Römische Elegien

Johann Wolfgang von Goethe · Kapitel 7 von 14

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Römische Elegien

Kapitel 12

Euch, o Grazien, legt die wenigen Blätter ein Dichter

Auf den reinen Altar, Knospen der Rose dazu,

Und er tut es getrost. Der Künstler freuet sich seiner

Werkstatt, wenn sie um ihn immer ein Pantheon scheint.

Jupiter senket die göttliche Stirn, und Juno erhebt sie;

Phöbus schreitet hervor, schüttelt das lockige Haupt;

Trocken schaut Minerva herab und Hermes, der leichte,

Wendet zur Seite den Blick, schalkisch und zärtlich zugleich.

Aber nach Bacchus, dem weichen, dem träumenden, hebet Cythere

Blicke der süßen Begier, selbst in dem Marmor noch feucht.

Seiner Umarmung gedenket sie gern und scheinet zu fragen:

Sollte der herrliche Sohn uns an der Seite nicht stehn?

 

12.

 

Hörest du, Liebchen, das muntre Geschrei den Flaminischen Weg her?

Schnitter sind es; sie ziehn wieder nach Hause zurück,

Weit hinweg. Sie haben des Römers Ernte vollendet,

Der für Ceres den Kranz selber zu flechten verschmäht.

Keine Feste sind mehr der großen Göttin gewidmet,

Die, statt Eicheln, zur Kost goldenen Weizen verlieh.

Laß uns beide das Fest im stillen freudig begehen!

Sind zwei Liebende doch sich ein versammeltes Volk.

Hast du wohl je gehört von jener mystischen Feier,

Die von Eleusis hieher frühe dem Sieger gefolgt?

Griechen stifteten sie, und immer riefen nur Griechen,

Selbst in den Mauern Roms: »Kommt zur geheiligten Nacht!«

Fern entwich der Profane; da bebte der wartende Neuling,

Den ein weißes Gewand, Zeichen der Reinheit, umgab.

Wunderlich irrte darauf der Eingeführte durch Kreise

Seltner Gestalten; im Traum schien er zu wallen: denn hier

Wanden sich Schlangen am Boden umher, verschlossene Kästchen,

Reich mit Ähren umkränzt, trugen hier Mädchen vorbei,

Vielbedeutend gebärdeten sich die Priester und summten;

Ungeduldig und bang harrte der Lehrling auf Licht.

Erst nach mancherlei Proben und Prüfungen ward ihm enthüllet,