Stalker
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 7 Teile geteilt.
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»Du musst das Gute aus dem Schlechten machen. Du hast ja nichts anderes, woraus du es machen kannst.«
Robert Penn Warren
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Aus dem Interview des Sonderkorrespondenten von Radio
Harmont mit Dr. Valentin Pillman nach dessen Auszeichnung
mit dem Physik-Nobelpreis des Jahres 19...
»Ihre erste bedeutende Entdeckung, Dr. Pillman, war wohl der sogenannte Pillman-Radiant?«
»Das glaube ich nicht. Der Pillman-Radiant war weder die erste noch eine bedeutende, ja eigentlich überhaupt keine Entdeckung. Und auch nicht wirklich von mir.«
»Sie belieben zu scherzen. Den Pillman-Radianten kennt jedes Schulkind.«
»Kein Wunder, der Pillman-Radiant wurde ja auch zuerst von einem Schüler entdeckt. An dessen Namen erinnere ich mich leider nicht mehr. Schauen Sie bei Stetson in seiner Geschichte des Besuchs nach – dort ist das alles genau erklärt. Der Erstentdecker des Radianten war ein Schüler, seine Koordinaten wurden erstmals von einem Studenten veröffentlicht, aber benannt hat man ihn aus irgendeinem Grund nach mir.«
»Ja, mit Entdeckungen geschehen manchmal die seltsamsten Dinge. Dr. Pillman, erklären Sie unseren Hörern doch bitte …«
»Hören Sie, Herr Kollege, das mit dem Pillman-Radianten ist doch ganz einfach. Stellen Sie sich vor, Sie drehen einen großen Globus und feuern dann mit einem Revolver darauf. Die Einschusslöcher im Globus bilden eine gleichmäßige Kurve. Die Quintessenz dessen, was Sie meine erste bedeutende Entdeckung nennen, ist eine ganz einfache Tatsache: Alle sechs Besuchszonen sind auf der Oberfläche unseres Planeten so angeordnet, als hätte jemand sechs Schüsse aus einer Pistole darauf abgegeben, die sich irgendwo auf einer Linie zwischen der Erde und Deneb befindet. Deneb ist der Hauptstern im Schwan, und der Punkt am Firmament, von dem aus ›geschossen‹ wurde, das ist der Pillman-Radiant.«
»Besten Dank. Liebe Harmonter! Endlich eine verständliche Erklärung des Pillman-Radianten! Apropos: Erst vorgestern hat sich der Besuch zum dreizehnten Mal gejährt. Dr. Pillman, vielleicht wollen Sie aus diesem Anlass ein paar Worte an Ihre Landsleute richten?«
»Was soll ich denn sagen? Bedenken Sie, dass ich damals nicht in Harmont war …«
»Umso interessanter wäre es zu hören, was Sie dachten, als ausgerechnet Ihre Heimatstadt zum Schauplatz der Invasion einer außerirdischen Superzivilisation wurde.«
»Offen gesagt, dachte ich erst, das Ganze wäre eine Ente. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sich ausgerechnet in unserem kleinen, alten Harmont etwas Derartiges zugetragen hatte. Ostsibirien, Uganda, der Südatlantik, das ging ja noch, aber Harmont!«
»Schlussendlich mussten Sie es aber doch glauben.«
»Schlussendlich ja.«
»Und?«
»Plötzlich erkannte ich, dass Harmont und die anderen fünf Besuchszonen … Pardon, mein Fehler, damals waren ja nur vier bekannt … dass sie alle auf einer sehr gleichmäßigen Kurve liegen. Ich errechnete die Koordinaten des Radianten und schickte sie an Nature.«
»Das Schicksal Ihrer Heimatstadt hat Sie nicht weiter interessiert?«
»Schauen Sie, dass ein Besuch stattgefunden hatte, davon war ich damals bereits überzeugt, aber all die panischen Presseberichte von brennenden Stadtvierteln, von menschenfressenden Monstern, die es vor allem auf Alte und Kinder abgesehen hatten, und von blutigen Gefechten zwischen unverwundbaren Außerirdischen und höchst verwundbaren, aber heldenhaft bis zuletzt kämpfenden Panzereinheiten der Krone – daran konnte ich einfach nicht glauben.«
»Und Sie sollten recht behalten. Ich weiß noch, dass die lieben Kollegen von der Tagespresse damals eine Menge durcheinanderbrachten … Aber zurück zur Wissenschaft. Die Entdeckung des Pillman-Radianten war Ihr erster, aber wahrscheinlich nicht Ihr letzter Beitrag zur Erforschung des Besuchs?«
»Doch, der erste und der letzte.«
»Aber zweifellos haben Sie den Verlauf der internationalen Forschung in den Besuchszonen aufmerksam verfolgt?«
»Ja … von Zeit zu Zeit blättere ich die Berichte durch.«
»Sie meinen die Berichte des Internationalen Instituts für außerirdische Kulturen?«
»Ja.«
»Welches ist denn Ihrer Ansicht nach die wichtigste Entdeckung dieser ganzen dreizehn Jahre?«
»Die Tatsache des Besuchs.«
»Wie bitte?«
»Die Tatsache des Besuchs ist die wichtigste Entdeckung nicht nur der vergangenen dreizehn Jahre, sondern seit die Menschheit existiert. Es ist nicht so wichtig, wer diese Außerirdischen waren. Nicht, woher sie kamen, was sie hier wollten, warum sie nur so kurz blieben und wohin sie anschließend verschwanden. Wichtig ist, dass die Menschheit jetzt ein für alle Mal weiß: Sie ist nicht allein im Universum. Ich fürchte, eine grundlegendere Entdeckung wird das Institut für außerirdische Kulturen nicht mehr machen.«
»Das ist furchtbar interessant, Dr. Pillman, aber ich meinte eher Entdeckungen technologischer Art. Entdeckungen, die sich unsere irdische Wissenschaft und Technik zunutze machen könnten. Schließlich gehen einige sehr angesehene Wissenschaftler davon aus, dass die Funde in den Besuchszonen geeignet sind, den gesamten Verlauf unserer Geschichte zu verändern.«
»Nun, da bin ich anderer Meinung. Und was die konkreten Funde angeht, so bin ich da kein Experte.«
»Aber Sie sind doch schon seit zwei Jahren Berater der UN-Kommission zu Fragen des Besuchs …«
»Ja, aber mit der Erforschung extraterrestrischer Kulturen habe ich nichts zu tun. In der UNCQV vertreten meine Kollegen und ich die internationale Wissenschaftsgemeinschaft. Es geht darum, die Umsetzung des UN-Beschlusses zur Internationalisierung der Besuchszonen zu kontrollieren. Wir sorgen dafür, dass all die außerirdischen Wunderdinge, die in den Zonen entdeckt werden, ausschließlich dem Internationalen Institut zur Verfügung stehen.«
»Verfügt denn sonst noch jemand darüber?«
»Ja.«
»Sie meinen die Stalker?«
»Ich weiß nicht, was das ist.«
»So nennt man bei uns in Harmont diese todesmutigen jungen Männer, die auf eigene Gefahr in die Zone eindringen und alles herausholen, was sie dort finden können. Ein völlig neuer Beruf.«
»Verstehe. Nein, für die sind wir nicht zuständig.«
»Das wäre ja noch schöner! Die sind Sache der Polizei. Aber mich würde schon interessieren, wofür die Kommission dann zuständig ist, Dr. Pillman.«
»Ständig verschwinden Materialien aus den Besuchszonen und geraten in die Hände skrupelloser Personen und Organisationen. Wir befassen uns mit den Folgen dieses Verschwindens.«
»Geht das etwas konkreter?«
»Lassen Sie uns doch lieber über Kunst reden. Interessieren sich Ihre Hörer denn gar nicht dafür, was ich von der unvergleichlichen Gwadi Mueller halte?«
»Aber natürlich! Zunächst würde ich aber gern das Thema Wissenschaft abschließen. Fühlen Sie sich als Forscher nicht versucht, sich selbst mit diesen extraterrestrischen Wundern zu befassen?«
»Was soll ich sagen … durchaus.«
»Wir können also darauf hoffen, dass die Harmonter ihren berühmten Landsmann eines schönen Tages auf den Straßen seiner Heimatstadt erblicken werden?«
»Das schließe ich nicht aus.«
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1
Redrick Shewhart, 23 Jahre, Junggeselle, Laborant der
Harmonter Filiale des Internationalen Instituts für
außerirdische Kulturen
Am Abend davor stehen wir zwei im Magazin – es ist schon spät, nur noch schnell die Anzüge abwerfen, dann geht’s ab ins Borczch, um uns ein paar Tröpfchen Hochprozentiges zu Gemüte zu führen. Ich steh nur so da, mach die Wandstütze, hab mein Teil erledigt und die Zigarette schon bereit, brauch dringend ein paar Züge – zwei Stunden lang hab ich nicht geraucht –, aber er ist immer noch mit seinen Schätzen beschäftigt: Einen ganzen Safe hat er schon vollgestopft, verschlossen und versiegelt, jetzt füllt er den anderen, nimmt seine »Leerteile« vom Transporter, inspiziert jedes einzelne von allen Seiten (nur so nebenbei: die sind sechseinhalb Kilo schwer, die Biester) und hievt es dann ächzend und mit allergrößter Vorsicht ins Regal.
Wie lang er mit diesen »Leerteilen« rummacht! Und der Menschheit bringt es überhaupt nichts. Finde ich zumindest. An seiner Stelle hätte ich längst drauf gepfiffen und mir für dasselbe Geld was anderes vorgenommen. Andererseits, wenn man drüber nachdenkt: So ein »Leerteil« ist schon geheimnisvoll und, na ja, irgendwie merkwürdig. Wie viele davon hab ich selber schon rausgeschleppt, und trotzdem: Jedes Mal, wenn ich eins sehe, bin ich platt vor Staunen. Es sind ja nur zwei Kupferscheiben, jede so groß wie eine Untertasse, etwa fünf Millimeter dick, der Abstand dazwischen vielleicht vierhundert Millimeter, und außer diesem Abstand ist da nichts dazwischen. Also wirklich gar nichts, nur Leere. Du kannst deine Hand hineinstecken, selbst deinen Kopf, wenn du’s drauf anlegst – nichts als Leere und Luft. Obwohl irgendeine Kraft zwischen den beiden ja wirken muss, wenn ich das richtig verstehe. Bisher hat ja keiner geschafft, sie zusammenzudrücken, diese Scheiben, oder sie auseinanderzuziehen.
Leute, es ist wirklich schwer, so ein Teil jemandem zu beschreiben, der’s noch nicht gesehen hat. Es sieht zu einfach aus, besonders wenn du’s dir näher ansiehst und dich davon überzeugst, dass es echt ist. Als würdest du jemandem einen Becher beschreiben wollen oder, schlimmer noch, ein Schnapsglas: Du fuchtelst nur mit deinen Fingern herum und fluchst, weil du’s einfach nicht hinkriegst. Na gut, gehen wir mal davon aus, dass ihr’s alle kapiert habt, und wer nicht, der soll sich die Berichte vom Institut vornehmen, da gibt’s in jeder Nummer Artikel über diese »Leerteile«, mit Fotos.
Jedenfalls schlägt sich Kirill mit diesen »Leerteilen« schon fast ein Jahr lang herum. Ich hab das von Anfang an miterlebt, aber immer noch nicht kapiert, was er damit vorhat. Ehrlich gesagt, interessiert es mich auch nicht besonders. Wenn er irgendwann mal draufkommt, lass ich’s mir vielleicht von ihm verklickern. Vorerst klar ist jedenfalls: Er will unbedingt eines dieser »Leerteile« auseinandernehmen, es mit Säure behandeln, mit einer Presse plattmachen, in einem Ofen einschmelzen. Wenn er das Rätsel erst mal gelöst hat, erntet er sicher eine Menge Ruhm und Ehre, und die Fachwelt wird begeistert sein. Aber bis dahin ist es, soweit ich verstehe, noch ein weiter Weg. Noch hat er gar nichts erreicht, sich nur völlig totgearbeitet. Grau geworden ist er, schweigsam, schaut einen an wie ein kranker Hund mit Tränen in den Augen. Wär es nicht Kirill, ich würd ihn erst mal abfüllen und einem feschen Mädel vorstellen, das ihn wieder auf Touren bringt, und am nächsten Morgen würd ich ihn wieder abfüllen und noch mal zu einem Mädchen, diesmal einer anderen. Nach einer Woche wär er wieder ganz der Alte, die Ohren spitz, der Schwanz schnurgerade. Nur dass diese Medizin bei Kirill eben nicht wirkt – völlig zwecklos, er ist nicht der Typ dafür.
Wir stehen also im Magazin, ich schau ihn an, seh, was aus ihm geworden ist, mit seinen trüben Augen, und plötzlich tut er mir leid – ich weiß gar nicht, warum. Und da wage ich es. Das heißt, nicht ich wage es, sondern irgendwer scheint meine Lippen zu bewegen.
»Hör mal«, sag ich, »Kirill …«
Er steht da, das letzte »Leerteil« in der Hand. Macht ein Gesicht, als würde er am liebsten hineinkriechen.
»Hör zu, Kirill«, sag ich. »Was, wenn du mal ein volles ›Leerteil‹ hättest, hm?«
»Ein volles ›Leerteil‹?«, fragt er zurück und runzelt die Stirn, als hätte ich irgendein Kauderwelsch geredet.
»Genau«, sag ich. »Deine hydromagnetische Falle, wie war noch mal die Objektnummer? … 77-b. Nur mit so blauem Zeugs drin.«
Allmählich dämmert es ihm. Er hebt den Blick, sieht mich an, kneift die Augen zusammen, und irgendwo da, hinter seinen Hundetränen, ist plötzlich ein Silberstreif der Vernunft zu erkennen, wie er selbst zu sagen pflegt.
»Warte mal«, sagt er. »Ein volles Teil? So eins, aber voll?«
»Ja, genau.«
»Wo?«
Und schon ist mein Kirill wieder gesund. Die Ohren spitz, der Schwanz schnurgerade.
»Gehen wir eine rauchen«, sag ich.
Flink steckt er das »Leerteil« in den Safe, schlägt die Tür zu, verschließt sie mit dreieinhalb Umdrehungen, dann gehen wir beide ins Labor zurück. Für ein leeres »Leerteil« zahlt Ernest vierhundert Geld in bar, für ein volles könnte ich diesem Hurensohn sein ganzes verdorbenes Blut aussaugen, aber, ob ihr’s glaubt oder nicht, darum geht es mir jetzt gar nicht, denn auf einmal ist Kirill wieder zum Leben erwacht, gespannt wie eine Gitarrensaite, so sehr in Schwung, dass er gleich vier Treppenstufen überspringt und mir nicht mal Zeit zum Rauchen lässt. Kurz, ich hab ihm alles erzählt: Wie es aussieht, wo es liegt und wie man am besten rankommt. Sofort hat er die Karte rausgeholt, die betreffende Garage gefunden, sie mit dem Finger eingekreist, mich angesehen und, na klar, mich sofort komplett durchschaut, was auch nicht besonders schwer ist.
»Mein lieber Scholli!«, sagt er lächelnd. »Tja, da müssen wir wohl hin. Wir gehen gleich morgen früh los. Um neun bestelle ich den Passierschein und eine Galosche, dann können wir, wenn’s gut läuft, um zehn los. Abgemacht?«
»In Ordnung«, sag ich. »Und wer ist der Dritte?«
»Wozu brauchen wir einen Dritten?«
»Moment mal«, sag ich. »Das ist kein Picknick mit irgendwelchen Mädels. Was, wenn dir irgendwas passiert? Das ist die Zone. Ordnung muss sein.«
Schmunzelnd zuckt er mit den Schultern.
»Wie du willst! Du kennst dich da besser aus.«
Ja klar. Natürlich hat er nur meinetwegen so großzügig getan, nach dem Motto: Wozu ein Dritter, die Tour machen wir zu zweit, braucht ja keiner was davon zu wissen. Dabei ist mir vollkommen klar, dass die vom Institut nie zu zweit in die Zone gehen. Die haben eine Regel: Zwei machen den Job, und ein Dritter schaut zu, damit er im Fall des Falles später davon berichten kann.
»Ich persönlich würde Austin mitnehmen«, sagt Kirill. »Aber den willst du wahrscheinlich nicht. Oder doch?«
»Nein«, antworte ich. »Austin auf keinen Fall. Den kannst du wann anders mitnehmen.«
Austin ist kein schlechter Kerl, Mut und Feigheit sind bei ihm im nötigen Verhältnis zueinander vorhanden, aber für mich steht er auf der Abschussliste. Kirill kannst du das nicht erklären, aber ich seh es genau: Sobald sich einer einbildet, dass er die Zone von vorn bis hinten kennt, heißt das, dass er sich demnächst den Hals bricht. Von mir aus gern. Aber ohne mich.
»Na gut«, sagt Kirill. »Und Tender?«
Tender ist sein zweiter Laborant. Kein schlechter Mann, von der ruhigen Sorte.
»Ein bisschen zu alt«, sag ich. »Und Kinder hat er auch …«
»Macht nichts. Er war schon mal in der Zone.«
»Na gut«, sag ich. »Von mir aus Tender.«
Kirill bleibt dann noch über der Karte sitzen, während ich direkt ins Borczch abdampfe, denn ich hab einen Bärenhunger, und meine Kehle ist komplett ausgedörrt.
Okay. Ich erscheine also wie immer morgens gegen neun auf der Bildfläche und zeige meinen Ausweis. An der Pforte schiebt gerade dieser ellenlange Schwede Dienst, den ich letztes Jahr vermöbelt habe, als er sich stockbesoffen an Guta ranmachen wollte.
»Hallo, Roter«, sagt der Sergeant zu mir. »Man sucht dich schon im ganzen Institut …«
»Nenn mich nicht ›Roter‹«, unterbreche ich sofort. »Tu nicht so, als wären wir auf einmal Freunde.«
»Herrje, Roter«, entgegnet er verwundert. »Dich nennt doch jeder so.«
Ich bin aber schon auf hundertachtzig, weil ich auf dem Weg in die Zone bin – und außerdem nüchtern, also pack ich ihn am Schulterriemen und erklär ihm haarklein, was er für einer ist und von wem er abstammt. Worauf er ausspuckt, mir den Ausweis zurückgibt und sich alle weitere Herzlichkeit verkneift.
»Redrick Shewhart«, sagt er, »Sie sollen sich unverzüglich bei Captain Herzog, Chef der Sicherheitsabteilung, melden.«
»Geht doch«, sag ich. »Immer schön üben, Sergeant, dann bringst du’s vielleicht mal zum Leutnant.«
Gleichzeitig denk ich mir: Was soll das denn? Was will Captain Herzog jetzt schon wieder von mir, auch noch mitten im Dienst? Na gut, geh ich also mich melden. Sein Büro ist im zweiten Stock, schönes Zimmer, mit vergitterten Fenstern wie bei der Polizei. Willie sitzt an seinem Tisch, raucht knisternd seine Pfeife und hackt irgendein Geschreibsel in seine Maschine, während in der Ecke ein Sergeant in einem Stahlschrank herumsucht. Der Jungspund muss neu sein, den kenn ich noch nicht. In unserem Institut arbeiten mehr von diesen Sergeantchens als in der Garnison, alles so feiste Rotbäckchen, die niemals in die Zone müssen und denen die Probleme dieser Welt scheißegal sind.
»Guten Tag«, sag ich. »Sie wollten mich sprechen?«
Willie sieht mich an, als wär ich aus Glas, schiebt die Schreibmaschine beiseite, legt einen dicken Aktenordner vor sich hin und beginnt, ihn durchzublättern.
»Redrick Shewhart?«
»Ebenjener«, antworte ich, und jetzt finde ich das alles urkomisch, kaum auszuhalten. Ein nervöses Kichern steigt in mir auf.
»Wie lange arbeiten Sie schon am Institut?«
»Mehr als zwei Jahre.«
»Familienstand?«
»Alleinstehend«, sag ich. »Waise.«
Jetzt wendet er sich seinem Sergeantchen zu und sagt streng: »Sergeant Lummer, bringen Sie mir die Akte Nr. 150 aus dem Archiv.«
Lummer salutiert und zieht Leine, woraufhin Willie den Ordner zuschlägt und mit finsterer Stimme fragt: »Fängst du schon wieder mit den alten Sachen an?«
»Was für alte Sachen?«
»Du weißt genau, was für welche. Es ist wieder ein Bericht über dich eingegangen.«
Soso.
»Und woher kommt der Bericht?«
Er runzelt die Stirn und klopft gereizt seine Pfeife am Aschenbecher aus.
»Das geht dich nichts an«, sagt er. »Ich warne dich aus alter Freundschaft: Hör auf damit, ein für alle Mal. Wenn sie dich ein zweites Mal erwischen, kommst du mit sechs Monaten nicht mehr davon. Dem Institut kannst du dann gleich Adieu sagen, und zwar für immer. Ist das klar?«
»Sonnenklar«, sag ich. »Nur eins ist mir nicht klar: Welcher Mistkerl mich diesmal verpfiffen hat.«
Er aber blickt mich schon wieder mit ausdruckslosen Augen an, zieht an seiner kalten Pfeife und blättert in dem Ordner, als wär nichts gewesen. Was bedeutet, dass Sergeant Lummer bereits zurück ist – mit Akte Nr. 150.
»Danke, Shewhart«, sagt Captain Willie Herzog, genannt Eber. »Ich wollte das nur klarstellen. Sie können gehen.«
Na schön, geh ich also in die Umkleide, zieh den Spezialanzug an, rauch eine und denk dabei die ganze Zeit: Woher weht der Wind diesmal? Aus dem Institut? Dann wäre alles gelogen, denn hier weiß keiner etwas über mich, völlig ausgeschlossen. Und wenn die Polizei was hat durchsickern lassen? Auch nicht viel anders, was wissen die schon außer meinen alten Geschichten? Vielleicht ist Aasgeier aufgeflogen? Der würde jeden ans Messer liefern, um sich selbst rauszureden. Aber heute weiß Aasgeier doch genauso wenig über mich … Ich überlege fieberhaft, aber mir will einfach nichts Sinnvolles einfallen. Schließlich sag ich mir: Scheiß drauf! Ich bin vor drei Monaten das letzte Mal nachts in der Zone unterwegs gewesen, meinen Habar hab ich fast komplett vertickt und kaum noch Geld davon übrig. Damals hat das keiner mitgekriegt, also kann mir jetzt keiner mehr was anhaben.
Aber dann – ich geh bereits die Treppe hoch – wird mir plötzlich alles klar, und zwar so klar, dass ich wieder in die Umkleide zurückgehe, mich setze und mir noch mal eine anstecke: Ich darf die Zone heute nicht betreten. Genauso wenig morgen oder übermorgen. Diese Schweine haben mich auf dem Kieker. Sie haben mich nicht vergessen, oder aber jemand hat sie an mich erinnert. Spielt keine Rolle, wer das war. Kein Stalker, der einigermaßen klar denken kann, wird sich der Zone auf Schussweite nähern, wenn er weiß, dass er beobachtet wird. Stattdessen muss ich mich jetzt in die dunkelste Ecke verkriechen. Die Zone? Die hab ich doch seit Monaten nicht mehr betreten, nicht mal mit Passierschein! Könnt ihr einen unschuldigen Laboranten nicht in Ruhe lassen?
Ich überlege mir das Pro und Kontra und bin sogar irgendwie erleichtert, dass ich heute nicht in die Zone darf. Bloß, wie sag ich es Kirill am geschicktesten?
Einfach rundheraus: »In die Zone geh ich nicht. Was gibt’s sonst zu erledigen?«
Erst starrt er mich natürlich an. Dann scheint es bei ihm zu klicken: Er führt mich am Unterarm in sein Büro, setzt mich an seinen kleinen Tisch und sich selbst auf die Fensterbank. Wir rauchen. Und schweigen. Dann fragt er mich vorsichtig: »Ist was passiert, Red?«
Was soll ich ihm sagen?
»Nein«, sag ich, »passiert ist nichts. Hab gestern beim Poker zwanzig Geld in den Sand gesetzt – spielt verdammt gut, dieser Gauner Noonan …«
»Warte«, sagt er. »Hast du’s dir etwa anders überlegt?«
Ich stöhne vor Anspannung und presse hervor: »Ich kann nicht, verstehst du? Vorhin hat mich Herzog zu sich zitiert.«
Er fällt in sich zusammen, verwandelt sich wieder in dieses armselige Geschöpf mit dem Blick eines kranken Pudels. Dann atmet er tief durch, steckt sich an seiner Kippe gleich die nächste Zigarette an und sagt leise: »Du kannst mir glauben, Red, ich habe niemandem was gesagt. Nicht ein Wort.«
»Hör schon auf«, sag ich. »Wer redet denn von dir?«
»Nicht mal Tender habe ich bisher informiert. Der Passierschein ist schon ausgestellt, dabei hab ich ihn noch gar nicht gefragt, ob er mitgeht oder nicht …«
Ich rauche schweigend. Soll ich lachen oder heulen? Er hat tatsächlich keine Ahnung.
»Was hat Herzog zu dir gesagt?«
»Nichts Besonderes«, antworte ich. »Irgendwer hat mich verpfiffen, mehr nicht.«
Er sieht mich irgendwie komisch an, springt von der Fensterbank herunter und beginnt, in seinem winzigen Büro auf und ab zu gehen. Er läuft durch sein Kämmerchen, während ich dasitze und schweigend vor mich hin paffe. Natürlich tut er mir leid, und es ärgert mich, wie blöd das Ganze gelaufen ist. Wirklich ein voller Erfolg, meine Aufmunterungsaktion. Und wer ist daran schuld? Ich selber. Hab dem Kindchen einen Keks versprochen, nur dass der Keks an einem geheimen Ort versteckt ist und dieser Ort von lauter bösen Onkels bewacht wird …
Plötzlich bleibt Kirill neben mir stehen und fragt, ohne mich anzusehen, als wäre es ihm peinlich: »Hör mal, Red, wie viel könnte das kosten, so ein volles ›Leerteil‹?«
Erst versteh ich ihn nicht, denke mir, dass er vielleicht darauf spekuliert, irgendwo eins zu kaufen, aber wo, möglicherweise gibt es davon ja nur ein einziges auf der ganzen Welt, und außerdem könnte er sich das gar nicht leisten. Woher soll er bitte das Geld haben, als ausländische Fachkraft, und auch noch als Russe? Und da trifft es mich wie ein Blitz: Denkt der Dreckskerl vielleicht, dass ich die ganze Sache nur wegen ein paar grünen Scheinchen durchziehen will? Du Aas, denk ich mir, für wen hältst du mich eigentlich? Schon öffne ich den Mund, um ihn so richtig zur Sau zu machen, aber dann denk ich mir: Ja, klar, für wen soll er mich sonst halten? Ein Stalker ist nun mal ein Stalker, so einer hat nur eines im Sinn: möglichst viele Scheinchen zusammenraffen. Für die grünen Lappen setzt er das eigene Leben aufs Spiel. Natürlich entsteht da der Eindruck, dass ich meinen gestrigen Köder heute noch ein wenig hinausziehe, um den Preis hochzutreiben.
All diese Gedanken lähmen meine Zunge, aber er mustert mich aufmerksam, lässt mich nicht aus seinen Augen. Und in diesen Augen sehe ich keine Verachtung, sondern, ja, so was wie Verständnis. Also erklär ich es ihm in aller Ruhe: »Noch niemand mit Passierschein hat es bislang bis zur Garage geschafft. Du weißt ja, es gibt noch keine Trasse, die dahin führt. Angenommen also, wir kommen wieder zurück. Dein Freund Tender wird sicher überall von unserer kleinen Spritztour herumerzählen. Dass wir uns einfach so geschnappt haben, was wir brauchten, und dann gleich wieder zurück sind. So als wären wir mal eben ins Lager gegangen. Da merkt doch jeder, dass wir was ganz Bestimmtes suchten. Und das bedeutet, dass jemand von uns Bescheid wusste. Und wer von uns dreien das war – kein Kommentar. Verstehst du, wonach das für mich riecht?«
Ich beende meinen Monolog, wir schauen einander schweigend in die Augen. Dann klatscht er auf einmal in die Hände, reibt sie sich und sagt entschlossen: »Na gut, dann eben nicht. Ich versteh dich, Red, und ich nehme es dir nicht übel. Dann geh ich eben allein. Vielleicht schaffe ich es. Ist ja nicht das erste Mal …«
Er breitet auf der Fensterbank eine Karte aus, stützt sich mit den Armen auf und beugt sich darüber. Ich sehe förmlich, wie nun all seine Lebendigkeit wieder verpufft. Ich höre ihn murmeln: »Hundertzwanzig Meter … sogar hundertzweiundzwanzig … Und was ist da noch in der Garage selber … Nein, Tender nehm ich doch nicht mit. Was meinst du, Red, vielleicht sollte ich Tender doch nicht mitnehmen? Er hat immerhin zwei Kinder …«
»Allein lassen sie dich nicht raus«, sag ich.
»Doch, doch«, murmelt er. »Ich kenne alle Sergeanten – und die Leutnants auch … Diese Laster gefallen mir nicht! Dreizehn Jahre stehen die nun schon im Freien, und immer noch sind sie wie neu … Der Tankwagen nur zwanzig Schritt weiter ist rostig wie ein Sieb, die dagegen könnten genauso gut gerade erst geliefert worden sein … Mann, diese Zone!«
Er hebt den Kopf und starrt aus dem Fenster. Auch ich starre aus dem Fenster. Das Glas in unseren Fenstern ist dick, Bleiglas. Gleich dahinter beginnt unsere Zone, da draußen liegt sie, zum Greifen nah, vom zwölften Stock aus gut zu überblicken.
Wenn man einfach so hinschaut, sieht die Zone aus wie ein gewöhnliches Stück Land. Die Sonne scheint darauf wie auf den Rest der Erde, und man hat nicht das Gefühl, dass sich dort irgendwas verändert hat. Ist alles noch genauso wie vor dreizehn Jahren. Wäre Paps noch am Leben, ihm würde nichts Besonderes auffallen. Er würde höchstens fragen: Warum rauchen die Fabrikschlote nicht, streiken die etwa? … Gelbes Gestein in kegelförmigen Haufen, die Winderhitzer glänzen in der Sonne, überall Gleise und irgendwo auf den Gleisen eine Lok mit Güterwaggons … Eine Industrielandschaft. Nur ohne Menschen. Weder lebende, noch tote. Und da ist auch schon die Garage zu sehen: ein langer, grauer Schlauch, das Tor weit offen, und auf dem asphaltierten Platz stehen die Laster. Dreizehn Jahre stehen sie schon da, völlig unverändert. Das mit den Lastern hat er korrekt bemerkt – er hat’s schon drauf. Gott behüte, dass du zwischen zwei von denen hindurchmusst. Um die muss man einen großen Bogen machen … Da ist dieser Riss im Asphalt, wenn er nicht inzwischen von stacheligem Gebüsch überwuchert ist … Hundertzweiundzwanzig Meter – ab wo zählt er? Ach so, wahrscheinlich ab dem letzten Markierungspfahl. Korrekt, von dort aus dürfte das die maximale Entfernung sein. Kommen die Klugscheißer also doch allmählich voran … Sieh an, sogar bis zu der Halde haben sie den Weg abgesteckt, und wie geschickt! Da ist er, der Graben, wo es Schleimer damals erwischt hat, nur zwei Meter entfernt von ihrer Trasse … Dabei hatte ihm Knochenmann noch gesagt: »Idiot, halt dich fern von den Gräben, sonst gibt’s am Ende nicht mal mehr was zu beerdigen.« Als hätt er in die Kristallkugel geguckt – zu beerdigen war da tatsächlich nichts mehr … Mit der Zone ist es nämlich so: Kommst du mit Habar zurück, ist es ein Wunder. Kommst du lebend zurück, ist es ein Erfolg. Kriegst du ne Kugel von einer Streife ab, ist es Dusel. Alles andere ist Schicksal …
Ich schaue zu Kirill hinüber. Er beobachtet mich aus den Augenwinkeln. Und er macht ein Gesicht, dass ich alles gleich wieder über den Haufen werfe. Sollen sie doch alle zum Teufel gehen, denk ich, was können die Polypen mir schon tun? Er muss eigentlich gar nichts mehr sagen, aber er sagt es trotzdem: »Laborant Shewhart, von offizieller – ich betone: offizieller – Seite ist mir mitgeteilt worden, dass eine Untersuchung der Garage für die Wissenschaft von großem Nutzen wäre. Ich biete Ihnen hiermit an, die Garage gemeinsam zu untersuchen. Eine Prämie ist Ihnen garantiert.«
Er grinst von einem Ohr zum anderen.
»Von welcher offiziellen Seite denn genau?«, frage ich und grinse dümmlich zurück.
»Von einer vertraulichen«, antwortet er. »Aber Ihnen kann ich es ja sagen …« Er hört auf zu lächeln, sein Gesicht verdunkelt sich. »Sagen wir, ich habe es von Dr. Douglas.«
»Dr. Douglas … Welchem Douglas denn?«
»Sam Douglas«, sagt er trocken. »Ist letztes Jahr umgekommen.«
Mir läuft es kalt den Rücken runter. Der hat Nerven, vor dem Abmarsch in die Zone von so was zu reden. Es ist hoffnungslos, diese Intellektuellen kapieren aber auch rein gar nichts. Ich drücke meine Kippe im Aschenbecher aus und sage: »Na gut. Wo ist er denn, dein Tender? Wie lang müssen wir noch auf ihn warten?«
Wir reden nicht weiter drüber. Kirill ruft bei der Feldeinsatzlogistik an, um eine Fluggalosche zu bestellen. Derweil nehme ich mir noch mal die Karte vor. Die ist wirklich nicht schlecht gemacht, fotografische Luftaufnahmen, stark vergrößert. Sogar das Profil von dem Reifen ist zu erkennen, der da beim Garagentor herumliegt. Von so einer Karte können wir Stalker nur träumen. Wobei, was bringt dir so eine nachts, wenn du nicht mal die Hand vor Augen siehst?
Und da taucht auch schon Tender auf, atemlos, mit rotem Kopf. Er entschuldigt sich für die Verspätung, seine Tochter ist krank geworden, er musste mit ihr noch zum Arzt. Dann verraten wir ihm unsere kleine Überraschung. Erst bleibt dem armen Kerl glatt die Luft weg. »Was, in die Zone?«, fragt er. »Wieso gerade ich?« Aber als er hört, dass es eine Extraprämie gibt und dass Red Shewhart auch mitgeht, fasst er sich wieder und atmet weiter.
Dann geht’s ab ins »Boudoir« zum Umziehen. Kirill hat inzwischen die Passierscheine besorgt, die wir einem weiteren Sergeanten vorlegen, woraufhin dieser jedem von uns einen Spezialanzug aushändigt. Wirklich extrem nützlich, diese Teile. Wären sie nicht rot, sondern in einer passenderen Farbe, würde jeder Stalker dafür sofort fünfhundert Geld abdrücken, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hab mir längst geschworen, irgendwann mal so einen mitgehen zu lassen. Auf den ersten Blick nichts Besonderes, wie ein Taucheranzug, der Helm auch so ähnlich, mit großem Sichtfenster vorn. Oder mehr wie bei einem Düsenjetpiloten oder, sagen wir, einem Kosmonauten. Leicht ist er, bequem, nirgends zu eng, und wenn es heiß wird, schwitzt man nicht. Feuerfest und gasdicht noch dazu. Nicht mal eine Kugel, heißt es, kann ihm was anhaben. Klar: Feuer, Senfgas und Kugeln sind irdisch, von Menschen gemacht. In der Zone gibt es das alles nicht, da hast du ganz andere Sorgen. Machen wir uns nichts vor: Selbst mit Spezialanzügen krepieren dort Leute, und zwar mir nichts, dir nichts. Sicher, ohne gäbe es wahrscheinlich noch mehr Opfer. Vor dem »sengenden Flaum« schützen die Anzüge jedenfalls hundertpro. Oder vor den Spritzern des »Satanskrauts«. Na gut, lassen wir das.
Wir ziehen die Spezialanzüge über, ich nehme ein paar Muttern aus der Tüte und stecke sie in die Hüfttasche, dann gehen wir los, quer über den Institutshof zu dem Ausgang, der in die Zone führt. So läuft das hier: Jeder soll den Helden der Wissenschaft dabei zusehen, wie sie sich anschicken, ihr eigenes Leben zu opfern, im Namen der Menschheit, des Wissens und des Heiligen Geistes, Amen. Tatsächlich hängen jetzt lauter mitleidige Visagen an den Fenstern, bis in den vierzehnten Stock. Fehlt nur noch Orchestermusik, und dass sie uns mit Taschentüchern nachwinken.
»Immer schön festen Schritts«, sag ich zu Tender. »Bauch rein, Brust raus! Die Menschheit wird es dir ewig danken!«
Als er mich anschaut, sehe ich, dass ihm nicht zum Spaßen zumute ist. Natürlich hat er recht, das hier ist bitterer Ernst. Aber auf dem Weg in die Zone hast du nur zwei Optionen: Entweder du weinst, oder du machst Witze – und geweint hab ich noch nie. Ich schau zu Kirill rüber: Er hält sich wacker. Nur seine Lippen bewegen sich stumm.
»Betest du?«, frag ich ihn. »Nur zu. Je weiter du in die Zone vordringst, desto näher kommst du dem Himmel …«
»Was?«, fragt er.
»Bete ruhig!«, rufe ich laut. »Stalker kommen ins Paradies, und zwar ohne Warteliste!«
Da lächelt er und klopft mir mit der Hand auf den Rücken, nach dem Motto: Keine Angst, mit mir passiert dir nichts, und wenn doch, sterben tun wir ja nur einmal. Er ist schon ein seltsamer Vogel, echt wahr.
Wir geben unsere Passierscheine beim letzten Sergeanten ab, der ausnahmsweise ein Leutnant ist. Ich kenne ihn, sein alter Herr handelt mit Grabzäunen in Rexopolis – und da ist auch schon unsere Fluggalosche, die Jungs von der Einsatzlogistik haben sie direkt neben dem Kontrollpunkt geparkt. Alle sind sie zur Stelle: Sanitäter, Feuerwehr und natürlich unsere tapfere Garde, die furchtlosen Rettungseinheiten – ein Haufen vollgefressener Taugenichtse mit eigenem Hubschrauber. Die können mir gestohlen bleiben.
Wir besteigen die Galosche, Kirill setzt sich ans Steuer und sagt: »Na dann, Red, auf dein Kommando.«
In aller Seelenruhe mache ich den Reißverschluss meines Anzugs auf, hole meinen Flachmann aus der Innentasche, nehme einen ordentlichen Schluck, schraube den Deckel wieder drauf und stecke die Flasche wieder zurück. Das muss einfach sein. Sooft ich auch schon in der Zone war, ohne das geht es nicht. Die beiden schauen mich an und warten.
»Na dann«, sag ich. »Ich hab euch nichts angeboten, weil ich heute zum ersten Mal mit euch unterwegs bin und nicht weiß, wie Hochprozentiges auf euch wirkt. Das sind die Regeln: Alles, was ich sage, ist sofort und ohne Widerspruch auszuführen. Wer rumzickt oder Fragen stellt, kriegt eine verpasst, und zwar wo immer ich hinlange, sorry dafür schon jetzt. Ein Beispiel: Wenn ich dir, Mister Tender, befehle, lauf auf den Händen weiter, schiebst du deinen fetten Hintern unverzüglich in Richtung Himmel und führst aus, was ich sage. Tust du’s nicht, siehst du dein krankes Töchterchen vielleicht nie wieder. Verstanden? Keine Angst, ich sorge schon dafür, dass du sie wiedersiehst.«
»Hauptsache, dein Befehl kommt rechtzeitig, Red«, antwortet Tender heiser. Er ist rot angelaufen und schwitzt, seine Lippen zittern. »Ich geh auch auf den Zähnen, wenn’s sein muss. Bin ja kein Anfänger mehr.«
»Für mich seid ihr beide Anfänger«, sag ich. »Aber den Befehl geb ich dir schon rechtzeitig, keine Sorge. Übrigens, kannst du eine Galosche lenken?«
»Kann er«, sagt Kirill. »Und zwar gut.«
»Gut ist gut«, sag ich. »Na dann, los. Visiere runter. Langsame Fahrt voraus, immer an den Markierungspfählen entlang, in drei Meter Höhe. Bei Pfahl Nummer 27 machen wir halt.«
Kirill lässt die Galosche auf drei Meter steigen und macht langsame Fahrt voraus, während ich meinen Kopf drehe und heimlich über die linke Schulter spucke. Ich werfe einen Blick zurück. Die Rettungsgarde ist in ihren Hubschrauber gestiegen, die Feuerwehrleute haben vor lauter Ehrerbietung Haltung angenommen, der doofe Leutnant am Eingang zur Wache salutiert uns, und über ihnen allen das riesige, bereits verblichene Plakat: »Herzlich willkommen, verehrte Außerirdische!« Tender will ihnen schon zuwinken, aber ich knuffe ihm derart in die Seite, dass ihm diese Faxen gleich vergehen. Wollte der sich doch glatt verabschieden! Ich werd dir zeigen, dich zu verabschieden, du Fettarsch!
Wir fliegen los.
Rechts von uns das Institut, links das Seuchenviertel, und wir bewegen uns genau in der Mitte der Straße von Pfahl zu Pfahl. Wie lang es her ist, dass auf dieser Straße jemand ging oder fuhr! Überall ist der Asphalt aufgesprungen, Risse mit Gras überwuchert, aber das ist noch unser Gras, irdisches. Auf dem Bürgersteig links wächst dagegen dieses schwarze Dornengestrüpp, das uns zeigt, wie genau die Zone ihre Grenzen markiert: Dort, wo das Pflaster beginnt, ist es haarscharf abgeschnitten wie mit einer Sense. Ordentlich sind sie ja, die Außerirdischen. Klar, sie haben eine Menge Dreck dagelassen, aber immerhin selber die Grenze gesetzt, bis wohin ihr Dreck geht. Selbst der »sengende Flaum« ist kein einziges Mal auf unsere Seite geflogen, dabei sieht er so aus, als könnte der Wind ihn überallhin treiben.
Die Häuser im Seuchenviertel sind heruntergekommen und
ausgestorben, die Fenster aber fast alle unversehrt, nur schmutzig und deshalb sozusagen blind. Wenn man nachts an ihnen vorbeischleicht, kann man dieses Leuchten im Inneren erkennen, wie wenn Alkohol brennt, mit so bläulich züngelnden Flammen. Das ist die »Hexensülze«, die da aus den Kellern aufsteigt. Auf den ersten Blick ist es ein Viertel wie jedes andere, ganz gewöhnliche Häuser, ziemlich renovierungsbedürftig, aber ansonsten nichts Besonderes. Das Einzige, was fehlt, sind die Menschen. In dem Ziegelhaus da wohnte unser Mathelehrer – er hatte den Spitznamen Komma. Eine Nervensäge war er und ein Versager, die zweite Frau hatte ihn gerade verlassen, als der Besuch passierte, und seine Tochter hatte in einem Auge den weißen Star, ich weiß noch, dass wir sie damit immer aufgezogen haben, bis ihr die Tränen kamen. Als die Panik anfing, rannte er mit allen anderen aus dem Viertel bis zur Brücke – die ganzen sechs Kilometer ohne Pause, nur in Unterwäsche. Danach litt er lange an der Seuche, seine Haut blätterte ab, die Finger- und Zehennägel fielen aus. Fast alle, die in diesem Viertel gewohnt hatten, bekamen sie, deswegen heißt es ja Seuchenviertel. Manche starben daran, vor allem die Älteren, und selbst die nicht alle. Ich für meinen Teil glaube, dass sie nicht an der Seuche starben, sondern vor Angst. Es war ja auch zum Fürchten.
In den drei Vierteln da drüben sind die Leute erblindet. Deswegen heißen die jetzt auch erstes Blindenviertel, zweites Blindenviertel und so weiter. Sie sind aber nicht völlig blind geworden, sondern bekamen so was wie Nachtblindheit. Wie es heißt, war es gar nicht der Blitz, der sie blind gemacht hat – obwohl es schon einen Blitz gegeben haben soll. Blind geworden sind sie aber angeblich von dem lauten Donnern. Die Ärzte sagten ihnen, das ist doch unmöglich, denkt noch mal genau nach! Aber nein, sie alle behaupteten steif und fest, dass es ein extrem lauter Donner war, der sie blind machte. Nur hat außer ihnen niemand diesen Donner je gehört …
Ja, es ist, als wär hier überhaupt nichts passiert. Da drüben steht noch immer der gläserne Kiosk. Und da, der Kinderwagen beim Gatter – sogar die winzige Bettwäsche darin sieht noch immer wie neu aus. Nur die Antennen tanzen aus der Reihe: Sie sind von so einem haarigen Zeugs überwuchert, so ähnlich wie Bast. Auf diese Antennen haben es die Schlaumeier aus dem Institut schon lange abgesehen. Sie wollen unbedingt diesen Bast unter die Lupe nehmen – den gibt es nämlich sonst nirgends, nur im Seuchenviertel und nur an diesen Antennen. Und außerdem wächst er ja gleich nebenan, quasi direkt vor unseren Fenstern. Letztes Jahr flogen sie mit einem Hubschrauber drüber, ließen an einem Stahlseil einen Anker herab und hakten ein Stück von dem Bast ein. Aber als sie es hochziehen wollen, macht es auf einmal »psch-sch-sch«. Wir schauen hin, von der Antenne steigt Rauch auf, vom Anker auch, sogar von dem Stahlseil. Und es ist eben nicht nur der Rauch, sondern dazu dieses giftige Zischen, wie bei einer Klapperschlange. Der Pilot hat zum Glück blitzschnell geschaltet – obwohl er ein Leutnant war –, das Seil abgeworfen und die Fliege gemacht. Und da hängt es noch immer, das Stahlseil, reicht fast bis zum Boden herab, ganz von Bast überwuchert …
Wir schweben sachte dahin, bis zum Ende der Straße, wo wir abbiegen müssen. Kirill schaut mich an: Biegen wir ab? Ich mach ihm ein Zeichen: ganz langsam! Unsere Galosche biegt also ab und legt die letzten Meter über menschlichem Gebiet in ganz langsamer Fahrt zurück. Der Bürgersteig kommt näher und näher, schon fällt der Schatten der Galosche auf das Dornengestrüpp … Die Zone! Sofort erfasst mich ein Schauder. Jedes Mal geht es mir so, und ich weiß bis heute nicht, ob es die Zone ist, die mich so frostig begrüßt, oder ob nur meine Stalkernerven mit mir durchgehen. Jedes Mal denk ich mir: Wenn ich wieder zurückkomme, muss ich unbedingt die anderen fragen, ob sie dasselbe spüren oder nicht. Und jedes Mal vergess ich es.
Jedenfalls schweben wir jetzt langsam über ehemalige Gemüsegärten hinweg. Der Motor unter unseren Füßen brummt ruhig und gleichmäßig – dem kann es ja auch egal sein, dem droht keine Gefahr. Tender dagegen hält es nicht mehr aus. Wir haben noch nicht mal den ersten Pfahl erreicht, als er auf einmal zu labern anfängt. Wie das mit allen passiert, die zum ersten Mal in der Zone sind: Seine Zähne fangen an zu klappern, sein Herz rast, er fühlt sich hundeelend. Man merkt, dass es ihm peinlich ist, aber er kann einfach nicht mehr an sich halten. Ich glaube, es ist so ähnlich wie Durchfall, es lässt sich nicht kontrollieren, sondern fließt einfach aus einem heraus. Was für ein Gelaber! Mal schwärmen sie von der Landschaft, dann wieder faseln sie irgendwelche Theorien über die Außerirdischen daher, oder aber es ist völlig abwegiges Gerede – so wie bei Tender, der gerade irgendwas von seinem neuen Anzug schwafelt und gar nicht mehr aufhören kann: Wie viel er dafür gezahlt hat, wie dünn die Wolle ist, und wie ihm der Schneider die Knöpfe gewechselt hat …
»Halt die Klappe«, sag ich.
Er schaut mich nur traurig an, macht den Mund auf und zu – und redet dann einfach weiter darüber, wie viel Seide in dem Anzugfutter verarbeitet wurde. An den Gemüsegärten sind wir schon vorbei, unter uns liegt jetzt eine lehmige Einöde, wo früher die städtische Müllkippe war, und ich merke, dass hier ein leichter Wind weht. Eben noch war da nichts, aber jetzt ist es auf einmal windig, Staubteufel ziehen vorbei, und ich glaube etwas zu hören.
»Halt endlich den Rand, du Idiot!«, sag ich zu Tender.
Er kann einfach nicht aufhören. Jetzt quasselt er irgendwas von Pferdehaaren. Na schön, tut mir leid.
»Halt an«, sag ich zu Kirill.
Er bremst sofort. Gute Reaktion, Respekt. Ich packe Tender an der Schulter, dreh ihn zu mir, hole aus und klatsche ihm mit voller Wucht die Hand gegen das Visier. Der Arme knallt mit der Nase gegen das Glas, kneift die Augen zusammen und verstummt. Und schon kann ich es hören: »Tr-r-r … tr-r-r … tr-r-r …«
Kirill schaut mich an, die Kiefer zusammengepresst, die Zähne gebleckt. Ich signalisiere ihm mit der Hand: Warte, warte, um Gottes willen, rühr dich nicht. Er hört das Knirschen ja auch, und wie alle Neulinge drängt auch ihn sein Instinkt, zu handeln, irgendwas zu tun.
»Rückwärtsfahrt?«, flüstert er.
Ich schüttle heftig den Kopf und fuchtle mit der Faust direkt vor seinem Helm herum, damit er die Klappe hält. Heilige Einfalt! Mit diesen Neulingen weißt du gar nicht mehr, wo du hinschauen sollst – aufs Feld oder auf sie. Doch im nächsten Moment hab ich all das vergessen: Über einen Haufen aus altem Müll, Glasscherben und Lumpen kriecht eine Art Zittern, ein Flirren wie heiße Luft auf einem Blechdach zur Mittagszeit, es schwappt über den Hügel und wälzt sich unaufhaltsam auf uns zu. Direkt neben dem Markierungspfahl an der Straße macht es halt, zögert eine halbe Sekunde – oder scheint es mir nur so? – und verzieht sich wieder aufs offene Feld, ins Gebüsch, hinter die verrotteten Zäune, zum Autofriedhof.
Der Teufel soll sie holen, diese Eierköpfe! Wirklich genial von denen, die Trasse ausgerechnet durch eine Mulde zu führen. Aber ich bin ja auch ein Idiot: Hätt ich mal lieber genau hingeschaut, anstatt ihre tolle Karte zu bewundern.
»Langsame Fahrt voraus«, sag ich zu Kirill.
»Was war das?«
»Weiß der Geier! Es ist vorbei, aus, Amen. Halt bitte einfach den Rand. Du bist gerade kein Mensch, sondern ein Rädchen in einer Maschine, mein verlängerter Arm, kapiert?«
Oha, jetzt hat sie mich wohl auch erwischt, die Labersucht.
»Schluss jetzt«, sag ich. »Kein Wort mehr.«
Ein Schluck aus der Pulle, das wär’s jetzt. Das vertraute Fläschchen hervorziehen, den Deckel abschrauben, ohne Hast, den Flaschenhals auf der unteren Zahnreihe platzieren und den Kopf zurücklegen, damit es von selbst runterläuft, direkt in die Kehle, und so richtig reinhaut, bis dir die Tränen kommen. Dann den Flachmann schütteln und noch mal ansetzen. Diese Spezialanzüge sind Mist, das sag ich euch. Ohne Anzug wär ich genauso weit gekommen wie jetzt, hundertpro, und würde wahrscheinlich noch mal so lang weiterleben. Aber ohne einen guten Schluck in so einem Moment wie diesem … Ach, egal!
Der Wind scheint sich gelegt zu haben, kein Unheil liegt mehr in der Luft, nur der Motor brummt ruhig und träge weiter. Ringsum scheint die Sonne, und es ist heiß. Über der Garage flirrt die Luft. Alles scheint so wie immer, die Markierungspfähle ziehen einer nach dem anderen an uns vorbei. Tender schweigt, Kirill schweigt – die Neuen werden geschliffen. Keine Sorge, Jungs, in der Zone kann man durchaus atmen, man muss nur wissen, wie … Da ist auch schon Pfahl Nummer 27 – eine Eisenstange mit der Nummer in einem roten Kreis. Kirill schaut mich an, ich nicke ihm zu, und unsere Galosche hält an.
Nach dem ersten Schritt kommt der zweite. Das Wichtigste für uns: absolute Ruhe bewahren. Wir haben keinen Zeitdruck, es ist windstill, die Sicht bestens. Da drüben verläuft der Graben, wo es Schleimer erwischt hat, irgendwas Buntes ist da zu sehen, vielleicht ein Fetzen von ihm. Ein Dreckschwein war er, Gott hab ihn selig – gierig und dumm, nur solche lassen sich auf Aasgeier ein. Aasgeier Burbridge kann diese Typen schon von Weitem riechen und lässt sie für sich die Drecksarbeit machen. Aber die Zone kümmert es ja nicht, ob du böse bist oder gut, und überhaupt, Schleimer, du warst zwar ein Idiot und keiner erinnert sich mehr an deinen richtigen Namen, aber immerhin hast du ein paar schlaueren Leuten gezeigt, wo man besser nicht hintritt, also danke … Ideal wäre es, wenn wir es gleich bis dahin schaffen, wo der Asphalt anfängt. Der ist glatt, alles gut zu sehen, und den Spalt dort kenn ich ja. Nur die Buckel da drüben gefallen mir überhaupt nicht. Wenn man in direkter Linie auf den Asphalt zugeht, muss man genau zwischen ihnen durch. Da sind sie und warten, sieht so aus, als ob sie sich eins grinsen. Nein, zwischen euch geh ich nicht durch. Das zweite Gebot des Stalkers lautet: Rechts oder links muss auf hundert Schritt alles sauber sein. Über den linken Buckel käme man aber schon rüber, nur weiß ich nicht, was dahinter ist. Auf der Karte sah es so aus, als wär da nichts, aber wer glaubt schon einer Karte?
»Hör mal, Red«, flüstert mir Kirill zu. »Wie wär’s, wenn wir springen? Zwanzig Meter rauf, dann wieder runter, und schon wären wir bei der Garage, oder?«
»Klappe, Idiot«, antworte ich. »Halt dich da raus.«
Da rauf will er also. Was, wenn’s einen von uns in zwanzig Meter Höhe erwischt? Viel Spaß anschließend beim Knochensammeln. Oder irgendwo bildet sich auf einmal eine »Mückenglatze« – dann brauchen wir von Knochen gar nicht mehr zu reden, da bleibt nicht mal mehr eine Pfütze übrig. Wie ich sie dick habe, diese Heißsporne: Er kann es einfach nicht erwarten, von wegen »Lass uns springen« und so … Na gut, wie wir bis zu dem Buckel kommen, ist jedenfalls klar, und von da schauen wir einfach weiter. Ich hole eine Handvoll Muttern aus der Tasche, zeige sie Kirill und sage: »Kennst du das Märchen vom kleinen Däumling? Hattet ihr das in der Schule? Das hier ist genau umgekehrt. Schau!« Ich werfe die erste Mutter. Nicht allzu weit, sondern gerade richtig, vielleicht zehn Meter. Die Mutter fliegt ohne Probleme durch. »Hast du gesehen?«
»Und?«, fragt er.
»Was ›und‹? Ob du das gesehen hast, frag ich!«
»Ja.«
»Jetzt fährst du die Galosche ganz langsam auf die Mutter zu, bleibst aber zwei Meter davor stehen. Verstanden?«
»Verstanden. Du suchst nach Gravikonzentraten?«
»Ich suche, was ich finden will. Warte, ich werf noch eine. Pass auf, wo sie hinfällt, und lass sie dann nicht mehr aus den Augen.«
Ich werfe eine zweite Mutter. Natürlich fliegt auch die problemlos durch und landet neben der ersten.
»Los«, sag ich.
Er setzt die Galosche in Bewegung. Sein Gesicht ist jetzt ruhig und konzentriert: Er hat alles verstanden. So sind sie eben, die Intellektuellen. Sie müssen die Dinge unbedingt beim Namen nennen. Solange sie noch herumrätseln, sind sie ein Häuflein Elend, zu nichts zu gebrauchen. Aber kaum fällt ihnen irgendein »Gravikonzentrat« ein, glauben sie alles kapiert zu haben, und schon leben sie auf.
Wir fahren an der ersten Mutter vorbei, an der zweiten, der dritten. Tender seufzt, tritt von einem Bein aufs andere, gähnt immer wieder nervös und winselt dabei wie ein Hund – er hält es kaum aus, der arme Kerl. Soll er nur, tut ihm ganz gut. Fünf Kilo lässt der heute sicher hier liegen, besser als jede Diät. Ich werfe die vierte Mutter, und die fliegt irgendwie falsch. Ich kann nicht erklären, was es ist, aber ich spüre, da stimmt was nicht, und packe Kirill sofort am Arm.
»Stopp«, sag ich. »Keinen Meter weiter …«
Ich fünfte Mutter werfe ich diesmal etwas höher und weiter. Und da ist sie, die »Mückenglatze«: Nach oben fliegt die Mutter ganz normal, nach unten zuerst auch, aber dann, auf halbem Weg, wird sie von irgendeiner Kraft zur Seite gerissen und nach unten geschleudert, und zwar mit solcher Wucht, dass sie sofort tief im Lehm versinkt.
»Hast du das gesehen?«, flüstere ich.
»Bisher nur im Kino«, antwortet er und lehnt sich so weit nach vorn, dass er jeden Moment aus der Galosche zu stürzen droht. »Wirf noch eine, ja?«
Ich glaub, mein Schwein pfeift! Als ob eine reichen würde! Oh Mann, diese Wissenschaftler. Egal, ich werfe jedenfalls acht weitere Muttern aus, bis ich die »Glatze« komplett eingekreist habe. Es hätten auch sieben gereicht, aber eine werfe ich extra für ihn, genau in die Mitte, damit er sein Gravikonzentrat noch mal bestaunen kann. Das Teil knallt in den Lehm, als wär es achtzig Kilo schwer. Am Ende ist nur noch das Loch zu sehen. Vor Vergnügen grunzt er sogar.
»Also gut«, sag ich. »Jetzt aber Schluss mit der Spielerei. Pass genau auf: Ich werfe jetzt eine gute, und die lässt du nicht aus den Augen.«
So umgehen wir die »Mückenglatze« und erklimmen den Buckel. Der ist nicht viel größer als ein Katzenschiss, ich hab ihn überhaupt erst heute so richtig bemerkt. Tja … Wir stehen also oben auf dem Buckel, das Asphaltstück ist in Reichweite, vielleicht zwanzig Schritt entfernt. Die Stelle macht eigentlich einen tadellosen Eindruck – man sieht jeden Grashalm, jede noch so kleine Spalte. Na dann, schmeiß die nächste Mutter, und ab geht die Post.
Ich krieg’s nicht hin.
Ich kapier selbst nicht, was mit mir los ist, aber ich schaff es einfach nicht, eine Mutter zu werfen.
»Was ist?«, fragt Kirill. »Warum bleiben wir stehen?«
»Warte«, sag ich. »Sei still, um Himmels willen.«
Gleich, denk ich, gleich werfe ich die Mutter, und dann geht es locker weiter. Wir schweben so sanft dahin, dass sich nicht mal ein Hälmchen rührt – spätestens in einer halben Minute sind wir über dem Asphalt. Aber dann bricht mir auf einmal der Schweiß aus, sogar in die Augen fließt er mir. Auf keinen Fall werf ich da vorn eine Mutter hin. Nach links – kein Problem, von mir aus auch zwei. Die Entfernung ist zwar weiter, und ich seh da auch ein paar Steine, die mir nicht sonderlich gefallen, aber dorthin riskier ich den Wurf. Nach vorn – um nichts in der Welt. Ich werfe also die Mutter nach links. Kirill sagt nichts, dreht die Galosche, fährt an die Mutter ran und wirft mir erst dann einen Blick zu. Was er da sieht, scheint ihm nicht besonders gut zu gefallen, denn er wendet sich sofort wieder ab.
»Egal«, sag ich zu ihm. »Der Umweg bringt uns näher ran.«
Und werfe die letzte Mutter auf den Asphalt.
Danach geht es leichter. Ich finde meine Spalte, die, wie sich herausstellt, völlig sauber ist, gar nicht mit irgendwelchem Zeugs überwuchert, und auch immer noch dieselbe Farbe hat. Ihren Anblick genieße ich mit stiller Freude. Wir folgen ihr, und sie führt uns sicherer bis zum Garagentor als alle Markierungspfähle dieser Welt.
Ich lasse Kirill auf eineinhalb Meter runtergehen, lege mich auf den Bauch und schaue durch das offene Tor ins Innere der Garage. Da wir aus der Sonne kommen, ist anfangs alles nur schwarz, aber dann gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Seit dem letzten Mal scheint sich nichts verändert zu haben. Der Kipplaster steht immer noch auf der Arbeitsgrube, völlig unversehrt, ohne irgendwelche Löcher oder Flecken. Auch auf dem Betonboden ringsum ist alles wie immer – wahrscheinlich hat sich in der Grube noch nicht genug »Hexensülze« angesammelt, um über den Rand zu schwappen. Nur eines gefällt mir nicht: Ganz hinten in der Garage, bei den Kanistern, glänzt irgendwas silbern. Das ist neu. Komm schon, lass es doch glänzen, kein Grund, umzukehren! Es glänzt ja auch nicht irgendwie besonders, nur ein bisschen, und außerdem irgendwie ruhig, fast zärtlich sogar … Ich stehe auf, klopfe mir den Bauch ab und sehe mich um. Die Laster, die da auf der Freifläche stehen, wirken wie neu – seit ich das letzte Mal hier war, sind sie, finde ich, sogar noch neuer geworden. Der Tankwagen dagegen ist völlig durchgerostet, der Arme fällt sicher bald auseinander. Und da liegt auch der Reifen, den ich auf der Karte erkannt habe.
Irgendwas an dem Reifen gefällt mir nicht. Es ist sein Schatten: Wir haben die Sonne im Rücken, aber der Schatten fällt in unsere Richtung. Na gut, der Reifen liegt ziemlich weit entfernt, damit kann ich arbeiten. Aber was soll dieses silberne Glänzen? Oder bilde ich mir das nur ein? Erst mal eine rauchen, mich hinsetzen und in aller Ruhe nachdenken: Warum glänzt es ausgerechnet über den Kanistern, sonst nirgends? Und warum wirft der Reifen so einen komischen Schatten? Aasgeier Burbridge hat mal was von Schatten erzählt, das sei irgendwas Abgefahrenes, aber letztlich ungefährlich. Die Schatten sind hier eben manchmal so. Aber was glänzt da? Sieht aus wie ein Spinnennetz an den Bäumen im Wald. Aber was für eine Spinne soll das sein? Mann, ich hab in der Zone noch nie auch nur einen Käfer gesehen, geschweige denn eine Spinne. Und was noch schlimmer ist: Mein »Leerteil« liegt genau neben den Kanistern, vielleicht zwei Schritt davon entfernt. Ich hätt’s damals gleich mitnehmen sollen, dann hätt ich jetzt ein Problem weniger. Aber es ist nun mal verdammt schwer, dieses Miststück, es ist ja voll. Aufheben hätt ich es schon können, aber auf dem Rücken schleppen, noch dazu nachts und auf allen vieren … Wer so ein »Leerteil« noch nie getragen hat, soll es ruhig mal versuchen. Das ist, als müsste man fünfzehn Liter Wasser transportieren, und zwar ohne Eimer. Also dann, hingehen oder nicht? Wir müssen ja. Jetzt einen Schluck, das wär’s!
Ich dreh mich zu Tender um und sag: »Kirill und ich gehen jetzt rein. Du bleibst hier und übernimmst einstweilen die Galosche. Aber ohne meinen ausdrücklichen Befehl fasst du das Steuer nicht an – egal, was passiert, und wenn es unter deinen Füßen zu brennen beginnt. Verlierst du die Nerven, finde ich dich im Jenseits wieder, ist das klar?«
Er nickt ernst: Schon klar, ich halte die Stellung. Seine Nase ist zwetschgenblau, dem habe ich ganz schön eine verpasst. Ich lasse langsam die Sicherungsseile hinab, werfe noch mal einen Blick auf das silbrige Glänzen, gebe Kirill ein Zeichen und seile mich ab. Ich lande auf dem Asphalt und warte, während er an dem anderen Seil herunterkommt.