Schläfst du Mutter?; Ruth
Kapitel III
»Ich hab’ gedacht, du bist tot,« sagte der.
»Ich war schon tot,« erwiderte Peter, »aber jetzt bin ich wieder aufgewacht.«
»Jetzt gehst gewiß heim?«
Peter nickte.
»Was wird denn da dein Vater sagen, wennst jetzt schon wieder kommst? Der
wird schimpfen!«
Am Brunnendenkmal blieb Peter stehen und dachte nach. Und er bekam
solche Furcht davor, was der Vater sagen würde, daß er schnell wieder umkehrte
und sich ins Grab legte.
III.
Als er erwachte, war es Nacht. Große Angst erfaßte ihn, und die kühle Luft
drang ihm bis auf die Haut. Das Weinen war ihm nah, als er sich so allein sah,
mitten im Wald, Gott weiß zu welcher Stunde der Nacht. Wenn jetzt Räuber
kämen oder Mörder, oder Kobolde oder Riesen ... Hastig ging er vorwärts, am
ganzen Körper zitternd.
Schneller, als er gedacht, lichtete sich der Wald. Und dann ging er die
Landstraße hinab und weithin dehnten sich Äcker und Wiesen und das grüne
Mondlicht lag auf allem Land. Schierlingskraut und Löwenzahn standen am Weg
und der Tau breitete sich aus, daß es schien, als ob der Boden dampfe.
Peter schritt rasch und mit angstvollem Herzen weiter. Kein Mensch
begegnete ihm; kein Haus, keine Wirtschaft war in der Nähe. So still war es und
so voll Frieden wie in einer Kirche. Wenn er innehielt, um Atem zu schöpfen,
konnte er weit in der Ferne den Schrei des Käuzchens vernehmen und er
fürchtete sich davor. Einmal biß er sich auf die Unterlippe, um nicht laut
aufzuweinen. Was wird die Mutter sagen, murmelte er beständig vor sich hin. Da
entsann er sich dunkel, daß ein schwerer Traum seinen Schlaf beunruhigt hatte.
Aber er wußte nicht mehr, was er geträumt hatte. Er zermarterte sich förmlich,
dachte tief und andächtig nach, aber es war, als necke ihn der Traum noch jetzt,
– je mehr er sich quälte, je ferner fühlte er sich seiner Spur. Doch hatte er die Empfindung, als sei dadurch eine Lücke in seinem Innern entstanden; die
Vorstellung des bösen Traums beunruhigte sein Gemüt, und die Furcht vor dem
Unbekannten ließ das nur Geträumte zu einer lebendigen Gefahr anwachsen.
Schon betrat er die Straßen der Stadt, da hörte er elf Uhr vom Rathausturm
schlagen. Er seufzte erleichtert auf, denn er hatte geglaubt, es sei schon drei Uhr
oder gar vier Uhr. Allerdings, wie einsam war es auch auf all den Gassen! Kaum
daß man in den Stockwerken der Häuser noch hie und da ein Licht gewahrte.
Keine Laterne brannte. Zauberhaft nahm es sich aus, wenn so die Straße in Licht
und Finsternis geteilt schien, auf der einen Seite der Mondschein, der die
nüchternen Bauten verschönte und alles Häßliche an ihnen versteckte. Die
scharfgeschnittenen Schatten, die es überall gab und dann der tiefgrüne
Nachthimmel mit ein paar schüchternen Sternen, die nur wie hingehaucht
erschienen ... Über all dem schwebte dieser leise, leichte, duftige Frühlingsnebel,
unbeweglich und traumhaft.
Bald stand Peter am Wohnhaus in der Theaterstraße. Das Thor war versperrt
und er mußte läuten. Niemand kam. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, als er
zum zweitenmal den verrosteten Glockenknopf zog. Ein schriller, zirpender Laut
drang bis auf die Straße heraus.
Endlich wurde oben ein Fenster aufgerissen, und der Kopf der alten Magd
wurde sichtbar. Ihre große, weiße Haube ragte weit vornüber. Sie grunzte, rief
etwas ins Zimmer zurück, schlug das Fenster wieder zu, und gleich darauf
polterte sie die Stiege herab und empfing den Knaben mit jener Flut
wohlgemeinter Schmähungen, die oft größere Freudenbezeugungen sind als
Küsse. Der Vater sei fort, um ihn zu suchen, und die Mutter weine sich die
Augen aus dem Kopf.
Als er furchtsam die Thür des Wohnzimmers öffnete, sah er die Mutter am
Tisch sitzen. Aber sie weinte nicht. Sie blickte den Knaben traurig an, doch so,
als ob sie ganz vergessen hätte, daß sie seinetwegen Sorgen gehabt, und als ob
ganz andere Bekümmernisse sie jetzt erfüllten, – wie eine Frau, welche die
Zukunft ihrer Kinder in dunklen Farben sieht. Sie sagte kein Wort zu Peter.
Der Knabe stand an der andern Seite des Tisches und wagte nicht, die Augen
aufzuschlagen. Er heftete seine Blicke auf die Zeitung und immerfort las er die
Kapitelüberschrift des Romans. Immerfort las er das: »Achtzehntes Kapitel.
Alma wird gerächt.« Dabei aber schlug das Ticktack der großen Wanduhr
unaufhörlich an sein Ohr, und sogar das schnelle Ticken der kleinen Taschenuhr vernahm er, die der Mutter gehörte, und die an der Wand über der Kommode
hing. Bald darauf begann Barbara in der Küche geräuschvoll mit den Tellern zu
hantieren, und diesen Lärm empfand er im Innern wie einen Trost.
Als sein Blick nach einiger Zeit die Mutter traf, hatte sie sich blaß und
abgespannt in den Stuhl zurückgelehnt. Und seltsam, in diesem Moment kam es
wie eine Erleuchtung über ihn, und der Traum im Wald stand lebhaft und in
aufdringlichen Farben vor seiner Seele. Aber noch immer redete er nicht. Das
war ihm unmöglich, hinzugehn zur Mutter, ihre Hand zu nehmen und zu sagen:
verzeih mir.
»Wo warst du?« fragte endlich die Mutter mit einem Stirnrunzeln, das so
klang, als wäre sie von einer Last schwerer Träume erlöst worden. Dann erst
wiederholte sie, gleichsam sich selbst findend, in strengerem Ton und mit
drohendem Stirnrunzeln: »Wo warst du?«
Peters Finger spielten mit den Fransen des Tischtuchs, und seine Blicke
suchten am Boden umher. Und so oft auch die Mutter fragen mochte, der Knabe
schwieg beharrlich. Nicht aus Trotz, nicht aus Verstocktheit, nicht aus Furcht,
sondern nur deshalb, weil er nicht reden konnte. Er vermochte nicht ein einziges
Wort zu finden. Er kam sich in diesem Augenblick so schuldbeladen vor und
zugleich so arm und weltverloren, daß er sich völlig in diese Vorstellungen voll
Schmerz und Trauer vertiefte.
Da hörte man Schritte auf der Treppe, und die Mutter nahm ihn rasch bei der
Hand. »Der Vater kommt,« sagte sie, »er wird dich schlagen. Schnell, geh hinein
und schlüpf ins Bett. Ich will ihm sagen, daß du schläfst. Und jetzt mußt du brav
sein, und wenn du brav bist, sag’ ich es Lizzi. Lizzi kommt nämlich morgen.
Freust du dich? Du hast sie doch schon lange nicht mehr gesehn –? Das ist jetzt
ein großes, schönes Mädchen geworden und du mußt recht nett mit ihr sein.«
Dann stand er in dem finstern Zimmer, wo sich sein Bett befand. Aber er
entkleidete sich nicht, sondern setzte sich auf den Bettrand und versank in tiefes
Sinnen. Was die Mutter eben gethan, erschütterte ihn bis ins Innerste. Sie wollte
also nicht, daß der Vater ihn schlug –? Ja, und warum war sie so traurig
gewesen? Sonst, wenn er sich verspätet oder wenn er irgend ein Unheil
angerichtet, hatte sie ihn ermahnt oder hatte gescholten, und heute war sie so still
und nachsichtig gewesen ... Hätte sie ihn doch lieber gescholten! Hätte sie ihn
doch an den Ohren gepackt!... Aber sie schien so traurig zu sein und er fragte
sich: warum ist die Mutter nicht glücklich? Sie hat doch immer so viel Geld, und sie kocht doch immer so gute Sachen, und so schöne Kleider hat sie, und
Schmucksachen, und den Vater hat sie auch –? Und Lizzi sollte kommen –? Die
freche kleine Cousine Lizzi –? Er wollte ihr schon zeigen, daß er jetzt ein Mann
geworden sei, und wenn sie frech war, so würde er sie einfach mit Verachtung
strafen ... Aber im tiefsten Grund seines Herzens wurde es gleichsam ein bischen
warm und gemütlich, wenn er an Lizzi dachte.
Die regelmäßigen Atemzüge der beiden kleineren Geschwister drangen an
sein Ohr und vom Wohnzimmer her kam jetzt die sonore Stimme des Vaters in
beständigem Gemurmel herüber. Das Mondlicht fiel durchs Fenster und
zeichnete vier Parallelogramme auf den Boden, über denen der Schatten des
Gardinenmusters wie ein Nebel gebreitet war.
Da hörte er des Vaters Stimme hart und hastig: »Es muß sein, Agnes. Das
Geld muß ich haben. Ich bedaure, daß ich so viel Liebe an dich verschwendet
habe, wenn du mir nicht einmal dies kleine Opfer bringen kannst.«
Darauf erwiderte die Mutter eindringlich und entschieden: »Niemals, Rudolf!
Das Geld ist für unsere Kinder deponiert worden und kein Pfennig soll davon
genommen werden. Du hast es damals selbst gewollt. Ich erinnere mich noch
genau, wie du kamst. Oder soll das auch nur eine von deinen großen
Redensarten gewesen sein?«
»Ich mache keine Redensarten. Du machst Redensarten. Und wenn du eine
vernünftige Frau wärst, würdest du wissen, was du jetzt zu thun hast. Du siehst
doch, daß ich zu Grunde gehe ...«
»Du bist ein Egoist,« erwiderte die Mutter so leise und so traurig, daß von
diesem Tage an das Wort Egoist in Peters Vorstellungen als etwas Ungeheures
und Furchteinflößendes sich entpuppte. »Du hast nie für andere Leute ein Gefühl
gehabt. Nur für dich. Man braucht dich ja nur reden zu hören. Selbst wenn du
von andern sprichst, sprichst du nur von dir selbst; heut abend, wie Peter nicht
kam, hast du nur immer über die Sorge gejammert, die dir der Bub macht,
aber –«
»Schweig, schweig, du bist lächerlich,« flüsterte der Vater heftig und sehr
erregt.
»Schweigen? Ich hab elf Jahre lang geschwiegen. Ich gebe mein Herzblut für
euch hin, sagst du immer. Aber ich, ich für meinen Teil finde gar nichts
Besonderes in dem, was du thust. Erstens sitzest du jeden Abend im Wirtshaus und spielst und bist vergnügt und ich bin dir gleichgültig. Es ist dir gleichgültig,