Schläfst du Mutter?; Ruth

Jakob Wassermann · Kapitel 3 von 7

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Schläfst du Mutter?; Ruth

Kapitel II

über diesen sonderbaren Umstand wollte ihn gar nicht mehr verlassen. Er dachte:

man sollte das einmal bei mir probieren! man sollte m i r einmal Nägel in die

Füße schlagen! Erstens würde ich schreien und dann ... dann würde schon Papa

kommen ...

 

Als er sich der Fischergasse mit ihrem schlechten Pflaster und ihren kleinen,

baufälligen Häusern näherte, dachte er: dies Fürth ist doch eine häßliche Stadt.

Warum hat mich der liebe Gott nicht in einer Stadt mit schöneren Häusern

geboren werden lassen? Schon der Name ist so häßlich. Es giebt doch so schöne

Städte: Babylon oder Bagdad oder Palmyra ....

 

Seine kindische Sehnsucht machte seine Schritte größer und hurtiger. Bald

lagen die Wiesen vor ihm.

 

II.

 

Lange Zeit verfolgte er die Landstraße, die kahl und schattenlos dalag,

während der weiße Staub sie gleich einer Mehlschicht bedeckte. Am

wolkenlosen Himmel stand die Sonne, und alles Land lag da: leblos, gleichsam

schlaftrunken. Bienen und Hummeln summten vorbei und der Kohlweißling und

das Pfauenauge flatterten umher. Hinter den Hügeln drüben erhob sich ein

Dorfkirchturm einsam in die Luft, lang und schmal wie eine Lanze. Ein leichter

Schleier verhüllte die Fernen, und je weiter sich der Knabe von der Stadt

entfernte, desto stiller, desto feiertäglicher wurde es in der Runde um ihn. Er

hätte immer zuwandern mögen in diese große Ebene hinaus, die so trügerisch

den Schein eines Unermeßlichen erweckte. Nichts fesselte das Auge hier und

stets sah man die schwere, gleichförmige Linie des Horizonts: aber dies

Flachland birgt Schönheiten, die denen der Nacht verwandt sind.

 

Peter Vogelsangs Ziel war der Wald. Und während er weitertrippelte, überließ

er sich völlig seinen Träumereien. Wie herrlich wäre es, wenn er jetzt als

Anführer einer Armee die Straße zöge! Natürlich mußte er dazu schon groß sein

und stark, – stärker wie Haushammers Fritz, ja sogar stärker wie der Vater selbst.

Er blieb stehen ..... nein, am Ende war es doch viel hübscher, Kapitän zu werden,

Seeräuber zu werden. Er legte den Finger an die Nase und sann emsig darüber nach, was wohl ersprießlicher sein möchte: Feldmarschall zu werden oder

Seeräuber? Wenn er aber bedachte, daß man es vom Feldmarschall gar leicht

zum Kaiser bringen kann? Es war schwer, darüber ins Klare zu kommen. Er

wollte die Bäume an der linken Seite der Straße zählen, bis hinauf zur

Hügelspitze; und wenn eine gerade Zahl herauskam, wollte er Kaiser werden

und wenn eine ungerade herauskam, wollte er Seeräuber werden. Wenn das

Tante Lina wüßte, würde sie natürlich wieder lachen, aber wovon verstand sie

denn eigentlich etwas? Überhaupt, die Mädchen verstehen ja gar nichts, sagte er

finster vor sich hin. Er haßte die Mädchen, und obwohl Tante Lina schon

verheiratet war, rechnete sie Peter doch zu den Mädchen. Sie redete immer bloß

von ihrem Alfredchen und von ihren neuen Tüllgardinen oder so und vom lieben

Gott zum Beispiel verstand sie gar nichts. Auch hatte sie nicht einmal gewußt,

daß die Sonne größer ist, als die Erde. Das Empörendste war aber, daß sie immer

vom Storch sprach, der die kleinen Kinder bringe. Als ob er das geglaubt hätte,

solche Kindermärchen!

 

Und er versank in tiefes Grübeln. Eigentlich war er doch noch nicht fertig mit

diesem Storch. Wer sollte einen denn sonst bringen, wenn es nicht der Storch

war? Aber andrerseits, welches Interesse konnte der Storch daran haben, daß die

Menschen Kinder bekämen? Ja, – und dies war der Hauptpunkt: im Herbst

ziehen doch die Störche fort, können also keine Kinder bringen: er wußte aber

ganz genau, daß die Kinder auch dann auf die Welt kommen, wenn gar keine

Störche mehr da sind. Und was ist dies für ein geheimnißvoller Ort, wo die

vielen winzigen Kinderchen liegen? Ein großer See, von dunklen Wildnissen

umspannt; rosenfarbige Vögel schwimmen darauf umher und am Rand steht

himmelhohes Schilf. Und es giebt keinen Tag und es giebt keine Nacht dort,

sondern immer nur ein seltsames Dämmern und eine Prinzessin liegt im Wald

und ist verzaubert und schläft, bis der Königssohn kommt.

 

Er betrat den Wald. Schlanke Föhren standen da, soweit man sehen konnte.

Ringsherum war es halbhell; aber wenn man zwischen den Stämmen

durchschaute, wurde es dunkler und immer dunkler, bis sich der Blick in Nacht

verlor. Der Boden war schwellend weich und glatt, denn er war von Nadeln ganz

besät. Ein Specht hackte unaufhörlich, und weit in der Ferne rief der Kuckuck.

Drüben am Grabenrand standen große, schneeweiße Blüten auf starken Stengeln,

und sie schwankten hin und her, wenn ein Luftzug sie traf.

 

Hier und dort waren die Stümpfe frisch abgesägter Bäume, und das glatte

Holz leuchtete mit seinem dunklen Gelb weithin durch den Wald. Bald schlossen

sich die Stämme dichter zusammen und jegliches Geräusch verstummte. Es schien auch, als ob die Bäume höher würden und die Dämmerung breitete sich

aus gleich einem Schleier. Müde schlich Peter vorwärts. Spinnfäden, die sich

von Stamm zu Stamm spannten, legten sich um seine Wangen, und das

Unterholz breitete sich aus wie eine kleine Wildnis und erschwerte das Gehen.

Erschöpft legte sich der Knabe unter einigen Tannen zur Rast nieder. Wie

schlank und stolz erhoben sich die starken Bäume! Wie weich war dieses Lager

trockener Nadeln, wie süß und still war die Luft und wie voll von

Frühlingsträumen war sie! Wie schwer wurden die Gedanken und wie heimlich

zugleich! Wie fern war die Welt, wie fern der Lehrer mit seinen Schulaufgaben

und die dummen Buben alle mit ihren Neckereien! Wie müd konnte man sein

und wie froh zugleich!

 

Peter wollte sich bald wieder erheben, aber auf seinen Gliedern lastete es wie

Blei. Er sagte sich: ich muß ja nach Hause; ich werde sonst zu spät zum

Abendessen kommen. Doch er hatte nicht einmal die Kraft, den Kopf zu heben.

Es war schön, mit ausgestreckten Gliedern daliegen zu können wie ein Kaiser

und ins dunkelgrüne Nadelwerk zu blicken. Immer zu phantasieren, so, als ob es

keine Menschen gäbe. Wenn er Kaiser wäre, wie schön würde es auf der Welt

sein! Nur dreimal in der Woche würde Schule abgehalten und dann würde er

Stolbergs Wilhelm, der ihn immer während der Rechenstunde am Nacken

kitzelte, von seinen Leibwächtern durchprügeln lassen. Aber mitten in die

herrlichen Gedanken trat wieder die Sorge um die Heimkehr. Er fühlte es wie

einen Druck auf dem Herzen, ja, es wurde ihm sehr angst, aber dennoch fesselte

es ihn wie mit Ketten an diese weiche, kühle Walderde. Die Mutter glaubte ihn

bei Haushammers Fritz oder bei Tante Lina, und er lag da, fern von der Stadt und

ihm war so gut! Er hatte nun die Empfindung, als sei er aufgesprungen und

wandere heimwärts, aber in Wirklichkeit waren ihm die Lider zugefallen und er

schlief.

 

Er träumte, daß er ein Pferd sei und man ihm Hufeisen an die Füße nagelte.

Aber siehe, er empfand gar keinen Schmerz und er war sogar stolz auf diesen

neuen glänzenden Schmuck.

 

Dann träumte er, er sei gestorben. Er wurde in einen Sarg gelegt und wurde

begraben. Aber als er drunten lag im Grab, da fand er, daß er noch nicht ganz

gestorben sei, und er wachte wieder auf. Er krabbelte aus dem Loch heraus und,

angethan mit einem großen weißen Totenlaken, machte er sich auf den

Heimweg. Die Stadt lag noch im Morgengrauen und war ganz, ganz öde. Da

begegnete ihm am Bahnhof Haushammers Fritz.