Wallenstein: Zweiter Band
Fünftes Buch Schweden
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.
katholischen Glauben schmähte, er, der Kriegsmann, den es anwiderte, daß der
andere kein ehrlicher Krieger war. Er sehnte sich, ihn zu beseitigen, drängte
heftig vor. Nie hatte er, in keiner früheren Schlacht, solch heftiges Verlangen
gehabt, seinen Gegner zu schlagen. Wie er einfältig nach Wien berichtete: dies
sei kein rechter Feind. Genoß die Freude, seinem Herzensdrang ungesäumt
nachzugeben.
Die Höhen nördlich Breitenfeld bezog er unter Trommelschlag und
klingendem Spiel mit seinen Massen. Sechzehn Regimenter zu Fuß, sechzehn zu
Pferd zog er hinauf. Der Schwede und Sachse kamen an.
Sie konnten nicht rasch genug ihr Blut mischen.
Von morgens neun bis mittags vier wurden achttausend zu Leichnamen aus
Tillys Soldaten, fünftausend aus den schwedischen und sächsischen gemacht.
Unter den schweren Kürissern zerriß sich vor Kriegswut Gustaf Adolf, sein
ungeheurer Gaul mochte ihn tragen wohin er wollte. Ihm war die Welt
versunken. „Gott mit uns“, schrie er automatisch, sein Schwert raste, hatte teil an
seiner Bestimmung. Das Leben der Leichen stieg stürmisch in ihn über, machte
sein Gehirn trübe und trunken, dehnte ihn zum Klagen und Platzen. Er prustete
im Schlachten, wieherte wie ein Hengst. Sein Schwert kämmte, er kämmte die
Kaiserlichen, war ein Barbier. „Gott mit uns“, brüllte er. Die Leben blühten ihm
erstickend zu, er konnte sich ihrer nicht erwehren, es war zuviel. Kanonenkugeln
sausten über ihm; eine fegte ihm den weißen Hut mit der dicken grauen Feder
ab; er atmete tief den Luftzug, der mit ihr kam; wenn bald wieder einer käme.
Sie schlachteten sich mit großer List ab, suchten sich den Wind abzufangen,
um den andern vom Staub blenden zu lassen. Als ein einziger mächtiger Klotz
auf spanische Art gefügt, stand Tillys Heer da, das Treffen zehn Glieder tief,
gespalten in sehr große tiefe Vierecke. Der Feind kam an, Livländer Kurländer
Finnen Schweden Sachsen, den Wind im Gesicht, den breiten Loberbach
überschreitend, sein Gestrüpp durchbrechend, bewegliche Brigaden, auf den
Flügeln Reiter mit Musketieren wechselnd. Seine Kavallerie sprengte drei
Reihen hoch, schoß, wie sie das Weiße im Auge sah, zwei Salven, zog den
Degen.
Tillysche Regimenter gaben eine Salve ab. Die Sachsen warfen das
Hasenpanier auf, Fahnen und Geschütze lassend. Tobend sprangen die
Kaiserlichen in die Lücke, drehten die sächsischen Kanonen um auf die
schwedischen Regimenter. Die klammerten sich an den aufgerissenen Boden,
massierten sich dichter von Minute zu Minute.
Und wie ein Trompeter nach langem Ziehen aus tiefster Brust einen endlosen
schmetternden Schrei von sich gibt, der sich wie eine Schwalbe in den Wolken
verliert, so stießen die Schweden aus vierundfünfzig Geschützen eine Feuerwoge
über die Deutschen, eine viertel Stunde, eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei
Stunden, die Luft anfüllend mit Fünfpfündern Zehnpfündern, anwachsend und
nicht nachgebend mit halben Kartaunen, stampfend stampfend mit ganzen
Kartaunen. Wie eine Mauer, im Fundament erschüttert, brach lange an sich
haltend schwer das deutsche Heer über das Schlachtfeld hin. Stürzte die Reiterei,
wurde begraben das Geschütz, das Fußvolk.
Auf die rieselnde staubende menschenstreuende Flucht nahm Regiment
Kronberg den verlorenen Brabanter mit. Das Morden in ihrem Rücken ging
weiter. Sie hörten den frenetischen König im Dunkel Viktoria auf dem Felde schießen. Er schrie schweißtriefend, halb besinnungslos lachend, nach allen
Seiten winkend: „Gott ist lutherisch geworden, Gott ist lutherisch geworden.“
Tote wurden in der hereinfallenden Nacht weit und breit gesät, die Schweden
blieben an der Arbeit.
Tilly floh, floh, tat nichts als fliehen.
Hinterher marschierten die Regimenter Starrschädel schwarzgelb, Löser
rotweiß, Klitzing blauweiß, Arnim rotschwarz, Schwalbach rotgelb, Ställhanske,
Wunsch, Tott, Westgotland, Smaland, Ostgotland.
Als von den Wiesen und vom See her weiße Nebelschwaden unter den
Brücken gegen die Stadt zu schwammen, die östlichen Straßenzüge Mantuas
durchwanderten, stieg fröstelnd der Kaiser, weißgekleidet aus dem Wagen, um
an die Häuser zu treten. An der Karmeliterkirche, bei der Brücke Sankt Giorgio,
wo sie als Mädchen die erste Kommunion empfangen hatte, wollte ihn die
Kaiserin in ihrem Wagen erwarten. Die voranreitenden Hatschiere suchten unter
den Ruinen; an einer abschüssigen Gasse sah man unten einen Wagenzug, Reiter
voraus, sechsspännige kaiserliche Wagen, Türen geschlossen. Die Hatschiere
Ferdinands gaben den kaiserlichen Trompetenruf; die Türen blieben geschlossen.
Langsam wanderte Ferdinand die verödete morastige Gasse herunter; wie er den
ersten Wagenschlag öffnete, schluchzte es drin. Er hatte es erwartet, setzte sich
neben Eleonore.
Die Tiere zogen an; sanft sagte er, die Schulter der Schwarzverschleierten
umfassend: „Bei den Karmeliterinnen habe ich dich gesucht. Aber du konntest
wohl das Kloster nicht finden.“ „Hast du es gefunden?“ kam nach langem leisen
Weinen unter dem Schleier hervor. „Die Stadt sieht schlimm aus, Eleonore. Was
ist dies für ein Glück Krieg führen. Dein Vetter hätte es besser gehabt, wenn er
zugegriffen hätte bei meinem Friedensantrag. Nun liegt alles verderbt da; er muß
die Franzosen bitten, seine Schulden zu bezahlen.“ „Mir ist an meinem Vetter
nichts gelegen. Du hast Frieden mit ihm gemacht; warum ist Mantua nicht
geschont worden.“ „Er kam meinen Generalen zu spät, Eleonore, mit seiner
Nachgiebigkeit.“ „Und ich? Und ich? Warum hast du mir das angetan?“ „Weine
nicht. Ich will dir alles wieder aufbauen.“ „Ich will es nicht. Es ist geschehen.
Du hast es getan. Es nützt nichts mehr. Es ist geschehen.“ Er blieb still: „Wie
sollte es anders kommen. Ich konnte es nicht mehr aufhalten.“ „Du hattest es in
der Hand, doch und dennoch. Du hast in Regensburg deinen Feldherrn entlassen,
es lag bei dir.“ „Ihm ist kein Unrecht geschehen; Nevers hat kindisch gehandelt,
er wollte mit mir spielen, ich war es meinem Amt schuldig, Eleonore, nicht nachzugeben.“ „Deinem Amt? Nein dir, dir. Und mir? Mir bist du nichts
schuldig. Mir wird meine Heimat zerschlagen, wie man eine Ketzerstadt
zerschlägt, wie man Magdeburg zerschlagen hat.“ „Auch in Magdeburg haben
Frauen und Kinder geweint. Ich hab’ es vorher gewußt.“ Sie hatte ihren Schleier
zurückgeworfen, ein weißglühendes Gesicht bot sie ihm, der Wagen hatte
angezogen, sie fuhren langsam über Schutt. Dicht saß sie an ihm, beide Hände
an ihren Schläfen, flüsternd: „Versteh mich doch recht, Ferdinand. Wenn in
Magdeburg die Frauen weinen und du dennoch befohlen hast, die Stadt zu
verwüsten, — ich fasse es nicht. Und wenn die Frauen weinen, meinetwegen,
sag’, es sind beliebige Frauen. Aber ich, Mantua, sieh doch, Mantua, wohin du
mit mir reist.“ „Ich muß trauern, mein Kind, gewiß, mit dir. Um diese schöne
Stadt und für dich.“ Sie stierte ihm lange ohne Verständnis in die ruhigen
wehmütigen Augen; sagte dann zögernd: „Weißt du, Ferdinand, böse sein von
Natur ist ein Unglück, der Mensch ist wohl dann wehrlos gegen seine Mitgift.
Aber wie du, böse sein wollen, wissen daß man böse ist, das ist mehr als schlecht
und sündhaft.“ „Wie ist es dann?“ „Grausig, du fragst noch? Das willst du auch
wissen? Ekelhaft. Ich hab’s gesagt.“
Ihre Augen brannten gegen ihn, sie riß den Schleier wieder herunter. Sie
fuhren schweigend in einem Nebelmeer. Er fing an: „So ist mein Amt, so bin ich
durch mein Amt geworden. Es gab einmal eine Zeit, wo ich dich in jedem Punkt
verstanden hätte, als ich diesen Wallenstein nach Ungarn hinter den Mansfeld
geschickt hatte und mir Schandtaten gemeldet wurden. Damals wollte ich ihn
wegschicken. Er bot es selbst an, meine Zweifel erschienen ihm komisch. Alle
Räte widersprachen mir, die frommen Patres. Ich habe mich gewöhnt daran. Jetzt
kenne ich nichts anderes.“
Beim Kloster der Ursulinerinnen vor der Stadt hielten sie im Nebel. Nach
einer Weile stiegen sie aus. Durch ein Seitentor traten sie in die Kapelle. Der
langgedehnte dunkle Raum, schwankendes Licht von brennenden Kerzen am
Altar vor aufblinkenden bunten Bildern. Seitlich von oben tönte eine männliche
tiefe Stimme. Die Nonnen kniend, kopfgebeugt, Reihe hinter Reihe.
„Ihr fühlt, es graut euch, ihr seid ausgestoßen, weil ihr Weiber seid. Ja, ihr
ängstigt euch, der Fluch liege auf euch. Der Teufel treibt sein Spiel mit euch;
gegen wen Satanas am grimmigsten seine Zähne fletscht, dem hält er ein Weib
vor; so wäre es das beste, man rotte das ganze weibliche Geschlecht auf einmal
aus.
O, verzagt nicht, christliche Schwestern, o gedenket, daß ihr Menschen seid.
Gedenket dessen, der für uns alle am Kreuze hing.
Seine Mutter war Maria. Ja, Jesus hatte eine Mutter. Stündlich seht ihr
Christum, den Herrn, am Kreuze hängen, seht seinen klagenden Mund, seine
brechenden Augen, ihr weint über die Löcher, die in seine heiligen Glieder
gerissen sind, ihr seht den strömenden Blutquell aus seiner Seite, mit dem er die
Welt begleiten kann.
Ihr seht Jesum hängen.
Maria habt ihr nicht gesehen.
Es ist nicht ihr Bild, das glückselige Lächeln der Mutter, die Hingestrecktheit
vor dem Kreuze, der Graus, die Erstarrung unter dem, was ihrem Sohn geschah.
Die goldenen Haare, die wonnigen Lippen, die Brust, mit der sie ihn einmal
stillte, die Arme, mit denen sie ihn einlullte, der Schoß, in dem sie ihn trug, die
Füße, auf denen sie mit ihm herumwandelte. Maria habt ihr nie gesehen.
Sie hing nicht am Kreuze wie ihr Sohn. Ehe ihr Sohn geboren war, war sie fast
vernichtet worden, hatte sie schon alles durcherlebt. Allen Schmerz, den ihr
Sohn grausend und zu unserm Heil durchfühlen mußte, hatte sie vorgefühlt.
Denn in ihres Leibes Fleisch fraß die Liebe Gottes, die zehrende, zerreißende,
schmelzende. Gottes Liebe zu Maria ist nicht wie das Blatt einer Rose, das über
ein Gesicht fällt und streifend einen Duft hinterläßt, unter dem sich die Augen
glückselig betäubt schließen. Es ist kein Flötenhauch, Sommerfaden vor dem Wind. Wen Gott berührt, der weiß nur, was Sterben heißt. Bitter, so bitter voller
tötender Stacheln ist seine Wonne. Wen Gott berührt, der weiß nicht, daß dies die
Berührung Gottes ist. Er kennt keine Beruhigung. Wer so empfangen wird, dem
kann nur Tod und Ewigkeit mitgegeben sein auf seinen Weg und kann nicht
lange auf dieser Erde verweilen. Als Gott Maria berührte, wurde für Jesu das
Kreuz aufgerichtet. Er ist der Sohn seiner Mutter; das Entsetzen der Menschheit
aus der Berührung mit Gott trug er mit sich in sein Leben und in unser Dasein.
Siedendes Berühren von Feuer und Wasser; sein Leben nichts als ein Rauch, eine
schmerzensreiche Flucht aufwärts.
Maria!
Maria! Mutter Christi!
Laßt sie uns lobpreisen. Von allen Frauen sie die erwählte, von allen
Menschen die erwählte, unsere Fürsprecherin beim ewigen Thron, unsere
Besinnung, unsere Befreiung, Befriedigung, Beseelung. Himmlisch war sie, zu
unserem Glück, daß sie Gottes Blick auf sich zog, sie das Wunder der Welt. Der
Wein ihres Bräutigams, seine seufzerquellende Traube. Maria! Du Schönste, du
Süßeste, du Herrlichste, Gottes erschlossener Garten. Der Wohllaut der Erde.
Aus ihrem Körper quillt alle Stärke, ihre Adern dehnen sich aus und senken
sich in unser Herz, in das Herz der Erde, wie Wurzeln. Das Lebende, Sonne und
Gestirne zieht sie an sich. Ihr Herz drängt sich hoch, uns zu tragen, alle,
Schwestern euch, Brüder uns. Ihr Leib wälzt und wühlt sich. Ihre Füße zittern
und schlagen wie ein Frost unter ihren Kleidern. Sie blutet, sie gebiert unser
Glück.
Laßt uns weinen, liebe Schwestern, weinen und beten zu Maria. Laßt uns auf
sie hoffen und uns freuen.“
Durch das Bistum Brixen, über Lienz, Judenburg kehrte der Kaiser langsam
nach Wien zurück. In der Hofburg begannen die Empfänge; Adlige und Stände
wollten den zurückgekehrten Kaiser begrüßen.
Man machte einen ungeheuren Saal für sie auf. Wer auf die glatte
weitquadrierte Fläche hinblickte von der Tür, wurde hilflos, Schwindel erfaßte
ihn. Die Decke war ein Urwald von Quadraten, Rechtecken, Achtecken, Balken
um Balken, schwarze, überwuchert von Bildern, die über ihren Rahmen
hinausgriffen, über die halbe Decke fluteten, plötzlich abrissen. Und dicht unter
der Decke, an den Pfeilern, der von zwanzig Fenstern aufgerissenen
Längswandungen spießten Hirschgeweihe hervor, Pfeiler um Pfeiler gekrönt von
ungeheuren Hirschköpfen, wild herausblickend aus gemaltem Rankenwerk von
Blättern, Blumen, Ästen, oft noch Tierbeine auf die Wand aufgesetzt. Riesige
Tafelbilder von den Wänden herunter, die Stirn nach vorn senkend, knapp über
dem Boden aufgestellt. Aus dem niedrigen Prunktor der Schmalwand, das von steinerngrauen lanzentragenden Römern bewacht wurde, über dem sich bis zum
Plafond ein wimmelndes Schlachtengemälde auswirkte in greller Buntheit, aus
dieser dunklen engen Spannung quoll der farbige Hofstaat.
Auf der purpurbezogenen Thronbank unter dem goldenen glatten
Holzbaldachin saßen hutbedeckt nebeneinander Kaiser und Kaiserin. Helles
weißes Morgenlicht aus den zwanzig Bogenfenstern. Da kamen über den
Parkettboden die Männer und Weiber angeschritten, die schloßentstiegene
fröhliche Erdenherrlichkeit. Sie schritten wie bei einer Hochzeit zum Fackeltanz,
die schmuckreichen Paare, wehende Bärte, schaukelnde Röcke. Ein Balken über
dem Tore, durch den Aufbau eines silbernen Ritters Georg, von Löwen
besprungen, geteilt; abwechselnd klangen Stimmen von einer Seite, bliesen aus
langen goldenen Posaunen von der anderen Seite rotgekleidete Männer herunter.
Die weitröckigen seidenbeschuhten Damen, Kornähren im Haar der blonden
lachenden Gestalten. Stolze nackenbiegende Köpfe, zähneentblößend, Hälse von
Ketten umspielt, gedeckt die Schultern von Hermelin, die fleischstrotzenden
Arme nackt, offen im breiten Ausschnitt die geschwellten Brüste wiegend. Die
Knie langsam fügsam wechselnd unter den fließenden Atlasvorhängen,
Schleppen hinter sich lassend, wie Hündinnen ihren Geruch. Die weißen Arme,
peitschen- und zügelgewöhnt, schleppten rafften die Masse der Kleiderpracht.
Auf dem Postament der starken Schenkel trugen sich biegsam mit der
Posaunenmusik die feinhäutigen gepflegten duftgebadeten Leiber, in denen sich
bewegte wie in einem Zauberkessel das verwöhnte begierige Herz, die
tiefatmenden Lungen, der weinsüchtige Magen, der lange weiße Darm gesättigt
und gestopft mit Pasteten, Pfirsichen, gebratenen Kramtsvögeln, die heißen
kostbaren Verstecke und Wege der Zeugung. Die Augen, die offen sind für
prunkende Bilder Maskeraden Schlittenfahrten, pürschende Hunde, Tänze in
gedrängten Sälen, die Münder, die befehlen beten küssen, Lieder singen, Ohren,
die offen sind für glückliche Worte. In Atlaskleidern, gebändigt von weißen
sinkenden Armen. Das kniewiegende stolze Chaos heranschreitend, das der
Sonne, der Luft, den Blumen, Gewittern trotzt.
Gebückt auf der Purpurbank sitzend, den graubärtigen Mund leicht geöffnet,
empfing der Kaiser ihren Anblick, warf ihnen Hände entgegen. Sein Kopf
versank zwischen den hochgedrängten Schultern, der hohe weiße
Hermelinkragen schob sich über den Nacken und hinter die Ohren herauf. Seine
Beine breit nebeneinander gestellt schoben seinen Körper hoch. Er wand die
manschettengeschmückten Arme aus dem schweren Thronmantel. Sie rauschten
sicher an ihm vorbei, ihre starken lächelnden Leiber beugten sie vor ihm, er
schwang stumm, wie er ihnen entgegenstrahlte als einer glücklichen
Selbstverständlichkeit, beide Arme seitlich zu der herrischen trauervollen Frau neben ihm, als wenn er sagte: Nicht mir. Sie lächelte, und als wenn sie sich an
der schmetternden stoßenden Musik und der herangeführten Menschenpracht
wärmten, verdunkelten sich ihre Augen und schwammen in Feuchtigkeit.
Immer erneut die festen Münder zum Essen Trinken Beten Singen,
knierauschende Atlaskleider, von weißen bloßen Armen gebändigt, ohne Scham
auf den wandernden Postamenten das begierige Herz, der weinsüchtige Magen.
Die goldenen Posaunen bliesen, das Tageslicht verfinsterte sich unter Wolken, es
wurde in dem ungeheuer durchschrittenen Saal keinen Augenblick bemerkt.
Die Kaiserin, von blauem Samt lose umflossen, an ihrem goldenen Brustkreuz
spielend, saß auf einem überdeckten Balkon die Füße auf eine niedrige Bank
ausgestreckt. Die stumpfgesichtige Gräfin Kollonitsch, vollbusig milde, lehnte
sich über das marmorne Balkongitter, einen Arm um das Bein einer Amourette,
blickte freudig und erschöpft in das grüne Blättergewühl des Parkes trällernd:
„Wem siehst du nach?“ fragte die Kaiserin. „Ich? Wem sah ich nach? Ich sah in
die Bäume.“ „Wer läuft da? Ich höre doch jemand laufen.“ „Im Park, Lore?“ „Ja,
wo denn. Wer läuft da?“ Die Gräfin noch in Atlas, dunkle Nelken in dem
hochfrisierten Haar, gegen den Stuhl der Kaiserin, die sich auf dem linken
Ellenbogen hochstemmte, sah zu ihr fragend herunter.
Wie die sich ganz aufgerichtet hatte, gespannt nach dem Park hinhorchend,
klang von unten ein unsicheres Scharren, absatzweise, als riebe jemand an einem
Baume, als fiele ein Ast, glitte einer vorsichtig über Sand. Im Nu war die
Kaiserin auf den Füßen. Blick, Mienen, Hände rasten: „Hörst du nicht, wer ist
da. Da unten geht einer.“ Die junge Kollonitsch wich ängstlich gegen die
Balkontür, die Kaiserin scharf herunteräugend, wo nur grüner Park und
Kieswege waren, sprang zurück, suchte an der Gräfin: „Was hast du da. Hast du
keinen Stein oder ein Messer.“ Sie lief in das Zimmer, die Gräfin wollte zur Tür,
die Wache rufen, die Kaiserin hielt sie mit wildem Ausdruck fest: „Ganz still.“
Riß eine Pike, ein kleines Handbeil von der Wand; die Pike ließ sie neben sich
fallen, mit dem Beil stürzte sie an das Balkongitter, nach kurzem Suchen
schleuderte sie die angehobene aufblitzende Waffe zwischen die Bäume. Horchte
herunter; als alles still blieb, lief sie an der sprachlos stehenden Gräfin vorbei
wieder in das Zimmer, zerrte die Pike hinter sich, keuchte, suchte den riesigen
Schaft auf das Gitter zu ziehen.
Und als er da oben lag, keuchte sie sich hochrot: „Komm hilf.“ Die kam
langsam an, faßte, immer die Kaiserin anblickend, den Schaft mit an. Einen
Moment streifte die Kaiserin ihr bewegungsloses fragendes Gesicht mit einem
Blick, blieb dann an ihrem Gesicht hängen, Hand an Hand mit ihr den Schaft
haltend. Sie sahen sich an.
Die Kollonitsch fragte bittend, leise: „Was machen wir?“ Die andere schob noch an dem Schaft, suchte unten zwischen den Blättern, heftete sich ruhig an
die ratlosen Mienen der Gräfin, ließ mürrisch, verlegen, noch fliegend von der
Stange: „Sieh, wer da unten ist.“ Die Gräfin stand steif: „Es kann doch niemand
in deinem Park sein.“ Lange sah die Kaiserin, leicht am ganzen Körper zitternd,
vom Balkon herunter; dann sich zurückwendend: „Denk, wenn das ein Mensch
gewesen wäre, wäre er tot.“ Die Kollonitsch schleifte die Stange ins Zimmer;
wie sie bei der anderen stand, sich die Handteller rieb, hauchte sie: „Es ist ja
keiner unten gewesen.“ „Laß mich, laß mich“, wehrte die Kaiserin ab, die sich
heftiger zitternd und sehr blaß, seufzend auf ihren Sessel fallen ließ, um ihre
Fußbank bat. Sie wiederholte mit grellen Blicken gegen den Balkon: „Denk, ich
hätte ihn umgebracht, wenn es ein Mensch gewesen wäre.“
Nach kurzem Besinnen setzte sich die schwarze Kollonitsch, die Schleppe
heraufwerfend, neben sie: „Aber ich habe ganz vergessen, dich nach dem
Empfang zu fragen. Es waren so viele, weil wir dich trösten wollten. Und nun
sag’, hat es dich erfreut.“ „Ihr seid freundlich und lieb. — Was war das eben
nur? Verstehst du es. Ich hab’ mich erschreckt, nicht wahr?“ „Ich hab’ mich
selbst erschreckt, Leonore. Es war nichts. Also: es hat dich erfreut.“ „Eins aber
sag’ ich dir, Angelika,“ damit beugte sich die Kaiserin vor, drehte den Kopf,
runzelte drohend die Stirn, „ich habe nichts dazu getan, wenn es einen getroffen
hätte. Ich habe mich erschreckt, und — wie sonderbar, ich bin eine Frau und
kam auf den Einfall, ihn totzuschlagen.“ Sie zitterte wieder heftiger, ihr Kleid
raschelte.
„Es war herrlich, wie der Chor sang.“ Die Kaiserin schüttelte den Kopf,
träumte mit wandernden Augen: „Ja, Angelika.“ Später: „Ich bin besessen,
Angelika, ich fürchte mich. Sag es nicht weiter. Wenn es der Bamberger Bischof
erfährt, der Philipp Adolf, macht er einen Hexenbrand aus mir. Lache nicht. Wie
ist es möglich?“
Sie nahm, als die Kollonitsch gegangen war, gedankenlos den kleinen Spiegel
vom Tisch. In einem sechseckigen Elfenbeinrahmen stand er; ihn umgaben
Menschen, Männer und Frauen, nacktleibig sich um seine geschliffene Randung
hebend, schwimmend gegen die Höhe, auf der der Weltenrichter Christus thronte
mit dem Schwerte, angebetet kniefällig von zwei Gestalten. Ohne sich zu sehen,
hielt sie ihn vor ihr Gesicht; dann erblickte sie sich, bedeckte den Spiegel mit der
Hand: „Wie kann ich ihn verwünschen, wenn ich selber so bin. Ich bin vom
Teufel besessen. Ich bin’s. Er ist in mich gefahren und hat mich.“
Aus Halberstadt am vierten Tag nach der Schlacht machte sich der blasse deutsche Leutnant Regenspurger mit einem Brief des verwundeten frommen
Generals auf. Wurde in Wien sogleich vor den Fürsten Eggenberg geführt. Die
Girlanden wanden sich am Plafond des langen rechteckigen Raumes in dem
Kerzenlicht; dem jungen Reiter, der zu erzählen anfing, träufelten die Tränen aus
den Augen. Der alte Fürst behielt ihn bei sich. In vollster Bestürzung bat er seine
Freunde Trautmannsdorf und den Abt Anton zu sich. Sie fanden ihn, als sie nach
Stunden eintrafen, noch auf demselben Stuhl sitzen, auf dem er den Leutnant
angehört hatte, grau im Gesicht, vergrämt das Kinn aufstützend. Er sei, gab er
kopfschüttelnd von sich, keines Gedankens mächtig, sie möchten selber lesen,
was des Feldmarschalls Tilly Liebden geschrieben habe von der Schlacht mit
dem König aus Schweden.
Und während sie lasen, jammerte er, er könne nicht denken, er werde gehen,
er müsse sich zurückziehen vom Hofe. Im seidenen blauen Schlafrock schlürfte
er über den Teppich; sie sprachen unter sich; er saß da, spielte mit seinen kalten
blauen Händen, hörte nicht zu und plötzlich blickte er sie kläglich nacheinander
an, horchte, was sie redeten, als wenn er sein Urteil erwarte.
Der bucklige Graf sezierte mitleidlos, die Augen klein kneifend: jetzt könne
jedenfalls das Reich auseinanderfallen, auch mit den Kurfürsten; man hätte sich
ja vorher gefürchtet, ohne sie zu bestehen. Der Fürst wandte sich fast
verzweifelnd an den Abt, der ihn traurig ansah: aber er hätte ja gerade die
Kurfürsten gewählt, weil sie ihm sicher schienen für das Reich, sicherer als der
Friedländer. Trautmannsdorf schob frostig die Arme aneinander, beschnüffelte
den Brief: man habe sich eben getäuscht, getäuscht, getäuscht. „Was nun?“
flehte der Fürst. Abt Anton strich ihm die Hände, Trautmannsdorf blieb dabei,
die Hauptsache sei, zunächst zu sehen, daß man sich getäuscht habe. Eggenberg
winselte: „Was wollt Ihr von mir. Ihr wißt, wie ich mich dem Erzhause und
Kaiserhause gewidmet habe, wie ich es gemeint habe mit dem Kaiser von seiner
Jugend auf. Ich habe mich getäuscht, Ihr hättet es verhindern können. Rettung,
seid gnädig, Trautmannsdorf.“ Anton stellte sich hinter den Fürsten, sanft
sprechend neben seinem Ohr: „Ihr tut ihm ja Unrecht, Fürst. Er will Euch nicht
quälen, er will nur Klarheit. Ihr kennt ihn doch.“ Trautmannsdorf: „Schlüsse zu
ziehen aus der Situation ist ganz überflüssig. Man braucht nur die
Ausgangsdaten nebeneinander zu stellen, so ergeben sich die Schlüsse von
selbst.“ Angstvoll hing Eggenberg an seinem ruhigen Gesicht, drängend: „Wie
also?“ Der Graf trommelte nervös, er wolle seine Weisheiten schon dem Fürsten
nicht aufdrängen, geschweige denn die Trivialitäten. „Was denn, was denn?“
bettelte der Fürst. Auf den vorwurfsvollen Blick Antons wurde der Graf
herzlicher, sprach leise, las mit ihnen den Brief noch einmal durch und erklärte:
einrenken sei die richtige Behandlung. Wenn man ein Glied, mit dem man bisher gut gegangen sei, ausgerenkt habe, in der Hoffnung noch besser zu gehen, nun,
so renke man es wieder ein, wenn man den Schaden bemerke. Der Fürst war
aber viel zu verwirrt. Er verfiel in ein verzweifeltes Selbstanklagen, man mußte
ihn beruhigen, dann beteuerte er wieder seine Unschuld.
Tags drauf empfing ihn der Kaiser; der Leutnant Regenspurger war zur
Audienz geladen, erstattete zaghaft seinen Bericht. Milde erkundigte sich
Ferdinand nach seinen Eltern und wo er in der Schlacht gefochten habe, sprach
seine Freude aus daß er entronnen sei. Er ließ seinen Obersthofmeister rufen:
man möchte den Leutnant bei Hof gut unterhalten, ihm hundert Taler zum Dank
für seine Meldung verabfolgen, und der Leutnant möchte sich vor seiner Abreise
noch melden.
Dann, allein mit dem Fürsten, der noch kaum gesprochen hatte, betrachtete
der Kaiser lange seinen unglücklichen alten Freund. Was in ihn gefahren sei, wie
er aussehe, ob er sich wieder krank fühle; er hätte sich dann hinlegen mögen;
warum habe er sich in diesem Zustand bemüht. Eggenberg nach langem
Schlucken gab nach, stürzte dem Kaiser, der vor seiner Schreibkommode stand,
zu Füßen, weinte schluckte und schnarchte hilflos. Verwundert trat Ferdinand
zurück: was er denn wollte. Dann stammelte Eggenberg, der jede Haltung
verloren hatte, um Verzeihung. Ja, wofür, ob er die Schlacht bei Breitenfeld
gegen den schrecklichen Ketzer verloren hätte; ob sich sein lieber alter
Eggenberg einbilde, der liebe Gott zu sein, der alles füge; und schließlich, „wir
müssen uns fügen und nachdenken, wie alles zusammenhängt.“ Der kleine Fürst
stand mit blutrotem Gesicht auf; Ferdinand lächelte, wie er an seinen
Spitzenmanschetten zupfte, nähertretend: aber krank sehe Eggenberg aus und er
sei doch damals beim Regensburger Tag nicht folgsam genug in Istrien
geblieben. Eggenberg hauchte aufblickend: er hätte nicht ruhen können aus
Sorge um das kaiserliche Haus.
Der Kaiser, dem Geläut von Sankt Stefan lauschend, setzte sich auf seinen
breiten Stuhl, einen Abtstuhl, dunkles Buchsholz, über Armlehnen,
Rückenlehnen, braune stille Figuren, die sich gegen Hand und Nacken des
Sitzenden bewegten, faltenwerfende Männer, betende Frauen, singende
haarflechtende Mädchen. Frauen mit Säuglingen an der Brust, segnende
stabgestützte Bischöfe. Er hätte es sich gedacht, gab er von sich, sie drängten
ihn, drängten ihn, wollten die Gewalt in ihren Händen haben und nachher
könnten sie sie nicht meistern. Nun stünden sie da wie arme Sünder und es sei
ihnen kläglich ums Herz.
Ferdinand hatte die Knie übereinandergelegt, seine Hand befühlte einen
Säugling, der am Bein der Mutter herunterrutschte. Am meisten jammere ihn
sein Vetter Maximilian, der stolze Mann; ein unerbittlicher Feind stünde nicht weit vor seinen Grenzen. Daß man sich nicht niederdrücken lasse von dem
Zufall, daß man dem Bayern gleich ausreichende Hilfe gewähre. „Wir sind
ungerüstet, Kaiserliche Majestät; wir wissen jetzt nicht, wie uns unserer Haut
wehren.“
„Schreibt ihm, er solle unbesorgt sein. Wenn er sich fürchtet um seinen Vater,
solle er ihn herschicken zu mir. Sie sollen bei mir als Gäste wohnen.“
„Majestät, wir wissen nicht, wie wir uns unserer eigenen Haut wehren. Der
König aus Schweden rückt mit einer so furchtbaren Macht heran; die
Kurfürstliche Gnaden von Sachsen hat sich ihm angeschlossen. Tillys und unsere
eigenen Truppen sind auf der Flucht.“
„Bewahre Gott, lieber Eggenberg, Ihr wäret jetzt auf meinem Platz. So wäre
das Erzhaus verloren. Seid doch wieder munter; listenreicher Odysseus. Wie seid
Ihr gedrückt, Eggenberg. Warum?“
Der bewegte seine zittrigen Arme nach vorne, ließ sie fallen; freundlich
winkte der Kaiser ab, sich die Augen bedeckend: „Laßt, lieber Freund. Was ist
die Lage leicht für uns. Friedland ist als Freund von uns geschieden. Die Fürsten
werden ihren Widerspruch gegen ihn aufgeben. Wir können uns alle auf ihn
verlassen, er war schon schwereren Lagen als jetzt gewachsen.“
Und so, leicht und beruhigend sprach der Kaiser, der sich wohlig schwer
zurücklegte, daß Eggenberg den Eindruck hatte, die Sache ginge ihm nicht nah,
ginge ihn nichts an. Mit weißlichhellen Augen blickte Ferdinand leicht zerstreut
auf den kleinen Geheimrat, in den Raum hinein, seitlich auf die
bernsteinbesetzten Fächer seines Schreibkabinetts.
Ferdinand brachte seine irrenden Blicke einen Augenblick zur Ruhe, heftete
sie weich auf das ängstliche fragende Geschöpf, das ihn liebte: „Eggenberg,
treuer Eggenberg, was seid Ihr verstört. Hat Euch der Regenspurger solche
Furcht gemacht. Geht hin zum Friedländer. Er ist unser Schwert. Nehmt es nur
wieder.“ Vergnügt fuhr er fort: „Ich weiß zwar nicht, ob er jetzt zarter zugreift
als die vergangenen Jahre. Auch wird er sich einen guten Lohn im Reich holen.
Dafür ist er unser alter werter Friedländer. Holt ihn nur. Er soll wieder kommen.
Er wird sich freuen, daß es ohne ihn nicht gegangen ist.“
Und als der alte Mann sich verneigte, verabschiedete er ihn zwischen Summen
und Pfeifen, sich tiefer zwischen die faltenwerfenden Männer, die betenden
Frauen, singenden Mädchen drängend.
Ohne Mantel Hut Wehrgehenk kam abends Ferdinand der Mantuanerin an der
Tür seiner Antikamera entgegen; man schloß die Türen. Eleonore raffte ihr
goldfarbenes Kleid vorn, drückte ihn, auf ihn rauschend, auf die Fensterbank,
drückte auf seine Schultern mit den Füßen, das Gesicht an seine stopplige Wange
reibend: „Tu mir das nicht an. Nimm ihn nicht. Ich will es nicht haben.“ Dann: „Willst du mich ermorden, nimm ihn. Was hast du es auf mich abgesehen?“
Dann: „Ich laß es nicht zu. Niemals, niemals. Und wenn ich dich wieder und
ganz verlassen sollte.“ Das Gesicht von ihm entfernend, ihn anstierend: „Mann,
du, wer bist du, daß du das alles anhörst. Daß du hier so sitzt. Vor mir. Nein, ich
laß es nicht zu. Ich siedle mich auf den Trümmern von Mantua an. Bei den
Ursulinerinnen, und zeige der Welt: so geht es einem Weib, einer Ehefrau, der
angetrauten Frau des deutschen Kaisers.“ Er ließ sie gewähren, zog sie an der
Hüfte neben sich, an ihrer langen Perlenkette spielten seine Finger, leise
begütigte er: „Du warst schon in Regensburg so wild. Ich muß überall
herumgehen und trösten. Ich hatte noch nie soviel gutzumachen und zu
besänftigen wie jetzt. Eben erst unseren guten Eggenberg.“ Und er ging zum
Nachtmahl. Sie begleitete ihn nicht.
Hinterher schmauste und pokulierte er im langen spanischen Saal, wo die
ganze Wand quadratisch gefeldert war und aus jedem Holzquadrat ein
Fürstenbildnis des Pietro Rosa aus Brescia herblickte. Sechzig Fürsten blickten
in der Runde, wie Ferdinand, zwischen seinen lustigen Kämmerern, Offizieren,
Gästen Bären Tannenzapfen, Windmühlen Lastwagen Schiffe als Trinkgeschirre
vor sich anfahren ließ und sie im Kreise fuhren; wie man Hund und Katze
zusammen ans Bein eines fetten Schweins band, das der Kaiser mit seinem
goldenen Degen durch den Raum jagte. Ein Affe, brauner kurzschwänziger, saß
in der Mitte der Tafel, trank in Kannen, stieß sie im Sprung um. Der Kaiser war
alle Abende von gleichmäßiger unbeweglicher Heiterkeit.
An Maximilians Hofe hielt man ein kleines mißwachsenes menschliches
Geschöpf als Narren, ein Wesen von einer unglaublichen Gefräßigkeit. Meist
lungerte er um die Küchen Keller Tafeln Bankette, — wie er sagte, den Mist
prüfen, auf dem sein Spargel wuchs. Er verabscheute ehrlich die Fresser und
Saufer, sie hatten mit ihm nichts zu tun. Bäuche von Schweinen, Kälberknorpel,
der schön gedämpfte und gepfefferte Rindermagen bedeutete ihm mehr als
Leibesfüllung. Wie ein Pferd beim Klingen der Musik ins Tänzeln gerät, so
bewegte sich sein schlaffaltiges blaurotes altes Gesicht, sein Herz belebte sich,
seine Hände griffen zum Gabelrapier, wenn die würzigen Gerüche in sein
Näslein zogen.
Er ging den Speisen wie ein Kämpfer entgegen. Mit seiner Beute hockte er
sich beiseite hin, hielt sie wie einen noch nicht bezwungenen Widersacher unter
sich. Er liebte es, daß man ihn allein ließ, ihm nicht zusah. Knurrte wie ein Hund
beim Essen. Lang ließ er die dicke wulstige Zunge über die Zähne hängen, die Hände hoben die Speise, der Mund schnappte ihr entgegen. Wenn die Vertilgung
der Speisen vor sich ging, die Soßen wie Blut aus den Mundwinkeln rannen, fing
das Schnalzen Schmatzen Knacken Knuspern Reißen Schlürfen Knirschen an.
Hier wurde nicht gefressen und geschlungen, sondern völlig vernichtet und
restlos einverleibt. Und dies war der Vorgang, der ihn berauschte. Er konnte es
nicht unterlassen, wüste Bemerkungen dabei auszustoßen, obwohl er bisweilen
halbtot dafür geschlagen wurde; er lästerte von dem neuen besseren Meßopfer,
das er vollzog, jetzt werde er Kalb mit dem Kalb, Schwein mit dem Schwein,
Fisch, Kapaun. Er vollziehe das Meßopfer nicht zum Himmel herauf, sondern
nach unten herunter. Rachedürstige Äußerungen stieß er aus, ihnen die frommen
Gedanken zu besudeln, widerstandlos von der Inbrunst des Wütens und Wühlens
geschleudert. Und so empfing er bisweilen, wenn er böse gelaunt war,
irgendwelchen Edlen vor der Kirche oder der Neuen Kapelle, würdevoll
gespreizt einen Rinderknochen mit einem Fähnlein auf seinem Spieß vor ihnen
tragend, wie ein Chorknabe Räucherbecken oder Kruzifix, keifend, näselnd:
„Auf zum Gebet vor dem Rehbraten. Auf zum Speikübel und Nachttopf. Auf,
meine lieben Herren, lasset nicht nach, nicht nach im Eifer. Gehet in euch!“
An diesen Tagen waren die Herren und Damen an der Tafel sehr empfindlich
gegen Lärm, man mochte ihn nicht hören. Der Zwerg wurde unter dem Tisch aus
seinem Winkel hervorgezogen; wie schlaftrunken hing er, kauend speichelnd
stöhnend knurrend, in den Händen der Pagen, die ihn schüttelten. Er schlug um
sich, wußte, daß er nicht wie ein Hund knacken und knirschen sollte. Gestäupt
und wieder eingelassen schleppte sich das gebückte klingelnde Mißgeschöpf an
den Tafeln entlang in seine Ecke, bald schweigend in Wut, bald die Tische mit
einem Wust von Giftigkeiten überquasend, ruckweise anhaltend, unter seinem
Asthma keuchend, beschämend mit Zoten und Unflat die jungen Hansen und
Pagen, die wartenden Kämmerer.
„Er tut es gern, das Knirschen, er tut es gern,“ schrie triumphierend der
jesuitische Beichtvater, nach hinten blickend auf ihn, wie er vorbeigetrieben
wurde. Mit Abscheu sah der Zwerg, wie die Herren vor den vollen Schüsseln
speisten, sanft gedankenlos die erlesenen Gerichte in die Münder steckten, sich
leise unterhielten, der Musik lauschten. Der Verrat an den Speisen; die Lumpen
vor diesem Braten. Er taumelte vor die Tür. Der seidenbehängte
Oberstkämmerer wandte sich angewidert über seinen Teller.
In den Grottenhof der Residenz wurde am Nachmittag der Zwerg geführt. Da
ging eben hinaus der alte langbärtige Angermeyer, Elfenbeinschreiner, traurigen
Gesichts; einen ganzen Tisch mit Elfenbeinmustern trugen ihm zwei Gehilfen
nach. Zwischen ausgebreiteten Kartons und Wandteppichen stand inmitten des
blumigen Hofes der üppige schwarzlockige Hans von der Biest, Maler; Maximilian hörte ihm nicht zu. Neben dem Kurfürsten, der im knappen
spanischen Kostüm am Springbrunnbecken saß, stützte sich der junge Kuttner,
der Rat, auf den silbernen Kavalierdegen, sein Gesicht zuckte. „Ich will mich
ekeln“, spielte Maximilian mit dem Messer; der Maler zog sich auf Kuttners
Handbewegungen unter stolzen Verbeugungen zurück.
„Kuttner, der Arzt hat mir befohlen, ich soll mich ekeln. Das helfe mir am
raschsten.“ „Ich weiß, Kurfürstliche Gnaden. Das ist der Narr.“ „Fang an“, stieß
Maximilian hervor. „Was soll ich?“ schrie der angetriebene Narr bleich. „Fang
an, Bärenhäuter.“ „Was soll ich anfangen?“ „Willst du anfangen, Schelm!“ „Was
schimpft Ihr mich Schelm, Schuft, Bärenhäuter. Reißt doch Euer Maul selbst auf
und sagt was Ihr wollt.“ Müd drehte Maximilian den Kopf zur Seite leise:
„Sprecht Ihr mit ihm, Kuttner. Macht es kurz.“ Kuttner, der feine junge Mensch,
stolz, französisch, elegant, ging, den Degen in der Hand, auf den Narren mit den
weiten Nasenlöchern los, wispernd: „Mach’ deine Späße, Hund; du weißt, wozu
du da bist.“ „Der Hund, wozu der da ist? Zum Fressen, du geleckter Welsche.“
„Du, du bist Narr, weißt nicht, was du zu tun hast.“ Kuttner schwenkte zornig die
Klinge; er kam aus Paris, lebte wenig am Hof, wußte nicht, was die Künste des
Geschöpfes waren. Der Kurfürst blickte beiden stier und erbittert zu; so
apathisch war er, daß er nicht imstande war zu sprechen: „Fang an, fängst du
an!“
Von der Terrasse stieg ein zahmer Storch mit seinen hohen roten Stelzen
feierlich näher, von Zeit zu Zeit wuchtig in den sumpfigen Boden hackend; er
ging dem Wasserlauf nach, der zu dem Springbrunnen führte. Kuttner begann in
seiner Ohnmacht den Zwerg mit der flachen Klinge zu prügeln. Maximilian, die
Fäuste ballend, verfolgte die Szene. Der Zwerg sprang erbost unter dem Hageln
der Hiebe herum. „Friß. Er soll fressen“, schrie Maximilian. Der Zwerg machte
sich heulend los: „Was soll ich fressen? Was soll ich fressen? Bringt mich nicht
um.“ Unter den steifen Blicken Maximilians, den in den Sand spritzenden
Schlägen Kuttners stürzte er sich kreischend, verzweifelt die Arme aufwerfend,
in den Saal vor dem Becken.
Und da kam mit gravitätischem Schritt der langbeinige Schnabelträger her.
Wie der Zwerg das Geräusch hörte, zuckte er zusammen. In Todesangst kroch er
hoch und nun warf er sich auf den Storch. Er war nicht höher als die Beine des
Vogels waren. Mit den Armen packte er nach der Brust des Tiers, das krächzend
flügelschlagend zurückwich, sich schüttelte, sogleich gegen das kleine Wesen
losging. Es hieb wie ein Drescher mit dem Schnabel auf den Zwerg herunter, der
ungeschützt einen Hieb dicht unter dem Hals empfing. Seine Kappe zerriß, er
knickte auf die Knie; schien aber sonst nichts zu bemerken. Nur auf die
federbesetzte Brust des großen Vogels starrte er, schon hing er mit beiden umschlingenden Armen an seinem Hals, der sich wand, drehte, sich zu entziehen
versuchte. Seine Beine zappelten unten, das starke Tier stand krächzend
krächzend einen Augenblick, bis es vornüber sank. Der Narr wälzte sich mit dem
Storch im Sand. Sein Gesicht war nicht zu sehen, es war in die Brust des
schreienden fast menschlich kreischenden Tieres vergraben. Er spie Federn,
kaute und biß an der zähen Haut, dem krampfhaft zuckenden Fleisch; sein
eigenes Blut lief unter ihn; das Tierblut leckte und schlürfte er. Und nun, noch
eben in der Angst der Degenhiebe, vergaß er, wer hinter ihm stand, wer auf dem
Stuhl sitzend vornübergebeugt mit langgezogenem Gesicht ihm zusah; er fing an
seine Kiefern zu bewegen und erst mit Widerwillen, dann mit wilder
Besessenheit zu fressen, zu vernichten, das zuckende schreiende Tier zu
vernichten. Der Storch auf der Seite liegend suchte wie ein gefallenes Pferd den
Hals reckend mit den Beinen ausschlagend hochzukommen. Das schwere
Gewicht des malmenden Zwerges zerrte ihn herunter. Wie der Vogel einen hellen
durchdringenden Trompetenschrei ausstieß, verlangte der Kurfürst, daß Kuttner,
der seitwärts schielend dastand, mit seinem Degen spielte, den Zwerg abrisse.
Kuttner bückte sich herangehend, packte den Zwerg am Rücken. Der verbissen
ließ das Tier nicht los. Als Kuttner ruckartig an dem Geschöpf zog, ließ der
Zwerg die Arme vom Hals des Tieres los, aber in gräßlicher Weise hing er mit
dem Gesicht wie verwachsen im roten klebrigen Sudel an der Brust des Vogels;
rechts und links lief und spritzte hellrotes Blut den Boden. Mit einem Fluch
klemmte der Kavalier seinen Degen zwischen die Beine, laut hörbar wurde das
brünstige Mahlen, Knurren, Schlürfen, Schlucken des Zwerges, der mit den
Armen wieder versuchte, nach dem Hals des Vogels zu hangeln; der Storch hielt
den Hals senkrecht über ihn, entsetzliche Hiebe mit dem Schnabel fuhren
blitzschnell auf die Waden und Rücken des Mörders, dazwischen die
schrecklichen hohen Schreie. Kuttner griff zu, die Beine des Menschen packte
er, ein Zug, er schwang den Zwerg um sich, ließ ihn ins Beet absausen. Der
Vogel schwankte mitgerissen, krächzte, stand im Augenblick auf den Beinen,
von oben troff das Blut, flügelschlagend macht er kehrt, taumelte davon. Aus
dem Blut kam der grauenvoll beschmierte Zwergenkopf hervor; Wutgeheul,
Tränen. Der Kurfürst ging rasch an ihm vorbei; er nahm Kuttners Degen, stieg
ausspeiend auf das Beet zurück, spießte senkrecht von oben stechend den
anstrebenden Zwerg mit dem rechten Oberschenkel am Boden an.
In der Kunstkammer vor einer kostbaren Truhe, Stuckrelief mit
keulenschwingenden Kentauren, die vergeblich andrangen gegen die sanfte
Menschengruppe der Gerechtigkeit Weisheit Stärke Mäßigkeit, standen sich
Maximilian und Kuttner im Halbdunkel eines Pfeilers gegenüber. Maximilian
hieß ihn sich seinen Degen holen; der Zwerg zeterte noch. Als Kuttner mit der blutigen Klinge wiederkehrte, saß der Kurfürst nahe einem Fenster. Sie hörten
dem sich entfernenden Gejammer zu. In der Stille schüttelte sich der auf der
Truhe, Maximilian: „So sollte mein Arzt schreien.“ Stieß ein hitziges Lachen
aus, seine Augen blitzten erregt. „Wißt Ihr, Kuttner, was heute für ein Tag ist?“
„Michaelstag, Durchlaucht.“ „Sankt Michael. Das ist der Schirmherr der
Deutschen. Wir haben eben gut gekämpft; er wird uns loben.“ Maximilian lachte
sanfter und erschöpft. Kuttner bog seinen frauenhaften weichen Leib vor, hob
die langfingrigen Hände vor die spitzenbesetzte Brust: „Der Narr war ein Vieh,
Euer Durchlaucht. Wo gibt es so etwas in der Welt.“ „Wir haben beide tapfer
gefochten. Sankt Michael hat im Lande Moab dem Satan die Leiche Moses
abgerungen. So habt Ihr gerungen. Ich bin matt, Kuttner, und fühle mich besser.“
Der lächelte verbindlich, schwieg. „Ihr seid mir der liebste Mensch am Hofe,
Kuttner; Euch vertraue ich wie fast keinem.“ Plötzlich hob, nach einigem
Suchen, Maximilian leidenschaftlich die Arme, hauchte aufflammend: „Kuttner,
was soll geschehen!“ Er zog den anderen an der Hand zu sich herunter: „Ich bin
verloren. Ich —“ Er stammelte. „Vor dem wüstesten Menschen der Erde liege
ich, vor diesem Goten. Er wird sich eine Freude daraus machen, mich zu
beschimpfen. Heiland, mein Heiland, wohin sind wir geraten.“ Der Fürst schien
vor einem Tränenausbruch, jammernd und zähnekrachend sah er zu Kuttner auf.
Verlegen wich der mit den Augen aus; es gäbe himmlischen Schutz für
Deutschland. „Sagt mir das noch einmal, Kuttner. Ihr seid soviel jünger als ich.
Wenn es keinen himmlischen Schutz für uns gibt: ich sehe keine Rettung. Ich
hab’ mich übernommen. Es war zuviel für mich. Setzt Euch neben mich. Habt
keine Scheu. Laßt mich an Euch anlehnen. Ich habe keine Frau, keinen Freund.
Mein Vater ist krank. Ich will mich aussprechen, Ihr werdet mich nicht verraten.
Regensburg ist mir nicht geschenkt worden. Ich bin wie ein Lump, der alles
verwettet hat. Ich kann nur greinen.“ Nun weinte er wirklich, Kuttners Schulter
umfassend.
Der hatte seine Scheu rasch überwunden; er kannte die Krankhaftigkeit des
Kurfürsten, gab nach: „Was soll dies für ein Michaelstag in Deutschland sein,
wo Eure Durchlaucht zerknirscht ist. Wir geben nicht nach, der Satan wird
unserer nicht Herr werden und wenn er sich mit den ledernen Kanonen der
Finnen und allen schwedischen Neuigkeiten bewaffnet.“ „Mir wär’ wohl,
Kuttner, ich hätte diesen Tag nicht erlebt. Wie hab’ ich mich hoch über meinen
Vater gefühlt, der mir das Land hat abgeben müssen, weil es fast ruiniert war.
Aber ich! Aber ich! Seht hin, nein, seht nicht hin. Sehe keiner hin. Es ist ein
Grauen. Wir haben den Krieg über die Pfalz und Böhmen getragen; es hat uns
nichts ausgemacht die brennenden Dörfer, die Leichen auf den Straßen haben
uns eine Freude gemacht, wir sind als Sieger durchgezogen. Was haben wir gesehen. Wir waren Sieger. Kuttner, jetzt soll Bayern, mein Land, für das wir
gesorgt und gegeizt haben, alles dulden. Ich hab’ mich lästern lassen als
Geizkragen und schlechten Filz; seht hin, wie alles gediehen ist, wie alles prangt
und wohl ist. Für dies Land hab’ ich alles eingesetzt, mich selbst mit, mein Haus,
die Ehre meines Namens, den Ruhm der vergangenen Geschlechter. Wißt Ihr,
was nun kommen wird, wer das ist. Ein dicker roher plumper Mann, der die
lutherischen Schimpfworte vom Morgen bis Abend wie einen Wohlgeschmack
im Mund führt. In unseren reinen reichen Kirchen wird er sich wälzen wie ein
Schwein. Meine gehegten geliebten Städte, o Ihr kennt sie ja, er wird drin
herumschnüffeln, Feuer wird er auf sie werfen, arm wird er sie erpressen. Ich
werde nicht da sein, ich werde irgendwo mit dem Hof sitzen. O ich will nicht.
Ihr Menschen, was ist über mich verhängt. Wie hab’ ich das versündigt.“ Den
jungen Gesandten hatte er losgelassen, sein Kopf hing seitlich über der Brust, er
schluchzte, stammelte.
Kuttner kniete vor ihm, streichelte sein Knie: „Sprecht nicht so laut, gnädiger
Herr; man könnte Euch hören. Seht doch mich an, hebt Euren Kopf, wo ich bin.
Ich bin Euer Gesandter in Paris. Erinnert Euch des Königs Ludwig. Laßt Eure
Seele nicht so im Sumpf. König Ludwig will Euch wohl, er braucht Euch. Graf
Tilly ist bei Leipzig nicht vernichtet. Der Schwede wird aufgehalten werden.“
„Das glaubst du, Kuttner? Freu’ dich. Ich bin schon halb auf der Flucht. Ich
jammere schon und beklage meine armen Münchener, die frommen Klöster, die
ganze Herrlichkeit. Es gibt keine Rettung.“ „Man rechnet in Paris auf Eure
Durchlaucht. Man hofft, Ihr werdet den Augenblick verstehen.“ „Was ist,
Kuttner.“ „Ihr seid kein Freund Habsburgs, glaubt man zu wissen, und sicher
kein Freund Spaniens, weil es Euch die Pfalz mißgönnt. Man meint in Paris, Ihr
werdet nach dem Leipziger Schlage begreifen, worum es sich dreht. Ihr werdet
irgendwie mit dem Schweden paktieren. Frankreich hat es schon getan.“ Der
Kurfürst wischte sich das Gesicht; abgewandt bat er: „Setz’ dich neben mich,
Kuttner. Knie nicht da. Erzähle.“ „Ich hab’ Euch nur zu melden: der Pater Joseph
sagte mir, als die Nachricht von Breitenfeld einlief: ich sollte verhindern, daß
mein kurfürstlicher Herr sich von diesem Unglück getroffen fühlt. Das
kaiserliche Heer sei geschlagen. Es sei eine Warnung über den Regensburger
Weg hinauszugehen — nach Wien; ein Wink für Eure Kurfürstliche
Durchlaucht, nicht mit der falschen Partei zu halten.“ „Ich bin nicht geschlagen,
ich bin nicht geschlagen.“ „Vielmehr meinte der so gelehrte und weltkundige
Pater: Ihr hättet sozusagen einen Vorteil errungen. Ihr hättet es in der Hand, den
Kaiser wissen zu lassen, wie es steht und wie Ihr es auffaßt. Schließlich habt Ihr
nicht Pommern und Niedersachsen zu verteidigen. Die Liga ist nicht gegründet,
um Pommern zu befreien.“ Mit gezwungenem Lächeln betrachtete Maximilian ihn von der Seite: „Du, lieber Kuttner, meinst, ich bin nicht besiegt. Es wird alles
wieder gut.“ „Kurfürstliche Gnaden, Eure Stunde kommt. Ich spreche, was mir
der Kardinal und der Pater oft eindringlich nahegelegt haben: Ihr solltet Mut
haben. Der Kaiser ist gerichtet. Alle deutschen Stände wenden sich nach den
friedländischen Untaten, die er begünstigt hat, von ihm ab. Greift zu. Jetzt seid
Ihr in Notwehr. Es geht um Euer Land und Euer edles Haus.“ „Was hat Richelieu
gesagt?“ „Stellt Euch dem Schweden nicht in den Weg. Haltet es wie der
allerchristlichste König: begünstigt ihn und sucht Euren Vorteil. Frankreich rät
Euch das. Es rät Euch das, weil Ihr sein Bundesgenosse, sein natürlicher
Bundesgenosse im Kampf gegen Habsburg seid. Frankreich hat einen Vorteil
von Euch; es wird Euch nicht Schlechtes raten.“
Maximilian, den Arm auf der Schulter des schlanken Jünglings, blieb still,
sein Gesicht wurde länger, seine Nase rümpfte sich, leise: „Glaubst du, daß er
den Storch umgebracht hat?“ Leicht verwirrt Kuttner: „Sehr tief war die Wunde
nicht.“ „Ein ekler Mensch. Laß dich doch ansehen. Das ist also ein Mensch, der
mich nicht aufgibt. Ich muß mich wohl an dich halten. Und wie hat Richelieu
gemeint, Kuttner, besänftige ich den Schweden am besten?“ „Besänftigen,
Durchlaucht — ich rede mit aller Offenheit, die Ihr erlaubt —, es ist ja nicht
nötig. Wer, glaubt Ihr, sei der Schwede. Ich habe mir viel von ihm erzählen
lassen. Er rechnet wie Ihr und ich. Er hat seinen Haß wie ein dummer
Lutheraner, aber das verwirrt seine Rechnung nicht. Zuerst Eure Liga aus dem
Spiel: seid gewiß, Ihr braucht ihn nicht mehr mit Worten zu besänftigen.“ „Daß
ich so wie von einem Fall gelähmt bin. Mir liegt — ich habe ein dumpfes Gefühl
— eine ziehende Angst in den Knochen. Bin ich nicht in einem wilden
gräßlichen Traum, der mich nicht losläßt.“ „Also hätte Eure Durchlaucht nur
darüber anzuordnen: wie sich Graf Tilly verhalten soll. Befehlt ihm, Waffenruhe
anzubieten.“ „Ich wäre nicht besiegt, ich wäre nicht geschlagen, meint
Richelieu.“ „Ein Entschluß hilft Eurer Durchlaucht.“ „Es ist nicht denkbar. Mein
Arm, meine Knochen.“ „Die Lage hat sich zu Euren Gunsten gewandt; Ihr könnt
eine entscheidende Rolle spielen.“ „Nun will ich aufstehen. Du hilfst mir,
Kuttner, und begleitest mich auf meine Kammer. Ich freue mich. Es geht mir
besser.“ Maximilian schwankte am Arm des schlanken sanften Kuttner durch die
lange Kunstkammer. Sie gingen über den Hof. Dem Fürsten schauerte es in der
Herbstluft. Er sah lächelnd seinen Begleiter an. Der Oberstkämmerer erwartete
ihn auf der großen Freitreppe. Der Kurfürst hatte das Gefühl, bald froh zu
schlafen wie lange nicht. Nur als er in der finsteren Nacht erwachte, fühlte er auf
dem Rücken liegend die fremdartige Geschlagenheit, Zerbrochenheit,