Reines Blut
Kapitel 4
Ich zuckte zusammen, als ich Damien erblickte. Wieso reagierte mein Körper nur so auf ihn? Er stand, mit verschenkten Armen, an der gegenüberliegenden Wand gelehnt. „Ich dachte schon du kommst gar nicht mehr aus dem Bad“, sagte er abfällig und ging den Flur entlang. Überrascht über seine Feindseligkeit, folgte ich ihm. Warum war er auf einmal so abweisend? Das sah doch vorhin ganz anders aus. Naja, was sollte man den von einem Entführer erwarten? Dass er nett und zuvorkommend war? Eher nicht. Ich sollte lieber versuchen mir den Weg einzuprägen. Damit ich, wenn sich eine passende Gelegenheit dazu bot, von hier verschwinden konnte. Wir traten in einen großen sehr modern und elegant eingerichteten Raum. In der Mitte stand ein großer Esstisch auf dem etwas zu Essen für eine Person serviert worden war. „Setz dich und iss“, sagte Damien und zog dabei den Stuhl zurück, damit ich mich setzen konnte. Schon wieder dieser befehlende Ton. Diesen würde sich dieser Arsch aber ganz schnell abgewöhnen müssen. Trotzdem setzte ich mich. Ich beäugte die Mahlzeit vor mir skeptisch. Was wenn er mich vergiften wollte? Immerhin hatte er mich entführt. Ich sollte lieber die Finger davon lassen. Mittlerweile hatte Damien mir gegenüber genommen. „Es ist nicht vergiftet, wenn dich das beunruhigt“, sagte er. „Und woher soll ich wissen, dass du die Wahrheit sagst?“, fragte ich und schaute ihn herausfordernd an. „Warum sollte ich lügen?“, antworte er mit einer Gegenfrage und starrte mich dabei mit seinen grünen Augen an. „Weil du mich entführt hast, und ich immer noch nicht weiß warum“, konterte ich und versuchte seinen intensiven Blick auf mir zu ignorieren. Konnte der nicht mal woanders hinschauen? „Ich mache dir ein Angebot. Du isst und ich versuche dir alles zu erklären“, schlug er vor. Überrascht von seinem Angebot, entschied ich ihm zu Glauben, nickte. Ich griff nach der Gabel und schob mir ein Stück Kartoffel in den Mund. „Also gut, bevor ich anfange solltest du wissen, dass ich dir nie Angst einjagen wollte. Ich war nur so überrascht, dich gefunden zu haben und ehe ich mich versah, bist du schon von mir weggelaufen“, versuchte Damien sein Verhalten zu erklären. „Das mit dem ‘keine Angst einjagen‘ solltest du üben. Du bist nicht wirklich gut darin“, entgegnete ich, bevor ich mir schon die zweite Kartoffel in den Mund schob. Nebenbei bemerkt, sie schmeckten köstlich. „Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Aria. Ich werde dich nicht verletzten“, sagte Damien ernst. Ich erstarrte mitten in der Bewegung. Was sollte das nun wieder heißen? Er hatte mich entführt und sagte jetzt er wird mich nicht verletzen? Wie passt das zusammen? „Und das soll ich dir glauben, weil…“, sagte ich skeptisch. Damien seufzte frustriert. „Das versuche ich dir grade zu erklären. Ich bin ein Vampir. Wie ich dir vorhin, zugegeben etwas ungalant...“, begann er, doch weiter kam er nicht. „Ungalant? Das ist ja eine nette Umschreibung. Ich würde eher Vokabeln wie unverschämt, taktlos oder arrogant verwenden.“ Oder heiß, sexy, unwiderstehlich...Nein! Ich musste damit aufhören so von Damien zu denken. „Ich bin ein Vampir und will ein Blut'“, äffte ich Damiens tiefe Stimme nach, doch meine Imitation war eher schlecht als recht. Damien unterdrückte ein Grinsen, was ihm jedoch nicht wirklich gelang. „Das ist nicht witzig Damien! Stell du dir mal vor: Du wirst von zwei Muskelpaketen einführt, wachst in einem fremden Zimmer auf und stellst fest, dass du eingeschlossen bist. Dann versuchst du aus dem Fenster zu klettern und fällst 5 Meter tief. Du wirst von einem Neandertaler aufgefangen und wieder in dieses Zimmer schleppt. Er sagt dir, er ist ein Vampir, was ja total glaubwürdig ist. Danach wirst du von ihm angefallen und auf die Frage, was er von dir will, sagt er einfach: 'Dein Blut' “, sprudelte ich aufgebracht los. Ich spürte wie meine Kopfschmerzen stärker wurden. Was fiel diesem arroganten Arsch ein mich auszulachen. Zornig, machte ich Anstalten aufzustehen. Doch ehe ich stand, ergriff Damien über den Tisch meine Hand und zog mich auf den Stuhl zurück. Die Berührung löste ein Schaudern aus, der sich von meiner Hand aus über meinen ganzen Körper verbreitete. Was hatte Damien nur an sich, was meinen Körper so auf ihn reagieren ließ? Die Stelle unter meiner Haut, an der er mich berührte, begann zu prickeln. Mein Herz klopfte wieder laut. Ich musste mich beruhigen, er berührte doch nur meine Hand. Ich konnte doch nicht jedes Mal meine Fassung verlieren, wenn er mich berührte! Wieder sah ich, dass Damien versuchte nicht zu lachen. Ich zog meine Hand aus seiner. Sollte das ein Witz sein? Für wen hielt er sich? „Es tut mir leid, Aria. Ich hätte wirklich nicht lachen sollen“, bemerkte er, hatte jedoch immer noch ein zufriedenes Grinsen im Gesicht. „Und warum schaust du immer noch selbstgefällig drein?“, sagte ich ärgerlich. „Ich glaube es wäre unfair es dir nicht zu erzählen“, überlegte Damien. „Mir was zu erzählen?“, fragte ich genervt. Will er mich absichtlich auf die Palme bringen!? „Nein, das will ich nicht“. „Was?“, fragte ich verwirrt. „Ich will dich nicht absichtlich auf die Palme bringen“, erklärte er. Hatte ich grade laut gesprochen? Nein, bestimmt nicht. Aber wie…? Hatte er meine Gedanken gelesen? Das geht doch nicht. Er kann keine Gedanken lesen! Dass kann keiner, oder doch? Entsetzt schaute ich Damien an. Es war so absurd. Jetzt wurden meine Kopfschmerzen unerträglich. Wie am Abend zuvor versuchte ich die Schmerzen zu verdrängen, bis sie letztendlich verschwunden waren. Ohne die Schmerzen konnte ich viel besser nachdenken. Ich musste mich vergewissern. „Du kannst doch nicht etwa...?“, ich konnte die Frage einfach nicht beenden. „... Gedanken lesen?“, beendete er meine Frage. „Ja das kann ich und noch etwas mehr. Sobald ich in die Gedanken eines Menschen eingedrungen bin, dann ich auf ihn eine leichte Kontrolle ausüben. Zum Beispiel ihn beruhigen oder aufregen oder sein Gedächtnis manipulieren. Bei dir bin ich jedoch etwas eingeschränkt“ Hatte er die ganze Zeit über meine Gedanken gelesen. Wie peinlich! „Eingeschränkt? Was soll das bedeuten?“, fragte ich hoffnungsvoll. Vielleicht hat er ja nicht alles gehört? „Nun ja, normalerweise fällt er mir nicht schwer, die Gedanken eines Menschen zu lesen. Aber bei dir ist es etwas anders. Du hast eine natürliche Blockade, die mich daran hindert jederzeit auf deine Gedanken zuzugreifen. Doch wenn du starke Gefühle empfindest, wie Angst, Erregung oder wie grade eben Wut, ist es mir möglich die Blockade zu überwinden“, erklärte Damien. „Das heißt du konntest eben all meine Gedanken lesen, weil ich wütend gewesen bin?“, versicherte ich mich. „Ja, genau“ Damien blickte mich forschen an, als versuchte er herauszufinden was im mir vorging. „Kannst du es immer noch?“, wollte ich wissen. „Nein. Du hast mich eben aus deinen Gedanken ausgeschlossen“, antwortete er. „Ich muss zugeben, dass mich das etwas frustriert. Ich bin es nicht gewohnt, aus den Gedanken anderer, rausgeschmissen zu werden. Vielleicht sollte ich dich wirklich absichtlich wütend machen, damit ich wieder in deinen hübschen Kopf blicken kann. Mir gefällt was ich da höre“, überlegte Damien laut. Ich ignorierte seine Bemerkung. Er versuchte mich nur zu reizen. Ich brauchte Antworten „Warum hast du mich entführt und sperrst mich hier ein? Doch nicht nur, weil du nicht immer meine Gedanken lesen kannst?“ „Im Grunde schon“, antwortete er. „Das versuche ich dir eben zu erklären“. „Na dann fang mal an. Besonders weit bist du nicht gekommen“. „Also gut. Ich fange nochmal von vorne an. Ich bin ein Vampir und …“ „Und das soll ich einfach mal glauben?“, unterbrach ich ihn wieder. „Wenn du mich nicht andauernd unterbrechen würdest, wäre ich dir sehr verbunden. Und ja das sollst du glauben. Ich kann es dir auch beweisen, wenn dich die bisherigen Ereignisse noch nicht überzeugt haben“. Damien grinste mich an. Und ich hatte das Gefühl, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte.