeder war ein Held und keiner bekam Hiebe. Das ging so lange, bis in einem

günstigen Augenblick dem Fabrikanten seine leere Waschschüssel in die Hand

geriet; er schwang sie wild über sich durch die Luft und ließ sie machtvoll auf

den Schädel seines unbewaffneten Feindes herabsausen. Sonderlich weh tat es

gewiß nicht, aber dieser Hauptschlag mit der Blechschüssel gab einen so

kriegerisch schmetternden Klang durchs ganze Haus, daß sogleich die Türe ging,

der Hausvater im Hemde hereintrat und mit Schimpfen und Lachen vor den

Zweikämpfern stehen blieb.

„Ihr seid doch die reinen Lausbuben,“ rief er scharf, „boxet euch da

splitternackt in der Bude herum, so zwei alte Geißböcke! Packet euch ins Bett,

und wenn ich noch einen Ton hör’, könnt ihr euch gratulieren.“

„Gestohlen hat er“ — schrie Hürlin, vor Zorn und Beleidigung fast heulend.

Er ward aber sofort unterbrochen und zur Ruhe verwiesen. Die Geißböcke zogen

sich murrend in ihre Betten zurück, der Stricker horchte noch eine kleine Weile

vor der Türe und auch als er fort war, blieb in der Stube alles still. Neben dem

Waschbecken lagen die Trümmer der Zigarre am Boden, durchs Fenster sah die

blasse Spätsommernacht herein und über den beiden tödlich ergrimmten

Taugenichtsen hing an der Wand von Blumen umrankt der Spruch: „Kindlein,

liebet euch untereinander!“

Wenigstens einen kleinen Triumph trug Hürlin am andern Tage aus dieser

Affäre davon. Er weigerte sich standhaft, fernerhin mit dem Seiler nachts die

Stube zu teilen, und nach hartnäckigem Widerstand mußte der Stricker sich dazu

verstehen, jenem das andere Stübchen anzuweisen. So war der Fabrikant wieder

zum Einsiedler geworden, und so gerne er die Gesellschaft des Seilermeisters los

war, machte es ihn doch schwermütig, so daß er zum ersten Mal deutlich spürte,

in was für eine hoffnungslose Sackgasse ihn das Schicksal auf seine alten Tage

gestoßen hatte.

Das waren keine fröhlichen Vorstellungen für den armen Alten. Früher war er,

ging es wie es mochte, doch wenigstens frei gewesen, hatte auch in den

elendsten Zeiten je und je noch ein paar Batzen fürs Wirtshaus gehabt und

konnte, wenn er nur wollte, jeden Tag wieder auf die Wanderschaft gehen. Jetzt

aber saß er da, rechtlos und bevogtet, bekam niemals einen blutigen Batzen zu

sehen und hatte in der Welt nichts mehr vor sich als vollends alt und mürb zu

werden und zu seiner Zeit sich hinzulegen.

Er begann, was er sonst nie getan hatte, von einer hohen Warte am Allpacher

Straßenrain über die Stadt hinweg das Tal hinab- und hinaufzuäugen, die weißen Landstraßen mit dem Blick zu messen und den fliegenden Vögeln und Wolken,

den vorbeifahrenden Wagen und den ab- und zugehenden Fußwanderern mit

Sehnsucht nachzublicken, als ein trauernder Ausgeschlossener und

Liegengebliebener, der nimmer mitkann. Für die Abende gewöhnte er sich nun

sogar das Lesen an, aber aus den erbaulichen Geschichten der Kalender und

frommen Zeitschriften heraus hob er oft fremd und bedrückt den Blick,

empfand, daß er mit diesen Leuten und Begebenheiten nichts gemein und nichts

zu tun habe, erinnerte sich an seine jungen Jahre, an Solingen, an seine Fabrik,

ans Zuchthaus, an die Abende in der ehemaligen Sonne und dachte immer

wieder daran, daß er nun allein sei, hoffnungslos allein.

Der Seiler Heller musterte ihn mit bösartigen Seitenblicken, versuchte aber

nach einiger Zeit doch den Verkehr wieder ins Geleise zu bringen. So daß er

etwa gelegentlich, wenn er den Fabrikanten draußen am Ruheplatz antraf, ein

freundliches Gesicht schnitt und ihm zurief: „Schönes Wetter, Hürlin! Das gibt

einen guten Herbst, was meinst?“ Aber Hürlin sah ihn nur an, nickte träg und

gab keinen Ton von sich.

Vermutlich hätte sich allmählich trotzdem wieder irgendein Fädlein zwischen

den Trutzköpfen angesponnen, denn aus seinem verstockten Tiefsinn und Gram

heraus hätte Hürlin doch ums Leben gern nach dem nächsten besten

Menschenwesen gegriffen, um nur das elende Gefühl der Vereinsamung und

Leere zeitweise loszuwerden. Der Hausvater, dem des Fabrikanten stilles

Schwermüteln gar nicht gefiel, tat auch, was er konnte, um seine beiden

Pfleglinge wieder aneinander zu bringen. Da kam endlich allen dreien eine

Erlösung, wenn schon eine zweifelhafte.

Es rückten kurz hintereinander im Laufe des September zwei neue

Ankömmlinge ein und zwar zwei sehr verschiedene.

Der eine hieß Louis Kellerhals, doch kannte kein Mensch in der Stadt diesen

Namen, da Louis schon seit Jahrzehnten den Beinamen Holdria trug, dessen

Ursprung unerfindlich ist. Er war, da er schon viele Jahre her der Stadt zur Last

fiel, bei einem freundlichen Handwerker untergebracht gewesen, wo er es gut

hatte und mit zur Familie zählte. Dieser Handwerker war nun aber unvermutet

schnell gestorben, und da der Pflegling nicht zur Erbschaft mitgerechnet werden

konnte, mußte ihn jetzt der Spittel übernehmen. Er hielt seinen Einzug mit einem

wohlgefüllten Leinwandsäcklein, einem ungeheuren blauen Regenschirm und

einem grünbemalten Holzkäfig, darin saß ein sehr feister gewöhnlicher Sperling

und ließ sich durch den Umzug wenig aufregen. Der Holdria kam lächelnd,

herzlich und strahlend, schüttelte jedermann innig die Hand, sprach kein Wort

und fragte nach nichts, glänzte vor Wonne und Herzensgüte, so oft jemand ihn

anredete oder ansah und hätte, auch wenn er nicht schon längst eine überall bekannte Figur gewesen wäre, es keine Viertelstunde lang verbergen können,

daß er ein gutwilliger und ungefährlicher Schwachsinniger war.

Der zweite, der etwa eine Woche später seinen Einzug hielt, kam nicht minder

lebensfroh und wohlwollend daher, war aber keineswegs schwach im Kopfe,

sondern ein zwar harmloser, aber durchtriebener Pfiffikus. Er hieß Stefan

Finkenbein und stammte aus der in der ganzen Stadt und Gegend von alters her

wohlbekannten Landstreicher- und Bettlerdynastie der Finkenbeine, deren

komplizierte Familie in vielerlei Zweigen in Gerbersau ansässig und anhängig

war und viele Dutzende von Mitgliedern zählte. Die Finkenbeine waren alle fast

ohne Ausnahme helle und lebhafte Köpfe, dennoch hatte es von jeher niemals

einer von ihnen irgend zu etwas Nennenswertem gebracht, denn von ihrem

ganzen Wesen und Dasein war die Vogelfreiheit und der Humor des

Nichtshabens ganz unzertrennlich.

Besagter Stefan war noch keine sechzig alt und erfreute sich einer fehlerlosen

Gesundheit. Zwar war er etwas mager und fast zart von Gliedern, aber zäh und

stets wohlauf und rüstig, und auf welche schlaue Weise es ihm gelungen war,

sich bei der Gemeinde als Anwärter auf einen Spittelsitz einzuschmuggeln und

durchzusetzen, war rätselhaft. Es gab Ältere, Elendere und sogar Ärmere genug

in der Stadt. Allein seit der Gründung dieser Anstalt hatte es ihm keine Ruhe

gelassen, er fühlte sich zum Sonnenbruder geboren und wollte und mußte einer

werden. Und nun war er da, ebenso lächelnd und liebenswürdig wie der

treffliche Holdria, aber mit wesentlich leichterem Gepäck, denn außer dem, was

er am Leibe trug, brachte er einzig einen zwar nicht in der Farbe, aber doch in

der Form wohlerhaltenen steifen Sonntagshut von altväterisch biederer Eleganz

mit. Wenn er ihn aufsetzte und ein wenig nach hinten rückte, war Stefan

Finkenbein ein klassischer Vertreter des Typus Bruder Straubinger.

Er führte sich als einen weltgewandten, spaßhaften Gesellschafter ein und

wurde, da der Holdria schon in Hürlins Stube gesteckt worden war, beim Seiler

Heller untergebracht. Alles schien ihm gut und lobenswert zu sein, nur die

Schweigsamkeit seiner Kameraden gefiel ihm nicht. Eine Stunde vor dem

Abendessen, als alle viere beisammen draußen im Freien saßen, fing der

Finkenbein plötzlich an: „Hör’ du, Herr Fabrikant, ist das bei euch denn alleweil

so trübselig? Ihr seid ja lauter Trauerwedel.“

„Ach laß mich.“

„Na, wo fehlt’s denn bei dir? Überhaupt, warum hocken wir alle so fad da

herum? Man könnte doch wenigstens einen Schnaps trinken, oder nicht?“

Hürlin horchte einen Augenblick entzückt auf und ließ seine müden Äuglein

glänzen, aber dann schüttelte er verzweifelt den Kopf, drehte seine leeren

Hosentaschen um und machte ein leidendes Gesicht.

„Ach so, hast kein Moos?“ rief Finkenbein lachend. „Lieber Gott, ich hab’

immer gedacht, so ein Fabrikant, der hat’s alleweil so im Sack herumklimpern.

Aber heut ist doch mein Antrittsfest, das darf nicht so trocken vorbeigehen.

Kommt nur ihr Leute, der Finkenbein hat zur Not schon noch ein paar Kapitalien

im Ziehamlederle.“

Da sprangen die beiden Trauerwedel behend auf die Füße. Den

Schwachsinnigen ließen sie sitzen, die drei anderen stolperten im Eilmarsch

nach dem Sternen und saßen bald auf der Wandbank jeder vor einem Glas Korn.

Hürlin, der seit Wochen und Monaten keine Wirtsstube mehr von innen gesehen

hatte, kam in die freudigste Aufregung. Er atmete in tiefen Zügen den lang

entbehrten Dunst des Ortes ein und genoß den Kornschnaps in kleinen,

sparsamen, scheuen Schlücken. Wie einer, der aus schweren Träumen erwacht

ist, fühlte er sich dem Leben wiedergeschenkt und von der wohlbekannten

Umgebung heimatlich angezogen. Er holte die vergessenen kühnen Gesten

seiner ehemaligen Kneipenzeit eine um die andere wieder hervor, schlug

mordsmäßig auf den Tisch, schnippte mit den Fingern, spuckte vor sich hin auf

die Diele und scharrte tönend mit der Sohle darüber. Auch seine Redeweise

nahm einen plötzlichen Aufschwung und die volltönenden Kraftausdrücke aus

den Jahren seiner Herrlichkeit klangen noch einmal fast mit der alten brutalen

Sicherheit von seinen blauen Lippen.

Während der Fabrikant sich diesermaßen verjüngte und im Nachglanze seines

einstigen Virtuosentums und Glück sonnte, blinzelte Lukas Heller nachdenklich

in sein Gläschen und hielt die Zeit für gekommen, wo er dem Stolzen seine

Beleidigungen und den entehrenden Blechhieb aus jener Nacht heimzahlen

könnte. Er hielt sich still und wartete aufmerksam, bis der rechte Augenblick da

wäre.

Inzwischen hatte Hürlin, wie es früher seine Art gewesen war, beim zweiten

Glase angefangen ein Ohr auf die Gespräche der Leute am Nebentisch zu haben,

mit Kopfnicken, Räuspern und Mienenspiel daran teilzunehmen und schließlich

auch zwischenein ein freundschaftliches Jaja oder Soso dareinzugeben. Er fühlte

sich ganz in das schöne Ehemals zurückversetzt und als nun das Gespräch

nebenan lebhafter wurde, drehte er sich mehr und mehr dort hinüber und nach

seiner alten Leidenschaft stürzte er sich bald mit Feuer in das Wogen und

Aneinanderbranden der Meinungen. Die Redenden achteten im Anfang nicht

darauf, bis einer von ihnen, ein Fuhrknecht, plötzlich rief: „Jeses, der Fabrikant!

Ja, was willst denn du da, alter Lump? Sei so gut und halt du deinen Schnabel,

sonst schwätz ich deutsch mit dir.“

Betrübt wendete der Angeschnauzte sich ab, aber da gab ihm der Seiler einen

Ellbogenstoß und flüsterte eifrig: „Laß dir doch von dem Jockel das Maul nicht verbieten! Sag’s ihm, dem Drallewatsch!“

Diese ehrenvolle Ermunterung entflammte sogleich das Ehrgefühl des

Fabrikanten zu neuem Bewußtsein. Trotzig hieb er auf den Tisch, rückte noch

mehr gegen die Sprecher hinüber, warf kühne Blicke um sich und rief mit tiefem

Brustton: „Nur etwas manierlicher, du, bitt ich mir aus! Du weißt scheint’s nicht,

was der Brauch ist.“

Einige lachten. Der Fuhrknecht drohte noch einmal gutmütig: „Paß Achtung,

Fabrikantle! Dein Maul wenn du nicht hältst, kannst was erleben.“

„Ich brauch nichts zu erleben,“ sagte Hürlin, von Heller wieder durch einen

Stoß angefeuert, mit Würde und Nachdruck, „ich bin so gut da und kann

mitreden wie ein anderer. So, jetzt weißt du’s.“

Der Knecht, der seinem Tisch eine Runde bezahlt hatte und dort den Herrn

spielte, stand auf und kam herüber. Er war der Kläfferei müde. „Geh heim ins

Spittel, wo du hingehörst!“ schrie er Hürlin an, nahm den Erschrockenen am

Kragen, schleppte ihn zur Stubentüre und half ihm mit einem Tritt hinaus. Die

Leute lachten, sahen belustigt zu und fanden, es geschehe dem Spektakler recht.

Damit war der kleine Zwischenfall abgetan und sie fuhren mit Schwören und

Schreien in ihren wichtigen Gesprächen fort.

Der Seilermeister war selig. Er veranlaßte Finkenbein, noch ein letztes

Gläschen zu spenden. Und da er den Wert dieses neuen Genossen erkannt hatte,

bemühte er sich nach Kräften, sich mit ihm anzufreunden, was Finkenbein sich

ruhig und lächelnd gefallen ließ. Dieser war vorzeiten einmal im Hürlinschen

Anwesen betteln gegangen und von dem Herrn Fabrikanten streng

hinausgewiesen worden. Trotzdem hatte er nichts gegen ihn und stimmte den

Beschimpfungen, die Heller dem Abwesenden jetzt antat, mit keinem Worte bei.

Er war besser als diese aus glücklicheren Umständen Herabgesunkenen daran

gewöhnt, der Welt ihren Lauf zu lassen und an den Besonderheiten der Leute

seinen Spaß zu haben.

„Laß nur, Seiler,“ sagte er abwehrend. „Der Hürlin ist freilich ein Narr, aber

noch lang keiner von den übelsten. Da dank ich doch schön dafür, daß wir da

droben auch noch dumme Händel miteinander haben sollen.“

Heller merkte sich das und ging gefügig auf diesen versöhnlichen Ton ein. Es

war nun auch Zeit zum Aufbrechen, so gingen sie denn und kamen gerade recht

zum Nachtessen heim. Der Tisch, an dem nunmehr fünf Leute saßen, bot einen

ganz stattlichen Anblick. Obenan saß der Stricker, dann kam auf der einen Seite

der rotwangige Holdria neben dem hageren, verfallen und grämlich aussehenden

Hürlin, ihnen gegenüber der dünn behaarte, pfiffige Seiler neben dem fidelen,

helläugigen Finkenbein. Dieser unterhielt den Hausvater vortrefflich und brachte

ihn in gute Laune, zwischenein machte er ein paar Späße mit dem Blöden, der geschmeichelt grinste, und als der Tisch abgeräumt und abgewaschen war, zog er

Spielkarten heraus und schlug eine Partie vor. Der Stricker wollte es verbieten,

gab es aber am Ende unter der Bedingung zu, daß „um nichts“ gespielt werde.

Finkenbein lachte laut.

„Natürlich um nichts, Herr Sauberle. Um was denn sonst? Ich bin ja freilich

von Haus aus Millionär, aber das ist alles in Hürlinischen Aktien draufgegangen

— nichts für ungut, Herr Fabrikant!“

Sie begannen denn und das Spiel ging auch eine Weile ganz fröhlich seinen

Gang, durch zahlreiche Kartenwitze des Finkenbein und durch einen von

demselben Finkenbein entdeckten und vereitelten Mogelversuch des

Seilermeisters anregend unterbrochen. Aber da stach den Seiler der Haber, daß

er mit geheimnisvollen Andeutungen immer wieder des Abenteuers im Sternen

gedenken mußte. Hürlin überhörte es zuerst, dann winkte er ärgerlich ab. Da

lachte der Seiler auf eine schadenfrohe Art dem Finkenbein zu. Hürlin blickte

auf, sah das unangenehme Lachen und Blinzeln, und plötzlich wurde ihm klar,

daß dieser an der Hinauswerferei schuld war und sich auf seine Kosten lustig

mache. Das ging ihm durch und durch. Er verzog den Mund, warf mitten im

Spiel seine Karten auf den Tisch und war nicht zum Weiterspielen zu bewegen.

Heller merkte sofort, was los war, er hielt sich vorsichtig still und gab sich nun

doppelt Mühe, auf einem recht brüderlichen Fuß mit Finkenbein zu bleiben.

Es war nun also zwischen den beiden alten Gegnern wieder alles verschüttet,

und desto schlimmer, weil Hürlin überzeugt war, Finkenbein habe um den

Streich gewußt und ihn anstiften helfen. Dieser benahm sich unverändert lustig

und kameradschaftlich, da aber Hürlin ihn nun einmal beargwöhnte und seine

Späße und Titulaturen wie Kommerzienrat, Herr von Hürlin usw. ruppig

aufnahm, zerfiel in Bälde die Sonnenbrüderschaft in zwei Parteien. Denn der

Fabrikant hatte sich als Schlafkamerad schnell an den blöden Holdria gewöhnt

und ihn zu seinem Freund gemacht.

Von Zeit zu Zeit brachte Finkenbein, der aus irgend welchen verborgenen

Quellen her immer wieder ein bißchen kleines Geld im Sack hatte, wieder einen

gemeinsamen Kneipengang in Vorschlag. Aber Hürlin, so gewaltig die

Verlockung für ihn war, hielt sich stramm und ging niemals mehr mit, obwohl es

ihn empörte zu denken, daß Heller desto besser dabei wegkomme. Statt dessen

hockte er beim Holdria, der ihm mit verklärtem Lächeln oder mit ängstlich

großen Augen zuhörte, wenn er klagte und schimpfte oder darüber phantasierte,

was er tun würde, wenn ihm jemand tausend Mark liehe.

Lukas Heller dagegen hielt es klüglich mit dem Finkenbein. Freilich hatte er

gleich im Anfang die neue Freundschaft in Gefahr gebracht. Er war des Nachts

einmal nach seiner Gewohnheit über den Kleidern seines Schlafkameraden gewesen und hatte dreißig Pfennige darin gefunden und an sich gebracht. Der

Beraubte aber, der nicht schlief, sah ruhig durch halbgeschlossene Lider zu. Am

Morgen gratulierte er dem Seiler zu seiner Fingerfertigkeit, die er höchlich lobte,

forderte ihm das Geld wieder ab und tat, als wäre es nur ein guter Scherz

gewesen. Damit hatte er vollends Macht über Heller gewonnen, und wenn dieser

an ihm einen guten und lustigen Kameraden hatte, konnte er ihm doch nicht so

unverwehrt seine Klagelieder vorsingen wie Hürlin dem seinigen. Namentlich

seine Reden über die Weiber wurden dem Finkenbein bald langweilig.

„’s ist gut, sag ich, Seilersmann, ’s ist gut. Du bist auch so eine Drehorgel mit

einer ewigen Leier, hast keine Reservewalze. Was die Weiber angeht, hast du

meinetwegen recht. Aber was zuviel ist, ist zuviel. Mußt dir eine Reservewalze

anschaffen — mal was anderes, weißt du, sonst kannst du mir gestohlen

werden.“

Vor solchen Erklärungen war der Fabrikant sicher. Und das war zwar bequem,

aber es tat ihm nicht gut. Je geduldiger sein Zuhörer war, desto tiefer wühlte er

in seinem Elend. Noch ein paarmal steckte ihn die souveräne Lustigkeit des

Taugenichts Finkenbein für eine halbe Stunde an, daß er nochmals die

großartigen Handbewegungen und Kernworte seiner goldenen Zeit hervorlangte

und übte, aber seine Hände waren doch allmählich ziemlich steif geworden, und

es kam ihm nimmer von innen heraus. In den letzten sonnigen Herbsttagen saß

er zuweilen noch unter den welkenden Apfelbäumen, aber er schaute auf Stadt

und Tal nimmer mit Neid oder mit Verlangen, sondern fremd, wie wenn all

dieses ihn nichts mehr anginge und ihm fernläge. Es ging ihn auch nichts mehr

an, denn er war sichtlich am Abrüsten und hatte hinter sich nichts mehr zu

suchen.

Das war merkwürdig schnell über ihn gekommen. Zwar war er schon bald

nach seinem Sturze, in den dürftigen Zeiten, da die „Sonne“ ihm vertraut zu

werden begann, grau geworden und hatte angefangen, die Beweglichkeit zu

verlieren. Aber er hätte sich noch jahrelang herumschlagen und manchen

Schoppen trinken und manchesmal das große Wort am Wirtstisch oder auf der

Gasse führen können. Es war nur der Spittel, der ihm in die Knie geschlagen

hatte. Als er damals froh gewesen war, ins Asyl zu kommen, hatte er nicht

bedacht, daß er sich damit selber seinen besten Faden abschneide. Denn ohne

Projekte und ohne Aussicht auf allerlei Umtrieb und Spektakel zu leben, dazu

hatte er keine Gabe, und daß er damals der Müdigkeit und dem Hunger

nachgegeben und sich zur Ruhe gesetzt hatte, das war erst sein eigentlicher

Bankrott gewesen. Nun blieb ihm nichts mehr als sein Zeitlein vollends

abzuleben.

Es kam dazu, daß Hürlin allzulange eine Wirtshausexistenz geführt hatte. Alte Gewohnheiten, auch wenn sie Laster sind, legt ein Grauhaariger nicht ohne

Schaden ab. Die Einsamkeit und die Händel mit Heller halfen mit, ihn vollends

still zu machen, und wenn ein alter Blagueur und Schreier einmal still wird, so

ist das schon der halbe Weg zum Kirchhof.

Es ist unerquicklich anzusehen, wie ein in Nichtigkeiten, Prahlerei und

Selbstsucht alt gewordener Lebenskünstler geringer Art, statt in dem ihm

zukommenden Stil etwa bei einer Schlägerei oder bei einem nächtlichen

Heimwandel von der Kneipe hinzufallen und zu verschwinden, aufs letzte noch

trübsinnig wird und als Pfuscher auf dem ihm zeitlebens fremd gewesenen

Gebiet des Sentimentalen endigt. Allein da das tägliche Leben doch

unbestreitbar ein gewaltiger Dichter ist und also keine sinnlose Willkür üben

kann, bleibt einem nichts übrig als zuzuschauen, sich zu verwundern und sich

das beste dabei zu denken. Und schließlich hat das ja auch seine Tragik und

Schönheit, wenn solch ein lebenslang verwahrlostes und roh gebliebenes und

vergewaltigtes Gemüt ganz am Ende noch rebelliert und sein Recht haben will,

mit ungelenken Flügelschlägen taumelt und sich, da ihm nichts anderes bleibt,

wenigstens noch an Schwermut und Klage ersättigen will.

Es war vielerlei, was jetzt an dieser rüden und übel erzogenen Seele zu rütteln

und zu nagen kam, und es zeigte sich, daß sie ungeachtet ihrer früheren Starrheit

und Selbstherrlichkeit recht wenig befestigt war. Der Hausvater war der erste,

der seinen Zustand erkannte. Zum Stadtpfarrer, als dieser einmal seinen Besuch

machte, sagte er achselzuckend: „Der Hürlin kann einem schier leid tun. Seit er

so drunten ist, zwing ich ihn ja zu keiner Arbeit mehr, aber was hilft’s, das sitzt

bei ihm anderwärts. Er sinniert und studiert zu viel, und wenn ich diese Sorte

nicht kennen täte, würd ich sagen, ’s ist das schlechte Gewissen und geschieht

ihm recht. Aber weit gefehlt! Es frißt ihn von innen, das ist’s, und das hält einer

in dem Alter nicht lang aus, wir werden’s sehen.“ Auf das hin saß der

Stadtpfarrer ein paarmal beim Fabrikanten auf seiner Stube neben dem grünen

Spatzenkäfig des Holdria und sprach mit ihm vom Leben und Sterben und

versuchte irgend ein Licht in seine Finsternis zu bringen, aber vergebens. Hürlin

hörte zu oder hörte nicht zu, nickte oder brummte, sprach aber nichts und wurde

immer fahriger und wunderlicher. Von den Witzen des Finkenbein tat ihm

zuzeiten einer gut, dann lachte er leis und trocken, schlug auf den Tisch und

nickte billigend, um gleich darauf wieder in sich hinein auf die verworrenen

Stimmen zu horchen, die ihn beschäftigten und quälten, und die er nicht

verstand.

Nach außen zeigte er nur ein stilleres und weinerlich gewordenes Wesen und

jedermann ging mit ihm um wie sonst. Nur dem Schwachsinnigen, wenn er eben

nicht ohne Verstand gewesen wäre, hätte ein Licht über Hürlins Zustand und Verfall aufgehen können und zugleich ein Grauen. Denn dieser ewig freundliche

und friedfertige Holdria war des Fabrikanten Gesellschafter und Freund

geworden. Sie hockten zusammen vor dem Holzkäfig, streckten dem fetten

Spatzen die Finger hinein und ließen sich picken, lehnten morgens bei dem jetzt

langsam herankommenden Winterwetter am leicht geheizten Ofen und sahen

einander so verständnisvoll in die Augen, als wären sie zwei Weise und nicht

zwei arme hoffnungslose Narren gewesen. Man sieht manchmal, daß zwei

gemeinsam eingesperrte Waldestiere einander so anblicken — je nachdem man

will und gestimmt ist, kann man ihren Blick stumpfsinnig, drollig oder

erschreckend seelenvoll finden.

Was am heftigsten an Hürlin zehrte, das war die auf Hellers Anstiften im

Sternen erfahrene Demütigung und Schande. An dem Wirtstisch, wo er lange

Zeiten fast täglich gesessen war, wo er seine letzten Heller hatte liegen lassen,

wo er ein guter Gast, Hausfreund und Wortführer gewesen war, da hatten Wirt

und Gäste ruhig und mit Gelächter zugesehen, wie er hinausgeworfen wurde. Er

hatte es an den eigenen Knochen erfahren und spüren müssen, daß er nimmer

dorthin gehöre, nimmer mitzähle, daß er vergessen und ausgestrichen war und

keinen Schatten von Recht mehr besaß.

Für jeden anderen bösen Streich hätte er gewiß an Heller bei der ersten

Gelegenheit Rache genommen. Aber diesmal brachte er nicht einmal die

gewohnten Schimpfworte, die ihm so locker in der Gurgel saßen, heraus. Was

sollte er ihm sagen? Der Seiler war ja ganz im Recht. Wenn er noch der alte Kerl

und noch irgend etwas wert wäre, hätte man nicht gewagt ihn im Sternen an die

Luft zu setzen. Er war fertig und konnte einpacken.

Und nun schaute er vorwärts, die ihm bestimmte schmale und gerade Straße,

an ungezählten Reihen von leeren, dunklen, toten Tagen vorbei dem Sterben

entgegen, an das er bald fast mit Sehnsucht, bald mit zornigem Grausen dachte.

Da war alles festgesetzt, angenagelt und vorgeschrieben, selbstverständlich und

unerbittlich. Da war nicht die Möglichkeit, eine Bilanz und ein Papierchen zu

fälschen, sich in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln oder in Gottes Namen

sich durch Bankrott und Zuchthaus auf Umwegen wieder ins Leben

Weiter: Teil 3 von 3