Schläfst du Mutter?; Ruth

Jakob Wassermann · Kapitel 2 von 7

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Schläfst du Mutter?; Ruth

Schläfst du Mutter?

 

I.

 

Peter Vogelsang

Geht auf den Grillenfang,

Hat eine lange Nase

Und Ohren wie ein Hase ...

 

Ich lasse sie schreien, die Knirpse, dachte Peter und schritt würdevoll seine

Straße fürbaß. Das Spottgedicht stammte vom Herrn Lehrer selbst, aber Peter

war fest überzeugt davon, daß ihn diese »Kinderei« gleichgültig lasse. Wenn er

in den Zwischenpausen träumerisch, fast tiefsinnig im Schulhof stand, hinten am

Zaun, wo man auf den Fluß hinabsehen konnte, der so ruhig und so klar

vorbeiströmte, oder wenn er abseits von dem Knäuel der Aufgeregten mit

nachdenklich verschränkten Armen dastand, mußte ihn oft die spöttische

Mahnung des Lehrers aus seinem Sinnen wecken. Aber Peter lächelte nur, und

dieses Lächeln war nicht ohne eine gewisse Geringschätzung; denn er war bei

seinen neun Jahren schon ein beachtenswerter Philosoph, der über den lieben

Gott bereits sein ganz bestimmtes Urteil hatte.

 

Es war ein Mittwoch-Nachmittag und er ging spazieren. Er trug einen dünnen

Spazierstock aus Weichselrohr, – die Mutter hatte ihn gestern erst gekauft, – und

damit hieb er fortwährend auf die Einfassung des Trottoirs los, gerade als könne

er sich damit von einer Summe innerer Zweifel befreien. Am Lilienplatz

ertönten die Schmiedehämmer und das war ein heller, fast klagender Laut. Peter

blieb stehen, denn diese Töne fesselten ihn sehr. Klang es nicht, wie wenn die

alten und berühmten Recken mit ihren Schwertern aufeinander loshieben?

Wahrlich, wenn man die Augen schloß, so konnte man glauben, Laurin kämpfe

in vollem Gewaffen mit Dietrich von Bern. Dann sah er noch zu, wie einem

Pferd die Hufeisen erneuert wurden, und so beklommen war sein Herz bei

diesem Schauspiel, daß ihn selbst der arge Gestank des angesengten Hufs nicht

vertreiben konnte. Er staunte nur, daß ein Pferd so schön stille halten konnte, während man ihm Nägel in die Füße schlug. Er ging weiter, aber das Staunen