Schläfst du Mutter?; Ruth
Kapitel IV
was ich treibe. Wir waren eine gute Partie, nun ja, das ist eigentlich alles. Du
hast nie gewußt, was eine Frau ist und was sie sonst noch für Sehnsucht haben
könnte außer ihrem Wochengeld und – – Ich darf zu Grunde gehen in
Langeweile und Einsamkeit, du hast ja deine Gesellschaft beim Kartenspiel, und
die ist dir lieber als Frau und Kinder .... nein, nein, denke nur nicht, daß ich was
von dir begehre. Ich habe nie was gewollt, aber was du jetzt von mir willst, – o
ich durchschaue dich. Dich kenn ich!«
Noch viele Worte hörte Peter, aber es waren nur Worte für ihn. Langsam
kleidete er sich aus und kroch ins Bett. Seine Bewegungen waren alle schwer,
fast getragen vom Nachdenken. Ja, er kam sich so feierlich vor, so viel
würdevoller als sonst und viel männlicher. Und er glaubte alles zu verstehen,
was er gehört hatte. Zum erstenmal schaute er in das Leben, das vor ihm lag,
hinein wie in ein dunkles Loch. Ein leichter Schreck ergriff seine Seele, und er
fühlte etwas wie Schwäche gegenüber den künftigen Tagen. Diese Welt erschien
ihm vollgepfropft mit unheimlichen Schicksalen und häßlichen Leiden. Sein
Geist flüchtete ängstlich in die alten Zeiten der Sagen und der Heldenthaten und
das Übernatürliche und Traumhafte war ihm das allein Begreifliche und
Berechtigte. Und er schloß die Augen und Bild auf Bild, blaß und blasser
schwebte ihm vorbei, und Märchen und Wunder erfüllten sein Herz und seine
Träume waren leicht und golden.
IV.
Ganz ohne Übergang, ganz plötzlich und stürmisch waren Ende April diese
warmen Tage gekommen. In allen Gassen roch es nach Frühling und die jungen
Blüten wiegten sich bedächtig hin und her und wußten ihr junges Leben noch
nicht so recht zu genießen. Der Frühling hat uns überfallen, sagte Frau Agnes
Vogelsang und sie lächelte dabei so, als ob von einem guten Freunde gesprochen
würde.
Peter, der seit drei Tagen Ferien hatte, fühlte sich froh im Bewußtsein der
freien Herrschaft über all die Stunden des Tages. Des Morgens saß er still im
Zimmer und las. Er vertiefte sich in die Historien des alten babylonischen
Reiches. Ja, diese asiatischen Völker in all ihrem satten Prunk, mit dem Geheimnisvollen und Düstern, das sie umgiebt, lockten ihn sehr. Wenn er die
seltsame Geschichte des Sardanapal las, so ergriff ihn jedesmal eine fast
dichterische Glut, und er sah die Feuer an den Wänden des Palastes lodern, und
er hörte die schmerzlichen Schreie der Frauen, und er sah den König selbst, wie
er inmitten seiner Getreuen stand und die Lanze gepackt hielt wie ein echter
Held und wie er bleich wurde und wie dann die Flammen kamen und wie der
Rauch kam und wie er lächelte und immer lächelte, wenn die andern sich vor
Schmerz wanden. So sah er den Sardanapal. Und er erzählte das alles
Haushammers Fritz, und sie unternahmen Heldenthaten von ähnlicher
Bedeutung, zogen mit Holzschwertern in den Wald hinaus und suchten einsame
Burgen und stille Höhlen und wilde Tiere und die Fußstapfen böswilliger Feinde.
Und er träumte des Nachts von seltsamen Ländern, wo Blumen waren so groß
wie bei uns die Bäume und wo ein ewiger Sonnenbrand herrscht oder eine ewige
Dämmerung oder der süße Frieden des Waldes und wo die Menschen gute
Augen haben und wo fromme und starke Könige die schönsten Knaben als
Pagen in ihren Palast rufen lassen. So ging sein Tag in Träumen hin, und sein
Auge suchte in dieser Welt der Zahlen nach Wundern. Und er las auch die Bibel
(heimlich las er sie), und ein kühler Schreck erfaßte sein empfindliches Herz vor
jenen blutigen Greueln und vor jenen übermenschlichen Gestalten der grauen
Vorzeit. Und erst des Abends, wenn er oft mit Barbara am Herdfeuer der Küche
saß, wenn die Sphinxe und die Nixen und die Nymphen sich erhoben aus
düsteren Verstecken, wenn der Wald in seiner süßen und ziehenden Dunkelheit
wie ein lebendiger Mensch erschien, wenn die flackernden Flammen des
Herdfeuers als kleine, boshafte Kobolde ein spukhaftes Wesen trieben, wenn
Drachen und Lindwürmer mit feurigen Glotzaugen vor dem Sims saßen und
durch die Scheiben starrten, wenn jeder Kochtopf sich als ein Zauberwerkzeug
und jeder Schemel sich als feige schleichendes Tier entpuppte, dann war das
Leben eitel Abenteuer und Furchtbarkeit für Peter und es lockte und rief ihn
hinaus auf Haide und Moor und Wald und Thal mit tausend wohlverständlichen
Stimmen.
Frau Agnes liebte das alles nicht. Sie liebte die Träumereien nicht und sie
liebte die Märchenbücher nicht für den Knaben. In dem melancholischen
Ausdruck seiner Augen lagen ohnehin schmerzliche Garantieen die Fülle für sie.
Sie wußte, daß er nur mit älteren Knaben verkehrte und daß er gegen jüngere
einen gewissen Hochmut zur Schau trug oder eine fast väterliche Nachsicht. Es
war ihr ja kein Rätsel, wie dies Düstre, gleichsam Schwerflüssige in das Kind
gekommen war. Ihr selbst hatte das Leben nie viel Munterkeit und Glück
gegeben, und trüb und finster und plump war diese Stadt. Streng und ernst und geradlinig war das Land. Wenn man draußen stand auf dem Feld und man sah
die bleiernen Wolken des Himmels über sich, so mußte man träumen. Man
verlor die Energie des Gedankens und mußte träumen. Das Haus da war nicht
alt, sonst hätte gewiß nicht jene heimliche Poesie der alten fränkischen Häuser
gefehlt, – nein, es war so neu und kahl wie die Fabrikschlöte, die gegen den
Anger hinaus lagen. Und viel Werkthätigkeit und Hastigkeit war in allen Straßen
der Nähe und spielende, schlecht gekleidete Kinder schrieen und lärmten in allen
Höfen.
Doch den Zimmern der Etage hatte Frau Agnes die Züge ihres Wesens
aufgedrückt, und jene unauffällige, wohlthuende Harmonie lag darüber, von der
Tante Regina meinte, daß man dabei an seine Kindheit denken müsse. Wie fremd
und geheiligt erschien Peter stets der halbdunkle Salon mit seinen grünlichen
Lichtern, mit dem scheuen Glanz seiner hohen Spiegel! Und wenn seine Mutter
mit ihrem ein wenig schleppenden Gang durch die Flucht der Räume schritt und
nachdenklich hier eine Decke glättete und dort den Staub von einer Platte
wischte, so fühlte selbst der Knabe, wie vieler Enttäuschungen es bedurft hatte,
um all ihre Wünsche auf dies winzige Königreich zu beschränken, und ein
schmerzlich unbewußtes Begreifenwollen regte sich in ihm.
Heut soll Lizzi kommen, dachte Peter, der am Ofen saß, den Kopf in die Hand
und den Ellbogen auf das Knie gestützt. Und er dachte darüber nach, welch ein
ernstes und gemessenes Gesicht er machen wollte, wenn er ihr die Hand gab; er
wollte sich verbeugen und wollte sagen: Ach, das ist schön, daß du gekommen
bist. Nach dem Ach wollte er eine kleine Pause machen.
Von der Küche drangen Bratengerüche herein, und überdies roch es nach
Kastaniengemüse. Peter lächelte begehrlich und dann runzelte er die Stirn, in
Sorge, daß die Mutter zu wenig davon kochen würde wie neulich. Diese Sorge
beunruhigte ihn so sehr, daß er beschloß, in die Küche zu gehen.
Aber als er den Fuß über die Schwelle der Küchenthür setzte, blieb er
erschrocken stehen. Frau Agnes saß auf dem Kehrichtfaß, in der einen Hand den
langen, hölzernen Kochlöffel, mit dem sie das Mus gerührt hatte, in der andern
einen Brief. Sie sah über den Knaben hinweg, geradeaus ins Leere. Ihr Gesicht
war fahl und ihre Lippen waren blau. Peter wagte nicht, sich zu rühren, während
er lange Zeit mit zuckenden Mundwinkeln dastand und zuschaute, wie langsam
stille Thränen über die Wangen seiner Mutter rannen und wie ihr Oberkörper
sich vorbeugte und auf das Anricht zu fallen schien. Und dann erhob sie sich
rasch und sie schämte sich, vor dem Kind so schwach gewesen zu sein; daher drückte sie das Taschentuch fest gegen die Augen, als sie hinausging.
Peter sann und sann. Doch inmitten der Erregung sah er das Kastaniengemüse
schmoren und brodeln und damit das leckere Gericht nicht zu Grunde gehe,
nahm er zaghaft den großen Löffel und rührte und rührte, während seine
schwärmerischen Blicke gleichsam die Finsternis des Lebens zu durchdringen
suchten und ein großes Mitleiden ihn erfaßte gegen ein Unbestimmtes, gegen ein
leidendes und trauriges Geschöpf. Doch in seine männlichen Entschlüsse und
altklugen Betrachtungen fuhr die fette Stimme der alten Barbara, die ihm den
Löffel aus der Hand riß und mit entrüsteten Naturlauten den unbequemen Koch
vor die Thüre setzte.
Aber dann lief sie ihm plötzlich nach, nahm ihn auf den Arm und setzte sich
auf die Stufen im Flur. Auch sie hatte verweinte Augen, doch sah sie
nichtsdestoweniger sehr grimmig aus. Und sie sagte zu Peter, daß sein Vater fort
sei und daß sein Vater ein Taugenichts sei und daß sie ihm, Peter, die Rippen
entzweischlagen werde, wenn er nicht dazuthue, ein ordentlicher und braver
Mensch zu werden, der seiner Mutter eitel Freude bereitet. Und sie schien Lust
zu haben, die angedrohte Strafe sogleich zu vollziehen.
Peter begriff nichts von alledem. Was sollte das heißen: der Vater ist fort?
Wenn man einmal verheiratet ist, gehört man auch zusammen und dann hat man
sich auch lieb. Was konnte der Vater ohne die Mutter anfangen? Wer würde ihm
sein Essen kochen? Wer würde ihm die Strümpfe stricken? Peter schüttelte den
Kopf und lächelte still und froh in sich hinein. Dann ging er mit übergroßen
Schritten im Wohnzimmer auf und ab und dachte an Lizzi, die von all dem keine
Ahnung hatte, und er freute sich darauf, sie unterrichten zu können, wie bitter
und ernst das Leben ist, und daß die kleinen Kinder ganz wo anders herkommen
als vom Storch, und daß es für ihn eine beschlossene Sache sei, Feldmarschall zu
werden.
Und sein Blick glitt etwas trotzig zur Mutter hinüber, die am Fenster stand und
die Stirn an den eisernen Quer-Riegel gedrückt hatte. Ihre Frisur hatte sich gelöst
und das reiche, dunkelblonde Haar fiel wie eine Flut, wie ein Wasserfall bis
hernieder auf die Erde und oben in den zitternden Löckchen spielten die
Sonnenstrahlen. Und als der Knabe den bitteren und gequälten Ausdruck ihres
Gesichts sah, wachte auf einmal eine heiße Begierde in ihm auf, recht schnell
groß zu werden, und er fühlte es wie eine Schmach und es demütigte ihn
förmlich, daß er noch so klein war und erst neun Jahre alt.
Gleich nach Tisch schlich er davon. Im Korridor hatten die beiden
Geschwister aus einer Stiege und drei Stühlen ein Art Karosse erbaut und davor
stand ein richtiges Holzpferd. Peter sollte den Kutscher machen wie sonst, doch
Peter lächelte verächtlich und sagte: Ich bin überhaupt schon viel zu groß für das
Zeugs da. Und er achtete den Protest der Bittsteller für nichts und schritt
erhobenen Hauptes weiter. Doch er konnte es nicht unterlassen, trotz des fast
männlichen Stolzes, der ihn jetzt erfüllte, rittlings am Stiegengeländer
herabzugleiten, so daß er blitzschnell im Hausflur anlangte.
Hinaus gegen den Fronmüllerssteg und unter die Riesenbögen der
Eisenbahnbrücke! Dort legte er sich ins warme Gras und blickte hinauf an die
Wölbung und träumte von einem Zusammenstoß, wobei viele Menschen
umkamen und wo er sich als ein hilfreicher und tapferer Mann zeigen könne.
Und dann ging es quer durch die Wiesen zum Waldmannsweiher, wo braun und
schwer und düster das Wasser lag. Und das Wasser war tief wie ein Meer und in
seinem Grund gab es ungeheure Fische und böse Geister, die der König Salomon
in Flaschen eingesperrt hatte. Und ringsherum gab es keinen Vogel und kein
Mensch ging vorbei. Und die Bäume hatten dunkelrote Blätter, die ganz
unbeweglich an den Zweigen hingen. Drüben rauschte der Fluß und hinauf und
hinunter streckte sich die Ebene schier endlos. Die Stille war groß und der
Frieden war eindringlich, und es kamen wieder die alten Träume der Macht über
Peter, und er sah sich in samtenem Gewand vor dem Lehrer stehen und der
zitterte vor Ehrfurcht und fragte: Was begehrt mein hoher Gebieter? Und dann
zerfloß diese Fülle von Schönheit und Ruhm und eine weiche zerfließende
Wehmut beherrschte dies Kind, und seine Augen blickten verlangend nach der
Lösung eines Rätsels, obwohl es doch noch weit von jener Periode entfernt war,
wo der jugendliche Geist sich mit schemenhaften Bildern zerquält und befleckt.
Aber das Leben selbst erschien ihm als etwas ganz Erstaunliches und
Fremdartiges: in seiner Seele schrie es förmlich nach Licht, wenn seine kindliche
Phantasie vor jener Schranke Halt machen mußte, an welcher der Storch stand,
ein Gegenstand der Verachtung und ehrfurchtgebietend zugleich. Es war auch
etwas in ihm, das gleichsam nach Hilfe rief, nach Freundschaft. Es dürstete ihn
danach, in die Arme genommen zu werden, in weiche, gute Arme, und daß man
ihn dann küßte, auf die Stirn vielleicht oder auf den Mund, und daß man ihm
sagte. Du bist brav, Peter, und ich hab’ dich gern und du hast so nette Augen und
dein Haar ist so weich. So träumte Peter und seine Frische und die natürliche
Kraft seines Wesens waren es, die ihn erschauern ließen, wenn eine schöne Frau
seinen Weg kreuzte und wenn sie ihn anlächelte, daß er hätte vergehen mögen,
oder daß er hätte weinen mögen in irgend einem süßen Schmerz.
Und als er gegen fünf Uhr des Nachmittags am Thor des Geschäfts in der
Blumenstraße ankam, zitterte immer noch sein Herz unter der Stärke und dem
Reichtum seiner Sehnsucht. Im Gewölbe herrschte eine große Unordnung und
die lichtlosen, kellerartigen Magazine waren noch unheimlicher als sonst. Aus
den morschen, zerfaserten Dielen stieg bei jedem Schritt der Staub auf und alle
Spinngewebe waren schwer davon. Peter wagte es nicht, die Mutter anzureden,
die in einem Verschlag nebenan über Büchern und Rechnungen gebeugt saß.
Niemand beachtete ihn und er hatte den innigen Wunsch, daß ihm jetzt etwas
recht Schlimmes und Bitteres passieren möge, nur damit man sich ein wenig um
ihn kümmere.
Er ging hinaus auf den Hof, setzte sich auf den Brunnentrog und gedachte,
über all das Unerklärliche, das sich hier abspielte, tief und eindringlich
nachzudenken. Doch er dachte statt dessen nur an Haushammers Fritz und an die
Schlacht, die er heute mit ihm gewinnen müsse. Wenn ich doch so gut wiehern
könnte wie Fritz, dachte er; er sitzt auf seinem Pfahl und wiehert wie ein
richtiges Pferd.
Da berührte plötzlich eine leichte, kleine Hand seine Schulter, und als er
aufschaute, war es Lizzi. Er vermochte nicht zu sprechen. Er wurde purpurrot im
Gesicht und es ward ihm so heiß, daß er kühle Tropfen auf seiner Stirn
verspürte. »Grüß Gott, du,« begann das Mädchen. »Kannst du nicht einmal grüß
Gott sagen?« – »Grüß Gott,« flüsterte der Knabe folgsam. »Hübsch bist du
übrigens«, erklärte Lizzi anerkennend und warf den Kopf in den Nacken.
»Weißt, ich bin schon seit drei Uhr da. Um drei Uhr bin ich mit der Bahn
gekommen.« – »Allein?« fragte Peter mit schüchterner Bewunderung. – »Ach
nein, Vetter Höfting hat mich begleitet. Der ist Soldat.« – »Hm«, machte Peter,
»ich werde auch Soldat, ich werde Marschall.«
»Eigentlich hättest du mich doch küssen sollen,« meinte Lizzi stirnrunzelnd.
»Ich bin ja von der Reise gekommen.«
»Thu’s doch!« erwiderte Peter, über und über erglühend.
»Nein, – du m i c h ! eine Dame darf einem Herrn keinen Kuß geben,« sagte
Lizzi laut und nachdrücklich.
»Du bist doch keine Dame,« brummte Peter verächtlich und er freute sich, daß
er diesen wegwerfenden Ton gefunden hatte. »Du prahlst ja.«
Aber Lizzi lachte ausgelassen und schob trotzig das Kinn zurück. »Gerade bin ich’s! Und doch! Überhaupt du! Deine Mutter hat gesagt, du bist ein Träumer.«