Unter Palmen und Buchen: Erster Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 14 von 22

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Unter Palmen und Buchen: Erster Band

IV. Die schöne Fremde.

»Es scheint als ob er heimlich auf und davon gegangen wäre,« sagte Mr. Burton leise zu Hamilton. Dieser zuckte die Achseln.

»Gott weiß es,« erwiderte er, »aber das werden Sie jetzt herausbekommen. Lassen Sie sich nur nicht etwa von Thränen rühren, denn wir haben es hier mit einer abgefeimten Kokette zu thun, der auch Thränen zu Gebote stehen, wenn sie dieselben braucht. Ich aber darf keinen Augenblick Zeit mehr verlieren. Auf die Koffer in Korniks Zimmer legen Sie augenblicklich Beschlag und lassen sie visitiren. Kornik hat wahrscheinlich alle Papiere entfernt und mitgenommen; aber in der Eile bleibt doch noch manchmal ein oder die andere Kleinigkeit zurück, die leicht zum Verräther wird.«

»Und wenn sie sich weigert? – wenn sie sich auf ihren Rang, vielleicht sogar auf einen, wer weiß wie erhaltenen Paß beruft? Die Behörden hier werden sie in Schutz nehmen.«

»Gott bewahre,« sagte Hamilton, »Sie haben ja das Duplicat unserer englischen Vollmachten mit der Personalbeschreibung der beiden Verbrecher in Händen. Korniks Flucht hat ihn dabei schon verdächtig gemacht und das wenigste, was man Ihnen zugestehen kann, ist eine Durchsuchung der Effecten im Beisein eines Polizeibeamten, und dann die Detenirung der Person selber in Frankfurt, bis ich mit ihrem Helfershelfer zurückkomme. In dem Fall können Sie dieselbe meinetwegen – natürlich unter polizeilicher Aufsicht – so lange hier im Hotel lassen.«

»Eine unangenehme Geschichte bleibt es immer,« sagte Mr. Burton, mit dem Kopf schüttelnd.

»Unangenehm, by George,« lachte Hamilton – »bedenken Sie, daß 20,000 Pfd. Sterling Ihres Geschäfts dabei auf dem Spiel stehen, von dem Schmuck, der ebenfalls auf 3000 taxirt ist, gar nicht zu reden. Und nun ade; hoffentlich bringe ich Ihnen bald den Patron selber. Verlassen Sie nur die Stadt nicht« – und mit den Worten rasch zu dem kleinen Stehpult tretend, hinter welchem sich der Oberkellner befand, berichtigte er seine Rechnung und sprang gleich darauf draußen in eine Droschke, um seine Verfolgung anzutreten.

 

IV.

Die schöne Fremde.

Mr. Burton blieb in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung zurück, denn er hatte ganz plötzlich die L e i t u n g einer Angelegenheit bekommen, in der er bis jetzt nur gedacht hatte als Zeuge, und vielleicht als Kläger aufzutreten.

James Burton war überhaupt der Mann nicht, in irgend einer Angelegenheit entschieden und selbständig zu h a n d e l n ; er verhielt sich am liebsten passiv.

In einer der ersten bürgerlichen Familien seines Vaterlandes erzogen, in den besten Schulen herangebildet, in der besten Gesellschaft aufgewachsen, war er von edlem, offenem Charakter, dem sich ein gesunder Verstand und ein weiches Herz paarte. Das letztere lief ihm aber nur zu oft mit dem ersteren davon, und selber unfähig eine unrechtliche Handlung zu begehen, gab es für ihn auch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als solche einem anderen zuzutrauen.

Nichtsdestoweniger bekam er es hier mit einer nicht wegzuläugnenden Thatsache zu thun, denn William Kornik, von seinem Vater mit Wohlthaten überhäuft und in eine ehrenvolle und einträgliche Stellung gebracht, hatte das Vertrauen seines Hauses auf eine so nichtswürdige Weise getäuscht und mißbraucht, daß ein Zweifel an seiner Unehrlichkeit nicht mehr stattfinden konnte. Gegen diesen würde er auch mit rücksichtsloser Strenge vorgegangen sein, aber jetzt bekam er plötzlich den Auftrag, gegen eine F r a u einzuschreiten, deren Betheiligung an dem Raub allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs völlig erwiesen war. Und doch sah er auch recht gut ein, daß Hamilton Recht hatte, wenn er verlangte, die jedenfalls sehr verdächtige Person wenigstens so lange fest und unter Aufsicht zu halten, bis er mit dem wirklichen Verbrecher zurückkehren könne. Nur daß i h m dazu der Auftrag geworden, war ihm fatal, und er hätte vielleicht eine große Summe Geldes gegeben, um sich davon loszukaufen, aber das ging eben nicht, und es blieb ihm nichts andres übrig, als sich der einmal übernommenen Pflicht nun auch nach besten Kräften zu unterziehen. Er hoffte dabei im Stillen, daß die Dame sehr stolz und frech gegen ihn auftreten würde, und war fest entschlossen, sich nicht einschüchtern zu lassen. Um den verbrecherischen Erwerb des Geldes m u ß t e sie ja wissen, sie wäre sonst nicht heimlich mit ihm geflohen, und wenn sich dann auch noch herausstellte, daß sie den Schmuck der Lady Clive entwendet hatte, dann brauchte er auch weiter kein Mitleiden mit ihr zu haben, und jede Rücksicht hörte von selbst auf.

Nichtsdestoweniger konnte er sich doch nicht entschließen, die Höflichkeit soweit außer Acht zu lassen, als sich vor zwölf Uhr bei ihr melden zu lassen. Aber er traute ihr deshalb doch nicht; denn Mr. Kornik war ihm auf viel zu rasche Art abhanden gekommen, um nicht etwas Aehnliches auch von seiner Frau oder Gefährtin zu fürchten. Er ging deshalb, sehr zum Erstaunen des Portiers, der gar nicht wußte, was er von dem unruhigen Gast denken sollte, und ihn frug, ob er vielleicht Zahnschmerzen habe, die langen Stunden theils auf dem Vorsaal, theils auf der Treppe auf und ab – denn das verzweifelte Haus hatte ja zwei Ausgänge – und horchte verschiedene Male oben an der Thür, um sich zu versichern, daß nicht der zweite Vogel ebenfalls heimlich ausgeflogen sei.

Aber diese Furcht schien grundlos zu sein. Das Stubenmädchen, dem er auf der Treppe begegnete, brachte das Frühstück hinauf, ein Glas Madeira und ein Beefsteak, die verlassene Frau nahm also noch substantielle Nahrung zu sich, und als es endlich auf sämmtlichen Frankfurter Uhren – was bekanntlich eine lange Zeit dauert – zwölf geschlagen hatte, faßte er so viel Muth, der Dame seine Karte hinaufzuschicken und anfragen zu lassen, ob er das Vergnügen haben könne, ihr seine Aufwartung zu machen.

Das klang allerdings nicht wie das Vorspiel einer criminellen Untersuchung, aber die gewöhnlichen Gesetze der Höflichkeit durften doch auch nicht außer Acht gelassen werden. Höflichkeit schadet nie, und man hat dadurch oft schon mehr erreicht, als durch sogenannte gerade Derbheit, was man im gewöhnlichen Leben auch wohl G r o b h e i t nennt.

Die Antwort lautete umgehend zurück, daß die Dame sich glücklich schätzen würde, ihn zu begrüßen und nur noch um wenige Minuten bäte, um ihre Morgentoilette zu beenden.

Die wenigen Minuten dauerten allerdings noch eine reichliche halbe Stunde, aber Mr. Burton war gar nicht böse darüber, denn er bekam dadurch nur noch so viel mehr Zeit sich zu sammeln, und sich ernstlich vorzunehmen, diese Person allerdings mit jeder Artigkeit, aber auch mit jeder, hier unumgänglich nöthigen Strenge zu behandeln. Was half es auch, Rücksicht auf ein Wesen zu nehmen, das sich an einen Menschen wie diesen Kornik soweit weggeworfen hatte, sogar Theilnehmerin seiner Ve r b r e c h e n zu werden. Dabei überlegte er sich auch, daß es weit besser sein würde, im Anfang keine einzige Frage derselben zu beantworten, sondern vor allen Dingen erst alles herauszubekommen, was s i e wußte. Volle Aufrichtigkeit konnte allein ja auch jetzt ihre Strafe mildern und ihrem Vergehen das Gehässige der Verstocktheit nehmen, und durch i h r Geständniß bekamen sie außerdem gleich ein Hauptzeugniß gegen den jetzt noch flüchtigen Verbrecher.

Mitten in diesen Betrachtungen wurde er durch die Klingel auf Nr. 7 gestört, die den Kellner herbeirief. – Dieser erschien gleich darauf wieder und meldete Herrn Burton, die Dame erwarte ihn.

Also der Augenblick war gekommen, und mit festen Schritten stieg er die Treppe hinan. Wußte er doch auch schon vorher, wie er die Dame finden würde, die so ewig lang gebraucht hatte, ihre Toilette zu machen: im vollen Staat natürlich, um ihm zu imponiren und jede Frage nach einer begangenen Schuld gleich von vorn herein abzuschneiden. Aber er lächelte trotzig vor sich hin, denn er wußte, daß eine derartige plumpe List bei ihm nicht das Geringste helfen würde. Er ließ sich eben nicht verblüffen.

Mit festen Schritten stieg er die Stufen hinan und klopfte an – aber doch nicht zu laut. »Walk in,« hörte er von einer fast schüchternen Stimme rufen, und als er die Thür öffnete, blieb er ordentlich bestürzt auf der Schwelle stehen, denn vor sich sah er das lieblichste Wesen, das er in seinem ganzen Leben noch mit Augen geschaut.

Mitten in der Stube stand die junge Fremde – nicht etwa in voller Toilette, mit Schmuck und Flittertand behangen, wie er eigentlich gehofft hatte sie zu finden, sondern in einem einfachen, schneeweißen Morgenanzug, der ihre Schönheit nur um so reizender erscheinen ließ, und während ihr blaues Auge feucht von einer halbzerdrückten Thräne schien, streckte sie dem Eintretenden die Hand entgegen und sagte, mit vor Bewegung zitternder Stimme:

»Sie sendet mir der liebe Gott, mein Herr – Ihr Name ist mir zwar fremd, aber aus Ihrer Karte sehe ich, daß Sie ein Landsmann sind, also ein Freund, der mich in der größten Noth meines Lebens trifft, und mir gewiß, wenn er nicht helfen kann, doch rathen wird.«

»Madam,« sagte der junge Burton, durch diese keineswegs erwartete Anrede ganz außer Fassung gebracht, indem er die ihm gereichte Hand nahm und fast ehrfurchtsvoll an seine Lippen hob, »ich – ich begreife nicht recht – ich gestehe, daß ich – Sie entschuldigen vor allen Dingen meinen Besuch.«

»Ich würde Sie darum gebeten haben,« sagte die junge Frau herzlich, »wenn ich gewußt hätte, daß ein Landsmann mit mir unter einem Dache wohnt; aber das Fremdenbuch, das ich mir heute Morgen bringen ließ, zeigte keinen einzigen englischen Namen – doch ich darf nicht selbstsüchtig sein,« unterbrach sie sich rasch – »Sie sind da – ich sehe in dem edlen Ausdruck Ihrer Züge, daß ich auf Ihren Beistand rechnen kann, und nun erst vor allen Dingen, I h r e Angelegenheit. Lösen Sie mir das Räthsel, das Sie, einen vollkommen Fremden, gerade in dieser Stunde zu mir hergeführt – und bitte, nehmen Sie Platz – oh verzeihen Sie der Aufregung, in der Sie mich gefunden, daß ich Sie schon so lange hier im Zimmer habe stehen lassen.«

Damit führte sie ihn mit einfacher Unbefangenheit zu dem kleinen mit rothem Plüsch überzogenen Sopha und nahm dicht neben ihm Platz, so daß es dem jungen Manne ganz beklommen zu Muthe wurde. Auch die Frage diente nicht dazu, ihm seine ruhige Ueberlegung wieder zu geben, denn konnte er d e m Wesen neben ihm jetzt mit kalten, dürren Worten sagen, daß er hierher gekommen sei, um sie des D i e b s t a h l s zu bezüchtigen und in Haft zu halten? Es war ordentlich als ob ihm die innere Bewegung die Kehle zusammenschnürte und er brauchte geraume Zeit, um nur ein Wort des Anfangs zu finden.

Die junge Frau an seiner Seite ließ ihm dabei vollkommen Zeit sich zu fassen, und nur wie schüchtern blickte sie ihn mit ihren großen seelenvollen Augen an. Und diese Augen sollten jemals die Helfershelfer eines Verbrechens gewesen sein? Es war nicht möglich; Hamilton hatte den größten nur denkbaren Mißgriff gemacht, und ihn selber jetzt in eine Lage gebracht, wo er mit Vergnügen tausend Pfund Sterling bezahlt hätte, um nur mit Ehren wieder heraus zu sein.

Endlich fühlte er aber doch, daß er nicht länger schweigen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, und begann, wenn auch anfangs noch mit leiser, unsicherer Stimme.

»Madam – Sie – Sie müssen mich wirklich entschuldigen, wenn ich Sie von vornherein mit einer Frage belästige, die – die eigentlich Ihren – Ihren Herrn Gemahl betrifft – dem auch – dem auch vorzugsweise mein Besuch galt; denn ich würde nicht gewagt haben, S i e zu stören. Aber – seine so plötzliche Abreise – und mitten in der Nacht hat einen Verdacht erweckt, der –«

»Einen Ve r d a c h t ?«

»Uebrigens,« lenkte Burton ein, da ihm plötzlich wieder beifiel, daß er ja vorher Alles hatte hören wollen, was die Dame i h m sagen würde, um danach sein eigenes Handeln zu regeln – »hängt alles vielleicht mit dem zusammen, wegen dessen Sie selber meinen Rath verlangen, und wenn Sie nur die Freundlichkeit haben wollten –«

»Aber einen Ve r d a c h t ?« – sagte die junge Dame rasch und erschreckt, indem sie ihre zitternde Hand auf seinen Arm legte und in der gespanntesten Erwartung mit ihren schönen Augen an seinen Lippen hing. – »Welcher Verdacht könnte auf ihm ruhen? – In welcher Verbindung können Sie mit ihm stehen? Oh, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter – machen Sie mich nicht unglücklicher, als ich es schon bin. Ach, ich hatte ja gehofft, daß S i e gerade mir Hülfe und Trost bringen sollten; tragen Sie nicht dazu bei, meine Unruhe durch längeres Schweigen noch zu vermehren.«

Mr. Burton fand sich so in die Enge getrieben, daß er schon gar keinen möglichen Ausweg mehr sah. E r war ja auch eigentlich verpflichtet zuerst zu sprechen. E r hatte eine Unterredung mit ihr erbeten, nicht s i e mit ihm, und wenn ihn auch ein wahrhaft verzweifelter Gedanke einmal einen Moment erfaßte, sich aus der ganzen Geschichte durch irgend eine Ausrede hinaus zu lügen, fiel ihm doch ums Leben nicht das Geringste, auch nur einigermaßen Glaubwürdige bei. Es blieb ihm also nichts übrig, als der jungen Dame – natürlich so schonend wie das nur irgend geschehen konnte – die Wahrheit zu sagen, und dabei war er auch im Stande zu sehen, welchen Eindruck die Beschuldigung auf sie machen würde – danach wollte er dann handeln.

»Madam,« sagte er, aber noch immer verlegen – »beruhigen Sie sich – es wird sich ja noch alles aufklären. – Ich selber – ich bin ja fest überzeugt, daß S i e der – unangenehmen Sache, um die es sich handelt, vollständig fern stehen. – Es ist auch noch nicht einmal ganz fest bestimmt, ob ihr Herr – Herr Gemahl auch wirklich jene Persönlichkeit ist, die wir suchen – die ganze Sache kann ja möglicher Weise ein Irrthum sein, und nur der dringende Verdacht, den mein Begleiter gegen mich ausgesprochen hat, veranlaßt mich –«

»Aber ich verstehe Sie gar nicht,« sagte die junge Dame, und sah dabei gar so lieb und doch so entsetzlich unglücklich aus, daß ihm ordentlich das eigene Herz weh that.

»Ich m u ß deutlicher reden,« fuhr Mr. Burton fort, der sie nicht länger in dieser Aufregung lassen durfte. »Also hören Sie. Mein Name ist James Burton. Ich bin seit diesem Jahre Theilhaber der Firma meines Vaters Burton & Burton in London. Seit sieben Jahren hatten wir einen jungen Mann in unserm Geschäft, einen Polen, Namens Kornik, der sich durch seine Geschicklichkeit und Umsicht so in meines Vaters Vertrauen einschlich, daß er ihn vor zwei Jahren zu unserm Hauptcassirer machte. Mein Vater wußte nicht, daß er eine Schlange in seinem Busen nährte. Vor etwa acht Tagen verschwand dieser Mensch plötzlich aus London und zwar an einem Sonnabend Abend, wodurch er etwa vierzig Stunden Vorsprung bekam, denn da nicht der geringste Verdacht auf ihm lastete, fiel auch sein Ausbleiben am Montag Morgen nicht so rasch auf, wie das sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Nur weil mein Vater fürchtete, daß er könne unwohl geworden sein, schickte er in seine Wohnung hinüber, die sich unmittelbar neben uns befand, und hörte hier zu seinen Erstaunen, daß Mr. Kornik sowohl Sonnabend als auch Sonntag Abend nicht nach Hause gekommen sei.«

»Aber was, um Gottes Willen, habe ich mit dem allen zu thun?« unterbrach ihn die junge Dame, erstaunt mit dem Kopf schüttelnd.

»Erlauben Sie mir,« fuhr Mr. Burton, in der Erinnerung an das Geschehene wärmer werdend fort: »Der erste Gedanke meines Vaters war, daß ihm ein Unglück begegnet sein könne; ein anderer Commis aber in unserem Haus mußte doch etwas bemerkt haben, was ihm verdächtig vorkam. Er bat uns dringend, keine Zeit zu versäumen und die Kasse zu revidiren, und da stellte sich denn bald das Entsetzliche heraus, daß eine s e h r bedeutende Summe fehlte, die, nach den über Tag eingegangenen Erkundigungen, gegen 20,000 Pfd. Sterling betrug.«

»Mein Vater wandte sich augenblicklich an die Polizei, und ein sehr gewandter Detective, der uns besuchte, und der zur Verfolgung bestimmt wurde, gerieth noch an dem nämlichen Tag auf eine andere Spur, die, wie er meinte, sicherer zur Entdeckung des Verbrechers führen konnte. Derselbe war nämlich, wie der Polizeiagent sehr rasch herausbrachte, mit einer jungen sehr – ge – sehr gewandten Dame bekannt geworden und als an dem nämlichen Tag eine andere Klage gegen diese einlief, daß sie in dem Haus einer Lady, wo sie Stunden gab, einen werthvollen Schmuck entwandt haben sollte, ebenfalls aber nirgends aufzufinden war, und seit dem nämlichen Abend fehlte, wie jener Kornik – so blieb zuletzt kein Zweifel, daß beide mitsammen geflohen sein mußten.«

»Jetzt war kein Augenblick mehr zu verlieren um der Verbrecher habhaft zu werden. Lady Clive – so hieß jene Dame – setzte selber eine namhafte Summe für den Polizeibeamten aus; da dieser aber weder die Dame noch unsern frühern Kassirer persönlich kannte, entschloß ich mich ihn zu begleiten, und wir begannen gemeinschaftlich unsere etwas ungewisse Fahrt.«

»Und jetzt?« frug die Fremde, anscheinend in größter Spannung.

»Indessen,« fuhr Mr. Burton fort, »wurde kein mögliches Mittel versäumt um die beiden aufzufinden, falls sie sich noch in England aufhalten sollten. Zugleich telegraphirten wir an die nächsten Hafenplätze. Mein ganz vortrefflicher und gewandter Begleiter war aber schon auf eine Spur gekommen, die ihn nach Hamburg führte. Mit dem Hamburg Packet waren nämlich am Sonnabend Abend zwei Personen abgegangen, die der Beschreibung vollkommen entsprachen. Einer der Kassenleute in dem Office des Dampfboots behauptete sogar, Kornik an jenem Abend mit einer Reisetasche an dem Landungsplatz des Dampfboots gesehen zu haben. Wir folgten augenblicklich, verloren aber die Spur in Hamburg wieder, und glaubten sie erst in Hannover – freilich, wie sich später erwies, irrthümlich – wieder zu finden. Dort ließ mich Mr. Hamilton zurück, während er selber, von einer Art polizeilichen Instinkts getrieben, nach Frankfurt vorauseilte und hierher zu – zufälliger Weise – mit Ihnen und Ihrem Herrn Gemahl die Reise in einem Coupé machte.«

Ein leises Zittern flog über den Körper der Frau, aber ihre Züge verriethen keine Spur von Ueberraschung, und nur mit mehr erstaunter als bewegter Stimme sagte sie:

»Und jetzt?« –

»Und jetzt,« fuhr Mr. Burton verlegen fort, »glaubte er, durch mehrere sonderbar zusammentreffende Umstände jenen aus London mit unserem Geld entflohenen Kornik in dem – Sie dürfen mir nicht zürnen, denn Sie haben die volle Wahrheit verlangt – in dem – Grafen Kornikoff wieder zu finden, da sich dieser heute Nacht so heimlich –«

»Heiliger Gott der Welt!« rief die junge Frau, entsetzt emporspringend: »reden Sie nicht aus. Darf ich denn meinen Ohren trauen? In dem Grafen Kornikoff vermuthen Sie den entsprungenen Verbrecher? Und dann ist, I h r e r Meinung nach – seine Begleiterin jene Diebin des Diamantenschmucks?«

»But Madam!« rief Mr. Burton, ebenfalls erschreckt von seinem Sitz aufspringend, »ich sage Ihnen ja« –

»O mein Vater im Himmel, selbst das noch,« rief aber das schöne Weib, die Arme wie flehend emporstreckend, »auch das noch – auch das noch in meinem Jammer und Elend. – Aber kommen Sie,« fuhr sie leidenschaftlich fort, indem Sie plötzlich wieder Mr. Burtons Arm ergriff und ihn fast mit Gewalt zu ihrem Koffer zog – » i c h bin nur ein armes schwaches Weib, hilflos und ohne Schutz im fremden Lande – aber Sie haben vielleicht ein Recht, der Spur eines verübten Verbrechens nachzuforschen. I c h habe nichts als meinen ehrlichen Namen, aber den kann ich, Gott sei Dank, mir erhalten und Ihnen bin ich noch dazu verpflichtet, mir die Gelegenheit zu geben mich zu rechtfertigen. Mir schwindelt der Kopf, wenn ich mir denke, daß Sie auch nur eine Stunde länger mich in einem so furchtbaren Verdacht haben sollten.«

»But, my dear Madam,« rief Burton, jetzt vergebens bemüht, zu Worte zu kommen. Die Frau ließ ihn nicht.

»Nein, nein,« fuhr sie immer erregter fort und schloß mit vor Eifer zitternden Händen ihren Koffer auf, warf den Deckel zurück und riß die dort sorgfältig und glatt eingepackten Stücke wild und leidenschaftlich heraus. »Da – hier – hier ist alles was ich auf der Welt mein nenne – da meine Wäsche – da meine Kleider,« fuhr sie fort die genannten Sachen, ohne daß es Burton verhindern konnte, über den Boden streuend, »hier mein Schmuck – eine dürftige Korallenkette mit einem goldenen Kreuzchen, das Erbtheil meiner seligen Mutter – und wie ich

f r ü h e r ihren Tod beklagte, jetzt danke ich Gott, daß sie diese Stunde nicht

erlebte. – Hier meine –« sie konnte nicht weiter – ihr Gefühl überwältigte sie. Sie richtete sich auf und wollte zum nächsten Stuhl schwanken, aber sie vermochte es nicht und wäre zu Boden gesunken, wenn sie nicht James Burton in seinen Armen aufgefangen hätte.

Das war eine böse Situation für den jungen Mann – der warme Körper der jungen Frau ruhte an seinem Herzen, und vergebens suchte er sie durch tausend Trostesworte ins Leben zurückzurufen. – Und wie ihr Herz dabei schlug – er wußte sich keines Rathes, als sie aufs Sopha zu tragen – und als er sie in die Höhe hob, trafen seine Lippen unwillkührlich auf die ihrigen und ruhten einen Moment darauf. Endlich raffte er sich empor. Er wollte nach Hilfe rufen, aber er wagte es nicht – was mußten die Leute im Hotel davon denken, wenn er in einer solchen Situation mit der jungen Dame getroffen wurde? Auf dem Waschtisch stand ein Glas Eau de Cologne – damit benetzte er ihr Taschentuch, hielt es ihr unter die Nase und rieb ihr Schläfe und Puls, und als das alles nicht helfen wollte, tauchte er das Handtuch in kaltes Wasser und legte es ihr um die Stirn. Aber es dauerte wohl zehn Minuten, ehe er sie zum Bewußtsein zurückrief, und

a l s sie endlich erwachte, befand sie sich in einem so furchtbar überreizten

Zustande, daß sie den über ihr lehnenden Arm des jungen Mannes ergriff, ihre Stirn dagegen lehnte und bitterlich weinte.

Mr. Burton that das unter solchen Umständen Zweckmäßigste – er ließ sie sich ausweinen und es gewährte ihm sogar einige Beruhigung, daß er sie dabei mit seinem linken Arm stützen und halten konnte. Aber diese Schwäche dauerte nicht lange. Die junge Frau zeigte eine ungemeine Willenskraft, dieses augenblickliche Erliegen ihres Körpers zu bewältigen, und mit leiser Stimme sagte sie:

»Ich danke Ihnen – ich fühle mich stärker – es ist vorbei. Lassen sie mich jetzt Alles wissen – o verhehlen Sie mir nichts – ich m u ß es ja erfahren und dann habe auch ich Ihnen ein Geständniß abzulegen. – Ich fühle, daß Sie es gut mit mir meinen. Zürnen sie mir nicht, meiner Heftigkeit wegen.«

»Oh, daß ich Ihnen beweisen könnte, wie innigen Antheil ich an Ihrem Schicksal nehme,« rief Mr. Burton bewegt aus.

»Und wo ist ihr Begleiter jetzt?« frug die junge Frau, die noch immer halb von seinem Arm gehalten wurde.

»Ich weiß es nicht,« sagte Mr. Burton mit einer gewissen Genugthuung, ihr darauf keine bestimmte Antwort geben zu können. »Er folgt jenem Grafen Kornikoff, um sich sicher zu stellen, ob er es in diesem mit dem vermutheten Kornik zu thun hat. Nun aber sagen sie auch mir, dear Madam – wie kommen Sie in die Gesellschaft jenes Mannes? – wie lernten Sie ihn kennen, und hatten Sie keine Ahnung, daß er ein Betrüger sei?«

»Ich kann es mir j e t z t noch nicht denken,« rief die Unglückliche – »es ist nicht möglich – er hätte ja, w e n n es wahr wäre, ein tausendfaches Verbrechen an mir selber verübt. O lassen Sie mich noch an seine Unschuld glauben.«

»Wie gern wollte ich Sie in dieser Täuschung lassen,« sagte Mr. Burton, »aber ich muß gestehen, daß viele, viele Umstände dagegen sprechen.«

»Dann finden wir auch in seinem Koffer Aufschluß über das Vergehen,« rief da die Dame plötzlich, indem sie sich vom Sopha emporrichtete. »Er hat sein ganzes Gepäck zurückgelassen und nicht allein zu Ihrer, nein auch zu meiner Genugthuung muß ich jetzt darauf bestehen, daß Sie es auf das Genaueste untersuchen.«

Mr. Burton wollte sie davon zurückhalten, weil er nicht mit Unrecht fürchtete, daß sie sich dabei aufs neue zu sehr aufregen würde, aber sie bestand fest darauf und da ihm selber daran lag, das hinterlassene Eigenthum jenes Menschen nachzusehen, gab er endlich ihrem Wunsche nach. Vergebens aber durchsuchten sie jetzt den ganzen, ziemlich geräumigen Koffer; es fand sich nichts, was irgend einen Aufschluß hätte geben können. Ganz unten aber in der Ecke lag ein zusammengedrücktes Papier – ein altes Couvert, in das ein Paar alte Hemdknöpfchen und eine Westenschnalle eingewickelt waren, und auf dem Couvert stand die Adresse:

 

W. Kornik Esqre

Care of Messrs. Burton & Burton – London.

 

Mr. Burton entfaltete das Couvert, las es, und reichte es dann schweigend, aber mit einem beredten Blick der Dame. Diese aber hatte kaum das Auge darauf geworfen, als sie mit leiser, entsetzter Stimme sagte:

»Vater im Himmel! also doch,« und ihr Antlitz in ihren Händen bergend, stand sie wohl eine Minute still und schweigend und wie ineinandergebrochen. Endlich richtete sie sich wieder empor, und dem jungen Mann noch einmal die Hand entgegenstreckend, sagte sie:

»Ich danke Ihnen, Mr. Burton – danke Ihnen recht von Herzen, daß Sie den Schleier gelüftet haben, der mich von einem Abgrund trennte. Wenn Sie aber jetzt Ihrer Güte gegen mich die Krone aufsetzen – wenn Sie mich für ewig verpflichten wollen, dann lassen Sie mich jetzt nur für e i n e kurze Stunde allein, um mich zu sammeln. Ich kann jetzt nicht danken – ich bin es nicht im Stande – meine Glieder versagen mir den Dienst. In einer Stunde kommen Sie wieder zu mir, dann sollen Sie alles erfahren, was mich betrifft, und wir können dann vielleicht gemeinschaftlich berathen, was zu thun, wie Ihnen – wie mir zu helfen ist. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Madam,« sagte Mr. Burton mit tiefem Gefühl, und jetzt vollständig überzeugt, daß dies liebliche Wesen nie und nimmer eine Mitschuldige sein könne, – »Sie haben ganz über mich zu befehlen und was in meinen Kräften steht, mich Ihnen nützlich zu machen, soll gewiß geschehen. Fassen Sie Muth, und vor Allem, fassen Sie Vertrauen zu mir und ich hoffe, es soll noch alles gut werden. Ich lasse Sie jetzt allein – in einer Stunde bin ich wieder bei Ihnen – vielleicht ist auch bis dahin schon Nachricht über den Flüchtling eingetroffen. – Sorgen Sie nicht,« setzte er aber herzlich hinzu, als er dem wehmüthigen Blick begegnete, der auf ihm haftete. – »Sie haben einen F r e u n d gefunden.« – Und die Hand, die er noch immer in der seinen hielt, an seine Lippen pressend, durchrieselte es ihn ordentlich wie mit süßen Schauern, als er einen leisen Druck derselben zu fühlen glaubte. Aber er ließ sie los, verbeugte sich vor der jungen Dame ehrfurchtsvoll und stieg dann rasch in sein Zimmer hinauf, um die Erlebnisse der letzten Stunde noch einmal an seiner Erinnerung vorüberziehen zu lassen.