Schläfst du Mutter?; Ruth
Kapitel II
über diesen sonderbaren Umstand wollte ihn gar nicht mehr verlassen. Er dachte:
man sollte das einmal bei mir probieren! man sollte m i r einmal Nägel in die
Füße schlagen! Erstens würde ich schreien und dann ... dann würde schon Papa
kommen ...
Als er sich der Fischergasse mit ihrem schlechten Pflaster und ihren kleinen,
baufälligen Häusern näherte, dachte er: dies Fürth ist doch eine häßliche Stadt.
Warum hat mich der liebe Gott nicht in einer Stadt mit schöneren Häusern
geboren werden lassen? Schon der Name ist so häßlich. Es giebt doch so schöne
Städte: Babylon oder Bagdad oder Palmyra ....
Seine kindische Sehnsucht machte seine Schritte größer und hurtiger. Bald
lagen die Wiesen vor ihm.
II.
Lange Zeit verfolgte er die Landstraße, die kahl und schattenlos dalag,
während der weiße Staub sie gleich einer Mehlschicht bedeckte. Am
wolkenlosen Himmel stand die Sonne, und alles Land lag da: leblos, gleichsam
schlaftrunken. Bienen und Hummeln summten vorbei und der Kohlweißling und
das Pfauenauge flatterten umher. Hinter den Hügeln drüben erhob sich ein
Dorfkirchturm einsam in die Luft, lang und schmal wie eine Lanze. Ein leichter
Schleier verhüllte die Fernen, und je weiter sich der Knabe von der Stadt
entfernte, desto stiller, desto feiertäglicher wurde es in der Runde um ihn. Er
hätte immer zuwandern mögen in diese große Ebene hinaus, die so trügerisch
den Schein eines Unermeßlichen erweckte. Nichts fesselte das Auge hier und
stets sah man die schwere, gleichförmige Linie des Horizonts: aber dies
Flachland birgt Schönheiten, die denen der Nacht verwandt sind.
Peter Vogelsangs Ziel war der Wald. Und während er weitertrippelte, überließ
er sich völlig seinen Träumereien. Wie herrlich wäre es, wenn er jetzt als
Anführer einer Armee die Straße zöge! Natürlich mußte er dazu schon groß sein
und stark, – stärker wie Haushammers Fritz, ja sogar stärker wie der Vater selbst.
Er blieb stehen ..... nein, am Ende war es doch viel hübscher, Kapitän zu werden,
Seeräuber zu werden. Er legte den Finger an die Nase und sann emsig darüber nach, was wohl ersprießlicher sein möchte: Feldmarschall zu werden oder
Seeräuber? Wenn er aber bedachte, daß man es vom Feldmarschall gar leicht
zum Kaiser bringen kann? Es war schwer, darüber ins Klare zu kommen. Er
wollte die Bäume an der linken Seite der Straße zählen, bis hinauf zur
Hügelspitze; und wenn eine gerade Zahl herauskam, wollte er Kaiser werden
und wenn eine ungerade herauskam, wollte er Seeräuber werden. Wenn das
Tante Lina wüßte, würde sie natürlich wieder lachen, aber wovon verstand sie
denn eigentlich etwas? Überhaupt, die Mädchen verstehen ja gar nichts, sagte er
finster vor sich hin. Er haßte die Mädchen, und obwohl Tante Lina schon
verheiratet war, rechnete sie Peter doch zu den Mädchen. Sie redete immer bloß
von ihrem Alfredchen und von ihren neuen Tüllgardinen oder so und vom lieben
Gott zum Beispiel verstand sie gar nichts. Auch hatte sie nicht einmal gewußt,
daß die Sonne größer ist, als die Erde. Das Empörendste war aber, daß sie immer
vom Storch sprach, der die kleinen Kinder bringe. Als ob er das geglaubt hätte,
solche Kindermärchen!
Und er versank in tiefes Grübeln. Eigentlich war er doch noch nicht fertig mit
diesem Storch. Wer sollte einen denn sonst bringen, wenn es nicht der Storch
war? Aber andrerseits, welches Interesse konnte der Storch daran haben, daß die
Menschen Kinder bekämen? Ja, – und dies war der Hauptpunkt: im Herbst
ziehen doch die Störche fort, können also keine Kinder bringen: er wußte aber
ganz genau, daß die Kinder auch dann auf die Welt kommen, wenn gar keine
Störche mehr da sind. Und was ist dies für ein geheimnißvoller Ort, wo die
vielen winzigen Kinderchen liegen? Ein großer See, von dunklen Wildnissen
umspannt; rosenfarbige Vögel schwimmen darauf umher und am Rand steht
himmelhohes Schilf. Und es giebt keinen Tag und es giebt keine Nacht dort,
sondern immer nur ein seltsames Dämmern und eine Prinzessin liegt im Wald
und ist verzaubert und schläft, bis der Königssohn kommt.
Er betrat den Wald. Schlanke Föhren standen da, soweit man sehen konnte.
Ringsherum war es halbhell; aber wenn man zwischen den Stämmen
durchschaute, wurde es dunkler und immer dunkler, bis sich der Blick in Nacht
verlor. Der Boden war schwellend weich und glatt, denn er war von Nadeln ganz
besät. Ein Specht hackte unaufhörlich, und weit in der Ferne rief der Kuckuck.
Drüben am Grabenrand standen große, schneeweiße Blüten auf starken Stengeln,
und sie schwankten hin und her, wenn ein Luftzug sie traf.
Hier und dort waren die Stümpfe frisch abgesägter Bäume, und das glatte
Holz leuchtete mit seinem dunklen Gelb weithin durch den Wald. Bald schlossen
sich die Stämme dichter zusammen und jegliches Geräusch verstummte. Es schien auch, als ob die Bäume höher würden und die Dämmerung breitete sich
aus gleich einem Schleier. Müde schlich Peter vorwärts. Spinnfäden, die sich
von Stamm zu Stamm spannten, legten sich um seine Wangen, und das
Unterholz breitete sich aus wie eine kleine Wildnis und erschwerte das Gehen.
Erschöpft legte sich der Knabe unter einigen Tannen zur Rast nieder. Wie
schlank und stolz erhoben sich die starken Bäume! Wie weich war dieses Lager
trockener Nadeln, wie süß und still war die Luft und wie voll von
Frühlingsträumen war sie! Wie schwer wurden die Gedanken und wie heimlich
zugleich! Wie fern war die Welt, wie fern der Lehrer mit seinen Schulaufgaben
und die dummen Buben alle mit ihren Neckereien! Wie müd konnte man sein
und wie froh zugleich!
Peter wollte sich bald wieder erheben, aber auf seinen Gliedern lastete es wie
Blei. Er sagte sich: ich muß ja nach Hause; ich werde sonst zu spät zum
Abendessen kommen. Doch er hatte nicht einmal die Kraft, den Kopf zu heben.
Es war schön, mit ausgestreckten Gliedern daliegen zu können wie ein Kaiser
und ins dunkelgrüne Nadelwerk zu blicken. Immer zu phantasieren, so, als ob es
keine Menschen gäbe. Wenn er Kaiser wäre, wie schön würde es auf der Welt
sein! Nur dreimal in der Woche würde Schule abgehalten und dann würde er
Stolbergs Wilhelm, der ihn immer während der Rechenstunde am Nacken
kitzelte, von seinen Leibwächtern durchprügeln lassen. Aber mitten in die
herrlichen Gedanken trat wieder die Sorge um die Heimkehr. Er fühlte es wie
einen Druck auf dem Herzen, ja, es wurde ihm sehr angst, aber dennoch fesselte
es ihn wie mit Ketten an diese weiche, kühle Walderde. Die Mutter glaubte ihn
bei Haushammers Fritz oder bei Tante Lina, und er lag da, fern von der Stadt und
ihm war so gut! Er hatte nun die Empfindung, als sei er aufgesprungen und
wandere heimwärts, aber in Wirklichkeit waren ihm die Lider zugefallen und er
schlief.
Er träumte, daß er ein Pferd sei und man ihm Hufeisen an die Füße nagelte.
Aber siehe, er empfand gar keinen Schmerz und er war sogar stolz auf diesen
neuen glänzenden Schmuck.
Dann träumte er, er sei gestorben. Er wurde in einen Sarg gelegt und wurde
begraben. Aber als er drunten lag im Grab, da fand er, daß er noch nicht ganz
gestorben sei, und er wachte wieder auf. Er krabbelte aus dem Loch heraus und,
angethan mit einem großen weißen Totenlaken, machte er sich auf den
Heimweg. Die Stadt lag noch im Morgengrauen und war ganz, ganz öde. Da
begegnete ihm am Bahnhof Haushammers Fritz.