Unter Palmen und Buchen: Erster Band
IX. Die Catastrophe.
IX.
Die Catastrophe.
James Burton sah nach seiner Uhr – es war schon fast zwei geworden, ohne daß er Jenny gesehen – was mußte sie von ihm denken? Aber jetzt konnte er ihr auch gute Nachricht bringen, und ohne einen Moment länger zu säumen, griff er nach seinem Hut und eilte hinab.
Auf dem Gang wanderte ein Lohndiener hin und her, der stehen blieb, als er auf die Thür zuging. Er hielt aber einen Moment davor, ehe er anklopfte, denn er hörte eine ziemlich heftige Stimme, die in Aerger zu sein schien. War das Jenny? – hatte vielleicht Hamilton gewagt? – er klopfte rasch an. Es war jetzt plötzlich alles ruhig da drinnen. Da ging die Thür auf und Elise schaute heraus, um erst zu sehen wer klopfe. Sie öffnete, als sie den jungen Mann erkannte.
Jenny stand an ihrem Koffer, emsig mit Packen beschäftigt, als er das Zimmer betrat, und erröthete leicht, aber sie begrüßte ihn desto freundlicher und gab auch über ihr Befinden hinlänglich befriedigende Antwort.
Elise zog sich in die Nebenstube zurück und Jenny frug jetzt, mit ihrem alten, gewinnenden Lächeln:
»Und so lange haben Sie mich auf Ihren Besuch warten lassen? Ich wußte vor langer Weile gar nicht, was i c h angeben sollte und habe deshalb meine Sachen wieder zusammengepackt.«
»Aber nicht meine eigene Unachtsamkeit hielt mich von Ihnen entfernt, Miss Jenny,« sagte Burton herzlich, »sondern eine wichtige Verhandlung, die ich mit unserem Agenten hatte. Mr. Hamilton ist zurückgekehrt.«
»In der That?« sagte die junge Dame, aber jeder Blutstropfen wich dabei aus ihrem Gesicht, und so vielen Zwang sie sich anthat, mußte sie doch die Stuhllehne ergreifen, um nicht umzusinken.
»Aber weshalb erschreckt Sie das?« sagte Burton erstaunt. »Die Erinnerung an jenen Elenden, den jetzt seine gerechte Strafe ereilen wird, mag Ihnen peinlich sein, aber sie darf nie wieder als Schreckbild vor Ihre Seele treten.«
»Und er hat ihn gefunden?« sagte Jenny, sich gewaltsam sammelnd – »oh, wenn ich nur das Schreckliche vergessen könnte?«
»Er hat ihn nicht nur gefunden,« bestätigte der junge Mann, »sondern der Unglückliche hat auch sein ganzes Verbrechen eingestanden. Was half ihm auch Leugnen seiner Schuld, wo man die Beweise derselben in seinem Besitz fand?«
»Und jetzt?«
»Lassen wir den Elenden,« sagte Burton freundlich, »Mr. Hamilton, der mit allen nöthigen Papieren dazu versehen ist, wird seine Weiterbeförderung nach England übernehmen. Ich selbst reise heute Nachmittag mit dem Schnellzug nach London ab, und da Sie Ihren Koffer schon gepackt haben,« setzte er lächelnd hinzu – »so biete ich Ihnen, mein werthes Fräulein, an, in meiner Begleitung und unter meinem Schutz nach England zurückzukehren.«
»Sie wollten –«
»Sie dürfen sich mir wie einem Bruder anvertrauen,« sagte James Burton herzlich, »und ich bürge Ihnen dafür, daß ich durchführe, was ich unternommen – trotz allen Hamiltons der Welt,« setzte er mit leisem Trotz hinzu.
»So wiedersetzte sich der Herr dem, daß ich Sie begleiten dürfe?« fragte rasch und mißtrauisch die Fremde.
»Lassen wir das,« lächelte aber Burton, »ich bin mein eigener Herr und in m e i n e r Begleitung steht Niemandem ein Recht zu, Sie auch nur nach Paß oder Namen zu fragen. Und Sie gehen mit?«
»Wie könnte und dürfte ich einer solchen Großmuth entgegenstreben?« sagte das junge Mädchen demüthig – »ich vertraue Ihnen ganz.«
»Herzlichen, herzlichen Dank dafür,« rief Burton bewegt, »und Sie sollen es nicht bereuen. Jetzt aber lasse ich Sie allein, um noch alles Nöthige zu ordnen, denn ich muß selbst noch packen und die Wirthsrechnung, wie Ihrer Gesellschafterin Honorar, in Ordnung bringen. Sie müssen mir auch schon gestatten, für die kurze Zeit unserer Reise Ihren Cassirer zu spielen. Beruhigen Sie sich,« setzte er lächelnd hinzu, als er ihre Verlegenheit bemerkte – »ich gleiche das später schon alles mit Ihrem Herrn Vater wieder aus, und werde Sorge tragen, daß ich nicht zu Schaden komme. Also auf Wiedersehen, Miss – aber beeilen Sie sich ein wenig, denn wir haben kaum noch anderthalb Stunden Zeit bis zu Abgang des Zuges,« und ihre Hand leicht an seine Lippen hebend, verließ er rasch das Zimmer.
Sobald er unten mit dem Wirth abgerechnet und seine Sachen gepackt hatte, wollte er noch einmal Hamilton aufsuchen, um von diesem Abschied zu nehmen. Es that ihm fast leid, ihn so rauh behandelt zu haben. Der Polizeiagent war aber, gleich nachdem er ihn verlassen, ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt.
Eigentlich war ihm das lieb, denn er fühlte sich ihm gegenüber nicht recht behaglich; zu reden hatte er überdies weiter nichts mit ihm, und was Kornik betraf, so besaß er ja selber alle die nöthigen Instruktionen und Vollmachten. Er hatte ja nur die Reise nach dem Continent mitgemacht, um die Identität seiner Person zu bestätigen – jetzt, mit all den vorliegenden Beweisen und dem eigenen Geständniß des Verbrechens war seine Anwesenheit unnöthig geworden.
Die Zeit bis halb vier Uhr verging ihm auch mit den nöthigen Vorrichtungen rasch genug – jetzt war alles abgemacht und in Ordnung, und ebenso fand er Jenny schon in ihrem Reisekleid, aber in merkwürdig erregter Stimmung. Sie sah bleich und angegriffen aus, und drehte sich rasch und fast erschreckt um, als er die Thür öffnete.
»Sind Sie fertig?«
»Und gehen wir wirklich?«
»Zweifeln Sie daran? Es ist alles bereit, und bis wir am Bahnhof sind und unser Gepäck aufgegeben haben, wird die Zeit auch ziemlich verflossen sein – Miss Elise,« wandte er sich dann an das junge Mädchen, indem er ihr ein kleines Packet überreichte – »Ihre Anwesenheit ist auf kürzere Zeit in Anspruch genommen, als ich selbst vermuthete, so bitte ich denn, dieses für Ihre Mühe als Erinnerung an uns zu betrachten. Und nun,« fuhr Burton fort, als sich das junge Mädchen dankend und erröthend verbeugte – indem er die Klingelschnur zog – »mag der Hausknecht Ihr Gepäck hinunterschaffen. Eine Droschke wartet schon auf uns, und ich will selber recht von Herzen froh sein, wenn wir erst unterwegs sind.«
Draußen wurden Schritte laut – es klopfte an.
»Herein!« rief Burton – die Thür öffnete sich und auf der Schwelle, seinen Hut auf dem Kopf, stand – Hamilton und warf einen ruhigen, forschenden Blick über die Gruppe.
Er sah den Ausdruck der Ueberraschung in Burtons Zügen, aber sein Auge haftete jetzt fest auf der jungen Dame an seiner Seite, deren Antlitz eine Aschfarbe überzog.
»Sie entschuldigen, meine Herrschaften,« sagte der Polizist mit eisiger Kälte, »wenn ich hier vielleicht ungerufen oder ungewünscht erscheinen sollte, aber meine Pflicht schreibt es mir so vor. Mein Herr – Sie sind mein Gefangener, im Namen der Königin!«
» I h r Gefangener?« lachte Burton trotzig auf, aber Hamilton trat zur Seite und drei Polizeidiener standen hinter ihm, während er auf Burton zeigend, zu diesen gewandt, fortfuhr:
»Den Herrn da verhaften Sie und führen ihn auf sein Zimmer oder bewachen ihn hier, bis Ihr Commissär kommt. Er wird sich nicht wiedersetzen, denn er weiß, daß er der Gewalt weichen muß – im schlimmsten Fall aber brauchen
S i e Gewalt, und jene Dame dort –«
Die junge Fremde hatte mit starrem Entsetzen den Eintritt des nur zu rasch wiedererkannten Reisegefährten bemerkt, und im ersten Moment war es wirklich, als ob der Schreck sie gelähmt und zu jeder Bewegung unfähig gemacht hätte. Wie aber des Furchtbaren Blicke auf sie fielen, schien es auch, als ob sie erst dadurch wieder Leben gewönne, und ehe sie Jemand daran verhindern konnte, glitt sie in das Nebenzimmer, neben dessen Thür sie stand, warf diese zu und schob den Riegel vor.
»Einer von Ihnen auf Posten draußen, daß sie uns nicht entwischt,« rief Hamilton rasch, indem er nach der Thür sprang, aber sie schon nicht mehr öffnen konnte – »und alarmiren Sie die Leute unten, daß sie vor den Fenstern von Nr. 6 Wache halten.«
»Mr. Hamilton, Sie werden mir für dieses Betragen Rede stehen!« rief Burton außer sich »– w e r giebt Ihnen ein Recht, mich zu verhaften?«
»Mein bester Herr«, rief Hamilton, indem er vergebens versuchte, die Thür aufzudrücken – »von einem R e c h t ist hier vorläufig gar keine Rede. Sie weichen nur der Gewalt. Alles andere machen wir später ab.«
»Aber ich dulde nicht –« rief Burton und wollte sich zwischen ihn und die Thüre werfen, um die Geliebte zu schützen.
»Halt, mein Herzchen!« riefen aber die Polizeidiener, ein Paar baumstarke Burschen, indem sie ihn mit ihren Fäusten packten – »nicht von der Stelle, oder es setzt was.«
»Um Gottes Willen«, rief Elise, zum Tod erschreckt, »was geht hier vor?«
»Mein liebes Fräulein,« sagte Hamilton, sich an sie wendend in deutscher Sprache – »beunruhigen Sie sich nicht – gar nichts was S i e betreffen könnte. Gehen Sie ruhig nach Hause, Sie haben nicht die geringste Belästigung zu fürchten. Soviel kann ich Ihnen aber sagen, daß jene Dame k e i n e Begleitung weiter nach England braucht, da ich das selber übernehmen werde. – Ah, da ist der Herr Commissär – Sie kommen wie gerufen, verehrter Herr – das hier,« fuhr er fort, indem er auf James Burton zeigte – »ist jener Kornik, von dem ich Ihnen sagte, und seine Dulcinea hat sich eben in dies Zimmer geflüchtet, von wo aus sie uns aber ebenfalls nicht mehr entwischen kann.«
»Kornik? – ich?« rief Burton, indem er sich wie rasend unter dem Griff der Polizeidiener wand – »Schuft Du – ich selber bin hergekommen, jenen Kornik zu verhaften.«
»Und wo haben Sie die Beweise?« sagte Hamilton ruhig in englischer Sprache.
»In Deiner eigenen Tasche sind sie,« schrie Burton wie außer sich – »das Papier, das ich Dir vor die Füße warf.«
Hamilton achtete gar nicht auf ihn.
»Herr Commissär,« sagte er, sich an den Polizeibeamten wendend – »jener Herr da, dem ich von England aus nachgesetzt bin, hat sich schon unter fremdem Namen in das hiesige Gasthofsbuch geschrieben. Sie haben meine Instruktionen und Vollmachten gelesen. Sie werden Sorge dafür tragen, daß er uns nicht entwischt, während ich jetzt die D a m e herbeizuschaffen suche.« Und ohne weiter ein Wort zu verlieren nahm er den dicht neben ihm stehenden kleinen Koffer und stieß ihn mit solcher Kraft und Gewalt gegen die Füllung der Thür, daß diese vor dem schweren Stoß zusammenbrach. Im nächsten Moment griff er durch die gemachte Oeffnung hindurch und schloß die Thür von innen auf.
Wie es schien, hatte aber die junge Fremde gar keinen Versuch zur Flucht gemacht. Sie stand, ihre Mantille fest um sich her geschlungen, mitten in der Stube, und den Verhaßten mit finsterem Trotz messend, sagte sie:
»Betragen Sie sich wie ein Gentleman, daß Sie zu einer Lady auf solche Art ins Zimmer brechen?«
»Miss«, erwiederte der Polizeibeamte kalt, »ich bin noch nicht fest überzeugt, ob ich es hier wirklich mit einer L a d y zu thun habe. Vor der Hand sind Sie meine Gefangene. Im Namen der Königin, Miss Lucy Fallow, verhafte ich Sie hier auf Anklage eines Juwelendiebstahls.«
»Und welche Beweise haben Sie für eine so freche Lüge?« rief das junge Mädchen verächtlich.
»Danach suchen wir eben«, lachte Hamilton, jetzt, da ihm der Ueberfall gelungen war, wieder ganz in seinem Element – »Herr Commissär, haben Sie die Güte gehabt, die Frauen mitzubringen?«
»Sie stehen draußen.«
»Bitte, rufen Sie die beiden herein – ich wünsche die Gefangene g e n a u durchsucht zu haben, ob sie den bewußten Schmuck an ihrem Körper vielleicht verborgen hat. Wir beide werden indeß die Koffer revidiren.«
Eine handfeste Frau – die Gattin eines der Polizeidiener, trat jetzt ein, von einem anderen jungen Mädchen, wahrscheinlich ihrer Tochter, gefolgt, beide aber von einer Statur, die für einen solchen Zweck nichts zu wünschen übrig ließ, und Hamilton betrat jetzt wieder das Zimmer, in dem Burton dem englisch sprechenden Commissär seine eigene Stellung erklärte und ihn dringend aufforderte, nicht zu dulden, daß z w e i unschuldige Menschen in so niederträchtiger Weise behandelt würden. Seine Erklärung aber, die er dabei gab, daß er seine Vollmacht selber zerrissen habe, der falsche Namen, unter dem er selber zugestand sich in das Fremdenbuch eingetragen zu haben, und die Thatsache, die er nicht läugnen konnte oder wollte, daß Hamilton wirklich ein hochgestellter Polizeibeamter in England sei, sprachen zu sehr gegen ihn. Der Commissär zuckte die Achseln, bedauerte, nur nach den Instruktionen handeln zu können, die er von oben empfinge, und ersuchte Mr. Burton dann in seinem eigenen Interesse, sich seinen Anordnungen geduldig zu fügen, da sonst für ihn daraus die größten Unannehmlichkeiten entstehen könnten.
Er wollte ihn jetzt auch auf sein eigenes Zimmer führen lassen, als Hamilton zurückkehrte und den Commissar ersuchte, dem Herrn zu erlauben, hier zu bleiben. Er wünsche, daß er Zeuge der Verhandlung sei.
Ohne weiteres ging er jetzt daran, den Koffer der Dame auf das genaueste zu revidiren; obgleich sich aber, in einem geheimen Gefach darin, eine Menge der verschiedensten Schmuck- und Werthsachen vorfanden, waren die gesuchten Brillanten doch nicht dabei. Auch in Korniks Koffer ließ sich keine Spur davon entdecken. Fortgebracht konnte sie dieselben aber nicht haben, da sie ja gerade, im Begriff abzureisen, überrascht war, also gewiß auch alles werthvolle Besitzthum bei sich trug. Außerdem wußte Hamilton genau, daß sie – wenigstens seitdem er zurückgekehrt war – kein Packet auf die Post gegeben hatte, also trug sie es wahrscheinlich am Körper versteckt.
Aber auch diese Vermuthung erwies sich als falsch. Die Frau kehrte, während der Gefangenen unter Aufsicht des jungen Mädchens gestattet wurde, wieder ihre Toilette zu machen, in das Zimmer zurück, und brachte nur ein kleines weiches Päckchen mit, das sie bei ihr verborgen gefunden hatten. Sie überreichte es dem Commissär, der es öffnete und englische Banknoten zum Werth von etwa achthundert Pfund darin fand. Vier Noten von 100 Pfund Sterling waren darunter.
»Da bekommen wir Licht,« rief aber Hamilton rasch, als er sie erblickte – »von den Hundert Pfund-Noten habe ich die Nummern, und die wollen wir nachher einmal vergleichen. Vorher aber werden wir das Zimmer untersuchen müssen, in daß sich Madame geflüchtet hat. Möglich doch, daß sie die Zeit benutzte, in der sie dort eingeschlossen war, um ein oder das andere in Sicherheit zu bringen.«
»Ich habe alles genau nachgesehen,« sagte die Frau des Polizeidieners kopfschüttelnd – »in alle Polster hineingefühlt und die Gardinen ausgeschüttelt, selbst in den Ofen gefühlt und den Teppich genau nachgesehen. Es steckt nirgends was.«
»Kann ich eintreten?« rief Hamilton an die Thür klopfend, denn er war nicht gewohnt sich auf die Aussagen Anderer zu verlassen. Das junge Mädchen, das zur Wache dort geblieben war, öffnete. Die junge Fremde stand fertig angezogen, aber todtenbleich, wieder mitten im Zimmer und ihre Augen funkelten dem Polizeibeamten in Zorn und Haß entgegen. Hamilton war aber nicht der Mann, davon besondere Notiz zu nehmen. Das erste, was er that, war, die Jalousieen aufzustoßen, um hinreichend Licht zu bekommen, dann untersuchte er Tapeten und Bilder – auch hinter den Spiegel sah er, rückte sich den Tisch zu den Fenstern und stieg hinauf, um oben auf die Gardinen zu fühlen. Er fand nichts, aber er ruhte auch nicht – der Teppich zeigte nicht die geringsten Unebenheiten. – Er rückte das Sopha ab und fühlte daran hin – aber es ließ sich kein harter Gegenstand bemerken.
Wie seine Hand an der mit grobem Kattun bezogenen Hinterwand des Sophas hinfuhr, gerieth sein Finger in eine nur wenig geöffnete Nath. Er zog das Sopha jetzt ganz zum Licht, die Rückseite dem Fenster zugewandt, nahm sein Messer heraus und trennte ohne Weiteres die Nath bis hinunter auf. Während er mit dem rechten Arm in die gemachte Oeffnung hineinfuhr, streifte sein Blick die Gestalt der Gefangenen, die augenblicklich gleichgiltig auszusehen suchte, aber es konnte ihm nicht entgehen, daß sie seinen Bewegungen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte.
»Ah, Mylady,« rief er da plötzlich, indem seine Finger einen fremdartigen Gegenstand trafen – »ob ich es mir nicht gedacht habe, daß Sie die Ihnen verstattete Zeit hier im Zimmer auf geschickte Weise benutzen würden. Sie sehen mir gerade danach aus, als ob Sie nicht zu den »Grünen« gehörten – was haben wir denn da? – eine reizende Kette und da hängt auch ein Ohrring darin – da wird der andere ja wohl auch nicht weit sein – es kann nichts helfen, der Tapezierer muß wieder gut machen, was ich jetzt hier verderbe« – und er riß, ohne weitere Rücksicht auf den Schaden, den er anrichtete, Werg und Kuhhaare heraus, bis er den gesuchten Ohrring, der etwas weiter hinabgefallen war, fand. Auch eine Broche, aus einem einzigen großen Brillant bestehend, kam mit dem Werg zu Tag.
»Leugnen Sie jetzt n o c h , Madame?« sagte Hamilton, indem er sich aufrichtete und der Verbrecherin das gefundene Geschmeide entgegenhielt. Aber die Gefragte würdigte ihn keines Blicks; schweigend und finster, wie er sie damals im Coupé gesehen, starrte sie vor sich nieder, und nur die rechte Hand hielt sie krampfhaft geballt, die Zähne fest und wild zusammengebissen und die Augen, die von solchem Liebesreiz strahlen konnten, sprühten Feuer.
»Haben Sie etwas gefunden?« rief ihm der Commissär entgegen.
»Alles was wir suchen,« erwiederte Hamilton ruhig – »aber ist denn der Lohndiener noch nicht vom Telegraphenamt zurück?«
»Eben gekommen. Er wartet im anderen Zimmer auf Sie.«
»Gott sei Dank – jetzt treffen alle Beweise zusammen,« rief Hamilton aus. »Ich ersuche Sie indeß, Herr Commissär, diese junge Dame in s e h r gute Obhut zu nehmen, denn sie ist mit allen Hunden gehetzt.«
»Haben Sie keine Angst – wir werden das saubere Pärchen sicher verwahren.«
»Den H e r r n kann ich Ihnen vielleicht abnehmen,« lächelte der Polizeiagent, indem er in das benachbarte Zimmer trat und dort die für ihn eingetroffene Depesche in Empfang nahm. Er erbrach sie und las die Worte:
»In Islington giebt es keinen Geistlichen Benthouse. – In ganz London nicht.
Burton.
Mr. Hamilton, Telegraphenbureau Frankfurt a. M.«
Hamilton trat zum Tisch, auf den er den Schmuck und die telegraphische Depesche legte, dann nahm er aus seiner Tasche die Liste der gestohlenen Banknoten, die er mit den bei der jungen Dame gefundenen verglich und einige roth anstrich, dann fügte er diesen noch ein anderes Papier bei, die genaue Beschreibung des im Hause der Lady Clive gestohlenen Schmucks, und als er damit fertig war, sagte er freundlich zu Burton:
»Dürfte ich Sie j e t z t einmal bitten, Mr. Burton, sich diese kleine Bescheerung anzusehen? Es wird interessant für Sie sein. – Lassen Sie den Gefangenen nur los, meine Herren.«
»Sie werden sich nie Ihres nichtswürdigen Betragens wegen entschuldigen können,« sagte Burton finster, indem er aber doch der Aufforderung Folge leistete.
»Auch dann nicht?« frug Hamilton, »wenn ich Sie überzeuge, daß Sie einer großen – einer recht großen Gefahr entgangen sind?« frug Hamilton.
»Einer Gefahr? – wie so?«
»Der Gefahr, das Schlimmste zu erleben, was ein anständiger Mann, außer dem Verlust seiner Ehre, erleben kann – sich lächerlich zu machen.«
»Mr. Hamilton –«
»Bitte, lesen Sie hier die Depesche Ihres Herrn Vaters – seine Antwort auf meine Anfrage von heute Morgen. – So – und hier haben Sie die Nummern der aufgefundenen Banknoten – und hier endlich die genaue Beschreibung des Schmucks, von Lady Clives eigener, sehr zierlicher Hand. Zweifeln Sie j e t z t noch daran, daß Sie es nicht mit einer Miss Jenny Benthouse, sondern mit der leichtfertigen Lucy Fallow zu thun hatten? – Pst – lieber Freund, die Sache ist abgemacht« – sagte aber der Agent, als er sah, wie bestürzt der junge Burton diesen nicht wegzuläugnenden Beweisen gegenüber stand. – »Nur noch einen Blick werfen Sie jetzt auf die junge Dame,« fuhr er dabei fort, während er zugleich die Thür aufstieß und nach der trotzig und wild dastehenden Gestalt des Mädchens zeigte. – »Glauben Sie, das j e n e Dame Ihnen bis London gefolgt wäre, und nicht vorher Mittel und Wege gefunden hätte, Ihnen unterwegs zu entschlüpfen? Uebrigens habe ich schon von Ems aus, so wie ich Korniks Geständniß erhielt, nach London an Lady Clive telegraphirt und sie gebeten, mir Jemanden zur Recognoscirung des jungen Frauenzimmers herzusenden. Der kann schon, wenn sie ihn rasch befördert hat, morgen Mittag eintreffen, und dann, nachdem jeder Vorsicht Genüge geleistet und die äußerste Rücksicht genommen ist, um nicht eine Unschuldige zu belästigen, werden Sie mir doch zugeben, Mr. Burton, daß ich meine Pflicht erfüllt habe.«
James Burton schwieg und sah ein Paar Secunden still vor sich nieder; aber sein besseres Gefühl gewann doch die Oberhand. Er sah ein, daß er sich von einer Betrügerin hatte täuschen lassen, und Hamilton die Hand reichend, sagte er herzlich:
»Ich danke Ihnen, Sir – ich werde Ihnen das nie vergessen.«
»Ein desto schlechteres Gedächtniß werde i c h dann für unser letztes kleines Intermezzo haben,« lachte der Polizeiagent, die dargebotene Hand derb schüttelnd, »und nun, mein lieber Mr. Burton, reisen Sie, wenn Sie m e i n e m Rath folgen wollen, so rasch Sie mögen, nach England zurück. Für die beiden Schuldigen werde ich schon Sorge tragen, und in sehr kurzer Zeit denke ich Ihnen nachzufolgen.«
Dem Commissär erklärte Hamilton bald den Zusammenhang der Verhaftung Mr. Burtons, den er dadurch nur hatte so lange aufhalten wollen, bis er die Beweise von der Schuld jener Person beischaffte – das war geschehen und er selber brachte jetzt die an dem Morgen von Burton zerrissene und von ihm wieder sorgfältig zusammengeklebte Vollmacht zum Vorschein, die als beste Legitimation für ihn dienen konnte.
Am nächsten Tag traf richtig ein Polizeibeamter, der Miss Lucy Fallow persönlich kannte, in Frankfurt ein, und Hamilton erhielt die Genugthuung, seinen ersten Verdacht völlig bestätigt zu finden. Gleich danach reiste James Burton allein ab, während Hamilton noch einige Tage brauchte, bis er die Uebersendung der Wertpapiere und Banknoten durch die Nassauische Regierung nach England reguliren konnte. Dann erst folgte er mit seinen Gefangenen nach England, von denen er aber nur das Mädchen hinüberbrachte.
Kornik machte unterwegs einen verzweifelten Fluchtversuch und sprang, während der Zug im vollen Gange war, zwischen Lüttich und Namür aus dem Fenster des Waggons; aber er verletzte sich dabei so furchtbar, daß er starb, ehe man ihn auf die nächste Station transportiren konnte.