Unter Palmen und Buchen: Erster Band
II. Der Bundesgenosse.
»Wohin?«
»Nach Mainz oder Wiesbaden.«
»Sechs Uhr.«
»Gehen da noch mehrere Passagiere ab?«
»Jawohl,« erwiederte der Portier, auf die für den Hausknecht bestimmte Tafel zeigend – »Nr. 5, Nr. 17 und Nr. 37 lassen sich wecken. Soll ich Sie ebenfalls notiren?«
»Ach, ich weiß nicht; ich bin müde heut Abend. Ich werde wohl erst mit dem zweiten Zug fahren.«
»Sehr wohl, mein Herr – Kellner, Licht auf Nr. 8. Angenehme Ruhe.«
Der Fremde stieg auf sein Zimmer hinauf und sah vor Nr. 7 ein Paar Herrenstiefeln und ein Paar lederne Damenschuhe stehen. Im Hotel schlief aber schon alles; es war spät geworden, da sich der Zug überhaupt verspätet hatte und der »Particulier Hallinger« suchte ebenfalls sein Lager.
II.
Der Bundesgenosse.
Am nächsten Morgen war der Fremde, der sich in dem Fremdenbuch als Particulier Hallinger eingeschrieben hatte, trotzdem daß er nicht geweckt wurde, ziemlich früh wieder munter, aber es schlug 8 Uhr, und die Stiefel und die Damenschuhe standen noch immer vor Nr. 7, ohne hereingeholt zu sein. Erst gegen neun Uhr schienen die Insassen jenes Zimmers ordentlich munter zu werden, und um halb zehn Uhr wurde Kaffee bestellt. Aber erst gegen zwölf Uhr ging der Herr aus, und zwar allein – die Dame blieb auf ihrem Zimmer. Wie der Kellner aussagte, fühlte sich die Dame nicht ganz wohl, und wollte heute ausruhen – er hatte wenigstens nicht in das Zimmer gedurft, und das Stubenmädchen mußte den Kaffee hinein tragen. Wahrscheinlich lag sie noch im Bette.
Der Fremde blieb übrigens den ganzen Tag zu Haus, und schickte nur einen Brief an Messrs. Burton & Burton, London, 12 Fleetstreet durch den Hausknecht auf die Post. Thatsache war übrigens, daß er sich ungemein für seine Nachbarschaft zu interessiren schien, denn als der Herr wieder nach Hause kam, rückte er sich leise einen Stuhl an die verschlossene Verbindungsthür und horchte stundenlang mit einer merkwürdigen Ausdauer dem da drüben gehaltenen Gespräch, jedoch ohne besonderen Nutzen. Die laut gesprochenen Worte waren vollständig gleichgültiger Natur, und das andere konnte er eben nicht verstehen.
Zu Mittag aß er an der Table d'hôte, aber von Nr. 6 oder 7 ließ sich niemand dabei blicken. Die Dame schien sich noch angegriffen von der Reise zu fühlen und Beide speisten auf ihrem Zimmer.
Erst Nachmittags begegnete er dem »Grafen Kornikoff« auf der Treppe und dieser sah ihn etwas überrascht durch seine blaue Brille an. Der Fremde heuchelte aber vollständige Gleichgültigkeit, nahm nicht die geringste Notiz von ihm, und that wenigstens so, als ob er ihn gar nicht wieder erkenne.
So verging der Tag, ohne daß die beiden Reisenden Miene gemacht hätten, Frankfurt wieder zu verlassen. Der Oberkellner, mit dem sich Herr Hallinger über die »bildschöne junge Frau« unterhielt, wußte wenigstens nicht das Geringste davon. Abends aber, als der Schnellzug von Hannover erwartet wurde, ging Hallinger hinaus auf den Bahnhof, und brauchte, als der Zug endlich einlief, auch nicht lange nach dem Erwarteten zu suchen. Dieser hatte ihn schon von seinem Coupé aus bemerkt und kam rasch auf ihn zu.
»Hamilton! nun, was Neues?«
»Ich glaube, ich bin auf der richtigen Spur, Mr. Burton,« sagte dieser, indem er achtungsvoll seinen Hut berührte. »Aber wo ist Ihr Gepäck?«
»Nichts als die Reisetasche hier.«
»Desto besser, auf der Jagd darf man nicht unnöthigen Plunder mitschleppen. Kommen Sie, ich habe schon eine Droschke«.
»Gehen wir nicht lieber zu Fuß?«
»Es ist zu weit – und fahren ist sicherer.«
»Und was h a b e n Sie nun entdeckt?« frug der junge Engländer, als Beide eingestiegen waren und davon rasselten – die Unterhaltung wurde auch in englischer Sprache geführt.
»Das will ich Ihnen mit kurzen Worten sagen,« berichtete der fälschlich als deutscher Particulier eingetragene Fremde. »Durch einen reinen Zufall war ich genöthigt, ein Paar Stationen in einem Packwagen zu fahren, und fand dort einen Koffer, dessen Messingschild den Namen »Comte Kornikoff« trug.«
»Und Sie glauben, daß jener Schuft Kornik dahinter stecke?«
»Durch den Namen allein wäre ich vielleicht nicht einmal darauf gefallen,« fuhr Hamilton fort, »aber das französische Wort Comte war jedenfalls später zu dem Namen gravirt, denn es nahm nicht den Raum ein, den ihm der Graveur gegeben hätte, wenn er es von Anfang an darauf gesetzt. Ebenso schien das off hinzugefügt.«
»Und die Beschreibung des Eigenthümers paßt?« rief Mr. Burton rasch.
»Ja und nein. Wohl in der Gestalt, aber sonst nicht ganz; der dunkelblonde Backenbart fehlt«.
»Der kann abrasirt sein.«
»Das ist möglich – aber er trägt einen vollkommen schwarzen Schnurrbart und eine blaue Brille«.
»Der Schnurrbart ist vielleicht gefärbt.«
»Das vermuthe ich selber. – Die Dame ist bei ihm.«
»Miss Fallow?«
»Unter dem Namen der Gräfin Kornikoff natürlich, – wenn das nämlich der von uns Gesuchte ist. Sie kennen ihn doch genau?«
»Als ob er mein leiblicher Bruder wäre. Er war ja sieben Jahre in meines Vaters Haus und die beiden letzten als Hauptcassirer, wo er sich – wer weiß durch was, verleiten ließ, diesen bedeutenden Kassendiebstahl zu begehen.«
»Wahrscheinlich durch eben diese junge Dame,« sagte Hamilton, »von der ich ganz allerliebste Sachen gehört habe. Ihr eigentlicher Name ist Lucy Fallow, Tochter eines Schneidermeisters in London, aber die Eltern sind beide todt. Es sollen ganz ordentliche Leute gewesen sein. Das junge Mädchen hatte, ihres anständigen Benehmens wegen und da sie wirklich nicht ungebildet ist, ein Paar Jahr mit einer vornehmen Familie reisen können, und dann später auch noch hie und da Unterricht in Musik gegeben. Dadurch kam sie auch in Lady Clives Haus, von wo aus sie jetzt beschuldigt wird, einen sehr werthvollen Schmuck entwendet zu haben.«
»Der sich dann vielleicht in ihrem Koffer findet.«
»Beinah hätte ich diese beiden Koffer erwischt,« lächelte Hamilton leise vor sich hin, »aber ich durfte kein Aufsehen erregen, bis ich nicht durch S i e hier Gewißheit über die Persönlichkeit erlangen konnte. Die Dame kennen Sie nicht selber?«
»Nein – ich habe sie nie gesehen.«
»Und von einem Grafen Kornikoff in Hannover auch nichts gehört?«
»Nicht das Geringste. Kein Mensch wußte dort etwas von ihm, und er stand nicht einmal in einem Fremdenblatt. Er kann nur durchgereist sein, und Sie werden gewiß die richtige Spur gefunden haben. Uebrigens müssen wir vorher die nöthigen Schritte auf der Polizei thun.«
»Ist schon alles geschehen,« sagte Hamilton. »Ich habe den Verhaftsbefehl für das Pärchen schon in der Tasche, und den Burschen mit seiner Donna fest, sowie Sie mir nur bestätigen, daß er der Rechte ist.«
»Ich hätte im Leben nicht geglaubt,« sagte Mr. Burton, »daß Sie dem Betrüger sobald auf die Spur kämen. Es geht alles nach Wunsch. Apropos, haben Sie denn die Dame auch zu sehen bekommen?«
»Ich bin ja mit ihnen in e i n e m Coupé gefahren,« lachte Hamilton, »und sie ahnten dabei wahrscheinlich nicht, daß sie einen geheimen Polizisten bei sich im Wagen hatten. Nun ich denke, wir werden noch länger Reisegefährten bleiben. Aber da sind wir – jetzt haben wir nur darauf zu sehen, daß uns die Herrschaften nicht etwa morgen in aller Früh durchbrennen. Wollen wir gleich auf Ihr Zimmer gehen?«
»Ich muß erst etwas essen; ich bin ganz ausgehungert.«
»Schön – dann kommen Sie mit in den Speisesaal, wir finden ihn um diese Zeit fast leer.«
Sie bogen rechts ein, um den Saal zu betreten. Als aber Hamilton die Hand nach der Thür ausstreckte, öffnete sich diese, und Graf Kornikoff trat heraus, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden und schritt dann langsam über den Vorsaal, der Treppe zu.
»Das war er,« flüsterte Hamilton seinem Begleiter zu – »wenn er Sie nur nicht erkannt hat.«
Unwillkührlich drehte Burton den Kopf nach ihm um, konnte aber die schmächtige Gestalt des Herrn nur noch sehen, wie er eben um die Ecke bog, ohne jedoch dabei zurückzuschauen.
»Das glaub ich kaum,« sagte Burton, »denn der Moment war zu rasch, und dann hätte er doch auch jedenfalls irgend ein unwillkürliches Zeichen der Ueberraschung gegeben. In der Verkleidung und mit der blauen Brille und dem schwarzen Schnurrbart würde ich selber aber nie im Leben diesen Mr. Kornik vermuthet haben. Wenn Sie sich nur nicht geirrt, denn in dem Fall versäumen wir hier viel Zeit.«
»Ist es denn nicht wenigstens seine Gestalt?« frug Hamilton.
»Die nämliche Gestalt allerdings,« bestätigte Burton, »aber das Gesicht konnte ich – unvorbereitet wie ich außerdem war – unmöglich in der Geschwindigkeit erkennen. Wann geht der erste Zug morgen früh?«
»Erst um sechs Uhr.«
»Ah, dann ist ja voller Tag,« sagte Burton, »und im schlimmsten Fall halten wir ihn mit Gewalt zurück. Wäre es aber nicht besser, wir äßen auf unserem Zimmer?«
»Jetzt kommt er nicht mehr herunter,« meinte Hamilton. »Jedenfalls setzen Sie sich mit dem Rücken der Thür zu, und wenn er dann ja noch einmal den Saal betreten sollte, so werde ich bald sehen, was er für ein Gesicht dabei macht.«
Hamilton hatte übrigens Recht. Graf Kornikoff ließ sich nicht mehr blicken und als die Beiden ihr Abendbrod beendet hatten, gingen sie auf Mr. Burtons Zimmer hinauf, das einen Stock höher als Hamiltons lag, um dort noch Manches zu besprechen.
Burton hatte sich jedoch vorher, auf Hamiltons Rath unter einem französischen Namen in das Fremdenbuch eingetragen, um doch jede nöthige Vorsicht zu gebrauchen. Auch verabsäumte der schlaue Polizeibeamte nicht, vor Schlafengehen noch einmal die Tafel des Portiers zu revidiren, ob sich vielleicht Nr. 6 oder 7 darauf befand, um früh geweckt zu werden. Das war aber nicht der Fall, und Hamilton glaubte jetzt selber, daß jener Herr, wenn es wirklich der Gesuchte gewesen, Mr. Burton in dem Moment ihres augenblicklichen und unerwarteten Begegnens nicht erkannt haben k o n n t e . Er brauchte also auch Nichts zu überstürzen.