Zeitgemäßes über Krieg und Tod
II. Unser Verhältnis zum Tode.
Das zweite Moment, von dem ich es ableite, daß wir uns so befremdet fühlen in
dieser einst so schönen und trauten Welt, ist die Störung des bisher von uns
festgehaltenen Verhältnisses zum Tode.
Dies Verhältnis war kein aufrichtiges. Wenn man uns anhörte, so waren wir
natürlich bereit zu vertreten, daß der Tod der notwendige Ausgang alles Lebens
sei, daß jeder von uns der Natur einen Tod schulde und vorbereitet sein müsse,
die Schuld zu bezahlen, kurz, daß der Tod natürlich sei, unableugbar und
unvermeidlich. In Wirklichkeit pflegten wir uns aber zu benehmen, als ob es
anders wäre. Wir haben die unverkennbare Tendenz gezeigt, den Tod beiseite zu
schieben, ihn aus dem Leben zu eliminieren. Wir haben versucht, ihn
totzuschweigen; wir besitzen ja auch das Sprichwort: man denke an etwas wie an
den Tod. Wie an den eigenen natürlich. Der eigene Tod ist ja auch unvorstellbar,
und so oft wir den Versuch dazu machen, können wir bemerken, daß wir
eigentlich als Zuschauer weiter dabei bleiben. So konnte in der
psychoanalytischen Schule der Ausspruch gewagt werden: Im Grunde glaube
niemand an seinen eigenen Tod oder, was dasselbe ist: Im Unbewußten sei jeder
von uns von seiner Unsterblichkeit überzeugt.
Was den Tod eines anderen betrifft, so wird der Kulturmensch es sorgfältig
vermeiden, von dieser Möglichkeit zu sprechen, wenn der zum Tode Bestimmte
es hören kann. Nur Kinder setzen sich über diese Beschränkung hinweg; sie
drohen einander ungescheut mit den Chancen des Sterbens und bringen es auch
zustande, einer geliebten Person dergleichen ins Gesicht zu sagen, wie z. B.:
Liebe Mama, wenn du leider gestorben sein wirst, werde ich dies oder jenes. Der
erwachsene Kultivierte wird den Tod eines anderen auch nicht gerne in seine
Gedanken einsetzen, ohne sich hart oder böse zu erscheinen; es sei denn, daß er
berufsmäßig als Arzt, Advokat u. dgl. mit dem Tode zu tun habe. Am wenigsten
wird er sich gestatten, an den Tod des anderen zu denken, wenn mit diesem
Ereignis ein Gewinn an Freiheit, Besitz, Stellung verbunden ist. Natürlich lassen
sich Todesfälle durch dies unser Zartgefühl nicht zurückhalten; wenn sie sich
ereignet haben, sind wir jedesmal tief ergriffen und wie in unseren Erwartungen
erschüttert. Wir betonen regelmäßig die zufällige Veranlassung des Todes, den Unfall, die Erkrankung, die Infektion, das hohe Alter, und verraten so unser
Bestreben, den Tod von einer Notwendigkeit zu einer Zufälligkeit
herabzudrücken. Eine Häufung von Todesfällen erscheint uns als etwas überaus
Schreckliches. Dem Verstorbenen selbst bringen wir ein besonderes Verhalten
entgegen, fast wie eine Bewunderung für einen, der etwas sehr Schwieriges
zustande gebracht hat. Wir stellen die Kritik gegen ihn ein, sehen ihm sein
etwaiges Unrecht nach, geben den Befehl aus: De mortuis nil nisi bene, und
finden es gerechtfertigt, daß man ihm in der Leichenrede und auf dem Grabstein
das Vorteilhafteste nachrühmt. Die Rücksicht auf den Toten, deren er doch nicht
mehr bedarf, steht uns über der Wahrheit, den meisten von uns gewiß auch über
der Rücksicht für den Lebenden.
Diese kulturell-konventionelle Einstellung gegen den Tod ergänzt sich nun durch
unseren völligen Zusammenbruch, wenn das Sterben eine der uns nahestehenden
Personen, einen Eltern- oder Gattenteil, ein Geschwister, Kind oder teuren
Freund getroffen hat. Wir begraben mit ihm unsere Hoffnungen, Ansprüche,
Genüsse, lassen uns nicht trösten und weigern uns, den Verlorenen zu ersetzen.
Wir benehmen uns dann wie eine Art von A s r a, welche m i t s t e r b e n ,
w e n n d i e s t e r b e n , d i e s i e l i e b e n.
Dies unser Verhältnis zum Tode hat aber eine starke Wirkung auf unser Leben.
Das Leben verarmt, es verliert an Interesse, wenn der höchste Einsatz in den
Lebensspielen, eben das Leben selbst, nicht gewagt werden darf. Es wird so
schal, gehaltlos wie etwa ein amerikanischer Flirt, bei dem es von vorneherein
feststeht, daß nichts vorfallen darf, zum Unterschied von einer kontinentalen
Liebesbeziehung, bei welcher beide Partner stets der ernsten Konsequenzen
eingedenk bleiben müssen. Unsere Gefühlsbindungen, die unerträgliche
Intensität unserer Trauer, machen uns abgeneigt, für uns und die unserigen
Gefahren aufzusuchen. Wir getrauen uns nicht, eine Anzahl von
Unternehmungen in Betracht zu ziehen, die gefährlich, aber eigentlich
unerläßlich sind wie Flugversuche, Expeditionen in ferne Länder, Experimente
mit explodierbaren Substanzen. Uns lähmt dabei das Bedenken, wer der Mutter
den Sohn, der Gattin den Mann, den Kindern den Vater ersetzen soll, wenn ein
Unglück geschieht. Die Neigung, den Tod aus der Lebensrechnung
auszuschließen, hat so viele andere Verzichte und Ausschließungen im Gefolge.
Und doch hat der Wahlspruch der H a n s a gelautet: Navigare necesse est, vivere
non necesse! (Seefahren muß man, leben muß man nicht.)
Es kann dann nicht anders kommen, als daß wir in der Welt der Fiktion, in der
Literatur, im Theater Ersatz suchen für die Einbuße des Lebens. Dort finden wir noch Menschen, die zu sterben verstehen, ja die es auch zustande bringen, einen
anderen zu töten. Dort allein erfüllt sich uns auch die Bedingung, unter welcher
wir uns mit dem Tod versöhnen könnten, wenn wir nämlich hinter allen
Wechselfällen des Lebens noch ein unantastbares Leben übrig behielten. Es ist
doch zu traurig, daß es im Leben zugehen kann wie im Schachspiel, wo ein
falscher Zug uns zwingen kann, die Partie verloren zu geben, mit dem
Unterschied aber, daß wir keine zweite, keine Revanchepartie beginnen können.
Auf dem Gebiete der Fiktion finden wir jene Mehrheit von Leben, deren wir
bedürfen. Wir sterben in der Identifizierung mit dem einen Helden, überleben
ihn aber doch und sind bereit, ebenso ungeschädigt ein zweites Mal mit einem
anderen Helden zu sterben.
Es ist evident, daß der Krieg diese konventionelle Behandlung des Todes
hinwegfegen muß. Der Tod läßt sich jetzt nicht mehr verleugnen; man muß an
ihn glauben. Die Menschen sterben wirklich, auch nicht mehr einzeln, sondern
viele, oft Zehntausende an einem Tag. Er ist auch kein Zufall mehr. Es scheint
freilich noch zufällig, ob diese Kugel den einen trifft oder den andern; aber
diesen anderen mag leicht eine zweite Kugel treffen, die Häufung macht dem
Eindruck des Zufälligen ein Ende. Das Leben ist freilich wieder interessant
geworden, es hat seinen vollen Inhalt wieder bekommen.
Man müßte hier eine Scheidung in zwei Gruppen vornehmen, diejenigen, die
selbst im Kampf ihr Leben preisgeben, trennen von den anderen, die zu Hause
geblieben sind und nur zu erwarten haben, einen ihrer Lieben an den Tod durch
Verletzung, Krankheit oder Infektion zu verlieren. Es wäre gewiß sehr
interessant, die Veränderungen in der Psychologie der Kämpfer zu studieren,
aber ich weiß zu wenig darüber. Wir müssen uns an die zweite Gruppe halten, zu
der wir selbst gehören. Ich sagte schon, daß ich meine, die Verwirrung und die
Lähmung unserer Leistungsfähigkeit, unter denen wir leiden, seien wesentlich
mitbestimmt durch den Umstand, daß wir unser bisheriges Verhältnis zum Tode
nicht aufrecht halten können und ein neues noch nicht gefunden haben.
Vielleicht hilft es uns dazu, wenn wir unsere psychologische Untersuchung auf
zwei andere Beziehungen zum Tode richten, auf jene, die wir dem Urmenschen,
dem Menschen der Vorzeit zuschreiben dürfen, und jene andere, die in jedem
von uns noch erhalten ist, aber sich unsichtbar für unser Bewußtsein in tieferen
Schichten unseres Seelenlebens verbirgt.
Wie sich der Mensch der Vorzeit gegen den Tod verhalten, wissen wir natürlich
nur durch Rückschlüsse und Konstruktionen, aber ich meine, daß diese Mittel
uns ziemlich vertrauenswürdige Auskünfte ergeben haben.
Der Urmensch hat sich in sehr merkwürdiger Weise zum Tode eingestellt. Gar
nicht einheitlich, vielmehr recht widerspruchsvoll. Er hat einerseits den Tod
ernst genommen, ihn als Aufhebung des Lebens anerkannt und sich seiner in
diesem Sinne bedient, anderseits aber auch den Tod geleugnet, ihn zu nichts
herabgedrückt. Dieser Widerspruch wurde durch den Umstand ermöglicht, daß
er zum Tode des anderen, des Fremden, des Feindes eine radikal andere Stellung
einnahm als zu seinem eigenen. Der Tod des anderen war ihm recht, galt ihm als
Vernichtung des Verhaßten, und der Urmensch kannte kein Bedenken, ihn
herbeizuführen. Er war gewiß ein sehr leidenschaftliches Wesen, grausamer und
bösartiger als andere Tiere. Er mordete gerne und wie selbstverständlich. Den
Instinkt, der andere Tiere davon abhalten soll, Wesen der gleichen Art zu töten
und zu verzehren, brauchen wir ihm nicht zuzuschreiben.
Die Urgeschichte der Menschheit ist denn auch vom Morde erfüllt. Noch heute
ist das, was unsere Kinder in der Schule als Weltgeschichte lernen, im
wesentlichen eine Reihenfolge von Völkermorden. Das dunkle Schuldgefühl,
unter dem die Menschheit seit Urzeiten steht, das sich in manchen Religionen
zur Annahme einer U r s c h u l d, einer Erbsünde, verdichtet hat, ist
wahrscheinlich der Ausdruck einer Blutschuld, mit welcher sich die urzeitliche
Menschheit beladen hat. Ich habe in meinem Buche »T o t e m und T a b u«
(1913), den Winken von W. R o b e r t s o n S m i t h, A t k i n s o n und Ch.
D a r w i n folgend, die Natur dieser alten Schuld erraten wollen, und meine, daß
noch die heutige christliche Lehre uns den Rückschluß auf sie ermöglicht. Wenn
Gottes Sohn sein Leben opfern mußte, um die Menschheit von der Erbsünde zu
erlösen, so muß nach der Regel der Talion, der Vergeltung durch Gleiches, diese
Sünde eine Tötung, ein Mord gewesen sein. Nur dies konnte zu seiner Sühne das
Opfer eines Lebens erfordern. Und wenn die Erbsünde ein Verschulden gegen
Gott-Vater war, so muß das älteste Verbrechen der Menschheit ein Vatermord
gewesen sein, die Tötung des Urvaters der primitiven Menschenhorde, dessen
Erinnerungsbild später zur Gottheit verklärt wurde[1].
Der eigene Tod war dem Urmenschen gewiß ebenso unvorstellbar und
unwirklich, wie heute noch jedem von uns. Es ergab sich aber für ihn ein Fall, in
dem die beiden gegensätzlichen Einstellungen zum Tode zusammenstießen und
in Konflikt miteinander gerieten, und dieser Fall wurde sehr bedeutsam und
reich an fernwirkenden Folgen. Er ereignete sich, wenn der Urmensch einen
seiner Angehörigen sterben sah, sein Weib, sein Kind, seinen Freund, die er
sicherlich ähnlich liebte wie wir die unseren, denn die Liebe kann nicht um
vieles jünger sein als die Mordlust. Da mußte er in seinem Schmerz die Erfahrung machen, daß man auch selbst sterben könne, und sein ganzes Wesen
empörte sich gegen dieses Zugeständnis; jeder dieser Lieben war ja doch ein
Stück seines eigenen geliebten Ichs. Anderseits war ihm ein solcher Tod doch
auch recht, denn in jeder der geliebten Personen stak auch ein Stück Fremdheit.
Das Gesetz der Gefühlsambivalenz, das heute noch unsere Gefühlsbeziehungen
zu den von uns geliebtesten Personen beherrscht, galt in Urzeiten gewiß noch
uneingeschränkter. Somit waren diese geliebten Verstorbenen doch auch Fremde
und Feinde gewesen, die einen Anteil von feindseligen Gefühlen bei ihm
hervorgerufen hatten[2].
Die Philosophen haben behauptet, das intellektuelle Rätsel, welches das Bild des
Todes dem Urmenschen aufgab, habe sein Nachdenken erzwungen und sei der
Ausgang jeder Spekulation geworden. Ich glaube, die Philosophen denken da zu
– philosophisch, nehmen zu wenig Rücksicht auf die primär wirksamen Motive.
Ich möchte darum die obige Behauptung einschränken und korrigieren: an der
Leiche des erschlagenen Feindes wird der Urmensch triumphiert haben, ohne
einen Anlaß zu finden, sich den Kopf über die Rätsel des Lebens und des Todes
zu zerbrechen. Nicht das intellektuelle Rätsel und nicht jeder Todesfall, sondern
der Gefühlskonflikt beim Tode geliebter und dabei doch auch fremder und
gehaßter Personen hat die Forschung der Menschen entbunden. Aus diesem
Gefühlskonflikt wurde zunächst die Psychologie geboren. Der Mensch konnte
den Tod nicht mehr von sich ferne halten, da er ihn in dem Schmerz um den
Verstorbenen verkostet hatte, aber er wollte ihn doch nicht zugestehen, da er sich
selbst nicht tot vorstellen konnte. So ließ er sich auf Kompromisse ein, gab den
Tod auch für sich zu, bestritt ihm aber die Bedeutung der Lebensvernichtung,
wofür ihm beim Tode des Feindes jedes Motiv gefehlt hatte. An der Leiche der
geliebten Person ersann er die Geister, und sein Schuldbewußtsein ob der
Befriedigung, die der Trauer beigemengt war, bewirkte, daß diese
erstgeschaffenen Geister böse Dämonen wurden, vor denen man sich ängstigen
mußte. Die Veränderungen des Todes legten ihm die Zerlegung des Individuums
in einen Leib und in eine – ursprünglich mehrere – Seelen nahe; in solcher Weise
ging sein Gedankengang dem Zersetzungsprozeß, den der Tod einleitet, parallel.
Die fortdauernde Erinnerung an den Verstorbenen wurde die Grundlage der
Annahme anderer Existenzformen, gab ihm die Idee eines Fortlebens nach dem
anscheinenden Tode.
Diese späteren Existenzen waren anfänglich nur Anhängsel an die durch den Tod
abgeschlossene, schattenhaft, inhaltsleer und bis in späte Zeiten hinauf
geringgeschätzt; sie trugen noch den Charakter kümmerlicher Auskünfte. Wir erinnern, was die Seele des Achilleus dem Odysseus erwidert:
»Denn dich Lebenden einst verehrten wir, gleich den Göttern,
Argos Söhn'; und jetzo gebietest du mächtig den Geistern,
Wohnend allhier. Drum laß dich den Tod nicht reuen, Achilleus.
Also ich selbst; und sogleich antwortet' er, solches erwidernd:
Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odysseus!
Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen
Einem dürftigen Mann, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand,
Als die sämtliche Schaar der geschwundenen Toten beherrschen.«
(Odyssee XI v. 484–491)
Oder in der kraftvollen, bitter-parodistischen Fassung von H. H e i n e:
»Der kleinste lebendige Philister
Zu Stuckert am Neckar
Viel glücklicher ist er
Als ich, der Pelide, der tote Held,
Der Schattenfürst in der Unterwelt«.
Erst später brachten es die Religionen zustande, diese Nachexistenz für die
wertvollere, vollgültige auszugeben und das durch den Tod abgeschlossene
Leben zu einer bloßen Vorbereitung herabzudrücken. Es war dann nur
konsequent, wenn man auch das Leben in die Vergangenheit verlängerte, die
früheren Existenzen, die Seelenwanderung und Wiedergeburt ersann, alles in der
Absicht, dem Tod seine Bedeutung als Aufhebung des Lebens zu rauben. So
frühzeitig hat die Verleugnung des Todes, die wir als konventionell-kulturell
bezeichnet haben, ihren Anfang genommen.
An der Leiche der geliebten Person entstanden nicht nur die Seelenlehre, der
Unsterblichkeitsglaube und eine mächtige Wurzel des menschlichen
Schuldbewußtseins, sondern auch die ersten ethischen Gebote. Das erste und
bedeutsamste Verbot des erwachenden Gewissens lautete: D u s o l l s t n i c h t
t ö t e n . Es war als die Reaktion gegen die hinter der Trauer versteckte
Haßbefriedigung am geliebten Toten gewonnen worden, und wurde allmählich
auf den ungeliebten Fremden und endlich auch auf den Feind ausgedehnt.
An letzterer Stelle wird es vom Kulturmenschen nicht mehr verspürt. Wenn das
wilde Ringen dieses Krieges seine Entscheidung gefunden hat, wird jeder der
siegreichen Kämpfer froh in sein Heim zurückkehren, zu seinem Weib und Kindern, unverweilt und ungestört durch Gedanken an die Feinde, die er im
Nahekampf oder durch die fernwirkende Waffe getötet hat. Es ist
bemerkenswert, daß sich die primitiven Völker, die noch auf der Erde leben und
dem Urmenschen gewiß näher stehen als wir, in diesem Punkte anders verhalten
– oder verhalten haben, so lange sie noch nicht den Einfluß unserer Kultur
erfahren hatten. Der Wilde – Australier, Buschmann, Feuerländer – ist
keineswegs ein reueloser Mörder; wenn er als Sieger vom Kriegspfade
heimkehrt, darf er sein Dorf nicht betreten und sein Weib nicht berühren, ehe er
seine kriegerischen Mordtaten durch oft langwierige und mühselige Bußen
gesühnt hat. Natürlich liegt die Erklärung aus seinem Aberglauben nahe; der
Wilde fürchtet noch die Geisterrache der Erschlagenen. Aber die Geister der
erschlagenen Feinde sind nichts anderes als der Ausdruck seines bösen
Gewissens ob seiner Blutschuld; hinter diesem Aberglauben verbirgt sich ein
Stück ethischer Feinfühligkeit, welches uns Kulturmenschen verloren gegangen
ist[3].
Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Berührung mit Bösem und
Gemeinem ferne wissen möchten, werden gewiß nicht versäumen, aus der
Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu
ziehen auf die Stärke ethischer Regungen, welche uns eingepflanzt sein müssen.
Leider beweist dieses Argument noch mehr für das Gegenteil. Ein so starkes
Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines
Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten[4], es schließt sich von
selbst aus. Gerade die Betonung des Gebotes: Du sollst nicht töten, macht uns
sicher, daß wir von einer unendlich langen Generationsreihe von Mördern
abstammen, denen die Mordlust, wie vielleicht noch uns selbst, im Blute lag. Die
ethischen Strebungen der Menschheit, an deren Stärke und Bedeutsamkeit man
nicht zu nörgeln braucht, sind ein Erwerb der Menschengeschichte; in leider sehr
wechselndem Ausmaße sind sie dann zum ererbten Besitz der heute lebenden
Menschen geworden.
Verlassen wir nun den Urmenschen und wenden wir uns dem Unbewußten im
eigenen Seelenleben zu. Wir fußen hier ganz auf der Untersuchungsmethode der
Psychoanalyse, der einzigen, die in solche Tiefen reicht. Wir fragen: wie verhält
sich unser Unbewußtes zum Problem des Todes? Die Antwort muß lauten: fast
genau so wie der Urmensch. In dieser wie in vielen anderen Hinsichten lebt der
Mensch der Vorzeit ungeändert in unserem Unbewußten fort. Also unser
Unbewußtes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich.
Was wir unser »Unbewußtes« heißen, die tiefsten, aus Triebregungen bestehenden Schichten unserer Seele, kennt überhaupt nichts Negatives, keine
Verneinung – Gegensätze fallen in ihm zusammen – und kennt darum auch nicht
den eigenen Tod, dem wir nur einen negativen Inhalt geben können. Dem
Todesglauben kommt also nichts Triebhaftes in uns entgegen. Vielleicht ist dies
sogar das Geheimnis des Heldentums. Die rationelle Begründung des
Heldentums ruht auf dem Urteil, daß das eigene Leben nicht so wertvoll sein
kann wie gewisse abstrakte und allgemeine Güter. Aber ich meine, häufiger
dürfte das instinktive und impulsive Heldentum sein, welches von solcher
Motivierung absieht und einfach nach der Zusicherung des
A n z e n g r u b e r'schen Steinklopferhanns: E s k a n n d i r n i x
g ' s c h e h ' n, den Gefahren trotzt. Oder jene Motivierung dient nur dazu, die
Bedenken wegzuräumen, welche die dem Unbewußten entsprechende
heldenhafte Reaktion hintanhalten können. Die Todesangst, unter deren
Herrschaft wir häufiger stehen, als wir selbst wissen, ist dagegen etwas
Sekundäres, und meist aus Schuldbewußtsein hervorgegangen.
Anderseits anerkennen wir den Tod für Fremde und Feinde und verhängen ihn
über sie ebenso bereitwillig und unbedenklich wie der Urmensch. Hier zeigt sich
freilich ein Unterschied, den man in der Wirklichkeit für entscheidend erklären
wird. Unser Unbewußtes führt die Tötung nicht aus, es denkt und wünscht sie
bloß. Aber es wäre unrecht, diese p s y c h i s c h e Realität im Vergleiche zur
f a k t i s c h e n so ganz zu unterschätzen. Sie ist bedeutsam und folgenschwer
genug. Wir beseitigen in unseren unbewußten Regungen täglich und stündlich
alle, die uns im Wege stehen, die uns beleidigt und geschädigt haben. Das »Hol'
ihn der Teufel«, das sich so häufig in scherzendem Unmut über unsere Lippen
drängt, und das eigentlich sagen will: Hol' ihn der Tod, in unserem Unbewußten
ist es ernsthafter, kraftvoller Todeswunsch. Ja, unser Unbewußtes mordet selbst
für Kleinigkeiten; wie die alte athenische Gesetzgebung des D r a k o n kennt es
für Verbrechen keine andere Strafe als den Tod, und dies mit einer gewissen
Konsequenz, denn jede Schädigung unseres allmächtigen und selbstherrlichen
Ichs ist im Grunde ein crimen laesae majestatis.
So sind wir auch selbst, wenn man uns nach unseren unbewußten
Wunschregungen beurteilt, wie die Urmenschen eine Rotte von Mördern. Es ist
ein Glück, daß alle diese Wünsche nicht die Kraft besitzen, die ihnen die
Menschen in Urzeiten noch zutrauten[5]; in dem Kreuzfeuer von gegenseitigen
Verwünschungen wäre die Menschheit längst zugrunde gegangen, die besten und
weisesten der Männer darunter wie die schönsten und holdesten der Frauen.
Mit Aufstellungen wie dieser findet die Psychoanalyse bei den Laien meist keinen Glauben. Man weist sie als Verleumdungen zurück, welche gegen die
Versicherungen des Bewußtseins nicht in Betracht kommen, und übersieht
geschickt die geringen Anzeichen, durch welche sich auch das Unbewußte dem
Bewußtsein zu verraten pflegt. Es ist darum am Platze darauf hinzuweisen, daß
viele Denker, die nicht von der Psychoanalyse beeinflußt sein konnten, die
Bereitschaft unserer stillen Gedanken, mit Hinwegsetzung über das Mordverbot
zu beseitigen, was uns im Wege steht, deutlich genug angeklagt haben. Ich wähle
hiefür ein einziges berühmt gewordenes Beispiel an Stelle vieler anderer:
Im »Père Goriot« spielt B a l z a c auf eine Stelle in den Werken J. J.
R o u s s e a u ' s an, in welcher dieser Autor den Leser fragt, was er wohl tun
würde, wenn er – ohne Paris zu verlassen und natürlich ohne entdeckt zu werden
– einen alten Mandarin in Peking durch einen bloßen Willensakt töten könnte,
dessen Ableben ihm einen großen Vorteil einbringen müßte. Er läßt erraten, daß
er das Leben dieses Würdenträgers für nicht sehr gesichert hält. »Tuer son
mandarin« ist dann sprichwörtlich worden für diese geheime Bereitschaft auch
der heutigen Menschen.
Es gibt auch eine ganze Anzahl von zynischen Witzen und Anekdoten, welche
nach derselben Richtung Zeugnis ablegen, wie z. B. die dem Ehemanne
zugeschriebene Äußerung: Wenn einer von uns beiden stirbt, übersiedle ich nach
Paris. Solche zynische Witze wären nicht möglich, wenn sie nicht eine
verleugnete Wahrheit mitzuteilen hätten, zu der man sich nicht bekennen darf,
wenn sie ernsthaft und unverhüllt ausgesprochen wird. Im Scherz darf man
bekanntlich sogar die Wahrheit sagen.
Wie für den Urmenschen, so ergibt sich auch für unser Unbewußtes ein Fall, in
dem die beiden entgegengesetzten Einstellungen gegen den Tod, die eine,
welche ihn als Lebensvernichtung anerkennt, und die andere, die ihn als
unwirklich verleugnet, zusammenstoßen und in Konflikt geraten. Und dieser Fall
ist der nämliche wie in der Urzeit, der Tod oder die Todesgefahr eines unserer
Lieben, eines Eltern- oder Gattenteils, eines Geschwisters, Kindes oder lieben
Freundes. Diese Lieben sind uns einerseits ein innerer Besitz, Bestandteile
unseres eigenen Ichs, anderseits aber auch teilweise Fremde, ja Feinde. Den
zärtlichsten und innigsten unserer Liebesbeziehungen hängt mit Ausnahme ganz
weniger Situationen ein Stückchen Feindseligkeit an, welches den unbewußten
Todeswunsch anregen kann. Aus diesem Ambivalenzkonflikt geht aber nicht wie
dereinst die Seelenlehre und die Ethik hervor, sondern die Neurose, die uns tiefe
Einblicke auch in das normale Seelenleben gestattet. Wie häufig haben die
psychoanalytisch behandelnden Ärzte mit dem Symptom der überzärtlichen Sorge um das Wohl der Angehörigen oder mit völlig unbegründeten
Selbstvorwürfen nach dem Tode einer geliebten Person zu tun gehabt. Das
Studium dieser Vorfälle hat ihnen über die Verbreitung und Bedeutung der
unbewußten Todeswünsche keinen Zweifel gelassen.
Der Laie empfindet ein außerordentliches Grauen vor dieser Gefühlsmöglichkeit
und nimmt diese Abneigung als legitimen Grund zum Unglauben gegen die
Behauptungen der Psychoanalyse. Ich meine mit Unrecht. Es wird keine
Herabsetzung unseres Liebeslebens beabsichtigt, und es liegt auch keine solche
vor. Unserem Verständnis wie unserer Empfindung liegt es freilich ferne, Liebe
und Haß in solcher Weise miteinander zu verkoppeln, aber indem die Natur mit
diesem Gegensatzpaar arbeitet, bringt sie es zustande, die Liebe immer wach
und frisch zu erhalten, um sie gegen den hinter ihr lauernden Haß zu versichern.
Man darf sagen, die schönsten Entfaltungen unseres Liebeslebens danken wir
der R e a k t i o n gegen den feindseligen Impuls, den wir in unserer Brust
verspüren.
Resümieren wir nun: unser Unbewußtes ist gegen die Vorstellung des eigenen
Todes ebenso unzugänglich, gegen den Fremden ebenso mordlustig, gegen die
geliebte Person ebenso zwiespältig (ambivalent) wie der Mensch der Urzeit. Wie
weit haben wir uns aber in der konventionell-kulturellen Einstellung gegen den
Tod von diesem Urzustand entfernt!
Es ist leicht zu sagen, wie der Krieg in diese Entzweiung eingreift. Er streift uns
die späteren Kulturauflagerungen ab und läßt den Urmenschen in uns wieder
zum Vorschein kommen. Er zwingt uns wieder, Helden zu sein, die an den
eigenen Tod nicht glauben können; er bezeichnet uns die Fremden als Feinde,
deren Tod man herbeiführen oder herbeiwünschen soll; er rät uns, uns über den
Tod geliebter Personen hinwegzusetzen. Der Krieg ist aber nicht abzuschaffen;
solange die Existenzbedingungen der Völker so verschieden und die
Abstoßungen unter ihnen so heftig sind, wird es Kriege geben müssen. Da erhebt
sich denn die Frage: Sollen wir nicht diejenigen sein, die nachgeben und sich
ihm anpassen? Sollen wir nicht zugestehen, daß wir mit unserer kulturellen
Einstellung zum Tode psychologisch wieder einmal über unseren Stand gelebt
haben, und vielmehr umkehren und die Wahrheit fatieren? Wäre es nicht besser,
dem Tod den Platz in der Wirklichkeit und in unseren Gedanken einzuräumen,
der ihm gebührt, und unsere unbewußte Einstellung zum Tode, die wir bisher so
sorgfältig unterdrückt haben, ein wenig mehr hervorzukehren? Es scheine das
keine Höherleistung zu sein, eher ein Rückschritt in manchen Stücken, eine
Regression, aber es hat den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder erträglicher zu machen. Das Leben zu ertragen, bleibt
ja doch die erste Pflicht aller Lebenden. Die Illusion wird wertlos, wenn sie uns
darin stört.
Wir erinnern uns des alten Spruches:
S i v i s p a c e m , p a r a b e l l u m .
(Wenn du den Frieden erhalten willst, so rüste zum Krieg.)
Es wäre zeitgemäß ihn abzuändern:
S i v i s v i t a m , p a r a m o r t e m .
(Wenn du das Leben aushalten willst, richte dich auf den Tod ein.)
[1] Vgl. diese Zeitschr. Bd. II. 1913. (Die infantile Wiederkehr des
Totemismus.)
[2] Siehe diese Zeitschr. Bd. I. 1912, Tabu und Ambivalenz. Und
»T o t e m und T a b u«.
[3] S. diese Zeitschr., Bd. II. l. c.
[4] Vgl. die glänzende Argumentation von F r a z e r in dieser Zeitschr.,
Bd. III. p. 377.
[5] Vgl. über »Allmacht der Gedanken« in dieser Zeitschr., Bd. III. 1913.
End of Project Gutenberg's Zeitgemäßes über Krieg und Tod, by Sigmund Freud
Sie haben Zeitgemäßes über Krieg und Tod zu Ende gelesen
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org
For additional contact information:
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