Stalker
Die Wunschmaschine
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.
Einer der prominentesten Bewunderer von Picknick am Wegesrand war der Regisseur Andrei Arsenjewitsch Tarkowski. Vor allem das vierte Kapitel, Redrick Shewharts Reise durch die Zone zur Goldenen Kugel, faszinierte ihn. Ende 1974 nahm er Kontakt zu Arkadi und Boris Strugatzki auf und beauftragte sie, ein Drehbuch für ihn zu verfassen. Zwischen 1976 und dem Erscheinen des Films Stalker im Jahr 1979 entstanden mehrere Versionen des Drehbuchs, das die Strugatzkis zunächst als Erzählung mit dem Titel Die Wunschmaschine anlegten. Tarkowski vermerkte seine Änderungswünsche, die die Brüder in den Text einarbeiteten. Wie viele Drehbuchversionen genau geschrieben wurden, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da Tarkowski noch während der Dreharbeiten zu Stalker weiter daran arbeitete. Auch wenn der Film nicht mehr viel mit dem Roman gemein hat, sind einzelne Motive nach wie vor klar erkennbar. Vier Fassungen von Die Wunschmaschine lassen sich heute rekonstruieren. Die erste ist vom Januar 1976 und liegt hier erstmals in deutscher Übersetzung vor. Die Handlung ist auf eine Expedition in die Zone reduziert, bei der der Stalker Viktor, der namenlose Professor und der Schriftsteller Anton versuchen, das mysteriöse Objekt zu finden, das die geheimsten Wünsche erfüllt.
Das widerliche Rasseln eines Weckers.
Ein dunkles Zimmer. Das rechteckige Fenster wird im Sekundentakt von einer Neonreklame in lebloses, blaues Licht getaucht.
Das Rasseln hört auf, im nächsten Augenblick flackert der schwache Schein einer Nachttischlampe auf. Ein Mann mit vergrämtem Gesicht wirft die Decke zurück, setzt sich im Bett auf, lässt die Beine herabhängen und kratzt sich mit beiden Händen verbissen den zerzausten Kopf. Mit erstaunlich leichter, gleitender Bewegung löst er sich von der Matratze und erscheint am Fenster. Er blickt prüfend in den Himmel und auf die Straße – in gleichmäßigem Takt tauchen seine schnellen, aufmerksamen Augen und die fest aufeinandergepressten Lippen in dem blinkenden Neonlicht auf und verschwinden wieder. Er scheint kein Auge zugetan zu haben.
Das leise Knarzen der Tür. Eine junge Frau in langem Nachthemd kommt herein, tritt lautlos an den Tisch und stellt ein Tablett darauf ab: eine Kaffeekanne, daneben eine Tasse mit dampfendem Kaffee. Der Mann nimmt die Tasse, trinkt sie gierig in zwei Schlucken aus und schenkt sich sogleich nach.
»Was ist mit Äffchen?«, fragt er heiser.
»Schläft«, antwortet die Frau leise. »Sie hat in der Nacht zweimal geweint.«
Der Mann stürzt die zweite Tasse hinunter und schenkt sich eine dritte ein. Die Frau zündet zwei Zigaretten gleichzeitig an und reicht ihm eine davon. Er nimmt einen tiefen Zug, sagt: »Na dann«, und beginnt sich anzuziehen.
Er zieht das Pyjamahemd aus und nimmt eine lange, weiße Weste aus glänzendem Stoff vom Stuhl, spannt sie auf den gespreizten Fingern seiner ausgestreckten Hände auf und betrachtet sie mit prüfendem Blick. Die Weste gleitet ihm von den Fingern und fällt mit seltsam klirrendem Geräusch zu Boden. Der Mann flucht etwas Unverständliches, hebt die Weste auf und zieht sie über sein Unterhemd.
»Viktor …«, sagt die Frau leise.
»Was ist?«, fragt er, ohne sich umzudrehen.
Die Frau schweigt. Sie raucht und schaut zu, wie er sich lange Ärmel aus demselben glänzenden Material überzieht, diese an der Weste befestigt und sich dann ein halbtransparentes Klebeband um die Hände zu wickeln beginnt. Er zieht die Pyjamahose aus und steigt in eine Art Steghose, die ebenfalls silbrig glänzt und offenbar genauso schwer ist wie die Weste. Als er angekleidet ist, macht er einige schnelle Gymnastikbewegungen, geht in die Hocke, bückt sich nach allen Seiten. Dann greift er nach der Zigarette, zieht daran und nimmt noch einen Schluck Kaffee.
Das laute Ticken des Weckers. Die Zeiger stehen auf kurz nach zwei.
Viktor schlüpft in einen weiten Overall, schließt sorgfältig alle Knöpfe und Reißverschlüsse und zieht sich Handschuhe über. Dann geht er vor dem Nachttisch in die Hocke und zieht eine Schublade auf. Im Schein der Nachttischlampe wird zuerst eine riesige schwarze Pistole sichtbar. Viktor schiebt sie zur Seite und greift mit der Hand in einen Haufen neun Millimeter breiter Schraubenmuttern, die den Boden der Schublade bedecken. Nachdem er die Muttern in der rechten Hüfttasche verstaut hat, greift er noch eine Handvoll davon aus der Schublade und lässt diese in die linke Tasche fallen. Dann schließt er die Schublade und erhebt sich. Ein Schluck Kaffee, ein Zug an der Zigarette. Viktor setzt sich aufs Bett und beginnt, mit dem Klebeband seine nackten Füße zu umwickeln.
»Willst du noch Kaffee?«, fragt die Frau.
»Nein.«
Er steht auf, raucht die Zigarette zu Ende, drückt die Kippe in einer Untertasse aus. Ohne die Frau eines Blickes zu würdigen, geht er in den Flur. Er bewegt sich außergewöhnlich leicht und lautlos, federnd wie ein praller Gummireifen.
Im Flur setzt er sich auf eine niedrige Bank und zieht sich Gummistiefel an. Die Schulter an den Türstock gelehnt, sieht die Frau schweigend zu, wie er aufsteht, ein paarmal auf der Stelle tritt, sich eine Ledermütze mit langem Schirm aufsetzt und zurechtrückt, einen schweren Rucksack aufhebt, ihn sich über die Schulter wirft und aus einer Ecke eine Tasche mit Angelruten sowie einen Kescher hervorholt.
»Zigaretten«, sagt er.
Die Frau verschwindet lautlos im Halbdunkel des Zimmers. Mit wenigen Schritten ist Viktor am Eingang zum Kinderzimmer, öffnet die Tür einen Spalt und schaut hinein.
Im schwachen Licht ist ein Kinderbett zu erkennen, auf dem Kissen eine nackte Kinderhand. Neben dem Bett zwei Kinderkrücken, auf dem Nachttisch eine Kinderbrille mit schwarzen Gläsern.
Viktor schließt leise die Tür. Die Frau steht schweigend neben ihm, eine Packung Zigaretten in der Hand. Er nimmt die Packung und steckt sie linkisch mit einer Hand in die Brusttasche – in der anderen Hand hält er das Angelzeug.
»Bis dann«, sagt er. »Halt die Ohren steif.«
Er macht die Wohnungstür hinter sich zu und beginnt die Treppe hinabzugehen. Eine schirmlose Lampe taucht den schmuddeligen Gang in grelles Licht. In die raue Wand neben der Tür hat jemand mit grober Hand eine böse, dumme Karikatur eingeritzt: ein zerzaustes, hässliches Mädchen mit einer riesigen Sonnenbrille und abgespreizten Krücken.
Ein Stockwerk weiter unten steht in einer Ecke, merklich schwankend, ein gut gekleideter Mann herum. Er trägt keinen Hut, sein Mantel ist fleckig. Sein breiter, grellbunter Schal hat sich gelöst und hängt bis zum Boden herab. Als Viktor an ihm vorbeigeht, ist das gelblich-blasse Gesicht des Mannes zu erkennen: Er ist sturzbetrunken.
SPRECHER: Zwei Jahrzehnte ist es her, seit unser kleiner, blauer, durch die unermesslichen Weiten des Universums rasender Erdball erstmals seit Menschengedenken ins Blickfeld einer mächtigen Superzivilisation geriet, deren Heimat irgendwo im grenzenlosen Kosmos verborgen ist. Wer waren sie? Warum besuchten sie uns? Wohin sind sie danach verschwunden – genauso plötzlich, wie sie aufgetaucht waren? Über all das lässt sich nur spekulieren. Waren sie gut oder grausam? Kamen sie in Frieden oder in kriegerischer Absicht? Sahen sie uns als gleichwertige, vernunftbegabte Brüder, verschmähten sie uns – oder haben sie uns vielleicht gar nicht bemerkt? In jener furchtbaren Nacht vor zwanzig Jahren ergrauten Tausende Menschen vor Angst, Hunderte Alte und Kinder wurden von wahnsinnig gewordenen Flüchtlingshorden niedergetrampelt, manche verloren für immer den Verstand, manche für einige Zeit ihr Augenlicht und ihr Gehör – doch nicht ein einziger Mensch kam in den Ruinen ums Leben, niemand verbrannte oder wurde von geheimnisvoller Strahlung getötet, nicht ein einziger Mensch wurde Opfer der ungeheuren Explosionen, die die Umgebung erschütterten. Und die gewaltige Militärtechnik der Erde, die augenblicklich in Stellung gebracht wurde, um den außerirdischen Angriff abzuwehren, kam schlussendlich nicht zum Einsatz. Die Ankömmlinge aus dem Weltall gingen von selbst wieder und hinterließen uns die Zone.
Die Zone! Eine unauslöschliche Narbe auf dem Antlitz unserer Mutter Erde, ein Hort grausamer Wunder, eine Art gigantischer Fühler, der sich aus einer unglaublich fernen Zukunft in unsere Zeit ausgestreckt hat.
ERSTER WISSENSCHAFTLER: Wir können uns glücklich schätzen, dass wir technologische Artefakte von übermorgen mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Händen berühren dürfen.
ZWEITER WISSENSCHAFTLER: Ich persönlich erwarte keine weiteren Entdeckungen mehr. Die wichtigste Entdeckung ist bereits gemacht: Die Menschheit ist nicht mehr allein im Universum.
DRITTER WISSENSCHAFTLER: Die Außerirdischen sind uns so
unglaublich weit voraus, dass wir die Zone und alles, was darin ist, nicht als etwas Gemachtes betrachten sollten, sondern als Naturerscheinung, die sorgfältig zu untersuchen und in den Dienst der irdischen Wissenschaft und Technik zu stellen ist.
SPRECHER: In den Dienst der irdischen Wissenschaft und Technik! Nehmen wir nur die ETACs, ewige Akkumulatoren. Niemand weiß, wie sie aufgebaut sind, aber wir haben gelernt sie zu vermehren, und so gibt es heute Motoren mit ETAC-Antrieb, eine Revolution in der Kleinformat-Technik, die es uns ermöglicht, Millionen, ja, Milliarden von Tonnen wertvolles Erdöl einzusparen. Oder der »Blaue Lehm«! Niemand vermag seine Heilwirkung zu erklären, doch schon jetzt hat die Menschheit für immer vergessen, was Infektionskrankheiten sind. Und doch ist es gar nicht so leicht, an die Geheimnisse und Schätze der Zone zu kommen. Wir alle erinnern uns noch an die furchtbaren Katastrophen am Ende unserer ersten zwar heldenhaften, aber ungeschickten Versuche, ins Innere der Zone zu gelangen – sei es zu Lande oder aus der Luft. Dutzende begeisterter Pioniere kamen dabei ums Leben. Und als es nicht gelang, die Zone im Sturm zu erobern, sah sich die Menschheit genötigt, zur taktischen Belagerung überzugehen.
DIREKTOR DES INTERNATIONALEN INSTITUTS FÜR
AUSSERIRDISCHE KULTUREN: Wir sind immer noch unendlich weit von einem Sieg über die Zone entfernt. Aber es ist uns gelungen, vergleichsweise ungefährliche und wirksame Maßnahmen zu ergreifen, die einen kontinuierlichen und einigermaßen umfangreichen Zufluss neuer Informationen aus der Zone ermöglichen. Jedenfalls gibt es keine Opfer mehr, und die irdische Wissenschaft kommt gar nicht hinterher, die aus der Zone herausgeschafften Materialien zu erforschen und zu bearbeiten. Mir scheint, das Problem liegt jetzt auf einer ganz anderen Ebene, die weniger dem Zuständigkeitsbereich der Wissenschaft als vielmehr dem der Politik zuzuordnen ist. Ich meine damit vor allem das verantwortungslose und letztlich gegen die Menschheit gerichtete Vorgehen der Agentur militärisch-industrieller Komplexe.
SPRECHER: Die Entstehung der Zone brachte binnen kurzer Zeit einen neuen Berufsstand hervor: den Weltall-Wilderer, den kosmischen Schatzräuber. Er verfügt über keinerlei Ausrüstung. Er weiß, dass er in den sicheren Tod geht. Er weiß, dass nur einer von zehn zurückkehrt. Einer von fünf Zurückgekehrten ist für den Rest seines Lebens versehrt. Sieben von zehn Überlebenden bekommen missgestaltete Kinder. Er steht außerhalb des Gesetzes, außerhalb der Moral, und doch kehrt er immer wieder in die Zone zurück, denn es finden sich immer Menschen, die bereit sind, für ein beliebiges, der Wissenschaft unbekanntes Artefakt enorme Summen zu zahlen.
EIN WEITERER WISSENSCHAFTLER, DIREKTOR DER
MILITÄRISCH-INDUSTRIELLEN VEREINIGUNG ALPHA-PEGASUS: Unsere Labors befassen sich nicht mit Objekten aus dem Weltall, denn wir halten uns an das Embargo der Vereinten Nationen. Ich persönlich habe dieses Embargo aber nie unterstützt. Erfahrungsgemäß ist private Forschung in allen Belangen deutlich effektiver als staatliche oder internationale. Ich gebe natürlich zu, dass die fehlende Kontrolle sowie andere negative Faktoren ein gewisses Risiko darstellen. Aber finden Sie nicht, dass hier ziemlich viel auf dem Spiel steht und wir dieses Risiko daher eingehen sollten?
SPRECHER: Auf dem Spiel steht tatsächlich unvorstellbar viel, nämlich das Glück der Menschen, die unseren Planeten bewohnen. Gerade deshalb können und dürfen wir kein Risiko eingehen. Die Menschheit ergreift Schutzmaßnahmen. Rings um die Zone wird eine Mauer errichtet. Polizeikräfte der Vereinten Nationen patrouillieren Tag und Nacht die Zufahrtswege zur Zone. Keine Maßnahme darf uns als zu drakonisch erscheinen, wenn es darum geht zu verhindern, dass Schätze aus dem Weltall in gierige, unsaubere Hände gelangen. Die Zone gehört nur der Menschheit als Ganzes. Mit all ihren Wundern, seien sie nun grausam oder gut. Wer kennt nicht die Legende vom Goldenen Kreis? Irgendwo tief in der Zone liegt in einer düsteren, von monströsen Spinnennetzen umwobenen Schlucht eine riesige goldene Scheibe. Jener glückliche Teufelskerl, dem es gelingt, Tausende tödlicher Gefahren zu überwinden und seinen Fuß auf diese Scheibe zu setzen, erwirbt damit das Recht auf Erfüllung eines beliebigen Wunsches. Eine Legende? Ein Märchen? Dies hier sind einzigartige Bilder, aufgenommen vom künstlichen Satelliten Europa-711 aus hundertzwanzig Kilometer Höhe. Seit uns diese Bilder übermittelt wurden, ist der Kontakt zu dem Satelliten abgebrochen. Aber vielleicht ist dies ja ebenjener geheimnisvolle Goldene Kreis? Die Maschine, die Wünsche erfüllt …
Der Waggon eines Vorortzuges. Er ist voll besetzt mit Arbeitern der Nachtschicht. Viktor steht im Windfang. Er lehnt an der Tür, raucht und schaut zu, wie vor dem Fenster Lichter vorbeiziehen, Spiegelungen von Lampen auf dem nassen Asphalt, von unten angeleuchtete Rauchsäulen hinter hohen Ziegelmauern, hektargroße, von hellem Licht überflutete, mit reglosen Automobilen vollgestellte Flächen, Fabrikschlote mit Girlanden aus roten Sicherheitslampen … Der Vorortzug hält an, die missmutigen Arbeitspendler kippen in einem Schwall auf den Bahnsteig hinaus. Dann klappen die Türen wieder zu, und der Zug fährt weiter. Jetzt ist es draußen stockdunkel, und in dem verschmierten, von Rinnsalen überzogenen Fenster spiegelt sich Viktors Gesicht und das glimmende Feuer seiner Zigarette.
Viktor steigt aus dem nun leeren Waggon auf einen leeren Bahnsteig. Es regnet. Glänzender Asphalt, glänzende, leere Sitzbänke. Der nasse, glänzende Vorortzug fährt an und verschwindet in der Dunkelheit. Viktor zieht sich den langen Schirm seiner Ledermütze tiefer ins Gesicht, dann geht er leicht gebückt den Bahnsteig entlang, ohne auf die Pfützen zu achten. Er verlässt den Bahnsteig und biegt ab ins Dunkel. Eine Zeit lang schlägt er sich durch nasses Gebüsch, bis dieses schließlich aufhört und der Wald beginnt. Seine Stiefel erzeugen ein schmatzendes Geräusch. In der Ferne heult der Vorortzug auf und verstummt wieder. Eintönig rauscht der Regen in den Ästen über ihm. Viktor marschiert unbeirrt weiter – dieser Weg ist ihm gut bekannt. Plötzlich lichtet sich der Wald, Viktor springt über einen Graben und gelangt auf einen verlassenen Feldweg. In etwa zehn Schritt Entfernung ist die dunkle Silhouette eines Autos zu erkennen. Es ist ein kleines Geländefahrzeug, ähnlich einem Land Rover oder Jeep.
Viktor nähert sich dem Fahrzeug, öffnet die Tür und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Der Mann am Steuer lässt sogleich den Motor an und schaltet die Scheinwerfer ein.
»Geradeaus«, sagt Viktor.
Der Wagen setzt sich in Bewegung.
Der Untergrund ist miserabel, der Wagen schlingert und bockt über Schlaglöcher hinweg, immer wieder schwappt Wasser aus Pfützen gegen die Frontscheibe. Das Licht der Scheinwerfer greift einzelne Objekte aus der nassen Finsternis heraus: mal mit Wasser gefüllte Fahrrinnen, mal feuchte Baumstämme, mal die Spitzen von Telegrafenmasten mit abgerissenen Leitungen.
»Runter vom Gas«, sagt Viktor. »Langsamer jetzt. Bei dem weißen Felsen nach rechts.«
Der Wagen biegt ab und fährt vorsichtig über eine kleine, windschiefe Brücke. Das Scheinwerferlicht gleitet über die Kreuze und Obelisken eines verwahrlosten Friedhofs. Dahinter beginnt eine verlassene Datschensiedlung. Hier lebt längst niemand mehr, die einst gepflegten weißen Zäune stehen schief, in den Vorgärten wuchert der Flieder, die Fenster der Häuser sind vernagelt, nur am Rand der Siedlung ist der gelbe Schein eines erleuchteten Fensters zu erkennen, die davor aufgehängte Wäsche tropft im Regen. Ein riesiger Köter rast wutschäumend von der Seite auf das Auto zu und jagt ihm in einem Wirbel aus Schmutzklumpen, die unter den Rädern hervorspritzen, noch eine Zeit lang nach.
»Einsam steht das Haus«, deklamiert der Mann am Steuer, »einsam lasst es stehen, da sie von dannen sind, die gütigen und treuen Seelen, die jenen alten Ort wohl liebten …«
»Schweigen Sie«, presst Viktor hervor.
Eine Weile fahren sie schweigend durch die Dunkelheit und den Regen, dann taucht hinter einer Kurve vor ihnen eine Villa auf: stabiler, geschwungener Metallzaun, Wärterhäuschen am Tor, ein zweigeschossiger, moderner Bau, Glas und Beton à la Frank Lloyd Wright, weiße abstrakte Skulpturen schimmern durchs Gebüsch. Das Erdgeschoss des Hauses ist hell erleuchtet.
»Halten Sie an«, sagt Viktor.
Der Mann am Steuer dreht ihm verwundert das Gesicht zu. »Wozu?«
»Halten Sie an!«, wiederholt Viktor etwas lauter.
Der Mann am Steuer tritt heftig auf die Bremse. Die Angeltasche und der Rucksack gleiten vom Rücksitz, der Kescher fällt dem Fahrer auf den Kopf.
»Z-zum Teufel …«, zischt der Mann am Steuer, während er versucht, seine kaputte Brille aus dem Kescher zu entwirren.
Viktor greift ans Lenkrad und hupt einmal kurz. Sogleich erlischt das Licht in der Villa, und die Umgebung wird in Dunkelheit gehüllt. Irgendwo schlägt eine Tür zu, ein fröhliches Pfeifen ertönt, dann hört man das Schmatzen von Schritten auf nasser Erde. Im Streulicht der Scheinwerfer taucht neben der Fahrertür ein nasses, fröhliches Gesicht auf, das sich sogleich verwundert in die Länge zieht.
»Pardon«, sagt der Mann aus der Villa. »Ich dachte, das wäre für mich.«
»Alles richtig«, antwortet Viktor. »Hinten ist noch Platz.«
»Ah, Chef, da sind Sie ja. Fein. Aber wer ist der Typ? Der hat ja eine Brille …«
»Rein da! Aber dalli!«
Der Mann aus der Villa lässt sich auf den Rücksitz fallen und beginnt, umständlich seinen Rucksack zurechtzurücken.
»Also wirklich«, sagt er leicht stockend, »ich war eben völlig baff. Woher auf einmal diese Brille? Seit wann trägt mein Chef Brille?«
»Vorwärts«, befiehlt Viktor.
»Vorwärts, immer vorwärts!«, ergänzt der Mann aus der Villa.
Die Lippen fest aufeinandergepresst, setzt der Mann am Steuer den Wagen in Bewegung.
»Die Brille ist ein typisches Merkmal des Intelligenzlertums«, verkündet der Mann aus der Villa.
Viktor sagt über die Schulter zu ihm: »Hast also doch gebechert.«
»Gebechert? Mitnichten. Ich hab getrunken. So wie das die eine Hälfte der gesamten Bevölkerung tut. Die andere Hälfte bechert vielleicht, Frauen und Kinder ausgenommen. Aber egal, sollen sie doch. Ich jedenfalls hab getrunken. Auf unseren Angelausflug. Das ist es doch, was wir vorhaben, ein Angelausflug, nicht wahr, Chef?«
Das Auto steht auf einem Feldweg, die Scheinwerfer sind ausgeschaltet. Ringsum sind undeutlich Büsche zu erkennen. Der Regen hat aufgehört. Viktor steigt lautlos aus dem Wagen und geht weiter, dorthin, wo am Ende des Feldwegs feuchter Asphalt glänzt. Der Mann am Steuer steigt ebenfalls aus, holt ihn ein und geht neben ihm her.
»Wozu haben Sie diese Schnapsdrossel mitgenommen?«
»Keine Sorge. Der wird wieder nüchtern. Das verspreche ich Ihnen.« Und nach kurzem Schweigen fügt er hinzu: »Außerdem ist sein Geld auch nicht weniger wert als Ihres …«
Der Mann blickt Viktor kurz an, sagt aber kein Wort. Sie bleiben am Ende des Feldwegs stehen und werfen aus dem Gebüsch einen Blick auf den Kontrollposten, der sich gut einhundert Meter entfernt neben der Landstraße befindet. In dem kleinen provisorischen Holzhäuschen leuchtet ein einsames Fenster. Daneben stehen im toten Licht eines Scheinwerfers zwei schwarze Motorradgespanne sowie ein Streifenwagen. Rechts und links von der Straße führen Pfosten mit dazwischen gespanntem Stacheldraht in den Wald hinein.
»Die schlafen alle«, flüstert der Mann. »Wir geben richtig Gas und rasen dann in voller Fahrt vorbei. Die schaffen es nicht mal zu blinzeln.«
»Hm …«, macht Viktor. »Mit Vollgas. Gehen wir.«
Sie kehren zu ihrem Auto zurück. Der Mann will gerade seinen Platz einnehmen, als Viktor ihn wortlos beiseiteschiebt und sich selbst ans Steuer setzt. Ohne zu murren, geht der Mann um den Wagen herum und nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. Der Mann aus der Villa, der in der Zwischenzeit auf dem Rücksitz eingeschlafen ist, fährt hoch.
»Was?«, fragt er laut. »Sind wir schon da?«
Viktor dreht sich um, packt die Visage des Mannes mit seiner breiten Pranke und stößt ihn mit voller Wucht zurück. Der Mann aus der Villa reißt erschrocken die Augen auf, dann flüstert er: »Alles klar … alles klar …«
Der Wagen fährt an, biegt im Schneckentempo auf die Landstraße ein und rollt langsam, ganz langsam an dem Posten vorbei, exakt so schnell, wie es die leuchtenden Schilder am Straßenrand anzeigen. Als der Lichtstrahl des Scheinwerfers auf ihn trifft, ist auf der schwarzen, feucht schimmernden Karosserie eine Aufschrift in verschiedenen Sprachen zu lesen: UNO – Institut für außerirdische Kulturen und UNO – Institute for Extraterrestrial Cultures.
Der Wagen jagt mit rasender Geschwindigkeit auf der breiten, regennassen Landstraße dahin. Viktor sitzt am Steuer, eine erloschene Kippe im Mundwinkel. Im Streulicht der Scheinwerfer glänzt von Zeit zu Zeit die Brille des Beifahrers auf. Der Mann aus der Villa sitzt weit nach vorn gelehnt, hält sich mit beiden Händen an den Rückenlehnen der Vordersitze fest und starrt verkrampft auf die Straße. Er ist jetzt deutlich nüchterner.
Im Scheinwerferlicht taucht am rechten Straßenrand ein riesiges Schild mit einer fluoreszierenden Aufschrift auf. Dort heißt es in verschiedenen Sprachen: Achtung! Bis zur Grenze der Zone sind es noch 300 Meter. Attention! 300 meters to the Zone limits. Viktor geht vom Gas und schaltet auf Abblendlicht zurück.
Der Wagen kriecht vorsichtig die Landstraße entlang. Die Scheinwerfer sind jetzt komplett ausgeschaltet, nur das Tagfahrlicht leuchtet noch schwach. Dann taucht das Auto in den Straßengraben ab, arbeitet sich auf der anderen Seite wieder heraus und schlägt sich mit jaulendem Motor in die Büsche. Knacksend wälzt es sich durchs Unterholz wie ein merkwürdiges Ungetüm. Dann verstummt der Motor, das Tagfahrlicht erlischt, und Viktors Stimme ertönt in der Dunkelheit: »Nehmt eure Sachen, und steigt aus. Tempo jetzt.«
Kaum erkennbare Schatten trennen sich von der dunklen Masse des Wagens. Dann wird es auf einmal heller, nach und nach lässt schwaches, himmelblaues Licht die niedrige Wolkendecke hervortreten. Nun erkennen wir, dass das Auto vor einer vier Meter hohen Mauer angehalten hat, deren oberer Rand sich scharf von dem hellblauen Gewirr am Himmel abzeichnet. Dann knattert irgendwo in der Ferne eine Maschinengewehrsalve los. Eine zweite Salve antwortet ihr – aus deutlich näherer Entfernung.
»Da wird ja geschossen«, stellt der Mann aus der Villa fest.
»Mir nach«, befiehlt Viktor. »Rucksäcke in die Hand.«
Er geht die Mauer entlang, wobei er sich von Zeit zu Zeit bückt und den Boden absucht. Nach einer Minute kniet er sich hin und beginnt, einen Haufen Äste und Laub auseinanderzuschieben. Das ferne Maschinengewehr auf der anderen Seite der Mauer feuert lange Salven ab. Viktor hockt sich auf die Fersen und nimmt seinen Rucksack fester. Dann gibt er das Kommando: »Mir nach«, und taucht in einen unterirdischen Gang ab, der unter der Mauer hindurchführt.
»Nach Ihnen, Professor«, sagt der Mann aus der Villa.
Der Professor drückt die Brille auf seiner Nase fester und lässt sich auf alle viere herab. Eine weitere MG-Salve ertönt aus nächster Nähe. Der Mann aus der Villa zieht den Kopf ein und geht in die Hocke.
»Auf wen schießen die denn?«, murmelt er. »Ich bin doch noch hier …«
Im selben Augenblick, als Viktor auf der anderen Seite der Mauer den Kopf aus einem Haufen Zweige steckt, knallt es mehrfach dumpf, und ein Dutzend Leuchtraketen steigt in den Himmel auf. Es wird taghell.
Gleich hinter der Mauer erstreckt sich eine ebene Fläche: ein ausgetrocknetes Moor, aus dem hie und da vereinzelte Bulten und Gerten herausragen. In gut zweihundert Schritt Entfernung führt ein Bahndamm vorbei.
Die Leuchtraketen sinken langsam zu Boden. Viktor folgt ihnen mit zusammengekniffenen Augen. Dann presst er hervor: »Bullen …«
Wieder liegt alles in Dunkelheit. Im nächsten Augenblick streckt sich von irgendwo links der hellblaue Strahl eines Scheinwerfers aus. Er ist weit entfernt, erzeugt aber genug Licht, um zu sehen, wie Viktor hastig aus der Höhle klettert, den Rucksack hinter sich herauszieht und sich flach auf den Boden legt.
»Schnell«, zischt er. »Schneller, macht schon!«
Ungelenk kriecht der Professor heraus und schleppt seine Tasche hinter sich her. Hinter ihm erscheint zunächst der Rucksack des Mannes aus der Villa, dann wirft dieser selbst einen Blick aus der Höhle, doch im selben Augenblick beginnt irgendwo in der Nähe ein Maschinengewehr zu rattern, und der Kopf des Mannes aus der Villa verschwindet hastig wieder unter der Erde.
»Los! Komm schon!«, zischt Viktor.
Als sich der Mann aus der Villa endlich doch aus der Höhle herauswagt, sagt Viktor mit gedämpfter Stimme: »Ihr kriecht hinter mir her. Die Köpfe lasst ihr immer schön unten und eure Rucksäcke haltet ihr so, auf der linken Seite. Keine Panik, die sehen uns nicht. Kriegst du doch versehentlich was ab, mach bloß kein Geschrei und wälz dich nicht sinnlos herum, dann sehen sie dich nämlich und machen dich kalt. Stattdessen kriechst du einfach zurück und schlägst dich zur Landstraße durch. Am Morgen wirst du dann abgeholt. Alles klar?«
»Ich würd schnell noch einen Schluck …«, sagt der Mann aus der Villa leise.
»Nein. Später. Los jetzt!«
Dann kriechen die drei in dem geisterhaften Streulicht los, die Köpfe hinter ihren Rucksäcken verborgen. Bald darauf sind sie auf dem freien Feld nicht mehr zu erkennen. Die Maschinengewehre feuern unterdessen immer weiter, und plötzlich durchpflügt eine Salve den leeren Fleck, auf dem sich die drei vor Kurzem noch befunden haben.
Früher Morgen, dichter milchig-weißer Nebel, nur ein paar nasse, rostige Gleise sind zu erkennen. Es herrscht tiefe Stille. Dann erklingt irgendwo im Nebel ein metallisches Schlagen. Es kommt näher, und nun ist bereits zu vernehmen, dass jemand eine eigentlich muntere Melodie auf melancholische Weise vor sich hin pfeift.
Es ist eine Draisine. Ganz vorn lässt Viktor, eine erloschene Kippe im Mund, die Beine von der Plattform baumeln und blickt aufmerksam vor sich in den Nebel. Hinter ihm liegen die Rucksäcke auf einem Haufen. Der Professor und der Mann aus der Villa, beide jetzt schmutzig und zerzaust, pumpen am Handhebel. Das fröhliche Motiv pfeift der Mann aus der Villa, durchaus melodisch, passend zum Takt des Hebels. Dann bricht er ab und schaut auf seine Uhr.
»Zehn vor sechs«, sagt er mit leicht heiserer Stimme. »Und die ganze Zeit geht es aufwärts …«
Keiner antwortet ihm.
»Sind Sie wirklich ein Professor?«, fragt er verwundert.
»Ja«, antwortet dieser.
»Ich heiße …«, beginnt der Mann aus der Villa.
»Er heißt Anton«, sagt Viktor laut, ohne sich umzudrehen.
Der Mann aus der Villa reagiert verblüfft, schweigt aber.
»Hm …«, macht der Professor. »Und wie heiße ich?«
»Du heißt Professor«, antwortet Viktor.
»Ich heiße Professor«, teilt der Mann mit der Brille mit. »Und bin Professor.«
»Höchst erfreut«, sagt Anton und versucht einen Kratzfuß. »Und ich bin Schriftsteller, aber alle nennen mich aus irgendeinem Grund Anton. Können Sie sich vorstellen, wie peinlich das ist?«
»Ein bekannter Schriftsteller?«, fragt der Professor.
»Nein. Aber angesagt. Haben Sie meine Villa gesehen?«
Eine Zeit lang schweigen sie und fuhrwerken weiter mit dem Draisinenhebel herum. Dann sagt Viktor auf einmal: »Langsam!« Er beugt sich vor, starrt in den Nebel und greift nach der Handbremse.
Aus dem Nebel vor ihnen kommt etwas Großes und Dunkles auf sie zu. Schließlich kommt die Draisine nur wenige Meter vor den Puffern eines Güterwaggons zum Stehen.
»Wir sind da«, sagt Viktor und springt auf die Schwellen herunter. »Pause.«
»Uff!«, macht Anton und richtet sich auf. »Aber jetzt darf ich mir doch einen genehmigen?«
Auf der Plattform der Draisine ist Zeitungspapier ausgebreitet, darauf stehen Thermosflaschen mit Kaffee, eine Flasche Hochprozentiges sowie ausgepackter Proviant. Alle drei kauen konzentriert und trinken Kaffee aus Faltbechern. Es ist jetzt ganz hell, doch der Nebel ist noch genauso dicht wie zuvor, allerdings jetzt nicht mehr milchig-weiß, sondern von grünlicher Farbe. Von der Umgebung ist nach wie vor nur die Rückwand des Güterwaggons zu erkennen.
»Für mich seid ihr beide Anfänger«, sagt Viktor. »Ich hab euch in der Zone noch nie gesehen und erwarte auch nichts von euch. Ihr habt mich angeheuert, ich werde also dafür sorgen, dass ihr so lang wie möglich am Leben bleibt. Deshalb nehmt es mir nicht übel, aber in der Zone ist keine Zeit für Nettigkeiten. Wenn mir was nicht passt, schlag ich einfach los, egal womit …«
»Aber bitte nicht auf die linke Hand«, sagt Anton.
»Warum nicht?«, fragt Viktor verwundert.
»Die hab ich mir als Kind gebrochen. Die muss ich schonen.«
»Ach so …« Viktor grinst. »Ich dachte immer, du bist Linkshänder, du schreibst ja mit der Linken. Na gut, dann schlag ich dir eben auf den Kopf. Was hast du mit dem als Kind so angestellt?«
»Sie sind ganz schön streng zu uns, Chef«, sagt Anton und will nach der Flasche greifen, aber Viktor schnappt sie sich zuerst, schraubt den Deckel fest und steckt sie in seinen Rucksack.
»Das reicht«, sagt er.
»Oho«, macht Anton und schenkt sich noch etwas Kaffee ein.
»Ziemlich still hier«, sagt der Professor. Er sitzt nachdenklich rauchend gegen den Draisinenhebel gelehnt.
»Hier ist es immer still«, sagt Viktor. »Die Maschinengewehre sind weit weg, gut fünfzehn Kilometer, und in der Zone ist niemand, der Lärm machen könnte.«
»Fünfzehn Kilometer, wirklich?«, fragt der Professor. »Ich hätte nie gedacht, dass man so weit in die Zone vordringen kann …«
»Doch, kann man. Und ist man auch schon. Sobald der Nebel sich verzieht, wirst du sehen, wie sie hier vorgedrungen sind. Dauert gar nicht mehr lang.«
Plötzlich kommt aus dem Nebel ein lang gezogenes, knarzendes Geräusch. Alle zucken zusammen, sogar Viktor.
»Was war das?«, fragt Anton lautlos, nur mit den Lippen. Er ist kreidebleich.
Viktor schüttelt schweigend den Kopf. Er lauscht nach, aber ringsum herrscht wieder nur wattige Stille.
»Vielleicht stimmt es ja doch, dass hier … jemand lebt?«, fragt der Professor.
»Wer soll das denn sein?«, entgegnet Viktor verächtlich.
»Keine Ahnung … Aber es gibt doch diese Legende, dass irgendwelche Menschen in der Zone geblieben sind.«
»Das ist keine Legende, sondern Geschwätz«, unterbricht ihn Viktor. »Hier ist niemand, und hier kann auch niemand sein. Das ist die Zone, kapiert? Die Zone!«
Während dieses Wortwechsels dreht Anton den Kopf hin und her, blickt vom einen zum anderen. Er ist immer noch blass, hat sich aber wieder etwas beruhigt.
»Ich verstehe natürlich«, sagt er, »dass die Zone nun mal die Zone ist, keine Gallone, keine zwei Klone und auch keine drei, äh … Bisone. Aber für alle Fälle hab ich hier was eingesteckt.« Er klopft sich auf die hintere Hosentasche.
»Was?« Viktor fixiert Anton mit reglosem Blick. »Was hast du da eingesteckt, du Knalltüte?«
Anton klopft sich weiter vielsagend auf den Hintern.
»Gib her«, sagt Viktor und streckt die Hand aus. »Wozu?«
»Gib her, sag ich!«
Anton schwankt. Der Ausdruck vieldeutiger Überlegenheit schwindet auf seinem Gesicht. Verwirrt blickt er den Professor an.
»In der Zone gibt es niemanden, auf den du schießen könntest, Idiot«, sagt Viktor. »Gib deine Kanone her.«
»Tu ich nicht«, sagt Anton entschlossen, fügt aber im nächsten Augenblick flehend hinzu: »Ich brauch das, Chef, verstehen Sie?«
»Ich verstehe«, antwortet Viktor unerwartet milde. »Aber du brauchst dort wirklich nichts dergleichen. Wenn es dich richtig erwischt, hilft dir sowieso nichts mehr. Und wenn du plötzlich nicht mehr von der Stelle kommst oder du, sagen wir, irgendwie anders plattgemacht wirst, schleppe ich dich schon raus, keine Sorge. Wenn du tot bist, klar, dann lass ich dich liegen. Aber wenn du lebst, bring ich dich raus. Versprochen. Für umsonst nehm ich kein Geld. Und jetzt gibt her.«
Anton zieht unwillig einen winzigen Damenbrowning aus der hinteren Hosentasche und reicht ihn Viktor.
»Ist sowieso nur eine Kugel drin«, murmelt er. »In der Knarre.«
»Verstehe.« Viktor lässt die Patrone aus dem Magazin fallen und wirft die Waffe zwischen die Gleise. »In der Zone wird nicht geschossen«, sagt er belehrend. »In der Zone kann es manchmal sogar gefährlich sein, einen Stein zu werfen.« Viktor wendet sich dem Professor zu. »Und was ist mit dir?«
»Ich habe für diesen Fall eine Ampulle«, sagt dieser schuldbewusst.
»Wie bitte?«
»Eine Ampulle, eingenäht. Mit Gift.«
Viktor schüttelt bestürzt den Kopf. »Leute, das verstehe ich einfach nicht. Seid ihr etwa hergekommen, um zu sterben?« Immer noch kopfschüttelnd springt er aufs Gleis. »Muss irgendwer noch für kleine Jungs? Ich sag nur, später ist vielleicht keine Zeit mehr dafür … oder kein Platz.«
Er entfernt sich von der Draisine und verschwindet kurz darauf im Nebel. Der Professor blickt Anton mit erhobenen Brauen an.
»Wirklich, Anton, wozu sind Sie eigentlich hier? Ein angesagter Schriftsteller mit Villa. Wahrscheinlich laufen Ihnen die Frauen nur so hinterher …«
»Das können Sie nicht verstehen, Professor«, entgegnet Anton zerstreut, wirft mit einer Hand seinen Faltbecher hoch und fängt ihn wieder auf. »Bei uns Schriftstellern gibt es so einen Begriff, der heißt Inspiration. Und ich habe zwar diesen Begriff, aber Inspiration selbst habe ich keine. Die will ich mir hier erbitten.«
»Sie wissen also nicht mehr, was Sie schreiben sollen?«, fragt der Professor leise.
»Wie? Äh, ja genau. Aber Inspiration hatte ich noch nie. Das ist nicht interessant. Und Sie?«
Der Professor will gerade antworten, doch da taucht Viktor wieder auf und rückt sich im Gehen den Overall zurecht.
»Blöde Montur …« Er blickt zum Himmel. »Es geht bald los. Packt zusammen.«
Der Nebel ist weg.
Links vom Bahndamm erstreckt sich bis zum Horizont eine hügelige Ebene, leblos, in grünliches Zwielicht gehüllt. Über dem Horizont flammt ein schauriges Feuer in reiner grüner Spektralfarbe auf: Es ist die Morgendämmerung der Zone, unmenschlich, nicht von dieser Welt. Nach und nach beginnt sie sich im klaren Himmel aufzulösen, und da kippt hinter der schwarzen Hügelkette auch schon die grüne Sonne hervor, schwer, aufgebläht, in mehrere ungleiche Stücke zerrissen.
»Auch deswegen bin ich hergekommen«, sagt Anton mit belegter Stimme.
Sein Gesicht ist jetzt auch grünlich gefärbt, ebenso das des Professors. Der Professor schweigt.
»Ihr schaut in die falsche Richtung«, ertönt Viktors Stimme. »Schaut mal lieber hierher.«
Anton und der Professor drehen sich um.
Auch rechter Hand des Bahndamms erstreckt sich eine hügelige Ebene, doch hier sind in der Ferne Häuser zu sehen, ein Kirchlein ragt irgendwo hervor, und zwischen den Hügeln ist eine Straße zu erkennen. Der Bahndamm macht hier einen weiten Bogen; vom letzten Wagen aus, bei dem unsere Helden stehen, ist der Kopf des Zuges gut zu sehen. Irgendwann sollte dieser Zug offenbar eine Panzereinheit hierher transportieren. Aber irgendetwas muss dort passiert sein: Die Lokomotive und die ersten beiden Transportwagen liegen am Fuß der Böschung, einige der folgenden Wagen stehen schief auf den Gleisen, die Panzer sind von ihnen heruntergerutscht und liegen jetzt auf und neben dem Bahndamm, auf der Seite, mit ihren Ketten in der Luft. Ein, zwei Dutzend von ihnen hat man offenbar noch heil den Bahndamm hinabbefördern können, einige sind wohl noch ein Stück in Richtung Straße gefahren, dort aber nicht mehr angekommen. Sie stehen in kleinen Grüppchen auf dem Gelände zwischen der Straße und dem Bahndamm, ihre Geschützrohre zeigen in unterschiedliche Richtungen, einige haben aus irgendeinem Grund ihre Ketten verloren, andere sind bis zum Turm im Boden versunken, manche sind fest verschlossen, bei manchen stehen die Luken sperrangelweit offen. Es sieht ein wenig aus wie nach einer Panzerschlacht, doch stehen hier keine ausgebrannten Stahlskelette, keine von Explosionen verunstalteten Aufbauten: Diese Fahrzeuge sind, bis auf diejenigen, denen der Kettenantrieb fehlt, völlig unversehrt. Unversehrt und mausetot.
»Und wo sind … die Menschen?«, fragt Anton leise. »Da waren doch Menschen.«
»Das frage ich mich auch jedes Mal«, antwortet Viktor mit gesenkter Stimme. »Ich hab ja selbst gesehen, wie sie am Bahnhof aufgeladen wurden. Damals war ich noch ein kleiner Junge. Alle dachten, dass die Außerirdischen uns erobern wollen. Also haben sie die losgeschickt, strategische …« Er spuckt aus. »Keiner ist damals zurückgekehrt. Nicht eine Seele. Tief vorrücken nennt sich so was. Na egal. Wir richten uns ungefähr nach dieser kleinen Kirche da drüben.« Er streckt die Hand aus und zeigt. »Aber schaut nicht dorthin, sondern immer vor eure Füße. Ich hab’s euch schon mal gesagt: Ihr seid Scheiß-Anfänger, alle beide. Ohne mich seid ihr nichts, hilflos wie kleine Kätzchen. Deshalb bleibe ich erst mal hinter euch. Wir gehen im Gänsemarsch, der Professor vorneweg. Wenn ich euch die Richtung ansage, haltet euch besser dran, sonst bereut ihr’s irgendwann. Und jetzt packt eure Rucksäcke.«
Nachdem sie die Rucksäcke sortiert und geschultert haben, löst Viktor die Bremse der Draisine, lehnt sich mit aller Kraft dagegen und schiebt sie an. Langsam beginnt sie in die Richtung zurückzurollen, aus der sie gekommen sind, nimmt allmählich Fahrt auf und schlägt immer schneller gegen die Fugen zwischen den Gleisen. Die drei Männer folgen ihr mit den Blicken.
»Weg ist sie, die Alte«, sagt Viktor fast zärtlich. »So Gott will, tut sie auch nächstes Mal ihren Dienst. Also dann, Professor, jetzt erst mal bis zu dem weißen Felsen da hinten. Gesehen? Dann los.«
Der Professor beginnt, den Bahndamm hinabzusteigen. Viktor lässt ihn etwa fünf Schritt vorausgehen, dann sagt er: »Wie heißt du noch mal? … Ach ja, Anton. Ihm nach!«
Viktor wartet noch ein wenig, dann beginnt er selbst mit dem Abstieg.
Der grüne Morgen der Zone hat sich aufgelöst und ist ganz normalem Sonnenlicht gewichen.
Die drei Männer haben sich bereits ziemlich weit vom Bahndamm entfernt. In einer Reihe gehen sie einen flachen Hügel hinauf. Der Bahndamm ist von hier noch immer deutlich erkennbar. Etwas Seltsames geschieht dort, über den hingestreckten Panzern, den zertrümmerten Waggons, der umgestürzten Lokomotive: Es ist, als ob Strahlen glühender Luft darüber aufsteigen, in denen von Zeit zu Zeit grell schillernde Fetzen eines Regenbogens aufflammen.
Die drei Männer würdigen das Schauspiel keines Blickes. Der Professor geht noch immer voraus, wobei er vor jedem neuen Schritt den Boden absucht. Anton quält sich mit seinem offenbar schlecht sitzenden Rucksack ab. Auch er bewegt den Kopf nicht, blickt jedoch weniger vor die eigenen Füße als vor die des Professors. Den richtigen Abstand hält er nur selten ein, aber noch sagt Viktor nichts. Sein Blick gleitet automatisch, mit routinierter Schnelligkeit von den eigenen Füßen zu Antons Hinterkopf und weiter zu dem des Professors, scannt die Umgebung rechts und links von diesem und kehrt schließlich wieder zurück vor die eigenen Füße.
Kaum hat der Professor die Kuppe des Hügels erreicht, befiehlt Viktor sofort mit scharfer Stimme: »Stehen bleiben!«
Der Professor verharrt augenblicklich auf der Stelle und setzt den angehobenen Fuß vorsichtig wieder ab. Die drei kommen zusammen und blicken den Hügel hinab. Weiter unten am Hang, vielleicht dreißig, vierzig Meter entfernt, befindet sich eine ausgedehnte kahle Fläche, auf der kein einziger Grashalm wächst. Sie ist so glatt, dass sie sogar in der Sonne schimmert wie trübes Glas. Aus der Mitte dieser Fläche ragt etwas hervor, das aussieht wie ein überdimensionierter Klumpen Metall. Nur an einigen in den Boden gerammten Rotorblättern lässt sich erkennen, dass es sich um die Überreste eines Hubschraubers handeln muss.
»Mein Gott«, sagt Anton und wischt sich den Schweiß von der Stirn. »Was ist denn hier passiert?«
»Gravikonzentrat«, erklärt der Professor.
»Was haben Sie gesagt?«
»Klappe«, sagt Viktor.
Mit zusammengekniffenen Augen mustert er aufmerksam die kahle Stelle und ihre Umgebung. Er zögert. Dann greift er entschlossen in seine Hüfttasche und holt ein paar Muttern heraus.
»Ein Bereich mit erhöhter Gravitation«, erläutert der Professor. »An dieser Stelle ist die Schwerkraft um das Tausendfache erhöht.«
Anton schnalzt beeindruckt mit der Zunge, doch scheint er nicht wirklich zu verstehen, was das bedeutet.
Viktor wirft eine der Muttern, locker, ohne besonderen Schwung. Sie beschreibt einen hohen Bogen und landet etwa zehn Meter vor ihnen auf dem Boden.
»Bleibt immer hinter mir«, sagt Viktor. »Und tretet genau in meine Fußstapfen.«
Viktor bleibt dort stehen, wo die Mutter hingefallen ist, und wirft eine zweite. Er hält sich rechts vom Rand der kahlen Fläche. Zunächst beschreibt die Mutter einen normalen Bogen, doch nach ein paar Metern ist es, als würde eine unsichtbare Hand sie aus ihrer Flugbahn reißen: Mit entsetzlicher Geschwindigkeit schert sie nach schräg links aus und bohrt sich schnurgerade etwa einen Meter vom Rand der Kahlstelle in den Boden.
»Aha!«, sagt Viktor zufrieden. »Das Miststück hat sich ausgefranst.«
Die nächste Mutter wirft er etwas weiter nach rechts. Diesmal beschreibt sie eine normale Flugbahn und fällt etwa dreißig Meter vor ihnen zu Boden.
»Mir nach«, befiehlt Viktor. »Immer genau in meine Fußstapfen.«
Sie gehen auf die Stelle zu, wo die dritte Mutter hingefallen ist. Anton folgt Viktor auf dem Fuß, drückt sich beinahe mit der Brust gegen dessen Rucksack und schielt immer wieder ängstlich nach links, dorthin, wo sich die furchtbare Kahlstelle befindet.
Viktor wirft die nächste Mutter. Diesmal zielt er noch etwas weiter nach rechts.
Die kahle Fläche liegt jetzt hinter ihnen, weiter oben auf dem Hügel.
»Jetzt geht Anton voraus«, befiehlt Viktor. »Siehst du das Gebüsch dort?«
Der Professor berührt ihn am Ärmel.
»Verzeihen Sie, Viktor. Dürfte ich Sie um etwas bitten?« »Was denn?«
»Opfern Sie eine Mutter. Werfen Sie sie genau in die Mitte.«
»Was bringt dir das?«, erkundigt sich Viktor misstrauisch.
»Ich will nur zuschauen. Ich habe das noch nie mit eigenen Augen gesehen. Nur im Kino.«
»Na ja … also gut. Bis ganz in die Mitte kommt die wahrscheinlich sowieso nicht.«
»Werfen Sie sie einfach so hoch, wie es geht.«
Viktor nimmt eine etwas größere Mutter, holt aus und schleudert sie mit aller Kraft auf die kahle Fläche. Sie verfolgen die Flugbahn der Mutter. Als sie den höchsten Punkt erreicht hat, verschwindet die Mutter plötzlich, und im selben Augenblick ertönt ein gewaltiges Dröhnen. Die drei halten sich aneinander fest, denn die Erde erzittert heftig unter ihren Füßen, und ein leichtes Kräuseln scheint über die Kahlstelle mitsamt dem zerdrückten Hubschrauber hinwegzulaufen. Eine Weile sagt keiner der drei ein Wort. Dann kommentiert Viktor verärgert: »Der Teufel soll dich und deine Experimente holen! Glaubst du etwa, dass das hier ein Forschungsinstitut ist? Und ich Vollidiot hab mich auch noch darauf eingelassen … Los jetzt, wie heißt du noch mal? … Anton! Immer schön auf das Gebüsch da zuhalten!«
Anton geht voraus. Der Professor folgt ihm in exakt der richtigen Entfernung und blickt dabei vor sich auf den Boden. Hinter ihm sagt Viktor, während er weiterhin die Umgebung zu beiden Seiten und den Boden vor sich beobachtet: »Bei uns heißt dieses Teil ›Mückenglatze‹. Und bei euch?«
»Gravikonzentrat.«
»Und worum handelt es sich dabei, wissenschaftlich ausgedrückt?«
»Ein Abschnitt mit erhöhter …«
»Nein, das meine ich nicht. Woher kommt das? Wie funktioniert es?«
»Das weiß niemand«, antwortet der Professor.
»Ja, auch bei uns weiß das keiner. Dabei sind schon so viele Leute von diesen Glatzen festgenagelt worden! Vor allem in der Anfangszeit. Jeder Idiot dachte damals, dass er da einfach seitlich vorbeilaufen kann, und dann haut es ihn auf einmal um und macht ihn entweder gleich platt oder, was noch schlimmer ist, er verhungert elendig, weil er nicht mehr loskommt …«
Reflexartig streckt er den linken Arm aus und ruft plötzlich: »Halt!«
Der Professor bleibt folgsam stehen, Anton dagegen macht noch ein paar Schritte und dreht sich erst dann um. Er macht einen sehr unzufriedenen Eindruck. Viktor steht reglos da, die Augen halb geschlossen. Er bewegt die Finger der ausgestreckten Hand, als ob er in der Luft nach etwas tastet.
»Was ist denn jetzt schon wieder, Chef?«, erkundigt sich Anton ärgerlich.
Viktor senkt behutsam den Arm und schiebt sich langsam und vorsichtig auf den Professor zu. Sein Gesicht ist zugleich angespannt und erstaunt.
»Keine Bewegung«, sagt er heiser. »Rührt euch nicht vom Fleck.«
Anton zieht den Kopf ein und blickt sich verängstigt um.
»Halt still, Idiot!«, zischt Viktor tonlos.
Sie stehen reglos wie Statuen, ringsum nur friedliches grünes Gras, das Gebüsch raschelt leise im Wind, von oben scheint sanft die Sonne herab. Dann atmet Viktor auf und sagt: »Ist noch mal gutgegangen … Gehen wir. Nein, halt, erst mal eine Rauchpause.«
Er geht in die Hocke und zieht eine Packung Zigaretten aus einer Tasche. Mit den Lippen fischt er eine heraus und reicht die Packung dem Professor, der sich neben ihn setzt. Anton fragt gereizt: »Kann ich wenigstens zu euch rüberkommen?«
»Kannst du«, antwortet Viktor und zieht an seiner Zigarette. »Komm ruhig her.« Dann wird seine Stimme fester. »Was hab ich dir gesagt?« Anton bleibt auf halbem Weg stehen. »Was hab ich dir gesagt, du Schwachkopf? Ich sag dir ›Bleib stehen‹, und du rennst einfach weiter. Ich sag ›Still halten‹, und du wackelst mit deiner Birne hin und her.« Und, zum Professor gewandt: »Der kommt nicht weit.«
»Ich hab eben eine schlechte Reaktion«, sagt Anton wehleidig. »Seit meiner Kindheit. Kann ich wenigstens eine Zigarette …«
»Mit deiner schlechten Reaktion hättest du zu Hause bleiben sollen«, entgegnet Viktor und hält ihm die Packung hin. Immer noch in derselben vorsichtigen Art und Weise – erst der Professor, dann Anton, dann Viktor – gehen sie einen eingefallen Zaun entlang. Die Sonne steht bereits hoch, keine Wolke am Himmel, es ist heiß. Links der Zaun, rechts ein Graben, in dem schwarzes Wasser steht. Es herrscht absolute Stille: weder Vögel noch Insekten sind zu hören. Nur das Gras raschelt unter ihren Füßen.
Anton bleibt stehen, wischt sich den Schweiß von der Stirn, schiebt mit dem Rücken den Rucksack höher, rückt ihn zurecht und schiebt seine Daumen unter die Schulterriemen. Nach einigen Schritten beginnt er zu pfeifen, nach einigen weiteren bückt er sich, hebt einen Zweig auf und beginnt, während er weitergeht, sich damit gegen das Bein zu klopfen.
Viktor bedenkt ihn mit eisigem Blick. Als Anton beginnt, mit seiner Gerte die welken Blümchen rechts und links umzusäbeln, holt Viktor eine Mutter aus der Tasche, nimmt Maß und trifft den angesagten Schriftsteller exakt ins Genick. Das fröhliche Pfeifen weicht einem dünnen Kreischen, Anton fasst sich an den Kopf, knickt ein und kauert sich auf dem Boden zusammen. Viktor bleibt neben ihm stehen.
»Genauso passiert es«, sagt er. »Nur dass du es gar nicht mehr schaffen würdest loszukreischen … Du hast dir hoffentlich nicht in die Hose gemacht?«
Anton richtet sich langsam wieder auf. »Was war das?«, fragt er voller Grauen und betastet sich das Genick.
»Ich wollte dir nur mal zeigen, was passieren kann«, erklärt Viktor. »Oder hast du das jetzt immer noch nicht kapiert? Soll ich dir erst eins auf die Fresse geben? Selbstmörder …«
»Nein, bitte nicht«, antwortet Anton und fährt sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Ich hab’s kapiert.«
Sie durchqueren eine Müllkippe, steigen über verklumpte Abfallberge hinweg, passieren abblätternde, rostige Badewannen, zerbrochene Toilettensitze, verkrüppelte Autokarosserien. Glasscherben glitzern, dort liegt ein zerbeulter elektrischer Samowar, hier eine Puppe mit abgerissenen Beinen, zerfetzte Lumpen, haufenweise rostige Konservendosen …
Wieder geht Anton voraus. Er macht ein nervöses, wütendes Gesicht, sein Mund hat sich verzogen. Er murmelt vor sich hin: »Wieder Scheiße … und schon wieder … überall Scheiße … sogar hier … Scheiße, nichts als Scheiße und nichts außer Scheiße, so wahr mir Gott helfe! Amen.«
Gelegentlich pfeift der Wind, treibt zerknülltes Papier vor sich her und lässt Staubwölkchen aufwirbeln. Am Himmel sind Wolken aufgetaucht, die von Zeit zu Zeit die Sonne verdecken.
Der Professor schaut beim Gehen weiterhin brav vor sich auf den Boden. Sein Gesicht macht einen ruhigen, sogar irgendwie friedlichen Eindruck. Melancholisch deklamiert er mit gedämpfter Stimme: »Wer weiß, was uns erwartet? Wer weiß, was wird? Der Starke wird kommen und der Schurke ebenso. Und der Tod wird kommen und uns zum Tod verdammen. Vertiefe den Blick nicht ins Künftige … Vertiefe den Blick nicht ins Künftige.«
Auch Viktor geht weiter, aber er murmelt nichts, sondern arbeitet: Blick geradeaus, Blick nach rechts, Blick nach links, Blick nach unten … Von Zeit zu Zeit hebt er die Hand über den Kopf und bewegt wieder gleichsam tastend die Finger in der Luft. Die Müllhalde hier gefällt ihm überhaupt nicht.
Und dann mischt sich in das gleichmäßige Rauschen des Windes ein neues, fremdes Geräusch. Eine Art Ticken. Ein Zirpen. Viktor bleibt stehen, neigt den Kopf und lauscht. Das Zirpen wird allmählich stärker, es scheint näher zu kommen.
»Halt!«, befiehlt Viktor.
Alle drei verharren reglos. Wie aus dem Nichts erscheint plötzlich auf der linken Seite eine dunkle, halb durchsichtige, rotierende Säule über den Müllhaufen. Sie sieht aus wie ein kleiner Wirbelsturm, ist aber kein Wirbelsturm. Wie ein Staubteufel, ist aber kein Staubteufel. Unbeweglich verharrt sie, sich um die eigene Achse drehend, über einem Haufen zerschlagener Flaschen. Von ihr geht dieses knisternde, metallische Zirpen aus – wie von einer gigantischen Heuschrecke. Ohne sich zu rühren, beobachtet Viktor das Schauspiel aus den Augenwinkeln. Dann setzt sich die geisterhafte Säule auf einmal in Bewegung, gleitet in einer ausgeklügelten Kurvenbahn von dem Müllhaufen herab und schwebt zwischen Anton und dem Professor hindurch.
»Stehen bleiben! Nicht bewegen!«, ruft Viktor heiser.
Die rotierende Säule verweilt einen Augenblick neben dem Professor und verschwindet dann mit einer leichten Bewegung nach rechts in einem Gestrüpp staubiger Kletten, wobei sie unterwegs dahinschmilzt, sich auflöst, zerfällt. Das Zirpen, das mittlerweile eine unerträglich hohe Tonlage erreicht hat, bricht unvermittelt ab.
Alle drei stehen unbeweglich da. Auf einmal herrscht wieder Stille, nur das unregelmäßige Pfeifen des Windes ist zu hören und das Rascheln einer zerknüllten, schmutzigen Zeitung, die sich um das Bein des Professors gewickelt hat.
»Vorwärts«, sagt Viktor und räuspert sich.
Aber die beiden machen keine Anstalten loszugehen.
»Warten Sie mal, Chef«, sagt Anton. »Meine Beine streiken irgendwie …«
»Was war das?«, fragt der Professor, ohne sich umzudrehen.
Anton kichert nervös, und Viktor sagt: »Keine Ahnung. Jetzt ist es jedenfalls vorbei, zum Glück. Los, weiter! Bald machen wir Rast!« Dann sieht er sich um und zischt: »Was für ein Drecksort!« Die drei haben sich im Schatten der kleinen Kirche am Rand der Siedlung niedergelassen. Viktor schenkt Schnaps in die hingehaltenen Becher ein. Sie trinken aus und machen sich ans Essen.
»Haben Sie etwa Appetit, Professor?«, fragt Anton und beißt widerwillig in ein großes Ei.
»Ehrlich gesagt, auch nicht besonders«, antwortet dieser.
»Jetzt ein kühles Bierchen«, seufzt Anton. »Meine Kehle ist ganz ausgetrocknet.«
Sofort schenkt Viktor allen dreien etwas von dem Hochprozentigen nach. Er ist der Einzige, der mit Appetit isst und trinkt.
Der Professor erkundigt sich vorsichtig: »Ist es noch weit?«
Viktor schweigt lang und antwortet dann missmutig: »Keine Ahnung.«
»Was sagt denn die Karte?«
»Was soll die schon sagen? Da ist ja kein Maßstab eingezeichnet. Aasgeier war nach zwei Tagen wieder zurück, aber das war eben Aasgeier …«
»Wer ist dieser Aasgeier?«, fragt Anton.
Viktor lächelt spöttisch und zündet sich eine Zigarette an. »Aasgeier, mein Freund, war ein ganz anderes Kaliber. Der Letzte von den alten Hasen. Er war von Anfang an dabei, er hat mich geführt, als ich groß genug dafür war. Ein ganz Großer. Ein Ass.«
»Warum war?«, fragt Anton.
Viktor fährt fort, als hätte er die Frage nicht gehört. »... und ein verdammter Halunke. Wie viele Neulinge er verheizt hat! Immer gingen sie zu zweit, zu dritt los, und zurück kam jedes Mal er allein. Mit dem hättet ihr mal gehen sollen …« Er lacht unangenehm und lässt dabei den Blick vom Professor zu Anton und wieder zurück schweifen. »Wobei, bis hierher wärt ihr auch mit ihm gekommen. Aber egal!«, unterbricht er sich. »Macht, was ihr wollt, ich leg mich jetzt hin. Führt euch nicht auf, und bleibt immer schön hier im Schatten.«