Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste

Kapitel 1

"Morgen", murmelte Jasmin als sie Neles Küche betrat. Nele betrachtet sie etwas genauer. Sie war einfach eine exotische Schönheit. Ihre langen schwarzen Wellen, die ihr über die schmalen Schultern hingen, sah selbst ungekämmt wunderschön aus und ihre dunklen Augen hatten sogar in ihrem schlaftrunkenen Zustand etwas Majestätisches an sich. Es war kein Wunder, dass Nils, Neles kleiner Bruder, ein Auge auf sie geworfen hatte. Und das machte Nele ein wenig Sorge. Jasmin war mit 18 zu ihnen auf den Lindenhof gestoßen. Das war bereits zwei Jahre her. Sie war damals ein verschlossenes, zierliches Mädchen gewesen, das nur eine Bleibe und Arbeit gesucht hatte. Als sie an jenen verregneten Abend an Neles Haustür geklopft hatte und Oma ihr, ohne große Fragen zu stellen, einen Kakao gekocht hatte, hat Nele sie in ihr Herz geschlossen. "Kaffee?", fragte sie Jasmin und musste wegen ihrem müden Gähnen lächeln. "Hmm", nickte diese nur. Nele goss Jasmin den Kaffee bis zum Rand der Tasse ein. Schwarz und ohne Zucker. So hatte es die stärkste Wirkung und so mochte Jasmin es am liebsten. "Wart ihr gestern noch lange aus? Ich hab euch gar nicht mehr kommen hören." "Hmm", war ihre Antwort. Sie war wirklich ein Morgenmuffel. Nele beschloss Jasmin im Frieden in den Tag anzukommen und stellte keine weiteren Fragen mehr. Jasmin braucht immer ein bisschen um zu begreifen, dass sie nicht mehr im Bett lang, sondern am Frühstückstisch saß. Auch Nils betrat nun die Küche. Seine verschlafenen Augen erhellten sich urplötzlich als er Jasmin erblickte. Sein "Guten Morgen!" fiel deutlich frischer und gut gelaunter aus, als an den Morgenden an denen er nur seine Schwester oder Oma in der Küche antraf. Auch ihm goss Nele Kaffee ein . Mit Milch und Zucker. Nils setzte sich dichter an Jasmin heran als es am frühen Morgen nötig gewesen wäre und Nele beobachtete seine peinlichen Annäherungsversuche amüsiert. Das ging jetzt

schon ein halbes Jahr so. Aber Jasmin konnte ihn sehr gut auf Abstand halten. Es gab heute viel zu tun. Eins der Ferienhäuser würde heute neu bezogen werden. Um zwölf wollten die Gäste da sein. Das Haus war jedoch noch nicht bereit dazu. Während Nele die Aufgaben verteilte betrat Oma die Küche. "Guten Morgen meine Lieblinge." Ihre gutmütige Stimme erhellte den ganzen Raum. Selbst Jasmin erscheinen Omas Worte zu erreichen. Sie gab sich einen Ruck und war endlich wach. "Morgen Oma", sagte sie. Jasmin gehörte irgendwie schon zur Familie. Oma Barbara zu nennen wäre wahrscheinlich auch für alle befremdend gewesen. "Ihr seid aber früh auf", bemerkte Oma. Auch sie schien etwas verschlafen zu sein. "Geht es dir nicht gut?", fragte Nele besorgt. Normalerweise kam es Oma so gar nicht ähnlich verschlafen zu sein. "Frag mal lieber unsere Turteltauben wann sie gestern nach Hause gekommen sind. Abends kann man das nämlich nicht mehr nennen." Sie zwinkerte den beiden unauffällig zu, was diese noch verlegender machte.

Nele schaute sie herausfordert an. Manchmal übernahm sie ohne dass sie es wollt eine Mutterrolle ein. Die beiden <font;_italic>Turteltauben</font>schauten jedoch verlegen zur Seite. "Ich höre!", war Neles schroffe Antwort auf das unangenehme Schweigen. "Ach, Nele! Lass die beiden in Frieden. Wir waren doch alle einmal jung. Ich erinnere mich noch genau daran als du mit diesem Björn zusammen warst. Kannst du dich noch daran erinnern?" Und ob sie das konnte, dachte Nele wütend. "Da kamst du manchmal erst um vier Uhr morgens nach Hause." Omas heitere Stimme brachte Nele ebenfalls in Verlegenheit. Das sie auch immer Björn erwähnen musste. Es war eine lange Geschichte. Und sie war eine von denen die nicht gut ausgehen. Alte Leichen sollte man nicht immer wieder aus dem Keller holen, das sagte Oma auch immer. Nur bei Björn schien sie eine Ausnahme zu machen. "Also, ich... ähm... wer bezieht die Betten neu? Ich hab die Lacken gestern schon gewaschen und gebügelt. Die Betten müssen nur noch bezogen werden", versuchte Nele von sich abzulenken. Belustigt sagte Oma: "Na da ist unsere Nele aber verlegen. Liebes wir wissen alle, dass er dir das Herz gebrochen hat, aber es ist doch immer wieder schön..." "Ja, genau er hat mir mein Herz gebrochen und ich will nicht mehr über ihn reden", unterbrach Nele ihre Oma patzig. "Wie oft soll ich dir das noch sagen?" Wütend stampfte sie davon. Als sie die Tür öffnete um in den Stall zu flüchten wurde sie von warmen Sonnenstrahlen begrüßt, die ihr wider ihren Willen ein Lächeln auf die Lippen zauberten. Es war ein wunderschöner Tag und sie würde sich das von niemand nehmen. Nicht von Oma oder Björn oder sonst irgendjemanden.

Sie erreichte den Stall mit schnellen Schritten. Die Pferde begrüßten sie mit ihrem Wiehern. Nele begann mit der Arbeit. Die Ställe mussten ausgemistet werden und das Futter musste nachgefüllt werden erden. Sie würde die Pferde auf die Koppel lassen. Nele kam an Abbeys Box. Ihre Stute schnaubte zufrieden als sie Nele bemerkte. "Na, meine Kleine wie geht´s dir?" Abbey stupste Nele an die Schulter. "Ich weiß du willst ausreiten. Aber wir haben heute so viel zu tun." Daraufhin legte die Stute ihren Kopf auf Neles Schulter und Nele fing an sie hinter den Ohren zu kraulen. Es war ein stiller Akt, den sie schon seit Jahren immer wieder vollzogen. Obwohl Nele nicht der Meinung war das man Tieren menschliche Züge zusprechen sollte, wusste sie doch, dass Abbey ihr somit Trost und neuen Mut zusprechen konnte. Nele hatte sich ihre Stute in jener schweren Zeit gekauft, als ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Die Stute hatte eine besondere Haltung. Sie ging voller Stolz durch das Leben und ließ nie den Kopf hängen, obwohl sie bei ihrem alten Besitzer oft geschlagen wurde. Dieses Verhalten gab Nele immer wieder Kraft nicht den Kopf hängen zu lassen und nicht aufzugeben. Sie hatte jene Zeit überstanden in der sie jeden Abend gehofft hatte am Morgen nicht wieder aufwachen zu müssen und sie würde auch noch die Stürme in ihrem Leben überstehen, die noch kommen würden. Und zurzeit schlug sie sich auch ganz gut. Abgesehen von ihren kleinen <font;_italic>Ausrastern</font>, wenn Oma auf Björn zu sprechen kam.