Schläfst du Mutter?; Ruth

Jakob Wassermann · Kapitel 6 von 7

PDF-Seiten

Schläfst du Mutter?; Ruth

Kapitel V

Und sie tanzte um ihn herum und klatschte in die Hände.

 

Peter antwortete nichts. Er machte ein schwermütiges Gesicht und hieb mit

seinem Weichselrohr emsig auf den Brunnenschwengel los. Da trat das Mädchen

zu ihm heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Du, Peter, was ist denn eigentlich bei

euch los? Sag doch nur? Tante Agnes hat geweint, wie ich gekommen bin. Sag

doch! Ich bin so neugierig!«

 

»Das verstehst du ja doch nicht!« Peter machte sich würdevoll daran, seinen

Rock zuzuknöpfen.

 

»Bist du mir bös?« fragte die kleine Lizzi und zog verlegen an Peters Haaren.

»Komm, sei lustig! Du mußt nicht immer so den Kopf hängen. Wenn du lustig

bist, will ich dich auch küssen, – wahrhaftig!«

 

Und sie näherte ihre Wangen dem Gesicht des Knaben. Und sie sah ihn an mit

jener seltsamen Koketterie kleiner Mädchen. Peter preßte die Lippen zusammen

und sein Kopf ward ihm wahrlich schwer. Und mit zwei Fingern zog er an der

Unterlippe und riß ein Stückchen Haut davon weg. Das alles begriff Lizzi nicht.

Nicht, warum er so rot geworden, und auch sein Schweigen nicht. Doch

plötzlich, während sie sinnend zum Himmel emporblickte, ergoß sich über ihre

Wangen eine Flut von Scham. Sie wandte sich und lief ins Haus. Und Peter

schüttelte betrübt den Kopf. Er fühlte sich erbittert und erregt und unzufrieden

und wußte nicht warum. Gehässig und feindselig blickte er zu Boden.

 

V.

 

Und gegen Abend gingen sie zusammen nach Hause, Hand in Hand.

 

Schon war die Sonne untergegangen und am westlichen Himmel lag die Röte

wie ein großer, gleichmäßiger Farbenklex. Der Himmel war wolkenlos; er sah in

seiner Klarheit wie poliert aus und die Bäume in den Gärten, die Sträucher und

die Hecken waren mit ihrem blauvioletten Kolorit gleichsam hineingraviert in

das stählerne Blau des Firmaments. Man sah gar keine eilfertigen Menschen;

jeder schien müde zu sein wie nach einem Bad. Man vermochte an gar nichts

anderes zu denken als nur daran, wie schön dieser Abend sei.

Und die zwei Kinder trotteten an den Häusermauern entlang. Sie blickten in

die Abendröte und ihnen war, als müßten sie immer weitergehen, bis hinein in

das Sonnenfeuer, um dort, wer weiß, vielleicht nur zu schlafen. Die Häuser, die

mit der Front nach Westen standen, waren unten an der Straße ganz grau, ganz in

Dämmerung begraben und nach oben hin wurde es immer heller, so daß der First

in fahlem Licht erglänzte. Und den Kindern war es, als stünden da lauter Riesen,

Leib an Leib, die mit bleichen Stirnen hinausguckten ins abendliche Land.

 

Dann standen sie daheim am Flurfenster, das gegen die Höfe hinausführte.

Hier war es so ruhig wie zur Mitternachtszeit. Über den Mauern, über den

Häusern war der Mond heraufgestiegen, rund und glühend wie eine Riesen-

Orange. Man mußte ihn doch greifen können, den Mond. Ob man sich wohl die

Hand verbrennen würde, wenn man seine guten Wangen streichelte? Ach sie

wollten auf die Straße und auf das Feld hinaus und wollten wandern und

wandern, bis sie den Mond erhascht hatten. Und wenn sie müde wurden, kam

vielleicht eine Fee und trug sie hin bis zum Mond und die Fee würde ihnen

Flügel geben, daß sie immer umherfliegen könnten auf der ganzen Welt.

 

Um acht Uhr fuhr eine Kutsche am Haus vor. Da brachten sie Frau Agnes. Der

Buchhalter und der Reisende führten sie die Treppen herauf und legten sie im

Wohnzimmer aufs Sofa. Sie war im Gewölbe ohnmächtig geworden.

 

Die Dunkelheit, die Nacht war schon hereingebrochen und die Sterne

flimmerten am Himmel. Peter saß am Fenster, während Lizzi mit den beiden

Kleinen spielte und scherzte. Er lauschte auf die Klänge eines Klaviers, das

irgendwo in der Nachbarschaft gespielt wurde. Es war wohl eine klägliche Art

Musik das, aber des Knaben Seele zitterte in andächtiger Sehnsucht den Tönen

nach. Jede Musik, auch die ärmste, griff gleichsam mit Krallen in sein Gemüt, so

daß er es im Innern wie eine Wunde empfand, die man ihm geschlagen. Er

dachte dabei an die Mutter, die er liebte und der er niemals zeigen konnte, daß er

sie liebte. Ja, weil er sie liebte, mußte er trotzig gegen sie sein und schweigsam

und er konnte nur dann das ganze Herz in den Blick legen, mit dem er sie

anschaute, wenn sie ihn nicht bemerkte. Es war, als ob ihm jetzt manches

Zukünftige sichtbar würde, und seine Brust ward von einer lastenden Bitterkeit

erfüllt. Furchtsam, mit weiten Augen sah er ins Ungemessene.

 

Am andern Tag kam Tante Regina. Mürrisch, mit fast drohendem Gesicht ging

sie im Haus umher. Sie war groß und hager. Ihr Gesicht war gänzlich

verknöchert, und ihr Mund war eingekniffen, und wenn sie mit Jemandem

sprach, so schaute sie ihn ununterbrochen, fast ohne mit den Lidern zu zucken an, so daß es Vielen völlig unmöglich war, zu lügen, wenn sie mit ihr redeten.

Wenn der Abend kam, setzte sie sich ans Bett der Schwester und legte ihre Hand

auf die Stirn der Kranken, und es lag etwas so Beruhigendes und Liebevolles in

dieser Berührung, daß Frau Agnes oft mit einem Lächeln im Gesicht, langsam

einschlummerte. Es war beständig dasselbe Lächeln bei ihr; ein Lächeln mit

diesen Worten: o ich habe meine Ideale schon lange begraben.

 

Peter saß lesend im Wohnzimmer, und das Licht der Lampe war durch einen

Crepeschirm so sehr gedämpft, daß rings alles in einer warmen, roten

Dämmerung lag. Und wenn er die Augen vom Buch erhob, konnte er die Mutter

sehen, wie sie in der weißen Nachtjacke auf den weißen Kissen lag. Auch das

Gesicht erschien ihm wie ein weißer Fleck, und die blonden Haare erschienen

fast schwarz und umrahmten ihren Körper, der bewegungslos hingestreckt war in

der Dunkelheit drinnen.

 

Und dann kam Lizzi hergeschlichen und legte ihren Arm um des Knaben Hals

und sie sahen zusammen auf ein Buch nieder, und Peter that so, als ob er

weiterläse, während sein Herz in ungestümer Bangnis klopfte. Sie gingen auch

wohl an den Nachmittagen zusammen spazieren und spielten Vater und Mutter,

wobei Peter gar zu sehr mit Kenntnissen prahlte, während Lizzi das Kleid raffte,

als ob die Schleppe den Boden streife und schmutzig würde. Das ärgerte dann

den Knaben, und er nannte sie eine Prahlerin und klopfte mit seinem Stock auf

die Pflastersteine los. Darauf hielt sich Lizzi die Ohren zu und rief, das könne sie

nicht aushalten, der Lärm mache sie »nervös«. »Das hast du von deiner Mutter

gehört«, meinte Peter triumphierend wie ein Ethymologe, der einen Wortstamm

entdeckt hat; dann begann Lizzi zu heulen, und dies erschütterte nun Peter gar

sehr, so daß er um Verzeihung bat und wie ein Hündchen zu Kreuze kroch.

 

Sie hatten bald keine Geheimnisse mehr, und das Leben war ihnen wie ein

großer Blütengarten und die Sonne schien hell, bis sie ahnten, was im Hause

vorging und der schwüle Hauch des Unglücks ihre unschuldige Stirn streifte.

 

Von Tag zu Tag wurde Frau Agnes kränker. Erst war der Doktor jeden zweiten

und dritten Tag gekommen, nach einer Woche schon kam er täglich. Und Tag

und Nacht saß Tante Regina an ihrem Bett, oder sie sah in der Küche nach,

schaffte Ruhe und Ordnung im Haus, und dabei wurde sie immer wortkarger und

mürrischer. Zu Ende des Mai wurde nach einem Professor von der Universität

telegraphiert. Als Peter dies hörte, berichtete er es atemlos, jedoch ohne Arg,

seiner kleinen Kameradin und die beiden freuten sich, einmal einen Professor

mit eigenen Augen sehen zu können.

Kein Laut durfte im Haus hörbar werden. Jetzt begann es auch zu regnen, und

es regnete unaufhörlich, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Da gingen Peter

und Lizzi in den Flur, setzten sich ans Fenster und lasen Märchen. Und es war

sehr still. Die beiden kleineren Geschwister waren schon gestern zu einer

entfernten Verwandten geschafft worden, da sie immer großen Lärm verübten.

 

»Du, ich möchte eigentlich wissen, wie das ist, wenn man tot ist,« unterbrach

plötzlich die kleine Lizzi die Lektüre.

 

»Da hat man kein Herz und kein Gehirn mehr«, erwiderte Peter. »Ja,

eigentlich möcht ich auch wissen, wie das ist,« fügte er nach einer Weile

träumerisch hinzu. »Tot .... tot .... was für ein dummes Wort: t, o, t ...«

 

»Was ist mehr: tot oder maustot?« fragte Lizzi. »Du, – glaubst du das vom

Himmel und von der Hölle?«

 

»Von der Hölle, – nein! aber einen Himmel muß es doch geben.«

 

»Ja, aber die Räuber und die, –?«

 

Lizzi nagte beklommen an ihrer Unterlippe.

 

»Ich habe schon einmal geträumt, ich wäre tot,« erzählte Peter, der seiner

Kameradin imponieren wollte. »Aber da bin ich wieder aufgewacht. Möchtest du

sterben?«

 

Das Mädchen schüttelte langsam den Kopf, und sie flüsterte geheimnisvoll:

»Weißt du, wo der liebe Gott wohnt? Ich weiß es. Neben dem Leichenhaus

wohnt er, auf dem alten Kirchhof .... Ja, das ist wahr, das hat meine Freundin

gesagt und der hat’s ihr Bruder gesagt.«

 

»Das ist blöd«, erklärte Peter. »Der liebe Gott hat gar nicht Platz im

Leichenhaus und dann kann er ja auch viel schönere Häuser haben, wenn er

will.«

 

»Er will aber nicht.«

 

»Ach und überhaupt, der liebe Gott wohnt gar nicht auf der Welt. Er wohnt im

Firmament, weit, weit, weit draußen überm Meer, wo schon die Mauer ist. Die

ist so hoch wie der Himmel. Das hat Barbara gesagt. Die muß es doch wissen,

die ist doch schon groß.«

 

Lizzi zuckte die Achseln und sprang davon. Sie wollte in den Hof, aber sie erinnerte sich des Regens, und so blieb sie auf der Treppe sitzen und legte das

Köpfchen zwischen ihre Hände; die Ellbogen auf die Kniee gestützt, sah sie

gedankenvoll vor sich nieder. Peter kam und setzte sich zu ihr. Wie mechanisch

ergriffen sich beide an den Händen und sie redeten kein Wort zu einander. Es

war so dunkel da und so heimlich und man konnte hinabsehen in den Hausflur,

und sogar ein Stückchen Straße konnte man sehen. Der Regen plätscherte und

plätscherte und rann die Rinnen herab und es war wie ein Traum, daß sie da

saßen, dicht eins ans andere geschmiegt, so daß Jedes des Andern Herz klopfen

hörte. Und es schien das Haus voll Todesahnungen zu sein und Peter dachte

daran, daß Barbara ihm gestern gesagt, wenn in einem Haus jemand sterben

muß, dann fliegt drei Tage vorher der Totenvogel um das Dach. Dreimal fliegt er

um den First und stößt einen Schrei aus und dann ist er verschwunden. Ihm war,

als sehe er die schwarzen Fittige, als fühle er das Rauschen dieser Fittige und

sein Gesicht wurde gar bleich bei solcher Vorstellung. Den ganzen Tag über

waren schon die Verwandten gekommen und hatten die Mutter besucht und

hatten so trübselig dreingeschaut. Kaum daß sie zu sprechen gewagt hatten. Was

sollte das alles bedeuten? Er fürchtete sich vor etwas Unbestimmtem und

Namenlosem, vor etwas Schrecklichem. Stets sah er den finstern Herrn Professor

von der Universität vor sich, den Alle so ehrfürchtig behandelten, und der so

vornehm war, daß er gar nicht einmal reden mochte. O, er hätte groß sein mögen,

er hätte dies alles durchschauen mögen ..... Ein Hahn krähte und Lizzi lachte und

versuchte, das grelle Kikeriki nachzuahmen. Aber Peter legte ihr erschrocken die

Hand auf den Mund. Ihm war, als seien sie jetzt in einem Heiligtum und die

Stille und der Frieden dürften nicht gestört werden, um keinen Preis. Der Regen

und sein Geplätscher, die Dämmerung ringsumher und das alles machte ihn

unbeschreiblich traurig. Er hätte gar gern weinen mögen, wenn er sich nicht

geschämt hätte vor dem Mädchen. Daher zuckten nur seine Lippen, und er

schaute am Stiegengeländer hinab, als ob er da in die Ewigkeit schaute. Und er

nickte immer recht ernst, wenn in kurzen Pausen ein großer Tropfen vor dem

Hofthor klatschte. Dort hat die Dachrinne ein Loch, dachte er.

 

Dann sagte Lizzi, sie habe Hunger, und Peter, als sei dies eine Bevorzugung,

versicherte eilig, auch er habe Hunger. So gingen sie hinauf in die Küche und

verlangten von Barbara ein Butterbrot. Die aber zog ihr Taschentuch rasch vom

Gesicht und herrschte die Kinder grimmig an. Herzlose Rangen seien sie; jetzt

sei keine Zeit, um zu essen; sie sollten sich zum Teufel scheren und wenn noch

einmal eins komme, werde sie den Besen nehmen.

 

Nun wurde auch Lizzi traurig. Müd und gottverlassen wanderten sie im Haus herum, vom Zimmer in den Flur, in den Hof. Niemand kümmerte sich um sie

und das Herz ward ihnen plötzlich schwer wie Blei. Peter schlug vor, sie wollten

in den Speicher gehen, und das Mädchen folgte willenlos. Es war, wie wenn sie

sich ihm jetzt unterwürfe und sich bereit erkläre, ihm in allen Stücken zu

gehorchen. So ängstlich war ihr zu Mut.

 

Ein graues, dämmeriges Licht herrschte im Speicher und eine trockene,

schwüle Luft. Hier giebt es Taranteln und Molche, dachte Peter, und er fürchtete

sich, laut aufzutreten. Alle Verschläge waren geschlossen, bis auf einen einzigen,

der sich ganz hinten, zwischen zwei Kaminen befand. Da hinein gingen die

Kinder, und Lizzi breitete eine braune, durchlöcherte Decke, die in einer großen

Kiste gelegen, auf dem Boden aus, und beide setzten sich darauf, ganz in den

spitzen Winkel zwischen Dach und Boden hinein. Und das Rascheln und

Trommeln des Regens auf dem Dach war ganz sonderlich anzuhören, und bald

sagte Lizzi, daß sie sich fürchte. Doch Peter stand auf und versuchte, den

mutigen Beschützer zu spielen, obwohl auch ihm sehr bang zu Mut war und er

es bitter bereute, heraufgegangen zu sein. Er stand jetzt am Dachfensterchen und

sah hinaus auf die Stadt, auf das weite, ebene Land. Und der Abend nahte heran

und drüben im Westen war der Himmel mit einem tiefdüsterroten Band gesäumt.

Kein Geräusch drang bis hier herauf aus dem Gewimmel der Häuser, und die

Türme, die emporragten, erschienen ihm fast wie Stengel ohne Blüten. Jetzt

begannen hinten am Giebel die Tauben zu gurren, und immer stärker trommelte

der Regen auf das Schieferdach und tropfte in die Rinne hinab. Über das kleine

Fenster floß das Wasser in Strömen, so daß man den Himmel nicht mehr sehen

konnte. Peter wagte sich nicht mehr zu rühren; alles in der Runde war ihm

plötzlich unheimlich geworden, und er bat den lieben Gott um Hilfe in dieser

Not. Lizzi begann leise zu weinen, da ging er doch hin, um sie zu trösten und er

setzte sich wieder zu ihr. Sie schlang ihren Arm um seinen Nacken und legte ihre

Wange an die seine. Peter schloß seine Augen, denn auf einmal war es ziemlich

dunkel geworden, und er wagte nicht hineinzublicken in diese Dunkelheit, denn

da sah er den Tod leibhaftig vor sich stehen. Und dann kam auch der liebe Gott

und blickte streng herab auf Peter. Es fiel ihm ein, daß er noch gar nicht seine

Schulaufgaben gemacht habe, und wie ein leiser Schauer wurde ihm dunkel

bewußt, daß es nicht gut sei, solch ein Träumer zu sein. Er sagte gute Worte zu

dem kleinen furchtsamen Mädchen, dessen Körper zitternd an ihm lehnte, und er

küßte sie auf den Mund. Dann sagte er, sie wollten jetzt wieder hinunter gehen,

er fürchte sich nimmer. Da wischte Lizzi die Thränen von ihren Wangen und

folgte ihm, bisweilen einen leisen Schrei ausstoßend, wenn irgend ein

ungewohnter Laut hörbar wurde. Kaum war sie unten, so war es für sie, als ob nichts geschehen wäre. Sie forderte Peter auf, mit ihr zu spielen und sie spielten

Namen-Erraten. Da stritten sie, welcher Name schöner sei: Regina oder Agnes.

Peter behauptete, Tante Regina laute häßlich, aber Tante Agnes, das sei

wunderbar, herrlich sei das. Lizzi fand jedoch, daß damit die Ehre ihrer Mutter

angegriffen sei und schmollte mit Peter.

 

Am andern Tag kam Peter ins Wohnzimmer, um zu lesen. Als ihn Tante

Regina sah, lächelte sie voll Trauer und Güte, und sie sagte, daß die Mutter sehr

krank sei. Sie hatte die Thür zum Schlafzimmer nicht ganz geschlossen, darum

dämpfte sie ihre Stimme. Aber die Kranke hatte sie trotzdem gehört, und sie rief

mit erloschener Stimme, Peter solle hinein kommen.

 

Es war halbdunkel drinnen. Es roch nach Karbol und nach jener abgelagerten,

aufgespeicherten Wärme, die den Krankenzimmern eigen ist. Weiche Teppiche

bedeckten den Boden, und Peter beschaute neugierig die vielen Flaschen und

Fläschchen und Schachteln und Schüsseln. Er empfand nicht Mitleid mit der

Mutter, sondern nur Neugierde und Ehrfurcht erfüllten ihn. Ja, er wünschte auch

einmal so krank zu werden, damit man so besorgt um ihn sei, und damit er alles

so schön habe. Und die Mutter legte nun ihren Arm um seinen Hals und küßte

ihn auf den Mund. Da hatte sie auf einmal jenen Zug der Unerbittlichkeit, den

die Mutter als die strafende Macht in seiner Vorstellung besaß, verloren. Und das

machte ihn traurig. Er hätte ihr gern sein armes Herz ausschütten mögen. Er

hätte ihr sagen mögen, wie verhaßt ihm die Schule war und der dumme Lehrer,

und daß niemand da sei, der ihn verstehe und der ihn so recht von ganzer Seele

lieb habe, und daß er die Mutter schrecklich lieb habe und es nur nicht sagen

könne .... Er brachte kein Wort über die Lippen. Die Mutter reichte ihm eine der

Aprikosen, die auf dem kleinen Tischchen am Bett lagen, und er konnte ihr nicht

einmal danken.

 

»Willst du denn ein guter Mensch werden, Peter?« fragte Frau Agnes leise.

»Schau, du mußt später immer an mich denken, wenn dir etwas nicht recht

erscheint. Ach, und du mußt kein solcher Träumer sein, das mußt du mir

versprechen. Du mußt nicht den Kopf immer hängen lassen. Du mußt froh sein,

du mußt dir was Großes vornehmen im Leben und mußt immer deine Pflicht

erfüllen. Nur nicht so viel träumen; schau, ich hab’ auch mein Leben verträumt

und es ist nichts daraus geworden.«

 

Erschöpft hielt sie inne, und dann kamen die Ärzte, und Tante Regina schob

ihn hinaus. Immerfort mußte er an die Mutter denken und an das, was sie ihm

gesagt. Er vermochte nicht eigentlich darüber nachzudenken, sondern es war nur ein dumpfes Hinträumen; er fragte sich furchtsam, was das wohl sei, dies

geheimnisvolle »Leben«, daß man sich so sorgen mußte darob. Er dachte auch

wieder daran, daß er bis jetzt noch keine Schulaufgaben gemacht und daß er alle

Ferientage verbummelt und verträumt habe. Doch der Abend nahte schon, und er

war so müde vom Grübeln, daß er ins Bett ging. Stundenlang hatte er schon

geschlafen, da hatte er folgenden Traum.

 

Er fuhr in einer Karosse und neben ihm saß die Mutter. Und sie blickte mit

ihren großen, wundervollen Augen nachdenklich vor sich nieder. Durch eine

weite Wüste fuhren sie, in der man nichts als Sand und Steine und die rote Sonne

sah. Und hinter der Kutsche lief der Vater und schwang die Peitsche. Sein

Gesicht war ganz rot und aufgequollen, ganz häßlich und er schrie immer und

konnte nicht nachkommen. Die Mutter aber lächelte verächtlich und streichelte

Peters Haar langsam und liebevoll und flüsterte: verträumt hab’ ich mein Leben,

verträumt ... Plötzlich aber traf sie die Peitsche des Vaters mitten ins Gesicht,

und das helle Blut floß aus ihren Wangen und aus ihrer Stirn. Sie wurde immer

bleicher, aber der Vater schrie immerzu, und die Karosse stand nicht still. Peter

fühlte, wie die Hand der Mutter auf seinem Kopf erstarrte, wie sich die Finger

ins Haar einkrampften, als sie sich zurücklehnte, seufzend und bleich .....

 

Da erwachte er mit einem halberstickten Schrei. Es war anfangs so völlig

Nacht um ihn, daß er nicht einmal das Fenster sehen konnte, gerade wie wenn

seine Augen im Traum durch eine grelle Lichtflut geblendet worden wären. Eine

unbestimmte Angst erfaßte ihn, jenes Gefühl, das gar oft in der Finsternis der

Nacht kommt, und das den Menschen unerbittlich zwingt, Schreckbilder zu

sehen und an sie zu glauben. Und dann ging diese Angst wieder in jene

allgemeine und beklemmende Furcht vor dem Leben über und er kam sich so

hilflos vor, so allein. Sein Herz klopfte laut ... Doch plötzlich war es, als ob ein

wilder und ungestümer Entschluß in seiner Seele erwacht sei. Ich will nicht

träumen, sagte er sich, ich will ein Mann werden. Und jetzt muß ich auch meine

Schulaufgaben machen, ja heute Nacht noch, und die Mutter soll sehen, daß ich

nicht so ein Herumträumer bin. Feldmarschall werden, das ist ja Unsinn;

Baumeister will ich werden, da kann man viele schöne Häuser bauen, und man

kann über alle Maurer befehlen und hat auch viel Geld. Da kann ich dann der

Mutter was davon geben. Ich will ihr ein großes, marmornes Schloß am Meer

bauen, darinnen soll sie wohnen, ganz allein mit mir. Und ihm wurde das Leben

plötzlich golden und heiter in seiner Wirklichkeit, nicht mehr wie früher im

Traum. Und eine ganz fremde Glut erwärmte nun seinen Körper, so, als ob er

vorher hätte leiden müssen durch Frost, und als ob man ihn an nun ein wärmendes Feuer getragen hätte. Ein ganzes Weltbild spiegelte sich in seinem

kindlichen Geist, und er sah wohl, daß er noch im Thal wandere, wo es düster

war, in der Schlucht, dahin der Tag noch nicht dringen könne; doch oben auf

dem Kamm der Berge, da war das Licht und da war Helligkeit, so daß man die

Augen zumachen mußte davor. Glück war da oben und Frohheit und Jauchzen

und frischer Kampf und keine Träume, sondern der Weg lag da so klar und

bestimmt, daß man nicht fehltreten konnte. Und eine schöne Frau stand da. Sie

lächelte ihm zu, sie warf ihm Blüten ins Gesicht, und sie neckte ihn, wenn er den

Kopf hängen ließ und grübeln wollte. Blühende Landschaften sah er und Flüsse,

die vom Gold der Sonne glänzten, und er gewahrte nichts mehr von der

Finsternis ringsumher. Ach, wenn er doch jetzt groß wäre und stark, dann hätte

er heiraten können, und ein Schloß würde er sich bauen mitten im Wald, und

lauter Schlösser in der Runde so herrlich, wie die Residenz des Königs ... Was

wollte er alles ausrichten im Leben, was alles vor sich bringen! Wie große

Augen würde Lizzi machen, wenn er ihr dies alles berichtete! Und nun mußte er

zur Mutter, jetzt gleich, und mußte ihr sagen, daß er kein Träumer mehr sei und

kein Kopfhänger, daß er froh sein werde und gut, und gegen alle Menschen

freundlich ....

 

Er sprang aus dem Bett und eilte in das Zimmer der Mutter. Im Wohnzimmer

war es finster und ihm schien, als klänge vom Sofa her ein Stöhnen. Er blieb

stehen und betastete sich und knöpfte das Hemdchen, das über der Brust offen

stand, wieder zu. Denn es fror ihn, barfüßig und im Hemd, wie er war.

 

Im Krankenzimmer brannte Licht. Aber die Lampe war so tief

heruntergeschraubt, daß von der Schwelle aus kaum noch die Gardinen sichtbar

waren. Dem Knaben erschien alles anders, gleichsam starrer, lebloser. Er wußte

nicht, wie weit die Nacht vorgerückt war, und ihm graute auf einmal vor dieser

Einsamkeit und vor der Stille. Wo war Tante Regina? Wo war Barbara? Indem er

ins Wohnzimmer zurückschaute, sah er sich selbst im Spiegel, – nur einen

weißen Fleck, düster und gespensterhaft.

 

Dort lag die Mutter. Sie rührte sich nicht. Er flüsterte: »Mutter!« Aber sie

blieb trotzdem unbeweglich. Er ging näher heran. Kaum konnte er sich aufrecht

erhalten, so sehr hatte ihn eine unbestimmte Furcht ergriffen, eine Furcht, die

ihm heiß machte, die sein Herz beschwerte, die ihn daran denken ließ, ob es

nicht gut wäre, niederzuknieen und zu beten. Er hatte sehr große Lust zu weinen,

aber es umwehte ihn wie ein Schauer unsichtbarer Fittiche, so daß er mit weit

aufgerissenen Augen vergeblich der Thränen harrte ... Da stand er nun am Bett.

Die Aprikosen lagen noch auf dem Tischchen. Wie leicht hätte er nun eine nehmen können und niemand würde was merken. Und die Arzneiflaschen

standen da, rot beklebt.

 

Die Mutter war bleicher, als er je an einem Menschen gesehen. Er sah sie gar

nicht atmen, und er fragte sich neugierig, wie es komme, daß sie so unnatürlich

starr dalag, mit dieser wächsernen Farbe des Angesichts. Die Augenlider waren

ja nicht einmal völlig geschlossen; das Dunkel des Augapfels schimmerte durch

die Wimpern, – so, als wäre sie über irgend einen Gegenstand in sehr tiefe

Gedanken gefallen, so daß sie alles um sich her vergessen mußte. Aufgelöst

waren die Haare und sie flossen hinab über den Bettrand .... Jetzt hörte er ganz

deutlich, daß Jemand im Wohnzimmer draußen stöhnte! Das mußte wohl Tante

Regina sein. Aber weshalb sollte sie wohl weinen? Sie war doch schon so alt. So

alte Leute weinen doch nicht mehr.

 

Peter berührte die Hand der Mutter und erschrak. Wie kalt fühlte sich das

Fleisch an! So kalt wie ein Stein. Er beugte sich zu ihr. Er näherte die Lippen

ihrem Ohr und fragte: »Schläfst du Mutter?«