Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste

Prolog

Anne De

 

Windstärke 10

 

Auf diesen Sturm folgt morgen ganz

bestimmt der Nächste

Prolog

 

Nele schloss die Augen und versuchte regelmäßig zu atmen. Es war nur ein Traum. Es konnte nicht Wirklichkeit sein. Die Sonne hatte schon den ganzen Vormittag geschienen. Der Tag war so schön gewesen. Die Möwen hatten ihre üblichen Kreise über ihrem kleinen Haus am Deich gezogen. Es war ein normaler Tag. Sie öffnete die Augen wieder und zwickte sich unauffällig in den Arm. Nein, der Polizist stand immer noch an ihrer Eingangstür. Er schaute ihr nicht in die Augen, sondern ließ sein Blick in die Diele hinter ihr schweifen. "Das kann nicht wahr sein", hörte sie sich selbst sagen. "Sie müssen sich an der Hausnummer vertan haben..."

"Ich werde Ihnen einen Psychologen nach Hause schicken." Sein Gesicht war anteilnahmslos. Er lächelte höflich als er sich umdrehte um zu gehen.

"Ich brauche keinen Psychologen!", schrie Nele dem Uniformierten an.

Der Polizist beugte sich zu ihr herunter, so als würde er mit einem kleinem Kind reden. Ja, sie war eine kleine Frau, aber das war lange noch kein Grund sie so herablassend zu behandeln. Nele kochte innerlich vor Wut.

"Hören sie Frau Ekhoff, es ist etwas Schreckliches passiert und ich verstehe, dass Sie völlig aufgelöst sind. Wir wollen ihnen nur helfen." Er legte ihr die Hand auf die Schulter, aber sie schüttlete diese energisch ab. Sie war noch nie ein großer Freund von Körperkontakt gewesen. Und schon gar nicht von solchem der von fremden Menschen ausging.

Sie schloss ohne ein weiteres Wort die Tür. Sie würde nicht weinen. Es stimmte nicht. Sie konnten nicht tot sein. Nicht einfach so. Nicht so plötzlich. Nicht an einem so normalen Tag. Das Telefon klingelte. Auf dem Display blinkte es: OMA. Nele´s Lunge brannte und zog sich schmerzlich zusammen. Sie hatte es also auch erfahren. Jetzt wusste Nele, dass der Polizist sich nicht an der Hausnummer vertan hatte. Oma rief an um es ihr mitzuteilen. Alle Kräft schienen Nele zu verlassen. Sie ging an das Telefon, aber bekam kein Wort heraus, stattdessen ließ sie sich auf den Boden fallen, so wie ein alter nasser Sandsack. Dass die Vase die auf dem Couchtisch gestanden hatte, dabei auf den Boden fiel und sich in tausend Einzelstücken in ihrem Wohnzimmer verteilte, nahm sie kaum wahr.

"Sie haben es dir schon gesagt?", die weise alte Stimme zitterte. Nele konnte keinen Ton von sich geben. Sie nickte nur. Oma schien es zu spüren.

"Ach, Kindchen...", seufzte sie, "ich bin gleich bei dir." Nele sah schon vor ihrem geistigen Auge, wie die alte Dame sich auf ihr Fahrrad schwang und losradelte.

Ein Nebel legte sich um Nele. Unbeholfen torckelte sie zur Tür um nach draußen zu schauen. Der Himmel war immer noch wolkenlos. Immer noch kriesten die Möwen unbeschwert über ihr Haus. Immer noch blöckten die Schafe von Herr Gerdes seelenruhig auf dem Deich. Immer noch brummten die Autos der Touristen an ihrem Häuschen vorbei...

Es schien als sei es ein normaler Tag. Es war ein normaler Tag. Außer, dass heute etwas Schreckliches passiert war. Nele ließ die Tür ins Schloss fallen. Sie brauchte Luft zum Atmen. Sie brauchte das Meer, das sie trösten würde. Gedankenverloren lief sie den Deich zwischen den erstaunt blökenden Schafen hinauf. Es war Ebbe. Selbst das Meer hatte sie im Stich gelassen. Sie lief in das Wattenmeer. Dem Meer und den Fluten entgegen. Es schien als sei sie von allem verlassen worden - selbst von ihrem gesunden Menschenverstand.

Sie vergaß ihren kleinen Bruder, ihre Oma und ihr kleines Strandhaus. Alles schien vor ihren Augen zu verschwinden.