Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste

Kapitel 3

Als Nele die Küche betrat roch es köstlich nach Kartoffelgratin und nach anderen Leckereien, die Oma gerade zauberte.

Erschöpft ließ Nele sich auf eine Küchenstuhl fallen. Der erste Tag mit neuen Gästen war immer der anstrengendste von allen. Sie hatte so viele Fragen und und und.

„Sie sind interessant, was?“ Oma drehte sich nicht um, sondern rührte seelenruhig ihren Pudding weiter.

„Man sagt, dass interessant der kleine Bruder von Scheiße ist, Oma.“

„Solche Wörter gibst du nicht in meiner Küche von dir!“ Oma fuchtelte wild mit ihrem Kochlöffel.

Manchmal fühle Nele sich an ihre Kindheit erinnert. Aber sie musste sich damit abfinden, denn wenn sie sich Oma widersetzte würde, würde sie es lange noch zu spüren bekommen. Und eine schweigende Oma die auf keine Frage antwortet und einem auch keine Ratschläge gibt ist das Schlimmste. Also murmelte Nele ein leises „Entschuldigung“. Auch wenn es ihrer Meinung nach mit 28 Jahren völlig unangebracht war so einen extremen Respekt vor der eigenen Oma zu haben.

Sie schwiegen. Oma konnte sehr nachtragend sein.

Das Schweigen heilt nicht ewig. Jasmin schneite in die Küche.

„Das riecht ja richtig gut Oma“

„Hmm...“

„Was ist passiert?“

„Ich hab das böse Wort gesagt.“

„Das böse Sch- Wort.“

„Machst du dich darüber lustig, dass ich solche Wörter nicht in meinem Haushalt dulde?“

Nele könnte jetzt einwenden und sagen, dass der Hof ihr gehörte, da sie ihn von ihren Eltern geerbt hatte. Aber was würde das bringen? Oma hätte so oder so ein Totschlagargument.

„Nein Oma“, beschwichtigte sie ihre Oma stattdessen.

„Gut.“

Das Schwiegen ging weiter. Es war unerträglich. Es war so als würden die Möwen einen Tag beschließen keinen Ton mehr von sich zu geben. Ihr Schreien gehörte einfach zu Neles Leben dazu, genauso wie Omas ständig Reden über belanglose Dinge, die aber trotzdem eine beruhigende Wirkung auf alle in der Familie hatten.

„Ich finde, dass dieses süße Gebäck, was immer es auch ist, ziemlich lecker ist.“

„Es sind Zimtschnecken", erwiderte Oma emotionslos. Und hätte man ihr ins Gesicht schauen können, hätte man ebenfalls keine Emotionen gesehen.

Jasmins Versuch Oma wieder zum Reden zu animieren war kläglich gescheitert.

„Ich werde mit Abbey ausreiten“, beschloss Nele laut.

„Wir werden gleich essen.“ War Omas kühle Antwort.

„Ich bleib nicht lange weg.“

*

"Mensch, Oma, das ist ihr doch nur so rausgerutscht."

"Sie ist 28 Jahre alt. Da sollte sie alt genug sein ihre Zunge zu zügeln."

"Ich sag es nur ungern, aber du hörst dich gerade wie eine alte verbitterte Witwe an, die ihre schlechte Laune an ihrer Enkelin auslässt."

"Alt bin ich und eine Witwe auch. Aber verbittert nicht."

"Wirklich?" Die Ironie war nicht zu überhören.

"Jasmin du weißt, dass ich nicht..." Sie drehte sich energisch um. Ihre Falte zwischen den Braunen war tief. "Was?"

Jasmin hatte ihre Augenbrauen hochgezogen und schaute Oma herausfordernd an.

"Was ist hier los?" Oma war sichtlich verwirrt.

"Du hast gesagt, dass wir dir sagen sollen wenn du dich wie eine verbitterte Witwe aufspielst und das tue ich gerade."

"Ja das ist wohl war. Aber ich spiele mich nicht so auf. Ich zeige meiner Enkelin nur Grenzen auf."

"Am besten du lässt diesen Blick jetzt sein. du siehst nämlich aus wie die böse Hexe aus Hänsel und Gretel."

Oma riss den Mund auf um etwas zu sagen, dann hielt sie jedoch inne. Nach einem weitern Moment der Stille verzog sie das Gesicht. "So schlimm?"

"Du weißt doch, ich übertreibe gern."

"Puh..."

"Was nicht heißt, dass du völlig freigesprochen bist."

Oma stemmt ihr Hände in ihre wohlgeformten Hüften, wie sie sei gerne und stolz beschrieb.

"Da hast übertrieben, Oma. Das musst du zugeben. Scheiße ist..."

"Jetzt sagst du es auch schon."

"Scheiße ist ein Wort, dass uns jungen Leuten mal so rausrutscht. Man sagt es eben sehr häufig. Was nicht heißt, dass es gut ist. Wir sagen es bestimmt nicht um dich zu ärgern. Denn deinen Ärger will wirklich niemand einpaar Tage ertragen.."

Oma grinste zufrieden, denn sie wusste um ihre besondere Gabe.

"Du sagst doch selbst immer, dass man vom Ärgern nur graue Haare bekommt und dann irgendwann die ganze Welt verrückt macht, weil man graue Haare und schlechte Laune hat."

"Das stimmt wohl."

"Na also.Und du hast für dein Alter nur einpaar graue Strähnchen. Wir wollen doch nicht, dass du wegen dem Sch-Wort ganz ergraust."

"Ich bin beeindruckt wie gut man meine eigenen Waffen gegen mich verwenden kann."

"du sagst eben oft weise Dinge und manchmal kannst du dann auch noch was von den lernen. Stimmst?"

"Stimmt. Ich muss mich geschlagen geben." Anstatt, so wie viele andere alte Leute wahrscheinlich reagiert hätten, eingeschnappt zu sein, lächelte sie, was ihre tiefen Lachfalten zum Vorschein brachten. Diese Frau war einfach beeindruckend.

"Wo die Jugend Recht hat, da hat sie Recht", murmelte sie während sie sich wieder ihren herrlichen Gerichten zuwendete.

"Glaubst du Nele wird mit einem Apfelstrudel als Entschuldigung zufrieden sein?"

"Ich denk schon. Ist das nicht ihr Lieblingskuchen?"

"Ja!", sagte Oma siegessicher.

*

Der Wind der Nele entgegen blies streichelte leise ihr Gesicht. Es war Flut. Sie ritt auf dem Deich.

Dunkel erinnerte sich Nele an jenen verhängnisvollen Tag, als sie an ihrem alten Haus vorbei ritt. Abbey bemerkte Nele´s Nervosität und drosselte ihr Tempo.

"Ist schon gut, Mädchen."

Nele strich ihrer Stute durch die Mähne. Sie hatte Knoten.

"Ist schon gut."

Erst beim als Nele das zweite mal diese Worte aussprach, bemerkte sie, dass sie weniger die Stute sondern viel mehr sich selbst beruhigen musste.

Manchmal machte es ihr nichts aus an diesen Ort zu kommen. Aber manchmal fiel es ihr schwer diesen wunden Punkt zu überwinden. Jedoch musste sie, um an ihren Lieblingsplatz zu kommen, hier vorbei. Um an die schönen Plätze zu kommen muss man auch an den weniger schönen vorbei. Es war genau so wie im Leben auch.

Eins von Kelly Claksons Liedern kam ihr in den Sinn: "What doesn´t kills you makes you stronger!" Leise summte sie das Lied und trieb Abbey wieder an. Sie schaute nach vorne. Nicht mehr zur Seite. Nicht mehr nach hinten. Sie würde nicht mehr stehen bleiben. Sie schaute nur nach vorne. Ihrem Ziel entgegen.

Es gab viele einfache Bänke, die auf dem Deich oder auch am Strand standen. Holzbänke. Steinbänke. Die wenigsten Menschen hätten warum Nele immer zu dieser einen Bank ritt. Aber von hier aus sah die Welt anderes aus. Auf eine spezielle Art und Weise. Es war so wie ein Zauber der sich an dieser einen Bank für Nele auftat.

Das hatte sie schon als Kind geglaubt und sie sah nicht ein warum sie nur weil sie jetzt erwachsen war, nicht mehr an diesen Zauber glauben sollte.

Der Löwenzahn war hier gelber als sonst wo auf der Welt. Tausend Sonnen zierten hier den Deich. Das Meer sah von dieser Bank tiefblau aus, was für die Nordsee sehr beeindruckend ist. Die Inseln waren für Nele selbst bei Nebel klar zu sehen. Hier hatte sie den Durchblick. Nele wusste, dass diese Vorstellung von der "Zauberbank" verrückt war, aber so wahr sie eben manchmal: Verrückt!

Oma schüttelte immer den Kopf und sagte: "Wenn ich dich nicht besser kennen würde, würde ich dich fragen ob du Fieber hast."

Bei den Gedanken an Oma musste Nele lächeln, obwohl sie soeben noch eine Auseinandersetzung mit ihr gehabt hatte.

Welche Frau heutzutage würde sich schon über Schimpfwörter aufregen. Sie gehören schon zum alltäglichen Sprachgebrauch. Nicht so aber für Oma. Und daran war eigentlich auch nichts auszusetzen.

Oma war eine erstaunlich konsequente Persönlichkeit. Diese Eigenschaft hatte Nele schon immer schon imponiert. Ins geheim wünschte Nele sich manchmal auch einmal so zu werden wie Oma. Schon als kleines Mädchen hatte sie davon geträumt so zu sein wie ihre Oma es war. Sie würde natürlich nie jemanden davon erzählen, da es ihre eigene Persönlichkeit infrage gestellt hätte.

Etwa zehn Minuten verweilte Nele auf ihrer Bank und nahm den Frieden und die Ruhe dieses Ortes in sich auf, während sie sich von einer leichten Meerbriese verwöhnen ließ. Sie massierte Neles Schläfen, die höllisch schmerzten. Das viele Denken tat ihrem Kopf nicht gut. Wenn es möglich wäre, würde Nele oftmals einfach nur ihren Kopf ausschalten und die Stille genießen. Aber leider kann der Mensch nicht aufhören zu denken.

Mit diesen Gedanken stand sie auf und schwang sich wieder auf ihr Pferd. Zuhause erwartete sie bestimmt schon ein Apfelstrudel. Oma war gut im vergeben.