Römische Elegien

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 10 von 14

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Römische Elegien

Kapitel 15

Öl und Docht nur umsonst. Schließet die Läden doch nicht!

Hinter die Häuser entwich, nicht hinter den Berg, uns die Sonne!

Ein halb Stündchen noch währts bis zum Geläute der Nacht!« —

Unglückseliger! Geh und gehorch! Mein Mädchen erwart ich.

Tröste mich, Lämpchen, indes, lieblicher Bote der Nacht!

 

15.

 

Cäsarn wär ich wohl nie zum fernen Britannien gefolget,

Florus hätte mich leicht in die Popine geschleppt!

Denn mir bleiben weit mehr die Nebel des traurigen Nordens

Als ein geschäftiges Volk südlicher Flöhe verhaßt.

Und noch schöner von heut an seid mir gegrüßet, ihr Schenken,

Osterien, wie euch schicklich der Römer benennt;

Denn ihr zeiget mir heute die Liebste, begleitet vom Oheim,

Den die Gute so oft, mich zu besitzen, betrügt.

Hier stand unser Tisch, den Deutsche vertraulich umgaben;

Drüben suchte das Kind neben der Mutter den Platz,

Rückte vielmals die Bank und wußt es artig zu machen,

Daß ich halb ihr Gesicht, völlig den Nacken gewann.

Lauter sprach sie, als hier die Römerin pfleget, kredenzte,

Blickte gewendet nach mir, goß und verfehlte das Glas.

Wein floß über den Tisch, und sie, mit zierlichem Finger,

Zog auf dem hölzernen Blatt Kreise der Feuchtigkeit hin.

Meinen Namen verschlang sie dem ihrigen; immer begierig

Schaut ich dem Fingerchen nach, und sie bemerkte mich wohl.

Endlich zog sie behende das Zeichen der römischen Fünfe

Und ein Strichlein davor. Schnell, und sobald ichs gesehn,

Schlang sie Kreise durch Kreise, die Lettern und Ziffern zu löschen;

Aber die köstliche Vier blieb mir ins Auge geprägt.

Stumm war ich sitzen geblieben und biß die glühende Lippe,

Halb aus Schalkheit und Lust, halb aus Begierde, mir wund.

Erst noch so lange bis Nacht! Dann noch vier Stunden zu warten!

Hohe Sonne, du weilst, und du beschauest dein Rom!

Größeres sahest du nichts und wirst nichts Größeres sehen,

Wie es dein Priester Horaz in der Entzückung versprach.