Schläfst du Mutter?; Ruth

Jakob Wassermann · Kapitel 4 von 7

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Schläfst du Mutter?; Ruth

Kapitel III

»Ich hab’ gedacht, du bist tot,« sagte der.

 

»Ich war schon tot,« erwiderte Peter, »aber jetzt bin ich wieder aufgewacht.«

 

»Jetzt gehst gewiß heim?«

 

Peter nickte.

 

»Was wird denn da dein Vater sagen, wennst jetzt schon wieder kommst? Der

wird schimpfen!«

 

Am Brunnendenkmal blieb Peter stehen und dachte nach. Und er bekam

solche Furcht davor, was der Vater sagen würde, daß er schnell wieder umkehrte

und sich ins Grab legte.

 

III.

 

Als er erwachte, war es Nacht. Große Angst erfaßte ihn, und die kühle Luft

drang ihm bis auf die Haut. Das Weinen war ihm nah, als er sich so allein sah,

mitten im Wald, Gott weiß zu welcher Stunde der Nacht. Wenn jetzt Räuber

kämen oder Mörder, oder Kobolde oder Riesen ... Hastig ging er vorwärts, am

ganzen Körper zitternd.

 

Schneller, als er gedacht, lichtete sich der Wald. Und dann ging er die

Landstraße hinab und weithin dehnten sich Äcker und Wiesen und das grüne

Mondlicht lag auf allem Land. Schierlingskraut und Löwenzahn standen am Weg

und der Tau breitete sich aus, daß es schien, als ob der Boden dampfe.

 

Peter schritt rasch und mit angstvollem Herzen weiter. Kein Mensch

begegnete ihm; kein Haus, keine Wirtschaft war in der Nähe. So still war es und

so voll Frieden wie in einer Kirche. Wenn er innehielt, um Atem zu schöpfen,

konnte er weit in der Ferne den Schrei des Käuzchens vernehmen und er

fürchtete sich davor. Einmal biß er sich auf die Unterlippe, um nicht laut

aufzuweinen. Was wird die Mutter sagen, murmelte er beständig vor sich hin. Da

entsann er sich dunkel, daß ein schwerer Traum seinen Schlaf beunruhigt hatte.

Aber er wußte nicht mehr, was er geträumt hatte. Er zermarterte sich förmlich,

dachte tief und andächtig nach, aber es war, als necke ihn der Traum noch jetzt,

– je mehr er sich quälte, je ferner fühlte er sich seiner Spur. Doch hatte er die Empfindung, als sei dadurch eine Lücke in seinem Innern entstanden; die

Vorstellung des bösen Traums beunruhigte sein Gemüt, und die Furcht vor dem

Unbekannten ließ das nur Geträumte zu einer lebendigen Gefahr anwachsen.

 

Schon betrat er die Straßen der Stadt, da hörte er elf Uhr vom Rathausturm

schlagen. Er seufzte erleichtert auf, denn er hatte geglaubt, es sei schon drei Uhr

oder gar vier Uhr. Allerdings, wie einsam war es auch auf all den Gassen! Kaum

daß man in den Stockwerken der Häuser noch hie und da ein Licht gewahrte.

Keine Laterne brannte. Zauberhaft nahm es sich aus, wenn so die Straße in Licht

und Finsternis geteilt schien, auf der einen Seite der Mondschein, der die

nüchternen Bauten verschönte und alles Häßliche an ihnen versteckte. Die

scharfgeschnittenen Schatten, die es überall gab und dann der tiefgrüne

Nachthimmel mit ein paar schüchternen Sternen, die nur wie hingehaucht

erschienen ... Über all dem schwebte dieser leise, leichte, duftige Frühlingsnebel,

unbeweglich und traumhaft.

 

Bald stand Peter am Wohnhaus in der Theaterstraße. Das Thor war versperrt

und er mußte läuten. Niemand kam. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er

zum zweitenmal den verrosteten Glockenknopf zog. Ein schriller, zirpender Laut

drang bis auf die Straße heraus.

 

Endlich wurde oben ein Fenster aufgerissen, und der Kopf der alten Magd

wurde sichtbar. Ihre große, weiße Haube ragte weit vornüber. Sie grunzte, rief

etwas ins Zimmer zurück, schlug das Fenster wieder zu, und gleich darauf

polterte sie die Stiege herab und empfing den Knaben mit jener Flut

wohlgemeinter Schmähungen, die oft größere Freudenbezeugungen sind als

Küsse. Der Vater sei fort, um ihn zu suchen, und die Mutter weine sich die

Augen aus dem Kopf.

 

Als er furchtsam die Thür des Wohnzimmers öffnete, sah er die Mutter am

Tisch sitzen. Aber sie weinte nicht. Sie blickte den Knaben traurig an, doch so,

als ob sie ganz vergessen hätte, daß sie seinetwegen Sorgen gehabt, und als ob

ganz andere Bekümmernisse sie jetzt erfüllten, – wie eine Frau, welche die

Zukunft ihrer Kinder in dunklen Farben sieht. Sie sagte kein Wort zu Peter.

 

Der Knabe stand an der andern Seite des Tisches und wagte nicht, die Augen

aufzuschlagen. Er heftete seine Blicke auf die Zeitung und immerfort las er die

Kapitelüberschrift des Romans. Immerfort las er das: »Achtzehntes Kapitel.

Alma wird gerächt.« Dabei aber schlug das Ticktack der großen Wanduhr

unaufhörlich an sein Ohr, und sogar das schnelle Ticken der kleinen Taschenuhr vernahm er, die der Mutter gehörte, und die an der Wand über der Kommode

hing. Bald darauf begann Barbara in der Küche geräuschvoll mit den Tellern zu

hantieren, und diesen Lärm empfand er im Innern wie einen Trost.

 

Als sein Blick nach einiger Zeit die Mutter traf, hatte sie sich blaß und

abgespannt in den Stuhl zurückgelehnt. Und seltsam, in diesem Moment kam es

wie eine Erleuchtung über ihn, und der Traum im Wald stand lebhaft und in

aufdringlichen Farben vor seiner Seele. Aber noch immer redete er nicht. Das

war ihm unmöglich, hinzugehn zur Mutter, ihre Hand zu nehmen und zu sagen:

verzeih mir.

 

»Wo warst du?« fragte endlich die Mutter mit einem Stirnrunzeln, das so

klang, als wäre sie von einer Last schwerer Träume erlöst worden. Dann erst

wiederholte sie, gleichsam sich selbst findend, in strengerem Ton und mit

drohendem Stirnrunzeln: »Wo warst du?«

 

Peters Finger spielten mit den Fransen des Tischtuchs, und seine Blicke

suchten am Boden umher. Und so oft auch die Mutter fragen mochte, der Knabe

schwieg beharrlich. Nicht aus Trotz, nicht aus Verstocktheit, nicht aus Furcht,

sondern nur deshalb, weil er nicht reden konnte. Er vermochte nicht ein einziges

Wort zu finden. Er kam sich in diesem Augenblick so schuldbeladen vor und

zugleich so arm und weltverloren, daß er sich völlig in diese Vorstellungen voll

Schmerz und Trauer vertiefte.

 

Da hörte man Schritte auf der Treppe, und die Mutter nahm ihn rasch bei der

Hand. »Der Vater kommt,« sagte sie, »er wird dich schlagen. Schnell, geh hinein

und schlüpf ins Bett. Ich will ihm sagen, daß du schläfst. Und jetzt mußt du brav

sein, und wenn du brav bist, sag’ ich es Lizzi. Lizzi kommt nämlich morgen.

Freust du dich? Du hast sie doch schon lange nicht mehr gesehn –? Das ist jetzt

ein großes, schönes Mädchen geworden und du mußt recht nett mit ihr sein.«

 

Dann stand er in dem finstern Zimmer, wo sich sein Bett befand. Aber er

entkleidete sich nicht, sondern setzte sich auf den Bettrand und versank in tiefes

Sinnen. Was die Mutter eben gethan, erschütterte ihn bis ins Innerste. Sie wollte

also nicht, daß der Vater ihn schlug –? Ja, und warum war sie so traurig

gewesen? Sonst, wenn er sich verspätet oder wenn er irgend ein Unheil

angerichtet, hatte sie ihn ermahnt oder hatte gescholten, und heute war sie so still

und nachsichtig gewesen ... Hätte sie ihn doch lieber gescholten! Hätte sie ihn

doch an den Ohren gepackt!... Aber sie schien so traurig zu sein und er fragte

sich: warum ist die Mutter nicht glücklich? Sie hat doch immer so viel Geld, und sie kocht doch immer so gute Sachen, und so schöne Kleider hat sie, und

Schmucksachen, und den Vater hat sie auch –? Und Lizzi sollte kommen –? Die

freche kleine Cousine Lizzi –? Er wollte ihr schon zeigen, daß er jetzt ein Mann

geworden sei, und wenn sie frech war, so würde er sie einfach mit Verachtung

strafen ... Aber im tiefsten Grund seines Herzens wurde es gleichsam ein bischen

warm und gemütlich, wenn er an Lizzi dachte.

 

Die regelmäßigen Atemzüge der beiden kleineren Geschwister drangen an

sein Ohr und vom Wohnzimmer her kam jetzt die sonore Stimme des Vaters in

beständigem Gemurmel herüber. Das Mondlicht fiel durchs Fenster und

zeichnete vier Parallelogramme auf den Boden, über denen der Schatten des

Gardinenmusters wie ein Nebel gebreitet war.

 

Da hörte er des Vaters Stimme hart und hastig: »Es muß sein, Agnes. Das

Geld muß ich haben. Ich bedaure, daß ich so viel Liebe an dich verschwendet

habe, wenn du mir nicht einmal dies kleine Opfer bringen kannst.«

 

Darauf erwiderte die Mutter eindringlich und entschieden: »Niemals, Rudolf!

Das Geld ist für unsere Kinder deponiert worden und kein Pfennig soll davon

genommen werden. Du hast es damals selbst gewollt. Ich erinnere mich noch

genau, wie du kamst. Oder soll das auch nur eine von deinen großen

Redensarten gewesen sein?«

 

»Ich mache keine Redensarten. Du machst Redensarten. Und wenn du eine

vernünftige Frau wärst, würdest du wissen, was du jetzt zu thun hast. Du siehst

doch, daß ich zu Grunde gehe ...«

 

»Du bist ein Egoist,« erwiderte die Mutter so leise und so traurig, daß von

diesem Tage an das Wort Egoist in Peters Vorstellungen als etwas Ungeheures

und Furchteinflößendes sich entpuppte. »Du hast nie für andere Leute ein Gefühl

gehabt. Nur für dich. Man braucht dich ja nur reden zu hören. Selbst wenn du

von andern sprichst, sprichst du nur von dir selbst; heut abend, wie Peter nicht

kam, hast du nur immer über die Sorge gejammert, die dir der Bub macht,

aber –«

 

»Schweig, schweig, du bist lächerlich,« flüsterte der Vater heftig und sehr

erregt.

 

»Schweigen? Ich hab elf Jahre lang geschwiegen. Ich gebe mein Herzblut für

euch hin, sagst du immer. Aber ich, ich für meinen Teil finde gar nichts

Besonderes in dem, was du thust. Erstens sitzest du jeden Abend im Wirtshaus und spielst und bist vergnügt und ich bin dir gleichgültig. Es ist dir gleichgültig,