Das Haidedorf

Adalbert Stifter · Kapitel 1 von 8

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Das Haidedorf

Kapitel I

The two volumes of which "Das Haidedorf" forms a small part are entitled

"Studien." In an English translation of extracts from Stifter this is rendered by

"Sketches." Far from being sketches, they are exquisite studies carefully finished

by a master hand. It may be said without exaggeration that the following

beautiful prose-idyl will suggest to a sensitive and appreciative mind a

succession of pictures destined to remain as permanent possessions of art. And,

when it is added that the style is simple and modern, no further apology need be

made for this publication, save this, that the "Studien" have not, as far as I have

been able to gather, been reprinted singly.

 

Stifter's life, like his writings, was idyllic. He was appointed in 1846 to one of

the higher educational posts by the Austrian government, and took up his

residence in Linz. This post he had to resign in 1856, owing to impaired health.

His remaining years were spent in happy retirement, given to literary work,

landscape-painting and his favorite pastime of horticulture. Adalbert Stifter died

at Linz, Austria ob der Enns, January 28th, 1868.

 

OTTO HELLER.

 

Philadelphia, February, 1891.

 

N.B. The orthography of this edition is that used in the original edition of the

"Studien."

 

I.

 

DIE HAIDE.

 

Im eigentlichen Sinne des Wortes ist es nicht eine Haide, wohin ich den lieben

Leser und Zuhörer führen will, sondern weit von unserer Stadt ein traurig

liebliches Fleckchen [1] Landes, das sie die Haide nennen, weil seit

unvordenklichen Zeiten [2] nur kurzes Gras darauf wuchs, hie und da ein Stamm

Haideföhre, [3] oder die Krüppelbirke, an deren Rinde zuweilen ein

Wollflöckchen hing, von den wenigen Schafen und Ziegen, die zeitweise [4] hier

herumgingen. Ferner war noch in ziemlicher Verbreitung die Wachholderstaude

[5] da, im Weitern [6] aber kein andrer Schmuck mehr; man müßte nur [7] die

fernen Berge hierher rechnen, die ein wunderschönes blaues Band um das

mattfarbige Gelände [8] zogen.

Wie es aber des Oeftern [9] geht, daß tiefsinnige Menschen, oder solche, denen

die Natur allerlei wunderliche Dichtung und seltsame Gefühle in das Herz

gepflanzt hatte, gerade solche Orte aussuchen und liebgewinnen, weil sie da

ihren Träumen und innerem Klingklang nachgehen können: so geschah es auch

auf diesem Haideflecke. Mit den Ziegen und Schafen nämlich kam auch sehr oft

ein schwarzäugiger Bube von zehn oder zwölf Jahren, eigentlich [10] um

dieselben zu hüten; aber wenn sich die Thiere zerstreuten--die Schafe um das

kurze würzige Gras zu genießen, die Ziegen hingegen, für die im Grunde [11]

kein passendes Futter da war, mehr ihren Betrachtungen und der reinen Luft

überlassen, nur so gelegentlich den einen oder andern weichen Sprossen

pflückend--fing er inzwischen an, Bekanntschaft mit den allerlei Wesen zu

machen, welche die Haide hegte [12], und schloß mit ihnen Bündniß und

Freundschaft.

 

Es war da ein etwas erhabener Punkt, an dem sich das graue Gestein, auch ein

Mitbesitzer [13] der Haide, reichlicher vorfand, und sich gleichsam emporschob,

ja sogar am Gipfel mit einer überhängenden Platte ein Obdach und eine

Rednerbühne bildete. Auch der Wachholder drängte sich dichter an diesem Orte,

sich breit machend in vielzweigiger Abstammung [14] und Sippschaft [15] nebst

manch schönblumiger Distel. Bäume aber waren gerade hier weit und breit

keine, weßhalb eben die Aussicht weit schöner war, als an andern Punkten,

vorzüglich gegen Süden, wo das ferne Moorland, so ungesund für seine

Bewohner, so schön für das entfernte Äuge, blauduftig [16] hinausschwamm in

allen Abstufungen der Ferne. Man hieß den Ort den Roßberg [17]; aus welchen

Gründen, ist unbekannt, da hier nie seit Menschenbesinnen ein Pferd ging, was

überhaupt [18] ein für die Haide zu kostbares Gut gewesen wäre.

 

Nach diesem Punkte nun [19] wanderte unser kleiner Freund am allerliebsten,

wenn auch seine Pflegebefohlenen [20] weit ab in ihren Berufsgeschäften

gingen, da er aus Erfahrung wußte, daß keines die Gesellschaft verließ, und er

sie am Ende alle wieder vereint fand, wie weit er auch nach ihnen suchen mußte;

ja, das Suchen war ihm selber abenteuerlich, vorzüglich, wenn er weit und breit

wandern mußte. Auf dem Hügel des Roßberges gründete er sein Reich. Unter

dem überhängenden Blocke bildete er nach und nach durch manche Zuthat, [21]

und durch mühevolles, mit spitzen Steinen bewerkstelligtes [22] Weghämmern

einen Sitz, anfangs für Einen, dann füglich für Drei geräumig [23] genug; auch

ein und das andere Fach [24] wurde vorgefunden oder hergerichtet, oder andere

bequeme Stellen und Winkel, wohin er seinen leinenen Haidesack legte, und sein

Brot, und die unzähligen Haideschätze, die er oft hieher zusammen trug. Gesellschaft war im Uebermaße da. Vorerst [25] die vielen großen Blöcke, die

seine Burg bildeten, ihm alle bekannt und benannt, jeder anders an Farbe und

Gesichtsbildung, der unzähligen kleinen gar nicht zu gedenken, die oft noch

bunter und farbenfeuriger waren. Die großen theilte er ein, je nachdem sie ihn

durch Abenteuerlichkeit entzückten, oder durch Gemeinheit ärgerten: die kleinen

liebte er alle. Dann war der Wachholder, ein widerspenstiger [26] Geselle,

unüberwindlich zähe in seinen Gliedern, wenn er einen köstlichen,

wohlriechenden Hirtenstab sollte fahren lassen, [27] oder Platz machen für einen

anzulegenden [28] Weg;--seine Aeste starrten [29] rings von Nadeln, strotzten

[30] aber auch in allen Zweigen von Gaben der Ehre, die sie Jahr aus Jahr ein

den reichlichen Haidegästen auftischten, [31] die millionenmal Millionen blauer

und grüner Beeren. Dann waren die wundersamen Haideblümchen, glutfärbig

oder himmelblau brennend, zwischen dem sonnigen Gras des Gesteines, oder

jene unzählbaren kleinen, zwischen dem Wachholder sprossend, die ein weißes

Schnäbelchen aussperren, mit einem gelben Zünglein darinnen--auch manche

Erdbeere war hie und da, selbst zwei Himbeersträuche, und sogar, zwischen den

Steinen emporwachsend, eine lange Haselruthe. Böse Gesellschaft fehlte wohl

[32] auch nicht, die er vom Vater gar wohl kannte, wenn sie auch schön war, z.

B. hie und da, aber sparsam, die Einbeeren, [33] die er nur schonte, weil sie so

glänzend schwarz waren, so schwarz, wie gar nichts auf der ganzen Haide, seine

Augen ausgenommen, die er freilich [34] nicht sehen konnte.

 

Fast sollte man von der lebenden und bewegenden Gesellschaft nun gar nicht

mehr reden, so viel ist schon da; aber diese Gesellschaft ist erst vollends

ausgezeichnet. Ich will von den tausend und tausend goldenen, rubinenen,

smaragdenen Thierchen und Würmchen gar nichts sagen, die auf Stein, Gras und

Halm kletterten, rannten und arbeiteten, weil er von Gold, Rubinen und

Smaragden noch nichts sah, außer was der Himmel und die Haide zuweilen

zeigte;--aber von Anderem muß gesprochen werden. Da war einer seiner

Günstlinge, ein schnarrender [35] purpurflügliger Springer, [36] der

dutzendweise vor ihm aufflog, und sich wieder hinsetzte, wenn er eben seine

Gebiete durchreiste--da waren dessen unzählbare Vettern, die größern und

kleinern Heuschrecken, in mißfarbiges Grün gekleidete Heiduken, [37] lustig

und rastlos zirpend [38] und schleifend, [39] daß an Sonnentagen ein zitterndes

Gesinge [40] längs der ganzen Haide war,--dann waren die Schnecken mit und

ohne Häuser, braune und gestreifte, gewölbte und platte, und sie zogen silberne

Straßen über das Haidegras, oder über seinen Filzhut, auf den er sie gerne setzte-

-dann die Fliegen, summende, singende, piepende, blaue, grüne, glasflüglige--

dann die Hummel, die schläfrig vorbeiläutete [41]--die Schmetterlinge, besonders ein kleiner mit himmelblauen Flügeln, auf der Kehrseite [42]

silbergrau mit gar anmuthigen Aeuglein, dann noch ein kleinerer mit Flügeln,

wie eitel [43] Abendröthe--dann endlich war die Ammer, und sang an vielen

Stellen; die Goldammer, das Rotkehlchen, die Haidelerche, daß von ihr oft der

ganze Himmel voll Kirchenmusik hing; der Distelfink, die Grasmücke, der

Kibitz, und andere und wieder andere. Alle ihre Nester lagen in seiner

Monarchie, und wurden ausgesucht und beschützt. Auch manch rothes

Feldmäuschen sah er schlüpfen [44] und schonte sein, wenn es plötzlich stille

hielt, und ihn mit den glänzenden erschrockenen Aeuglein ansah. Von Wölfen

oder andern gefährlichen Bösewichtern war seit Urzeiten [45] aller seiner

Vorfahren keiner erlebt worden, [46] manches eiersaufende [47] Wiesel

ausgenommen, das er aber mit Feuer und Schwert verfolgte.

 

Inmitten all dieser Herrlichkeiten stand er, oder ging, oder sprang, oder saß er--

ein herrlicher Sohn der Haide: aus dem tiefbraunen Gesichtchen voll Güte und

Klugheit leuchteten in blitzendem, unbewußtem Glanze die pechschwarzen

Augen, voll Liebe und Kühnheit, und reichlich zeigend jenes gefahrvolle

Element, was ihm geworden [48] und in der Haideeinsamkeit zu sprossen

begann, eine dunkle glutensprühige Fantasie. Um die Stirne war eine Wildniß

dunkelbrauner Haare, kunstlos den Winden der Fläche hingegeben. Wenn es mir

erlaubt wäre, so würde ich meinen Liebling vergleich en mit jenem

Hirtenknaben aus den heiligen Büchern, der auch auf der Haide vor Bethlehem

sein Herz fand, und seinen Gott, und die Träume der künftigen Königsgröße.

Aber so ganz arm, wie unser kleiner Freund, war jener Hirtenknabe gewiß nicht;

denn des ganzen lieben Tages Länge hatte er nichts, als ein tüchtig Stück

schwarzen Brotes, wovon er unbegreiflicher Weise [49] seinen blühenden

Körper und den noch blühendern Geist nährte, und ein klares kühles Wasser, das

unweit des Roßberges vorquoll, [50] ein Brünnlein füllte, und dann flink längs

der Haide forteilte, um mit andern Schwestern vereint jenem fernen Moore

zuzugehen, dessen wir oben gedachten. Zu g u t e n Zeiten waren auch ein oder

zwei Ziegenkäse in der Tasche. Aber ein Nahrungsmittel hatte er in einer Güte

und Fülle, wie es der überreichste Städter nicht aufweisen kann, einen ganzen

Ozean der heilsamsten Luft u m sich, und eine Farbe und Gesundheit reifende

Lichthülle ü b e r sich. Abends, wenn er heim kam, wohin er sehr weit hatte,

kochte ihm die Mutter eine Milchsuppe, oder einen köstlichen Brei aus Hirse.

[51] Sein Kleid war ein halbgebleichtes Linnen. Weiter hatte er noch einen

breiten Filzhut, den er aber selten aufthat, sondern meistens in seinem Schlosse

an einen Holznagel hing, der er in die Felsenritze geschlagen hatte.

Dennoch war er stets lustig, und wußte sich oft nicht zu halten vor Frohsinn. Von

seinem Königssitze aus herrschte er über die Haide. Theils durchzog er sie weit

und breit, theils saß er hoch oben auf der Platte oder Rednerbühne, und so weit

das Auge gehen konnte, so weit ging die Fantasie mit, oder sie ging noch weiter,

und überspann die ganze Fernsicht mit einem Fadennetze von Gedanken und

Einbildungen, und je länger er saß, desto dichter kamen sie, so daß er oft am

Ende selbst ohnmächtig unter dem Netze steckte. Furcht der Einsamkeit kannte

er nicht; ja, wenn recht weit und breit kein menschliches Wesen zu erspähen war,

und nichts, als die heiße Mittagsluft längs der ganzen Haide zitterte, dann kam

erst recht das ganze Gewimmel seiner innern Gestalten daher; [52] und

bevölkerte die Haide. Nicht selten stieg er dann auf die Steinplatte, und hielt

sofort eine Predigt und Rede--unten standen die Könige und Richter, und das

Volk und die Heerführer, und Kinder und Kindeskinder, zahlreich, wie der Sand

am Meere; er predigte Buße und Bekehrung--und Alle lauschten auf ihn; er

beschrieb ihnen das gelobte Land, verhieß, daß sie Heldenthaten thun würden,

und wünschte zuletzt nichts sehnlicher, als daß er auch noch ein Wunder zu

wirken vermöchte. Dann stieg er hernieder und führte sie an, in die fernsten und

entlegensten Theile der Haide, wohin er wohl eine Viertelstunde zu gehen hatte--

zeigte ihnen nun das ganze Land der Väter, und nahm es ein mit der Schärfe des

Schwertes. Dann wurde es unter die Stämme ausgetheilt, und jedem das Seinige

zur Vertheidigung angewiesen.

 

Oder er baute Babilon, eine furchtbare und weitläufige Stadt--er baute sie aus

den kleinen Steinen des Roßberges, und verkündete den Heuschrecken und

Käfern, daß hier ein gewaltiges Reich entstehe, das Niemand überwinden kann,

als Cyrus, der morgen oder übermorgen kommen werde, den gottlosen König

Balsazar zu züchtigen, wie es ja Daniel längst vorher gesagt hat.

 

Oder er grub den Jordan ab, d. i. den Bach, der von der Quelle floß, und leitete

ihn anderer Wege--oder er that das alles nicht, sondern entschlief auf der offenen

Fläche, und ließ über sich einen bunten Teppich der Träume weben. Die Sonne

sah ihn an, und lockte auf die schlummernden Wangen eine Röthe, so schön und

so gesund, wie an gezeitigten Aepfeln, oder so reif, und kräftig, wie an der

Lichtseite vollkörniger Haselnüsse, und wenn sie endlich gar die hellen großen

Tropfen auf seine Stirne gezogen hatte, dann erbarmte ihr der Knabe [53] und sie

weckte ihn mit einem heißen Kusse.

 

So lebte er nun manchen Tag und manches Jahr auf der Haide, und wurde größer

und stärker, und in das Herz kamen tiefere, dunklere und stillere Gewalten, und es ward ihm wehe und sehnsüchtig--und er wußte nicht, wie ihm geschah. Seine