Wallenstein: Zweiter Band

Alfred Döblin · Kapitel 4 von 5 · Teil 4/5

PDF-Seiten

Wallenstein: Zweiter Band

Fünftes Buch Schweden

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

benachrichtigt. Von Tag zu Tag fuhren nun unauffällig ein zwei Wagen stark

bedeckt aus dem Palasthofe. Nach Mähren, hieß es. Nach einigen Wochen war

eines späten dunklen Winterabends der Herzog mit seinem Anhang abgereist.

Dies war, während der Schwede in Kurmainz thronte, zwei Tage vor dem Einfall

Arnims mit den sächsischen Truppen in Böhmen.

Denn unter dem maßlosen Wehegeschrei der Landbevölkerung trieben schon

die Sachsen Arnims heran. Marradas stand als Oberkommandierender in Prag;

Wallenstein hatte ihm noch, als die Gefahr sichtbar geworden war,

achselzuckend geraten, Widerstand zu leisten. Aber bei dem rasenden Tempo des

Anmarsches war kein Widerstand möglich. Plötzlich, als wenn sie einen Traum

erlebten, sahen die Böhmen die Kaiserlichen aus der Hauptstadt flüchten; tags

drauf scholl der Gesang der Sachsen auf dem Altstädter Ring, vor der

Theinkirche.

Auf den Zinnen des Altstädter Brückentors ragten an Stangen und Spießen

verdorrte Menschenköpfe, denen die Rümpfe abgeschlagen waren. Sie hießen,

als sie noch lebten, Kaplir, Budovak, Dovorecky, Bila, Otto von Loos, Valentin

Kochan, Tobias Steffek, Michalovik, Kober, Heimschild, Jessenius. An diesem

Freudentag der Sachsen war den Finken kein Spaß bereitet; ihre Nester in den

Mündern und auf den Köpfen der Rebellen wurden zerstört. Prächtige Särge

wurden gefertigt. Hinein wurden gelegt die Köpfe samt den Stangen, auf denen

sie gesteckt waren und die ihnen in der langen Zeit zum zweiten Leib geworden

waren. Aus der blendenden Helle gingen die müden Gesichter in die stillen

Kammern unter der Erde.

Plötzlich war die Schlacht am Weißen Berge — nicht geschlagen.

Plötzlich war das Land — frei.

Der Gouverneur flüchtig.

Friedland, der Hauptverbrecher, flüchtig.

Die Bürger liefen aus den Häusern, besahen sich den Ring, liefen auf die

Brücke. Sie stand, wie sie stand, die Köpfe waren weg. Sollte man sich freuen.

Und vor der königlichen Burg stand eine unwahrscheinliche Gestalt, von der

man sich erzählte, an die man nicht mehr glaubte: der weißbärtige Graf Thurn. Stand da, im Getümmel johlender frenetischer Böhmen auf dem wasserflutenden

Hradschinplatz unter den verhängten Fenstern der Burg, die Libussa und

Wladislaus gebaut hatten; die Schutztürme Daliborka und Mihulka. Matthias,

der Kaiser, Rudolf, der Kaiser wohnten nicht mehr hier; wohnte der blinde Hund

Ferdinand, der Idiot, noch in Wien? In den kaiserlichen Zimmern hauste der

Böhme Thurn und der schützende sächsische Feldmarschall Arnim von

Boitzenburg. In dem erstickenden Jubel dieser Wintertage wurden die Türen der

Geheimkonventikel gesprengt, die Träger der alten gefeierten Namen rannten auf

die Gassen und Plätze; ungeheure Umzüge spontan wachsend in allen

Stadtteilen. Sie stiegen in glorreichen Gedanken vor die Stadtkanzlei, wehten

unter Gebrüll und Gesang die alten Fahnen, vor sich die Fenster der

Landtagsstube, aus denen von den Männern der Befreiung die Verräter Martinitz

Slawata Fabricius in die Wallgrube geworfen waren. Im Wladislaussaal, im alten

Huldigungssaal der Burg, standen sie vor Thurn und faßten es nicht. Einmal

stürzte ein tumultuarischer Zug in den Veitsdom, marschierte hüte- und

waffenschwenkend in die reiche Wenzelkapelle; ein Priester aus ihrem Haufen

griff nach dem Bronzering an der Kapellentür. Sich biegend vor Hingerissenheit

jubelte er weitäugig; an diesem Ring hatte sich ihr Wenzel sterbend und

unverzagt in Altbunzlau gehalten. Schon wollten die lüsternen und

rachedurstigen Massen in der Stadt und auf den Ländereien plündern. Da

besetzte Arnim eine Anzahl der verlassenen Häuser und Schlösser; die

friedländischen zuerst; seine Söldner patrouillierten mit Pike und Muskete die

Straßen ab. Erschießungen von Plünderern fanden statt.

Ein Schreck fuhr in die Menge. Graf Thurn suchte besänftigend einzugreifen.

Die Adligen, ihr wirres Gefolge bezichtigte ihn des Verrats, weil er nicht den

Sturm auf die Häuser der Kaiserlichen befahl. Man hatte recht, Rache zu üben.

Er wies auf die Sachsen hin, die es nicht dulden wollten. Nicht die Böhmen

hatten das Land erobert. Sie verlangten sofortige Berufung und Bewaffnung der

Emigranten und Verjagten aus Sachsen, Herstellung ihrer Habe. Entschädigung.

„Gerechtigkeit, Rache!“ tobte es vor der Burg. Thurn warf vor Wut und in

Zerrissenheit seinen Hut aus dem Fenster, verfluchte die Stunde, die ihn nach

Prag zu ihnen geführt hatte. Man ließ ihn nicht weitersprechen, Steine und

Waffen krachten durch die Luft. Draußen führten der prahlende Sohn des Berka,

der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und Saul

von Hodojewski. Sie waren als Jünglinge aus ihrer Heimat geflohen, keine

Freude hatten sie gehabt in Sachsen, die ihnen nicht durch Sehnsucht nach dem

Mütterchen an der Moldau getrübt war; sie klirrten als ungezügelte

entschlossene Männer gepanzert vor den Haufen einher, die sich so wenig wie

sie einschüchtern lassen wollten. Die Waffen wurden ihnen abgenommen, sie selbst in der Burg in Eisen geworfen.

In den Häusern schwoll die Enttäuschung, rachsüchtig schlugen die

Konventikel die Türen hinter sich zu. Es mußte zu einem Ausbruch kommen.

Die Sachsen waren froh, als das randalierende Volk die ersten Angriffe auf die

Judenstadt machte.

 

In Znaim nahm der Herzog Privatlogis; die Bewohner von fünf Häusern mietete

er aus. Doktor Ströpenius sah mit Verwunderung, wie die Gichtknoten an

Wallensteins Händen, den Ohrläppchen Zehen aufbrachen, der Herzog hellere

Farben bekam, rastlos durch die Zimmer ging, in denen Raum neben Raum rasch

für besondere Zwecke eingerichtet waren, wie der Herzog nur abends keifte, auf

den Kammerdiener losschlug, in der alten gehässigen Weise ihn selbst mit dem

Tod bedrohte, weil er ihn verderben ließe. Briefe und Kuriere liefen wieder

täglich aus.

Der Herzog bat vertraulich die Obersten der in der Nähe stehenden

Regimenter zu sich, dann weiter entfernte. Er stellte fest, wie es sich mit der

Auffüllung ihrer Truppen verhielt, mit Armierung Verproviantierung Kriegslust;

wies sie an, Mut auf Werbung und Ausbildung zu legen, seiner Kasse gemäß

nichts zu versäumen. Das Reich liege in Nöten; wenn der Kaiser sie nicht rufen

würde oder nicht für sie aufkommen könne, er würde nicht verschlossenen

Mundes zusehen, wie der Schwede sein Höllenspiel auf deutschen Gassen zu

Ende führen würde. Möchten sich im schlimmsten Fall um ihn, den

Reichsfürsten und Herzog zu Mecklenburg, stellen.

Aus den Äußerungen der Herren, die einzeln, dann in kleinen Rotten sich in

den dürftigen Znaimer Häusern versammelten, klang, gelockt von diesem Anruf,

hervor, wie sie die Niederlage unter dem Schweden empfanden und den Kaiser

anklagten, das Heer in die Jauche gedrückt zu haben.

„Es ist kein Gut am Grafen Tilly,“ schrien sie an der klirrenden Weintafel, an

der sie mit dem langen Herzog saßen, „er hat den evangelischen Obristen die

Patente abgenommen. Die Ligisten sind Mucker. Wir sind keine kaiserliche

Armee mehr. Wer regiert? Seine Knausrigkeit die Durchlaucht von Bayern.“

„Wir beten zu Jesus und Maria. Aber unsere protestantischen Kameraden sind

tapfer und brav. Man hätte sie nicht davonjagen müssen, als wären sie Heiden.“

„Man hat getan, als führten wir einen Krieg für die Mönche. Wir sind Soldaten.

Wer uns Ehre gibt und wacker zahlt, ist unser Mann. Tilly ist geschlagen, wir

sitzen im Mauseloch und knabbern an Strohhalmen. Das walt’ die Sucht.“

„Haben bei der Durchlaucht zu Friedland getreulich gestanden; hat uns die Schnödigkeit seines Loses genugsam gejammert. Sitzen als seine Gäste, um ihm

nicht bloß zu versaufen, was er uns vorsetzt; wollen auch bekennen, daß wir

seiner mit Verlangen denken.“ „Haben ihn nicht davongehen heißen, die

Durchlaucht zu Friedland. Haben Tränen nach ihm vergossen, als wäre uns

Mutter und Vater an einem Tage gestorben und wir selbst an den Bettelsack

geraten. Da wir ihm einmal mit Handschlag und Mund die Treue gelobt als

Feldhauptmann des Römischen Kaisers, wollen wir ihn, wenn uns keiner mag, in

seinem Gram nicht verlassen. Sei er unser gewiß.“ „Sei er auch unser gewiß.“

Im Geschrei und erhitzten Stampfen und Tischschlagen — der lange Friedland

im braunen Lederkoller ließ still hockend und Blicke werfend die Reden um sich

gehen, als säße er wie ein Rabe auf dem Ast, der Wind schaukelt ihn spielerisch

und bläst ihm unter die Federn — stieg ein schärpenschleppender breiter hoher

Mann mit glattgeschorenem kleinen Kopf auf seinen Schemel, hatte ein

glühendes geschwollenes Gesicht, hielt seinen Becher im Stehen noch dicht vor

seinen bärtigen Mund, schwieg, als ihn schon alle anriefen. Dann keifte, krähte

er unter Gesten der linken Hand: „Der Schwedenkönig steht im Reich. Bis

Mainz steht er jetzt. Der Sachse steht in Böhmen. Mit wieviel Mann? Mit

sechstausend. Wo sind unsere Armeen? Sie sind weggelaufen. Wo steht Konti,

Savelli? Weggelaufen. Marradas? Weggelaufen. Wir sind Hunde. Wir sind zum

Krepieren reif. Ich lasse die Herren wissen, wir sind für den Schinder reif. Das

bitte ich nicht zu vergessen, wenn man von uns spricht.“ Stieg vom Stuhl, kaute

mit leerem Mund, trank stierend an seinem Becher.

Zuerst bezogen die Obersten der in Mähren gelegenen Regimenter vom

Herzog zu Friedland Geld, Darlehen, Winke für die Werbung, den Proviant.

Dann zog er rasch, sich ihrer bedienend, die entfernten Regimenter in seinen

Bereich. In seinen Zimmern zu Znaim arbeiteten die aufgetriebenen Beamten

seiner früheren Verwaltung. Er erklärte mit dem Kaiser in dauernder

Korrespondenz zu stehen; sei ermächtigt, mit Umgehung der Wiener Herren den

Obersten mit Rat und Tat beizustehen, wie er als Privatperson von Sachkenntnis

und Vermögen fähig wäre. Was niemanden quälte.

Die Gräfin Trzka, spät abends mit dem Grafen und der Schwester antanzend,

erhielt einen raschen Schlag auf die Hand, als sie den Herzog vom krachenden

Schreibkabinett wegziehen wollte. Seufzend zog er sich am Arm des

Rittmeisters Neumann hoch: „Trzka, du stehst nicht auf, wenn du Würfel spielst

und im Begriff bist zu verlieren. Du wirst es nicht tun, wenn du anfängst zu

gewinnen.“

Er gluckste zwischen den beiden Frauen hinaus, den Kopf zwischen den

Schultern einziehend: „Weißt du, weißt du, herzliebes Weib, wer ich bin?“ „Aber

ich weiß, mein herzlieber Gemahl, wer du bist.“ „Willst du mir Botschaft geben?“ „Mein herzlieber Gemahl.“ „Ich bin ein Mensch, der einen Kopf auf

dem Rumpf trägt und auf den zwei Beinen steht, die ihm seine Mutter in der

Geburt mitgegeben hat. Hä. Sie werden es merken. Die jesuitischen Stinkböcke,

die verzagten schulfuchsigen Herzen. Und der dicke Schelm. Äußert Euch

unbeschwert, sagt unverhohlen, daß Ihr mir kein Vertrauen schenkt, Ihr.“ Er

fuchtelte gegen Abwesende: „Jetzt springt links, jetzt dreht Euch. Es heißt

bezahlen. Müßt heran, ob Ihr wollt oder nicht. Bezahlen heißt es. Siehst du,

herzliebe Elisabeth. Hä. Sie werden bezahlen. Sachte, sachte will ich ihnen das

Pfötchen bieten und an das Hälschen gehen.“

Seine Tafeleien und Verhandlungen mit den Obersten ließ er in die Welt

schreien. An den Wiener Hofkriegsrat schickte er, Briefe des Kaisers lässig

beantwortend, einen Kurier mit der Frage, ob die Kammer wüßte, daß sein

Mecklenburger Herzogtum, dazu sein böhmischer Besitz, Friedland Sagan

Großglogau, alles hin und verloren seien, und was man ihm, dem Reichsfürsten,

an die Hand gebe, sich vor unverschuldeter Armut zu schützen. Dann drohte

zwei Wochen darauf ein zweiter Kurier: man schweige sich aus, der Erwählte

Kaiser des Heiligen Reiches ließe ihn im Stich; er sitze in Znaim auf der Flucht,

nur mit dem Notdürftigsten versehen. Sei das Reich zerbrochen? Müsse er sich

selbst schützen? Man möge es sagen. Er warte, träfe Anstalten, sich seiner Haut

zu wehren, wie es ihm geblieben sei.

Graf Trzka bekam den Auftrag: ihm gäbe er, sagte Friedland, mit auf die Reise

seine beiden blauen Augen und die treue Miene. Damit solle er sich vor den

Schweden oder Oxenstirn stellen, sie fangen und sagen, er, der Friedländer, sei

im Begriff, ein meuterndes kaiserliches Heer an sich zu ziehen und damit nach

Belieben zu verfahren. Ob ihm das Königreich Böhmen garantiert werde? Ferner

wieviel schwedische und sächsische Truppen rasch zu ihm stoßen könnten im

Augenblick des Losbruchs. Den Bescheid möchte er sich schriftlich von

Oxenstirn oder dem Schweden selbst geben lassen. Möchte sich beeilen.

Trzka war einen Augenblick erschreckt und unsicher. Friedland schrie: „Lacht

nicht. Behaltet Euer Gesicht im Zaum.“ Stieß ihn drohend mit den hageren

Armen zur Tür hinaus.

 

Unter dem niederdrückenden Bescheid des Kardinals Pazmany, den

Nachrichten, die die Gefahr einer Umklammerung greifbar nahelegten, getrieben

von stöhnenden Briefen des Kurfürsten Maximilian, trat Fürst Eggenberg mit

dem Hohen Rat in der Burg zusammen.

Maximilians Lage war ihnen allen klar. Er hatte in der furchtbaren Not nach der alten Verbindung mit den Franzosen gegriffen, diesmal aber nicht, um

Habsburg Paroli zu bieten, ja er hatte sich durchzuschlagen versucht, indem er

den Schweden selbst erweichte: nicht anders konnte ja sein neulicher

Waffenstillstand gedeutet werden. Und dann sah der Bayer ein, daß er kein

Erbarmen von dem Vandalen aus Skandinavien zu vergewärtigen hätte, daß es

doch nur ein kleiner Aufschub war. In einer Verzweiflungstollheit war Tilly, ehe

noch der Stillstand ganz beendet war, losgebrochen und hatte in dem

Entscheidungskampf dieses neuen Jahres als erster auf den menschenmordenden

Schweden losgeschlagen, auf den Mann, der ohne Erbarmen trompetete: er

werde keinen Pakt zwischen Evangelischen und Katholiken zulassen, es müsse

einer von beiden in das grüne Gras beißen.

Der kleine Fürst Eggenberg, gebückt und übermüdet hinter seinem Schemel

stehend, verkündete mit schmerzlichem Kopfnicken den anderen Herren, daß

jetzt, zum ersten Male vielleicht, kein Zweifel an der Gutwilligkeit des Bayern

möglich sei, und der Bayer selbst ließe die qualvollsten Briefe, die heftigsten

Bitten durch seinen Gesandten an den kaiserlichen Hof ergehen: zu helfen, nicht

zuzusehen, wie man, Kaiser und Liga, vor das äußerste, die glatte Kapitulation

gestellt würde. Es sei das Schreckliche, kaum Wiedererzählbare Wirklichkeit

geworden, daß der Mann, der jetzt auf dem Thron des Stellvertreters Christi

säße, den Fischerring trüge, daß eben der Mann, Barberini, sich in einer Kälte,

die an Hohn grenze, apathisch für das Interesse des katholischen Glaubens

gezeigt habe. Er habe es in seiner Gewalt gehabt, was katholisch in der Welt sei,

zu einigen gegen den unheimlichen alles verheerenden Ansturm des

Ketzerkönigs aus dem Norden. Man habe ihm den vertrauenswürdigsten

Menschen zur Unterhandlung geschickt, den Erzbischof von Gran, den Primas

von Ungarn; beschämt, zerschmettert sei der von Wien nach dem Bericht

abgereist, habe nichts seinem Bericht zugesetzt, als: er wünsche sich in Zukunft

nur seinen Arbeiten zu widmen. Und nun ist es zu allem Unglück auch noch

geschehen, daß die letzte Säule des Hauses Habsburg, der gewesene

Feldhauptmann zu Friedland, zu wanken beginne. Unter dem überraschenden

Einmarsch der Sachsen habe er fliehen müssen; wieviel an seinen Gütern, die

seinen Reichtum ausmachen, noch unversehrt ist, könne er nicht feststellen. Der

Herzog sitze mit seiner Familie und Anhang in Znaim. Das Wetter zieht auch

über ihn herauf. „Woran sollen wir uns halten?“

Aus der gespannten beieinander sitzenden Gesellschaft fand Questenberg, der

kurzbeinige schnäuzbärtige, ein Wort; das Unglück habe dann wenigstens das

mit sich gebracht, daß bis da zweideutige Freunde sichere Freunde geworden

seien, ob sie wollten oder nicht; man könne sich auf den Bayern und den

Friedländer verlassen; ja der Friedländer müsse sich glücklich preisen, wenn Habsburg mit ihm zur Erlangung seines Besitzes gemeinsame Sache machen

wolle.

Stillschweigen.

Um die Unterhaltung weiterzuführen, beugte sich der verwachsene Graf gegen

Questenberg hin; freilich habe dieser Friedländer, wie auch seine Briefe zeigten,

nun auch nichts und warum solle also dann Habsburg mit ihm gemeinsame

Sache machen. Und indem er forschend den welk in seinem Armsessel ruhenden

Fürsten Eggenberg anblickte: man habe vielleicht Interesse daran, dem Herzog

nicht zu helfen; Friedland spräche auch jetzt sonderbar drohend. Er sondierte:

bekanntlich ist es gut und zweckmäßig, Schlangen, die man fürchtet, die

Giftzähne auszubrechen, um des Heilands willen ihm keine neuen einsetzen.

Eggenberg hielt die Augen des anderen fest; leise, pointiert tropfend; das sei

der entscheidende Punkt: wie denke man sich ohne Wallenstein die Situation?

Die Faust setzte Questenberg auf den Tisch: „Wir brauchen Wallenstein zum

zweiten Male und dauernd, bis Ruhe ist.“

Am Tisch im weißen Mühlsteinkragen der schlanke Fechter, der Spanier

Ognate; er hob den Zeigefinger: „Wir bieten eine Million Gulden, wenn

Wallenstein das Heer organisiert.“

„Seht Ihr“, breitete Eggenberg gegen Trautmannsdorf den Arm aus.

„Nichts sehe ich, als daß wir vermutlich auch noch das Fell des Löwen

verteilen, bevor wir ihn haben; zunächst steht es ja nicht fest, daß der Herzog

zurück will.“

Ognate: „Er will. Er will.“

„Ja, wie er will.“

Ognate einfach: „Als Generalfeldhauptmann wie vorher, zugleich als Haupt

der spanischen Armee im Reich.“

„Mein Gott, wißt Ihr denn, Graf Ognate, von wem Ihr redet? Seine Briefe sind

sonderbar. Es könnte sein, daß er in der Situation, in der er sich jetzt befindet,

nach Schwund seines Vermögens, bereit ist zum Kommando. Vielleicht.

Vielleicht hat er auch etwas anderes vor. Der Wallenstein! Er wird schnappen!

So groß wird kein Rachen eines Wolfes sein wie seiner, wenn er schnappen wird.

Er freut sich unserer Lage; sie verspricht ihm viel. Was meint Ihr, Eggenberg und

Ihr, Graf: wird es nötig sein, daß Ihr Euch noch retten laßt von ihm? Er wird

Euch retten, soweit es ihm Spaß machen wird, und von dem Braten speisen, mit

Fettsoße, Zwiebeln, Gemüse und Pastete, soviel er mag. Das Reich wird anders

aussehen nach dieser Rettung als vorher. Ich wünsche Euch guten Geschmack —

für ihn.“

Eggenberg: „Was ratet Ihr?“

„Mit Schweden paktieren. Rasch.“

Eggenberg: „Nein sagt, Graf Trautmannsdorf, laßt dies einen Augenblick: ist

der Herzog nach Eurer Meinung so gefährlich?“

„Euer Feind. Weiter nichts. Gewiß nicht meiner. Er kann Euch jetzt vielleicht

nicht viel scheren; Ihr müßt damit zufrieden sein. — Ihr wißt übrigens, daß ich

ihn liebe und hochschätze. Die Dinge haben es leider dahin gebracht, daß er mit

dem Erzhause verfeindet wurde.“

Trautmannsdorf war traurig und stützte den Kopf. Wieder Stillschweigen. Am

Tisch saß neben Questenberg der Beichtvater, der große Lamormain. Man müsse

sich der Menschen bedienen, wie sie sind. Man hätte Machtmittel in der Hand

gegen den Herzog. Friedland scheine sich schon jetzt zu irgendeinem Schlag zu

heben. Er sei offenbar noch kräftig. Man müsse sich seiner in beliebiger Weise

bemächtigen.

Questenberg bitter gegen Trautmannsdorf: ob der Herr Graf wisse, daß der

Friedländer fast alle Obersten Mährens und Niederösterreichs an sich gezogen

habe, die kaiserlichen Obersten? Zerschmettert die Armeen, verzweifelt, schlecht

entlohnt, in ihrem Ehrgefühl gekränkt die Offiziere. „Es kann geschehen, daß

unsere Regimenter zu Wallenstein übergehen, ohne daß wir etwas dagegen

ausrichten können; wir sind ja nichts. Wir sind Geschlagene, schlechte Politiker,

da wir ihnen diesen Wallenstein weggenommen haben. Und er: er ist imstande,

nimmt die Regimenter, die Juden zahlen, was er braucht; er erobert sich seine

Güter, verträgt sich mit dem Schweden. Es ist alles möglich. Läßt man ihn, ist

man vor nichts sicher.“

„Und wer ist schuld daran?“ Trautmannsdorf zog brüsk die Arme vom Tisch,

schrie: „Ihr. Er war nicht unser Feind. Ihr habt ihn dazu gemacht. — Aber ich

will davon nicht sprechen.“ Er preßte sich erglühend in seinen Stuhl: „Wenn es

wahr ist, daß der Papst diesen Bescheid dem ungarischen Primas gegeben hat, so

wird man diesen Bescheid den geheimsten Geheimbüchern des Erzhauses

einverleiben müssen. Man wird es nicht nur in die kaiserlichen

Erinnerungsbücher für die Richtung der kommenden Politiker schreiben,

sondern für jeden im Reich und außerhalb des Reichs, der Interesse am

katholischen Glauben hat. Es ist unmöglich und zum Himmel schreiend, daß die

grausige Not, vor der sich Bayern und Österreich, alle Königreiche und Erblande

krümmen, blinde Augen beim Heiligen Vater findet. Er hat es abgelehnt, das in

höchster Not schwebende und fast zu gänzlichem Untergang neigende Römische

Reich aufzurichten. Er wird seine Schuld vor dem zu verantworten haben,

dessen Stellvertreter er ist. Und nicht ist. Die Schuld liegt auch bei Euch, Fürst

Eggenberg. Es war alles unnötig. Wir waren in Macht, wir saßen im Sattel, dann

kam der böse Anzetteler, der treulose baumstarke Verderber des Reiches, der

Bayer. Er hat die Kurfürsten gegen Habsburg aufgewiegelt; wir hätten stark bleiben können und sollen. Statt dessen hattet Ihr Furcht. Von Anbeginn. Ich

sage Euch: Friedland war treu bis zu dem Augenblick in Memmingen, wo wir

ihn fallen ließen und wo er sah: dem Kaiser liegt nichts an ihm. Er wurde nach

solchen Diensten für uns wie ein räudiges Tier zur Tür hinausgestoßen. Kaum

daß die Kaiserliche Majestät selber in ihrer persönlichen Liebe für den General

ihn vor dem Äußersten bewahrte: vor der offenen Infamie, der Degradierung,

Absprechung der Titel und Besitztümer. Warum? Die Herren wissen alle: um

nichts. Wegen des alten Hasses des Bayern, der hinter Habsburg wie die Bremse

ist und in den Wahnsinn stachelt. Was wäre geschehen? Fast wäre Deutschland

ein Kaiserreich geworden. Nun sitzen wir da, winseln vor dem Papst, werden vor

dem Herzog winseln. Jetzt hat er Rebellisches vor, ich zweifle nicht daran. Er

macht sich unsere Not zunutze. Wär’ er doch ein Seraph, wenn er’s nicht täte. Er

haßt uns alle, wie wir hier sitzen. Ich kann meine Liebe zu ihm nicht verbergen

und ihm nur recht geben. Ich muß es tun. Ihr seid schuld, Fürst Eggenberg. Ihr

habt einen Keil in uns getrieben und uns schwach gemacht. Ihr habt uns und dem

Kaiser den Mut genommen, daß wir in Regensburg nicht sprechen konnten. Das

Reich wird es Euch nie vergessen dürfen. In hundert und tausend Jahren nicht.“

Verzweifelt lächelnd blickte der kleine Fürst auf seine zitternden kalten

Finger: „Wollt mir doch wenigstens das auch nicht vergessen, daß ich das Beste

gewollt habe, daß wir alle doch schon so schwer gebüßt haben.“ „Noch nicht

genug. Der Schwede wird noch andere Register ziehen. Es ist soweit gekommen,

Fürst Eggenberg, daß ich ein offenes Wort hier sprechen muß. Ihr hättet Euren

Kopf dem Kaiser nach der Breitenfelder Schlacht anbieten müssen. Sie war das

Resultat Eurer Politik. Ihr habt die Versöhnungstaktik dem Kaiser geraten. Habt

Ihr das getan?“

Gedankenlos blöde lächelte ohne Aufblick der Fürst: „Liegt Euch soviel an

meinem Kopf?“

„Habt Ihr ihn dem Kaiser angeboten?“

Der Fürst fahl, eingefallen, einen Moment die Augen beschattend: „Nun will

ich Euch sagen, Trautmannsdorf, daß das, was Ihr mit mir tut, anfängt

unertragbar zu werden. Was habt Ihr mit mir vor?“

„Sollen wir nicht das Recht haben, über Euch zu Gericht zu sitzen und seid Ihr

hier nicht Rechenschaft schuldig?“

„Was ich getan habe, verantworte ich. Ihr seid in Eurer Liebe zu Wallenstein

ohne Verstand.“

„Meine Liebe zu Wallenstein. Ich will nicht nur Rache nehmen dafür, daß ich

gezwungen wurde, gegen ihn aufzutreten. Ich muß Protest erheben gegen die

Verwüstung der stärksten Position in der Welt, die das Reich hatte. Friedland

hätte das habsburgische Reich halten können. Nun ist er zunichte geworden, verschandelt, in einen gräßlichen Dämon verwandelt, vor dem wir zittern

müssen. Aber eins gegen das andere: ist Wallenstein nichts und ist Habsburg

nichts: ist es da recht, daß Ihr etwas seid, der beide zu nichts gemacht hat. Das

sag’ ich hier am Tisch: ich liebe Habsburg und hänge unserer Kaiserlichen

Majestät an — aber Ihr, Fürst Eggenberg, tätet gut, Euch jetzt und für alle

Zukunft zu verstecken, weil Ihr und kein anderer schuld seid an diesem

vermaledeiten Regensburger Tag.“

„Die Herren werden alle einsehen, daß diese Debatte nicht so fortgehen kann.

Ich habe stets alles frei aufgenommen, was hier beraten wurde und dem Kaiser

berichtet. Er kennt alle Standpunkte und Gesichtspunkte. Man hat es hier mehr

auf meinen Kopf als auf etwas anderes abgesehen. Ich will Euch einladen, Graf

Trautmannsdorf: kommt mit vor den Kaiser.“

„Wozu soll das? Der Kaiser ist jetzt machtlos.“

„Er ist Richter.“

„Was soll das?“

„Kommt mit. Ich bin Euch Genugtuung schuldig für Euren Wallenstein. Ich

begehre es von Euch.“

„Was soll das?“

„Ich bin Euch wohlgesinnt. Ich versteh’, was Ihr fühlt.“

 

Der Kaiser in dem menschenfließenden Abtstuhl: „Das ist wohl eine Art

Gericht. Ihr seid der Ankläger und Fürst Eggenberg der Malefizer. Oder

umgekehrt.“

Eggenberg: „Ich möchte wissen, was die Kaiserliche Majestät urteilt.“

„Was, Urteil, Eggenberg?“

„Ich habe viel gelitten unter den letzten Ereignissen. Majestät weiß davon.

Aber die Dinge sind in der Tat so ungeheuerlich in ihren Folgen,

Nebenumständen, können verhängnisvoll werden, daß ich mich nicht mit einer

bloßen Besänftigung und Hinnahme begnügen kann, sondern rund um ein Urteil

bitte. Ich habe alles verschuldet. Es muß mir abgenommen werden. Oder der

Kopf, der die Erinnerung an das alles aufbewahrt, muß herunter.“

Der Kaiser: „Und dies scheint auch die Meinung unseres Trautmannsdorf zu

sein?“

Trautmannsdorf: „Ich habe den Fürsten, meinen alten Freund, nicht hierher

gezogen.“

Der Kaiser: „Jedenfalls — steht es wahrhaft um uns so?“

Beide Herren sahen zu Boden.

„Und an dieser Lawine begehrt mein guter Eggenberg schon wiederum schuld

zu sein? Regensburg, Abdankung des Generals. Schweden, Breitenfeld und so

weiter?“

„Ich nehme die Abdankung des Generals auf meine Kappe.“

Der Kaiser sich hochstemmend schleifte herum um die grüne Marmorsäule:

„Schon gut. Ich dachte es eigentlich anders.“ Er legte die leichten Hände auf

Eggenbergs Schulter mit dunklen Blicken leise redend: „Sprecht nicht von

Regensburg. Laßt das. Ihr seid nicht daran schuld. Ich hab’ mit Euch ja gar nicht

darüber gesprochen. Da ist nichts von Schuld. Wollt das nicht bemäkeln.“

Eggenberg öffnete den Mund, der Kaiser fuhr fort: „Sprecht nicht. Es ist wie

ich sage. Man soll an den Dingen nicht deuteln und sich nicht versündigen.“

Streckte die Arme von sich breit nach beiden Seiten: „Frieden, ihr Herren.“ Er

ließ seine Arme sinken. Sah sein Spiegelbild über die Säule fließen. Ging gegen

die hohe Tür; die beiden Herren betrachtete er; seine Miene nahm etwas

Überdrüssiges, Feindseliges an. Das verließ ihn erst langsam, wie er wieder im

Stuhl saß. Da lachte er in kleinen leisen Stößen, streckte die Arme von sich breit

nach beiden Seiten: „Frieden, ihr Herren. Wir sind nur Werkzeuge, wer weiß in

wessen Händen. Ich hoffe, in Gottes, Marias und der Heiligen.“

Die beiden Herren blickten aneinander vorbei.

Der Kaiser träumerisch herumwandernd, an den Puscheln seines Schlafrocks

spielend: „Es nimmt alles so guten Verlauf. Wenn ich nur wüßte, wovon ihr

redet.“

Eggenberg: „Der Schwede —“

Der Kaiser: „Ah der Schwede. Ihr werdet ihm, ich sagte es schon, den

Wallenstein entgegensetzen müssen. Ich — möchte diesen Wallenstein gern

wieder sehen. Seht, wie gut, daß ich den Wallenstein nicht von mir reißen ließ.

Das hab’ ich gut gemacht, nicht wahr?“

Er dachte vor ihnen angestrengt nach: „Also, bringt ihn vor mich. Ich möchte

ihn sehen.“

Als sich der Fürst und der höchst betretene Graf voneinander trennten, waren

sie übereingekommen, sich umarmend, sich drückend und einander alles

abbittend, angesichts der erschreckenden unfaßbaren Apathie des Kaisers sich

nicht voneinander zu trennen und alle Entschlüsse gemeinsam zu fassen; für den

Augenblick den, das Generalat Wallensteins zu erneuern, als Gegengewicht aber

sich des Bayern und Spaniens zu versichern.

 

Die Ankündigung des Besuches Eggenbergs wirkte auf den Herzog, der in ruhelosem Konspirieren begriffen war, so erschreckend, daß er im Zimmer des

Rittmeisters Neumann einen Nervenanfall erlitt. Er schluchzte eine halbe

Stunde, auf dem Stuhl am geöffneten Fenster sitzend, nach dem öden Garten zu

sitzend, hatte eine wachsfarbene schmale Nase, griff oft nach seiner Brust, war

nach seinen leeren Blicken nicht ganz bei Besinnung. Nachher schmähte er noch

schluchzend auf den Rittmeister, auf seine Ärzte. In seiner Schlafkammer saß er

weitäugig, verstört, schlaffrückig neben Elisabeth, flüsterte: „Ich bin nicht mehr

der alte, Elisabeth. Irgendwie bin ich wurmstichig. Irgendwie haben sie mich

wurmstichig gemacht.“ Und wütend aufstehend, brüllte er, fäusteschüttelnd,

tierisch herumtrampelnd: „Sie haben mich wurmstichig gemacht. Sie haben mir

die Federn ausgerissen. Das haben sie erreicht. Sie sollen es bezahlen. Wenn es

im Himmel einen Gott gibt, wenn Maria die Mutter Gottes ist, wenn mich die

Heiligen beschützen, bei meiner Seligkeit und Ehre, ich will ein Erztropf und

Schindhund sein, wenn sie es mir nicht bezahlen mit allem, was sie haben. Daß

sie die Hand Gottes rühre.“ Vor dem Bildnis des Christophorus, der die Fluten

überschreitet, stehend, schäumte er gierig unter Anschwellen der Venen an dem

dürren glühen Hals, mit beiden Unterarmen gegen die Tapete trommelnd:

„Galgenschelme, Galgenschelme.“ Kreischte heiser. Elisabeth ließ ihn, weinend

das Kinn auf die Brust legend, stehen.

Am späten Abend saß er nach Verabschiedung der Herren in seiner kleinen

Gaststube mit ihr allein vor der unabgedeckten Tafel, lächelte plötzlich, sich

zusammenziehend, grimmig haßvoll, mit glückstrunken funkelnden Augen:

„Gott hat sie mir in die Hand gegeben. Ich werde sie wie einen Floh zwischen

den Nägeln zerknacken.“

Sie drückte sich an ihn; sie konnte sich nicht erwehren, sie liebte ihn in

seinem Unglück von Tag zu Tag mehr, schämte sich unklar ihrer Liebe.

Der Herzog ging an seinem spanischen Rohr dem Fürsten Eggenberg auf der

gefrorenen Znaimer Landstraße einige hundert Schritt entgegen. Sie sprachen

über ihr gemeinsames Podagra. Drin wurde der Herzog der Freude des Kaisers

über seine alte unveränderte Anhänglichkeit versichert, Wallenstein bot, ohne

sich zu binden, die Aufstellung einer Armee von vierzigtausend Mann an, die er

allmählich auf hunderttausend bringen wolle. Aber er lehnte jede Abmachung

über seinen Eintritt in das Generalat ab, klagte über seine Hinfälligkeit.

Und Eggenberg, der gefaßt die Verhandlung führte, mußte zugeben, wie er

den langen gelben Mann hohläugig vor sich im überweiten Lederkoller fuchteln

und stöhnen sah, daß es gut sei, mit solchem Mann nicht gar zu lange Verträge

zu machen. Und in Eggenbergs Seele kam ein leichtes unsicheres Staunen und

wehe Müdigkeit, wie sonderbar unerwartet sich die Dinge gestalteten. „Wir

müssen alle sterben“, seufzte Eggenberg, über sich sinkend. Der Herzog zog, den Kopf zurückbiegend, spöttisch die Mundwinkel herunter, ließ von oben einen

lauernden freudigen Blick über den andern spielen.

Man wollte am Hof wissen, welche Forderungen der Herzog gestellt habe.

Der alte Fürst gab schwermütig von sich, sie sollten sich erst den Herzog

ansehen, er werde bald kommen.

Und nach Wien eingeladen kam der Herzog. Nicht wie beim Antritt des ersten

Generalats, mit zwanzig Karossen; versilberte Partisanen der Vorreiter,

Zaumzeug und Schabracken, wie der Kaiser sie führte, Lakaien und Pagen in

feinsten französischen Stoffen, eine halbe kriegsstarke Kompagnie voraus, eine

halbe hinterher.

Sondern geräuschlos mit zwanzig Mann Bedeckung und drei Leibwagen. Er

führte auf der eisigen Stiege seines Znaimer Häuschens noch ein murmelndes

Gespräch mit dem heißblütigen jungen Sesima Raschin und seinem Trzka.

Keinen Augenblick sollten sie sich durch die Änderung in seiner Stellung zum

Kaiser in ihren Aufgaben stören lassen; jede erreichbare Bindung an den

Schweden und den Sachsen für ihn erstreben. Es solle alles so weitergeführt

werden, als geschehe nichts. Gab keine schriftlichen Vollmachten von sich; er

mache sich nicht, räusperte er sich aus dem Fenster des Wagens heraus, bevor er

die Decke vorzog, zum Sklaven des Kursachsen oder Gustafs. Sie begriffen, der

Herzog, der langsam auf der Landstraße fuhr, hatte etwas Besonderes mit dem

Kaiser vor.

In dem schneidend klaren Januarlicht stellte sich der Böhme, am Stock

herangeschleift, hoch und mager vor dem Kaiser auf, der ihm selbst einen Sessel

heranrückte.

Beide fanden in der gräßlichen Deutlichkeit des Tages, daß der Tod den

andern an Auge, Nase, Mund, ja an den Händen gezeichnet habe. Beide wußten

es nur von dem andern.

Ferdinand las in seiner Verwirrung dem Herzog einen Brief der Mantuanerin

vor, den er eben erhalten hatte aus Schönbrunn, worin sie ihre baldige Rückkehr

nach Wien anzeigte. Währenddessen und nach den ersten heiseren Worten des

Herzogs veränderte sich dessen Bild vor ihm und in ihm tauchte wieder auf der

unersättliche regsame Lindwurm, der kriechende langschweifige tausendfüßige

Leib. Den hatte er einmal gefürchtet. Nun war es klar. Es sollte wieder etwas wie

Krieg geben; er mußte sich einen Augenblick wirklich besinnen, gegen wen;

dachte im ersten Moment an den Bayern. Also jetzt ist der Schwede an der

Reihe. Dieser Herzog hat es auf den abgesehen. Er wird ihn wahrscheinlich

besiegen. Vielleicht wird ihn auch gelegentlich der Schwede besiegen; diese

Dinge sind unübersehbar. Eine sonderbare Sache.

Der Herzog sprach von den schon getroffenen Maßnahmen zur Aufstellung eines Heeres, und daß in der Tat der Schwede und Kursachse alle Vorteile haben.

Heiser schrie er; wie seine böhmischen Augen dabei feucht schillerten.

Man braucht solche Menschen hier. Sache des Kaisers ist es sie zu belohnen.

Sie hungern zu lassen und zu füttern, je nach den Umständen, um sie desto

willfähriger zu haben. Das ist das Geschäft des Kaisers. Die Aufgabe der Krone.

Es ist in allen Ländern so. Man verliert die Krone ohne dies Spiel. Man sollte

vielleicht diese Menschen auf den Thron lassen, das wäre wohl das Richtigste,

das Glatteste.

Als sie ihr Gegenüber beendet hatten, ließ der Kaiser, ohne den Platz zu

wechseln, stumm den Fürsten Eggenberg kommen, fragte ihn, was er nun zu tun

hätte. Plötzlich war es dem Kaiser geworden, als ob er die Balance verlor,

schwindlig wurde und in einer kichernden bewußtlosen Freude nicht wußte, was

heute war, was morgen sein wird, in welchen Zimmern er ging, in wessen

Zimmern er ging. Ja, das große Geheimnis, das ihn tief beglückte, wollte er dem

Fürsten Eggenberg nicht verraten, vielleicht aber der Mantuanerin, die bald

kommen mußte: daß er manchmal nicht wußte, in wessen Kleidern er hier

herumging, er auf zwei hebenden fühlenden Beinen, mit einem beweglichen

Kopf; daß ihn die Unterschriften tief fesselten, die seine eigenen Hände zogen;

manu proprio hieß es, mit eigener Hand. Sieh da, sieh da, der Ferdinand.

Und Eggenberg wurde von ihm umarmt, Ferdinand scherzte mit ihm, daß er

sich von Trautmannsdorf nicht habe in den Tod jagen lassen. Nun werde er wohl

auch wissen, was mit dem Herzog zu geschehen habe, wie man ihn belohnen

und abfinden müsse; nun sei doch der Geheime Rat ganz beruhigt. Friedland sei

bei ihnen, der Schwede werde bald nicht mehr auf der Landkarte zu finden sein.

Der Fürst kniff schwermütig die Augen zu; ob man den Herzog werde

abfinden können, wisse keiner, er schwiege sich aus. Man wisse nicht, womit

nach der Aufstellung der Armeen der Herzog kommen werde; nicht viel geben,

nicht viel geben sei der gemeinsame Wunsch aller Herren. Auf seiner

Schreibtafel stand, als er sich verabschiedete, die Bestätigung des Herzogs als

Reichsfürsten zu Mecklenburg, ein Geschenk des Kaisers von

vierhunderttausend Reichstalern, soviel der Friedländer noch für gekaufte Güter

der böhmischen Kammer schuldete; man gedachte ihm schließlich pfandweise

für die Auslagen das schlesische Herzogtum Großglogau zu überlassen.

Als am folgenden Nachmittag die Mantuanerin den Kaiser nicht aufgesucht

hatte, obwohl ihre Ankunft am letzten Abend gemeldet war, ließ sich der Kaiser

zu ihr hinüberfahren. Sie war nicht in ihren Zimmern, nicht auf den Höfen, nicht

in den Gärten. Mit ihrem Fräulein Kollonits war sie vor kurzem, hieß es bei der

Wache, zu Fuß, tief verschleiert zur Burg hinausgegangen. Daß ihn solche

Sehnsucht nach ihr erfaßte. In einer herzlichen Trauer lag er allein eine halbe Stunde in seiner Kammer, ließ sich dann umziehen mit brauner Kniehose, glatter

Jacke, weiter loser Hose, wie ein gewöhnlicher Mann, ein Handwerker, ein

Bieranstecher; farbige Strümpfe und fliegende Bänder trug er, eine braune

niedrige Kappe stülpte er sich gedankenlos auf; der Leibkammerdiener folgte

ihm nach wenigen Minuten, hinterher in zwanzig Schritt Entfernung wie eine

Magistratsperson wandernd mit kleinem Degen, in einem hohen braunen Filzhut;

der einfache Anzug gelb, die mageren Waden in roten Strümpfen.

Der Handwerker, eine Weide in der Hand, irrte erst vor der Burg hin und her,

schritt am Zeughaus vorbei, an der niederösterreichischen Kanzlei, kehrte wieder

um. Es war ein regnerisches Wetter, der Kot lag hoch, es war neblig, bald mußte

es dunkel werden.

Wie Ferdinand das schwerfällige Gebäude der Minoriten passierte, sah er

jemand laufen. Und eine unerklärliche Bewegung zwang ihn zu folgen. Sie bog

in Gäßchen auf Gäßchen ein, blieb in Torwegen stehen, nestelte an sich. Durch

den Kohlenmarkt zum Graben. Zurück; man ging, durch Sänften und Karren

getrennt, über eine lange schmale Holzbrücke. Eine Scheu bedrückte ihn, sie

könnte eine Dirne sein; er zögerte. Die Kirchtürme von Sankt Niklas. Da ging

sie in das kleine Schwesternhäuschen neben der Kirche. Die Türe fiel zu. Er

stand draußen. „Wie sonderbar, daß ich hier stehe. Und daß ich nicht weggehe.“

Er hob den Klöppel der Glocke, fragte, wer eben gekommen sei; ein Mädchen

hatte geöffnet; man schrie entfernt: „Man hat geschickt.“

Über den dunklen Gang lief etwas an, sah ihm ins Gesicht, stand zitternd da.

„Was ich will? Eleonore, ich weiß selbst nicht, was ich will. Ich weiß nur, ich

möchte mit dir gehen.“

„Siehst du. Jetzt holst du mich. Jetzt bereust du deinen Starrsinn.“ Er hing an

ihrem Arm, sie wickelte den Schleier um den Hals. „Ich weiß nicht, wovon du

sprichst. Eleonore. Wir wollen davon nicht reden. Es ist weiter nichts, als daß ich

gern mit dir gehe.“

Über die Brücke. „Versprich mir. Ich will nichts von Mantua reden und nichts

von dir. Versprich mir, du wirst den Teufel von Herzog nicht wieder holen.“

„Sprich weiter.“ „Wenn du ihn brauchst, wirst du ihn zwingen, Ferdinand. Du

mußt ihn wie einen Knecht, einen schlechten Demütigen, in der Hand haben,

dem man nicht traut.“ „Sprich nur weiter.“ „Machst du dich lustig über mich?“

„Nein, ich gehe gern mit dir.“

Stumm kamen sie vor die Burg. Im Regen gingen sie durch eine Seitentür, die

ihnen der Diener aufschloß. „Komm zu mir, Eleonore.“ „Weiter nichts?“ Sie

weinte.

Er leise: „Eleonore. Ich weiß selbst nicht, was ist. An mich kommt nichts

heran. Alles beglückt mich. Deine Stimme beglückt mich, dein Weinen beglückt mich, dein Klagen beglückt mich. Als wenn ich um mich eine Schale zugemacht

hätte.“

Sie weinte weiter. Er: „Könnte ich dich nicht auch erfreuen?“

 

Vom Main her südwärts schwoll verendend die Armee des unglücklichen

Grafen Tilly.

Mit dem Rest seiner Truppen, zwölftausend Mann, dazu achttausend

gepreßten Bauern, griff er in der Schärfe des Winters den schwedischen General

Horn an, trieb ihn in die Stadt Bamberg hinein. Drin ließ er die Schweden bis auf

den flüchtigen Rest massakrieren.

Da hatte sich der mordgewaffnete König schon aus seinem Mainzer Lager

erhoben, ließ den Rhein los. Hinter ihm blieben ein junger Herzog Bernhard von

Weimar und der Pfalzgraf von Birkenfeld.

Und wie der Schwede anschnob, wich Tilly erzitternd aus Bamberg, wich die

geschwollene Regnitz entlang, durch das Ansbachische, an Nördlingen vorbei

auf Donauwörth. Wollte sich hinter die Donau verstecken.

Der Tritt des Schwedenkönigs tapprig schwer hinter ihm, langsam. Rechts

schlürfte er, links fraß er; er kaute, spie, schnüffelte. Er legte sich über Nürnberg;

der Hohe Rat wischte eingezogenen Schweifs zu ihm heraus vor das Tor,

goldene Trinkgefäße auf den kalten Händen tragend. Sie kreischten und pfiffen:

„Der Makkabäer!“ „Gideon!“ „Josua.“ Er rollte die Augen und ließ es sich, da es

ihn kitzelte, wohlgefallen.

„Es war ein schöner Winter dies Jahr,“ gönnte er den Ratsherren, „gebe Gott,

daß auch der Sommer gut wird. Ich predige euch das Evangelium auf eine

Weise, wie ihr nicht wieder hören werdet.“ Er setzte die Beine vorwärts, Staub

und Dampf von sich gebend: „Seid fromm, daß Gott weiter hilft.“ Hinter sich

ließ er die Besatzung. Hunderttausend Taler stopften sie ihm bei, wie er

wanderte.

In Donauwörth konnte Tilly nicht bleiben; der Kurfürst warf Boten nach

Boten gegen ihn: wie weit er denn fliehen wolle, wie weit noch München

entfernt sei. „Ich will schon nicht mehr fliehen, als ich muß,“ knirschte die

Augen verdrehend der kleine General, das Papier in den Händen zerreibend, „ich

will mich schon stellen. Nur Ruhe, Ruhe.“

Aber der Schwede plumpte, murrte, knurrte, trampste näher. „Ich will

stehenbleiben.“ Und zitternd in einem unsäglichen Hinschmelzen gab er schon

wieder den Befehl nach rückwärts. Hinter die Donau, über die Lechbrücken.

Schwindlig, den Mund weit offen, stand er da auf den Stoppelfeldern, Bayern lag in seinem Rücken. Schwindlig mit verwehenden Gedanken sagte er, lächelte er,

die Zähne kaum entblößend, zu seinen Offizieren: „Wir werden hier nicht

weggehen. Der Schwede kommt heran. Wir werden Bayern schützen.“

Es wurde befohlen, auf Ingolstadt Truppen zur Verteidigung zu werfen, die

Zugangsstraßen von Augsburg und Ingolstadt mit vierzehn Kompagnien zu

sperren. Dann lagerte das Heer sich hinter dem Lech in einem dichten Wald. Und

wie Tilly das rückwärtige Terrain besichtigte, stoben Alarmreiter an, Alarmreiter,

Alarmreiter. Flüchtende Bauern. Flüchtende Bauern. Auf Wagenreihen Dörfer,

Dörfer, ganze Dörfer. Als hätte der Schwede sie entwurzelt, warf sie ein Orkan

mit Sack und Pack vor sich. Tag und Nacht, Tag und Nacht. Es regnete Städte.

Der geborstene Tilly hielt sich steif. Lief, ein schallendes Knochengestell,

flach mit Muskeln Sehnen Nerven gepolstert; der Bauch, die Brust, der Schädel

breit geöffnet. Hervorquoll seine blutbegossene Seele selbst. Geschrei,

Kreischen, Brüllen, Knirschen, Knurren, dünnes Piepsen umging ihn. Seine

Gedanken schlugen wie überlange nasse Haare über sein Gesicht, über Stirn und

Augen, blendeten ihn.

Er lächelte süß, in bewußtloser Hingerissenheit, hin und her dunkel flutender,

sich hebender Verzweiflung. Er betete und erreichte sich nicht. Er war ein

Mensch, den man mit Pech bestreicht und in Federn wälzt; ganz hinter seinen

Taten verschwunden. Keine Gedanken an Wallenstein hatte er mehr. Er suchte zu

umdenken sein Leben, seine Oberkommandantin Maria, mit der er jeden Tag

seines Lebens angefangen hatte; knickte zusammen. „Ich bin ein frommer

Katholik gewesen all meine Zeit“, winselte er vor seinem Feldkaplan, der

verwundert vor ihm stand, ihm tönend zusprach.

Als die ersten Kanonenschüsse fielen, sauste er auf den Feldern herum, suchte

von irgendwoher zu hören, ob er sich nicht noch auf Ingolstadt zurückziehen

sollte. Fürchtete sich, fürchtete sich: begriff mit einmal, daß er sich fürchtete.

„Ich bin ein alter Mann, habe keine Messe versäumt“, zuckte es staunend in ihm.

Zweiundsiebenzig Geschütze ließ Gustaf auffahren gegen den Wald, in dem

die Kaiserlichen lagen. Unter grausamem Krachen und Prasseln barsten die

Stämme. Als die Feinde eine Insel bei Oberndorf fanden, die schrecklichen

Finnen, schwammen sie Trupp auf Trupp wie Wasserratten an. Man schlug

einige tot, es kamen neue. Schwedische Kanonen fuhren über einer Brücke auf,

die niemand über Nacht hatte entstehen sehen. Ein heulender zähnefletschender

lehmwühlender Kampf halb im Wasser, halb auf der Erde fing an. Die Schweden

Finnen, es waren keine Menschen. Kaum gab es Tiere, die ihnen glichen, wie sie

schlammbedeckt, graubraune Hautfarbe, tangtriefend, armschwenkend sich aus

dem Wasser erhoben, krumm anwateten, schluckten, kauten, spritzten, pfiffen.

Sie waren so schlecht, so ekel, so totschlagwürdig, daß erst zaghaft die Kaiserlichen, die Bauern auf sie eindrangen, geführt, gelockt, dann von dem

Grimm und der Scham, dem Entsetzen gerufen geworfen: „Um des Heilands

willen.“

Sie schrien zu Hunderten und Tausenden, die Kaiserlichen, auf dem

überhöhten Ufer des Lech, als sie das beispiellose kotige regsame Grauen aus

dem Wasser auf sich zukommen sahen. Es gab wenige unter ihnen, die nicht in

diesen Augenblicken die blinde Entschlossenheit angewandelt hätte, zu sterben

oder diese Unwesen sich aus dem Gedächtnis zu wischen. Sie drangen herab auf

die Fratzen.

Mörderisch tobten die Kanonen in ihrem Rücken; Sprengen Klatschen Reißen

von stöhnender unterirdischer Gewalt. Aber Tilly auf seinem hochbeinig

tanzenden Schimmel irrte zwischen den Fremden und den Kanonen hin und her;

träumte, ohne zu wissen, was, lachte wimmerte. Die Fragen seiner Offiziere

beantwortete er nicht. Seine bis zur Weiße aufgerissenen Augen wurden immer

wieder von den silbernen brandenburgischen Aufschlägen angezogen an seinem

eigenen linken Ärmel. Um diese Aufschläge war ein Geheimnis. Bei jedem

Kanonenschuß zuckte er zusammen, duckte sich, sah um sich. Das Wort „Maria“

mahlte er zwischen den Zähnen, während seine Augen suchten auf dieser

Holzbrücke, in dem plantschenden Wasser. Wie an einem vom Himmel

herabhängenden Faden zog sich seine Sehnsucht und Ratlosigkeit in die dünne

Höhe. Ein Dreipfünder, dessen Abschuß er nicht einmal gehört hatte, warf seinen

Schimmel um, zerschmetterte ihm selbst den rechten Schenkel über dem Knie.

Er dachte und träumte lange nichts.

Aus der bodenlosen Schwärze tauchte er auf; es schneite. Abend, ein

Troßwagen, wühlender Schmerz im Bein. Wagenknarren, Getümmel um ihn. Im

Stroh neben ihm hockend der Feldscher. Tonlos auf durchbluteten Wolldecken

der General: was sei, wo man sei. Bei Ingolstadt; der Widersacher habe versucht,

sie von Bayern abzuschneiden, es sei mißlungen, der König selber hätte beinah

sein Leben dabei gelassen.

„Was, was!“ Tilly, der Totenkopf, furchtbar erregt, „abschneiden, was ist!“

Und dann ächzte er, ließ seine Offiziere kommen, die in der Nähe ritten. Sie

krochen einzeln herein, wiederholten ihm, der halb taub schien, dutzend Male

die Ereignisse. Er rieb sich die Nase, die Stirn, fragte ängstlich von neuem,

stöhnte: „Regensburg! Regensburg!“ faßte sie bei den Händen, bittend. Dann erst

bemerkte er die lähmungsartige Schwere, diese sonderbare dumpfe, in allen

Gelenken, tief in den Knochen, in die Därme, Lunge, die Schultern aufsteigend;

die Dürre in seinem Mund.

Der Kaplan kauerte neben dem Feldscher. Der Wagen ratterte über die

Chausseelöcher, oft legte er sich schief auf die Seite. Aus der bodenlosen Schwärze wieder auftauchend, langsam, nicht ganz entlassen: „Der Kaplan! Ah,

Regensburg, das Heer auf Regensburg führen.“ Der Kaplan. Dies waren die

Sterbesakramente. Jetzt daran festhalten, fest einbeißen. Maria, der Himmel, die

Heiligen; das waren nur leere Worte, man konnte sie sprechen, sie ließen sich

nicht denken. Das Bohren, Sägen, Drehen im Bein, das wogende Unbehagen den

Leib hinauf, die alles überflutende zurückebbende wieder anschwemmende

Lähmung, diese verdunkelnde knochenfüllende knochenzerknackende

wirbelverschiebende tödliche Lähmung. Jetzt hieß es sich entscheiden. Aus dem

Wege alles. Maria, Jesus. Er spie, rollte die Augen; hier ist nicht die Rede vom

Schweden. Der Kaplan hielt seine Hände; Tilly bat, ihm Maria zuzurufen, wenn

ihm das Bewußtsein schwinden wolle. Scharf blies der Schneestaub in den

Wagen. Er weinte in sich: „Ich habe mein ganzes Leben Maria gedient, ich will

sie jetzt halten, ich darf sie nicht verlieren. Der Kaplan hat mir Absolution

erteilt, es wird alles gut.“

Die Wellen der Lähmung und Verdunklung rollten stürmischer an, mit kaltem

Schmerz gemischt. Alle Glieder fielen von ihm ab. Und er fing an zu ringen.

Zwischen jeder Welle schrie er „Maria!“ Der Kaplan im Wechselruf: „Maria!“

Schlagartig rollte es heran. Aus gelben grasgrünen braunen Wolken fuhren die

Stöße gegen Bein und Leib. Sie knatterten zwischen die Schulterblätter in den

Hals. Die Wolken waren widrig, schwammig feucht, wühlten ineinander. Es

waren die Finnen, die anwateten, die aus Blutschande gezeugten. Er spie, schrie

heftiger, kreischte, röchelte vor Entsetzen.

Der Kaplan rief: „Maria!“ Tilly sah entsetzt, wie er die Lippen bewegte.

Furchtbare Hammerhiebe aus den Wolken. Mit jedem Hiebe zuckte er

zusammen. Den Atem benehmend; er war der Amboß. Was sagte der Kaplan. Er

mußte wissen, was der Kaplan sagte.

Dumpf wetternd, zermalmend, niederklafternd.

Niederklafternd.

Zusammengezogen lag er, auf die Seite gestoßen.

Verröchelte, die Arme schützend vor der Brust.

Da löste sich das Gespensterheer von dem warmen blutsickernden kleinen

Körper. Zappelnde Rümpfe der gemetzelten Türken Franzosen Pfälzer, die

jaulenden hängenden zertretenen Hunde, kletternden Pferde, die mit den Hufen

sich an ihn hielten. Zwischen ihnen gezogen matt, noch naß, seine eigene

erstickte Seele.

Verknäult flogen sie unaufhörlich rufend durch die verschneite Luft, ihrem

dunklen Ort zu.

Hinter dem toten Tilly zog der Schwedenkönig, Torstenson auf dem linken

Lechufer mit schwerem Geschütz deckend. Er stieß auf Nürnberg. In sein Lager

zu Fürth schleppte man täglich sechsunddreißigtausend Pfund Brot und hundert

Eimer Bier. Er klatschte sich den Leib vor Freude, als er durch das Laufertor ritt.

Weiter: Teil 5 von 5