Stalker

Arkadi Strugatzki · Kapitel 6 von 7 · Teil 2/2

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Stalker

Die Wunschmaschine

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 2 Teile geteilt.

Viktor schläft, den Kopf auf seinen Rucksack gelegt. Der Professor und Anton sitzen gegen die Ziegelmauer der Kirche gelehnt, rauchen und unterhalten sich.

»Was ist denn mit diesem Aasgeier passiert?«, fragt Anton.

»Er war der Einzige, der es bis zum Goldenen Kreis geschafft hat und wieder zurückgekehrt ist«, antwortet der Professor. »Die Legende existiert schon seit vielen Jahren, aber Aasgeier hat sie als Erster bestätigt. Zwei Tage nach seiner Rückkehr wurde er unvorstellbar krank …«

Der Professor verstummt.

»Ja, und dann?«

»Und dann hat er sich erhängt.«

»Warum?«

Der Professor zuckt mit den Schultern.

»Das ist eine rätselhafte Geschichte. Er plante damals noch einmal zum Goldenen Kreis zu gehen, diesmal zu zweit mit unserem Viktor. Als Viktor zur vereinbarten Zeit bei ihm ankam, hing er schon da, und auf dem Tisch lagen eine Karte und ein kurzes Schreiben, in dem er ihm viel Erfolg wünschte.«

Anton wirft einen zweifelnden Blick auf den schnarchenden Viktor.

»Vielleicht hat ihn unser Chef ja … Sie verstehen schon?«

»Ist alles möglich«, gibt der Professor leichthin zu.

Eine Zeit lang rauchen sie schweigend.

»Was denken Sie, Professor, ist dieser Goldene Kreis wirklich eine Wunschmaschine?«

»Aasgeier ist krank geworden. Er hatte sein ganzes Leben davon geträumt, reich zu werden.«

»Und hat sich erhängt.«

»Und hat sich erhängt. Das ist aber überhaupt kein Widerspruch. Es ist einfach so, dass der Mensch nie wirklich weiß, was er will. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Sein Kopf will das eine, sein Rückenmark etwas anderes und seine Seele etwas Drittes. Wer soll sich in dem Durcheinander schon auskennen.«

»Da haben Sie sicher recht«, sagt Anton. »Vorhin habe ich Ihnen doch gesagt, dass ich nach Inspiration suche. Das war gelogen. Inspiration ist mir schnurzegal.« Der Professor blickt ihn neugierig an. Nach einer Weile fährt Anton fort: »Nein, ich kann das nicht erklären. Vielleicht suche ich ja doch nach Inspiration. Woher soll ich wissen, wie ich das nennen soll, was ich will? Und woher soll ich wissen, dass ich wirklich nicht will, was ich nicht will? Diese Dinge sind einfach extrem flüchtig: Kaum hast du sie benannt, schon entgleiten sie dir wieder. Sie sind wie so eine tropische Qualle – haben Sie das mal gesehen? Im Wasser ist sie schön wie eine magische Blume, aber sobald du sie rausziehst, wird sie zu einem ekligen Schleimbatzen … Und Sie, wissen Sie es denn auch nicht?«

»Nein. Ich weiß nur, dass wir vieles ändern müssen. Dass es so nicht weitergehen kann … Nein, ich weiß es nicht. Ich bin hier, weil ich wissen will.«

»Wo viel Weisheit ist, ist viel Grämens«, murmelt Anton.

»Auch das stimmt«, sagt der Professor seufzend. »Sagen wir einfach mal, ich plane, ein Experiment durchzuführen – sauber, präzise und eindeutig. Ein einfaches wissenschaftliches Experiment hinsichtlich einer gewissen Tatsache. Verstehen Sie?«

»Nein«, sagt Anton. »Ich denke, Tatsachen gibt es nicht, vor allem nicht hier in der Zone. Das alles hier hat sich irgendwer ausgedacht. Es ist eine teuflische Erfindung von irgendjemand, der uns allen einen blauen Dunst vormacht. Wer, ist unklar. Wozu, ist auch unklar.«

»Eben das würde ich gern herausfinden: wer und wozu.«

»Aber wer braucht das? Wir brauchen doch was ganz anderes. Was bringt es, selbst wenn Sie das herausfinden? Bei wem meldet sich dann das Gewissen? Wessen Seele findet dann endlich seine Ruhe?«

Anton winkt resigniert ab und wirft seine Kippe fort. Dann sieht er Viktor an, der immer noch selig vor sich hin schnarcht.

»Und warum will er dahin? Was hat er für Wünsche, die er sich zu Hause nicht erfüllen kann?«

»Ich weiß nicht«, sagt der Professor langsam. »Er will eben unbedingt den Goldenen Kreis erreichen. Ich kenne ihn schon lang: ein faszinierender, ungewöhnlicher Mensch.«

»Ich weiß nicht, was an dem so ungewöhnlich sein soll«, widerspricht Anton, »aber vertrauenswürdig ist er schon, man kann sich auf ihn verlassen. Mein Eindruck ist, dass er uns bis ans Ziel bringen wird.«

Der Professor betrachtet ihn aus den Augenwinkeln und macht ein Gesicht, als ob er noch etwas sagen will, jedoch abwägt, ob es sich lohnt. Dann drückt er sorgfältig seine Kippe aus und macht Anstalten, sich ebenfalls hinzulegen.

»Kommst du mit Beute zurück, ist es ein großes Glück«, sagt er plötzlich. »Kommst du lebend zurück, ist es ein Erfolg. Kriegst du eine Kugel von einer Streife ab, ist es Dusel. Alles andere ist Schicksal.«

»Was ist das schon wieder für ein deprimierender Spruch?«, fragt Anton verdattert.

»Eine Volksweisheit.«

»Und was folgt aus dieser Volksweisheit?«

»Ich glaube, mein guter Freund Anton«, antwortet der Professor, »Sie vergessen immer wieder, dass wir uns in der Zone befinden. In der Zone kann man sich auf niemanden verlassen.«

Anton gähnt nervös und blickt sich um.

»Na, erlauben Sie mal!«, ruft er plötzlich aus. »Was sind denn das für Geschichten? Die Sonne ist da drüben, aber der Schatten …«

»Wie bitte?«, macht der Professor. »Ach so. Ja, bei den Schatten kommt das hier manchmal vor … Kommen Sie, schlafen wir ein wenig.«

Der Professor und Anton schlafen bei der Kirchenmauer. Viktor öffnet die Augen. Eine Zeit lang liegt er da und horcht. Dann erhebt er sich schnell und lautlos, tritt mit weichen Schritten aus dem Schatten heraus und wirft einen Blick um die Kirche herum. Etwa hundert Schritte von ihm entfernt führt die Hauptstraße der toten Siedlung vorbei. Sie ist vollkommen leer, durchflutet von fröhlichem, hellem Sonnenlicht. Dann kehrt er genauso lautlos zurück und bleibt bei den Schlafenden stehen. Eine Weile mustert er jeden der beiden mit großer Aufmerksamkeit. Sein Gesicht ist konzentriert, die Augen halb geschlossen, der Blick abschätzend. Schließlich beißt er sich auf die Unterlippe und gibt leise das Kommando: »Aufstehen.«

Sie befinden sich auf der Hauptstraße der Siedlung. Anton geht voraus. Die Häuser zu beiden Seiten sind zur Hälfte eingestürzt, von Gestrüpp überwuchert, die Fenster eingeschlagen. Die noch stehenden Mauern sind fleckig und verschmiert. Hin und wieder stoßen sie aber auch auf völlig intakte, wie neu aussehende Häuser. Es ist, als wären diese eben erst fertig gebaut worden, so blitzsauber sind sie, mit geputzten Fenstern, als hätte noch nie jemand darin gewohnt und als erwarteten sie jeden Augenblick ihre ersten Bewohner.

Nur mit den Fernseh- und Radioantennen auf diesen Häusern stimmt etwas nicht. Diese sind von einer Art rötlichem, zerzaustem Bast überwuchert, der manchmal bis ganz zur Erde herabhängt. Bringt eine Windbö diese seltsamen Fetzen ins Wanken, so ist ein leises elektrisches Knistern zu hören.

Bei einer scharfen Biegung der Straße bleibt Anton plötzlich stehen, dreht sich zu seinen Begleitern um und sagt verwirrt: »Da ist irgendein Auto … und der Motor läuft …«

»Achte nicht drauf«, sagt Viktor. »Der läuft schon seit zwanzig Jahren. Schau lieber vor deine Füße, und halt dich in der Mitte.«

Tatsächlich ist jetzt deutlich das Geräusch eines laufenden Motors zu vernehmen. Sie kommen an einem Lastwagen vorbei, der am Straßenrand steht, dem Anschein nach völlig neu, als wäre er gerade erst vom Fließband gerollt. Der Motor des Wagens tuckert im Leerlauf, aus dem Auspuff dringt bläulicher Rauch und verteilt sich im Wind. Seine Räder stecken jedoch bis zu den Naben in der Erde. Durch die leicht geöffnete Tür und den Boden der Kabine wächst eine schlanke Birke.

Sie stehen mitten auf der Straße vor einem neuen Hindernis. Irgendwann einmal, wahrscheinlich genau am Tag des Besuchs, hat auf dieser Straße ein riesiger Lastzug mit einem Spezialanhänger ein langes Gasrohr mit einem Meter Durchmesser transportiert. Der Lastzug hat sich auf der linken Seite in ein zweigeschossiges Haus gebohrt, das über ihm zusammengestürzt ist und nur noch aus einem Haufen Ziegelsteine besteht. Das Rohr ist dabei vom Anhänger gerollt und liegt nun leicht schief da, sodass die Straße komplett blockiert ist. Auch Telegrafen- und Telefonleitungen scheinen damals abgerissen und quer auf die Straße gestürzt zu sein. Jetzt sind sie über und über mit rotem Bast bewachsen, dessen dichter Vorhang den Durchgang versperrt. Jeder, der weitergehen will, muss somit durch das Rohr. Der Schlund des Rohrs ist rußgeschwärzt, und das Haus auf der rechten Seite, auf das er zeigt, ist vollkommen verkohlt, als hätte es bereits mehrfach in Flammen gestanden.

»Müssen wir jetzt da durchkriechen?«, fragt Anton, ohne sich an jemand Bestimmtes zu wenden.

Das Rohr ist zwölf Meter lang, das andere Ende durch den wuchernden Bast kaum zu sehen.

»Sobald ich es sage, kriechst du da durch«, antwortet Viktor kalt und sagt dann zu dem Professor: »Hol ein paar Ziegelsteine.«

Der Professor überquert die Straße, klaubt fünf Ziegelsteine von dem eingestürzten Haus auf und stapelt sie schweigend vor Viktor auf.

»Geht mal etwas zurück.«

Viktor nimmt einen Ziegelstein, holt weit aus, schleudert ihn in den Schlund des Rohrs und springt zur Seite.

Der Ziegelstein springt donnernd und knallend durch das Rohr. Viktor wartet ein wenig, dann wirft er einen zweiten Ziegel. Wieder donnert es, prallt und klirrt. Dann ist wieder alles still.

»Gut«, macht Viktor und klopft sich mit langsamen Bewegungen die Hände ab. »Wir können.« Er dreht sich zu Anton um. »Geh los.«

Anton versucht zu lächeln, aber seine Lippen zucken nur. Er will etwas sagen, aber alles, was er hervorbringt, ist ein krampfhaftes Stöhnen. Er zieht aus einer Innentasche einen Flachmann hervor, schraubt hastig den Deckel auf, nimmt ein paar Schlucke und gibt die Flasche dem Professor. Das Gesicht des Professors ist wie versteinert. Anton wischt sich mit dem Ärmel über die Lippen und legt seinen Rucksack ab. Seine Augen hängen an Viktors Gesicht. Als ob er etwas erwartet. Aber da ist nichts zu erwarten.

»Also dann? Alles andere ist Schicksal?«, sagt er, und endlich gelingt ihm ein Lächeln.

Er macht einen Schritt auf das Rohr zu, doch dann packt ihn Viktor an der Schulter.

»Warte mal«, sagt er. »Lass mich noch einmal, für alle Fälle.«

Viktor legt seinen Rucksack ab, nimmt gleich drei Ziegelsteine in die Hände und schleudert sie mit aller Kraft in den Schlund. Es donnert und knallt … und plötzlich beginnt es im Innern der Röhre dumpf zu dröhnen. Mit pfeifendem Heulen bricht aus dem Schlund eine lange, rußige Flammenzunge hervor und prallt gegen das leidgeprüfte verkohlte Haus, das sogleich erneut zu brennen beginnt.

»Mir nach! Schnell!«, brüllt Viktor, packt seinen Rucksack und taucht in das noch rauchende Rohr ein.

Sie stehen am anderen Ende des Rohrs, verrußt, zerrissen und zerzaust. Die Rucksäcke liegen vor ihnen auf dem Boden. Der Professor putzt sorgfältig seine Brille. Anton bläst vorsichtig auf seine verbrannten Hände. Viktor taxiert mit halb geschlossenen Augen die Umgebung, während er an einem blutigen Finger saugt, der aus einem Loch in seinem Handschuh herausragt. Der rechte Ärmel seines Overalls ist komplett verbrannt. Matt glänzt darunter das silbrige Material seiner Schutzkleidung hervor.

»Fein«, sagt er heiser. »Ein Miststück weniger …«

Sie gehen in der Mitte der Straße weiter. Der Professor geht voraus. Den ganzen Himmel bedecken jetzt schwere, niedrige, träge Wolken. Hier sind zu beiden Seiten der Straße kaum noch unversehrte Häuser übrig, und auf dem Pflaster treffen die drei immer wieder auf breite, bunt schillernde, unregelmäßig geformte Flecken, denen sie vorsichtig ausweichen.

Sie passieren die Ruine eines Hauses, von dem nur noch das Erdgeschoss übrig ist und die Mauern komplett fehlen. Offenbar befand sich hier einmal eine Art Behörde: Zu sehen sind gelbe Holzschränke voller Aktenordner, Bürotische mit Hauptbüchern und Rechenmaschinen darauf, auf einem davon sogar eine Schreibmaschine mit einem eingespannten Blatt Papier. Die gesamte Einrichtung macht den Eindruck, als hätten die Angestellten erst vor wenigen Minuten den Raum für die Mittagspause verlassen und kämen bald wieder zurück.

Sie haben das seltsame Haus schon fast hinter sich gelassen, als ihnen plötzlich ein hier völlig unwahrscheinliches, völlig unmögliches Geräusch Einhalt gebietet. Alle drei verharren reglos.

Ein Telefon klingelt.

Langsam, ängstlich, ihren eigenen Ohren misstrauend, drehen sie sich um. Wieder klingelt das Telefon – ein grelles, durchdringendes Klingeln von unregelmäßiger Länge. Es steht neben der Schreibmaschine, ein kleiner, unansehnlicher Apparat von grauer Farbe.

Zum ersten Mal während der ganzen Expedition verliert der alte Profi Viktor erkennbar und unverhohlen die Fassung. Er hat nicht die leiseste Ahnung, was hier vor sich geht und was zu tun ist.

Plötzlich bewegt sich der Professor, ohne ein Wort zu sagen, mit großen Schritten auf das Haus zu. Er läuft die Stufen des Aufgangs hinauf, geht zwischen den Tischen hindurch und nimmt den Hörer ab.

»Hallo?«

Die quäkende Stimme aus dem Hörer erkundigt sich gereizt: »Ist dies die zwei, dreiundzwanzig, vierunddreißig, zwölf? Wie funktioniert Ihr Anschluss?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, antwortet der Professor.

»Vielen Dank. Ein Test.«

Aus dem Hörer ertönt das kurze Schlusszeichen. Der Professor drückt mit dem Finger auf die Gabel und blickt sich zu Viktor um. Dieser kratzt sich verblüfft am Ohr. Dann dreht sich der Professor wieder zurück und wählt schnell eine Nummer. Kurz darauf ist aus dem Hörer eine weibliche Stimme zu vernehmen: »Ja, bitte …«

»Hallo, Lola«, sagt der Professor. »Ich bin es.«

»Herrje, Filipp! Wo bist du denn abgeblieben? Also irgendwann wird mir das doch zu bunt! Gestern musste ich ganz allein hingehen, alle haben mich ausgefragt, und ich konnte nicht mal auf die einfachsten Fragen antworten, ich stand da wie die letzte Idiotin, und dann grinst mich diese Nutte auch noch an wie eine Hyäne … und ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll! All die alten Schachteln schwänzeln den ganzen Abend um mich rum und tun so, als würden sie mich bemitleiden … Wann lernst du endlich, zuerst deinen Kopf einzuschalten, bevor du handelst? Ich rede ja gar nicht von mir, mir ist völlig klar, dass du dich einen Dreck um mich scherst. Aber du könntest wenigstens mal darüber nachdenken, was für einen Eindruck das macht …«

Während sie weiterspricht, lässt der Professor zunehmend die Schultern hängen, und auf diese hängenden Schultern, auf die Schränke, auf das Straßenpflaster, auf alles ringsum beginnt Schnee zu fallen. Der Professor nimmt langsam den Hörer vom Ohr und legt ihn zurück auf die Gabel. Dann wendet er sich um. Sein Gesicht zeigt keine besondere Regung.

»Will noch jemand telefonieren?«, fragt er.

Seine Begleiter schweigen.

Sie haben schon fast den Rand der Siedlung erreicht. Der Schnee hat aufgehört, auf dem Pflaster haben sich Pfützen gebildet, die Sonne blickt wieder hervor. Hier, am Rand der Siedlung, sind fast alle Häuser unversehrt, nicht einmal der unheilvolle Bast hängt von den Antennen und Fenstersimsen.

»Halt!«, sagt Viktor plötzlich. »Hier müssen wir warten, ein ›Hunde-Euter‹, und wir sind natürlich genau reingetappt … Rucksäcke ab. Rauchpause.«

Verärgert schaut er auf die Uhr, dann zur Sonne. Anton und der Professor tauschen ratlose Blicke und legen ihre Rucksäcke ab. Währenddessen beginnt sich quer über der Straße nebliger Dunst zu sammeln, der nach und nach die letzten Häuser der Siedlung verhüllt.

»Was ist eigentlich los?«, erkundigt sich Anton.

»Setz dich hin, der Film geht gleich los«, antwortet Viktor, nimmt auf seinem Rucksack Platz und holt die Zigaretten heraus.

Der Nebel vor ihnen verdichtet sich immer weiter, und mit einem Mal spannt sich dort – über den gesamten Horizont – ein Panorama in ungewöhnlich klaren Farben und von erstaunlicher Tiefe.

Eine ganze Welt liegt vor ihnen ausgebreitet, eine seltsame, in Teilen bekannte Welt. Unmittelbar vor ihnen liegt die ruhige Oberfläche eines Sees oder Teichs. An dem sanft abfallenden Ufer sitzt auf weichem Gras, die Beine untergeschlagen, eine junge Frau, den Kopf gesenkt, das Gesicht verdeckt von ihrem langen Haar, das beinahe das Wasser berührt. Hinter ihr erheben sich grüne, runde Hügel, unter dem auffällig strahlenden, azurblauen Himmel ist in der Ferne die dunkelgrüne Wand eines Waldstücks zu erkennen. Auf der Kuppe des nächstgelegenen Hügels steckt ein schiefer Pfahl im Boden, auf dem ein Stierschädel thront. Vor dem Pfahl sitzt, die Füße mit den Bastschuhen vor sich im Gras ausgestreckt, grau wie ein Wolf, ein alter Greis. Sein Gesicht ist beinahe schwarz wie bei einer alten Mooreiche, seine blinden Augen sind von weißen, buschigen Augenbrauen bedeckt, die knorrigen Hände hat er bequem auf den Knien gefaltet. Etwas unterhalb des Alten sitzt auf einem Stein ein halbnackter, lockiger Junge und spielt auf einer Hirtenflöte vor sich hin. Man sieht, wie sich seine geröteten Wangen aufblähen und wieder flach werden und wie seine Finger geschickt über die Grifflöcher seines Instruments huschen, doch kein einziges Geräusch dringt aus dieser Welt herüber. Zu Füßen des Jungen döst, einem braunen Erdhügel gleich, ein riesiger Bär, ein zweiter räkelt sich ein wenig weiter entfernt und leckt sich träge eine Vordertatze. Über dem Schilfrohr, das einen Teil des Teichs umsäumt, schwirren blauflügelige Libellen.

»Roerich«, sagt der Professor ruhig. »Roerich der Ältere. Sehr schön.«

Viktor wirft ihm einen kurzen Blick zu und dreht sich zu Anton um. Dieser hat sich weit vorgelehnt, sein Mund steht halb offen, während er fasziniert, gleichsam verzaubert, dieses wundersame Bild in sich aufnimmt. Dann wendet er sich Viktor zu – und seine Augen flackern nervös.

»Was ist das?«, fragt er. »Wo ist das?«

Viktor spuckt aus.

»Weiß der Teufel«, sagt er. »Irgendwo und irgendwann.«

»Haben Sie das früher schon mal gesehen?«

»Das da noch nicht. Die Bilder sind ja auch jedes Mal andere …«

»Das heißt, das ist ein Bild …«

»Klar, man könnte schon ›Bild‹ dazu sagen«, antwortet Viktor ausweichend.

Sein Blick ist jetzt besorgt, und er sieht nur noch Anton an. Dieser stammelt wie im Fieber: »Wie kann das ein Bild sein? Du lügst doch … Schon wieder lügst du … Dort ist Ruhe … und Stille …«

In diesem Moment hebt der Professor, dessen Stirn sich in sorgenvolle Falten gelegt hat, einen Stein von der Straße auf …

»Halt!«, brüllt Viktor wütend.

Aber es ist bereits zu spät. Der Stein beschreibt einen hohen Bogen und fällt zwei Schritt von der jungen Frau entfernt ins Wasser. Das Wasser spritzt hoch. Die junge Frau hebt den Kopf und schiebt die Haare aus ihrem wunderschönen Gesicht. Auf der glatten Wasseroberfläche breiten sich Kreise aus. Die junge Frau zieht die Augenbrauen zusammen und betrachtet mit gewisser Verwunderung, aber ohne jegliche Angst, die schmutzigen, zerlumpten, verrußten Männer. Dann senkt sie wieder den Kopf. Die Welt »auf der anderen Seite« beginnt sich aufzulösen, hüllt sich in leichten Nebel und verschwindet. Vor ihnen liegt wieder die trostlose Straße mit den toten Häusern.

Anton sitzt auf seinem Rucksack und weint, seine Arme baumeln kraftlos herab. Viktor dreht sich zu dem Professor um, zieht eine böse Grimasse und klopft sich mit den Fingerknöcheln gegen die Stirn. Der Professor murmelt betreten: »Ich dachte, es ist nur ein Trugbild. Ich war überzeugt …«

»Überzeugt, überzeugt«, äfft ihn Viktor wütend nach. »Du bist überzeugt – und siehst du, was er jetzt ist? Was sollen wir mit ihm jetzt machen?«

Sie blicken beide Anton an, der still vor sich hin weint. Viktor brüllt wild los: »Aufbruch!«

Der Professor zuckt zusammen und greift nach seinem Rucksack, doch Anton hebt nur langsam sein tränenüberströmtes Gesicht und sagt verzweifelt zu Viktor: »Du Dreckskerl, du hast mich nicht dorthin gehen lassen … Du sollst verrecken, du Schwein, verfaulen sollst du …«

Viktor holt tief Luft und schlägt Anton mit voller Wucht ins Gesicht. Anton fliegt kopfüber vom Rucksack, steht aber sogleich wieder auf. Er blutet im Gesicht, aber der Blick, mit dem er Viktor ansieht, ist noch genauso hasserfüllt.

»Nimm deinen Rucksack!«, faucht Viktor. »Vorwärts!«

»Ich komm nicht mit.«

Viktor schlägt ihm in den Bauch, von oben auf den Kopf, greift ihm in die Haare, richtet ihn auf und verpasst ihm schallende Ohrfeigen.

»Doch, du kommst mit!«, presst er durch die Zähne.

Der Professor versucht, ihn am Arm zu packen. Viktor rammt ihm ohne hinzusehen den Ellenbogen gegen die Nase, sodass die Brille herunterfällt.

»Du kommst mit. Du kommst mit«, murmelt er immer wieder.

Ein letzter, furchtbarer Schlag wirft Anton erneut zu Boden, wo er zusammengekrümmt liegen bleibt. Schwer atmend blickt Viktor auf ihn herab und zieht sich die Handschuhe zurecht. Anton richtet sich stöhnend auf und bleibt, die Arme auf dem Straßenpflaster aufgestützt, sitzen.

»Kriegst du dich jetzt wieder ein?«, fragt Viktor plötzlich mit überraschend sanfter Stimme. »Komm, steh auf, lass uns losgehen, die Zeit läuft …«

Anton schüttelt den Kopf.

»Dummkopf. Du stirbst hier doch nur«, sagt Viktor sanft.

»Das geht dich nichts an«, entgegnet Anton. Er wischt sich das Gesicht ab und schaut auf seine Hand. »Ich glaube dir nicht mehr, Chef«, sagt er ruhig. »Geh du nur weiter. Professor, ich rate Ihnen, glauben Sie ihm kein Wort. Wissen Sie, warum er uns mitgenommen hat?«

»Ich ahne es«, antwortet der Professor. Er raucht nervös, seine Hände zittern. Eines seiner Brillengläser fehlt.

»Er hat uns mitgenommen, damit wir für ihn durchs Feuer gehen«, erklärt Anton. »Wir sind für ihn so etwas wie Dietriche, lebendige Minenräumer. Sag schon, Chef, wozu hast du uns mitgenommen? Hat sich der verehrte Herr Pfadfinder etwa von unseren Hundertern blenden lassen?«

Viktor hockt sich ihm gegenüber hin und zündet sich eine Zigarette an.

»Hör zu«, sagt er dann. »Das hier ist die Zone. Hier war das schon immer so und wird auch immer so bleiben. Eines musst du kapieren: Wenn du mit mir kommst, kehrst du vielleicht wieder nach Hause zurück. Wenn du aber hierbleibst, ist das der sichere Tod. Hoffst du etwa, dass deine ›Ruhe‹ hierher zu dir zurückkommt? Da kannst du lange warten. Die erscheint das nächste Mal vielleicht erst wieder in hundert Jahren.«

»Das geht dich nichts an«, sagt Anton wieder. »Ich warte.«

»Vielleicht erscheint sie ja auch nie wieder. Aber wenn du mit mir kommst, erreichst du den Goldenen Kreis, und dann kannst du dir alles erbitten, was du nur willst. Ruhe? Stille? Bitte sehr, da hast du Ruhe, und hier Stille …«

Anton spuckt zähen Schleim aus.

»Der Goldene Kreis?«, sagt er langsam. »Warum hat sich Aasgeier denn erhängt? Warum, Chef?«

»Was hat Aasgeier damit zu tun? Du bist doch nicht Aasgeier!«

»Trotzdem, du verrätst uns jetzt, warum Aasgeier sich erhängt hat!«

»Weil er ein Schwein war«, antwortet Viktor heftig. »Ein Mörder, ein Dreckskerl! Weil er nicht wegen irgendwelcher Schätze zum Goldenen Kreis ging, sondern wegen seines Bruders, aber dann hat ihn doch seine Gier besiegt …«

»Und?«

»Was und? Er hat seinen einzigen Bruder auf dem Gewissen, einen jungen Burschen! Hat ihn in die Zone geführt und dann irgendwo in eine Falle gelockt. Losgegangen sind sie damals zu zweit, zurück kam er allein. Danach hat ihn das schlechte Gewissen geplagt, und ihm ist sein Leben entglitten. Also ist er losgegangen, um seinen Bruder zurückzuholen, aber als er ankam, hat sein mieser Charakter doch die Oberhand behalten … Der Goldene Kreis kann ja immer nur einen Wunsch erfüllen. Schaffst du es bis dorthin, bekommst du eine Belohnung, aber eben nur diese eine. Wenn du noch mehr willst, musst du dich noch mal auf den Weg machen … Er war nun mal einfach ein Dreckskerl, verstehst du? Ein Dreckskerl!«

»Ja, ich verstehe«, sagt Anton und lächelt unheilvoll. »Da gibt’s ja auch nicht viel zu verstehen. Aber jetzt verrate mir doch mal, warum er sich anschließend aufgehängt hat. Warum er nicht noch mal zum Goldenen Kreis gegangen ist. Um seinen Bruder zurückzuholen. Hm?«

»Das weiß ich nicht«, sagt Viktor düster.

»Aber ich weiß es«, säuselt Anton schmeichlerisch. »Und du weißt es auch, aber du hast Angst, es vor dir selbst zuzugeben.«

Er steht ruckartig auf und zieht seinen Rucksack zu der Wand des am nächsten stehenden Hauses.

»Geht zum Teufel, und lasst mich in Ruhe!«, sagt er. »Ich bleibe hier und warte. Wenn es sein muss, auch hundert Jahre. Lieber verrecke ich hier, als dass ich zu euch zurückkehre. Was habt ihr denn noch: weder Güte noch Liebe noch Freundschaft. Nur noch Gemeinheit und Fäulnis. Ich dachte an Inspiration, an Meisterwerke – Professor, nichts davon existiert, verstehen Sie? Nichts! Das Schreiben widert mich an. Ich kann und will das nicht mehr. Diese schändliche, niederträchtige Beschäftigung, die doch nichts anderes ist als sich vor dem Spiegel die Pickel auszudrücken. Ständig fordern sie von dir: Schreib, schreib noch was, schreib! Du bist verpflichtet, du musst … Schluss damit! Schreibt gefälligst selber was. Ich will meine Ruhe. Mehr brauche ich nicht. Ruhe und Freiheit von all diesen Mistkerlen! Geht schon.«

 

Viktor und der Professor entfernen sich, unter der Last ihrer Rucksäcke gebeugt. Anton sieht ihnen nach, wie sie die Straße entlanggehen. Vielleicht sieht er ihnen aber auch nicht nach. Vielleicht wartet er bereits darauf, dass ihm im nächsten Augenblick erneut diese Welt der Ruhe und Stille erscheint. In fieberhafter Erwartung glaubt er bereits zu sehen, wie sich die Straße in Dunst hüllt, schon macht er einen ersten, krampfhaften Schritt darauf zu, doch da beginnen sich in dem Dunst die Umrisse eines ganz anderen Bildes abzuzeichnen: gigantische, vielgeschossige Gebäude aus spiegelndem Glas, Ströme von Autos, Massen dahineilender Fußgänger, grell flackernde Reklameschilder … Noch ehe sich diese unnötige, verhasste Welt endgültig materialisiert, dreht sich Anton zu seinem Rucksack um. Und erstarrt, als er etwas erblickt, das ihm bis dahin nicht aufgefallen ist.

Etwa zehn Schritt von ihm entfernt liegt an der Mauer ein Haufen Lumpen, aus dem weiße Knochen und ein schaurig grinsender Schädel hervorschauen. Daneben ist ein halb verblichener Tornister zu erkennen.

Hastig schultert Anton seinen Rucksack und zieht eine Flasche daraus hervor.

Viktor und der Professor gehen einen Feldweg entlang. Die Siedlung liegt längst hinter ihnen. Der Weg ist bedeckt mit feinem Staub, der bei jedem Schritt auffliegt und noch einige Zeit in der unbewegten Luft hängt. Es ist sehr heiß, auf dem Weg vor ihnen flimmern Luftspiegelungen.

Rechts des Weges zieht sich ein morscher, halb verfallener Zaun entlang, dahinter liegt ein Weizenfeld, in dem Unkraut wuchert.

Sie treffen auf einen Durchbruch im Zaun. Und auf die gerippten Spuren von Kettenfahrwerken, die vom Zaun bis hierher und dann weiter auf dem Weg verlaufen.

»Aha«, macht Viktor. »Hier sind sie also durchgekommen.«

»Wer?«, fragt der Professor.

»Eure Leute … Also, die Expedition von eurem Institut. Das musst du doch wissen. Vor einem halben Jahr haben die sich auf den Weg gemacht und sind seither spurlos verschwunden.«

Der Professor bleibt stehen. »Milowanowitsch?«, fragt er, wie vom Donner gerührt. »Milowanowitschs Gruppe?«

»Wessen Gruppe das war, weißt du besser als ich. Ich hab mich nur immer gefragt, welche Route sie genommen haben und wo sie dann alle draufgegangen sind. Jetzt ist klar, dass sie mindestens bis hierher gekommen sind. Das ist ziemlich weit. Gut, schauen wir nach, wo es sie erwischt hat.«

Sie folgen den gerippten Spuren.

Sie stehen an einer Gabelung. Der eine Weg führt den Hang eines flachen Hügels hinauf, der andere links um den Hügel herum und verschwindet dahinter. Die Spuren der Fahrzeuge folgen dem linken Weg.

»Bis hierher bin ich letztes Mal gekommen«, sagt Viktor zufrieden. »Ich stand da wie ein Idiot und hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Auf Aasgeiers Karte ist ein Weg eingezeichnet, aber hier sind ja zwei. Ich stand also da und kam nicht weiter. Weder geradeaus noch nach links. Und dass ich nicht vorankam, bedeutete, dass ich nicht weitergehen durfte. Also bin ich wieder zurück.«

»Milowanowitsch ist nach links«, sagt der Professor unschlüssig.

»Und ward nicht mehr gesehen!«, ergänzt Viktor. »Wohin sollen wir also gehen? Warte, diesmal geh ich voraus. Dieser Hügel hier gefällt mir nicht. Ganz und gar nicht …«

Von der Hügelkuppe aus ist deutlich die Stelle zu erkennen, über die Milowanowitschs Expedition nicht hinausgekommen ist: eine Brücke über eine tiefe Schlucht. Der untere Weg führt zu dieser Brücke, über sie hinweg und verschwindet auf der anderen Seite der Schlucht hinter einigen Baumgruppen.

Der Professor und Viktor schauen hinab, dabei halten sie sich schützend die Hände über die Augen. Auf dem Gesicht des Professors liegt eine Mischung aus Grauen und schmerzvollem Staunen, Viktors Miene dagegen verrät so etwas wie düstere Schadenfreude.

Milowanowitschs Gruppe ist mit drei Kettenfahrzeugen unterwegs. Das vorderste ist ein gewöhnlicher gepanzerter Militärtransporter, die anderen beiden sind Geländefahrzeuge, die man zu Feldlabors umgebaut hat. Menschen sind nicht zu sehen, nur aus der Kommandoluke des ersten Fahrzeugs ragt bis zur Hüfte Milowanowitsch selbst heraus – ein hagerer älterer Mann in einem khakifarbenen Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, schwarze Haare, Hakennase, ein breiter Schnauzer, dessen Enden wie bei einem Heiducken bis unters Kinn herabhängen.

Das vordere Fahrzeug rollt auf die Brücke zu, Milowanowitsch dreht sich um, hebt die Hand und gibt dem Fahrer des nächsten Wagens mit den Fingern ein Zeichen. Der gepanzerte Transporter rollt auf die Brücke, schiebt sich langsam über sie hinweg und erreicht die gegenüberliegende Seite der Schlucht. Sogleich fährt der zweite Wagen auf die Brücke. Über seine Ladefläche spannt sich eine weiße, matt schimmernde Kuppel mit mehreren Metern Durchmesser. Dahinter folgt das dritte Fahrzeug, auf dem sich ein riesiges Ortungsgerät im Kreis dreht. Der Konvoi fährt zügig weiter, dann lösen sich die Fahrzeuge plötzlich gleichsam in Luft auf – mitsamt dem Staub, den sie aufgewirbelt haben – und tauchen nur einen Augenblick später wieder, eines nach dem anderen, an derselben Stelle vor der Brücke auf. Der hakennasige, rabenschwarze Milowanowitsch dreht sich erneut um, hebt wieder die Hand, gibt mit den Fingern ein Zeichen, die Fahrzeuge rollen nacheinander über die Brücke, verschwinden, Gespenstern gleich, von der Bildfläche, nur um erneut an der besagten Stelle vor der Brücke zu erscheinen, und wieder hebt Milowanowitsch die Hand und so weiter, immer und immer wieder …

»Verstehe, sie stecken in einer Schleife fest«, sagt Viktor. »Auf dem Roten Berg gibt es auch so eine Stelle, da ist Würger damals reingetappt und dreht sich nun schon seit zehn Jahren im Kreis …«

»Der arme Milowanowitsch …«, murmelt der Professor bitter. »Was für ein großer Wissenschaftler – und was für ein Schicksal.«

»Was denn für ein Schicksal?«, widerspricht Viktor verächtlich. »Dafür überleben die uns alle. Wir krepieren, unsere Kinder sterben, die dagegen drehen weiter ihre Runden, als wäre nichts gewesen. Sie kriegen ja gar nicht mit, was mit ihnen passiert, nicht die leiseste Ahnung haben sie davon, sondern donnern einfach immer wieder über die Brücke, und jedes Mal ist es für sie wie neu. Kein Grund also, deswegen groß rumzuheulen. Abmarsch!«

Rechts ölig-schwarzer Sumpf, links ölig-schwarzer Sumpf. Mit schmatzenden Schritten gehen die beiden einen halb vermoderten Bohlendamm entlang. Die Ausdünstungen des Sumpfs wabern in trägen Wellen hin und her. Die Sichtweite beträgt maximal vier Schritt. Viktor geht vorneweg. Beide atmen schwer, sie sind sichtlich erschöpft. Der Professor schleppt sich mühsam weiter, stolpert immer wieder.

Plötzlich verharrt Viktor reglos, als wäre er gegen ein unsichtbares Hindernis gestoßen. Stocksteif steht er da und dreht vorsichtig die Nase von einer Seite zur anderen. Der Professor holt ihn ein, bleibt neben ihm stehen und stützt sich auf seinen Wanderstab. Er atmet schwer.

»Was ist?«, fragt er. »Warum … stehen wir?«

»Still«, sagt Viktor leise.

Er macht eine Bewegung, wie um einen Schritt zu machen, zieht den Fuß aber wieder zurück. Er greift in die Hüfttasche, holt eine Mutter hervor, holt aus, wirft aber nicht. Die Mutter fällt ihm aus der Hand. Sein Gesicht ist bleich, fast grün, und schweißgebadet.

»N-nein«, murmelt er. »Ich kann nicht …«

Er breitet die Arme aus, beginnt rückwärts zu gehen und drängt auch den Professor mit sich zurück. Dann nimmt er ihm, ohne sich umzusehen, den Stab aus der Hand und steckt ihn prüfend in den Sumpfboden neben dem Bohlenweg.

»So ist es sicherer«, sagt er heiser. »Los, mir nach …«

Vorsichtig verlässt er den Bohlenweg und sinkt sogleich bis zum Oberschenkel ein.

»Wozu?«, fragt der Professor wehleidig. Er ist sehr erschöpft.

Viktor antwortet nicht. Mit dem Stab tastet er sich weiter voran und entfernt sich immer mehr von dem Bohlenpfad.

Die beiden Männer sind vollkommen ausgelaugt und schlammbedeckt. Der Nebel ist noch dichter geworden. Bis zum Gürtel waten sie durch die schmatzende Brühe, stolpern immer wieder, tauchen unter, spucken aus und husten. Stehen bleiben ist völlig ausgeschlossen, sonst würde der Morast sie einsaugen.

Plötzlich sinkt der Professor bis zum Hals ein, versucht sich freizukämpfen und flach auf die Oberfläche zu legen. Als ihm dies nicht gelingt, schreit er panisch: »Viktor, helfen Sie mir!«

Viktor dreht sich um. Auf seinem Gesicht liegt reines Grauen.

»W-was machst du da?«, ruft er mit belegter Stimme und watet schlammspritzend auf den Professor zu. »Den Rucksack! Wirf den Rucksack weg!«

Der Professor schüttelt den Kopf, der gerade noch so aus der Brühe herausragt.

»Den Stab!«, sagt er heiser. »Reich mir den Stab!«

»Lass den Rucksack fallen, sag ich!«

»Den Sta...« Der Kopf des Professors versinkt zu Gänze im Morast, dann taucht er wieder auf und brüllt mit furchtbarer Stimme: »Reich mir den Stab, du Dreckskerl!«

Er versucht, den Stab zu packen, den Viktor ihm hinhält, greift erst daneben, aber dann ertastet er ihn doch und klammert sich mit beiden Händen daran fest.

Sonne. Eine glühende, steinige Ödnis. In der Ferne gelbe Gesteinshalden, die Schaufel eines abgestellten Baggers ragt dort in die Höhe. Viktor und der Professor sitzen im Schatten eines Häuschens, besser gesagt, eines Waggons ohne Fahrgestell. Irgendwann einmal befand sich hier das Büro des Unternehmens, das in dieser Grube Tagebau betrieb.

Die beiden teilen sich eine Flasche mit Hochprozentigem und streiten müde miteinander.

»Du wärst wie eine Ratte ertrunken«, knurrt Viktor. »Und hättest mich noch mit hinuntergezogen.«

»Was mussten Sie auch mitten durch den Sumpf waten«, gibt der Professor zurück.

»Es hat dich nicht zu interessieren, wo ich langgehe.«

»Und mein Rucksack hat Sie nicht zu interessieren.«

»Was hast du denn da drin? Gold?«

»Ich fass es nicht! Da gehen wir einen wunderbaren, ebenen Weg entlang. Und plötzlich steigt der einfach in den Sumpf!«

»Ich hab eben einen sechsten Sinn, wann willst du das endlich kapieren? Ich kann den Tod riechen!«

»Lassen Sie mich doch in Ruhe mit Ihrem sechsten Sinn. Es grenzt an ein Wunder, dass wir es wieder rausgeschafft haben.«

»Wunderlich bist allein du mit deiner doofen Brille!« Viktor schlägt sich auf die Knie, woraufhin angetrockneter Schlamm von ihm wegspritzt.

»Meine Brille geht Sie genauso wenig an. Wegen Ihnen bin ich ohnehin schon zur Hälfte blind.«

»Anstatt dir deine Sehhilfe wegzunehmen, sollte ich dir vielleicht besser deinen Stock um die Ohren hauen! Wegen ein paar dreckiger Unterhosen beinahe den Löffel abzugeben! Gib schon die Flasche …«

»Was haben meine Unterhosen damit zu tun?«

»Was hast du denn sonst in deinem Rucksack? Na schön, Konserven vielleicht. Aber wegen ein paar Konserven …«

»Sie haben ja Ihren Rucksack auch nicht weggeworfen.«

»Ich bin erstens auch nicht beinahe ertrunken. Und zweitens hab ich da drin noch einen zweiten Schutzanzug! Für alle Fälle …«

Der Professor winkt resigniert ab, dreht den Rucksack auf die Seite und legt sich so hin, dass sein Kopf darauf zu liegen kommt. Viktor zündet sich eine Zigarette an und lässt den Blick über die Umgebung schweifen. Dann legt auch er sich auf den Rücken, rutscht hin und her und zieht unter sich eine rostige Konservendose hervor. Er betrachtet sie von allen Seiten.

»Aasgeiers Proviant«, sagt er und wirft die Dose beiseite. »Was für ein Mistkerl. In dem Sumpf hat er überhaupt nichts eingezeichnet, dabei war da was … Kann natürlich sein, dass es erst später entstanden ist, nachdem er hier durch ist …«

»Sagen Sie mal, Viktor«, fragt der Professor, ohne die Augen zu öffnen, »ist Aasgeier wirklich der Einzige, der jemals den Goldenen Kreis erreicht hat?«

»Ja. Ich wüsste sonst niemanden.«

»Und kennen Sie Menschen, die es versucht haben, aber nicht bis ans Ziel gekommen sind?«

»Ja, ein paar schon. Ich hab es ja selbst versucht und nicht geschafft.«

»Was wollten diese Leute dort?«

»Jeder hatte seine eigenen Gründe. Meistens natürlich Geld.«

»Und Sie?«

Viktor schweigt angespannt.

»Das ist was Persönliches … eine Familiensache.«

»Wie bei Aasgeier?«

Viktor richtet sich ruckartig auf und starrt den Professor an. Aber dieser liegt mit geschlossenen Augen da, die Hände friedlich über der Brust gefaltet.

»Vergleich mich niemals mit Aasgeier!«, sagt Viktor drohend.

Der Professor schweigt.

»Du hast Aasgeier nicht gekannt, hast ihn nie selbst gesehen«, fährt Viktor fort und legt sich wieder hin. »Und mich kennst du auch nicht. Also lass diese Vergleiche.«

»Niemand kennt niemanden«, sagt der Professor, ohne die Augen zu öffnen.

»Warum?«

»Weil unser Jahrhundert ganz schwarz ist«, sagt der Professor, »und einen Zylinderhut trägt, und dennoch laufen wir, und wenn die Stunde schlägt, die Stunde, da wir unsere täglichen Besorgungen nicht erledigen, teilt sich unser Sein, und wir träumen nicht mehr.«

»Was ist das schon wieder für ein Gebet?«, fragt Viktor verächtlich.

»Das ist der heilige Apollinaire.«

»Hm? Aha … Also ich bin nicht gläubig.«

»Aber an den Goldenen Kreis glauben Sie?«

»Na ja, der Goldene Kreis … Wie soll man an den denn nicht glauben? Er ist doch unsere letzte Hoffnung. Sogar du glaubst an ihn, obwohl du ein Wissenschaftler bist.«

»Ja, ich glaube an ihn. Überhaupt neige ich dazu, an Märchen zu glauben, die schlecht ausgehen. An die mit gutem Ende glaube ich nicht, an die mit schlechtem Ende dagegen schon.« Plötzlich setzt sich der Professor auf. »Haben Sie denn nie darüber nachgedacht, was passiert, wenn alle an den Goldenen Kreis glauben? Wenn sie auf einmal alle da hinwollen, zu Tausenden, zu Hunderttausenden?«

»Na und? Auch jetzt schon glauben viele daran, aber versuch erst mal hinzukommen!«

»Das werden sie, mein Freund, das werden sie. Einer von tausend wird es schaffen. Aasgeier hat es ja auch geschafft. Und Aasgeier war nicht mal der schlechteste Mensch. Da gibt es noch viel Schlimmere. Die benötigen kein Gold und haben auch keine Familiengeschichten, die sie klären wollen. Dafür werden sie die Welt verbessern wollen, mein Freund! Alle Menschen auf der Welt werden sie nach ihrem Gutdünken umformen wollen … Stellen Sie sich doch mal vor, wie viele davon unter uns leben: all diese Möchtegern-Weltenherrscher, Führer jeglicher Couleur, Großinquisitoren, Fanatiker, Wohltäter der Menschheit oder auch nur einfach Wahnsinnige! Haben Sie darüber mal nachgedacht?«

»Nein«, antwortet Viktor verächtlich. »Die sind mir völlig egal.«

»Sehr bedauerlich. Sie denken nicht an diese Leute, aber diese Leute denken sehr wohl an Sie. Stellen Sie sich nur für einen Augenblick vor, Sie hätten unseren Schriftsteller doch noch bis zum Goldenen Kreis geführt. Er hasst doch alle und jeden! Er träumt von einem grünen Stück Land, nichts als Leere, Stille und Ruhe – letztlich ein Friedhof. Ich glaube, sogar er selbst hat das irgendwie verstanden. Und ist genau deshalb nicht mit uns weitergegangen.«

Eine Zeit lang schweigen sie. Viktor pult sich nachdenklich Stückchen angetrockneten Schlamms von der Kleidung.

»Nein«, sagt er dann. »Du kennst die Menschen nicht, Filipp, deshalb klopfst du hier so philosophische Sprüche. Kann schon sein, dass einer zum Goldenen Kreis kommt, der die ganze Welt verändern will. Aber das wird ihm nicht gelingen, weil ihm in Wirklichkeit die Welt völlig egal ist. Was er eigentlich braucht, ist eine Geliebte, was zum Trinken und einen Haufen Geld … na gut, vielleicht wünscht er sich noch, dass seinem Boss die Barthaare nach innen wachsen. All der Fanatismus, die ganzen Führer, woher kommt das? Entweder weil ihn die Weiber verschmähen oder weil er eine schlechte Verdauung hat und aus dem Mund stinkt, und deshalb ist er sauer. Du zum Beispiel, warum willst du da hin?«

Der Professor setzt ein schiefes Lächeln auf. »Jedenfalls nicht wegen der Weiber.«

»Das ist mir schon klar. Irgendwas Wissenschaftliches also? Weil sie dich damals auf die Expedition nicht mitgenommen haben, willst du es jetzt allen beweisen. Und das ist absolut richtig so. Richtig, verstehst du? Du bist nicht hier, um die Welt zu verändern, sondern um deine persönlichen Angelegenheiten zu richten, irgendeine Entdeckung zu machen, damit sie alle ›Ah‹ und ›Oh‹ schreien. Sieh einer an, was unser Filipp doch für ein Prachtkerl ist, na dann, verleiht ihm mal schnell den großen Weltpreis! Stimmt’s?«

»Na gut, angenommen …«

»Nix da angenommen – genauso ist es doch! Hab ich etwa umsonst von eurem Institut zwei Jahre lang Gehalt bezogen? Ich kenn euch doch alle in- und auswendig … Soll ich dir vielleicht sagen, was du da in deinem Rucksack hast?«

Der Professor putzt sorgfältig das eine Glas seiner Brille. »Nur zu«, sagt er, ohne aufzublicken.

»Doch sicher irgendwelche Apparate! Anemometer, Radiometer, Amperemeter, Variometer … Für die geht ihr doch bereitwillig in den Tod. Aasgeier für sein Gold und ihr für eure Maschinchen mit all den schönen Zifferblättern! Und jetzt willst du dein ganzes Zeug natürlich auf den Goldenen Kreis stellen und dir irgendwelche Werte aufschreiben. Mehr willst du gar nicht. Und, hab ich’s erraten? Eher wärst du selbst ertrunken, als dein Spielzeug im Stich zu lassen …«

Der Professor setzt seine Brille auf und blickt ihn herausfordernd an.

»Ja, Sie haben es erraten – allerdings nicht ganz. Es ist ein Expresslabor. Ein Automat.«

Viktor lacht selbstzufrieden.

»Na schön, ein Automat. Wo ist der Unterschied? Telemetrie, noch besser sogar. Du kommt nach Hause zurück, ziehst dir deinen weißen Kittel an, und dein Labor überträgt dir von hier aus sämtliche Daten. Also lass das philosophische Gerede, Alter. Wir sind doch alle Menschen, alle von derselben Sorte. Du kannst auf dem Goldenen Kreis von mir aus der gesamten Menschheit alles Glück der Welt wünschen – die Sache ist nur die: Der Goldene Kreis erfüllt nur deine SEHNLICHSTEN Wünsche!«

Sie durchqueren die öde, steinige Landschaft und bewegen sich auf die gelben Gesteinshalden der Grube sowie die erhobene rostrote Baggerschaufel zu. Der Professor geht voraus. Er hinkt stark und stützt sich auf seinen Stab.

Sie stehen am Rand der Grube und blicken hinab. Auf ihren schmutzigen Gesichtern leuchtet der gelbe Widerschein des Goldenen Kreises.

Links von ihnen führt eine flache Rampe in die Grube hinab, zerfurcht von Raupenketten und Lkw-Rädern. Am Anfang der Rampe steht schief auf einem Haufen verwitterten Gesteins der Bagger mit der erhobenen Schaufel.

»Eine andere Zufahrt zur Grube gibt es nicht«, sagt Viktor. »Hier sind überall ›Mückenglatzen‹ und jede Menge anderes Dreckszeug.«

Der Professor wischt sich mit zitternder Hand das Gesicht.

»Und wenn wir es über den Steilhang versuchen, mit einem Seil?«

»Du bist schon ein komischer Vogel. Ich sag doch, das geht nicht. Es wäre der sichere Tod.«

Sie sprechen mit leisen, fast gleichgültigen Stimmen – erschöpft und völlig ausgelaugt von der gnadenlos herabbrennenden Sonne.

»Hier ist es weniger sicher?«

»Fifty-fifty.«

Der Professor wischt sich erneut übers Gesicht und blickt zu der Rampe hin. Eine breite Fahrbahn, durchfurcht von Raupenketten und Lkw-Rädern. Nichts Schreckliches, nichts Bedrohliches.

»Was ist hier? Feuer? Strom?«

»Keine Ahnung«, antwortet Viktor. »Ich weiß nur, dass der Erste zu fünfzig Prozent durchkommt und der Zweite zu hundert.«

»So ähnlich wie bei dem Rohr?«

»So ungefähr.«

Der Professor sieht Viktor an. »Deswegen hast du mich also mitgenommen?«

»Ja.«

Der Professor wendet den Blick ab und schaut wieder zur Rampe hin. »Und wenn ich nicht will?«

»Dann bringe ich dich um«, sagt Viktor ruhig, und als der Professor darauf nur mit einem schiefen Lächeln reagiert, fährt er genauso ruhig fort: »Dich bring ich um, und dein Expresslabor mach ich zu Kleinholz. Darauf gebe ich dir mein Wort.«

Der Professor legt langsam seinen Rucksack ab und öffnet den Verschluss. Zum Vorschein kommt der obere Teil eines massiven Metallzylinders, der matt in der Sonne glänzt. Weder Zifferblätter noch Skalen sind zu sehen. Nur eine Wählscheibe, ähnlich wie bei einem Telefon, mittig auf der oberen Stirnseite.

Langsam gibt der Professor eine vierstellige Nummer ein. Es ertönt ein leises Klicken.

»Es dürfte schwierig sein, so ein Teil zu Kleinholz zu machen.«

»Keine Sorge, ich lass mir was einfallen«, sagt Viktor. »Das kannst du mir glauben. Für alle Fälle habe ich nämlich eine Dynamitstange dabei. Zugegeben, ich hätte mir nicht mal im Traum ausmalen können, wofür ich sie verwenden werde …«

Der Professor richtet sich wieder auf. »Was die Fifty-fifty-Chance angeht, lügst du natürlich.«

Viktor schüttelt den Kopf. »Nein«, sagt er. »Wenn Aasgeier nicht gelogen hat, lüge ich auch nicht.«

Der Professor fixiert jetzt wie gebannt die Rampe.

»Dem Tod, da er bekannt«, murmelt er, »vermocht ich nicht ins Angesicht zu sehen. So brachten sie allein und mit verbund’nen Augen mich zu ihm … Sollten wir nicht wenigstens losen?«

»Nein, gelost wird nicht. Das hier ist kein Spiel. Immer wollt ihr Spiele spielen, aber ich kann mir das nun mal nicht leisten. Meine Tochter ist ein Krüppel. Ich hab mich in der Zone rumgetrieben, und sie bezahlt jetzt dafür. Ein Kind. Die anderen hänseln sie. Und man kann nichts dagegen tun. Meine gesamte Beute hab ich bereits für Ärzte verbraten, ohne dass es irgendwas gebracht hat. Die versprechen mir auch schon gar nichts mehr. Das hier, das ist meine letzte Hoffnung. Ich darf nichts riskieren. Geh schon, Filipp. Hab keine Angst. Alles wird gut. Geh.«

Der Professor hat jetzt große Angst. Er macht ein paar Schritte auf die Rampe zu, man sieht, wie ihm mehrmals die Beine einknicken. Dann bleibt er stehen und lässt den Kopf hängen. Viktor zieht ein Klappmesser aus einer Tasche und lässt hinter seinem Rücken die Klinge hervorschnellen.

»Tut es weh?«, fragt der Professor, ohne sich umzudrehen.

»Nein«, antwortet Viktor. »Nein! Du spürst nicht das Geringste … Was sag ich denn: Es wird überhaupt nichts passieren. Geh nur schön weiter, alter Junge, geh!«

Und der Professor geht weiter. Erst stolpert er langsam über Schlaglöcher hinweg, dann geht er immer schneller und schneller, und schließlich beginnt er zu laufen, wobei er sich den gekrümmten Arm schützend vors Gesicht hält.

Viktor wendet sich ab. Seine Augen sind fest zusammengekniffen, die Faust, in der er das Messer hält, hat er gegen den Mund gepresst, seinen Kopf zwischen die Schultern gezogen. Einige Sekunden lang hört er noch das sich immer mehr entfernende Stampfen der schweren Stiefel des Professors, dann reißt das Geräusch plötzlich ab, und man hört einen kurzen, unterdrückten Schrei. Viktor hält sich die Ohren zu. Auf dem Boden vor seinen Füßen landet eine Brille, ihr Glas zersplittert.

Eine Zeit lang steht er reglos da, dann nimmt er vorsichtig die Hände von den Ohren.

Stille. Nein, nicht ganz: Zu hören ist ein schwaches Ticken. Viktor bückt sich, hebt das Brillengestell auf, hält es fest in seiner Hand und dreht sich vorsichtig um.

Auf der Rampe ist niemand. Und nichts. Das Ticken dagegen wird immer lauter. Es kommt von dem Expresslabor, das aus dem offenen Rucksack des Professors herausragt. Wütend und verzweifelt tritt Viktor mit dem Stiefel dagegen, woraufhin es schwer zur Seite fällt. Keine Zeit mehr zu verlieren.

Viktor beginnt mit dem Abstieg in die Grube. Dabei wischt er sich immer wieder mit dem heil gebliebenen Ärmel über das schweißgebadete Gesicht. Seine Lippen bewegen sich lautlos. Er sieht aus wie besessen. Er ist besessen.

Bis zum Knöchel in dem weißen Sand versinkend, durchquert er den Grund der Grube und erreicht den Rand einer riesigen, gelb schimmernden Scheibe. Ohne zu zögern, macht er einen ersten Schritt, sein Fuß sinkt ein, und er watet durch diese goldene Schicht, hinterlässt darin schwarze, rissige Löcher und bewegt dabei ständig die Lippen, wiederholt unablässig lautlose Worte, die Augen halb geschlossen und den Kopf in den Nacken gelegt … Dann spürt er Sand unter den Füßen und geht auf diesem Sand weiter, und ein Zwielicht breitet sich in der Grube aus, und er geht weiter auf dem Sand, und es wird dunkel in der Grube, und ein Quietschen ist zu hören, wie wenn sich eine Holztür öffnet, und das weiche Geräusch der Schritte im Sand geht über in das Klopfen von Absätzen auf Stein, und in grauem Licht geht Viktor einige Stufen hinauf und betritt das Treppenhaus seines Hauses. Hier ist alles wie zuvor: das blendend grelle Licht der schirmlosen Lampe, die schmuddelige Treppe, die hässliche Karikatur an der Wand, nur der Besoffene mit dem bunten Schal steht nicht mehr da, sondern sitzt jetzt breitbeinig in derselben Ecke, sein Kopf kraftlos auf die Brust herabgesunken.

Mit zitternder Hand schließt Viktor seine Wohnung auf und betritt den leeren Flur, öffnet die Tür zum Wohnzimmer und verharrt auf der Schwelle.

Seine Frau steht beim Tisch und schaut ihn an, neben ihr steht, auf die kleinen Krücken gestützt, das Mädchen, die spitzen Schultern weit nach oben gedrückt, die dünnen, kranken Beine schief auf dem Boden stehend, auch das Mädchen schaut durch die schwarze Brille in seine Richtung, jedoch nicht direkt, sondern leicht daneben.

Sogleich verlässt ihn jede Hoffnung. Er lässt den Kopf sinken, zieht sich ungelenk den Rucksack von den Schultern und lässt ihn zu Boden fallen. Der Rucksack platzt der Länge nach auf, und aus dem Riss ergießt sich ein Schwall goldener Münzen und frisch banderolierter Banknotenpäckchen.

Dumpf betrachtet er den Haufen, und auch seine Frau schaut mit versteinertem Gesicht darauf, nur das Mädchen schaut durch seine schwarze Brille in eine ganz andere Richtung.

Sie schweigen. In der Stille ist auf einmal ein Ticken zu hören, das immer lauter wird. Plötzlich bricht das Ticken ab, und ein blendendes Licht bricht durch die Fenster herein. Viktor und seine Frau schreien auf und halten sich die Hände schützend vors Gesicht, das Mädchen aber dreht sein Gesicht schnell den Fenstern zu. Das Licht jenseits der Fenster schwindet, und ein furchtbarer Schlag erschüttert das Haus. Klirrend und splitternd zerbrechen die Scheiben, die Fensterrahmen fliegen auf, und durch die leeren Öffnungen ist zu sehen, wie über den schwarzen Silhouetten der Häuser eine eitrige Blase anschwillt – der sich aufblähende Feuerpilz einer Atomexplosion.

In diesem Moment blickt Viktor auf seine geballte Faust herab und löst die Finger. Ein schwarzes, verunstaltetes Brillengestell gleitet aus seiner Hand und fällt auf die goldene Flut, die noch immer langsam aus dem aufgerissenen Rucksack hervorrinnt.

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