Windstärke 10, Auf diesen Sturm folgt morgen ganz bestimmt der Nächste

Kapitel 2

Sie mochte ihr Leben hier. Nach Jahren der völligen Orientierungslosigkeit hatte sie nun endlich einen ruhigen Hafen gefunden. Hier an der Nordsee. Hier am Deich. Hier auf dem Eichenhof. Sie hatte Menschen gefunden, die sie akzeptierten. Die ihr ein Dach über dem Kopf boten. Die ihr ein Zuhause gaben. Sie hatten sie aufgenommen wie ein lang verlorenes Familienmitglied, das wieder zurückgekehrt war. Es schien fast so als hätte Oma an der Tür gestanden und sie mit offenen Armen empfangen, so wie in einer der Geschichten, die sie manchmal zu erzählen pflegte. Wie hieß die noch gleich?... Genau, "Der verlorene Sohn"! Nur, dass sie eine verlorene Tochter war, die in ein ihr unbekanntest Haus eingekehrt war, da sonst niemand sie vermisste oder auf sie warten würde. Sie hatte in den Eckhoff´s eine Familie gefunden. Eine ihr bisher völlig unbekannte Instutition. Erst hier war ihr bewusst geworden, was sie alles in ihrem Leben verpasst hatte und gerade deshalb genoss sie dieses Leben hier in vollen Zügen. Sie hoffte, dass ihr das Schicksal nicht wieder ein Strich durch die Rechnung ziehen würde. Sie wollte hier bleiben und einfach nur ein normales Leben führen. Bis jetzt war sie noch in keine Schwierigkeiten geraten. Ihr Leben hier war perfekt! Manch einer hätte vielleicht den Kopf geschüttelt und sich gefragt, was daran so toll sei Betten in einem Ferienhaus in einem kleinem ostfriesischem Dorf zu beziehen, aber für Jasmin war es das Schönste auf der Welt. Hier gab es Ruhe und das war eines der kostbarsten Dinge in ihrem Leben. Nur die gelegentlichen Schreie der Möwen, die die Ruhe unterbrachen, holten sie manchmal zurück in die Realität und erinnerten sie daran, wer sie wirklich war. Aber heute machte es ihr nichts aus. Heute wollte sie einfach nur glücklich sein. Heute würde sie am liebsten laut singen und in die Luft springen. Es schien alles perfekt zu sein. In ihrer kleinen künstlich aufgebauten Welt lief alles glatt.

*

"It´s a drop in the ocean a change in the weather I was praying that you and me might end up together." "Ron Pope. A drop in the ocean?" Jasmin schreckte auf. Nils lehnte sich an den Türrahmen des Ferienhauses. Eine Moment blieb ihr die Luft weg. Sein schiefes Lächel haute sie jedes mal aufs Neue um und auch wenn sie sich dagegen wehrte verlor sie sich einige Sekunden in seinen tiefblauen Augen. "Hab ich gesungen?", fragte sie verlegen als sie sich endlich aus seinem Blick befreien konnte. "Ja" Er grinste "Und erstaunlich gut." "Oh..." Warum hatte sie laut gesungen? Sie hätte sich schwarz ärgern können "It´s like wishing for rain as I stand in the desert", sang Nils weiter. Krampfhaft musste Jasmin sich das Lachen verkneifen. Er sang einige Tonlagen zu tief, wenn man es überhaupt Tonlagen nennen konnte, denn von der eigentlichen Melodie war nicht mehr viel übrig geblieben. "Was?", fragte Nils und tat so als wäre er völlig entrüstet über Jasmin´s unerhörtes Verhalten. Schließlich konnte sie ihr Lachen nicht länger unterdrücken und musste laut los prusten. Er stemmte seine Arme in die Hüfte und formte mit seinen perfekten und gleichmäßig geformten Lippen einen Schmollmund "Ich finde, dass ich überdurchschnittlich gut singe."

"Stimmt..." Die Ironie in Jasmins Stimme war nicht zu überhören. "Vielleicht kannst du mir das Singen beibringen?!" "Manchmal gibt es hoffnungslose Fälle." Sie zwinkerte ihm zu und im selben Moment bereute sie es auch schon wieder. Sie musste aufpassen. Sie durfte ihm keine falschen Hoffnungen machen. Er durfte sich nicht in sie verlieben. "Jasmin..." Nils verließ seinen Platz an der Tür und kam auf sie zu. "Wir müssen über gestern Abend reden", sagte er wieder ernst. Für einen weiteren kurzen Moment verlor Jasmin sich in seinen Augen. Doch dann drehte sie sich schnell wieder um und wandte ihre ganze Aufmerksamkeit der zu Decke, die sie zuknöpfen musste. Nils stand vor ihr und sie konnte seinen Atem hören und spüren aber sie weigerte sich zu ihm aufzusehen. "Jasmine ich versteh das nicht. Du lässt mich nicht an dich ran. Das ist nicht fair."

"Es gibt nichts zu verstehen. So bin ich eben." "Das glaub ich dir nicht. Du bist eine verschlossene Persönlichkeit, ja das stimmt. Damit komme ich klar, aber nicht damit, dass wir nicht über die einfachsten Dinge reden können." "Das ist nicht einfach, denn ich bin so..." "Ich wünschte du würdest sehen, wer du wirklich bist." Er legte seine große Hand auf ihre schmalen Schultern. "Ich weiß wer ich bin!", sagte sie während sie seine Hand von sich schüttelte. Sie wusste nur zu gut wer sie war. Und gerade deshalb würde das mit Nils nie etwas werden. Gestern hatte sie einen schwachen Punkt gehabt. Die Gefühle waren mit ihr durchgegangen. Ihre Hormone hatten ihren sonst so rationalen Kopf ausgeschaltet. Aber heute,... Sie würde nicht noch einmal darauf reinfallen. Sie würde ihm nicht noch einmal in die Augen schauen und sie würde nicht noch einmal seine starke Hand auf ihrem Körper spüren. "Ich mag dich wirklich sehr gern, Jasmin. Wir gehören zusammen. Das weiß ich." "Woher willst du das wissen?", fragte Jasmin patzig zurück. "Als wir uns gestern geküsst haben, da hab ich es genau gespürt." "Vergess gestern einfach wieder." Ihre Stimme klang stark und emotionslos. Innerlich krapfte sich jedoch ihr Herz zusammen. Sie biss sich auf die Lippen. Und war froh , dass Nils ihr nicht ins Gesicht schauen konnte. "Wie könnte ich das vergessen!?" Er seufzte. Sie konnte sein schmerzverzogenes Gesicht vor sich sehen, dafür brauchte sie nicht zu ihm aufsehen. "Gib mir mindestens eine Chance." Sie schwieg. Was hätte sie auch sagen sollen? Dass sie auch etwas für ihn empfand? Nein, nie würden diese Worte über ihre Lippen gehen. "Als ich dich gestern geküsst habe, da hast du dem Kuss erwidert. Wir sind Händchen haltend am Strand spazieren gegangen und du hast den ganzen Abend gelächelt. Wir haben über alles reden können und dabei die Zeit völlig vergessen. Und heute stehst du hier und schaust mich noch nicht einmal an? Ist das dein Ernst?" Jasmin ´s Kehle schnürte sich zu. Tränen bahnten sich ihren Weg. Verzweifelt versuchte sie diese wegzuzwinkern. "Jasmin ich liebe dich..." Ein Zittern ergriff ihren Körper. Es war als würde jede Körperzelle ihres Körpers gegen die Liebe ankämpfen. Sie war so ein schlechter Mensch. Er war so ein guter Mensch. Er hatte sie nicht verdient. "Ich hab ein Bettlacken vergessen."

Ohne Nils in die Augen zu schauen, verließ Jasmin das Ferienhaus. Nils hob die Bettbezüge hoch, die auf einer Kammode lagen. Das Bettlacken war da. Es war nur eine leere Ausrede gewesen. Nils schaute ihr kopfschüttelnd nach. Er hätte warten sollen. Sie war noch nicht bereit. Aber die Zeit würde kommen, davon war er felsenfest überzeugt.

*

Alles lief dem geregelten Tagesverlauf entsprechend. Das Ferienhaus war, laut Jasmin, Einzugs bereit und die Pferde waren inzwischen auch schon auf der Weide. Nele trat aus dem Stall und ließ ihren Blick über ihr kleines Reich schweifen: Über das weite grüne Land auf dem ein paar Kühe, Schafe und Pferde weideten, über die drei kleinen, aber perfekt ausgestatteten Ferienhäuser, über ihr eigenes Haus, das so wie alle anderen Häuser hier an der Küste mit roten Backsteinen geklickert war, über die Ställe und den Obstgarten, den Oma mit all ihrer Liebe pflegte und hegte. Die Scheune hingegen würdigte sie keinen Blick. Früher hätte sie nie daran denken können, hier den Rest ihres Lebens zu verbringen. Das Leben auf dem Land erschien ihr immer zu langweilig und primitiv zu sein. Sie hatte davon geträumt in eine Großstadt zu ziehen und dort einfach nur schnell ans große Geld zu kommen. Stattdessen hatte sie sich ein kleines Strand Haus gekauft und war in der Nähe ihres Elternhauses geblieben. Ihre Eltern hatten eine ganz besondere Gabe besessen. Diese lag nämlich darin, ihren Kindern

Kindern ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber im Endeffekt, bereute Nele es nicht hier geblieben zu sein. Viele ihrer ehemaligen Schulkameraden und Freunde waren in Großstädte gezogen und hatten dort nicht das großes Glück finden können. Im Gegenteil, die Meisten waren gescheitert und das in vielerlei Hinsicht. Sie hingegen hatte sich ein schönes Leben aufbauen können. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die ihr im Laufe der Jahre in den Weg gestellt worden waren, hatte sie ein eigenes Unternehmen gegründet. Sie hatte aus einem ganz normalen Bauernhof, der schon mehr als ein Jahrhundert in den Händen ihrer Familie lag und immer nur Pferde und Kühe gezüchtet hatte, einen familienfreundlichen und, ihrer Meinung nach, wunderschönen Ferienhof geschaffen. Einer der gefragtesten in dieser Gegend, wohl bemerkt. Oft waren die Häuser schon ein Jahr vorher ausgebucht. Es schien fast als würden ihr die bunten Tulpen, die die Einfahrt des Ferienhofes schmückten, anerkennend zunicken. Ihren prachtvollen Köpfen wurden vom Wind langsam hin und her wiegte. Oder nickten sie sich einfach nur in einen Mittagsschlaf? Nele musste über dieses Bild lächeln. Manchmal erschien ihr die ganze Welt wie ein riesengroßes Kunstwerk, das bereits in einer Galerie ausgestellt war, es galt nur noch die Gemälde zu bewundern. In Momenten wie diesen ließ sie die Natur auf sich einwirken und erlaubte es sich auch in