Unter Palmen und Buchen: Erster Band
Die Folgen einer telegraphischen Depesche.
Telegraphische Depesche
Dr. A. Müller Leipzig –straße 15.
Herzlichsten Glückwunsch – heutigen Geburtstag noch oft wiederkehren – Alle
wohl – tausendmal grüßen – Inniger Freundschaft.
M e h l i g .
Obige Depesche war Morgens Früh, sieben Uhr in Berlin aufgegeben worden, gelangte durch den Drath nach Leipzig und wurde dem erst gestern angestellten Depeschenträger Lorenz als erste Besorgung zur augenblicklichen Beförderung übergeben.
Lorenz lief was er laufen konnte, warf am richtigen Haus angelangt, noch einen flüchtigen Blick auf die Adresse, zog dann die Klingel an der Hausthür, und wurde ohne Weiteres eingelassen.
Wie er die Hausflur betrat, öffnete sich rechts eine Thür. Ein ältliches Fräulein mit weißer Haube und Schürze kam heraus, und trug einen Präsentirteller in der Hand, auf dem das, wahrscheinlich eben gebrauchte Kaffeeservice stand; Lorenz trat auf sie zu.
»Telegrafische Depesche!« sagte er und hielt ihr das Couvert mit dem rothen Streifen entgegen.
»Jesus Maria und Joseph!« schrie die Dame, schlug in blankem Entsetzen die Hände über den Kopf zusammen und ließ das ganze Kaffeeservice auf die Erde fallen.
»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, indem er sich bückte und die halbe Kaffeekanne aufhob, den Präsentirteller aber liegen ließ.
»Von wem ist sie denn?« schrie aber die Dame, ohne selbst in dem Augenblick des zerbrochenen Geschirrs zu achten.
»Ja das weeß ich Sie werklich nich,« sagte Lorenz, »aber sie is für den Herrn Doctor Müller.«
»Doctor Müller? – Sie Ungeheuer Sie, was bringen Sie mir denn da das entsetzliche Papier?« rief die Dame mit vor Zorn gerötheten Wangen.
»Aber ich bitte Sie um tausend Gottes Willen mein bestes Mamsellchen!«
»Jetzt kann mir Ihr Telegraph mein Service bezahlen,« zürnte aber die schöne Wüthende, »das ist ja ärger wie Einbruch und Diebstahl! oh, das herrliche Porcellan!« Sie kniete neben den Scherben nieder und begann die auseinander gesprengten Stücke, allerdings vergebens, wieder zusammenzupassen. Lorenz wurde es aber unheimlich und wenn er auch nicht recht begriff weshalb die Dame so erschreckt sei, hielt er dies doch für einen passenden Moment sich aus dem Staub zu machen. Doctor Müller wohnte jedenfalls oben. In Gedanken behielt er auch die halbe Kaffeekanne bis zur Treppe in der Hand, dort legte er sie aber vorsichtig auf die erste Stufe und stieg dann rasch hinauf in die Bel-Etage.
Hier mußte er wieder klingeln. Ein Dienstmädchen öffnete ihm die Thür.
»Telegrafische Depesche!« sagte Lorenz und hielt ihr das Papier entgegen. Kaum war aber das Wort heraus, als das Mädchen ihm die Thür wieder vor der Nase zuschlug und er hörte nur noch wie sie drin über den Gang stürzte und in ein Zimmer hineinschrie: »O Du lieber Gott eine telegraphische Depesche.« Ein lauter Schrei antwortete – ängstlich hin und wiederlaufende Schritte wurden drinnen laut und Niemand schien sich weiter um Lorenz zu bekümmern.
»Hm,« dachte dieser, »das is mer doch eene kuriose Geschichte – was se nur derbei haben? – wenn se nich bald kommen, bimmele ich noch eenmal.«
Schon hatte er die Hand zum zweitenmale nach der Klingel ausgestreckt, als es drinnen wieder laut wurde. Deutlich konnte er die Schritte einer Anzahl von Personen hören, die auf die Saalthür zukamen und diese wurde endlich wieder halb geöffnet.
Wenn Lorenz nicht selber so erschreckt gewesen wäre, hätte er gern gelacht, denn auf dem Gang drinnen stand die wunderlichste Procession, die er in seinem ganzen Leben gesehen. Vorn ein Herr mit einem dicken rothen Gesicht und feuerrothem Backenbart, einem sehr schmutzigen Schlafrock, darunter die zusammengebundenen Unterhosen und ein Paar niedergetretene Pantoffeln. Hinter ihm stand eine Dame, ebenfalls im höchsten Morgennegligée mit weißer Nachtjacke und Unterrock. Rechts und links von diesen beiden drängten sich zwei Dienstboten herbei, Neugierde und Furcht in den bleichen Gesichtern und vier oder fünf Kinder schauten dazu mit den noch ungewaschenen und ungekämmten Köpfen vor, wo sie irgend Raum finden konnten diese durchzuschieben.
»Telegrafische Depesche für Herrn Doctor Müller,« sagte Lorenz, um diesmal keine Verwechslung des Namens möglich zu machen.
»Müller? – Holzkopf!« schrie aber der Herr im Schlafrock und warf die Thür von innen wieder dermaßen in's Schloß, daß Lorenz kaum Zeit behielt zurückzuspringen.
Etwas erstaunt blieb er, mit seiner Depesche in der Hand, jetzt an der Schwelle stehn, fing aber doch nun an zu glauben, daß die ganze Sache irgend etwas Furchtbares und Gefährliches in sich trage, das mit den geheimnißvollen Telegraphendrähten natürlich in directer Verbindung stehen mußte, und daß jetzt mehr als je daran liege, die richtige Person dafür zu finden. Vor allen Dingen suchte er deshalb, ehe er sich weiteren Mißverständnissen aussetzte, die Wohnung des besagten Doctor Müller ausfindig zu machen und der Zeitungsjunge, der eben das Tageblatt brachte, diente ihm dabei als untrügliche Quelle.
»Doctor Müller?« sagte dieser – »eine Treppe höher, können gleich das Tageblatt mit hinaufnehmen – doch Treppen genug zu laufen.«
Lorenz übernahm die Besorgung und befand sich bald zu seiner innigen Beruhigung an der rechten Thür. Ein kleines weißes Schild mit dem Namen des Dr. Müller darauf zeigte ihm, daß er sein Ziel erreicht habe.
An dieser Vorsaalthür war keine Schelle. Er klopfte erst ein paar Mal, und da ihm Niemand antwortete, drückte er die Klinke nieder und trat ein. Auf dem Vorsaal sah er auch Niemanden und die Küche stand leer, in der nächsten Stube hörte er aber Stimmen, ging dort hinüber und klopfte an.
Wie sich die Thür öffnete glänzte ihm ein mit Blumen, Torten und Geschenken bedeckter Tisch entgegen und eine junge allerliebste kleine Frau frug ihn freundlich was er wünsche. Lorenz, der außerordentlich gutmüthigen Herzens war, dachte aber mit Zagen an die Verwirrung, die er parterre und im ersten Stock schon angerichtet hatte und wünschte, mit dem unbestimmten Bewußtsein, daß er der Träger irgend einer furchtbaren Nachricht wäre, diese der jungen hübschen Frau so vorsichtig als möglich beizubringen.
»Ach heren Se,« sagte er deshalb – »erschrecken Sie nich – es is Sie was vom Telegrafen.«
Die junge Frau sah ihn stier an, hob langsam den rechten Arm in die Höh und brach mit dem kaum hörbaren Schrei: »Er ist todt!« bewußtlos zusammen. Ihr Gatte hatte auch in der That kaum Zeit sie aufzufangen und vor einem vielleicht schlimmen Sturze zu bewahren.
»Um Gottes Willen, was ist?« frug er dabei den wie halb vom Schlag gerührten Depeschenträger »eine Telegraphische Depesche? – woher?«
»Nun, da Sie's doch schon einmal wissen,« sagte Lorenz, inniges Mitleid in den erschreckten Zügen – »es is Sie richtig vom Telegrafen.«
Der junge Mann trug sein armes, bewußtloses Frauchen auf das Sopha, wo er sie den Händen der jammernd herbeistürzenden Schwiegermutter übergab. Das Kind, das die Wärterin auf dem Arme trug, fing dabei an zu schreien, die Köchin war ebenfalls herein gekommen und stand schluchzend und händeringend an der Thür und mit zitternden Händen erbrach jetzt Dr. Müller die Depesche, deren Buchstaben ihm im Anfang vor den Augen flirrten und tanzten. Endlich las er leise vor sich hin:
Herzlichen Glückwunsch – heutigen Geburtstag – noch oft wiederkehren – Alle
wohl – tausendmal grüßen – liebe Frau auch. Inniger Freundschaft.
Mehlig.
Erst am Schluß und wie ihm das Bewußtsein dämmerte um was es sich hier handele, knitterte er das Papier in der Hand zusammen, drehte einen Ball daraus und schleuderte diesen mit aller Gewalt auf den Boden.
»Ist er todt?« sagte Lorenz in theilnehmendem Mitgefühl.
»Gehen Sie zum Teufel,« rief Dr. Müller in leicht verzeihlichem Aerger – »Sie und Ihre telegraphische Depesche – solchen Glückwunsch möcht ich mir nächstes Jahr noch einmal zum Geburtstag wünschen – meine arme Frau kann den Tod davon haben.«
»Bitte tausendmal um Entschuldigung,« sagte Lorenz, Niemand bekümmerte sich aber mehr um ihn, denn die Uebrigen waren jetzt sämmtlich um die Ohnmächtige beschäftigt, so daß er die Gelegenheit für passend hielt, sich so rasch und unbemerkt als möglich zu entfernen. Durch das Haus mußte er aber noch einmal förmlich Spießruthen laufen.
»Ach Sie Unglücksvogel,« sagte das Kindermädchen, das ihm mit einer Vase frischen Wassers, um der Frau zu helfen, an der Thür begegnete.
»Das nächste Mal erkundigen Sie sich vorher nach dem Namen, Sie Dingsda« – sagte der Herr in dem schmutzigen Schlafrock, der an der Saalthür in der ersten Etage ganz besonders auf ihn gewartet haben mußte, als er dort rasch und geräuschlos vorbeigleiten wollte, und unten in der Hausflur saß die Mamsell noch immer bei den Scherben, die sie vergebens zusammenpaßte.
Auch diese empfing ihn wieder mit einer Fluth von Vorwürfen, Lorenz aber hielt sich nicht auf und floh aus dem Haus hinaus, als ob er hätte stehlen wollen und dabei erwischt worden wäre.
Erst nach langer Zeit gewöhnte er sich auch an diese unausbleiblichen Folgen derartiger Depeschen, und als ich ihn neulich sprach, hatte er sogar eine Art statistischer Tabelle aufgestellt, nach der er berechnet haben wollte, daß durchschnittlich auf je vier telegraphische Depeschen – denn nicht alle laufen so unglücklich ab, – eine Ohnmacht und zwei zerbrochene Tassen, nur auf die sechste oder siebente aber ein ernstlicher Unfall folge.
»S'is was Scheenes um en Telegrafen,« sagte er dabei, »aber Gott bewahre Eenen vor ener telegrafischen Depesche!«