Unter Palmen und Buchen: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 13 von 22

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Unter Palmen und Buchen: Erster Band

III. Entwischt.

III.

Entwischt.

Mitternacht war lange vorüber, als sich Hamilton endlich erschöpft und ziemlich ermüdet auf sein Lager warf, aber trotzdem befand er sich schon um fünf Uhr angekleidet wieder draußen auf dem Gang, denn heute sollte er ja den Lohn seiner Bemühungen ernten, und die Zeit durfte ihn nicht lässig finden.

Das Schuhwerk stand indeß noch immer friedlich dort draußen, des Hausknechts gewärtig, aber die Bewohner des Zimmers mußten auf sein – sollten sie doch am Ende heute morgen abfahren wollen? »Nein, mein lieber Mr. Kornik,« lachte der Engländer still vor sich hin, »da wir Sie so hübsch in der Falle haben, wollen wir auch Acht geben, daß Sie uns nicht wieder durch die Finger schlüpfen.«

In dem Augenblick wurde in Nr. 7 die Klingel gezogen und Hamilton trat in seine Stube zurück, ließ aber die Thür angelehnt. Er horchte – aber er konnte nicht hören, daß irgend jemand ein Wort sprach. Ein Paar Stühle wurden gerückt und Schiebladen ziemlich geräuschvoll auf- und zugemacht, aber keine Sylbe wurde laut. Hatte sich das junge Ehepaar vielleicht gezankt?

Draußen klopfte der Kellner an Nr. 7 an.

»Walk in.«

Die Thür öffnete sich.

»Do you speak english?« lautete die Frage der Dame.

Der Kellner antwortete leise einige Worte, die Hamilton nicht verstehen konnte, aber die Frage mußte verneinend beantwortet sein, denn die Dame erwiderte gleich darauf heftig:

»So send somebody with whom I can speak.«

Der Kellner – Hamilton sah durch die Thürspalte, es war ein ganz junger Bursch, der augenscheinlich gar nicht wußte, was die Dame von ihm wollte – eilte wieder die Treppe hinab. »Aber alle Wetter, wo stak denn Mr. Kornik, der doch ganz vortrefflich deutsch sprach?«

Hamilton erschrak. Hatte der Verbrecher wirklich gestern Abend Burton erkannt und sich selber in Sicherheit gebracht? Darüber mußte er Gewißheit haben – aber seine Stiefeln standen noch vor der Thür. War er vielleicht krank geworden?

Er stieg rasch die Treppe hinunter zum Portier, den er auch schon auf seinem Posten fand.

»Ah, Portier, wissen Sie vielleicht, wann der Herr auf Nr. 7 wieder abreisen wird?«

»Auf Nr. 7?«

»Graf Kornikoff, glaube ich –«

»Ah – ja der Herr Graf, kann ich wirklich nicht sagen. Er wollte heute Abend wieder kommen.«

» W i e d e r kommen?«

»Ja – er ist heute Morgen halb zwei Uhr mit Extrapost nach dem Taunusgebirg gefahren.«

»The devil he is,« murmelte Hamilton leise und verblüfft vor sich hin, »und hat er Gepäck mitgenommen?« frug er laut.

»Nur eine Reisetasche – die Dame ist ja noch hier.«

»Haben Sie ihn denn gesehen?«

»Natürlich – ich habe die Tasche ja an den Wagen getragen.«

»Aber wann, um Gottes Willen, schlafen Sie denn?«

»Ich? – n i e ,« lächelte der Mann in voller Ruhe. Aber Hamilton hatte andere Dinge im Kopf, als sich mit dem Portier zu unterhalten. Mit wenigen Sätzen war er oben an Mr. Burtons Zimmer, den er auch schon vollständig angekleidet und seiner wartend traf.

»Er ist fort,« rief er diesem ganz außer Athem entgegen, »richtig durchgebrannt. Er m u ß Sie gestern Abend erkannt haben. Der Lump ist mit allen Hunden gehetzt.«

»Und was jetzt?«

»Ich muß augenblicklich nach, denn der Postillon, der ihn gefahren hat, wird zurück sein und weiß jedenfalls die Station. Dort findet sich dann die weitere Spur.«

» M i t der Donna?«

»Nein, die ist zurückgeblieben, die überlasse ich jetzt Ihnen. Wahrscheinlich hat sie auch einen Theil von Ihres Vaters Geldern in Verwahrung – jedenfalls den Schmuck. – Hier ist der Verhaftsbefehl für Kornik und seine Begleiterin – mir kann er doch nichts helfen, denn er gilt, von den Frankfurter Behörden ausgestellt, nur für das hiesige Gebiet. Das ist eine verzweifelte Wirthschaft in Deutschland, wo ein Mann in einer einzigen Stunde in drei verschiedener Herren Länder sein kann.

»Aber wie bekomme ich heraus, ob das auch in der That jene berüchtigte Miss Fallow ist, bester Hamilton? Die Flucht des Grafen, wenn er wirklich geflohen, bleibt allerdings sehr verdächtig und ich zweifle kaum, daß Sie auf der richtigen Fährte sind, aber es – wäre doch eine ganz fatale Geschichte, w e n n wir es nicht mit den rechten Leuten zu thun hätten, und jetzt einer wildfremden und ganz unschuldigen Dame Unannehmlichkeiten bereiteten.«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen!« lachte Hamilton. »Daß ich Ihnen aus diesem Grafen Kornikoff den richtigen und unverfälschten Kornik herausschäle, darauf können Sie sich fest verlassen, und dies junge, wirklich wunderhübsche Geschöpf, was ihn begleitet, hätte sich dem Lump auch nicht an den Hals geworfen, wenn sie nicht schon vorher durch ein Ve r b r e c h e n mit einander verbunden gewesen wären. Nein, die einzige Sorge, die ich habe, ist die, daß I h n e n die junge Dame einmal ebenso eines Morgens unter den Händen fortschlüpft, wie ich mir in fabelhaft alberner Weise habe den Hauptschuldigen entwischen lassen, und wenn ich ihn nicht wieder bekäme, wäre das ein Nagel zu meinem Sarg. Aber noch hab' ich Hoffnung – ich

k e n n e den Herrn jetzt, denn ich habe ihn mir g e n a u angesehen und wenn er

sich wirklich auch den schwarzen Schnurrbart abrasirte und die blaue Brille in die Tasche steckte, so denke ich ihm doch auf den Hacken zu sitzen, ehe er es sich versieht.«

»Er wird direkt über die Grenze nach Frankreich fliehen.«

»Daran habe ich auch schon gedacht, denn Geld genug hat er bei sich, aber dagegen hilft der Telegraph. An die beiden Grenzstationen werde ich jetzt vor allen Dingen genau telegraphiren, und wenn ich da nur ein Wort mit einfließen lasse, daß der Herr mit dem Revolutionscomité in London in Verbindung stände, passen sie auf wie die Heftelmacher.«

»Und sie wollen dem Kornik nach?«

»Augenblicklich, so wie ich die Depeschen befördert habe. Ich nehme jetzt ohne weiteres Extrapost und treffe ich ihn, so telegraphire ich ungesäumt.«

»Und ich lasse unterdessen die Dame verhaften?«

»Das ist das Sicherste. Sie können ja Bürgschaft leisten, wenn es verlangt werden sollte. Auf dem Gerichte finden Sie auch Jemand, der englisch spricht.«

»Abscheuliche Geschichte,« murmelte der junge Burton zwischen den Zähnen, »daß uns der Lump auch gestern Abend gerade so zur unrechten Zeit in den Weg laufen mußte.«

»Das ist jetzt nicht zu ändern,« rief aber der weit entschiednere Hamilton – »wir haben immer noch Glück gehabt, das Volk Hühner so rasch anzutreffen und zu sprengen. Jetzt halten Sie nur Ihren Part fest, und ich glaube Ihnen garantiren zu können, daß ich m e i n e Hälfte ebenfalls zur rechten Zeit einbringe.«

»Und wissen Sie gewiß, daß Kornik die Stadt verlassen hat?«

»Gar kein Zweifel – aber das erfahre ich ja auch gleich auf der Post. Jetzt wollen wir nur noch einmal hinunter und sehen, ob wir nichts mehr von der Donna zu hören bekommen.«

Es war in der That das Einzige, was sie thun konnten. Sie fanden die Thür aber wieder geschlossen und Hamilton wandte sich unten an den Oberkellner, um womöglich etwas Näheres zu erfahren.

»Ach, Oberkellner, meine Rechnung – ich reise ab.«

»Zu Befehl, mein Herr –«

»Apropos, was war denn das heute Morgen für ein Lärm auf Nr. 7? Meine schöne Nachbarin schien ja sehr in Eifer.«

Der Oberkellner lächelte.

»Der Herr Gemahl hat die Nacht eine kleine Extrafahrt gemacht und die Dame scheint eifersüchtig zu sein.«