Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 4 von 5 · Teil 3/5

PDF-Seiten

Wallenstein: Zweiter Band

Fünftes Buch Schweden

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

Zermalmung in seinen Gliedern. Er flüchtete, mit ihr ringend, in den Schlaf.

Der französische Gesandte Charnacé, der rothäutige Soldat, und Kuttner, am nächsten Tage vom Kurfürsten und seinen Geheimen Räten gemeinsam

empfangen, reisten zu Gustaf Adolf ab. Sie brauchten nicht weit zu reisen.

Jenseits des Thüringer Waldes stand er in Erfurt, nachdem er Leipzig Halle und

Erfurt überzogen hatte. Vierzehntausend Schweden bevölkerten die Stadt. Der

König wohnte im Gasthof zur Hohen Lilie. Er nahm die Gesandten auf einem

Umritt mit; auf dem Petersberg, wo das Jesuitenkloster stand, fingen sie ihre

Gespräche an. Der dicke König war von deutschen Fürsten umringt, er war

lärmend freundlich zu ihnen, sie kamen zu keinem Ende. Er lud sie bei seinem

Aufbruch, als sie mißmutig ihre Lage bedachten, ein, ihm noch einige Tage zu

folgen.

Über Gotha und Schmalkalden in einem Haufen, über Arnstadt und

Schleusingen im andern schob sich das Schwedenheer durch den Thüringer

Wald. Während dieses Marsches ließ der König und keiner seiner Umgebung

sich sprechen; die Gesandten wurden herrlich verpflegt; mit Jammern und

Schmerz sah der weiche Kuttner, mit welcher Schnelligkeit man südlich kam,

Charnacé erklärte fluchend, er werde nach zwei drei Tagen das Lager verlassen.

Ihm graute auch; er sagte: zwei drei Tage, konnte sich aber von dem

betäubenden Vormarsch nicht trennen; er mußte sehen, wohin das ging, ob es gar

gegen Westen auf den Rhein zu ging. Vor ihnen ergab sich die Würzburgische

Festung Königshofen auf das Anblasen der Trompeter. Mit stiller Trommel wich

die kleine kaiserliche Besatzung aus Schweinfurt. Der panische Schrecken lief

dem Schwedenheer voraus. Würzburg näherte man sich, der reichen Stadt des

Fürstbischofs Franz von Hatzfeld. Die Stadt kapitulierte auf den Trompetenruf.

Am linken Mainufer auf steilabfallendem Felsen das feste Schloß Marienberg:

der Kommandant übergab es nicht. In der Nacht wurde es gestürmt innerhalb

einer einzigen Stunde, keiner von der Besatzung entkam.

Man besichtigte die Beute: Reliquien, silberne vergoldete Brustbilder Ornate

Kelche Kirchenschätze. Alles ritt in die Stadt ein; aus der fürstlichen

Silberkammer wählte Gustaf, den Franzosen mit seiner plumpen Hand einzelnes

weisend, für sich Edelsteine Perlen Gold und Silbergerät aus; die Hauptmasse

stellte er seinen Offizieren zur Verfügung. Da war noch die berühmte

fürstbischöfliche Bibliothek, für die der hochgelehrte Echter von Machspalbrunn

jahrzehntelang gesammelt hatte; an ihr ritt man vorbei; der König gab Befehl, sie

und die Bibliotheken der Universität und des Jesuitenkollegs in Ruhe

einzupacken für den Transport nach Upsala.

Endlich ließ im Zeughaus der Schwede sich zu einer Unterhaltung mit den

beiden fremden Herren herbei; Charnacé sprach erst für sich mit dem König. Der

setzte sich auf den Rand einer Pauke, schlug vergnügt mit dem Seitengewehr auf

das brummende Fell, umarmte Charnacé, brüllend: „Zu saufen, Marquis, zu saufen, zu saufen. Was hat uns unsere Freundschaft soweit geholfen. Laßt sie uns

begießen.“ Man trug auf das Rufen des Königs Wein in Kannen und Becher her;

flau trank Charnacé; er hoffe noch größeren Gewinn des Feldzugs und worauf

der König hinauswolle. Das wollten sie alle, schluckte Gustaf, von ihm wissen;

wisse es selbst nicht so genau; die Fortuna des Kriegs sei die Meisterin. Er tat

dann, als verstünde er den Welschen nicht, wie weit er gegen den Rhein wolle;

zeigte ein übermütig joviales Verhalten; nur nebenbei konnte der andere

anbringen, daß sein König auf Metz gezogen sei, das ja seit Jahrzehnten unter

französischem Schutz stünde, und daß er die Bevölkerung dort, die ihn gerufen

habe, beruhigen wolle. Schmetternd lachte der Schwede und freute sich; ja er

wüßte, daß sie ihn fürchten, sei wohl der Gottseibeiuns für sie, fräße und

verschlucke sie, es sei ein Spaß. Er war nicht zu fassen.

Beim Hinzutritt des Bayern wurde der Schwede, der sich in übertriebenen

Komplimenten erging, noch lärmender. Nun mußten Stühle und Bänke

herangeschleppt werden; Grubbe und Oxenstirn sollten mit ihnen festieren hier

im Zeughaus, wo alles sich so freue. Kuttner mußte vorbringen, daß er um

besonderes Gehör mit seinem französischen Freund bäte. Das fand Gustaf

kostbar und auch sehr schön. So würden sie denn zu dritt hier sitzen, miteinander

schwatzen; er, der Kuttner, von dem er schon gehört habe, sei ja ein prächtiger

junger Herr; wie spaßhaft: man könnte glauben, der Herr sei ein Edelfräulein, so

schön und vornehm sei er; darum sollte er auch doppelt festlich aufgenommen

werden von ihm und seinem Hofquartier, nach echt schwedischer Art. Nun fing

Kuttner, der blaß und traurig war, da der fremde König nicht auf sein Geleis

biegen wollte, mitten im prahlenden Gewäsch und Gekicher sein leises

Vorbringen an; Gustaf veränderte sein Gehaben nicht, sie sollten nur abblasen,

dieses hier, dieses außerordentlichen Weins zu verschmähen; aber Kuttner solle

sich nicht stören lassen, er sei ein prächtiger junger Herr, er höre ihm mit

wirklichem Behagen zu. Und so mußte Kuttner, vorsichtig von Charnacé, der

neben ihm saß, sekundiert erzählen, was sein Herr ihm aufgetragen hatte: von

dem bayrischen Wunsch, den gewaltigen Siegeslauf des Schweden nicht

aufzuhalten und in Neutralität zu treten. Gustaf schrie, sich von der Pauke

erhebend und seinen Becher absetzend, das sei ja ein Glückstag, ein unerhörter

Glückstag; was sei ihm denn lieber als mit anderen Menschen in Frieden zu

leben. Er streckte, gewaltig im Lederwams mit der Riesenschärpe stehend, zu

beiden Seiten seine Arme in die Höhe: so möchten zerschmettert werden, die

Feindschaft und Tod durch ihr gehässiges tyrannisches Gebaren in die Welt

trügen; er freue sich über alles Maß, daß alles so käme, wie er sich gedacht habe.

Er umarmte den errötenden Kuttner; Charnacé lächelte melancholisch. So

umarme er mit ihm den bayrischen Kurfürsten. Und darauf rülpste er stark. Sie sollten bald Bescheid erhalten. Er verabschiedete sich herzlich und immer

wieder menschenfresserisch lachend und schmetternd von ihnen, die er seinem

Kanzler empfahl.

An der Würzburger Domkirche vor den Gittern unterhielten die schwedischen

Soldaten vier offene Spieltische; Säcke mit Talern und Dukaten standen neben

ihnen; auf dem großen Platz brüllte zusammengetriebenes Vieh; für einen

Reichstaler wurde die Kuh losgeschlagen, ein Schaf für einige Batzen. Wie in

dem allgemeinen Lärm der Regimentsmusiken Spieler Tiere die Gesandten nach

einigen Tagen über den Domplatz ritten, kam der königliche Kurier hinter ihnen

her mit einem Brief. In ihrem Quartier lasen sie dann den schrecklichen

schwedischen Bescheid. Neutralität des Bayern nähme der König herzlich gern

an, jedoch müsse die Liga ihre herzliche Gesinnung ihrerseits auch beweisen, so,

indem sie ihre Truppen auf zehntausend Mann vermindere, natürlich auch alles

zurückgebe, was sie Evangelischen genommen habe, den König in allem Besitz

lasse, den er okkupiere und okkupieren werde. Dafür werde der König Bayern

nicht überziehen; er gewähre einen vierzehntägigen Stillstand zur Überlegung.

Nur dies war Kuttner sicher, daß er sogleich aus Würzburg aufbrechen wollte;

wohin, wußte er nicht. Er klagte: „Ich kann nicht zu meinem Herrn mit diesem

Bescheid.“ Ihm stand vor Augen der ernste Abschied von Maximilian.

„Kommt!“ lockte Charnacé; den reizte die Begegnung mit dem Bayern, der sich

so lange gegen das Bündnis mit Frankreich gesträubt hatte, „Ihr müßt hin.“

„Helft mir, Marquis, ach unterstützt mich vor ihm.“ „Habt Ihr Furcht vor Eurem

Herrn? Ihr habt Eure Sache so gut gemacht.“

Maximilian nahm den Franzosen nicht an; vor Kuttner hingesunken stöhnte

er: „Es ist eine Rettung; vierzehn Tage Zeit; ich kann es noch abwenden. Oder es

ist eine Folter: ich muß es vierzehn Tage hinziehen und es muß doch geschehen,

ich muß mein Land und mich vernichten lassen, wenn ich in Ehren bestehen soll.

Verratet mich bei meinem Vater nicht, Kuttner; bleibt bei mir die Wochen. Es

könnte doch sein, daß sich alles ändert. Glaubst du nicht, daß sich noch alles

wenden kann. Es kann doch nicht wirklich sein, was mir jetzt passiert.“

Kuttner weinte, wie er allein war.

 

Unter der Annäherung der fremden Eroberer entstanden Revolten bei den

bayrischen Landfahnen; viele flüchteten, suchten ihre Habe zu verstecken, sich

und die Angehörigen in Sicherheit zu bringen. In dem straff regierten Lande

ereignete es sich zum erstenmal, daß die Landstände gegen die neu auferlegten

Kriegssteuern protestierten, auf der einberufenen Versammlung in München fehlten viele: Aufrührer gingen durchs Land. Vor Preising stellte sich ein kurzer

Kerl hin, das Gesicht wie ein Waldmensch umwachsen, die Leute liefen ihm zu,

predigte vom Schindeldach eines Häusleins:

Da käme der Schwede und juch, sie hätten den Krieg im Land. Würde ihnen

das behagen! Der Krieg ist Sache der großen Herren. Bevor man ihnen nicht die

Köpfe abschnitte, verharrten sie dabei, den Krieg auf die kleinen Leute zu jagen.

„Der Kurfürst in München hat es in der Hand Frieden zu machen; es wird ihm

nicht passen; er hat Pferde und ist bald davon. Legt die Fürsten lahm, alle zu

Hauf. Es geht um eure Haut, ihr habt nichts weiter zu verlieren. Wollt ihr

Lumpen und Hundsfötter werden, bis der gnädige Herr euch beim Schopf hat?

Bis er euch gepreßt hat mit Weibeln, Profossen, Korporalen und seiner ganzen

Teufelsgarde, daß ihr ihm dient im Krieg als seine Söldner und totgeschlagen

und geschunden werdet, während der Schwede euer Vieh frißt, eure Scheunen

ansteckt, euer Weibsvolk verschändet, die Kinder ins Feuer wirft. Des

Kurfürsten Korporale werden mit euch ihr Spiel treiben, seht euch vor. Träges

faules Volk ihr. Was ist denn ein Fürst, ein Herr, ein Kurfürst und großgewaltiger

Kaiser. Macht einen krummen Buckel vor ihm und er ist euer Kaiser. Zeigt ihm

den Steiß alle zusammen und ihr werdet sehen, wie lange er noch Kaiser ist. Er

ist ja nur mächtig, weil ihr Furcht habt und Angsthasen seid. Er hat keine Macht.

Aber seht eure Hosenböden an, da findet ihr sie. Betrug und Einbildung ist die

Regiererei, auf dem niedrigsten und höchsten Thron. Ihr seid schuld daran, ihr

alle, daß es uns so geht, man müßte euch mit Knüppeln totschlagen, daß ihr so

dasteht und die Mäuler aufreißt. Der Krieg täte euch gut, damit ihr seht und fühlt

und schmeckt, was ihr für gottvergessene Schurken und Hundsfötter seid. Was

ihr versündigt habt durch Dummheit und Narrheit, wird kein Heiland

gutmachen; er könnte zu euch kommen und ihr würdet ihn noch nicht ansehen,

wenn er euch helfen will. Durch eure Dummheit und Furcht regieren die Fürsten,

in eurem Kopf steht ihr Thron, für ihre Schandtaten und ihren Übermut bürgt ihr.

Eure Jämmerlichkeit ist so groß, daß ich ein Maul wie der babylonische Turm

haben müßte, um sie zu beschreiben. Es ist ja an der ganzen gefürchteten Macht

der Fürsten und Tyrannen nicht viel mehr als an einem Traumschrecken, einem

eingebildeten Alb. Feige Schufte haben die Fürsten groß werden lassen. O ihr

jammerbaren Schufte und Klötze. Die Fürsten sind eine Schande, sie sind eure

Schande. Sind die leibhaftigen Teufel und ihr seid des Teufels Mutter und

Großmutter. Bald wird der Schwede da sein und ihr werdet sehen, wie sich der

Teufel seine Gehilfen ausgesucht hat zum Dank, daß ihr ihn so dick gemästet

habt. Lauft nach München. Da sitzt einer auf dem Thron, den ihr ihm gebaut

habt, damit er in Ruhe Riemen aus eurer Haut schneiden kann. Sagt, es wird

Krieg, Herr Kurfürst! Kommt der Schwede herein oder kommt er nicht herein. Helft uns. Er wird euch totschlagen lassen für sich. Tut euch zusammen zu

einem Gewalthaufen. Nehmt eure Messer. Und wenn er nicht sagt, was euch

gefällt, so könnt ihr eine Freude haben: die Fürsten haben einen Hals zwischen

dem Kopf und den Schultern; macht euch einen Spaß. So ein Mann spritzt nicht

mehr Blut wie ein Kalb.“

 

Über den Thüringer Wald herüber auf Königshofen, Würzburg. Westwärts

mainabwärts durch den winterlichen fränkischen Kreis. „Die Goten kommen, die

Vandalen kommen!“

In Würzburg inthronisierte sich der Schwede als Herzog von Franken; die

Stiftsangehörigen, geladen auf den Markt von Statthalter Kanzler und Räten,

schwuren betäubt mit handgebender Treue einen Eid zu Gott und auf das

aufgeschlagene Evangelium, niemanden anders als die Königliche Majestät von

Schweden, deren Nachkommen und Regierung als alleinige Landes- und

Erbherrschaft anzuerkennen. In dem Tosen des Marktes feierte ein schwedischer

General, von einer Freitreppe radebrechend, die Würzburger, die die Köpfe

senkten, als seine neuen Landsleute und gute Schweden. Ausschwärmend nahm

der Schwede von dem Land Besitz. Abteien und Klöster Frankens fielen seinen

Generalsoffizieren zu. Es gab nur herrenloses Land, Menschen und Gut. Dem

ehemals schwedischen General Herzog Georg von Lüneburg wurde die Stadt

Minden, das mainzische Eichsfeld zuteil. Die freie Reichsritterschaft schickte

huldigend ihren Direktor, den großmäuligen Adam von Rotenhan, samt zwei

Grafen von Erbach; sie erhielten hingeworfen die Benediktinerabtei Amorbach.

„Der evangelische Glaube siegt!“ brüllten die beladenen Finnen, die Schweden

auf ihren keuchenden Beutepferden; es durfte niemand ihnen etwas verwehren,

sich und seine Habe verschließen. Sie übten Gerechtigkeit mit Feuer Schwert

und Torturen, in schmachvoller Knechtschaft hatte das Reich bis da gelegen, den

Papisten durfte es nicht gut ergehen, den Lutherischen nicht besser: so stachelten

sich die Fremden.

Immer mehr Deutsche schlichen um den leckeren Tisch. Dem Grafen

Löwenstein-Wertheim stopfte man den Rachen. Der Rat der Reichsstadt

Schweinfurt verbeugte sich vor den Knechten Offizieren Generalen und der

königlichen Würde selber; vierzehn würzburgische Dörfer, dazu Güter des

Hauses Echter und Klöster waren für die Stadt zu haben. Nürnberg lag im

Rücken, man ließ es nicht vorbei, es sollte sich entschließen; die Korona der

städtischen Hochgelehrten und Genannten beriet sich, der schreckliche Herzog

von Franken fragte sie dringend durch seinen Unterhändler nach ihrer Gesinnung; sie unterwarfen sich, versprachen zu liefern, was er wollte. Der

ganze Kreis, mit Peitschenhieben und Sporenstößen angefahren, gelobte

zweiundsiebenzig Römermonate für das gemeine evangelische Wesen zu

bewilligen. Zu Regensburg hatten die drei geistlichen Kurfürsten das große

Heilige Reich mitordnen helfen, sie hatten das gewaltige Tier Wallenstein von

seiner Armee gejagt, die Armada zerblasen. Ihre Macht waren jetzt Buchstaben,

geschrieben auf brennbarem Papier; Reichsgrundgesetze, kaiserliche

Wahlkapitulation: der König der Schweden Goten und Vandalen wollte nicht

lesen. Er fragte nach der Zahl ihrer Knechte. Dann fragte er, ob sie seine Freunde

wären, und sie sollten ihm für diesen Fall monatlich vierzigtausend Reichstaler

zahlen, Proviant liefern, ihre Festungen überlassen. Sonst werde er ihre Städte

verwüsten, und wenn sie rebellierten, das Kind im Mutterleibe nicht schonen.

Die geistlichen Herren spien.

Er zog mit zwölftausend Mann auf Frankfurt am Main, zum Bockenheimer

Tor hinaus auf Höchst. Kastell, Bingen und Mäuseturm in seiner Gewalt. Eisiger

Winter. Er bedurfte schon keiner Truppen mehr zum Sieg. Acht schwedische

Reiter überfielen die Stadt Eberbach am Neckar, nahmen sie ein; Beute machten

sie, die Behörden ließen sie einsperren. Mit sechstausend Mann zu Fuß,

dreitausend Reitern, dabei vielen Engländern richtete sich das Heer auf Mainz.

Das steckte nach zwei Tagen die weißen Fahnen heraus; von Wittenhorst saß

drin, mit Sack und Pack, Ober- und Seitengewehr, zwei Feldstücken zog er aus

nach Luxemburg.

Dann saß die schwedische Majestät, die aus Upsala über die Ostsee mit

Schiffen gefahren war, Pommern und Brandenburg unterworfen, bei Breitenfeld

Tilly den kaiserlichen Feldherrn beiseite geschleudert hatte, in der Sankt

Martinsburg und überwinterte. In Ruhe, barbarischer Lust breiteten die

Schweden sich in der Stadt aus. Furchtbare Summen wurden der Geistlichkeit

und Bürgerschaft auferlegt. Die Brandschatzung konnte nicht gezahlt werden, da

liefen die Fremden in die Kirchen Klöster Kollegien, versteigerten zum Fenster

hinaus die Ausstattung an Bürger aus Frankfurt und Hanau. Die Schatzung der

Bürger wurde auf sie häuserweise verteilt, die Häuser der Schuldner

niedergerissen straßenweise, das Holzwerk verkauft. Rasch ging man ans

Schanzen, riß Klöster und Kapellen nieder, die Kirchen verwandelten sich in

Ruinen für Festungswerke. Beim Abbruch sang man den Katholischen zum

Hohn: „Ein feste Burg ist unser Gott“, die Sankt Albanskirche streckte man hin

als Schanze Gustafsburg an der Einmündung des Mains; so half sie, sagte der

schwedische General, Gott loben.

Der Schwedenkönig ruhte monatelang in Mainz. Er lag in dem grellen Licht

des Schreckens. Die Deutschen liefen um ihn. Von drüben, von Schweden hörte er nicht viel. Einsilbig waren die Nachrichten, klagend über den schweren

Druck, der auf dem Lande liege, grollend über das verzehrende deutsche Wesen:

daniederliegt der Handel, kein Silber im Land, die Kupfermünzung betrügerisch;

unerhörte Teuerung, verödet ganze Bezirke, Kirchspiele ohne einen kräftigen

Arm. Der König fragte vorsichtig an um sechs Regimenter zu Fuß, der Reichsrat

bewilligte knapp drei. Es kam in der Antwort heraus: so wild eroberisch sei der

deutsche Krieg nicht gedacht gewesen. Seinen Ärger blies Gustaf von sich; so

war die Sache nicht gedacht, aber er hatte Deutschland, sie würden sich ändern.

Er wollte die evangelische Vormacht in Europa an sich nehmen und sich dem

Kaiser, dem Haupt der Papisten, starr gegenübersetzen als Haupt des

evangelischen Wesens.

Und in der Tat: wenn er schon gläubig gewesen war, nach seinen Siegen ließ

er Taten sprechen. Gnadenlos fielen in diesem Winter alle fremden Gotteshäuser

und Kapellen; er sagte: es solle, soweit er gebieten könne, kein Spott mit dem

Namen Gottes getrieben werden. So gewalttätig fest er war, hier fürchtete er,

etwas zu versehen. Oxenstirn selbst wunderte sich, wie wahnsinnig die Augen

des Königs flackerten, wenn Flüche um ihn laut wurden, wie er mit eigener

Hand gottlästernde Knechte den Profossen übergab und sich nicht eher

beruhigte, bis er sie am Galgen sah. In der Martinsburg sprach er zu

Weihnachten die Herren aus Nürnberg an, wies ihnen eine Schrift, das Buch

eines Archidiakonus zu Rochlitz, von dreifachem schwedischen Lorbeerkranz

und der triumphierenden Siegeskrone; darin nannte man ihn Josua, Gideon,

Matathias; man berief sich auf die Apokalypse, sprach davon, er solle nach Rom

gehen und die Stadt zerstören. Um die nürnbergischen Herren wogte der

Schrecken, sie hörten demütig zu. Der schmerbäuchige Riese stand vor ihnen

mit einem mächtigen schmucklosen Hut, unwiderstehlich sicher wie Lämmern

blickte er ihnen ins Gesicht: was Bayern und die katholischen Erblande früher

vermocht hätten! Wenn sich alles zusammentäte: Pommern, Mecklenburg, Ober-

und Niedersachsen, die Pfalz, Franken, Schwaben, Reichs- und Hansastädte. Sie

waren froh, entlassen zu werden.

Und wie vor den ausruhenden Löwen immer neue Gesandte der deutschen

verängstigten Stände zogen, bündnisbeladen, kontributionspflichtig abrückten,

der Herzog von Celle, Bischof von Minden, Graf von der Wetterau und vom

Westerwald, Räte der Stadt Braunschweig, Ulm, Lübeck, Lüneburg, Bremen, der

vertriebene Herzog von Mecklenburg, da nahm auch der schöne feine Friedrich

von der Pfalz Abschied von den Hochmögenden im Haag. Der Stein sollte

wieder auf einen Wagen gehoben werden. Die ganze Versammlung stand auf von

den Bänken, als er an der Tür erschien, den buntfedrigen Hut zog, sein schlaffes

leicht gedunsenes sehr ernstes Gesicht bot und den linken Arm schwenkend über sie mit strengen blauen Augen blickte, die wie Glocken läuteten. Nun gehe er

glücklichen Zeiten entgegen, nickte schwer der greise Vorsitzende, der, den Hut

auf dem Kopfe, sitzen blieb; sie freuten sich, seine Wirte, ihren Gast und Freund

so nahe an der Erfüllung seiner Wünsche zu sehen; wer ausharre werde gekrönt.

Friedrich bewegte stumm die Lippen. Er war mit den Gedanken nicht anwesend,

nickte nur; hörte, daß man ihm eine Ehrengabe von fünfzehntausend Talern

zudachte. Niederländische Reiter nahmen ihn, die englische jubeljauchzende

Elisabeth und den Hof in ihre Mitte; bis in das wintervergrabene Hessen gaben

sie das Geleit. Das war Hessen, das war Frankfurt, das war Mainz. Die Karossen

fuhren hinter den Trompetern in die Stadt. Vor der fahnenschwingenden

teppichbehängten Martinsburg, zwischen den Ruinen der Häuser, wimmelnden

Schweden und Finnen auf einem gepanzerten Pferd der ungeheure Gelächter

abprotzende Gustaf Adolf. Schnee fiel über ihre Schultern. Am Arm der

schwedischen königlichen Würde kletterte die aufblühende üppige Engländerin

in den weiten Speisesaal, auf dessen Kredenzen der Raub deutscher

Landschaften prunkte. Hinterher schleifte verschwiegen und wehrlosen Blicks

der schlanke Winterkönig, die gehobenen Finger einer mageren langen Frau

berührend, hektische Wangen, purpurnes schweres Brokat, die von Minute zu

Minute vor Hysterie schrie, das Weib des Fremden.

Ein leichter Schwindel befiel den Pfälzer bei Tisch, als der Fremde ihn

„Majestät“ nannte. Woran wurde er erinnert; man reichte Waschbecken und

Handtuch, der Fremde wollte sich erst nach ihm waschen, der König aus

Schweden: warum tat er das? Man wollte ihn mit Kunst lebendig machen.

Maskenball. Pechfackeln auf vier Ecksäulen in allen Sälen; Halbdunkel in der

Flucht der geöffneten Säle. Geigenmusik von bischöflichen Kapellen,

Trompetenbläser, Hatschiere. Der König tanzte im russischen Kleid plumpe

Nationaltänze; sein Kaftan aus Goldstoff, sein Kopf unter der weißen eiförmigen

Mütze versank im hohen Zobelkragen, die Füße traten und stampften in

stumpfen roten Schuhen, vorn mit Perlen besetzt; die Arme warf er nach rechts

und links, sie steckten in röhrenförmigen weiten Ärmeln. Die pfälzische Dame

sprang als türkischer Krieger daneben, wies ihre dicken Beine in

schwarzsamtenen Strümpfen, geschlitzten Schuhen; bis auf die Knie fiel ihr

weitfaltiger violettgeblümter Rock; der grüne Turban schlang sich um die Ohren;

man sah die blonden Haare nicht, nur das sprühende glührote volle Gesicht.

Unkostümiert mattäugig der Pfälzer, trinkend in einem dunklen Erker, allein

einen Tisch rundum umfassend. Der kleine spitze Rusdorf trat grüßend an.

„Rusdorf! Was willst du, Rusdorf? Tanz mit, Rusdorf!“ „Ich bin nicht geladen,

Kurfürstliche Gnaden.“ „Ksss—s, tanz! Der König ist auch nicht geladen, er

tanzt auch.“ „Der König? Der König ist Wirt.“ „Laß mich in Ruhe. Er ist nicht geladen.“ Rusdorf hielt seinen Herrn für betrunken, suchte ihm über den Tisch

ins Gesicht zu sehen. „Ihr hetzt mich, Ihr hetzt mich, Ihr laßt mir keine Ruhe.“

„Der Herr Kurfürst ist so allein, ich rufe die durchlauchtige Frau.“ „Ich sag’s dir

laut: ich lebe und sterbe als der ich bin. Das hättest du hier mir nicht zeigen

sollen, dazu hättest du mich nicht holen sollen, daran hab’ ich kein Teil.“ Leise

Rusdorf: „Dann blieb Euch nichts als Euch dem Kaiser zu unterwerfen.“ „Hätt’

es sollen. Ihr habt es mir nicht geraten.“ „Der König!“ flüsterte Rusdorf; die

Schwedenmajestäten näherten sich. Friedrich trank, trank, stöhnte; seine Augen

begannen zu glitzern.

 

Nicht einmal, als die erschütternden Nachrichten aus dem Westen kamen

konnten sich die Wiener Räte zu der Wiederberufung des Friedländers verstehen.

Man nahm zu der Schreckensnachricht von Mainz die Botschaft hin, daß sich

der Trierer Philipp Sötern unter den Schutz des Franzosenkönigs gestellt, die

Festungen Koblenz und Ehrenbreitenstein aus Entsetzen vor dem Schweden den

Franzosen übergeben hatte. Eine tief beschämende Kunde lief ein aus Köln;

dorthin hatten sich die Fürstbischöfe von Mainz Würzburg Osnabrück Worms

geflüchtet; sie versicherten durch den Mund des Kölner Ferdinand, in

kaiserlicher Devotion zu verharren. Aber der Kaiser sei weit, ihre Lande, die

Kirche, ihr eigenes Leben in furchtbarster Gefahr; sie hätten, ohne die

kaiserliche Zustimmung abwarten zu können, sich entschlossen, den

Allerchristlichsten König Ludwig um Hilfe anzugehen. Ihre Vertreter seien nach

Paris unterwegs.

„Was kann uns noch geschehen?“ fragte Trautmannsdorf, „wir sind in

Deutschland ein wurmstichiger Apfel; Habsburg ist faul, der Schwede ist der

Wurm und der Franzose ist der Wurm. Hilft nur schneiden.“ „Was bleibt von

dem Apfel übrig.“ „Es wird uns bald nichts übrigbleiben, mein lieber Freund

Eggenberg, als der Schwedentrunk oder ein schmerzloser Schwertschlag durchs

Genick von unserem alten Gönner Wallenstein.“ „Ich weiß, daß Ihr den

Friedländer wollt und der Kaiser ist nicht abgeneigt. Und wie lange dauert es,

bittet der bayrische Maximilian ihn wieder zu bestallen. Wir werden ihn holen

müssen. Es ist kein Gut daran, Trautmannsdorf.“ „Nun dacht’ ich, mein

liebwerter Freund sei von seiner Abneigung durch das Breitenfelder Treffen

befreit.“ „Der Friedländer ist stark wie der Teufel; ich hab’ es von Anbeginn

gewußt. Wir hätten gewiß den Schweden nicht gehabt, wir hätten aber ein

anderes Unheil gehabt. Wer weiß, ob der Kaiser noch in Wien säße, ob Ihr und

ich uns über Reichsangelegenheiten unterhalten könnten.“ Der Graf lachte: „Wär’ es ein Schade? Ihr meint, der Friedländer säße dann hier. Ihr wißt, ich

konnte mich auch nicht dafür begeistern. Aber ich meine: ist es angenehm, den

Schwedentrunk hier zu schlucken? Angenehmer als sich vom Friedland den

Kopf schmerzlos abschlagen zu lassen?“

Es blieb Rettung bei Spanien und dem Papst zu suchen. Spanien war zu jeder

Leistung bereit. Zum Papst Urban reiste aus Preßburg Pazmany, der Erzbischof

von Gran, die Leuchte des Glaubens. Liebevoll hatte Ferdinand seinen alten

Ratgeber Eggenberg empfangen, hatte angehört, was er unternehmen wollte, den

Brief gelesen, den er für den Heiligen Vater entworfen hatte. „Wir werden

verlassen von denen, deren Sache mit der unsrigen gleich sein sollte. Und nicht

bloß das: der König, der den Namen der ‚Allerchristlichste‘ führt, gibt dem

Schweden Geld und andere Mittel, uns zu bekriegen. Es betrifft nicht nur uns,

sondern den Bestand der Kirche und damit Eurer Heiligkeit. Zu Eurer Heiligkeit

strecken die Angehörigen der Kirche in Deutschland um Hilfe flehend die Hände

empor. Wir bitten, daß Euer Heiligkeit den Allerchristlichsten König abmahne

von dem schwedischen Bündnis, das er geschlossen hat wider den Regensburger

Vertrag, und ihn auffordere gegen den Zerstörer der Kirche an unsere Seite zu

treten.“

„Wie könnt Ihr schöne Briefe schreiben, Eggenberg. Schön stilisieren! Schlau

setzen. Welcher Advokat ist an Euch verlorengegangen.“ „Unsere Not ist groß,

gnädigster Herr, sie ist ungeheuerlich, kaum aussprechbar. Das Reich war noch

nie in solcher Gefahr.“ „Und ist es nicht recht beschämend für uns, dem Heiligen

Vater solchen Brief zu schreiben.“ „Nur eins bitte ich Eure Kaiserliche Majestät,

mir diesmal willfahren zu wollen.“ „Warum so ernst, Eggenberg; will Euch ja

gern willfahren.“ Und als Eggenberg ihm nur stumm die Feder hinhielt: „Sieh

da, wie Ihr zittert!“ Steif hielt Eggenberg die Feder, wortlos schrieb Ferdinand

nach einer Weile.

Und lautlos, als er unterschrieben hatte, stand Ferdinand, wie von einer

Eingebung berührt, von seinem Stuhle auf; das rieselnde Gewimmel der

geschnitzten Männer und Frauen an den Lehnen sank hinter ihm herunter, sein

Gesicht gesenkt, von einem Lächeln der Spannung verzogen, seine Stimme hoch

leise fragend: „Es ist gut, daß ich dies unterschrieb. Der Weg ist gut, Eggenberg.

Ich billige ihn. Ich bin dabei. Ihr wollt den Heiligen Vater befragen. Es soll mir

eine Freude sein ihn zu hören. Ich möchte eine Stimme von ihm hören.“ Und

dann als Eggenberg dankbar antwortete: „Eggenberg, dies hat dir die Jungfrau

eingegeben. Woher hast du das? Du willst den Heiligen Vater befragen. Siehe da,

wir werden den Heiligen Vater sprechen hören. Wir werden ihn hören.“ „Er wird

uns nicht im Stich lassen.“

Ferdinand hob den linken Arm, streckte den Zeigefinger in die Höhe: „Die Frage wird an ihn herantreten. Er wird ihr nicht aus dem Weg gehen können;

sein Geist wird antworten müssen. Ein Versuch. Eine Versuchung.“ Mit den

Händen rückwärts den Stuhl abtastend ließ er sich nieder; er lachte wieder

gutmütig und zerstreut, den Kopf auf den Tisch über dem Schriftstück

aufstützend: „Ich weiß, wie er antworten wird, Urban der Achte in Rom.“

Der große Pazmany hatte sich auf den Weg gemacht, den Heiligen Vater zum

Schutz des alleinseligmachenden Glaubens im Römischen Reiche zu bewegen.

Einen Monat reiste er aus Ungarn, während der schreckliche Schwede seine

Verwüstungen weiter trug. Ehre erweisend kamen ihm römische Edle und

Kardinäle vor Rom entgegen. Den Kardinalshut verlieh ihm der Papst, ehe er

sprechen durfte. Dann suchte ihn der Papst zurückzuschrecken, indem er ihn

warnte, sich zum Gesandten herzugeben, ein Kardinal, der im Rang eines Königs

stände. Die Nachgiebigkeit Pazmanys ebnete alles; der Papst konnte nicht

ausweichen.

Wohin der Heilige Vater es kommen lassen wolle in seiner Furcht vor

Habsburg; ob die vielen Millionen frommer rechtgläubiger deutscher Seelen es

bezahlen sollten mit ihrer Seligkeit, wenn der Ketzer über sie käme. Da verbat

sich der Italiener, nervös die Zähne fletschend, die vulgäre Rhetorik. Pazmany

gab nicht nach, obwohl ihn schauerte; er dachte an das, was ihm Lamormain

vom Kaiser gesagt hatte; mühte sich für den Kaiser. Der Papst, starkknochig

herumwandernd um den stehenden Ungarn, grollte heftiger, je mehr er fühlte,

daß der Fremde ihn bloßlegen wollte; er schrie drohte höhnte wurde giftig. Bei

der zweiten Begegnung kam es wie erwartet zu keiner Unterhaltung; Urban,

seinen Schnauz- und Backenbart reibend, gab schmatzend und wohlgelaunt von

sich, was er den Bescheid nannte; ein Zettelchen, auf dem er die Punkte notiert

hatte. Den Franzosenkönig abziehen vom schwedischen Bündnis? Er hätte

König Ludwig immer für einen frommen Katholiken gehalten, versehe sich von

ihm nur Gutes für den Glauben, werde ihn ermahnen. Ein Bündnis mit Spanien

und Habsburg? Nein; er kämpfe so wenig gegen Habsburg wie gegen

Frankreich. Geldunterstützung? Er hätte kein Geld. „Genug; weiter kein Wort.

Ihr seid als Kardinal hierher gekommen, ich habe genug von Euch als Gesandten

gehört; entwürdigt Euch nicht, raubt Euch nicht selbst kostbare Zeit.“ Sitzungen,

Feiern, Messen.

Und dann in seinem Rücken der ausbrechende Jubel des Adels auf dem

Kapitol: „Der Kaiserliche zieht ab! Gottes Rache! Gottes Rache! Gottes

Barmherzigkeit hat sie ihr Ziel nicht erreichen lassen. Jetzt werden sie Rom

nicht plündern.“

In Scham fuhr der große Lehrer Pazmany ab; der päpstliche Pomp begleitete

ihn eine Strecke. Scham und Erschütterung; es war erwiesen, daß die Kirche nicht einte. Die Fahrt ging ihm zu schnell, er wollte zwei Monate drei Monate

reisen. Und nach drei Monaten war nichts gebessert; er wollte schneller hin, alles

ablegen, sich in die Bücher verstecken. Die Schmach vor den Ketzern.

Wie ein feuersprühender Drache stand der unscheinbare kleine so freundliche

Eggenberg vor ihm: „Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen. Ich weiß, Ihr habt

getan, was ein Mensch tun kann. Dieser da in Rom hat nicht getan wie ein

Mensch. Das ist der Ruin. Das ist der Verrat am päpstlichen Stuhle. Wir in Not,

unser Land mit Millionen Katholiken, und an Politik gedacht! Wir am treusten

ihm anhängig, am reichsten der Kirche spendend, und er kann uns nicht

unterstützen, hat keine Waffen und kein Geld.“ Trauervoll besänftigte ihn

Pazmany; Eggenberg wurde bitterer, stand vernichtet. „Dies heißt, der Papst legt

uns Wallenstein auf. Befiehlt uns, selber Hand an uns zu legen. Ein niederer, o so

niederer falscher Zug. Das hat ihm Richelieu zugeflüstert; es ist so unmenschlich

schlau, ich weiß nichts dagegen. Sie haben wohl schon alles beredet mit dem

Friedländer, es läßt sich mit ihm leicht regieren. Sie werden sich täuschen. Wie

er über das Reich und über Habsburg fallen wird, so über den Papst und

Frankreich. Sie werden bereuen, was sie uns angetan haben. Daß sich die Waffe

nicht gegen sie wende, daß sich das Verbrechen gegen sie selber richte.“

Stundenlang sprach Pazmany auf seinen verstörten kleinen Freund ein, dann

Abschied mit verwirrten Worten, Hals über Kopf aus Wien; nach Ungarn.

Eggenberg zog sich mit Riemen am nächsten Tag vor Ferdinand, jeden Schritt

bezahlte er mit einem Entschluß. Wie Ferdinand ihn kommen sah, richtete er

sich mit demselben sonderbar gespannten Ausdruck aus dem Stuhl auf ihn,

hauchend: „Seht, seht, da kommt Ihr.“ „Nun, was werdet Ihr mir berichten.“

Eggenberg berichtete, Pazmany sei erzürnt zurückgekehrt aus Rom, wo er den

Papst gesprochen habe. Der Kaiser immer stehend: „Seht, er hat den Papst

gesprochen. Und der Papst, ja, was hat er gesagt?“ „Er hat nichts Schriftliches

mitgegeben. Hat auf einem Zettelchen sich drei Punkte notiert und das hat er

dem Kardinal vorgelesen.“ „So ist es. Dies hat er vorgelesen.“ „Es soll nicht

möglich sein mehr Geld zu steuern an uns wie jetzt; es ginge nicht an, den

französischen König scharf zu verwarnen oder an unsere Seite zu verweisen, und

uns anschließen könnte sich der Papst gar nicht.“ „Es ist nicht möglich Geld zu

steuern und sich mit mir zu verbünden.“ „Er kann den König Ludwig nicht

scharf verwarnen.“ „Seht Ihr! Seht Ihr!“

Fassungslos heulte der alte Eggenberg an seinem Kaiser, die Tränen liefen ihm

in die breitgezogenen Mundwinkel; er weinte, ohne das Gesicht abzuwenden,

wiegte in Schauder und Schmerz den Kopf hin und her. Gleichgültig spielte

Ferdinand mit seiner Schärpe, schlenkerte das Goldene Vließ. Als wenn es

nichts wäre, meinte er, Eggenberg möchte doch nicht weinen. „Weinen. Wer

wird weinen. Was im Leben alles geschieht. Sind wir denn verlassen? Was einem

begegnet.“

Und er gähnte, während sein Blick plötzlich, schielend abwich. Aufstehend

und blaß tiefsinnig an seinen Gamaschen heruntersehend rekelte er sich: „Das

war also diese Geschichte. Vom Papst. Man muß nicht alles tragisch nehmen.“

Legte heruntersteigend, munter schwatzend seinen Arm von rückwärts um

Eggenbergs Leib, zog ihn: „Ich weiß etwas. Wißt Ihr, wie spät es jetzt ist? Bald

vier. Es ist Schneewetter, daher diese Trübe. Kommt mit, mein Freund,

Schlittenfahren.“ Und er pfiff und sang: „Wer läßt sich Lasten auf die Schultern

legen, die er nicht mag.“ „Ich bin noch glücklich,“ lächelte abwesend verlegen,

plötzlich dunkel bestürzt der Rat, „daß Majestät es leicht nehmen.“ „Ach, wenn

Ihr wüßtet, was einem für Dinge über den Weg laufen.“

Ferdinand gähnte laut an der Tür, rollte seinen Rumpf plötzlich welk

zusammen. Er seufzte, aus sich klagevoll und irre heraus, sagte sanft etwas zu

sich selbst.

Verabschiedete sich schwärmerisch zärtlich, heiter gespannt, stolzierend wie

ein Schauspieler von seinem Besucher, dem er die Hände drückte und vor die

Brust klopfte.

Auf dem baumbestandenen Hradschin über der breitfließenden Moldau kauerte

der Böhme. Michna, der fette kurzatmige Riese, wie er ihn so sitzen sah, wollte

sich vor ihm retten; die friedländische Herrlichkeit war erloschen, er wollte sich

losreißen und fuhr nach Wien. Mit Wonne empfingen ihn die Herren; Abt Anton

schnurrte wie eine Katze um ihn; der würde sie vom Friedländer loskaufen. Wie

sich Michna zurechtmachte, einen Teil seiner Güter zu verkaufen, um sich am

Kaiserhofe mit Darlehen festzusetzen, traf ihn Wallensteins Schlag. Er hatte den

Böhmen für tot und abgetan gehalten, sein Platz schien ihm frei zu sein; da

sauste die Hand des andern gegen ihn. Die Güter waren verkauft, der größte Teil

seines Vermögens; ehe aber die neuen Besitzer zahlten und das Land

übernahmen, rückten Gewalt brauchend Wallensteiner, Musketiere und Kürisser,

die in Prag auf Kosten des Herzogs hausten, über den Boden, besetzten ihn,

ließen, einen unerhörten Rechtsbruch begehend, nicht davon, obwohl aus der

Kanzlei des böhmischen Gouverneurs Schreiben über Schreiben bei ihnen und

dem Herzog einliefen.

Michna, am Wiener Hofe tobend, glaubte leichtes Spiel gegen den

abgedankten General zu haben. Aber die Kriegsräte wollten unerwarteterweise

mit Maßnahmen nicht heran. Michna forderte Truppen, die Schweden zogen alle

auf sich. Die Räte legten sich darauf, den Herzog zu bitten, die Söldner

zurückzuziehen. Vom Hradschin herunter kam erst kein Bescheid und dann:

Wallenstein vermöge nichts über ausschreitende Kompagnien. Man mußte

biegen oder brechen; die Räte baten den Serben, die betrübliche Sache nicht

weiter zu verfolgen, er kenne die Notlage des Reiches, den Zerfall des Heeres;

schließlich: sie könnten nichts gegen den Herzog von Friedland unternehmen,

man könne es nicht wagen; ob sich denn versöhnlich nichts in der Sache machen

ließe. So sah sich Michna, im Begriff, ins Nest des Friedländers zu fliegen,

genötigt, mit ihm zu verhandeln.

Mußte zurück von Wien, mußte nach Prag, mußte, als Briefe und Kuriere

nicht angenommen wurden, auf den Hradschin und wurde auch nicht

angenommen. Jeder Tag verminderte seinen Reichtum, die Soldaten verpraßten

seine Habe, verschleuderten seine Geräte, trieben die Verwalter heraus. Eine

halbe Woche lang lief Michna im Hut durch die Gassen, stand besinnungslos in

seiner Stube, wartete an der Tür. Als er auf dem Hradschin empfangen wurde,

zählte Wallenstein, der leise sprach, die Silben, gab ihm einen Teil der Güter

wieder heraus, aber nur einen Teil. Auf einem Zettel hatte der Herzog vor sich

ein Verzeichnis der freigegebenen Güter; Michna, seufzend und ohne Gedanken,

tastete nach der Feder, um das Verzeichnis durch seine Unterschrift

anzuerkennen. Er blieb in Prag.

Der Vorfall lockte den gewaltigen de Witte in die Stube des

niedergeschlagenen Mannes. Mit stummer Neugier und Kopfschütteln hörte er

die Einzelheiten; man müsse vorsichtig sein, warnte er, aus dem Ereignis ginge

hervor, daß der Herzog das Spiel nicht verloren gebe und daß man sich in Wien

vor ihm fürchte. Auf der Hut müsse man sein, es werde von allen Seiten gesagt,

der Herzog plane etwas. Michna möge sich aufrichten; es sei im Reich noch

immer der Friedländer, durch den man zu Besitz komme; er lächelte: „Der

Schlüssel zu allen Schränken.“ Mit breitem grämlichen Mund Michna: „Ich mag

nicht mehr.“

Der Herzog wartete auf dem Hradschin. Spielerische höfliche huldvolle Briefe

des Habsburgers kamen an; die Kuriere wurden verschwenderisch belohnt, die

Briefe mit immer größerem Behagen gelesen. Auf dem Schloß stellte sich

häufiger der Schwager aus dem Hause der Trzka von Lipa ein, der Graf Adam

Erdmann, ein fröhlicher blondbärtiger Mensch, der einen kollernden Baß sprach,

im Tanz seine süße Maximiliane herumführte, mit ihrer Schwester, der Frau des

Herzogs, ein sanftes Getue Kosen und Lärmen trieb. Der Herzog sah es gern, er

liebte seinen Schwager. Die böhmischen Vettern, die den Herzog aufhetzen

wollten, die Rebellion in Böhmen zu organisieren, half der Trzka lustig verjagen.

Nicht aus dem Hause nach Dimerkur, seinem Sitz, wollte ihn der leidende

Friedländer lassen; auch die Herzogin bat ihn zu bleiben.

In eine sonderbare Verfassung war Wallenstein geraten. Er alterte furchtbar.

Sein hartes Gesicht war mit Runzeln übersät. Die Haare über den Ohren wurden

weiß, standen in Büscheln ab, die Augenhöhlen waren zu weit für die kleinen

Augäpfel, ganz im Grunde lagen sie da hinter ihren Häuten, im Begriff, völlig in

den Kopf zu schlüpfen. Die Breitenfelder Affäre war in dem kritischen

Augenblick über ihn gestürzt, als er mit de Witte plante, nach Hamburg zu

gehen, seine gesamten böhmischen Liegenschaften zu verkaufen, von dieser

Ecke des Reiches zusammen mit den Hansastädten, vielleicht dem sehr still

gewordenen Dänen Christian etwas zu unternehmen. Der Kurier, der die

Breitenfelder Nachricht brachte, sah — er glaubte wie alle, dem Herzog etwas

Freudiges zu melden — bestürzt den verabschiedeten Generalissimus, der im

herbstlichen Gartenhaus neben Trzka auf einer Bank saß und mit Muscheln vor

sich warf, tief erblassen, die dünnen Lippen sich öffnen. Die scharfen Äuglein

irrten zitternd von Lidwinkel zu Lidwinkel, wichen schielend auseinander;

sachte rutschte der lange Oberkörper die Lehne herunter über die Bank, hing mit

baumelnden Armen zum Parkett herunter.

Nach einer Stunde stand Friedland, torkelte am Arm des Trzka vor den

Bogenfenstern seines Pfeilersaales auf und ab, schob den Kiefer vor, kaute

gräßlich: „Er ist mir zuvorgekommen, der dicke Schwede. Ich habe es mir gedacht. Hat den Tilly zerschlagen. Er kommt über den Kaiser. Sie sind wehrlos.

Für den Schweden hab’ ich gearbeitet, für das Großmaul aus Upsala.“ Er spie,

fuchtelte höhnend, mordsüchtig mit der Faust: „Aber der Tilly. Der gute Alte.

Gute Alte. Der Spaniole. Gedachte mich zu beerben. Beim heiligen Blut Jesu,

ich hätte ihn gern verenden sehen. Der Schwede wird glauben, er könne

kommen, das Reich liege da, es warte nur auf ihn. Wo steht der Schwede. Du

mußt hin zu ihm, zu Arnim. Ich bin noch nicht tot.“

Krächzend, laut brüllend, jammernd: „Zottel nicht herum. Setz’ mich ab. Wo

der Schwede steht. Mich schlägt er selber tot. Wie lange sind wir noch in

Böhmen. Wir sind ja wehrlos. An jedem Tag rückt das Vieh vorwärts; und ich

kann mich nicht regen.“ Wimmernd von Wut betäubt ließ er sich auf seiner

Fensterbank gegen die Rückenlehne schieben: „Mit mir ist es aus für alle Welt.

Der lutherische Lump, nun hat er sich den Augenblick ausgesucht, schluckt den

Braten. Du wirst sehen, er schluckt ihn. Mich mit.“ Er suchte mit seiner

schüttelnden schlagenden Hand in den Taschen seines grünseidenen Schlafrocks,

ein Papier knisterte: „Der Ferdinand. Mich hat er beschwichtigen wollen, damit

ich ihm nichts tue. Nun kommt der andere. Dem schreibt er keine Briefe. Ich —

ich — ich kann nicht denken.“ Er wollte verzerrt lachen, wieder wurden seine

Lippen weiß. Trzka hielt ihn fest, schrie nach Wein. Sie trugen ihn auf seine

Schlafkammer.

Nach Zuziehung des Rittmeisters Neumann besprachen sie sich in die Nacht

hinein. Da kam heraus, daß der Friedländer durch verschwiegene Leute längst

mit dem Schweden angebunden hatte; der Herzog hatte um eine Zahl

Regimenter nach Böhmen gebeten, wollte mit dem Schweden gemeinsam über

den Kaiser fallen; der Schwede hatte heimtückisch die Sache hingezogen; wie

sich gar Johann Georg mit seinen sächsischen Regimentern anschloß, schwieg

sich der Satan ganz aus. Der Herzog ballte die Fäuste auf der Decke: „Er hat

mich betölpeln wollen und hat’s getan. Glaubt jetzt sein Spiel gewonnen. Der

Tilly hat mit der Schlacht seinen Ruhm und Ehre verloren. Ich nicht minder,

wenn ich mich nicht rühre.“

Frühmorgens war der verschüchterte Kurier in Trzkas Kammer geschlichen,

bat um Urlaub; seine Schlafkammer lag über der des Herzogs, er hatte die ganze

Nacht gehört, wie der Friedländer ihn schmähte, ihm die Pestilenz anwünschte.

Das Gebrüll war erst vor einer Stunde verstummt.

Hinter dem Kurier war schon der Reisewagen Trzkas angefahren. An den

Toren trennten sie sich; der Graf galoppierte mit seinen vier Pferden auf Tod und

Leben nach Norden. Im Wagen neben ihm saß ein armseliger glutäugiger

Schächer in einen Winkel gedrückt, eine federlose Pelzkappe auf dem struppigen

Tschechenhaar, Jarosla Raschin, Exulant, einer der Geheimboten Wallensteins an den Schweden, der unter Lebensgefahr aus Sachsen verkleidet zum Herzog

drang. Hinter Teplitz nahmen sie Pferde, ritten über das Gebirge durch die

nebligen Tage. Allein schlug sich Raschin weiter, rief den Arnim, jetzt

sächsischen Feldmarschall, nach Chemnitz.

Ob, fragte Graf Trzka, Arnim den Herzog zu Friedland hasse oder bereit wäre,

mit ihm über Dinge des Gemeinwohls zu verhandeln. Dann: ob der

Feldmarschall bereit wäre, augenblicklich und gänzlich ohne Zögern zum

Besuch des Herzogs zu Friedland auf Schloß Raudnitz, zwischen Pardubitz und

Prag, aufzubrechen. Die leidenschaftliche Dringlichkeit der beiden Männer

bestimmte den Arnim, Wagen und Pferde mit ihnen gemeinsam zu bestellen. So

überfallen war er von der Plötzlichkeit ihres Verlangens, daß er erst hinter

Chemnitz den Befehl an seinen Leutnant abgab und in einem unsicheren

Vorgefühl schriftlich anordnete mit jeder erdenklichen Deutlichkeit, nichts und

gar nichts von den Anordnungen des schwedischen Hauptquartiers

durchzuführen, das ihm nicht zu Gesicht gekommen wäre. Dann saß der

Uckermärker unter den Massen der Schafpelze zwischen den beiden, ließ sich

gebirgwärts rasen, dachte mit zunehmender Bedrücktheit an seine Lage. In ihm

schwang frisch angestoßen ein heftiges Gefühl der Anhänglichkeit an den

einsamen Herzog. Sein Herzog rief ihn, sie hatten sich seit den glückshohen

Augenblicken nicht gesehen, wo Friedland ihn nach Polen schickte. Der große

Friedland brauchte ihn; beschämt und fast gequält machte er den Weg über das

Gebirge. Wallenstein war noch nicht auf Raudnitz, als sie ankamen. Der

Marschall nahm einen Gaul; mit Raschin traf er den Herzog in der langsamen

Sänfte auf der Landstraße. Ein wehes Stechen in der Kehle und hinter dem

Brustbein fühlte der Marschall beim Anblick seines alten Herrn; der winkte aus

der Sänfte, lachte ihn verrunzelt an, den Kopf hervorstreckend, wünschte ihm

gurgelnd Glück zu den neuen Ereignissen: „Ich wollte doch teil daran haben,

darum ließ ich Euch bitten.“ Und er kollerte in seiner alten verschmitzten Weise.

In seiner schon geheizten teppichbeladenen Schlafkammer stieg Wallenstein

am spanischen Rohr rastlos herum. Vor Arnim stand ein Tischchen mit Wein.

Der lange Herzog: „Es weiß niemand, daß ich von Prag abgereist bin. Mein Arzt

sitzt in meiner Stube. Sie glauben, ich bin krank, ich liege im Bett. Ich habe

lange genug im Bett gelegen. Findet Ihr nicht auch, Arnim? Ist eine herrliche

Zeit jetzt. Ein prächtiger Mann, Euer Schwede. Bringt Wind in die Welt.“

Flüsternd: „Und er hat ihn am Schopf. Der Tilly ist gelaufen. Ihr seid tapfere

Kerle. Hat mich gefreut. Ihr wollt mich gar rächen an ihnen. Muß mich

bedanken.“ Arnim, um seine Erregung zu verbergen, berichtete Lobendes von

Gustaf Adolf. Ein stechender Blick Wallensteins.

Als er schweigend rasch das Zimmer durchstiegen war: „Er hat Euch auch im Sack, Arnim? — Wir wollen Ruhe schaffen in Deutschland. Macht der Metzelei

ein Ende. Der Augenblick ist günstig, ich wollte Euch das sagen. Ihr dürft nichts

versäumen. Und Ihr dürft Euch nicht vom Schweden mißbrauchen lassen. Mich

freut, daß Ihr beim Kursachsen in Gunst steht. Denkt daran, daß Ihr auch mir ein

Teilchen davon verdankt. Es heißt jetzt kurz und gründlich handeln. Nach rechts

und links entschlossen sein. Das wollt’ ich Euch sagen.“ Nachdem er Arnim über

seine Pläne ausgeforscht hatte, brachte er hervor: der Kaiser und die Liga seien

in größter Schnelle vor ein Ultimatum zu stellen; Friede oder völlige Niederlage

mit gnadenlosen Bedingungen. Er verlangte zum Erschrecken Arnims von ihm

den Einmarsch in Böhmen. Gab sehr genaue Zahlen über die Truppen des sehr

wenig aufmerksamen Marradas, der jetzt in Böhmen kommandierte; der

sächsische Einmarsch werde das Signal des böhmischen Aufstandes sein, der

Kaiser umklammert. Er stand vor Arnim, der sich auch erhoben hatte. Redete

stoßweise dicht am Gesicht des andern, die Augen niedergeschlagen, mit dem

Knöchel des Zeigefingers auf den Tisch klopfend. Nur beim Abschied blickte er

lange scharf seinen ehemaligen Untergebenen an. Der hatte leidend zugehört;

unverhüllter schmerzvoller Rachedurst schien sich vor ihm zu entblößen. Die

Angaben Wallensteins über Böhmen, er kannte die Zahlen ungefähr, waren

wahr; der Herzog setzte bei dem geforderten Einmarsch seine eigenen riesigen

Güter aufs Spiel. In einer Mischung von Besorgnis Erregung Freude Verwirrung

reiste er ab mit Raschin, der ihn leidenschaftlich auszuforschen suchte: „Ist es

soweit?“ Es war die Frage, die täglich von den böhmischen Vertriebenen im

Hauptquartier gestellt wurde.

Friedland und Trzka rasselten trompetenblasend in den Hof des verschneiten

Palastes auf dem Hradschin. Seine liebe anlaufende Herzensfreundin begrüßte

mit Küssen der glückliche leicht gedämpfte Trzka. Den Herzog selber faßte die

weiche Elisabeth bei den Händen, führte ihn umfassend und vorsichtig in den

Flur. Wie sie alle schauerten unter seiner wilden kalten Stimme. Sie hatten sie

viele Monate nicht gehört. Mit wem gingen sie da, wer führte die weiche

Herzogin an den Händen. Wer hinkte da und erzählte lachend von der

erfreulichen Begegnung mit seinem alten Arnim. Die Herzogin ließ die Hände

los, aber nur für einen Augenblick, dann zog sich ihr Herz in einer beseligenden

Erinnerung zusammen: wie sie, das höfische Fräulein, vor langen Jahren zum

erstenmal unter dieser Stimme gebebt hatte und dann diesem als Unmenschen

verschrienen Böhmen verfallen war, der durch sie, wie man warnte, nur

Hofbeziehungen suchte. Zaghaft nahm sie die Hände wieder, die sie küßte. Sie

hörte wonnevoll und demütig die schnarrende metallische Stimme an. Und

schon an der Tür zu seinem Empfangszimmer drehte sich der Herzog, seinen

Pelz abwerfend, zu Trzka und seinen Begleitern um, beugte sich schief herunter, listig ihnen zuflüsternd: das Schäkern hätte nun bald ein Ende in diesem schönen

Schloß; sie müßten mit allen sieben Sachen wandern, eher heute als morgen;

trara, bläst der Postillon, und wer sagt, wohin es geht. Und zu der rasch erblaßten

Elisabeth: aber sie führe diesmal mit, er stürbe ihr auch nicht so leicht weg, wie

sie fürchte; sie müßten ja fliehen, ob sie’s nicht wüßten; vor wem doch?

Zu aller Schrecken befahl er in der Tat noch am Abend, und der ernste straffe

Rittmeister Neumann verbreitete sehr geheim den Befehl, zu packen, was man

Wertes und Wichtiges besäße. Die weitere Dienerschaft wurde nicht

Weiter: Teil 4 von 5