Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste
Kapitel 6
Der Sturm wütete unbeirrt weiter. Die Möwen schrien jede Sekunde. Irgendwie musste sie sich ablenken.
Nils Worte gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie musste etwas tun und ihm aus dem Weg gehen.
Jasmin packte ihre ganzen Bastelsachen zusammen und verließ das alte Bauernhaus. Der Weg zu den Ferienhäusern war nicht weit, aber als sie das Haus fast erreicht hatte, war sie froh, dass sie ihre Sachen in eine Tüte gepackt hatte. Sie selbst was klitsch nass Den Schatten hinter dem Gebüsch sah sie. War es etwas gewesen? War da etwa jemand?
Nein es war nur der Wind gewesen, der das Gebüsch stark herum gerissen hatte.
Nils beobachtete Jasmin aus dem Stall aus, wo er gerade ausgemistet hatte. Suchte sie wirklich immer eine neue Beschäftigung um ihm aus dem Weg zu gehen? Ist es denn so unerträglich in der Gegenwart eines Menschen zu sein, der einen liebt?
Jasmin klopfte an der Tür, die für die nächsten zehn Tage den Freunds gehörte. Josephine öffnete.
„Was willst du denn hier?“, fragte die kleinen Großstadtgöre, anstatt die Besucherin freundlich zu begrüßen.
„Ich hab mir gedacht, dass wir das schlechte Wetter auch mit anderen Dingen gut überbrücken können, als mit Fern sehen oder Nitendo spielen.“
„Ich war damit ganz zufrieden“, maulte Josephine zurück.
„Versuchen wir es zumindest okay?“
„Hmm“, bekam Jasmin als Antwort, nachdem Josephine einen strafenden Blick von ihrem Vater zugeworfen bekommen hatte.
„Wir können in das andere Ferienhaus gehen und eine Mama und Papa freie Zone errichten. Die Gäste für das Ferienhaus treffen erst morgen ein.“
„Au ja!“, hörte Jasmin aus dem Kinderzimmer hervor tönen und ein höchst motivierter und bereits komplett wetterfest angezogener Leo kam zur Tür gestürmt.
„Wenn´s sein muss.“Das blonde Mädchen schlürfte in ihr Zimmer und ließ sich ganz viel Zeit beim Anziehen ihrer Jacke und der Gummistiefel, während ihr Bruder es nicht mehr erwartet konnte endlich in den „stürmischen Regen“ zu laufen.
Als Josephine den langen Weg bis zur Tür geschafft hatte, zählte Jasmin bis drei und darauf hin lieferten sich die Geschwister und Jasmin ein spannendes Wettrenne, das zu aller Erstauen Josephine gewann.
*
Nils beobachtete das Schauspiel und musste unweigerlich lächeln. Jasmin war ein so wunderbarer Mensch, der andere Menschen um sich herum immer wieder ermuntern konnte. Sie schaffte es einfach immer und überall Menschen glücklich zu machen und war dabei selbst im Tiefsten Inneren so unglücklich. Er hoffte irgendwann erfahren zu dürfen, woran das lag, dass sie sich selber nicht leiden mochte und ihre Gaben so unterschätze. Aber es war noch nicht an der Zeit, das wusste er. Er hatte so viele Fragen, die er klären wollte aber vor Allem wollte er eines wissen: Wann würde sie sich endlich so sehen, wie sie wirklich war und aufhören sich selbst zu verneinen und sich selbst nicht wertzuschätzen? Er würde ihr so gerne dabei helfen, aber wie? Aber wie? Er gab ein Stoßgebet zum Himmel ab, so wie seine Oma ihm immer gelehrt hatte. Ob es etwas bringen würde? Er wusste es nicht, aber zumindest hatte man so das Gefühl, dass jemand da war der alles im Griff hatte.
Nils stellte sich vor, dass Jasmin eines Tages in den Spiegel schauen würde und lächeln würde. Zufrieden mit ihrem Aussehen, das nebenbei bemerkt für alle, außer für sie selbst, umwerfend war, und zufrieden mit ihrer Persönlichkeit, die so beeindruckend war, dass Nils Tag für Tag mehr von ihr hielt. Würde es diesen Tag jemals geben und vor Allem würde Nils derjenige sein der sie von hinten betrachten würde und sie anschließend liebevoll umarmen und küssen durfte? War es dumm von ihm sich solche Hoffnungen zu machen? Er würde Oma fragen. Sie war so weise wie wahrscheinlich kein anderer Mensch, den Nils kannte. Nicht einmal seine große Schwester, zu der er immer hinauf geschaut hatte, kam an diese alte Frau heran.
Zu gern wäre er Jasmin und den Kindern in das Ferienhaus gefolgt, aber er wusste, dass er ihr den Abstand gewähren müsste. Auch wenn es noch so schmerzlich war, sie nur so kurz gehabt zu haben und dann wieder gehen lassen zu müssen. Er musste lächeln, als er an jene Nacht dachte in der sie sich geküsst hatten. Es war wie sein erster Kuss gewesen. Er hatte schon einige Mädchen vor Jasmin gehabt, aber nach dem besagtem Kuss mit Jasmin war er so beflügelt gewesen. Er hatte das Gefühl gehabt, dass er zuvor noch nie jemanden richtig geküsste hatte und erst mit Jasmin begriffen, was ein wirklichen Kuss aus machte. Es war nur der eine Kuss gewesen, aber wenn er an ihn dachte wurde ihm warm ums Herz und er beschloss jedes Mal aufs Neue, das es ein zweites ein drittes, ein zehntes, ein hundertes, ein unendliches Mal geben würde.
*
„Ich hab keine Lust aufs Basteln. Ich dachte wir machen was cooles“, jammerte Josephine natürlich.
„Ich bastle einen neuen Fressnapf für die Katzen. Ihr habt ja so viele und die kleinen Katzen kommen manchmal gar nicht an das Essen ran.“ Leo war natürlich total begeistert und fing sofort an. Er beklebte eine alte Blechdose mit verschiedenen bunten Papierstreifen und übte sich im Katzen-Zeichnen. Es gelang ihm nicht beim ersten Mal und auch nicht beim zweiten Mal, aber er übte unbeirrt weiter.
Josephine kaute gelangweilt auf ihrem Kaugummi und wies jede Idee von Jasmin zurück.
Diese musste sich sehr stark zusammen reißen und dem verwöhntem Mädchen nicht genauso unhöflich zu antworten.
Sie hatte sich eine gelungen Ablenkung gewünscht und jetzt war sie da, denn Jasmin hatte alle Hände voll zu tun und musste keinen einzigen Gedanken mehr an Nils verschenken.
„Schau mal diese Perlen hier. Aus den könnte man eine wunderschöne Kette oder ein Armband machen. Was meinst du?“
„Hmm... Ich weiß nicht...“
„Man Josephine du nervst voll. Sag doch einfach ja und mach irgendwas. Wenn man nichts macht ist es ja klar, dass du Langeweile hast“, sagt Leo und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder voll und ganz dem Fressnapf für die kleinen Katzen zu.
„Schau mal“, sagte Jasmin während ihre Stimme leiser wurde, „Als ich diese Perlen bei mir entdeckt habe, musste ich direkt an dich denken. Du bist so ein hübsches Mädchen und ich glaube, dass diese Perlen besonders gut zu dir passen.“
Jasmin dachte kurz über das gesagt nach. Wenn ihr früher einmal so etwas gesagt hätte, wäre sie dieser Person bestimmt weinend um den Hals gefallen, aber diesem Mädchen schien es nichts zu bedeuten. Oder etwa doch? Hatte sie da gerade in Josephines Augen etwa so etwas wie einen Funken Begeisterung gesehen?
„Okay, wir können es ja mal probieren“,sagte Josephine fast kleinlaut.
Wie hatte sie das nur geschafft? War so ein nettes Wort wirklich das einzige gewesen, was das Mädchen gebraucht hatte? Sie hatte alles aber doch so wenig. Liebe. Liebe war das einzige, was ihre Eltern ihr nicht geben konnten.
Bei den Gedanken daran bekam Jasmin für einen kurzen Augenblick Gänsehaut. War es nicht das was alle Menschen gleich machte? War es nicht das, was auch sie eigentlich nur brauchte. Liebe?! Sie wollte es sich nicht eingestehen. Sie würde dem Mädchen gerne weitere Komplimente machen und ihr die Liebe geben, die sie brauchte und mit ihrem bockigem Verhalten eigentlich nur suchte.
Aber sich selbst würde sie nicht eingestehen, dass sie Liebe brauchte. Sie schloss die Augen für einen kurzen Moment.
Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Tausend Erinnerungen. Erinnerungen an jenen Tag an dem sich schließlich alles geändert hatte. An dem vielleicht nur ein kleines liebevolles Wort oder eine liebevolle Geste doch noch alles zu Guten gewand haben könnte.
*
Der graue Hinterhof müffelte. Sie verließ mit schnellen Schritten den Ort des Schreckens. Sie dachte an Mamis bleiches Gesicht und wusste, dass Mami schon lange nichts mehr gegessen hatte. Der Magen des kleinen Mädchen zog sich zusammen, als sie an den leeren Kühlschrank dachte. Er funktionierte schon seit einer Woche nicht mehr. Der Strom war abgeschaltet worden. Mami hatte wieder einmal nicht die Miete bezahlt. Die Hochhäuser warfen ihre Schatten auf das kleine hilflose Geschöpf. Es begann zu laufen, als es die Polizeisirenen hörte.
„Du siehst scheiße aus“, hatte Mami gesagt, einfach so, dabei hatte sie noch nicht mal was gemacht. Sie hatte Mami die Bierflasche gebracht und ihr zugelächelt. „Ich hab aber meine Haare gekämmt Mami und mir die sauberen Sachen angezogen, die ich gestern erst gewaschen hab.“
„Hast du was gegessen?“ Sie wusste nicht ob da Schuldgefühle mitklangen. Ihre Mutter hatte eigentlich schon lange zu vor aufgehört irgendwelche Gefühle zu empfinden.
„Nein... Der Kühlschrank ist leer und Andy hat die letzten Schokoriegel aufgegessen.“
„Man ey... der soll mal lieber seinen Job machen und mich wieder herstellen und nicht meiner Süßen die Schokoriegel wegfresse.“
Sie schwieg. Was sollte sie sagen? Ihre Mutter nach Geld fragen? Sie hatte keins. Es floss gerade in Mamis Mund. Sie hasste diese blöden Bierflasche und den blöden Andy und alles andere, was ihre Mutter so arm machte.
„Geh dir was kaufen!“
„Ich hab kein Geld mehr.“
„Dann klau dir was. Du weißt doch wie´s geht. Weißt du noch das letzte Mal, das war so witzig“ Mami grunzte laut und brabbelte irgendetwas vor sich her.
Es war nicht witzig. Es war gruselig gewesen. Die Polizisten, waren hinter ihnen hergelaufen und dann waren sie in ein Auto gesprungen, das irgendeiner von Mamis Kumels gefahren war, der die ganze Zeit komisches Sachen gesagt hatte und Mami hatte gekichert und ihren Rock immer höher gezogen.
Sie musste an all das Denken, während sie anfing zu weinen. Sie wollte nicht scheiße aussehen. Aber selbst Mami sagte das. Sie wollte nicht klauen. Aber Mami hatte es ihr gesagt. Sie wollte nicht schwarz fahren. Aber genau das tat sie jetzt, als sie in die U-Bahn sprang und weg fuhr. Einfach nur weg. Sie wusste nicht wo hin. Aber sie würde irgendwo ankommen, wo sie schöner aussehen würde, wo sie keinen Hunger mehr hatte und wo Mami wieder normal sein würde.
*
Jasmin schluckte schwer. Schon so oft hatte sie versucht jenen Tag aus ihrem Gedächtnis zu löschen aber niemals schien auch nur eine Einzelheit zu verschwiden. Jedes mal sah sie alles genau vor Augen. Wie die U-Bahn Stationen an ihr vorbeirauschten, Cottbusser Platz, Wuhletal, Lichtenberg, Frankfurter Tor, Weberwiese, Alexanderplatz... Hätte ihr an diesem Tag jemand gesagt, dass sie ein guter Mensch war, dass sie schön war, dass alles gut weden würde, wäre nur ein einziger Mensch ihr in Liebe begegnet, vielleicht... vielleicht...
Es hatte keinen Sinn über das „Vielleicht“ nachzudeken.
Es war gekommen wie es gekommen war, wie es kommen musste!?!
„Jasmin? Wie findest du das?“, fragte Josephine und streckte ihr ein fertiges Armband entgegen.
„Wunderschön“, murmelte Jasmin und versuchte krampfhaft zu lächeln.