Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 4 von 5 · Teil 5/5

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Wallenstein: Zweiter Band

Fünftes Buch Schweden

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Die Ratsherren boten ihm eine silberne Erd- und Himmelskugel, zwei Fuder

Wein und zwei Fuder Hafer: „Ich hätte mich eher des jüngsten Gerichts

versehen, als nach Nürnberg zu kommen.“ Nichts hielt mehr vor ihm. Aus seiner

herrlichen Residenz scheuchte er den Bayernfürsten, der hinter sich ließ, woran

er sein Leben über gebaut hatte. Der Schwede wußte, daß bei diesem Gedanken

an München sich das Herz des Bayern in Todesschmerz zusammenziehen würde.

Nach Freising waren ihm entgegengeritten der Münchener Bürgermeister

Friedrich von Ligsalz, die Patrizier Barth und Parstorffer, ihm die Schlüssel ihrer

Stadt zu bieten. Er hob auf der musikschallenden Landstraße den Degen: den

Schlüssel habe er schon; was machten sie für Scherze; er werde sie mit einer

halben Million Talern beschweren. Und so ritt er, eskortiert von drei Infanterie-

und Kavallerieregimentern, an der Spitze von Dutzenden deutscher Fürsten in

die Stadt ein, deren Kirchen er durch seinen Besuch schändete.

Es war warmes sprießendes Frühjahr geworden; die Jesuiten berief der König

in den Garten ihrer Kirche zusammen, verächtlich grob sprach er zu ihnen: „Es

ist Frühjahr geworden, die Macht der katholischen Kirche neigt ihrem Ende zu.

Wie Strohhalme sind ihre Säulen geknickt, der Kaiser und der bayrische

Kurfürst. Seid friedlich und besinnt euch. Ihr seht selbst, Gott ist nicht wider

mich.“ Erst dachte das schwedische Heer an Plündern und der Kriegsrat kam

stundenlang nicht zur Entscheidung; denn von hier war unermeßlicher Haß

gegen den evangelischen Glauben in das Reich ausgegangen. Satt erklärte der

König, man solle sich mit dem Betrag von dreihunderttausend Gulden begnügen.

Einen kleinen Teil der Summe verehrte er den ihn begleitenden Fürsten,

besonders dem Pfälzer Friedrich.

Der blonde Friedrich überwand seine Melancholie nicht. Er spazierte in der

Stadt des anderen Wittelsbachers herum, dem er sein Unglück verdankte. Nicht

einmal nach Prag zu gehen in das ihm entrissene Königreich hatte der Schwede

den Pfälzer vermocht. Am Schönen Schrannenplatz residierte Gustaf. In einer

verschwiegenen Resignation folgte der noch immer schöne stark gedunsene

Mann dem König, folgte ihm wie seinem Schicksal, gesenkten Kopfes und ohne

Widerstreben. Die unzerstörte Üppigkeit seiner Frau ging, erschreckend

unberührbar, menschenunähnlich neben ihm, riß ihn manchmal zu Orgien mit.

Rusdorf, der Kleine, lockte ihn, sich zu freuen. Zu freuen! zu freuen! Wo gab es

auf dem Festland soviel Siege wie bei dem Schweden! Gingen sie nicht hinter dem König wie hinter einer Feuersäule.

Sporenklirrend wanderte, die Hände auf dem Rücken, der Pfälzer mit seinem

Rat den langen runden Gang in der Neuen Feste entlang, dessen Wände mit den

Bildnissen der Wittelsbacher tief behängt waren. Er sah das Gemälde Esthers,

die verzweifelt Ahasver um Gnade für ihr Volk bat. Schweigend hörte er den Rat

schwatzen. „Ihr habt recht, Rusdorf,“ brachte er heraus, sein schlaffes Gesicht

mit den Händen bedeckend, „und ich bin verloren. Ich bin verloren. Ich muß

mich gewiß freuen, wie Ihr sagt.“ Später: „Ich tadle Euch gewiß nicht. Ich will

Euch in Eurem Eifer nicht lähmen, Rusdorf. Wahrscheinlich werden meine

Nachfahren Euch wie einem Held danken. Ich? Wir verkommen alle samt und

sonders. Ich wie der Kurfürst von Brandenburg und Sachsen. Wie der

Maximilian von Bayern, der meinen Kurhut trägt. Wir werden zu nichts. Die

schwedische Zeit bricht an für das Deutsche Reich. Ich — ertrag’ es nicht. Wie

ich Euch sagte: ich bin verloren.“ Dann hielt er an einer Fensternische den

kleinen Rat fest: „Eins sage ich, Rusdorf,“ dabei blitzten seine blauen großen

Augen heiß, „wer mir das widerraten hat, den Kaiser in Regensburg um

Verzeihung zu bitten, den Kniefall vor ihm zu tun, der hat nicht gut an mir getan.

Wißt Ihr! Ich hätte gebüßt, es wäre mir manches verlorengegangen. Jetzt sitz’ ich

in der Falle. Ich bin zum Bettler und zum Fremdenknecht, zu einem Verräter

geworden: ja, so steh’ ich vor mir. Glaubt Ihr, ich könnte vor diesen

Wittelsbachern meines Hauses gehen, ohne mich zu schämen, bis in meine

Nächte?“ Die Beruhigungen des Rates nutzten nichts; Friedrich legte den Arm

um die Schultern des kleinen tiefbedrückten Mannes, leise sprechend: „Die Welt

ist noch nicht zu Ende. Glaubt Ihr nicht, daß der Schwede noch eines Tages

geschlagen wird? Gott läßt die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Ich warte,

ich weiß, was ich tue.“ „Was?“ „Der Kaiser ist ein gütiger Herr. Er wird mein

Unglück mitfühlen. Meine Reue ist tief. Ich bin jung und kenntnislos gewesen.

Er wird mir verzeihen.“ Und er wanderte leise weiter mit Rusdorf. Zwischen den

hängenden Bildern der Wittelsbacher auf und ab.

Und Rusdorf erfuhr nicht und konnte nicht verhindern, daß Friedrich im

größten Geheim einen eigenhändigen Brief an den flüchtigen Maximilian

schickte, in dem er um Verzeihung bat, daß er sich ohne seine Einladung zum

Besuch in München aufhielte. Nicht er hasse Maximilian; sie seien

Wittelsbacher, von einem Blut; Max möge gewiß sein, daß nichts an seinen

Bildern und Gebäuden zerstört würde. Nicht er hätte den Schweden in das

Deutsche Reich geführt. Nein, er sei es nicht gewesen. Und fast demütig bat er

ihn, bei Kaiserlicher Majestät zu versichern, daß er sich unverändert als des

Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation treu anhänglicher Sohn fühle.

Dies war ein Brief, nach dem er sich wohler als in vielen Jahren fand; es klang

in seinen Ohren gut: „Als des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation

anhänglicher Sohn.“ Rusdorf hatte es nicht leicht in diesen Wochen, ihn beim

schwedischen Herrn zurückzuhalten. Seine Fluchtneigung gelangte sogar an den

König, der gutmütig bei Tisch meinte: „Laßt ihn. Deutschland ist ein Kranker,

der nur durch starke Mittel gesund wird. Ich bin erst im Beginn der Kur.“

Nach Warschau verkündete Gustaf dem Reichstag durch Boten: er gedenke

die Krone Polens, die ihm zustehe, in nicht zu ferner Zeit mit der Böhmens und

Ungarns zu vereinigen. Venetianer, die mit Briefen und Geschenken vor ihn

traten, führte er an dem stummgrüßenden Pfälzer vorbei durch die Residenz. Im

Vierschimmelsaal setzte er sich zum Verschnaufen. Er danke ihnen; die Signoria

solle gewiß sein, daß das Haus Österreich auch in Italien noch heute lache und

morgen nicht mehr.

So mächtig war, bis über die Donau, bis nach Straßburg vorgedrungen, das

schwedische Heer, daß die Herren in Paris ins Zittern gerieten. Ein

unerträglicher Anblick war dieser Gotenkönig, wie er über das gefürchtete

Riesenreich ähnlich einem mittelalterlichen Belagerungsturm hinschwankte,

Pechströme und Bomben werfend; der alberne schlaue Klotz aus Upsala. Sie

fingen beim Kurfürsten von Sachsen zu stechen an, ob es sein deutsches

Selbstgefühl ertrage, dem Schweden Bütteldienste zu leisten, und ob man in ihm

oder Gustaf Adolf das evangelische Oberhaupt des Reiches zu sehen habe. Sie

irrten unruhig von protestantischem Hof zu Hofe. Die katholischen fast

verzweifelten Herren beschworen sie fest zu bleiben.

Der gereizte König Ludwig konnte seine Nervosität nicht zähmen, weder der

Kardinal noch der Pater Joseph konnten ihn mehr zurückhalten. Seine Furcht,

der Schwede würde ihm im Elsaß und am Rhein zuvorkommen. Man ließ ihn.

Das Heer in der Hand stieg er auf Metz, nahm Moyenvik, Pont à Mousson. Es

befriedigte ihn noch nicht. Da war Nancy. Er mußte rasch, rasch an den Rhein,

ehe Gustaf in Bayern fertig war. Er mußte auf Trier. Es war alles reif für ihn.

Indessen mit aller Ruhe der Friedländer sein ungeheures Heer in Mähren auf

 

den Fuß stellte. Die Klagen des Bischofs von Bamberg, der Reichsstadt

Regensburg, des flüchtigen Bayern, die Rufe aus dem Elsaß, den westfälischen

Stiftern fanden ihn taub. Er sammelte, ließ im Reich geschehen, gab nicht eine

Kompagnie ab.

Seine Güter besetzt. Die Geschäftsfreunde zögerten keinen Augenblick mit

ihrem Vertrauen. Die Börse in Hamburg, Bankhäuser in Augsburg gewährten

ihm und dem Herrn de Witte und Bassewi alle geforderten ungeheuren Kredite.

Auf Schleichwegen wurden aus Prag von der verzweifelten Judenschaft

mächtige Barren Gold und Silbergefäße in gewöhnlichen Heuwagen in sein

Quartier gefahren.

Das Reich barst. Er schob sein Heer in die Winterquartiere. Sie sollten ihn

nicht bedrängen, sagte er nach Wien; drei Monate brauche er zum Sammeln des

Heeres.

Der alte Apparat war wieder in Funktion. Seine Werbepatente galten für das

Reich Spanien und die Staaten Italiens. Obrigkeiten wurden im Augenblick für

die Zweige des Heeres geschaffen, Generalkommissare bestimmt für Böhmen,

darunter der Graf Michna von Weizenhofen, der wie vom Blitz getroffen war, als

ihm die Ernennung zuging; für Schlesien Stradeli von Montain, für Mähren

Oberst Miniati, für Niederösterreich Questenberg. Holk wurde Kapo der

Reiterjustiz, Obristschultheiß Ludwig von Sestoch. Das Generalvikariat füllte

aus der Pater Florius von Cremona. Des Herzogs Generalleutnant nach Kollalto,

der bei Mantua hingerafft war, wurde Gallas, der Welschtiroler, mit Aldringen in

spanischen Diensten aufgewachsen.

Die Trümmer, die Tilly hinterlassen hatte, zehntausend Mann, übernahm er,

ein mißmutiges geschlagenes fast waffenloses Heer. Etwas Rasendes,

Zerbrechendes war jetzt in der Art des Böhmen, sich über die Dinge zu werfen.

Er hatte in dem Augenblick, wo er sich den Arbeiten näherte, etwas von einer

Flamme an sich, die aus einem langen Schornstein gequalmt hat und nun

heulend den Schornstein am Boden umbricht, wütend in die entsetzte Luft

hineintobt. Die Vertreter der Banken, die sich in seinen Kammern bewegten,

staunten über die Verwendung des Geldes, das sie heranbrachten. Es lief

scheffelweise von ihm, verdampfte an ihm; er schien es nicht rasch genug unter

die Menschen werfen zu können. Seine Glut, sagten die einen, stamme daher,

daß er sich bei seinem eingetretenen Verfall das letzte Leben auspresse; die

andern spotteten, er sei zu gierig nach seinem verlorenen Besitz.

Seine nahe Umgebung aber fühlte längst, daß er sich veränderte, wilder und brutaler als je, daß er etwas Unklares leidenschaftlich betrieb. Er hatte kein Wort

des Interesses oder Trauer über seine Güter verloren. Sie wußten auch, daß etwas

Besonderes mit diesem Verlust an den Hans von Arnim war, der diese Güter und

Schlösser wie seine eigenen schonte. Die Fremden an Wallensteins

Hauptquartier schwankten zwischen Schrecken und Widerwillen; so arbeitete ein

Größenwahnsinniger. Daß Wallenstein in den dänischen Feldzug mit zahllosen

Karossen und Juchtenwagen gezogen war, war weltbekannt. Jetzt standen die

Karossen und der Marstall verwahrlost in Prag, er kümmerte sich nicht um sie

und um keinen anderen Prunk.

Die Sturmtruppen waren mit Piken und Bruststücken auszurüsten; in

Pardubitz wurden ganze Straßen von Holzschuppen gebaut für die Unzahl der

angeforderten Waffen. Es wurde bekannt, daß Wallenstein jede kalkulierte Zahl

eines Bedürfnisses mit zwei und drei multiplizierte und dann noch unbefriedigt

war und hinzuforderte. Abenteuerliche Mengen Pulver lagerten entlang der

böhmischen Grenze; bei Pardubitz waren alle Brotfrüchte Böhmens

aufgespeichert, die mit Steuerabschlag verrechnet wurden. Wallenstein hatte

erklärt, das Heer auf eine begrenzte Zahl bringen zu wollen; er schien aber keine

Grenze zu finden. Oberst auf Oberst wurde ernannt; auf die Frage des

erschöpften Hauptquartiers, wieviel Patente annähernd noch ausgegeben

würden, bekam man den Bescheid, soviel sich bis März vergeben ließen. Die

Träger der Namen Fugger, Kolloredo, Holk, Merode, Chiesa erschienen wieder

an einem Hauptquartier des Herzogs zu Friedland, der zuletzt in Memmingen

furchtdrohend nach Italien und dem Elsaß residiert hatte und von ihnen

gegangen war wie das Licht, das die Erde verläßt. Sie ritten selig zu ihm, der sie

zu Merode, Chiesa, Kolloredo gemacht hatte, zu ihrem wahren Vater. Sie

standen betroffen in seiner Nähe wie die anderen vor dem Prasseln und geradezu

höllischen Verderb und Wachsen. Einige Vertreter der Börsen reisten Hals über

Kopf ab, unfähig, diesen Weltuntergang, der sich um den Herzog vollzog, mit

anzusehen. Michna konnte sie nicht beruhigen, sie verstanden das Lachen dieses

klugen Mannes und gar Bassewis nicht, welche beteuerten, so sei es immer um

den Friedländer. Die Obersten schwammen flossenschlagend in ihrem Element,

schluckten, atmeten die besondere lichtbrechende Luft, die um den Herzog

schwebte, erlebten die blitzartige Versengung und Verkohlung aller Besorgnis,

die Verzauberung. Sie zogen nach sich Montard von Noyal, Pychowicz,

Korpasz, Wiltberg, Lambry, Gissenberg, Filippi Corrasco.

Im frühen März, als Monate um waren, seit die ligistischen Scharen mit dem

toten Tilly anrollten, hielt Friedland, mürrisch gegen den Wind die Augen

kneifend, seine schärpenprunkenden Herren ignorierend, mit Ordonnanzen

scheltend, bald in der Sänfte, bald zu Fuß, bald auf dem Pferde, Heerschau zu Rackonitz auf dem Hügel ab. Zweihundertvierzehn Reitergeschwader,

hundertzwanzig Fußkompagnien, vierundvierzig Feldstücke, zweitausend Wagen

mußten vorbei. Er hielt nur einige Stunden aus; nach fünf Tagen war man fertig.

Dann wollte er sich verabschieden. Und als die kaiserlichen Herren, Ognate

und Eggenberg, ihm den Brief Ferdinands gaben, er möchte bleiben und den

Oberbefehl im Kriege führen, nörgelte er erst, erhob dann das alte heisere

Geschrei: ob sie ihm noch nicht genug getan hätten, von Ungarn ab bis

Regensburg, ob sie ihn für einen Verurteilten oder Verrückten hielten; er wolle

seiner Wege gehen, vor ihnen sicher sein. Er machte, wie er hinkte, am Stock

durch das Zimmer in Rackonitz schlich, einen verbrauchten Eindruck.

Die Herren hatten nichts anderes erwartet; sie saßen, warteten. Fürst

Eggenberg wußte, daß er als Geschlagener vor dem häßlichen Sieger saß und im

Begriff war, die schrecklichen Bedingungen entgegenzunehmen. Es tat ihm

wohl, an die früheren guten Zeiten erinnert zu werden; er wurde hart dabei,

konnte sich wappnen. Es wurde klar, daß der Herzog vorhatte, an ihnen eine

unerhörte Grausamkeit zu verüben; Eggenberg und Ognate wollten sich nicht

wehren, der Herzog würde an ihnen erlahmen. Das Keifen zu Ende, fragte

Wallenstein, gehässig und listig auf sie blickend, was sie ihm brächten; es klang:

wie sie sich denn freikaufen wollten. Dies war der Augenblick, wo sich die

beiden zum Abschied erheben konnten, um zu sagen, sie sähen in ihrem Quartier

seinen schriftlichen Vorschlägen entgegen; er möge in aller Muße den Kreis

seiner Wünsche aufzeichnen.

Sie nahmen dann ohne weiteres an, was Wallenstein in dem überbrachten

Schreiben forderte, das Ungeheuerlichste, was ein Mensch von einem Kaiser des

Heiligen Reiches verlangen konnte, ohne ihn zu töten: Absolutes Generalat,

Bestallung als Generalissimus des Hauses Österreich und Spanien,

Konfiskationsrecht im Reich ohne Einspruch des Hofrats, der Hofkammer und

des Kammergerichts, Versicherung auf die Erblande als Rekompensation,

Lieferung aller begehrten Unkosten; die Erblande stehen ihm zum Rückzug

beliebig offen, er muß in die Friedensverhandlungen eingeschlossen werden.

Dies unterschrieben schaudernd die beiden Unterhändler, nachdem sie es gelesen

hatten, im Namen des Kaisers, von dem sie Blankovollmacht hatten. Waren

dabei von einer wütenden Lust erfüllt: sie hatten ihn entlarvt, nun sah man,

woran man war. Hier verhandelte kein Feldherr wegen seiner Anstellung,

sondern ein Tyrann, der seine Rachsucht befriedigen wollte.

Auf der Rückfahrt erwogen sie: der Schwede wird in seinem Vormarsch

aufgehalten werden, Böhmen befreit, Bayern befreit werden; dann kann sich die

Liga erholen, ein spanisches Heer kann vom Elsaß erscheinen. „Wenn er sich

nicht mit den Widersachern verbindet, mit Schweden und Sachsen“, murmelte der Spanier. „Er wagt nicht,“ dachte Eggenberg nach, „zunächst folgt ihm die

Armada dazu nicht. Für den nächsten Augenblick haben wir das nicht zu

fürchten.“ „Wer weiß“, murmelte Ognate. „Und dennoch! Und dennoch!“ jubelte

Trautmannsdorf, als sie in Wien vor Wallensteins Kapitulation saßen und nichts

sprachen. Er streichelte liebevoll tröstend dem alten Fürsten die Hände unter

dem Tisch und drückte ihn an sich.

Sofort brach der Herzog die Verhandlungen mit Gustaf und dem Sachsen ab.

Ohne Zeitversäumnis alarmierte er seine Armada, bat durch Eilboten Arnim zu

sich, den Führer des sächsischen Heeres in Böhmen. Der Herzog war gegen

seinen Freund in Znaim kalt und entschlossen: „Arnim, Ihr müßt aus Böhmen

heraus mit Euren Sachsen. Ihr werdet das einsehen; es bleibt zu fragen, was soll

dann geschehen.“ „Ich werde mich in Sachsen verteidigen.“ Darauf war der

Herzog erregt; das sei eine trotzige verkehrte und verbohrte Denkweise. Was

wollte er denn in Sachsen verteidigen? Wen? Ob sie Erzlappen seien, daß sie

sich die Köpfe zerschmissen für nichts. Auf Arnims Frage, was denn weiter

geschehen solle und ob Arnim etwa vor dem Herzog auf schimpfliche Weise

samt seiner Armee das Gewehr ins Korn werfen sollte, schnitt Wallenstein die

Unterhaltung ab: Arnim möchte sich überlegen, was er, der Herzog, eben gesagt

habe; es sei ihm lieb, drüben bei den Widersachern ihn zu haben. Er werde

begreifen, daß dieser Krieg nicht so weiter gehen könne, diese Schmach, diese

Gaukelei für Affen. Verteidigung in Sachsen! Nach weiteren Schimpfworten auf

den Schweden und auf die Wiener Politik verabschiedete der Herzog den andern,

der fluchte, sich einen Tölpel nannte, über das Gespräch nicht ins klare kam.

Wallenstein gab ihm einige Wochen Zeit. Dann warf er das Heer, das sich an

Ort und Stelle nicht mehr ernähren konnte, nach Böhmen, die Sachsen liefen

auseinander. Friedland stürzte vom weißen Berg über Prag her. Die Stadt war

wieder kaiserlich.

Arnim, noch zweifelnd, ob der Herzog wirklich etwas Ernstes vorhatte, suchte

sich in Leitmeritz zu halten. Zu seinem Schrecken, der sich mit Widerwillen

mischte, umzingelte ihn Friedland und schien ihn vom Heer abschneiden zu

wollen. Da raffte er, was er an Truppen hatte, zusammen, bereitete den

Friedländern Schaden rechts und links, schlug sich von Ort zu Ort. Böhmen

mußte er ganz aufgeben.

Die Juden lachten. Die unterdrückten Böhmen höhnten, warteten. Thurn, der

alte Graf, Arnim nachkriechend, flüchtete vergrämt nach Dresden. Und ein

Angstschauer lief über Sachsen, als Friedland in Böhmen nicht haltmachte, sich

dem Erzgebirge mit weit ausgebreiteten Armen näherte, an die Überwältigung

des Erzgebirges ging.

Plötzlich wandte er sich auf Bayern. Keiner wußte, ob er etwas gegen den Kurfürsten oder den Schweden vorhatte.

Der Schwedenkönig, sich mästend am südlichen und westlichen Deutschland,

hatte nur zwanzigtausend Mann bei sich; am Rhein, Main, nördlich und südlich

standen vier Armeen unter Baner, Tott, dem Weimarer Herzog, dem hessischen

Landgrafen, verwüsteten das Land, trieben ihr Spiel mit der Bevölkerung.

Erst war der feiste König nur verblüfft, wie Wallenstein als Generalhauptmann

des Kaisers auftrat, wartete ab, wessen er sich von dem verschlagenen Mann zu

versehen haben würde, machte sich Vorwürfe, daß er ihm bei den

Unterhandlungen nicht mehr entgegengekommen war. Er hoffte noch. Dann

erfolgte der Angriff auf den Hradschin, die unglaubliche treulose Umzingelung

Arnims. Ein Sturm von Unruhe ging durch Gustaf. Ehe er noch mit dem Herzog

Fühlung nehmen konnte, hatte der sich erklärt. Wallenstein hatte kehrt gemacht.

Front gegen ihn selbst. Das Spiel war klar. Wallenstein wollte Gewalt mit ihm

reden.

Der König stieß nach Osten, um den Friedländer nicht mit dem Bayern

zusammenströmen zu lassen. Zu spät. Bei Eger nahm Friedland die Trümmer des

ligistischen Heeres auf. Von Weiden und Eger stieg die feindliche Heeresmacht

herunter, schob sich auf Tirschenreuth. Der Friedländer wollte mit ungeheurer

Überlegenheit ihm seinen Willen aufzwingen. Tief erschrocken, an Haß

erkrankend, über Friedland erstaunend, gab der König nach, und Flüche auf

Deutschland werfend, setzte er sich in Nürnberg fest. Der Herzog hatte ihn bei

den Ohren; wenn er wollte, konnte er ihn zerschmettern, so schwach war er. Von

Pegnitz zu Pegnitz zog der Schwede in gewaltigem Bogen Schanzen. Die Stadt

wurde angerufen, den evangelischen Glauben zu verteidigen; mit leichter

Unsicherheit, nur seinen nächsten auffallend, hielt der König eine seiner

schmetternden Ansprachen an den Rat. Es glückte; der Rat schwur, wie

Magdeburg zur evangelischen Fahne zu stehen bis zum Verderben.

Mit viertausendachthundert Söldnern, dreihundert Reitern stellte sich

Nürnberg in seinen Dienst, dreitausend Bürgersoldaten kamen hinzu, alle

Waffenfähigen vom fünfzehnten bis vierundzwanzigsten Jahr. Sie wollten Gott

und dem wahren Glauben dienen. Vierundzwanzig Abcfähnlein ließen sie

fliegen; der König musterte sie trübe. Auf den Fähnlein stand: „Dies Fähnlein

fliegt zu Gottes Ehr, fürs Gewissen, frei und reine Lehr.“ „Saul, Saul, was

verfolgst du mich? Laß ab, laß ab und bessre dich!“ Der König hatte kein Gefühl

von Dankbarkeit für sie; mit einer sonderbaren ihm fremden Rachsucht griff er

in diesen Wochen Deutsche an, erging sich unaufhörlich bei festlichen Tänzen in

der Stadt in Schmähungen über die deutschen Fürsten; sie müßten hart hart

kuriert werden. Auch der Pfälzer war zugegen, als er sich so ausließ bei einem

großen Bankett in Ayrmans Saal beim Laufertor. Friedrich verließ offen den Saal mit dem Markgrafen Christian, der das Bankett veranstaltet hatte. Der flehte

draußen auf der dunklen Stiege den Pfälzer mit Tränen in den Augen um

Verzeihung. Sie umarmten sich; „keine Rettung“, schluckte der Markgraf.

Friedrich: „Manchmal denke ich, der Friedländer könnte uns helfen.“

Schanzen, Redouten, Palisaden, Gräben, Batterien wurden um die Stadt in den

warmen Junitagen aufgeworfen, die Vorstädte Wöhrd und Gostenhof mit

einbezogen. Das Lager ließ sich der König errichten vor Wöhrd bis auf den

Gleishammer, das Weicherhaus und den Lichtenhof; bei Lichtenhof stellte er das

stärkste Werk hin. Er rückte ein mit vierundneunzig Kornettreitern, hundert

Fahnen Fußvolk, achtunddreißig Geschützen, zweitausend Wagen.

Von Tirschenreuth nahte über Sulzbach der Kaiserliche. In das wandernde

Volk geriet Oberst Taupadel mit Dragonern und vier Kompagnien des

schwedischen Regiments Sperreuter hinein und wurde zermalmt. Sie umgingen

wandernd Nürnberg, schoben sich zu beiden Seiten des blanken glatten

Flüßchens Bibart an Zirndorf heran. Da in der lieblichen von grauen

Schafherden begangenen Landschaft fanden sie eine niedrige Hochfläche, von

Wiesen eingenommen, die rückwärts in einen kühlen dichten Wald führten. Nur

wenige Kilometer von dem Schweden entfernt machten sie halt, setzten sich hin

und verschanzten sich.

Der bayrische Maximilian von Kuttner begleitet ritt täglich durch das

Lagergewühl zum Herzog herüber, nicht vom Hals seines Schimmels aufsehend.

Er war ein Gefangener und ging seine Gefangenschaft beenden. Friedland

wohnte mitten im Lager in einem erbeuteten rosaroten Türkenzelt, das weiß und

blau orientalisch bestickt war. Einen riesigen viereckigen Raum bedeckte es;

darüber erhob sich eine wimpelgeschmückte Leinwandkuppel. Am Eingang

hielten Reihen von Bambusrohren einen goldbefransten Baldachin. In dem

teppichbeladenen Empfangsraum nahm ihn der Herzog inmitten der Obersten

und Generalspersonen an, selten sprachen sie sich allein.

Der Herzog sollte angreifen, war der Tenor der bayrischen Reden; er zeigte

auf die ungeheure Überlegenheit, die man im Augenblick besaß und in zwei drei

Wochen verliere. Erst kam der Herzog, zwischen tausend Geschäften, trinkend,

ihn mißachtend, mit allgemeinen Einwänden; man müsse die Stärke des

Schweden noch besser erkunden; eine Schlacht sei leicht begonnen und schwer

beendet. Der Kurfürst hörte nicht das Gespött des Friedländers hinter ihm: „Nun

habe ich den Maximilian so weit gebracht, daß er mir nicht allein gehorsamen,

sondern mit der Pike auf der Schulter aufwarten muß.“ Wie der Bayer zäh

drängte — mit jedem Tag wurde sein Land verwüstet, er durfte nicht sagen, daß

eine kaiserliche Niederlage ihm Land und Leben kosten würde — traten die

Obersten des Herzogs mit den Resultaten ihrer Beratungen hervor. Der Refrain lautete: wir sind zahlenmäßig überlegen, aber man kann nicht auf den Mut der

Söldner bauen; sie müssen sich erst an Gefechte gewöhnen; es genügt, den

Schweden zu stören, ihn zu zwacken und beuteln. Dabei blieb es. Sie zogen es

hin; sein Land verdarb. Aus dem Kreise dieser Herren, die in alter

friedländischer Üppigkeit lebten und fürstlich satt stolzierten, kam einmal die

hochmütige Frage, ob man im bayrischen Lager vermeine besser Krieg zu führen

als der Herzog; man habe bei Breitenfeld Gelegenheit gehabt sich zu beweisen.

Hindurch durch die fünffachen Spaliere der Leibwache des Herzogs, starre Reihe

der aufgestellten niederländischen Helmbarten, riesig ausgezogene Spießklingen

mit Quasten und Kugeln am Klingenansatz, gräßliche Totenköpfe und hackende

Schnäbel eingeätzt. Durch das Getümmel der ausschwirrenden ungarischen und

polnischen Reiter, auf den Pferden am Sattel die kupfernen Kesselpauken; sie

ritten über den aufgerissenen Wiesengrund, schneller, schneller, die Münder

gespitzt, grell wirbelnd das Schlagfell aus Menschenhaut.

„Was hat der Herzog vor?“ fragte der Kurfürst seine Räte, die er aus

Regensburg kommen ließ. „Er säumt.“ „Er säumt nicht“, der Kurfürst mit leeren

Augen.

Die Widersacher lagen sich Wochen um Wochen gegenüber. Der Juli zog

herauf, August; brünstige Hitze fiel hernieder. Sumpfig war der Wiesengrund

von Friedlands Lager, das Wasser der Pegnitz nur mit Kampf erreichbar. Sie

fochten täglich um das Wasser, schickten ihre Kranken und Verbrecher immer

zuerst voraus, ließen sie abschießen, später erst stürmten sie vor unter dem

Schutz der abgefeuerten Musketen. Fünfzehntausend Weiber strömten in das

Lager, zu den Menschen kamen dreißigtausend Pferde. Mensch und Getier hatte

nur die Aufgabe: zu liegen, zu liegen, dem Schweden die Fourage abzujagen, ihn

zu ermatten. In des Schweden Lager stürzten die Scharen der Flüchtlinge ein.

Nürnberg lief voll von ihnen. Wie eine Geißel umlauerten die Kroaten und

Ungarn des Böhmen die Stadt, rissen das Lebendige nieder.

Heimlich betrieb Friedland seine Sachen. Gab Arnim keine Ruhe. Aus

Böhmen sei er mit seinen Sachsen verjagt; die Kurfürstliche Durchlaucht von

Sachsen möge gewarnt sein; sie sollten sich verständigen. Aus Sachsen kam

Bescheid: der Kurfürst gedenke in Treue sich nicht von seinem schwedischen

Bundesgenossen zu trennen. Da lösten sich Kavalleriemassen aus dem

Zirndorfer Lager, erst Hunderte, dann Tausende. Holk mit seinen Kroaten setzte

sich in Bewegung auf das offene Vogtland. Sie machten unterwegs Vaganten

Versprengte Gesindel beritten; sollten um sich ein solches noch nicht gesehenes

Verderben anrichten, daß man ihre Kraft erkenne. Unter dem von Plauen und

Zwickau her einsetzenden Lodern der Städte und Dörfer, den Abschlachtungen

und Schändungen der Menschen flüchteten selbst Arnim und der Kurfürst. Die bodenzerstörenden Unholde verkündeten hinter ihnen, sie seien nicht lange

allein; Graf Gallas käme mit einer Schar doppelt so groß wie sie.

Bei Nürnberg lagen sich die Widersacher gegenüber.

Im Schwedenlager mußten die Pferde trockenes Gras rupfen. Eine Pest schlich

unter den Menschen. Der Schwede auf Verstärkung wartend predigte Mut

Manneszucht. Blaß und zornig ritt er täglich die Palisaden entlang, blickte

herüber. Dies war kein Feldherr, kein Krieger, der zehnfach überlegen sich nicht

zur Schlacht zu stellen wagte. Der hatte etwas Unmenschliches vor: Ermattung.

Wenn erst Baner da wäre, sollte es ihm bezahlt werden. Und täglich fraß der

dicke Gustaf an seinem Widerwillen. Die deutschen Fürsten wichen vor ihm, der

Pfälzer betrieb offen seine Abreise.

Da hatte der Schwede an sich gezogen, was er suchte. Regimenter des

Oxenstirn vom Rhein, Baner und Herzog Bernhard mit Truppen aus

Oberschwaben, viertausend Hessen, der Herzog Wilhelm mit sechstausend

Mann. Sie trafen bei Windheim zusammen. Der vergrauste Sachse, seine ganze

Hoffnung auf den Schweden setzend, warf sieben Regimenter zu Fuß, zwei zu

Pferd herüber. Sie drangen gemeinsam in die Stadt Nürnberg ein, die von

Leichen stank, in der man sie mit Weinen und Schreckensgeschrei empfing, daß

man nun vor Hunger ganz zugrunde gehen müsse. Und so bitter war die Not, so

grausig schmolzen unter der Pest die Menschen zusammen, so wutgespannt war

der König, daß auch nicht ein Tag mit der Entscheidung gewartet wurde.

Sein Heer hob sich gegen die Nordseite des kaiserlichen Lagers. Die Sachsen

überschwemmten die Schanzen. Eine so furchtbare Artillerie arbeitete gegen sie

mit brüllenden Salven, daß die Baumwipfel des Waldes in Dampf verschwanden,

die Hochfläche des Lagers in Feuer und Rauch begraben wurde. Zwölf Stunden

rannten die Schweden an. Als sie den östlichen starken Ausläufer des

Höhenzugs, den Burgstall, hatten, regnete es; sie konnten die Geschütze nicht

hinaufziehen. Bis in die Nacht wühlten die Massen ineinander, zweitausend

Schweden blieben liegen. Finsternis und strömender Regen. Der Schwede ließ

los.

Lag wieder in Nürnberg.

Tastete nach Verhandlungen, dachte, der andere habe auch genug. Keine

Antwort. Ließ nach drüben gelangen: man solle ihm Mecklenburg lassen; der

andere möge sich Franken nehmen. Verbissen und finster gab Gustaf das Signal

zum Aufbruch. Von sechzehntausend Mann war die schwedische Kavallerie auf

viertausend gesunken; die Fußkompagnie hatte statt hundertfünfzig Mann nicht

sechzig. Die meisten deutschen Fürsten, auch der Pfälzer, hatten ihn in den

letzten Tagen verlassen. An der Nordseite des Lagers marschierte er vorbei; noch

einmal forderte er durch Kanonenschüsse den Feind zur Schlacht heraus. Drin rührte sich nichts. Eine Handvoll Weiber lief vergnügt an das unverteidigte

Wasser. Johlten durch die hohlen Hände: „Wir haben dem Kaiser eine Schanze

gebaut und haben dem Schweden den Paß verbaut.“ Sogar das Gepäck ließ der

Friedländer unbehelligt passieren. Eine kleine Besatzung war in der Stadt

geblieben; der Friedländer nahm von ihr keine Kenntnis. Wie der Schwede

westwärts zog, langsam, unter großer Sicherung, dachte er, der Herzog werde

folgen. Der blieb bei Zirndorf liegen. Brach erst nach fünf Tagen sein Lager ab;

seine Vorhut fühlte nordwärts auf Forchheim vor.

Noch einmal wurde der träg hinziehende geschlagene Schwedenkönig von

einem wilden Angriffsdrang befallen, als er sah, daß Friedland sich nicht um ihn

kümmerte. Er verteilte seine Streitkräfte, machte plötzlich mit elftausend Mann

kehrt, wandte sich auf den alten sieggezeichneten Weg südwärts nach

Donauwörth, über die Donau. Nur den Bayern zog er vom Herzog ab, der sein

Land schützen wollte, eine armselige Schar mit sich führte. Der Herzog blieb

starr. Maximilian hatte es nicht erreichen können, daß Friedland sich Bayerns

annahm. In den bayrischen Regimentern wußte man, daß der Kurfürst bei seiner

letzten Bitte an den Herzog um Truppen von ihm angeschrien wurde.

Maximilian suchte seine Räte über die Situation mit schmerzlichem Lächeln

wegzutäuschen: „Nun sind wir alle froh, daß er uns entlassen hat. Er hätte uns

noch alle umgebracht.“

Sie brauchten dem Schweden nicht lange folgen. Es war nichts als eine

qualgeborene Selbsttäuschung Gustafs gewesen, daß er noch Entschlußfreiheit

habe. Inzwischen meldeten alle Kundschafter, daß der ungeheure Wallenstein

weiter nach Norden marschiere. Es war klar, er ging nach Sachsen, wollte nach

den Untaten Holks den Kurfürsten knebeln, wollte ans Meer, die Schweden von

ihrer Basis abschneiden.

Bei Donauwörth stand Gustaf, krampfhaft erregt auf eine Tat aus, die ihn aus

der Verstrickung löse, als ihn diese erschütternde Nachricht traf. Zwei arme

sanfte Tage ruhte sein Heer in der bergigen Sommerlandschaft. Hier war Friede,

kein Feind in der Nähe. In ein Wäldchen zog sich der König zurück, lag wie ein

Kranker vor einem geöffneten Zelt. Lautlos gingen in weitem Bogen um sein

Zelt die Wachen; sie trugen die einheimischen braunen langen Röcke; sicher

saßen auf ihren runden blonden Köpfen die hohen blauen rotgeränderten

Mützen. Von Zeit zu Zeit schlichen Weiber flüsternd über das weiche Gras an sie

heran; die schönen blonden Haare, Zöpfe bis zur Brust, märchenrote grelle

Mützen aufgesetzt; kaum bewegten sie ihre faltigen blauen Röcke. Das war

Schweden.

Der König wollte mit jemand sprechen. Der blanke kolossale Schädel

Oxenstirns; Grubbe, sein Sekretär, mit stiller diskreter Miene. Gustaf hatte sich aufgesetzt. Es sei kein Grund zu verzagen; was sie meinten. Als sie sich geäußert

hatten, schwieg der große schwere Mann, dessen Gesicht bleigrau und

schweißbedeckt war; er sagte in Scham, während der Kopf zwischen die

Schultern einsank: „Die Sachsen sind ja nicht mehr mein. Was werden unsere

Frauen sagen?“ Auf ihre Berechnungen: „Ich bin zu groß daher gefahren. Es hat

dem Herrn nicht gefallen. Ich war eitel. Ich habe seine Sache nicht rein erhalten.

Wenn das Licht im Innern Finsternis ist — welch eine Finsternis! Niemand kann

zwei Herren dienen. Schweden war mir alles. Jetzt kommen die Deutschen

daher. Darum wollen sie mich vertreiben. Darum wird der Sachse und Pommer

und Brandenburger nicht mehr bei mir halten. Hätt’ ich nicht dem Götzen

gedient, wären sie bei mir geblieben. Wäre der Herr über mir geblieben. Mein

Auge taugt nichts mehr. Darum ist der Pfälzer davongegangen.“

Sie blieben, während er grübelnd den Tag und die Nacht über mit sich rang, in

seiner Nähe. Am nächsten Morgen war es heller, er zog sich sein Kettenhemd an,

gab Befehl zum Aufbruch, predigte selbst seinem Leibregiment über das

Matthäuswort: „Häuft auch keine Schätze an auf Erden, wo Motten und Rost

zerstören, wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber Schätze im

Himmel.“

Die Herren erfuhren von ihm, der straff zwischen ihnen ritt: „Hochmut taugt

nicht. Man muß sich nicht vermessen, alle Dinge meistern zu wollen. Wir

werden eine klare Linie ziehen müssen zwischen dem, was erforderlich, und

dem, was überflüssig und schädlich ist. Der Friedländer wird in Kürze von uns

eine Bataille zu bestehen haben, die ihm zeigen wird, auf welcher Seite Gott

steht. Noch müssen wir Gott erringen und auf unsere Seite zwingen. Gedenkt

auch ihr daran, wie ich daran denke. Wenn wir Gott zu uns gezogen haben, sind

wir unbesiegbar.“

Auf diesem Rückmarsch nach Norden, den die Truppen mit Drohen und

Murren antraten, gab es kein Ausreiten, wildes Fouragieren, Plündern. Der

König war selbst Tag und Nacht unterwegs.

 

Nach Wolkersdorf war der Kaiser aufgebrochen zur Jagd, die Mantuanerin

hatte er in der Burg zurückgelassen.

Das Sausen und Schütteln des mächtigen Herbstwindes gegen seine schmale

holzgebaute Schlafkammer. Er stand, während die Kerze von dem

einströmenden Luftzug flackerte und erlöschen wollte, mit nackten Füßen auf

dem Teppich, an dem losen Schlafmantel zerrte er, die Mütze lag am Boden.

Arbeitete mit den Armen: „Gebt Raum!“

Schnaufend, schnaufend. Glänzend vor Lachen sein Gesicht, inbrünstig

stampfend seine Beine, vorwärts drängend. Mit den Ellbogen seitwärts

ausschlagend, als arbeite er durch Gestrüpp. „Gebt Raum!“ Lange Zeit.

Erschöpft in den Sessel sinkend, lachend.

Bei Tag kamen Eggenberg und Trautmannsdorf herüber. Sie lobten den

Herzog Friedland und daß alles ein besseres Aussehen gewinne. Bei Nürnberg

habe sich der Schwedenkönig gewaltig die Hörner eingerannt, laufe jetzt hinter

dem Friedland her, der ihm bald den Rest geben werde.

Der Kaiser dachte: der Schwede und der Friedland, diese werfen sich jetzt

übereinander; sie zerfleischen sich, dann werden sie voneinander lassen. Ruhig

und freudig besprachen die beiden vor ihm, daß man hoffe, auch den Friedland

in der Gewalt zu behalten.

Was war das? Bald den besiegen, bald den besiegen. Jetzt wieder den

Friedland. Jeder will die Macht haben.

Der Kaiser fragte nach dem Friedland und was sie da Sonderbares besorgten.

Er hätte zuviel Gewalt an sich genommen; man müsse bei seiner Leidenschaft

auf der Hut vor ihm sein.

Auch das. Auf der Hut vor dem Friedland. Wie sich die Welt rasch verändert,

wenn man sie nicht dauernd im Auge behält.

Die Herren fragten sonderbar, ob die Majestät lange in Wolkersdorf zu bleiben

gedenke, und ob die Majestät ihnen für dringliche Fälle Vollmacht gebe.

Sie sahen ihm etwas an? Wollten die Hunde den Erzherzog Leopold wieder

hervorziehen? Wie in den wonnesamen Tagen. „Ich weiß noch nicht“, brachte

Ferdinand heraus, seine Augen bedeckend. Er grollte; es war nicht entschieden

in ihm. Er zitterte, wie er sich den beiden, die ihn beobachteten, gegenüber sah;

sie kamen ihm wie Inquisitoren vor. Er entließ sie leise drohend und abweisend.

Sah, wie sie gegangen waren, den Saal noch im Nebel. Entwich auf die Jagd.

Sie fanden auf der Rückfahrt, man müsse Lamormain gegen den Kaiser

vorschicken. Der Kaiser versinke in unheimlicher Weise in sich; beide dachten,

ohne es auszusprechen, an den geisteskranken Kaiser Matthias.

Wie es Abend wurde und der Mond aus dem Birkengehölz trat, stand der

Kaiser mit nackten Füßen auf seinem Teppich, schnaufend, arbeitend: „Gebt

Raum, gebt Raum!“ Inbrünstig lachend, stampfend; ein lakenweißes

mondgetauchtes kleines Menschenwesen. Alles war wieder klar vor ihm. Er

erschöpfte sich nicht. Pelzschuhe zog er sich an, einen wattierten grünen Mantel

warf er um die Schultern. Träumend, gierig, fast lüstern legte er sich in das

offene schmale Fenster, sah in die scharf gezackte raschelnde Blättermasse.

An ihm sauste es vorbei. Aus dem Zimmer heraus. In das Zimmer hinein.

Über den Schultern, neben den Ohren. Ungeniert ging es hin und her. Sauste mit Schwung, klirrend in den strahlenden Kiesboden. Schlich warm dicht neben

seinem Hals, neben seinen Armen hinaus, eine große Katze, ein langes behaartes

geschwänztes Tier. Wesen, die ihn kannten. Vielerlei Wesen, die hier ihren

Aufenthalt hatten, keine Notiz von seiner Anwesenheit nahmen. Er war gerade

zwischen sie geraten. Schwindlig und müde machte es ihn in der ziehenden

Aufgeregtheit, daß er den Kopf fallen ließ und die Augen schloß.

Die Kammer war zu ebener Erde. Er fühlte sich gedrängt, einen Sessel zu

nehmen und über das Fensterbrett ins Freie zu steigen. Sie halfen ihm rechts und

links steigen. Faßten ihn bei den Händen, wie er herunterstieg. Er ging ein

paarmal zwischen den schwarzen Bäumen. Lief plötzlich, um es zu machen wie

sie, rasch laufen, weich andrängen, sich anheben, fliegen. Sie schwirrten in Äste

und Gipfel, stürzten ab, blieben klatschend liegen. Man konnte sie zertreten, sie

zerflossen wie Schatten in die Erde. Dieses Anrufen, Lärmen, plötzliches

Verstummen.

Ein Teufel, dessen Größe er im Dunkel nicht erkennen konnte, legte ihm die

Hand auf die Schultern, fragte ihn, wo er entlang gehen wolle, sagte mit

sonderbar schluchzender Stimme immer wieder: „Lieber Ferdinand, lieber

Ferdinand.“ Der führte ihn riesengroß wie er war an sein Fenster zurück, hob ihn

auf das Fensterbrett, so daß er herunterglitt. So groß war der Rücken des Teufels,

daß das ganze Fenster schwarz war.

„Gebt Raum“, lispelte Ferdinand angezogen auf dem Bett, schlief.

„Ich muß zu einem Priester gehen“, sagte er sich, als die Hähne krähten. Und

wunderte sich, daß er gar keine Angst vor Lamormain hatte. „Wenn ich einen

Priester sprechen könnte. Ich muß wissen, wie es bei Gott ist.“ Tiefsinnig dachte

er es, ohne sich über seine Gedanken Rechenschaft abzulegen.

Man ließ ihn an den jagdfreien Tagen ungestört sich in den Waldungen

ergehen. Er ging im weißen und grünen Rock hinaus. Langsam spazierte er,

versuchte an Wallenstein zu denken. Daß man die Macht über so ungeheure

Tiere hatte; er wollte sie gar nicht. Er wollte nur tiefer in den Wald gehen.

Während er tiefsinnig dachte, führte man ihn rechts und links. Nicht schneller

gingen sie als er, breite behagliche Tiere, eins an der rechten Hand, eins an der

linken. Er ging mit.

Als er wieder zu Hause war, meldete ihm ein Bericht Questenbergs den

näheren Verlauf des Nürnberger Treffens und wie der Herzog zu Friedland jetzt

vorhabe, dem König den Weg zum Meere abzuschneiden, nachdem er ihm schon

den Weg nach Süden abgeschnitten hatte.

„Kostbar“, sagte in sich der Kaiser.

Und plötzlich schüttelte er sich; erinnerte sich des dicken Tausendfußes, des

Drachens Wallenstein; umpackten sich diese zwei da, an den weißen Hälsen, an den Knien, den glatten widrigen Bäuchen. Ihn ekelte so, daß das Wasser ihm im

Schwall aus dem Mund hervorquoll.

Zaghaft schlich er vor das hohe silberne stehende Kruzifix, legte sich still und

sehr langsam davor hin. Wartete, hob den Kopf, sah es an. Seufzte.

 

Der Kurfürst Maximilian war ohne Lärmen in das leere München eingezogen.

Über die Höhe der gezahlten Kontributionen wurde ihm Bericht erstattet.

Gebeugt saß er in seiner Neuen Feste. Die reichen Bauten Münchens waren ihm

ein zu weites Kleid; der Herzog zu Friedland ging das Reich erobern. Ihn hatte

er kujoniert. Keine Hilfe bei den geistlichen Kurfürsten; die lagen in

französischen Armen. Vom Kaiser hieß es, er werde abdanken, hätte keinen Sinn

mehr für das Reich. Doktor Leuker meldete vertraulich aus Wien, der König in

Spanien habe ein starkes Heer für Deutschland ausgerüstet, es werde für

spanisch-niederländische Zwecke dienen, aber eine Reserve bilden, die das

Kaiserhaus gegen jede, jegliche Gefahr, auch vor Friedland schützen sollte. Man

könnte mit Spanien zusammen gehen, von Richelieu war nichts zu erwarten. Es

tröstete den hilflosen Kurfürsten, daß er sich an Richelieu rächen könnte, indem

er die spanische Partei nahm.

Aber alles lag noch in weitem Felde. Man hörte, der Herzog rücke weiter nach

Norden; noch ein Schlag für den Schweden wie Nürnberg, und niemand konnte

an Friedland heran. Er würde die Despotie über Deutschland errichten.

Maximilian fühlte, er konnte sich nicht rühren. So verlassen wie jetzt war er

noch nie. Eine so schaurige Gefahr drohte ihm.

 

Hinter Holk kam Gallas, über Wunsiedel Hof.

Hinter Gallas der Herzog. Durch Forchheim, Bamberg, die Grafschaft Reuß,

ins Land Meißen, das gebrandschatzt wurde. Auf die Saale zu. Die

Flußübergänge sollten gesperrt werden.

Dem Heere liefen voraus die Boten auf dampfenden Pferden an Arnim, der in

Schlesien stand, durch Sesyma Raschin an den Grafen Thurn: der Kursachse

solle, solle sich von dem Schweden trennen. Es solle müsse und werde Friede

gemacht werden, ob er sich sperre oder nicht. Und Johann Georg, schwer verzagt

über den Landesverwüster Holk, beim Aufbruch des entsetzlichen Schwarms

von Nürnberg, schlug sich die Brust, er werde Frieden machen, sonst werde es

ihm gehen wie dem Pfälzer. Er werde wandern müssen mit leerem Säckel hinter

dem Schweden her, der Deutsche, das Haupt der Evangelischen. Und schon hatte sein Rat ein Angebot an den Friedländer und den Römischen Kaiser ausgefertigt,

als eigene Kuriere Gustafs den Kurfürsten hießen, Ruhe zu bewahren. Gustaf

renne hinter dem Herzog her, er werde helfen, es geschehe nichts, er werde ihn

nicht weit kommen lassen. Arnim selbst meldete Eilmärsche aus Schlesien.

Wütend, alles Widerspruchs überdrüssig, erklärte Johann Georg im Kabinett:

„Friede muß sein. Irgendwie. Befehlen soll mir keiner etwas. Bringt der

Schwede keinen, bringt ihn der Kaiser. Wir sind alle Christenmenschen, kein

Vieh, das so unsäglich leiden muß. Dies Mal noch. Ich hab’s satt.“

Quer über Sachsen warf sich krachend der Herzog, in Leipzig nahm er

Quartier, auf Torgau stieß er. Bald war der Schwede da. Die Pässe bei

Hildburghausen und Schleusingen hatte ihm in rasenden Kavallerievorstößen der

Herzog Bernhard von Weimar offengehalten, den Thüringer Wald durchbrauste

der König; er mußte zurück in die Nähe seines ersten entscheidenden Sieges

über den toten von der Erde weggewälzten Tilly. Durch Arnstadt Kösen

Naumburg. Verzweifeltes hilfeflehendes Volk lag geworfen auf den Straßen, an

den Wegen. „Was wollen sie von mir,“ zuckte zähneknirschend der König die

Achseln, „ich tue meine Pflicht, Gott muß sie erretten.“ Er gedachte wie bei

Nürnberg sich erst zu verstärken, bis er angriff.

Als aber Friedland seinen General Pappenheim ausschickte, um Hans von

Arnim, der sich ausgeschwiegen hatte, schon auf dem Marsche

zurückzuschlagen, hielt der Schwede, von feierlicher Sicherheit durchströmt,

seinen Augenblick für gekommen. Er wollte nicht warten, bis der Winter

hereinbrach, er hatte keine Zeit bis zum Frühling: „Der Friedländer ist in meine

Hand gegeben“, fühlte er, als er von dem Abritt Pappenheims auf Halle hörte.

Um ihn wimmelte es von Menschen, den Männern aus Smaland, Ost- und

Westgotland, den Leuten Horns, Baners, Totts, Stallhanskes, Klitzings, Lösers,

Bernhards; sie werden zermalmt sein wie ein Ameisenhaufen von einem Fußtritt,

sah er, wenn sie nicht siegen. Sie haben den rechten Glauben; Schweden, ganz

Schweden hat seine Habe hierhergegeben, sie werden nicht unterliegen.

Während er besessen die Augen schloß, dachte ihm dies.

„Wir werden siegen,“ beschloß er. Er ritt befehlend in den nebligen

Herbstabend. „Sie werden keinen besseren Markt haben als der Tilly bei

Breitenfeld.“ Inbrünstig ging er das Werk schmieden.

Widerwillig kam der Friedländer. In seinem Hauptquartier war, wie sie den

rachedürstigen Schweden nahen sahen, die Parole ausgegeben: nicht siegen, den

Widersacher schwächen, schrecken, gedeckter Abmarsch, sobald die eigenen

Verluste stark werden. Nach Pappenheim rief man: der Herr solle alles stehen

und liegen lassen und herwärts jagen. Um die Steigbügel des Pferdes

Wallensteins, der reiten wollte, wurden Seidenbäusche gewickelt.

Regimenter der Schweden: Karberg, Herzog Bernhard, Wrangel, Dieshauen,

Kourville, Stechnitz, Stenbach, Brandenstein, Anhalt, Löwenstein, Hofkirch.

Dann Ußlar, der hessische Landgraf, Burlacher, Goldstein, Wolf von Weimar,

das gelbe Leibregiment, das blaue Regiment unter Wrangel, Generalmajor Graf

Brahe.

Regimenter der Deutschen: Savelli, Gallas, Holk, achtundzwanzig

Schwadronen Ungarn und Kroaten mit Isolani, vierundzwanzig Schwadronen

Kürassiere mit Oktavio Pikkolomini, Strozzi, Gonzaga, Koronino.

Vom nebligen Herbstmorgen bis zum Abend acht Stunden zerhieben sich die

Heere zwischen dem dünnen Mühlgraben und Floßgraben bei Markranstädt und

Lützen; der Galgenberg buckelte dazwischen mit vierzehn Riesenhaubitzen

Wallensteins. Am Abend und in der Nacht standen die beiden Heere noch auf

dem Feld und rissen aneinander.

Tot war Gustaf Adolf und Tausende aus allen Regimentern der Schweden und

der Kaiserlichen.

Den Grafen Pappenheim donnerte eine Drahtkugel in den Tod.

Unbekümmert um die Nachrede schnurrte der Herzog davon, nach Leipzig

zurück, aus Sachsen heraus.

 

Die Schweden tasteten ihm auf dem Schlachtfeld nach. Vor Schwäche konnten

sie sich nicht rühren. Tage vergingen. Sie lagen in Angst. Kroaten, die Kanonen

rauben wollten, verscheuchten sie. Was um Gustaf gewesen war, schwur sich

nicht zerreißen zu lassen. Oxenstirn nahm die Zügel in die Hand. Die Armee

sollte Bernhard von Weimar führen. Der Winter sollte sie nicht verderben, sie

wollten sich keine Furcht anmerken lassen.

In das winterliche Prag zog Wallenstein ein, hielt Gericht. Geschenke bis

fünfundachtzigtausend Gulden fielen über den Grafen Merode, den Marquis de

Grana, das Komargische Regiment, Brenners.

Vor dem Rathaus in Prag, auf der mit schwarzem Tuch behangenen Bühne,

wurden hingerichtet elf Offiziere aus den vornehmsten Familien, die meisten

vom Regiment Sparr. Eine Anzahl wurde an einen neuen Galgen gehängt,

einigen der Degen unter dem Galgen zerbrochen, sie selbst für Schelme erklärt,

die Namen von vierzig flüchtigen Offizieren an den Galgen geschlagen.

Die Finnen, das braune Rattengewimmel Tillys, Reiter des Stalhanske, fanden

den schwerleibigen Gustaf Adolf, das abgelebte breitgequetschte Gesicht an die

Erde angedrückt. Vierhundert smalandische Reiter, den Palasch gezogen, der

Rest des Regimentes, an dessen Spitze er gefallen war, eskortierten ihn über Weißenfels nach Wittenberg, nach Wolgast, wo die Totenfeierlichkeiten

erfolgten an dem Meere, über das er gefahren war mit Koggen Gallionen

Korvetten, das Admiralsschiff Merkur mit zweiunddreißig Kanonen, dahinter

Westerwick, Pelikan, Apoll, Andromeda, Regenbogen, Storch, Delphin, Papagei,

Schwarzer Hund.

Hier am salzigen ruhelosen Meer, unter dem Tosen der Winterstürme, hatte

sich eine stumme Gesellschaft aus Metall Holz Tuchen versammelt, um den

verwesenden ausgeweideten Leib zu erwarten: hohe silberne Gueridans,

florumwickelte Wachskerzen, ein Trauergerüst in der Kirche, der Katafalk, das

Schmerzenspult. Lebende Menschen und Tiere wogten um die bewußtlosen

Gegenstände, den bei Lützen vor Monaten zuletzt fühlenden Leib, der jetzt nicht

mehr war als die Gegenstände, die für ihn geschnitzt, genäht, geschmiedet

wurden. In einen Zypressensarg war die verhüllte triefende Zentnermasse von

Fleisch und Knochen geschoben, auf einen samtbeschlagenen Leichenwagen

gestellt. Den bloßen Degen unter dem Arm gingen die Leibgardisten voran, das

Bataillenpferd folgte, die Blutfahne, Hoffouriere, Marschälle, Trabanten mit

verkehrten Gewehren, Herolde, Pauker, das Wappen. Die Zipfel der Sargdecke

trugen Offiziere Kavaliere in stumpfen Tüchern, ohne Handschuh neben dem

schleppenden Wagen, Trabanten mit umgekehrten umflorten Partisanen. Hinter

dem Wagen Marschälle mit Stäben, Minister, Hofkavaliere, Beamte, geführte

schleierübergossene Frauen, deren Schleppen man trug. Die Königin, grau und

weiß gekleidet.

Ihr war noch kein Sarg gezimmert wie dem toten Gemahl. Mit Entsetzen ging

sie in dem Zug. In einem Zypressensarg vorn unter einer schwarzen Samtdecke,

an der Offiziere zerrten, lag eine gedunsene dicke Masse, zerfließend, die ein

blauschwarzes Gesicht hatte, an der Arme und Beine hingen, etwas das an

Fleisch erinnerte und das Gustaf Adolf, der starke singende jähzornige Mann,

der Vater ihrer springenden kleinen Tochter, sein sollte. Es ekelte, graute sie; sie

konnte nicht entrinnen, man führte sie; eine Brechneigung stieg in ihr auf; sie

wurde hier vergewaltigt; blind taumelte sie am Arme ihrer Hofdamen, Zittern in

den Beinmuskeln.

In das dunkle hochgeweitete Kirchenschiff hinein. Trompeter bliesen vorn:

„Mit Fried’ und Freud’ ich fahr’ dahin.“

Hinter dem kostbaren Trauergerüst riesengroß in sich bäumender Bewegung

ein metallener Schmerzensmann am Kreuz; angenagelte Hände und Füße,

Stöhnen aus dem offenen Mund, Blutrinnsale vor den Ohren, keuchend

zusammengepreßte Rippen, muldenhaft eingezogener Leib.

Gebrüll der Kanonen.