Unter Palmen und Buchen: Erster Band
VII. Die gerettete Unschuld.
»Alle Wetter,« sagte der nachkeuchende Polizeicommissar, »das war doch gut, daß Sie schneller laufen konnten.«
»Wenn Sie m e i n e m Rath gefolgt wären, konnte uns das erspart werden,« meinte Hamilton finster, »denn ich verdanke mein Leben jetzt nur einem schlechten Zündhütchen.«
»Er hat schießen wollen?«
»Dort liegt der Revolver – Sie sehen, daß Sie es hier mit einem gefährlichen Verbrecher zu thun haben.«
»Da wollen wir ihn doch lieber binden.«
»Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter – er ist fest und sicher. Sein Sie nur so gut und lassen ihn jetzt durch Ihre Leute in festen Gewahrsam bringen.«
VII.
Die gerettete Unschuld.
Mr. Burton befand sich an dem Morgen in einer fast fieberhaften Aufregung, denn wie er schon lange jeden Glauben an die Mitschuld des armen – oh so wunderbar schönen Weibes abgeschüttelt hatte, gingen ihm andere Pläne wild und wirr durch den Kopf. Immer aufs neue malte er sich den Augenblick aus, wo er sie in seinem Arm gehalten, wo seine Lippen zum ersten Mal in Angst und Liebe die ihrigen berührt, und nur der Gedanke quälte ihn noch, in welchem Verhältniß sie zu dem unwürdigen Menschen gestanden haben, wie sie mit ihm bekannt werden konnte. Hatte er sie unter seinem falschen Namen getäuscht? – ihrer Familie heimlich vielleicht entführt? – alle ihre Klagen schienen darauf hinzudeuten, wie verworfen mußte er dann – wie elend sie, die arme Unschuldige, Verrathene sein? und war es da nicht seine Pflicht, – wo er wenn auch selber unschuldiger Weise, all diesen Jammer über sie gebracht – ihr auch wieder zu helfen so gut er konnte? Er schien fest entschlossen, und von dem Augenblick an fühlte er sich auch wieder ruhiger und zufriedener.
James Burton, kaum zum Mannesalter herangereift, war ein seelensguter Mensch mit weichem, für alles Gute und Schöne leicht empfänglichem Herzen. Er hatte dabei – in den glücklichsten und unabhängigsten Verhältnissen erzogen – noch nie Gelegenheit bekommen, den Täuschungen und Wiederwärtigkeiten des Lebens zu begegnen. Weil er selber gut und ohne Falsch war, hielt er alle Menschen für eben so rechtlich und brav, und selbst an Korniks Schuld hatte er so lange nicht glauben mögen, bis auch der letzte Zweifel zur Unmöglichkeit wurde. Wie leicht vertraute er da diesen lieben treuen Augen – wie glücklich fühlte er sich selbst, daß es i h m verstattet gewesen, jenem holden Wesen den Schmerz und die furchtbare Seelenqual erspart zu haben, von dem zwar geschickten und tüchtigen, aber auch vollkommen rücksichtslosen Polizeimann examinirt zu werden. Er schämte sich jetzt fast vor sich selber, daß er ihr auch nur verstattet hatte, ihren Koffer auszupacken – wie niedrig mußte sie von ihm denken! – aber er war ja auch gar nicht im Stande gewesen, sie daran zu verhindern, so leidenschaftlich erregt zeigte sie sich nur bei der Möglichkeit eines Verdachts. Aber natürlich – wenn er s i c h in i h r e Stelle dachte, würde er genau so gehandelt haben.
Die Stunde, die sie erbeten hatte, um sich nur von den ersten furchtbaren Eindrücken der über sie hereingebrochenen Catastrophe zu sammeln, verging ihm in diesen Gedanken rascher, als er es selbst geglaubt. Gewissenhaft aber bis zur letzten Minute ausharrend, stieg er dann wieder zu ihr hinab, klopfte leise an, und sah sich dem zauberischen Wesen noch einmal gegenüber.
Zeit zum Aufräumen schien sie allerdings noch nicht gefunden zu haben, denn die umhergestreuten Sachen der beiden Koffer lagen noch immer so wild und wirr durch einander, wie er sie verlassen hatte. Aber wer mochte ihr das verdenken? Auch in ihrem leichten, reizenden Morgenanzug war sie noch; – wenn unsere Seele zerrissen ist, wie können wir da an den Körper denken?
Trotzdem schien sie sich gesammelt zu haben. Sie sah etwas bleich aus, aber sie war ruhiger geworden, und dem Eintretenden lächelnd die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:
»Oh wie danke ich Ihnen, daß Sie, um den ich es wahrlich nicht verdient habe, mir diese zarte Rücksicht gezeigt. In dem Gedanken fand ich auch allein meinen Trost, daß Gott mich doch noch nicht verlassen haben könnte, da er S i e mir zugeführt.«
»Verehrte – l i e b e Frau,« sagte Burton bewegt, »sein Sie unbesorgt. Wenn auch in einem fremden Lande, steht Ihnen doch jetzt ein Landsmann zur Seite, und ich habe mir nur erlaubt, Sie jetzt noch einmal zu stören, um mit Ihnen gemeinschaftlich zu berathen, welche Schritte wir am besten thun können, um – das Geschehene gerade nicht ungeschehen zu machen, das ist nicht möglich, aber Sie doch jedenfalls aus einer Lage zu befreien, die Ihrer unwürdig ist. Um mir das zu erleichtern, muß ich Sie aber bitten, mir Ihr v o l l e s Vertrauen zu schenken. Nur dann bin ich im Stande die Maßregeln zu ergreifen, die für Sie die zweckmäßigsten sein würden. Daß es dabei nicht an meinem guten Willen fehlt, davon können Sie sich versichert halten.«
»Mein v o l l e s Vertrauen soll Ihnen werden,« sagte die junge Frau, leicht erröthend – »aber bitte, setzen Sie sich zu mir, Sie sollen alles erfahren – und nun,« fuhr sie fort, während sich Burton neben ihr auf dem Canapé niederließ, indem sie ihre Hand auf seinen Arm legte – »erzählen Sie mir vorher ausführlich, wie Sie dem Verbrecher auf die Spur gekommen sind, und welche Hoffnung Sie jetzt haben, ihn seiner Strafe zu überliefern. Es ist das Einzige jetzt, worauf ich hoffen kann, daß sein Geständniß Ihnen beweisen muß, wie doppelt nichtswürdig er an mir selber dabei gehandelt.«
»Aber, verehrte Frau,« sagte Burton etwas verlegen – »schon vorher theilte ich Ihnen alles mit, und der Eindruck, den die traurige Erzählung auf Sie machte –«
»Vorher,« sagte die junge Frau – »und in der entsetzlichen Aufregung, in der ich mich befand, tönten die Worte nur wie Donnerschläge an mein Ohr – ich begriff wohl ihre Furchtbarkeit, aber nicht ihren Sinn und vieles ist mir dabei unklar geblieben – besonders, welche Spur Sie j e t z t von dem Verbrecher haben, daß Sie hoffen können ihn einzuholen, und wer der Herr ist, der ihn verfolgt.«
Der Bitte, während d i e s e Augen so treu und vertrauend in die seinen schauten, konnte Burton nicht wiederstehen. Es war ihm dabei sogar Bedürfniß geworden, sich – ihr gegenüber – seines bisherigen eigenen Verhaltens wegen zu rechtfertigen, wobei er hervorhob, daß er mit der Verfolgung der Dame eigentlich gar nichts zu thun und Lady Clive im Leben nicht gesprochen habe, noch persönlich kenne. Auch von dem Schmuck selber wußte er nichts, als was ihm Hamilton darüber beiläufig mitgetheilt.
»Und jetzt?« frug die junge Dame weiter, die der Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit gefolgt war – »wo jener Betrüger – dem Gott verzeihen möge, was er an mir gethan, und wie er mich d o p p e l t verrathen hat – wo jener Betrüger geflohen ist, haben Sie noch Hoffnung, ihn wieder zu ereilen?«
»Allerdings,« sagte Burton – »Mr. Hamilton, mein Begleiter, ist einer der schlauesten und gewandtesten Detectivs Englands. Er spricht drei oder vier verschiedene fremde Sprachen, und hat schon daheim die scheinbar unmöglichsten Dinge ausgeführt. Dieser Kornik hatte außerdem viel zu kurzen Vorsprung, um mich nicht fest glauben zu machen, daß ihn Hamilton ereilt, da er noch dazu die unbegreifliche Unvorsichtigkeit beging, von hier mit Extrapost zu fliehen. Wir finden das aber so oft im Leben, daß schlechte Menschen irgend ein Verbrechen mit der größten und raffinirtesten Schlauheit ausführen, und jede Kleinigkeit, jeden möglichen Zufall dabei berücksichtigen, und nachher, wenn ihnen alles nach Wunsch geglückt, sich selber auf die plumpste Weise dabei verrathen.«
»Aber ehe er ihn eingeholt hat, kehrt er nicht hierher zurück?«
»Ich glaube kaum,« sagte Mr. Burton, »doch fehlt mir darüber jede Gewißheit. Er wird mir unter allen Umständen in der nächsten Zeit schon telegraphiren, denn ich habe ihm versprechen müssen, hier zu bleiben, bis er zurückkehrt.«
»Und glauben Sie, daß er den Verbrecher, wenn er ihn einholen sollte – mit hierher bringt?«
»Ich zweifle kaum – aber auch darüber bin ich nicht im Stande, Ihnen eine bestimmte Auskunft zu geben. Nur davon dürfen wir überzeugt sein, daß Mr. Hamilton alles in der praktischsten Weise ausführen wird, denn er versteht sein Fach aus dem Grunde. H a t er die Spur gefunden, so ist Mr. Kornik auch verloren.«
Es schien fast, als ob die junge Dame um einen Schatten bleicher wurde – und wer konnte es ihr verdenken, daß ihr die Erinnerung an den Mann, der sie so furchtbar hintergangen, entsetzlich war? Endlich sagte sie leise:
»Wenn sich das alles bestätigt, was Sie mir erzählt, verehrter Herr – und ich kann kaum mehr daran zweifeln, dann v e r d i e n t er die Strafe, die ihn erreichen wird, im vollem Maße. Aber wie er auch I h r Haus betrogen und hintergangen haben mag, es ist nichts im Vergleich mit dem, was er an mir und meinem zukünftigen Leben verbrochen.«
»Aber wie konnte er Sie so lange täuschen?« frug Burton und erröthete dabei fast selber über die Frage.
»Du lieber Gott,« seufzte die Unglückliche – »was weiß ein armes unerfahrenes Mädchen von der Welt? Er kam in meiner Eltern Haus, in das ihn zuerst mein Bruder eingeführt – es mögen jetzt zwei Monate sein – und sein offenes, heiteres Wesen gewann ihm mein Herz – sein angemaßter Rang schmeichelte meiner Eitelkeit. Er erzählte mir dabei von seinen Gütern in Polen, und wie glücklich – wie selig ihn mein Besitz machen würde, und ich – war schwach genug, es ihm zu glauben. Aber mein Vater verweigerte seine Einwilligung. Er kannte die Menschen besser, als seine thörichte Jenny. Er verlangte von Kornikoff den Ausweis eines hinreichenden Vermögens sowohl, wie die Erlaubniß seiner eigenen Eltern zu unserer Verbindung, und dieser, ungeduldig und stürmisch, drang in mich, mit ihm zu fliehen.«
Jenny barg beschämt ihr Antlitz in ihren Händen und James Burton hörte der Erzählung mit einiger Verlegenheit schweigend zu. Er hätte das liebliche Wesen so gern getröstet, aber es fielen ihm in diesem Augenblick um die Welt keine passenden Worte dafür ein und es entstand dadurch eine kurze peinliche Pause. Endlich fuhr die junge Frau, aber jetzt tief erröthend, fort:
»Schon unterwegs fing ich an, an dem Charakter meines Bräutigams zu zweifeln. Wir entkamen glücklich auf einem Dampfer, der nach Hamburg bestimmt war, und er hatte mir versprochen, daß jenes Fahrzeug in Helgoland anlegen würde, wo wir uns trauen lassen könnten – aber es legte nicht an, und in Hamburg, wo er ausging, um einen Geistlichen zu suchen, wie er sagte, kehrte er ebenfalls unverrichteter Sache zurück, versicherte mich aber, er habe bestimmt gehört, daß wir hier in Frankfurt – einer freien deutschen Stadt – unser Ziel leicht erreichen könnten. Ich folgte ihm auch hierher – immer noch als Braut – nicht als Gattin« – setzte sie mit leiser, kaum hörbarer Stimme hinzu – »und ich danke jetzt Gott, daß ich standhaft blieb und meinem guten Engel mehr folgte als jenem Teufel.«
Es wäre unmöglich, die Gefühle zu schildern, die James Burtons Seele bei dieser einfachen und doch so ergreifenden Erzählung bestürmten; sein Herz schlug hörbar in der Brust, und fast seiner selbst unbewußt, ergriff er mit zitterndem Arm die Hand seiner Nachbarin, die sie ihm willenlos überließ.
»Gott sei Dank,« flüsterte er endlich mit bewegter Stimme – »so brauche ich mir auch länger keine Vorwürfe zu machen, denn unser Erscheinen hier war ja dann nur zu Ihrem Heil.«
» I h n e n verdanke ich meine Rettung,« sagte da Jenny herzlich, und wie sie sich halb dabei zu ihm überbog, umfaßte er mit seinem Arm die bebende Gestalt des Mädchens. Aber nicht einmal auf ihre Stirn wagte er einen Kuß zu drücken, aus Furcht sie zu beleidigen, und sich gewaltsam aufrichtend, rief er leidenschaftlich bewegt aus:
»Dann ist auch noch alles, alles gut. Trocknen Sie Ihre Thränen, mein liebes, liebes Fräulein – die Versöhnung mit Ihren Eltern übernehme ich – übernimmt mein Vater, Sie kehren zu ihnen zurück und die Erinnerung an das Vergangene soll eine fröhliche Zukunft Sie vergessen machen.«
»Und auch Sie wollen nach England zurück?« frug rasch die junge Fremde.
»Gewiß,« rief Burton – »sobald ich nur Nachricht von Hamilton habe. Aber noch heute schreibe ich nach Haus – wie heißen Ihre Eltern, mein bestes Fräulein – was ist Ihr Vater? Halten Sie diese Fragen nicht für bloße Neugierde; es giebt keinen Menschen auf der Welt, der jetzt ein innigeres Interesse an Ihnen nähme, als ich selber.«
»Mein Vater,« sagte Jenny leise, »ist Geistlicher, der Reverend Benthouse in Islington. Vielleicht ist Ihnen der Name bekannt. Er hat viel geschrieben.«
»Das nicht,« sagte Hamilton erröthend, »denn ich muß leider zu meiner Schande bekennen, daß ich mich bis jetzt, und in jugendlichem Leichtsinn weniger mit einer religiösen Lectüre befaßt habe, als ich vielleicht gesollt – aber erlauben Sie, daß ich mir den Namen notire – und jetzt,« sagte er, als er sein Taschenbuch wieder einsteckte, »verlasse ich Sie. Wir dürfen den müßigen Leuten hier im Hotel Nichts zu reden geben – schon Ihrer selbst wegen, aber Sie sollen von nun an auch nicht mehr allein sein. Ich werde augenblicklich ein Kammermädchen für Sie engagiren, die Ihnen zugleich Gesellschaft leisten kann. Junge Mädchen, der englischen Sprache mächtig, sind gewiß genug in Frankfurt aufzutreiben; der Wirth kann mir da jedenfalls Auskunft geben. Keine Widerrede, Miß,« setzte er lächelnd hinzu, als sie sich – wie es schien mit dem Plan nicht ganz einverstanden zeigte – »Sie stehen von nun an, bis ich Sie Ihren Eltern wieder zurückführen kann, unter m e i n e m Schutz, und da müssen Sie sich schon eine kleine Tyrannei gefallen lassen.«
»Aber wie kann ich Ihnen das, was Sie jetzt an mir thun, nur je im Leben wieder danken,« sagte das junge Mädchen gerührt – »womit habe ich das alles verdient?«
»Durch Ihr Unglück,« erwiederte Burton herzlich, indem er ihre Hand an seine Lippen hob, und wenige Minuten später fand er sich schon unten mit dem Wirth in eifrigem Gespräch, um eine passende und anständige Person herbeizuschaffen.