Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste

Kapitel 4

Ein Tag kann nur besser werden, wenn es morgens heftig stürmt und man von den zuschlagenden Fensterläden geweckt wird. Das hatte Nele in all den Jahren in denen sie an der Küste lebte gelernt. Heute war einer dieser Tag.

"Der Tag ist erst schlecht, wenn man an Ende des Tages nichts Gute finden kann. Ein kleiner Regenschauer am Morgen sollte dir nie die Laune verderben", war eine weitere Weisheit die von Oma kam. Und auch heute belehrte sie jemanden mit diesen weisen Worten eines Besseren. Es war die kleine Josephine, die sich nach zwei Tagen auf dem Bauernhof nicht dem Gedanken abfinden konnte, dass man auch einen genialen Urlaub außerhalb der vier Wänden eines Hotels haben kann, die Omas Weisheit zum Opfer fiel.

Oma schüttelte den Kopf, als sie wieder vom Ferienhaus, wo sie soeben das köstliche Frühstück vorbei gebracht hatte, in die Küche kam und Nele von Josephines Unzufriedenheit berichtete. "Sie leben hier doch wie in einem Hotel. Ich steh den ganzen Tag vor dem Herd und koche mir die Hände wund und als sei das nicht schon genug, bringe ich ihnen auch noch das Essen auf einem silbernen Tablett persönlich in das Ferienhaus. Sie haben doch dieses Programm gebucht... wie heißt das noch gleich?"

"Das Deluxe Paket", war Nele ihrer Oma sofort zur Hilfe.

"Genau, das meine ich. Sie werden rund um die Uhr verwöhnt und unsere kleine Prinzessin passt das Wetter nicht. Ich doch auch nichts dafür, dass uns der liebe Gott heute Morgen einen kleinen Streich gespielte." Sie hielt kurz inne und lächelte dann über diese Vorstellung. "Naja, vielleicht kam Gott uns ein weinig zur Hilfe um ihr unverschämtes Benehmen zu rächen. Stellvertretend für uns. Weißt du, ich es fällt nur noch ein bisschen, dann hole ich meine Rute raus."

Oma kicherte vor sich hin während sie sich wieder ihren Mittagessenvorbereitungen zu wandt.Um zehn Uhr morgens wohl bemerkt.

"Würde ich an Gott glauben, würde ich das wahrscheinlich auch lustig sagen." Neles Augen waren leer, während sie Omas Bewegungen betrachtete, die vor Lebensfreude nur so strotzten.

"Ach, Kindchen. Ich wünschte du würdest es tun. Das Leben ist so viel schöner mit dem Herrn an der Seite. "

"Ja und genau deshalb kann und will ich nicht glauben. Wenn Gott und der Glaube an ihn nur eine Krücke für ein schönes und leichtes Leben ist, dass kenne ich auch genug andere Mittel."herausfordernden"Man kann die schönsten Dinge des Lebens auch ganz schön negativ ausdrücken", entgegnete Oma trocken und warf ihrer Enkelin einen herausfordernden Blick zu. "Würdest du mir erklären, was zu diesen Dingen zählt,die angeblich zu einem genauso guten Leben führen sollen, wie das Leben mit Gott?"

"Mein Date heute Abend?" Nele grinste zufriedenstellend.

"Da lehnst du dich aber weit aus dem Fenster, Schätzchen." Oma betrachtet Nele einen Augenblick. Als sie weiter sprach wurde ihre Stimme sanfter: "In Menschen täuschen man sich leider viel zu oft. Man verspricht sich so viel von ihnen: Aufmerksamkeit, nette Gesten, ja auch Geschenke, aber vor allem Liebe." Sie machte eine lange Pause. Dann holte sie tief Luft und sah Nele fest in die Augen. "Aber viel zu oft bekommen wir das Gegenteil zurück. Ablehnung, Ignoranz, falsche und leere Versprechen und leider auch Hass. Ja, wir sind alle nur Menschen..." Omas Augen waren jetzt glasig, als sie sich wieder ihre Arbeit zu wandte.

"Und deshalb schaffen wir Menschen uns einen Übermenschen, den wir dann Gott nennen. Weil wir selbst nicht in der Lage sind so zu handeln wie wir es gerne hätten", sagte Nele neutral und emotionslos. Sie war es leid ständig mit ihrer Großmutter über Gott und die Welt zu diskutieren.

Diese seufzte nur traurig, blieb jedoch zu Neles Erstaunen völlig ruhig. "Du hast zu viel dummes Zeug gelesen, Mädchen", murmelte Oma leise, aber Nele war zu müde um darauf zu antworten.

Eigentlich hatte Oma in dieser Hinsicht sogar Recht. Sie hatte viele Texte und Bücher über dieses Thema gelesen. Ob sie dumm waren, darüber lässt sich streiten. Aber sie erklärten ganz plausibel, dass es keine Gott gab und das war für Nele genau das Richtige. Zur Zeit jedenfalls.

*

Oma betrachtet ihre Enkelin. Sie war eine hübsche Frau. Früher wurde sie wegen ihrer roten Haare oft gehänselt, aber heute machte es sie zu einer ungewöhnlichen und attraktiven Frau. Die rote Lockenmähne umrahmte ihre grünen großen Augen, die sie heute, für Omas, Geschmack sehr stark geschminkt hatte. Aber Nele meinte, dass es ihre Augen noch mehr betonen würde. Oma behielt ihre eigene Meinung darüber für sich. Stattdessen lächelte sie ihrer Enkelin anerkennend zu als diese die alte Holztreppe herunterkam, die mindestens schon ein ganzes Jahrhundert überlebt hatte.

Neles braune Kleid, das von einigen süßen Blümchen verziert wurde, schmeichelte ihren Körper dezent. Sie war wirklich eine wunderschöne Frau. Aus dem durchschnittlichen Schulmädchen vom Land ist doch tatsächlich etwas geworden, dachte Oma stolz.

„Du siehst toll aus.“ Oma drückte Neles Hand liebevoll.

„Danke, Oma. Da sind deine Gene wohl nicht ganz schuld dran.“

„Ach, lass die Schmeicheleien. Ich werd gleich ganz rot.“ Die beiden Frauen kicherten und jeder Blinde konnte die aufrichtige Liebe der beiden zueinander sehn.

„Darf ich eigentlich auch wissen in welche Hände ich meine Enkelin heute Abend übergebe?“

„Wenn du mir versprichst nichts blödes zu sagen....“

„Dieses Versprechen kann ich leider nicht ablegen. Du weißt doch was für ein ungezügeltes Mundwerk deine Oma hat. Wenn es jemand blödes ist werde ich auch etwas blödes sagen.“

Nele konnte sich ihr Grinsen nicht verkneifen. Ihr Oma hatte eine sehr ehrliche Selbsteinschätzung und Nele wusste diese auch zu schätzen und auch wenn sie es oft nicht zugab war ihr die Meinung von Oma sehr wichtig. Es blieb ihr nichts anderes Anderes übrig als es frei heraus zu sagen:„Es ist Christian …!“

„Doch nicht der Sohn von dem Bürgermeister?“

„Doch genau der.“

„Nun... so hätte ich dich ja gar nicht eingeschätzt. Seid wann sind den blonde, schmierige Unternehmer in deinem Beuteschema?“

„Ich habe kein Beuteschema.“

„Ich bin deine Oma und kenne dich besser als du manchmal glaubst, Liebling. Und Christian... ist eindeutig nicht dein Typ.“

„Es ist ja auch nicht so, dass ich ihn jetzt heiraten muss, weil ich einmal mit ihm ausgehe.“

„Das stimmt wohl.“ Oma legte ihr Stirn in Falten und musterte Nele noch einmal ganz genau.

„Was?“ Nele kannte ihre Oma schon zu gut, um zu wissen dass solch eine Stirn unausgesprochene Worte waren.

„Du bist eine taffe Frau und Christian ist ein taffer Mann. Er hat ja eine ganze Hotelkette hier an der Nordsee. Das ist mal was anderes. Und was anderes muss ja nicht unbedingt was schlechtes.“

„Genau so sehe ich das auch.“

Draußen hupte ein Auto. Der schwarzer Jaguar kam vorgefahren. Nele zwängte sich eilig in ihre braunen Pumps. Oma stand am Küchenfenster und sah Nele nach, wie sie zu dem schicken Auto, das hier völlig fehl am Platzt zu sein schien, schwebte. Eigentlich hätte hier jetzt Christine stehen müssen. Bei dem Gedanken an ihre verstorbene Tochter wurde sie traurig. Hätte Christine das Date mit Christian gutgeheißen. Es gab so vieles, was Nele nicht wusste und Oma brachte es nicht übers Herz ihr die dunklen Seiten ihrer Familie zu erzählen.

*

Die meisten Besucher des luxuriös Restaurants, das direkt am Strand lag, waren Touristen. Jedoch solche, die niemlas einen Fuß auf das Grundstück von Neles Ferienbauernhof gesetzt hätten. Sie trugen Designerklamotten, die bestenfalls Einzelstücke waren und die Gesichter der Frauen waren mit Botox makellos glatt gebügelt. Nele fühlte sich ein wenig unwohl. Man sah es ihr heute Abend zwar nicht an, dass sie eigentlich nicht in diesen Kreisen verkehrte, außer dass sich auf ihrer Stirn einpaar kleine Falten abzeichneten und ihre Augen von kleinen Lachfalten umspielt waren. Sie konnte sich nicht richtig entspannen und den Gedanken ausblenden, dass sie hier fehl am Patzt war. Markus gab sich alle Mühe sie aufzulockern und ihr den Abend genießbar zu machen, aber es wollte ihm nicht richtig gelingen. Sie war eben nur ein Bauernmädchen, dass sich immer noch nicht in die höhere Gesellschaft einfinden konnte und dabei lag das ganz und gar nicht an ihrer Begleitung. Markus war auf der einen Seite ein zuvorkommender und sehr ernst zu nehmender Gentelman, der auf der anderen Seite aber auch humorvoll sein konnte und mit seinem intelligenten Humor hin und wieder ein Lächeln auf Neles Lippen zaubern konnte. Er sah überdurchschnittlich gut aus und es war erstaunlich, dass er Nele nach einen Date gefragt hatte. Schließlich hätte er eine hübschere und reichere Frau haben können, denn die meisten der Noch-Singel-Frauen in der Gegend standen auf Markus und träumten davon weiter kleine "Marküsse", wie Oma immer belustigt sagte, auf die Welt zu setzten. Nele war darauf natürlich nicht so scharf, aber das Date war eine gute Abwechslung, und es müsste ja auch nichts weiter heißen...

Während Markus an der Bar zwie Drinks bestellte, betrachtete Neles das Amiente des Restaurants etwas genauer. Die Ausicht von der großen Fennsterfront, an der sie saßen, war atemberaubend. Der weite Strand und der ausgesprochen noble Yachtclub, mit seinen langen Stegen, an denen prachtvolle und teuer Yachten anlegeten, erstrecketen sich vor ihnen aus.

So wie die Umgebung, war auch das Restaurant atemberaubend. Die Wände waren mit massiven aber sehr edlen Steinen gemauert. Einige expressionistische Gemälde, von lokalen Künstlern schmückten die Wände und ein Kamin in dem ein kleines Feuer vor sich hin brannte, schuf eine behagliche Atmosphäre. Alles hier schien auf sich abgestimmt zu sein. Die bunten Blumen, die auf den Tischen standen, bissen sich farblich keinesfall mit den Blumen an dem Nachbartisch und die dunkelen Lederstühle, man hätte schon fast Sessel sagen können, hatten genaue den gleichen Braunton, wie der Holztisch an dem sie standen und der extravaganten geschnitzten Bar, die inmitten des Restaurants trohnte. Und obwohl dieses Restaurnat erstklassig war und das Essen genauso köstlich schmeckte wie es roch, konnte Neles sich nicht von ihrem unguten Gefühl befreien.

Nach einpaar Drinks ging es ihr schon besser, aber immer wieder kam in ihr der Gedanke auf: Wenn du dich erst mit ein em gewissen Alkoholpegel in seiner Nähe wohlfühlst kann das nichts Gutes heißen. Dieser Satz hätte von Oma kommen könne, aber Nele erinnerte sich nicht daran, dass Oma ihn jemals gesagt hatte. Aber vielleicht lag das auch an ihrem Alkoholgehalt im Blut.